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Der Ring

Laurids Bruun: Der Ring - Kapitel 13
Quellenangabe
authorLaurids Bruun
titleDer Ring
publisherJ. Engelhorns Nachf.
year1929
translatorn.n.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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XII

Fast vierzehn Tage waren seit dem Morgen vergangen, an dem Flora, ihr Mann und Teresa in Henry Farhams Rolls Royce in die Berge fuhren.

Selbigen Tages fiel Mrs. Farham im Garten in Ohnmacht, als sie gleich nach dem Lunch von dem Geschäftsführer den Bescheid entgegengenommen hatte, daß das bestellte Telephongespräch mit ihrem Sohn nicht stattfinden könnte, weil weder er noch die andern im Hotel von Vizzavona angekommen seien, wo sie bereits seit drei Stunden erwartet würden.

Der alte Farham hatte sofort ein Auto bestellt und Viktor und den Geschäftsführer gebeten, ihn bei seinen Nachforschungen zu begleiten.

Sie erreichten nichts. Dagegen kam abends ein Bescheid zum Hotel, daß das große Auto in einer verborgenen Schlucht des Bocognano, mitten im Kastanienwald gefunden worden sei.

Um eine Panne schien es sich nicht zu handeln, denn abgesehen von einigen Schrammen, die davon zeugten, daß der Wagen durch das dichte Gestrüpp der Macchia gefahren war, hatte die Maschine keinen Schaden aufzuweisen.

Auch Gewalt schien nicht ausgeübt worden zu sein; allerdings stand der Wagen zwischen zwei Felsen festgeklemmt, wo er mit berechnender Führerhand hineingefahren zu sein schien, denn er war ganz unbeschädigt. Der Wagen aber war vollkommen entleert.

Nach all diesem war es offenbar, daß es sich um einen Überfall und um eine Entführung handelte.

Der Präfekt war äußerst erstaunt. Denn bisher war es noch nie vorgekommen, daß Lucchetti – denn nur er konnte auf der Insel solchen Streich ausführen – einen räuberischen Überfall auf Reisende gemacht hatte, um ein Lösegeld zu erpressen.

Die Bewohnerschaft der Stadt und Umgebung verurteilte den Streich aufs entschiedenste und benutzte jede Gelegenheit, um sich vom Verdacht reinzuwaschen. Schließlich nahm man an, da es sich hier ja unmöglich um einen Fall von Vendetta handeln konnte, daß der Reichtum des exzentrischen Amerikaners, dessen Lustyacht im Hafen prangte, und dessen Kauf des Unterseebootes allgemein bekannt war, den ungekrönten König der Macchia über seine Kraft gelockt hatte.

Der Geschäftsführer beruhigte Mrs. Farham, indem er sie versicherte, daß ihrem Sohn kein Leid geschehen sei, der Bandit würde sich sicher in einigen Tagen melden und eine Lösesumme fordern.

Der alte Farham war außer sich und lief dem Präfekten die Tür ein; er telegraphierte an die Gesandtschaft und an das Justizministerium in Paris – die Sache machte ihren Weg durch die Presse der ganzen Welt – er telegraphierte an die »International Detection«, und schwur, daß er den Banditen keinen Dollar zahlen würde, dagegen setzte er fünfzigtausend Dollar für den aus, der ihm seinen Sohn heil zurückbringen, und hunderttausend für den, der Lucchetti tot oder lebendig herbeischaffen würde.

Lacombe ging wie in einem Rausch, mit großen runden Augen umher, bis in die Tiefe seines geldgierigen Herzens von den großen Zahlen geblendet.

Aber die Tage vergingen, und es kam keine Botschaft von Lucchetti, noch sonst eine Aufklärung.

Was es auf der Insel an Gendarmerie und Polizei gab, wurde aufgeboten. Wohin man kam, in Stadt und Land, nirgends wurde von etwas anderm gesprochen.

