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Der Ring

Laurids Bruun: Der Ring - Kapitel 18
Quellenangabe
authorLaurids Bruun
titleDer Ring
publisherJ. Engelhorns Nachf.
year1929
translatorn.n.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180118
projectide9d5e370
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XVII

Sie erwachten dadurch, daß der Ruf eines Zeitungsjungen am frühen Morgen zu ihnen heraufdrang: » Il miracolo!« schrie er mit bereits heiserer Stimme, » Messaggero – Il miracolo di Madonna!«

Viktor sprang auf und sah aus dem Fenster.

Die Leute rissen dem Jungen die Zeitungen aus der Hand, er mußte seinen Haufen beschützen, während er fortfuhr zu rufen. Kurz darauf hatte er ausverkauft und war um die Ecke verschwunden, um sich neuen Vorrat zu holen.

Es war schon spät, als sie gefrühstückt hatten, sie mußten sich eilen, um rechtzeitig an der Kirche von Sant' Agostino zu sein.

Als sie die Treppe erreichten, war die Uhr fünf Minuten nach neun.

Zu ihrem Erstaunen war die Treppe und der Absatz mit Kirchenbesuchern überfüllt.

Obgleich Viktor die meisten überragte, entdeckte er Lucchetti doch erst, als sie auf dem Absatz standen; er sah ihn in einer Ecke neben der Balustrade sitzen, zusammengesunken, als ob er schliefe. Viktor dachte, ob er wohl die ganze Nacht in dieser unbequemen Lage verbracht habe?

Als Lucchetti sie sah, sprang er schnell auf und drückte ihnen die Hand.

Er sah Teresa erstaunt an, als ob eine Veränderung mit ihr vorgegangen sei –

Aber auch er erschien sowohl Viktor wie Teresa als ein andrer –

»Kommt mit in die Kirche,« sagte er und faßte Teresa bei der Hand.

Die Kirche war überfüllt, es war nicht möglich, in die Nähe der Madonna zu gelangen, – jeder wollte ihren Fuß küssen und ihre Hand berühren. Mit geblendeten Augen starrten Männer und Frauen das Wunder an –

»Was ist denn geschehen?« fragte Viktor einen jungen Mann neben sich.

»Können Sie den Ring der Madonna nicht sehen?« fragte der junge Mann strahlenden Auges –

An dem dritten Finger der rechten Hand sah Viktor einen großen Ring, – eine Perle zwischen zwei Saphiren, worin der Lichtschein der vielen Kerzen sich sammelte und wie ein Segen über die Betenden zurückstrahlte.

Auch Teresa hatte die Leute von einem Ring flüstern hören und gesehen, wie alle sich bemühten, den Finger der Madonna zu berühren. Ihr Blick suchte ihn – und sie faßte Viktor am Arm:

»Mein Ring!«

Im selben Augenblick aber zog Lucchetti sie mit sich. »Kommt,« sagte er.

Als sie draußen vor der Kirche standen, forderte Viktor Lucchetti auf, mit ihnen ins Hotel zu kommen.

Er aber antwortete nicht, vielleicht hatte er Viktor wegen des Lärmes der Andrängenden nicht verstanden.

Da fiel Viktors Blick auf eine Zeitung, die jemand auf der Treppe hatte liegen lassen; er nahm sie auf, – als er sich aber wieder an Lucchetti wenden wollte, war dieser verschwunden.

Viktor nahm Teresas Arm, und nachdem sie sich endlich durch die Menge hindurchgedrängt hatten, las er vor, was in der Zeitung stand: »Ein Wunder ist geschehen! – Der Perlenring der Madonna, welcher vor ungefähr zwanzig Jahren gestohlen wurde, – eine Heiligenschändung, die nie aufgeklärt worden, – ist wieder da!

»Als der Sakristan heute in der Frühe in die Kirche kam, wurde sein Auge durch einen ungewohnten Blitz von der Statue der Madonna angezogen; der Mann hat sie fast ein Menschenalter betreut und kennt jeden Reflex des heiligen Schmuckes.

»Er prüft die Statue genauer und was findet er? – Den Perlenring der Madonna, dessen er sich noch genau aus früheren Tagen erinnert! – Der Ring blitzt wieder an dem Finger, von dem er geraubt worden war!

»Was Menschenaugen nicht sehen können, das hat das Auge der Madonna erblickt. – Eine Not hat sie gesehen – eine Bitte hat sie gehört und ihren Ring auf Wanderung geschickt um Gnade zu wirken, – und jetzt, nach vollbrachtem Werk, ihn wieder zu sich genommen.

