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Der Ring

Laurids Bruun: Der Ring - Kapitel 12
Quellenangabe
authorLaurids Bruun
titleDer Ring
publisherJ. Engelhorns Nachf.
year1929
translatorn.n.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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XI

Viktor war ein Frühaufsteher und machte jeden Morgen seinen Spaziergang auf der Promenade des Pins, einem herrlichen Park mit Nadelbäumen auf dem südlichen Hang des Monte Salario, zu dem der Hotelarzt ihm Zutritt verschafft hatte.

Der Fußpfad schlängelte sich zwischen hundertjährigen Pinien. Unten lag die Stadt mit ihren weißen Mauern und grünen Gärten, die sanft zu den Höhen anstiegen. Akazienbäume und Platanen, die auf den rotgelben, erhitzten Felsen wuchsen, reckten ihre Gipfel seufzend nach Kühlung: die Luft aber, die aus der Macchia herkam, war schwer und betäubend von Harzgeruch.

Der Hafen lag mit weitgeöffneten Armen da, aber nur wenige Schiffe kamen zum Löschen und Laden. Leichte weiße Segel hoben sich vom Himmelsblau ab und spiegelten sich im Wasser, wo blitzschnelle Motorboote Streifen hinter sich Herzogen.

Der Pfad machte eine Biegung, und eine Frau kam ihm entgegen, – ihr unbedecktes blondes Haar hob sich leuchtend von dem Blau des Himmels ab, ein leichtes, weißes Tuch umwogte die hohe, schlanke Gestalt –

Es war Flora.

Sie hielt ein Buch in der Hand, doch sah er gleich, daß sie nicht hergekommen war um zu lesen. Sie wußte, daß er um diese Zeit hier war, hatte ihn selbst auf diesen schönen Fleck Erde aufmerksam gemacht, und war gekommen, um ihn hier, wo kein fremdes Auge sie bewachte, zu sprechen.

Als sie ihm mit der Hand winkte, sah er, daß es der Gruß eines verzweifelten Menschen war. In der Nähe stand eine Bank, sie eilte auf sie zu und sank darauf nieder.

Kaum hatte er sie erreicht, als sie ihr Gesicht in den Händen barg, und den Kopf gegen den Rücken der Bank lehnte. Ein Schluchzen durchbebte ihren Körper.

Er stand erschüttert, setzte sich neben sie und versuchte ihre Hand zu fassen.

Sie widerstrebte – plötzlich aber ließ sie ihre Hände in den Schoß sinken und zeigte ihm ihr Gesicht –

Der Mund war vom Weinen verzerrt, die Augen von Tränen matt, die ihr über die gepuderten Wangen liefen – sie zeigte ihm ihr nacktes, schmerzverzerrtes Gesicht und ließ ihn darin lesen. Wenn alle Schminke versagt, und der nackte Kern hindurchscheint, dann sucht die Frau Rettung darin, daß sie ihre Wunden zeigt. Sie nahm ihren Kameraden zum Zeugen und ließ ihn sehen, was keine Frau in Floras Alter je ihrem Geliebten zeigen würde.

»Ich kann nicht mehr,« sagte sie ganz gebrochen.

Hat der »Trost« heute versagt? dachte er bei sich.

Über ihr Gesicht ging es wie ein Beben des Zornes, als ob sie seine Gedanken erraten hätte, und ein Ausdruck des Ekels strammte ihre Lippen. Doch nur einen Augenblick, dann blickte sie starr vor sich hin und ließ ihren Tränen freien Lauf.

»Sie sind krank!« sagte er und nahm ihre Hände in die seinen.

Sie habe die ganze Nacht nicht geschlafen, ihr Mann hätte wieder einen Nervenanfall gehabt.

»Ich kann nicht mehr!« wiederholte sie.

Viktor aber begriff, daß dies nicht der wahre Grund ihrer Verzweiflung sei. Dennoch fügte er nach einer Weile hinzu, weil er fürchtete, daß sein Schweigen sie kränken würde: »Sie müssen jemanden haben, der Sie in der Pflege Ihres Mannes unterstützt.« Und um sie zum Reden zu bringen, fuhr er fort: »Alasco meinte auch, daß die Bürde zu schwer für Ihre Schultern sei.«

Sie weinte heftiger –

Jetzt kommt es, dachte er bei sich.

»Er war neulich sehr besorgt um Sie,« begann er wieder.

»Ach, es ist ja alles meine eigene Schuld!« rief sie heftig, während sie sich an seine Hand klammerte, »ich habe ihn fortgejagt, ich wagte es nicht, ehrlich gegen ihn zu sein. Meinetwegen hat er seine Arbeit im Stich gelassen, – wissen Sie, daß Farham eine Belohnung für seine Ergreifung ausgesetzt hat?«

Viktor nickte.

»Auch daß der Verdacht auf ihn gefallen ist, ist meine Schuld. Wer wäre auf den Gedanken gekommen, wenn er nicht gereist wäre? – Glauben Sie nicht, daß ich weiß, was Lacombe, dieser Ochse, sich denkt, mit seinem unverschämten Verdacht und seiner noch unverschämteren Entschuldigung? – Er glaubt, Alasco und ich stecken unter einer Decke! – Daß er auch die Agraffe bei mir finden mußte!«

Sie verstummte plötzlich.