Leute, die zu Lucchettis weit verzweigtem Geschlecht gehörten und als seine Anhänger bekannt waren, hielten sich klüglich zu Hause. Arme Leute, die sich mit der Obrigkeit nicht gut standen, waren spurlos von der Erdoberfläche verschwunden. Aber auch die eingeborenen Gendarmen, denen man auf der Präfektur aus bestimmten Gründen nicht recht traute, fühlten sich nicht sicher. Auf der einen Seite fürchteten sie Abschied oder Versetzung von ihrer geliebten Insel, auf der andern zitterten sie vor Lucchettis Rache. Auf ihren einsamen Wachtposten meinten sie Büchsenläufe aus allen Felsenspalten auf sich gerichtet zu sehen.

Nachdem die erste Woche vergangen war, ohne daß sich eine Spur gezeigt hatte, begann die Bevölkerung in ihre gewohnte Gleichgültigkeit zurückzufallen, und da Mitte April bereits eine ungewöhnliche Hitze eintrat, erschlaffte auch die Obrigkeit.

Auf der Präfektur fand man den alten Farham, ziemlich beschwerlich, mit seinen energischen Forderungen; er trat auf, als ob er die Insel gekauft habe! Wie aber verhielt es sich mit seinem Ingenieur, der in die Berge geflüchtet war? Der Millionär behauptete ja selbst, daß dieser Hochstapler von einem Mexikaner, bei der Entführung seines Sohnes einen Finger mit im Spiel gehabt und Lucchetti veranlaßt habe, sich des Sohnes zu bemächtigen, um ihn wie eine Art Geisel zu behalten.

Auf der Präfektur aber war man ganz andrer Ansicht! – War es doch allgemein bekannt, daß mit dem alten Farham kein Auskommen war, – daß er sich auch mit seinem Sohn nicht gut stand. Wahrscheinlich war dieser nach einem Familienzwist auf und davongegangen, – wie Alasco – hatte seine zufällige Reisegesellschaft überredet, mit ihm das Auto zu verlassen und an Bord irgend eines Motorbootes zu gehen, das er irgendwo, zum Beispiel in der Bucht von Liscia, liegen hatte, – und jetzt saßen Henry Farham und Millners wahrscheinlich vergnügt unter falschen Namen in den Spielsälen von Monte Carlo, und würden erst von sich hören lassen, wenn ihnen das Geld ausgegangen war.

In Gegenwart von mehreren Angestellten hatte der Präfekt die Bemerkung fallen lassen, daß seine teure Insel zu gut sei, um Tummelplatz für die exzentrischen Einfälle amerikanischer Millionäre zu werden.

Sogar Lucchetti nahm er in Schutz, weil er es für unmöglich hielt, daß er sich solch gemeinen Raubüberfalles schuldig machte.

Die Presse begann die Sache humoristisch zu nehmen. Eine Pariser Boulevardzeitung forderte den Herrn Räuber auf, der sich des jungen Farhams bemächtigt hatte – wenn dieser nicht mit seiner Reisegesellschaft an irgend einem schönen Ort saß und sich königlich amüsierte – auch noch den alten Farham zu holen, damit man auf der schönen Insel endlich wieder Frieden bekäme! Der Amerikaner wäre ja schlimmer als der Ruhestörer Lucchetti!

   

Eines Tages erhielt Viktor einen Brief von dem jungen schwedischen Flieger Karl Florin, den er im Herbst vorigen Jahres in Genua kennen gelernt hatte.

Er schrieb, daß er in seiner Heimat und an andern Orten Fliegerkonkurrenzen mitgemacht und mit seinem Hydroplan viele Preise gewonnen, Geld verdient und es im Kasino von Nizza verdoppelt habe. Jetzt sei er des Glückspielens müde, – und da er erfahren habe, daß Viktor sich zurzeit in Ajaccio aufhielte, wollte er mit » Le Canard«, dem Enterich, wie sein Flugzeug hieß, zur Insel kommen, um mit ihm zusammenzusein. Die Unkosten wollte er dadurch decken, daß er Flugvorführungen gab und Flüge mit Passagieren machte, – nicht in Ajaccio, sondern in Bastia, der größten Stadt, dem Hafen- und Handelszentrum der Insel, wo die Verbindung mit Italien am bequemsten und die größte Teilnahme zu erwarten war.