»Madonna befahl – ein Wunder geschah! – Das war der Glaube unsrer Väter, – und wir modernen Menschen täten gut daran, diesen Glauben zu bewahren!«

Schweigend gingen Viktor und Teresa nebeneinander; schließlich blieb Teresa stehen und sagte: »Du sahst doch, daß ich ihm gestern abend den Ring gab?«

Viktor nickte nachdenklich.

   

Als sie das Hotel erreichten, wartete Lucchetti schon auf sie und ging mit auf Viktors Zimmer.

Durch das offenstehende Fenster strömte die Sonne herein; Lucchetti trat ans Fenster und blickte auf den Platz herab, wo die Wasserstrahlen des Springbrunnens in der Sonne blitzten.

So stand er eine Weile, ohne sich zu rühren. Plötzlich aber drehte er sich zu ihnen um und sagte mit bewegter Stimme: »Ich habe das Werk vollbracht, – habe deinen Ring der Madonna zurückgegeben, der ich ihn vor zwanzig Jahren nahm, um deine Mutter zu trösten, – sie war verzweifelt, weil ihr Kind keinen Vater hatte. – Die Seele der armen Marietta hat jetzt Frieden.«

Er beugte den Kopf und bekreuzigte sich.

Teresas Gedanken schweiften zu ihrer frühesten Kindheit zurück: »Ich erinnere mich ihrer Augen und Stimme,« sagte sie, und bekreuzigte sich vor Stirn und Mund und Brust, die Augen voll Tränen.

Lucchettis Blick ruhte auf ihr, – er suchte in ihrem Gesicht die Züge der Mutter –

»Ich war ihr Freund und Spielkamerad« – begann er – »Wenn mein Onkel mit seinen Weinfässern zur Stadt fuhr, saß ich rittlings auf einem Faß. Wir besuchten den Gemüsehändler auf der Ripetta, – er war meines Onkels Freund, und es war bestimmt worden, daß Marietta und ich uns heiraten sollten, wenn wir groß waren.

»Ich war ein wilder Junge aus der Campagna, – und Marietta wollte nichts von mir wissen, als sie erwachsen war. Aus Trotz vermied ich sie und ging meine eigenen Wege, – doch vergessen konnte ich sie nicht.

»Sie wurde von einem Fremden, einem Maler, verführt. Ich begegnete ihr eines Tages auf der Straße und sah, wie es um sie stand. Sie war verzweifelt, – ihre Eltern verboten ihr jeden Verkehr mit dem Vater des Kindes – dem Protestanten; weder Stütze noch Geld durfte sie von ihm nehmen, – und das Kind sollte in einer Entbindungsanstalt zur Welt kommen.

»Da ging ich mit ihr zu Sant' Agostino; zusammen wollten wir Madonna um eine glückliche Entbindung bitten. – Wir zündeten für dich, Teresa, eine Wachskerze an, bevor du geboren warst.

»Sie aber war noch immer verzweifelt. Sie sei eine große Sünderin, sagte sie, denn der Vater des Kindes war Protestant, und ihrem Kinde würde es sicher schlecht im Leben ergehen, wenn ihm nicht von Madonna eine besondre Gnade erwiesen würde.

»Da kam mir der Gedanke, daß ich zur Nachtzeit den Ring der Madonna mit der Perle stehlen wollte, damit Marietta ihn dem unschuldigen Kinde, zum Schutze gegen böse Blicke, um den Hals hängen konnte.

»Und so geschah es. Ich brachte deiner Mutter den Ring, als du in der Anstalt zur Welt gekommen warst.

»Sie erkannte ihn nicht, – ich aber sagte ihr, ich hätte ihn gekauft und von einem Bischof weihen lassen. Sie sollte ihn dem Kinde um den Hals hängen, doch dürfe sie ihn niemanden zeigen. Dann würde das Auge der Madonna auf dem Kinde ruhen und ihm Glück bringen.

»Es war mein letzter Tag in Rom. Allerhand tolle Streiche hatte ich auf dem Gewissen, – mein Onkel wollte mich nicht länger behalten.