Sie liebt Alasco, dachte Viktor, – wie sie damals, in jener Nacht, Gustav, den tollen Freiherrn, liebte –

»Ja, ich liebe ihn!« rief sie, als ob sie seine Gedanken gelesen hätte. Mit einem plötzlichen Ruck hatte sie den Kopf gehoben und die Worte herausgeschleudert, als ob der junge Spanier vor ihr auf dem Wege stünde und sie mit seinen funkelnden Augen ansähe.

»Ich wußte nicht, daß ich ihn nicht entbehren könnte, – jetzt aber weiß ich es!«

Viktor wagte nichts zu sagen, sein Händedruck aber sprach, und sie antwortete: »Ich bin an einen Krüppel gebunden,« – das Wort fiel brutal aus ihrem Munde – »der mich besitzt und mich nicht freigeben will. Ob er mich noch liebt, weiß ich nicht, – seine Eifersucht aber lebt, und sie wird immer wilder, je schwächer sein Körper wird. Ich soll ihn pflegen, immer um ihn sein, während er selbst immer menschenscheuer wird, nicht einmal Sie wollte er sprechen. Von allem aber will er Bescheid wissen. Wenn seine Anfälle kommen, ist er furchtbar, – bald will er seinem eigenen Leben ein Ende machen, bald meinem. Er glaubt, daß ich ihn betrüge, und mein Protest reizt ihn nur, – eine Frau wie ich, gesund und kräftig, mit starken Sinnen, die an einen Krüppel, einen lebenden Leichnam, wie er sich selbst nennt, gebunden ist, – betrügt natürlich ihren Mann! Trotzdem will er mich nicht freigeben, und seit ich Alasco kennen gelernt habe, läßt er mir keine Ruhe, weder bei Tag noch bei Nacht. Er lauert auf den Ausdruck in meinen Augen, lauscht dem Klang meiner Stimme, er hält sich manchmal wach für den Fall, daß ich mich im Traum verraten sollte.

»Und er hat ja recht, es ist ja wahr: Ich liebe Alasco!«

Viktor konnte ihrer Stimme anhören, daß sie sich noch nicht alles von der Seele gesprochen hatte. Er sah vor sich, wie Alasco sich nachts in ihren Salon schlich und dachte bei sich: Das Wesentlichste hat sie mir noch nicht gesagt.

Wieder schien sie seine Gedanken zu lesen, sie richtete ihr Gesicht voll auf ihn und sagte: »Mußte ich ihn nicht fortschicken, da ich zu bleiben gezwungen bin? – Was würden Sie von mir gedacht haben, Heller, wenn ich mit Alasco durchgebrannt wäre, und meinen kranken Mann, der außer mir keinen Menschen in der ganzen Welt besitzt, allein gelassen hätte?«

Viktor erwiderte nichts, und sie fuhr fort: »Tag und Nacht habe ich lügen und mich verstellen müssen, – ich, die ich Lüge und Falschheit hasse, – mein Gott, was habe ich gelitten!«

Sie rang die Hände, versank einen Augenblick in trostloses Schweigen und sagte dann hilflos: »Und das ist noch nicht das Schlimmste!«

Viktor merkte, daß sie keine Ruhe finden würde, bevor sie es gesagt hatte. Er nahm ihre Hand, als ob er ihr helfen wollte: »Nein, nein,« sie zog ihre Hand zurück und schüttelte den Kopf, »ich kann es Ihnen doch nicht sagen.«

Und er sah, daß sie »das Schlimmste« nicht über die Lippen bringen würde, obgleich sie am Ende ihrer Kräfte war. Er ließ sie noch eine Weile in ihrem trostlosen Schweigen verharren. Von Anfang an war er sich darüber klar gewesen, was hier geschehen müsse, und er war fest entschlossen, für sie zu handeln; – war sie doch selbst keines Entschlusses mehr fähig.

»Sie müssen fort von hier,« sagte er schließlich, ruhig und trocken. »Sie und Ihr Mann müssen fort!«

Sie sah zu ihm auf, – in ihrem erloschenen Blick war ein Hoffnungsschimmer.

»Fort?« kam es prüfend, zögernd.

»Ja, fort,« sagte er bestimmt.

Sie atmete tief auf, hob ihren Kopf und blickte zum blauen Himmel hinauf, als erwarte sie von dort die Freiheit.

»Fort aus der Stadt!« fuhr Viktor fort und griff wieder nach ihrer Hand, »nicht von der Insel!«

Sie richtete ihren Blick fragend, zögernd auf ihn; dann begriff sie.

Der Hoffnungsschimmer in ihren Augen war erloschen: Sie war ja unter Verdacht, durfte nicht fortreisen, bevor die Untersuchung beendigt war –

Sie nickte vor sich hin.

Viktor begriff, daß sie an Alasco dachte und Trost darin fand, daß sie sein Los teilte.

»Sie müssen in die Berge!« beeilte er sich zu sagen, »Ihret- und Ihres Mannes wegen. Die Luft dort oben ist gut für kranke Nerven, – ich werde Sorge tragen, daß Doktor Manot Ihnen ein schriftliches Attest gibt, das ist für alle Fälle gut. Überlassen Sie es mir, für Sie zu handeln, Flora, und alles wird noch gut werden!«

Sie nickte nur stumpf vor sich hin, – ihre Kräfte waren zu Ende.

Er blieb noch eine Weile neben ihr auf der Bank sitzen, denn er wagte sie nicht zum Hotel zurückzuführen, bevor ihr Gemüt sich beruhigt hatte, und die Spuren der Erregung von ihrem Gesicht verschwunden waren.