Viktor hielt es für eine vortreffliche Idee und freute sich, den abenteuerlustigen, tollkühnen und ehrgeizigen Schweden wiederzusehen, der überall in südlichen Ländern durch seine Blondheit auffiel. Nicht nur, daß Haar und Brauen gelb, Hände und Gesicht von Sonnenbrand rötlich, die Augen vom hellsten Blau waren, – er unterstützte diese Blondheit noch durch seine Kleidung, an der alles weiß war, – von dem weißen, weichen Filzhut, der Hornbrille bis zu dem Elfenbeinknopf seines Spazierstockes. Wenn er hoch und schlank, mit federndem Gang dahinschritt, war er für alle sichtbar, wie ein weißer Wogenkamm, ein richtiger Wasserflieger.

Als er von Bastia kam, wohin er mit seinem Flugzeug geflogen war, und Viktor ihn am Bahnhof von Ajaccio im vollen Sonnenlicht abholte, staunte alles. Er blendete geradezu, und als sie zusammen zum Hotel gingen, zogen sie einen ganzen Schweif von Menschen hinter sich her.

Nicht nur seine Blondheit weckte Aufsehen, sondern auch seine langen, segelnden Bewegungen, denn trotz seiner nordischen Abstammung sprach er, wie ein echter Südländer, mit dem ganzen Körper, lachte und redete laut, blieb stehen, wenn etwas seine Aufmerksamkeit erregte, und schien das, was ihn interessierte, mit ausgebreiteten Armen an sich ziehen zu wollen.

Er wurde im Handumdrehen populär und vom ersten Augenblick an nicht anders als »der Weiße« genannt, als ob die Stadt im übrigen voll von Negern sei.

So populär war er, und die Bevölkerung so sehr auf die angekündigte Vorführung, die Viktor für ihn arrangiert hatte, gespannt, daß die Entführungsgeschichte in den Hintergrund trat und von einem Weltereignis zu einer Privatangelegenheit wurde, die außer die Beteiligten, höchstens noch die Polizei interessieren konnte.

*

Nachdem die Temperatur plötzlich so stark gestiegen war, begnügte Viktor sich nicht mehr mit seinen zeitigen Spaziergängen auf der Promenade des Pins, sondern hatte die Vereinbarung mit dem Fuhrmann getroffen, daß er ihm jeden Morgen um sieben Uhr ein Auto schicken sollte.

Der Chauffeur war derselbe tüchtige junge Korsikaner, der ihn schon früher gefahren hatte, – Paolo hieß er und sparte sich Geld zusammen für eine Reise nach San Franzisco, wo ein Onkel lebte.

Tags nachdem Florin angekommen war, machten sie zusammen den Morgenausflug.

Sie fuhren längs der Paratastraße, mit den Bergen auf der einen und der blauen Bucht auf der andern Seite, an der griechischen Kapelle und an korsikanischen Familiengräbern vorbei, die auf dem Felsenhang zwischen Gärten und Buschwerk verstreut lagen, an Scudo, mit dem herrlichen Park, der sich über Felsen bis an das Meer hinunterzog.

Nachdem sie die Fliegervorführung besprochen hatten – sie würde sich sicher wie ein Volksfest gestalten, und außer der Eisenbahn würde alles in Gebrauch genommen werden müssen, was es auf der Insel an Autos und andern Fuhrwerken gab, – erzählte Viktor dem jungen Flieger von Flora, von seinem Landsmann Gustav v. Mornfeld, der seinen Namen verändert hatte, und von der ganzen, noch immer unaufgeklärten Entführung, – und Florin hörte mit größtem Interesse zu.