»Ich kehrte nach Korsika zurück, und als der Nachbar meiner Eltern mir ein Mädchen nahm, das ich mir ausgesucht hatte, erschoß ich ihn, entfloh in die Berge und habe dort seitdem als Bandit gelebt.«

Lucchetti hatte unwillkürlich die Stimme gesenkt, jetzt stand er einen Augenblick schweigend, mit gesenktem Kopfe, als ob es ihm vor den Augen schwindelte. Dann aber nahm er sich zusammen, sein Kopf hob sich, seine Brust atmete freier, – er breitete seine Arme aus und rief:

»Madonna hat mir vergeben! – Alfonso Lucchetti existiert nicht mehr, – ich bin Benedetto Ferro, – so hieß mein Onkel, – und Ferro ist von nun an wie ehemals Padrone in der Osteria an der Straße von Casilina, die ich rückgekauft habe« – –

Als Lucchetti Mariettas Namen nannte, hatte Viktor aufgehorcht: Kindheitserinnerungen strömten auf ihn ein, – er sah vor sich das kleine Mädchen mit den tiefliegenden Augen in dem schmalen Gesicht, dem reinen Profil und dem scheuen und doch schelmischen Blick, – er sah die Fünfzehnjährige, die in Onkel Hansis Küche gestanden und errötend » buon giorno, signorino« gesagt hatte, – er sah die Marietta, die Onkel Hansi Modell stand –

Er erinnerte sich der kleinen lebensvollen Skizze, die über Marquards Bett gehangen und die jetzt in seinem Koffer lag.

Lucchetti will ich das Bild nicht zeigen, dachte er, wer weiß, wie es auf ihn wirkt, wenn er erfährt, daß der Fremde, der Protestant, mein Pflegevater war. Teresa aber soll es sehen, wenn wir verheiratet sind –

Lucchetti war wieder an das offene Fenster getreten. Viktor legte ihm die Hand auf die Schulter:

»Sagen Sie mir, Freund Benedetto, was wird auf Korsika geschehen, wenn man erfährt, daß Lucchetti geflohen ist?«

»Lucchetti ist nicht geflohen!«

Er zog eine zerknitterte Zeitung aus der Tasche und reichte sie Viktor –

Viktor las, – es war eine Zeitung aus Ajaccio.

»Heute morgen um vier Uhr ist Alfonso Lucchetti – unser berühmter und gefürchteter Räuber von Korsika – aus einem Hinterhalt von Gendarmen erschossen worden. Unser neuer Gendarmerieoberst hat persönlich den Angriff geleitet –«

Viktor sah Lucchetti fragend an.

»Die Sache hat ihre Richtigkeit!« versicherte er. »Ich sagte Ihnen ja schon, daß ich den Oberst kannte, den Lacombe verschrieben hatte. Ich ließ ihn wissen, daß ich meines Amtes müde wäre, – ich sei nicht mehr jung genug, um der blinden und langsam arbeitenden Justiz ein sehender und schnell handelnder Vertreter zu sein! – Ich hätte die Absicht, die Insel zu verlassen, um nie zurückzukehren.

»Ich schlug ihm vor, zu meiner Auslöschung beizutragen, so daß sie vollkommen würde. Da ich viele Jahre der Gendarmerie das Leben verbittert, – manchem guten Jungen sogar das Leben gekostet hatte, – so sei es nicht mehr als billig, daß die dreißigtausend Frank, die der Staat auf meinen Kopf ausgesetzt hatte, der Gendarmerie zugute kommen würden, – obgleich sie durch meine freiwillige Selbstaufgabe eigentlich mir selbst zufallen müßten. – Darauf ging er ein.«

Viktor mußte lachen.

»Aber,« sagte er, »es gibt doch etwas, was Leichenschau heißt. Jedenfalls müßte doch jemand begraben werden.«

»Walthers Leiche wurde statt meiner begraben. Es wurde eine kleine Komödie aufgeführt; in der Macchia, an derselben Stelle, wo ich Walther erschossen hatte, wurde ein Mann mit Samtjacke und breitkrempigen Hut von Gendarmen gefunden, die vom Festlande mit dem neuen Oberst herüber bestellt waren und den Lucchetti nie gesehen hatten. Doktor Manot, der eingeweiht war, kam gerade vorbei und wurde von dem Oberst zur Leichenschau beordert, der Oberst gab vor, zu befürchten, daß die Bevölkerung sich bei der Konfrontierung mit dem Leichnam des populären Räubers aufregen würde, – weshalb Alfonso Lucchetti schon am nächsten Tage, im Beisein von nur dem Präfekten und dem Oberst begraben wurde.

Lucchetti richtete seinen Kopf stolz auf: »Es ist vielleicht meine größte Tat, daß ich die Welt von einem echten Banditen – im Sinne des Wortes, wie ich weiß, daß es im Ausland gebraucht wird, – ich meine Walther – befreit habe, den die bürgerliche Justiz nicht unschädlich machen konnte, weil sie zu blind und er zu scharfsichtig war.

»Mir aber ist geweissagt worden, daß, wenn ich mal die Welt von einem Teufel in Menschengestalt befreite, dann würde mir, wie meinem Vorgänger Bellacoscia, ein friedliches Ende zuteil werden.«

 

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