*

Flora erschien nicht zum Lunch, und Viktor aß allein an ihrem Tische.

In der Halle stieß er auf Doktor Manot und gab ihm einen kurzen Überblick über die Lage des Ehepaares Millner.

Doktor Manot hatte nur einmal, kurz nach der Ankunft Gelegenheit gehabt, Mr. Millner zu sehen und war sich gleich darüber klar gewesen, daß der Mann in eine Nervenheilanstalt gehörte: seine schwankende, künstlich aufrechte Haltung, der flackernde Blick unter den ergrauten Brauen, das Zittern der langen Hände mit den geschwollenen Adern, sein unfreundliches, gleichzeitig scheues und gebieterisches Auftreten, – das alles hatte ihn davon überzeugt, daß ein schweres Kreuz auf der Frau lag.

Doktor Manot, der kleine schweigsame Menschenkenner mit dem scharfen Blick hinter der großen Hornbrille, hatte, von seinem Beobachterposten in der einen Ecke des Speisesaales, Flora schon längst körperlich und seelisch durchschaut.

Viktor konnte ihm nichts Neues erzählen. Eine kurz hingeworfene, scherzhafte Frage nach dem schwer vermißten Ingenieur überzeugte Viktor davon, daß der Arzt im Bilde war; auch von dem Verdacht, der auf ihr ruhte, schien er schon zu wissen. Viktor brauchte nicht einmal eine Erklärung zu geben, warum Flora nicht selbst zu Doktor Manot käme; der kleine Arzt nickte verständnisvoll – das sei all right. Und bevor Viktor mit seinem Plan herausrückte, erklärte Doktor Manot, daß Millner und seiner Frau ein Aufenthalt in den Bergen gut tun würde, fern von Geselligkeit und – Kasino! – Also auch von Floras Leidenschaft wußte er schon Bescheid.

»Vizzavona ist der richtige Aufenthalt für sie,« erklärte er, »es liegt ungefähr neunhundert Meter hoch, in der Nähe des Monte d'Oro Passes. Wunderbare Umgebung, herrliche Buchen- und Lärchenwälder, ein ausgezeichnetes, modern eingerichtetes Hotel!«

Unaufgefordert gab er Viktor, was dieser wünschte: eine schriftliche Bestätigung, daß ein Aufenthalt in den Bergen für Flora und ihren Mann notwendig sei! – Er war wirklich ein verständnisvoller Mann!

Schließlich fragte er, wem er die Rechnung senden dürfe. Viktor stutzte im ersten Augenblick, ließ sich dann den Betrag sagen, fand ihn nicht unbescheiden und bezahlte ihn im Namen von Frau Flora.

Es war Viktor nicht entgangen, daß Lacombe sie an seinem Tisch, hinter einer schützenden Zeitung verborgen, gespannt beobachtet hatte. Jetzt machte Viktor sich den Spaß, an seinem Tisch vorbeizugehen, als ob er eine Zeitung suchte.

Er begrüßte Lacombe, als sähe er ihn jetzt erst, setzte sich an seinen Tisch und erzählte ihm, daß Millner heute nacht sehr krank geworden sei – seine Frau habe kein Auge geschlossen – und sie hätten den Entschluß gefaßt, abzureisen –

Lacombe fuhr aus dem bequemen Stuhl auf –

»Abreisen?« sagte er verblüfft.

»Ja, abreisen.«

»Sie wissen doch, daß das unmöglich ist!«

»Sie meinen?«

»Wir waren uns doch gestern einig, daß ich gezwungen wäre, sie verhaften zu lassen, falls sie Miene machten, die Insel zu verlassen!«

»Wer sagt denn, daß sie die Insel verlassen wollen! Herr und Frau Millner fahren auf den Rat von Doktor Manot in die Berge, – nach Vizzavona, ich habe soeben alles in ihrem Namen geordnet; sie ist zu schwach, um es selbst zu tun.«

Lacombe atmete erleichtert auf. Die Angst, daß die Beute ihm entgehen könnte, hatte ihn ganz aus der Fassung gebracht.

Nachdem er eine Weile überlegt hatte, sagte er:

»Madame tut mir leid, sie hat es nicht leicht mit dem kranken Mann!« Dann fügte er hinzu: »Was die Sache anbelangt, so ist es vielleicht ebensogut, daß sie oben in dem Berghotel als hier unten an der Bucht wohnt. Das wird sich schon alles ordnen.«

»Der Ansicht bin ich auch!« sagte Viktor und blickte nachdenklich in die gelblichen, zwinkernden Augen des Detektivs.

»Haben Sie übrigens Näheres über den durchgebrannten Amerikaner mit der hohen Lebensversicherung gehört?«

»Noch nicht,« antwortete Lacombe und wich Viktors Blick aus.

*

Nachdem Viktor in der Portierloge alles für Floras Abreise geordnet hatte, ging er auf sein Zimmer.

Er streckte sich auf den Diwan, um zu ruhen und schlief schließlich ein.

Er erwachte dadurch, daß jemand an seine Tür klopfte.

»Herein!«

Die Tür wurde geöffnet, er richtete sich auf – es war Teresa.

Sie schloß hastig die Tür hinter sich und drehte sich zu ihm um.

Er sah Angst in ihren Augen, ihre Brust wogte, sie zitterte am ganzen Körper und griff nach einem Stuhl, als sei sie vom Lauf erschöpft –

Im nächsten Augenblick war er neben ihr.