Viktor war gerade im Begriff von dem sympathischen jungen Ingenieur zu erzählen, der durch seine plötzliche Flucht alle seine Pflichten im Stich gelassen hatte, als sie Vignola erreichten, ein unansehnliches Bauernhaus, wo Viktor umzukehren pflegte.

Da zeigte Paolo auf einen jungen Hirten in langhaarigen Ziegenfellhosen, der hinter dem Hause hervorkam und auf das Auto gewartet zu haben schien.

Der Hirte hielt einen Brief in der Hand, vergaß ihn aber abzuliefern, so sehr setzte ihn der Anblick des blonden Schweden in Erstaunen. Erst nachdem er sich satt gesehen hatte, übergab er Viktor den Brief und erhielt seine Quittung auf dem mitfolgenden Zettel.

Der Brief war von Alasco.

Er schrieb, daß er seinen Aufenthaltsort nicht verraten könne, teils der Polizei wegen, die Farham auf ihn gehetzt habe, teils aus Rücksicht auf Lucchetti, denn der Brief könne Unbefugten in die Hände geraten. – Aus sicherster Quelle wüßte er, daß Flora und ihre Gesellschaft in der Gewalt von Lucchetti seien, – wo er sie gefangen halte, wisse er aber nicht.

Was ihn dabei am meisten beunruhigte – dies vertraue er Viktor als ihrem Freund und Landsmann an – sei ihr tägliches Beisammensein mit einem Menschen wie Henry Farham, den er für einen schlechten Charakter halte. Nur weil er der Sohn seines Prinzipals sei, habe er ihm nicht offen seine Verachtung gezeigt.

Er könne dem Papier nicht alles anvertrauen, – um aber Viktor den richtigen Eindruck von dem Menschen zu geben, der mit Flora und ihrem Manne die Gefangenschaft teilte, wolle er ihm nur mitteilen, was der alte Farham selbst ihm einmal anvertraut hatte: der Sohn litte an moral insanity, sowohl in Gefühlssachen als auch in geschäftlichen Dingen. Wenn er irgend etwas erstrebte, scheute er keine Mittel, um seinen Willen durchzusetzen.

Nun habe er, Alasco, Grund zu der Annahme, daß Farham seinen Blick auf Flora geworfen hatte, – darum habe er, als er von der Entführung erfahren, alles getan, um von seinem Versteck aus mit Flora in Verbindung zu kommen und ihr zur Flucht zu verhelfen. Wie und wo, das könne er nicht näher erklären, ohne seine eingeborenen Helfershelfer dem Zorn von Lucchetti auszusetzen; er selbst stehe sicher schon auf seiner schwarzen Liste.

Leider hätte er bisher nichts andres erreicht als einen Brief von Flora – ob sie ihn selbst geschrieben oder ob er ihr diktiert sei, stehe dahin – worin sie ihm schrieb, daß es ihr in jeder Beziehung gut gehe. Sie beschwor ihn, nicht zum wenigsten seiner eigenen Sicherheit wegen, nichts zu unternehmen, um ihr zur Flucht zu verhelfen. Man müsse Geduld haben und die Entwicklung der Dinge abwarten.

Er wollte ihrer Bitte nicht zuwiderhandeln, hielte ein weiteres Vorgehen von seiner Seite auch für hoffnungslos, da er jetzt außer Farham, das hieße die Polizei, auch noch Lucchetti gegen sich habe. Außerdem langweile er sich und wolle ihrer Bitte, zu seinem Posten zurückzukehren, willfahren, da der eigentliche Grund zu seiner Flucht jetzt nicht mehr existiere. Sich gegen den gemeinen Verdacht, den man auf ihn gewälzt habe, zu verteidigen, lehne er voller Verachtung ab.

