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Der Ring

Laurids Bruun: Der Ring - Kapitel 11
Quellenangabe
authorLaurids Bruun
titleDer Ring
publisherJ. Engelhorns Nachf.
year1929
translatorn.n.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180118
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Eingedenk Farhams Drohung und des Verdachtes, den Lacombe – nicht ganz ohne Berechtigung – auf den Geflüchteten zu wälzen versuchte, benutzte Viktor jede Möglichkeit, um mit Alasco in Verbindung zu kommen. Er fragte sogar, wie verabredet, bei dem Padrone in der kleinen Bergerie auf dem Felsenwege an, ob er jemanden wüßte, der ein Pferd zu verkaufen habe, und hatte noch am selben Tage eine Zusammenkunft mit Lucchettis Sekretär Gigi; dieser aber konnte ihm keinen Aufschluß über Alascos Aufenthalt geben, hatte nie von ihm gehört. – –

Die von Farham gestellte Frist näherte sich ihrem Ende.

Als Viktor den zweiten Tag zum Lunch hinunterkam, fand er die Familie Farham bereits an ihrem Tisch versammelt. Der Millionär drehte seinen Kopf nach ihm um, als ob er ihn an die genannte Stunde erinnern wollte.

Im selben Augenblick sah er Flora in der Tür, und war sich gleich darüber klar, daß wieder etwas Schlimmes passiert sei. Nachdem sie die üblichen Redensarten über Befinden und Wetter ausgetauscht und stillschweigend das Vorgericht gegessen hatten, nahm sie ein Buch, das sie mitgebracht hatte, und hielt es ihm hin, als ob er den schönen Ledereinband bewundern sollte. –

»Heller,« murmelte sie, »mir ist etwas Furchtbares zugestoßen, und ich habe außer Ihnen niemanden, dem ich mich anvertrauen kann.«

Ihre Finger glitten fieberhaft über das Leder, glätteten und glätteten – aber sie konnte es nicht sagen.

»Was ist geschehen?« fragte er ruhig, nahm ihr das Buch aus der Hand und blätterte darin, so daß sie Gelegenheit bekamen, ihre Köpfe über die Seiten zu beugen.

»Heute morgen ist Lacombe bei mir gewesen,« sie gab sich den Anschein, als ob sie eine Stelle, auf die er zeigte, läse, und fuhr mit fieberhafter Eile fort: »Er hat die gestohlene Agraffe in meiner Schublade gefunden – –«

Nichts weiter.

Viktor verweilte in seiner Stellung, er fühlte Lacombes gelbe Augen in seinem Nacken – und während er in dem Buch blätterte, versuchte er ihre Worte und das Entsetzen, mit dem sie sie hervorgestoßen hatte, zu durchdringen.

»Wußten Sie, daß sie da war?«

Er mußte rücksichtslos fragen, mußte alles wissen, wenn er ihr helfen sollte.

Sie antwortete nicht, nur ihr Blick streifte den seinen.

»Und Ihr Mann?« fragte er nach kurzer Pause.

»Er weiß nichts davon, darf nichts wissen –«

»Aber er hat den Diebstahl doch selbst angezeigt!«

»Ich meine, er darf nicht wissen, daß die Agraffe gefunden ist.«

»Und die fünftausend Frank?«

»Was weiß ich? Wie kann ich wissen –?«

Ihr Kopf schwankte, als könne sie ihn nicht mehr tragen, als würde er im nächsten Augenblick in ihre hilflos ausgebreiteten Hände sinken.

Viktor fürchtete einen Nervenzusammenbruch.

»Um Gottes willen, Frau Flora,« flüsterte er, »nehmen Sie sich zusammen!« Und dann mit erhobener Stimme fortfahrend: »Ja, das ist wirklich ein ungewöhnlich schönes Gedicht.«

Sie mußte unwillkürlich lächeln, denn es war ein Buch über Vogelzucht.

»Wahrscheinlich,« flüsterte er beruhigend, »hat derjenige, der die Agraffe gestohlen hat – sicher derselbe, der sich auch des Kolliers der Fürstin bemächtigte – den Schmuck an seinen Platz zurückgelegt, nachdem er sich davon überzeugt, daß er nicht so viel wert war, wie er angenommen hatte. Er hat diese neue Gefahr nicht laufen wollen und opferte seine Fünftausend.«

Ihr Gesicht klärte sich auf.

»Ja, so wird es sich wohl verhalten,« sagte sie, richtete ihren Kopf wieder auf und schüttelte die Locke aus der Stirn.

Der Kellner servierte den zweiten Gang, und Flora aß und lachte, als ob nichts geschehen sei.