»Setzen Sie sich!«

Ihre Hand tastete schutzsuchend nach seinem Arm, sie setzte sich nicht, hörte nicht –

»Er ist hier!« stieß sie hervor, »er ist hinter mir her –«

»Wer?«

»Walther –«

Im selben Augenblick sah Viktor ihn vor sich: mager, schmalschultrig, der Rücken gerade, die Glieder schlenkernd, lebhafte rattenartige Augen in einem langen, gelben, verzerrten Gesicht –

»Wo ist er?«

»In der Villa. Ich saß an meinem Platz auf dem Gang, als ein Herr die Treppe heraufkam, stehen blieb und ›guten Tag, Teresa‹ sagte. Als ich aufsah, stand er vor mir! ›Komm mit!‹ Und ich ging mit ihm. – Wenn er mich so ansieht, habe ich keinen Willen mehr! – Madonna, was soll aus mir werden!«

Ihre Hand griff an den Hals, die Finger tasteten nervös nach der Seidenlitze.

»Er führte mich auf sein Zimmer und sprach zu mir, als ob wir uns erst gestern gesehen hätten: ›Ich reise mit dem nächsten Dampfer nach Südamerika,‹ sagte er, ›mehrere Mädchen reisen mit mir, du aber hast mir gefehlt. Ich wußte ja, daß ich dich finden würde, du entgehst mir nicht. Wenn wir drüben sind, heiraten wir!‹«

Sie sank auf den Stuhl. Viktor strich ihr über das Haar, als sie seine Teilnahme fühlte, brach sie in Tränen aus. »Ich will nicht!« schluchzte sie, »will nicht, will nicht!« wiederholte sie, als wollte sie sich selbst überzeugen.

Viktor setzte sich neben sie und nahm ihre Hand. Dabei mußte er an die Morgenstunde auf der Promenade des Pins denken. Hier wie dort die Hand einer verzweifelten Frau! – Wie verschieden aber die Hände, verschieden die Frauen, verschieden das Leid! – Teresas Schmerz ging ihm nah –

»Was hat er sonst noch gesagt?«

»Er sagte, er habe ein großes Geschäft. Er sei Mädchen behilflich, drüben Stellungen zu bekommen, und verhelfe jungen Leuten zum Auswandern. Er hatte einen andern Namen angenommen, heißt jetzt Weyler –«

Lacombes Vertrauensmann! – Und er selbst hatte den Detektiv auf sie gehetzt.

»Was hat er weiter gesagt?« fragte er atemlos.

»Als ich ihm antwortete, daß ich ihm nicht folgen wolle, es ginge mir gut und nach der Saison wollte ich zu meinen Leuten in Lugano zurückkehren, da sagte er: ›Wenn du mir nicht folgst, wird die Polizei dich festnehmen! Sag' mal, Teresa, woher hast du den kostbaren Ring?‹ fragte er und lachte« – – sie erschauerte bei der Erinnerung – – »›Hat nicht eine vornehme Dame ihn gesehen? Kein Mensch wird glauben, daß ein armes Mädchen auf ehrliche Weise zu einem Ring mit einer echten Perle und zwei Saphiren gekommen ist!‹«

Viktor ging ein Stich durchs Herz, und wie damals, vor vier Jahren, kam ihm unwillkürlich ein Du über die Lippen:

»Erinnerst du dich nicht, wie ich dir sagte, du dürfest ihm den Ring nicht zeigen?« Und betrübt fügte er hinzu: »Du hast ihn Walther also doch gezeigt!«

Sie antwortete nicht, ihre Augen aber suchten die seinen; solch tiefe Trauer, solch unsagbaren Schmerz, hatte er noch in keines Menschen Blick gesehen –

Er fühlte, wie ihm die Augen naß wurden, und ohne zu wissen, was er tat, legte er ihre Hand gegen seine Wange.

Er sah nicht, was in ihr vorging, sah nicht das tiefe Staunen in ihrem Blick. Sie richtete sich höher auf, und während ihre Hand auf seiner Wange ruhte, blickte sie auf seinen blonden Kopf, wo das Haar sich schon zu lichten begann, – auf die hohe, klare Stirn, die etwas eingefallenen Schläfen, die scharfgeschnittene Nase mit den großen Flügeln, den Mund mit den schmalen, empfindsamen Lippen –

Sie wußte selbst kaum, was sich in ihr rührte, – sie war wieder ein Kind, mit der roten Mütze – gleichzeitig aber war sie mehr wie jemals ein Weib, und gerne hätte sie die Arme um seinen Hals gelegt – denn sie fühlte in dem Augenblick, ihm konnte sie alles anvertrauen – all die Wunden offenbaren, die das Leben ihr bereits geschlagen hatte.

Und Teresa erzählte –

   

»Sie schleppten mich zu seinem Auto, das abseits stand, dort, wo der Waldpfad in die Landstraße mündete.

Walther zwang mich, in den geschlossenen Wagen zu steigen, – ich wollte schreien, sein Kamerad aber richtete einen Revolver auf mich – da schwieg ich und gehorchte.

Ich weinte und klagte im Wagen, Walther aber tröstete mich und sagte, ich sollte es gut haben, und er sprach wieder von den feinen Damen und Herren und dem strahlend erleuchteten Saal.

Schließlich wurde ich von Müdigkeit übermannt. Walther gab mir aus einer Flasche zu trinken, ich war so durstig, und kurz darauf schlief ich ein.