Der Grund seines Schreibens sei, Heller von Floras Brief in Kenntnis zu setzen, er könne dann selbst urteilen, ob Floras Versicherungen echt oder nur aufgezwungen seien, und danach handeln. Außerdem bäte er ihn, dem alten Farham mitzuteilen, daß er, Alasco, wenn nichts Unvorhergesehenes einträfe, auf seinen Posten zurückkehren und in drei Tagen, also Donnerstag abend, sieben Uhr, an Bord seiner Yacht erscheinen würde, unter der Bedingung, daß Farham noch am selben Abend den Anker lichten und nach Neapel dampfen würde, wo das Unterseeboot ihrer wartete.

*

Gleich nach dem Lunch wandte Viktor sich an den alten Farham und bat um eine Unterredung. Der Millionär führte ihn durch den Garten zu seiner Bank.

Viktor teilte ihm aus Alascos Brief mit, was er wissen sollte.

Der Millionär schimpfte und drohte, konnte aber seine Erleichterung doch nicht ganz verbergen und ging schließlich auf die Bedingungen ein. Seinen Verdacht, daß Alasco an der Entführung des Sohnes mitschuldig sei, schien er ganz vergessen zu haben. Doch bat er Viktor, falls sein Sohn nicht bis zu seiner Abreise, am Donnerstag abend, zurückgekehrt sei, in seinem, Farhams, Namen, die Interessen des Sohnes wahrzunehmen. Er sei bereit, ihm jede Summe dafür zu zahlen.

Viktor lehnte jede Bezahlung ab, er sagte, das Zutrauen ehre ihn und er würde sein Bestes tun.

Der Millionär zuckte nur die Achseln über Viktors Mangel an praktischem Sinn; reichte ihm die Hand, und damit war die Audienz vorbei.

Als Viktor sich zum Diner begab, begegnete ihm in der Halle Mrs. Farham mit ihrer Gesellschaftsdame. Sie blieb mit einem huldvollen Kopfnicken vor ihm stehen, drückte ihm die Hand und sagte ein schlichtes »danke«; mehr wagte sie in dieser vertraulichen Angelegenheit nicht zu äußern, aber er hörte, daß das Wort aus einem bedrängten Mutterherzen kam.

Die Fliegerveranstaltung war durch die Zeitungen und Anschläge in der Stadt kundgegeben. Viktor hatte sich, wie versprochen, der geschäftlichen Leitung angenommen, doch hatte sie ihm viel mehr Arbeit gemacht, als er geglaubt hatte.

Polizei und Stadtverwaltung, Büros und Fuhrleute, Hotelbesitzer und Gäste bestürmten ihn um Auskunft; jeder wollte sich beizeiten eine Beförderung sichern; die Eisenbahnverwaltung tat ihr Möglichstes.

Abgesehen davon, daß es Viktor Freude machte, seinem schwedischen Freund, der bereits nach Bastia und zu seinem geliebten »Enterich« zurückgekehrt war, einen Dienst zu leisten, – paßte es ihm aus verschiedenen Gründen, daß er die ganze Sache in der Hand hielt und schalten und walten konnte, wie er es für gut befand. – –

Die Veranstaltung sollte Montag um zwei Uhr beginnen und mindestens zwei Stunden dauern, bis zum Abgang des Dampfers nach Livorno, so daß Reisende das Schauspiel noch mit genießen konnten. Die Stadtverwaltung hatte versprochen, zu Ehren des Schweden, Stadt und Hafen festlich zu beflaggen.

Bereits am Freitag war über sämtliche Mietswagen der Insel verfügt, – sogar alte Postwagen waren aus ihren Verstecken hervorgeholt und instand gesetzt worden; – sämtliche Hotelzimmer und Privatlogis waren vorausbestellt. – –

Nach den Anstrengungen des Vormittags hatte Viktor seine Lieblingsbank im Garten aufgesucht, um ein wenig zu ruhen, als Lacombe mit allen Zeichen der Erregung auf ihn zukam.

Er hat was Ernstes auf dem Herzen, dachte Viktor und faßte sich in Geduld.