Wie lange ich geschlafen hatte, weiß ich nicht. Ich erwachte dadurch, daß Walther und der andre mich aus dem Wagen hoben – aber mir war, als ob es mich gar nichts anginge, als ob ich nur Zuschauer sei. Sie trugen mich eine Treppe hinauf, ich sah eine Frau in einem geblümten Rock und einer weißen Bluse, und hörte, daß Walther Tante zu ihr sagte. Sie strich mir übers Haar und lächelte mit ihrem großen roten Mund.

Dann schlief ich wieder ein.

Als ich von neuem erwachte, lag ich in einem halbdunkeln Zimmer, – ein großes, dicht verhängtes Fenster, hinter dessen matter Scheibe Licht brannte, leuchtete mir entgegen.

Ich blickte zur Decke und sah, daß ich in einem Himmelbett lag. Bei einem Geräusch drehte ich mich um – und sah in Walthers Gesicht, er lag neben mir, auf seinen Ellbogen gestützt. Seine schwarzen Augen funkelten, und sein Blick war so zwingend, daß ich vor Angst stöhnte. Da lächelte er und legte seine Hand unter meinen Nacken –

Ich konnte mich nicht rühren, nicht schreien. Ich glaube, daß ich ihn um mein Leben anflehte, denn ich hörte seine Stimme: ›Ich habe dir versprochen, daß ich dir gut sein will! Bist du jetzt nicht siebzehn Jahre alt und hast du mir nicht gesagt, du würdest dann zu mir kommen und bleiben?‹

›Nicht so,‹ dachte ich, aber ich vermochte kein Wort über die Lippen zu bringen.

Er klopfte mir die Wange, sprach gut und sanft auf mich ein, so daß ich schließlich wieder Vertrauen zu ihm faßte, – er brachte mich sogar zum Lachen, als er Grimassen schnitt, um zu zeigen, was ich für ein Gesicht machte. Er sagte, ich hätte ein Nachthemd von seiner Tante an, und da erinnerte ich mich, daß die große dicke Frau mich ausgezogen hatte –

Wieder begann ich zu weinen, – er aber wurde böse und sagte, wenn ich nicht still wäre, würde der Schutzmann von draußen, unter der Laterne, heraufkommen, weil ich die Leute in ihrer Nachtruhe störte, und dann würde er mir meinen Ring nehmen und mich ins Loch stecken, weil er glaubte, daß ich ihn gestohlen habe –

Ich fühlte nach dem Ring – ja, er war noch da, Ring und Band, – im selben Augenblick lag seine Hand auf der meinen, und plötzlich zog er meinen Kopf an sich und küßte mich auf den Hals, daß es mich brannte.

Ich versuchte mich zu wehren, – meine Arme und Hände aber waren so seltsam schwach, ich hatte gar keine Kräfte – –«

Teresas Backen glühten, – sie wandte ihren Kopf ab, die Tränen quollen ihr unter den Wimpern hervor – –

»›Wenn ich nur den Ring behalte,‹ dachte ich –«

Sie hielt wieder inne, die Erinnerungen waren zu bitter –

Schließlich fuhr sie fort: »Wenn er seitdem zu mir kam, drohte er mir immer mit dem Ring, – es war, als ob er dachte: dich oder deinen Ring! – Ich behielt meinen Ring und gab statt dessen meinen Körper.

Madonna sieht es, dachte ich –

Ich ließ sie mit mir machen, was sie wollten.

Eines Abends zog die Tante mir ein feines Kleid an, – ich war fast nackt auf Brust und Schultern – und führte mich in einen Raum, den sie den Salon nannten, und wo Walthers Freunde und auch Fremde kamen.

Abend nach Abend mußte ich dort sitzen, mit ihnen essen und trinken, während Walther ein und aus ging, – er war halb Kamerad, halb war er Diener.

Und wenn ich mit ihnen gegessen und getrunken hatte, begleitete immer einer von ihnen mich auf mein Zimmer und blieb bei mir.

Solange ich mich fügte, würde ich alles bekommen, was ich wollte, sagte er, wie er es mir bereits bei Onkel Fritz versprochen hatte. Er erzählte mir, daß er eine große Summe im Spiel gewonnen und dafür dieses Haus eingerichtet habe. Auch ein Polizeischild habe er sich verschafft.

Ich war wie in einem Gefängnis, – alle Türen des Hauses waren verschlossen, die Fenster geblendet, und während des ganzen ersten Monats war ich nicht ein einziges Mal im Freien.

   

Außer mir waren noch drei Mädchen da, – zwei davon wurden ›Zwillinge‹ genannt, kleine weiche Wesen, mit weißer Haut, wie zwei Kätzchen waren sie, die eine hell, die andre dunkel; sie waren immer gleich gekleidet, nur trug die eine Blau, die andre Rot, – und wenn sie im Salon waren, hatten sie fast nichts an. Sie hielten sich immer eng umschlungen, bewohnten zusammen ein Zimmer und schliefen in einem Himmelbett; sie zankten sich nie. Auch wenn Herren auf ihrem Zimmer waren, bald einer, bald zwei, waren sie nie allein. Lizzi hieß die Blonde, Mizzi die Dunkle.

Die Dritte hieß Alice, – sie war ein großes, mageres Mädchen mit tiefliegenden, brennenden Augen und einem roten Mund. Sie rauchte den ganzen Tag Zigaretten.

Walther nannte uns seine Cousinen. Er erzählte uns Neuigkeiten aus der Stadt, sang uns witzige Lieder vor, machte sich über die Herren lustig, die bei uns gewesen waren, und brachte uns Süßigkeiten, wenn wir artig gewesen waren, wie er sagte.

Alice war sehr gut gegen mich, sie tröstete mich oft in meiner Verzweiflung.

›Nur nicht denken, Rotkäppchen, – lächele den Wölfen zu und spiel' mit ihnen, dann fressen sie dich nicht.‹

Als die Tür zur Straße einmal einen Spaltbreit offenstand, versuchte ich, durchzubrennen. Die Tante aber sah es, und Walther trug mich wieder auf mein Zimmer. Er war ganz weiß vor Wut. Seine Augen bohrten sich in die meinen, und während er meine Hände fest umschlossen hielt, sagte er langsam und ruhig: ›Mein bist du und nie im Leben kannst du dich von mir befreien. Wenn du den Versuch machst, fortzulaufen, dann werden meine Augen dich verfolgen, und ich werde dich finden, wo immer du dich aufhältst. Dann hole ich dich, nehme dir deinen Ring fort und mache dich zu meiner Sklavin und meinem Hund. Mein Wille ist dein Herr, und was meine Augen dir befehlen, das mußt du tun, ob ich nah oder fern bin. Befehle ich dir, daß du reisen sollst, dann mußt du reisen, – sage ich, daß du bleiben sollst, dann bleibst du. Schicke ich einen Mann zu dir herein, dann gehörst du ihm, wie du mir für immer gehörst. – Sieh mich an und vergiß es nicht!‹

Ich habe es nicht vergessen können!«

Sie blickte auf, mit Qual im Blick, und fuhr mit bebender Stimme fort: »Wenn seine Augen auf mir ruhen, habe ich keinen Willen mehr, dann bin ich wieder in seiner Macht, obgleich vier Jahre vergangen sind.«

»Wie bist du denn von ihm losgekommen?«

»Durch einen Zufall. Alle im Hause schliefen von zwei bis vier Uhr zu Mittag – nachts bekamen wir ja so wenig Schlaf, – nur Walther war nie um diese Zeit zu Hause.

Eines Tages konnte ich nicht schlafen, ich betrachtete meinen Ring und fand, daß er so trübe aussähe. Darum wollte ich die Fassung säubern. Ich goß Spiritus aus meinem Brennapparat darüber und wollte sie mit einer Nagelbürste ausbürsten. Dabei rauchte ich eine Zigarette, – ein Funken fiel in den Spiritus, er flammte hoch auf und steckte die Gardine in Brand.

Ich riß Ring und Schnur an mich, lief auf den Gang hinaus und schrie ›Feuer‹. Die Tante aber schlief, erst nachdem ich gegen ihre Tür gedonnert hatte, wachte sie auf.

Mein Zimmer war schon voller Rauch, man konnte kaum atmen, sie aber schlug das matte Fensterglas mit einem Stuhl ein, sprang dann auf den Toilettentisch, um die Gardinen herunterzureißen und rief mir zu, Wasser in der Küche zu holen.

Da aber der Wasserhahn in der Küche viel zu langsam lief, gab sie mir den Schlüssel zum Hofe, den sie im Gürtel trug, und rief mir zu, daß ich zwei Eimer und die Trittleiter aus der Küche holen sollte. Die Eimer sollte ich dann unter dem großen Wasserhahn im Hof füllen und ihr von der Trittleiter durch das eingeschlagene Fenster ins Zimmer reichen.

Durch den Lärm waren die andern Mädchen inzwischen erwacht und fragten, was los sei. Als sie den Brandgeruch spürten, schrien sie laut und eilten in ihre Zimmer, um sich anzukleiden.

Während sie jammerten und schrien, kam mir ein Einfall –

Im Vorraum hingen Mantel und Hut der Tante, in der Küche hatte ich einen Geldschein liegen sehen. Schnell nahm ich alles an mich, lief mit dem leeren Eimer hinaus und stellte ihn unter den Wasserhahn. Und während das Wasser geräuschvoll plätscherte, lief ich über den Hof durch eine Brettertür.

Ich gelangte zu dem Lagerplatz einer Fabrik, und dahinter lag ein Zimmerplatz, der ganz bis zum Flusse hinunter ging. Ich rannte, was ich konnte, – schließlich mußte ich über den Zaun klettern, denn die Gittertür war verschlossen. Als ich aber erst auf dem Zimmerplatz stand, gab es kein Hindernis mehr, und kurz darauf befand ich mich im Schutze eines Schuppens unten am Flusse.

Madonna hatte mich erhört, der Ring hatte mich gerettet; denn wenn ich nicht darauf verfallen wäre, ihn zu reinigen, wäre der Brand nicht entstanden.

Ich spähte über den Fluß, und endlich entdeckte ich einen Prahm, der auf mich zukam; er hatte eine Jolle im Schlepptau, ein junger Bursche beugte sich über die Reling und spülte Wäsche im Strom.

Ich rief ihn an und schwenkte den Geldschein in der Sonne, bis er die Jolle vom Prahm loslöste, ans Ufer ruderte, mich aufnahm und an Bord des Prahms brachte.

Der Schiffer hatte eine Ladung für Basel an Bord, wo er zu Hause war. Ich flehte und bat, erzählte ihm mein Schicksal und bezahlte ihn mit dem Schein, den ich in der Küche gefunden hatte.