Und ganz richtig, kaum hatte Lacombe sich mit einem hastigen »Sie gestatten?« neben ihn auf die Bank gesetzt, als er sich vorsichtig nach allen Seiten umsah und Viktor mit einer geheimnisvollen Miene ein Stück Papier reichte, indem er sagte: »Was sagen Sie zu diesem Dokument?«

Bevor Viktor aber einen Blick darauf werfen konnte, fuhr er schon fort:

»Vor einer halben Stunde wurde es mir übermittelt. Ein einfacher Mann kam zu mir ins Zimmer, nachdem der Portier ihn angemeldet hatte, fragte mich, ob ich Herr Lacombe sei und übergab mir den Brief gegen eine Quittung. – Als er gegangen war, blickte ich ihm aus dem Fenster nach und sah, daß er ein Auto unten stehen hatte. Ein Augenblick – und er war fort.«

Viktor las das Schreiben:

»Am Montag morgen kann wegen des Lösegeldes für Herrn Henry Farham verhandelt werden. Besteigen Sie mit dem Schlage ein Uhr das Auto Nummer 44 aus dem Place du Casone, vereinbaren Sie einen Preis mit dem Chauffeur und lassen Sie sich nach Calcatoggio fahren. Von dort wird man Sie auf unsere Veranlassung, zu unserm Vertreter begleiten. Der Chauffeur kennt weder Sie, Ihren Bestimmungsort, noch die Sache, der er dient. Falls Sie den Versuch machen, das Auto verfolgen zu lassen oder sich auf irgend eine andre Weise, des Vertrauens, das man Ihnen beweist, unwürdig zeigen, wird man Sie persönlich zur Rechenschaft ziehen.

A. L.«

»Was sagen Sie dazu?«

»Ich gratuliere! Lucchetti hat Sie mit der Rolle eines Gesandten beehrt. – Wissen Sie übrigens, daß Farham mit Gemahlin und Dienerschaft heute nacht auf seiner Yacht nach Neapel abgedampft ist?«

Lacombe sperrte Mund und Nase auf –

»Alasco ist gestern abend gutwillig aus seinem Versteck in den Bergen zurückgekehrt –«

»Alasco ist fort?« Lacombe fuhr in die Höhe: »Fort von der Insel?«

Viktor nickte.

Lacombe mußte sich einen Augenblick von seiner Bestürzung erholen; dann sagte er: »Ich bin überzeugter als je, daß er das Kollier der Fürstin gestohlen hat!« Er seufzte hörbar, als ob er sagen wollte: dieser fette Bissen ist mir entgangen! Indem er seine Hände um die Knie faltete, fuhr er nachdenklich fort: »Ich muß gestehen, die Lösung, daß Farham ihn selbst aus dem Wege geschafft haben soll, überwältigt mich!«

»Auch mich überrascht diese Tatsache,« gab Viktor kollegial zu.

»Hätten Sie es nicht verhindern können?«

»Ich?«

»Warum haben Sie mir keinen Wink gegeben, ich hätte Alasco verhaften lassen!«

»Sie dürfen nicht vergessen, Kollege, daß ich den Verdacht, den Sie auf Alasco hatten, nicht teilte. Außerdem war die Mitteilung durchaus vertraulich, und schließlich kann ich nicht Farhams Vertrauensmann sein und ihn gleichzeitig seines Ingenieurs berauben, in dem Augenblick, wo dieser freiwillig zu ihm zurückkehrt.«

»Farhams Vertrauensmann –?« Lacombe sah Viktor von der Seite mit blinzelnden Augen an.

»Nun ja, er hat mich gebeten, die Interessen seines Sohnes wahrzunehmen und Sie werden begreifen, daß Seine Majestät Lucchetti uns einen Strich durch die Rechnung gemacht hat, indem er eigenmächtig Sie zum Verhandlungsbevollmächtigten ernennt.«

Man konnte Lacombe ansehen, wie wohl ihm diese Genugtuung tat. Und um auch seinerseits einem Kollegen über einen Ärger hinwegzuhelfen, sprach er von der Schwierigkeit, ja geradezu Lebensgefahr, die mit einer solchen Verhandlung verknüpft sei.