So kam ich in die Schweiz. Er schmuggelte mich als seine Nichte ein, – meine Papiere seien mit meinem Handkoffer über Bord gegangen, sagte er, aber er stehe für mich ein. Er war beim Zoll bekannt, und man schenkte ihm Glauben.

Er verhalf mir zu einer Stelle als Stubenmädchen in einem kleinen Hotel, wo er zu verkehren pflegte. Dort war ich über ein Jahr, der Wirt war ein guter Mann. Er hatte einen Bruder, der ein Wirtshaus an der italienischen Grenze besaß. Dort, am Lugano-See, bekam ich eine Stellung, weil ich Italienisch sprechen konnte. Herrlich war es dort. Ich blieb bis zum letzten Winter dort, als ein Agent, der Leute suchte, die Italienisch, Deutsch und Französisch sprechen konnten, – Französisch hatte ich in der Schweiz gelernt, – mir diese Stellung hier verschaffte.«

*

Sie sah mit einem hilfesuchenden Blick zu Viktor auf: »Jetzt hat er mich gefunden, wie er voraussagte, – es gibt keine Rettung mehr für mich. Seine Augen brennen mich tief hier drinnen, seit ich weiß, daß er in der Nähe ist –«

Ihr Blick wurde dunkel und fern, als ob der fremde Wille sich in diesem Augenblick über sie schliche.

Mit einer letzten Kraftanstrengung nahm sie sich zusammen, faltete ihre Hände über dem Seidenband auf ihrem Hals und sah ihn mit seltsam glänzenden Augen an: »Madonna hat mich zu Ihnen geschickt, – Sie haben mich ja schon einmal gewarnt, haben den Teufel in seinen Augen gesehen! – Ach, wie oft habe ich daran gedacht! – Als er sich umdrehte, um seine Pfeife anzuzünden, lief ich aus seinem Zimmer geradeswegs hierher, – und jetzt wage ich mich nirgends hin. Denn er wird mich suchen und wieder mit auf sein Zimmer nehmen, – ich werde tun müssen, was er verlangt, und ihm folgen, wenn er fortreist. Wo soll ich mich verstecken – was soll ich tun?«

Im selben Augenblick wußte Viktor, wie er ihr helfen konnte.

»Kommen Sie mit!« sagte er, stand auf und zog sie bei der Hand mit sich.

Er begab sich zu Floras Zimmer und schickte das Zimmermädchen mit einigen Worten auf seiner Karte zu ihr.

Gleich darauf kam Flora zu ihm heraus. Sie entschuldigte sich, daß sie ihn nicht im Zimmer empfangen könne, der Zustand ihres Mannes erlaubte es nicht. Sie hatte dunkle Ränder unter den Augen und ihre Hände zitterten.

»Es ist das beste so,« sagte er und nahm ihre Hand. »Heute morgen versprach ich Ihnen zu helfen, und Sie überließen es mir frei zu handeln. Ich kann Ihnen jetzt mitteilen, daß Doktor Manot mir eine schriftliche Bestätigung gegeben hat, daß ein Aufenthalt für Sie und Ihren Mann in den Bergen unbedingt notwendig ist. Ich habe alles weitere geordnet, – morgen früh um zehn Uhr wird das Auto vor der Tür sein. Einverstanden?«

Floras Gesicht klärte sich auf.

»Danke!« sagte sie und atmete befreit, »je eher, je besser.«

Darauf wandte Viktor sich zu Teresa um, die auf dem Treppenabsatz wartete: »Und hier ist das Mädchen, das ich Ihnen für Ihre persönliche Bedienung zu schaffen versprach. Sie hat in der Villa gedient, steht aber von heute an zu Ihrer Verfügung.«

Und auf Dänisch fügte er hinzu: »Sie würden mir einen großen Gefallen tun, wenn Sie sie gleich mit in ihr Zimmer nehmen und sie nicht aus den Augen lassen, solange Sie noch hier im Hotel sind. Kann sie heute nacht in Ihrem Salon schlafen? – Ich kenne sie und garantiere für sie.«

Flora sah erstaunt von ihm zu Teresa, die mit niedergeschlagenen Augen dastand.

»Sie würden mir persönlich einen großen Gefallen tun,« fuhr Viktor eindringlich fort, »das Mädchen ist in Gefahr, und ich bin erst ruhig, wenn sie von hier fort ist. Ich werde Ihnen ein andermal ihr Schicksal erzählen.«

Teresa hatte ihre Augen mit einem so unverhohlen vertrauensvollen Blick zu Flora aufgeschlagen, daß diese unwillkürlich lächeln mußte.

»Wie heißen Sie?« fragte sie freundlich.

»Teresa!«

»Und Sie wollen gleich zu mir kommen, wie ich höre? – Das ist schön.« Und zu Viktor gewandt, fuhr sie einfach und herzlich fort: »Ich danke Ihnen für Ihre Fürsorge. Es war ein schrecklicher Tag, jetzt aber scheint die Sonne wieder. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie ich mich darauf freue, von hier fortzukommen. Sie aber werde ich vermissen. Ich will Ihnen schreiben, nicht? – Und ich bin gespannt auf die Geschichte Ihres kleinen Schützlings.«

In ihren Augen war die alte Schalkhaftigkeit, Viktor aber lächelte nicht.

»Kommen Sie zum Mittagessen herunter?« fragte er.

»Eigentlich wollte ich oben essen, jetzt aber komme ich an unsern Tisch, – wir wollen doch ein Glas zum Abschied trinken.«

Viktor überlegte, ob er Teresa in Floras Gegenwart die Hand zum Lebewohl geben sollte, tat es aber nicht.

»Um Ihre Sachen brauchen Sie sich nicht zu kümmern,« sagte er zu ihr. »Sie werden sie morgen früh rechtzeitig erhalten, damit Sie sie noch einpacken können, bevor das Auto kommt.«

»Werde ich denn reisen?« fragte sie erstaunt.

»Ja, Herr und Frau Millner reisen morgen früh in die Berge und werden Sie mitnehmen.«

Er sah ihr an, daß sie dachte: Werde ich Sie dann nicht wiedersehen? – Eine warme Woge ging ihm durchs Herz, aber er fühlte sich von Flora beobachtet und fügte nur in sachlichem Ton hinzu: »Falls sich in Ihrer Sache etwas ereignet, werden Sie von mir hören.«

Er hoffte, daß sie ihn verstanden hatte, und schloß: »Leben Sie wohl, Teresa. Ich bin überzeugt, daß Frau Millner mit Ihnen zufrieden sein wird, und daß Sie sich in Ihrer neuen Stellung wohl fühlen wollen.«

   

Darauf begab Viktor sich ins Büro, um mit dem Geschäftsführer zu sprechen.

Er sagte ihm, daß Mrs. Millner ein Mädchen für ihre persönliche Bedienung gebrauchte und daß sie sich das Zimmermädchen Teresa aus der Villa gewählt habe. Frau Millner und auch er kennten das Mädchen von früher und hätten ihre guten Gründe, sie von dem Dienst im Hotel zu lösen. Falls das Hotel Schaden dadurch haben würde, wollten sie die Kosten bezahlen, Hauptsache sei, daß die Angelegenheit sofort und ganz geheim geordnet würde. Teresa sei bereits bei Millners, sollte nachts dort schlafen und morgens zeitig mit ihnen abreisen.

Der Geschäftsführer versprach dafür zu sorgen, daß ihre Sachen unbemerkt hinübergeschafft würden, und daß weder Gäste noch Personal erführen, wo das Zimmermädchen Teresa geblieben sei.

Er hatte noch ein und eine halbe Stunde bis zum Diner.

Nach dem anstrengenden Tage mit den vielen Eindrücken und Anforderungen, die an seine Entschlußfähigkeit gestellt worden waren, fühlte er sich müde. In seiner Mittagsruhe war er gestört worden, jetzt wollte er sich statt dessen durch eine schnelle Fahrt in die Berge erfrischen.

Er hatte ein Abkommen mit einem Fuhrmann getroffen, der ihm zu jeder Zeit einen Wagen zur Verfügung stellte.

Als er zurückkehrte, hatte der Gong schon zum zweitenmal geläutet. Er hatte keine Zeit mehr sich umzukleiden und ging gleich durch die Halle.

Dort sah er Flora im Gespräch mit dem jungen Farham, munter und strahlend, als ob sie einen herrlichen Tag verlebt habe.

»Sie haben mich warten lassen, Sie Böser!« Sie drohte ihm mit dem Finger, »unser letzter Abend! – Wenn Mr. Farham mir nicht Gesellschaft geleistet hätte, wäre ich vor Langeweile gestorben.«

Viktor sah, daß sie sich künstlich stimuliert hatte, und dachte mit Besorgnis an die Nacht. Aus ihrer Toilette schloß er, daß sie diesen letzten Abend noch im Kasino zu verbringen gedachte, sie hatte, trotz ihres eigenen und ihres Mannes nervösen Zustandes, der Versuchung nicht widerstehen können. Vielleicht tröstete sie sich auch damit, daß Teresa zur Hand sein würde, wenn ihrem Manne etwas zustieße.

Er meinte eine Bitte um Nachsicht in ihren unnatürlich strahlenden Augen zu lesen, und sie tat ihm leid. Es ist wahrhaftig die höchste Zeit, daß sie fortkommt, dachte er.

Viktor entschuldigte sich, und als sie sich zusammen in den Speisesaal begaben, sagte Flora mit erzwungener Lebhaftigkeit: »Denken Sie nur, Farham hat das Hotel hier auch satt und will nach Vizzavona. Er hatte gerade dem Portier Bescheid gegeben, als ich ihm erzählte, daß wir morgen früh fahren.«

Der junge Farham richtete seinen schön frisierten Kopf mit den grauen und goldenen Reflexen auf Viktor und sagte: »Und darum habe ich Mrs. Millner vorgeschlagen, ob sie und ihr Gatte nicht meinen Rolls Royce statt das elende Hotelauto benutzen wollen –«

Auch Flora wandte sich Heller eifrig zu: »Ich finde es sehr liebenswürdig von Farham, – sein schöner, federnder Wagen ist ja wie geschaffen für kranke Nerven. Außerdem braucht sein Auto kaum eine Stunde, während wir mit dem Auto des Hotels zwei Stunden unterwegs sind. Und was das beste ist: wir können unser ganzes Gepäck mitnehmen, während unsre großen Koffer uns sonst nachgeschickt werden müssen.«

Viktor blieb unwillkürlich stehen. War es ein Strich durch seine Rechnung? Er überlegte hastig, fühlte sich beruhigt und ging weiter.

»Mir fiel ein,« sagte er zur Erklärung, als er einen mißtrauischen Blick von Farham auf sich fühlte, »ob Ihr großer Wagen auch die Seitenwege fahren kann. Aber Sie brauchen ja nur der großen Chaussee zu folgen.«

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