»Was würden Sie an meinerstatt tun?« fragte er bedenklich, indem er sich durchs Haar strich. »Kann man sich auf solche Expedition ins Ungewisse einlassen, – vielleicht ist sie nur eine Falle, um sich eines unbequemen Gegners zu entledigen.«

»Tja« meinte Viktor, indem er auf Lacombes Gedankengang einging, »wenn man nicht wie der junge Farham einen Vater hat, der das Lösegeld bezahlt, kann die Geschichte unangenehm genug werden! Für Farham ist es ja nur ein nettes kleines Abenteuer.«

»Offen gestanden, glaube ich nicht, daß der edle Räuber auf ein Lösegeld für meine bescheidene Person rechnet,« sagte Lacombe mit einem nervösen Auflachen, »nein, was mich beschäftigt –«

Er zögerte, sollte er es sagen –?

Viktor wußte, was er dachte und kam ihm zuvor: »Ich begreife Sie vollkommen: die größere Summe und die Karriere, die damit folgt, sind sehr verlockend: Wenn Sie dem Mann, der seit zwanzig Jahren die ganze Insel tyrannisiert, ein Bein stellen könnten –«

Lacombe legte unwillkürlich die Hand auf Viktors Arm, ihn am Weiterreden hindernd, und flüsterte nervös: »Das eben ist die Sache. Bei dieser Gelegenheit aber ist es zu gewagt. Zuerst muß Farham ausgelöst werden –«

»Sie meinen die Fünfzigtausend, die der Alte für den Sohn ausgesetzt hat –«

»Ja. Wenn man einen Fehlgriff macht, dann bringt man sein eigenes Leben in Gefahr –« er zeigte auf die Stelle des Briefes: »›wird man Sie persönlich zur Rechenschaft ziehen‹. Außerdem läuft man Gefahr, daß er sich an seinem Gefangenen rächt, so daß die Fünfzigtausend flöten gehen. – Nein, zuerst die Auslösung – nachher kann man dann auf das größere Ziel zustreben.«

»Sie meinen, auf die Hunderttausend?«

»Warum soll ich es leugnen. Da sind auch noch die Dreißigtausend, die der französische Staat seit Jahren für seinen Kopf ausgesetzt hat. – Aber,« fügte er geheimnisvoll hinzu, indem er sich zu Viktor beugte, »ich treffe meine Vorbereitungen, und ich kann Ihnen anvertrauen, daß man auf meine Veranlassung bereits Schritte getan hat, um die Gendarmerie umzuorganisieren; ein neuer Oberst ist vom Festlande eingetroffen, und eine neue Verteilung der persönlichen Kräfte steht bevor –«

Er brach ab. Heller war ein schlauer Fuchs, es war besser, ihn nicht zu sehr in seine Pläne einzuweihen und ihm die Möglichkeit zu geben, auf der von ihm geschaffenen Grundlage weiterzuarbeiten, so daß er ihm schließlich den Gewinn fortschnappte. In leichtem Tone fügte er hinzu, indem er Viktor auf das Knie schlug: »Wissen Sie, was mich an der ganzen Geschichte am meisten ärgert? – Daß der hohe Herr mich zum Montag bestellt hat, so daß ich der Fliegerveranstaltung Ihres schwedischen Freundes nicht beiwohnen kann, worauf ich mich so gefreut hatte. Ich wollte auch einmal das Verkehrsmittel der Zukunft probieren. – Übrigens, ob nicht Lucchetti mit Absicht diesen Tag gewählt hat? – Vielleicht ist der Allgewaltige doch ein wenig nervös und hofft, daß an dem Tage und zu der Stunde die ganze Polizei und Gendarmerie der Insel in Bastia zusammengezogen ist! – Aber er verrechnet sich! Gibt er sich nur die geringste Blöße, soll es an Gendarmen nicht fehlen!«

Er nickte grimmig, knöpfte seinen Rock entschlossen zu und eilte durch den Garten.

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