   

Lacombe nahm seinen Kaffee nicht wie sonst in der Halle ein, Viktor fand ihn in dem entferntesten Winkel des Gartens, wo er sich hinter einer Zeitung verschanzt hatte.

»Was haben Sie angestellt?« redete Viktor ihn mit sehr bedenklicher Miene an.

»Und die Fünftausend?« rief Lacombe ihm entgegen, als ob er diesen Angriff erwartet habe. Er zerknüllte die Zeitung und machte ein beleidigtes Gesicht.

»Sie müssen Mrs. Millner eine Entschuldigung machen!« sagte Viktor streng. »Wie konnten Sie glauben, daß sie besser ist als die meisten ihres Geschlechtes! Natürlich wußte sie gar nicht, wo sie die Agraffe hingelegt hatte; erst als die Fünftausend sie schreckten, unternahm sie eine hastige Durchsuchung ihrer Schubladen, konnte die Agraffe in der Aufregung nicht finden und machte Krach. Im übrigen wissen Sie ja, daß es an und für sich ein Rechtsbruch ist, wenn man andrer Leute Schubladen durchstöbert.«

»Und die Fünftausend, frage ich?« Lacombe fuhr sich mit der Hand durch sein dichtes, schwarzes, zurückgekämmtes Haar, »hat vielleicht ein guter Engel sie auf dem Kamin deponiert?«

»Wissen Sie auch, daß die Agraffe gar nicht so viel wert ist? Als der Dieb es entdeckte, hat er die Agraffe wahrscheinlich an ihren Platz zurückgelegt, weil er das Risiko des unbedeutenden Objekts wegen nicht laufen wollte.«

Lacombes gelbliche Augen irrten nach einem Ausweg suchend umher. Darauf atmete er tief, fast stöhnend.

»Gut,« sagte er, »ich werde ihrem Mann eine Entschuldigung machen. Vielleicht ist das gute Politik –«

»Nein,« unterbrach Viktor ihn mit Bestimmtheit, »ihr müssen Sie eine Entschuldigung machen. Lassen Sie den nervenschwachen Mann aus dem Spiele, oder Sie riskieren, daß er einem Zusammenbruch erliegt – und wer ist dran schuld?«

»Herr Heller,« sagte Lacombe nach kurzer Überlegung, in vertraulichem Ton, »wir haben ja gemeinsame Interessen, darum will ich Ihnen offen und ehrlich sagen, was hinter der Geschichte mit der Agraffe steckt. Es tut mir leid, es Ihnen sagen zu müssen, denn Mrs. Millner ist ja eine Landsmännin und gute Freundin von Ihnen – auch den Mann haben Sie ja gekannt, nicht wahr –?«

»Kommen Sie zur Sache!«

Viktor lehnte sich gegen die Bank zurück.

»Gut. Wie gesagt, es tut mir leid, aber ich habe Grund zu der Annahme, daß das Ehepaar Millner unter falscher Flagge segelt! – Ich erinnere mich, in den Polizeiberichten der Vereinigten Staaten, von einem Geschäftsmann und einer ungewöhnlich hohen Versicherungssumme gelesen zu haben. Der Mann war durch einen Sturz mit dem Pferde zu Schaden gekommen. Kaum war die Summe ausgezahlt, als das Paar verschwand, das Geld aber war von dem Hauptgläubiger mit Beschlag belegt, und nur einem Irrtum hatte das Paar die Auszahlung zu danken. Der geprellte Gläubiger läßt das Paar verfolgen, und man glaubt, daß eine Namensänderung vorliegt. Sie werden darum begreifen, daß ich –«

»Ihre Vermutung scheint mir ziemlich weit hergeholt,« beeilte Viktor sich zu sagen, »Amerika ist groß und Namensveränderungen dort ebenso häufig wie Bankrotts; nur das Pferd ist verdächtig – das geb' ich zu – es ist ja da drüben ein selten vorkommendes Tier.«

Der kollegiale Spott rührte Lacombe nicht.

»Wir werden sehen,« sagte er friedfertig, »ich werde telegraphisch in unserem Hauptbureau anfragen und wenn ich etwas Näheres erfahre, mache ich Ihnen davon Mitteilung. Jedenfalls scheint mir Grund genug zu einem Verdacht vorzuliegen.« Er machte eine Pause, überlegte, ob er noch mehr sagen sollte, und beugte sich dann vertraulich zu Viktor: »Ich kann Ihnen noch mehr anvertrauen. Ich habe Alasco im Verdacht, daß er das Kollier der Fürstin gestohlen hat! – Wenn ich den Augenblick für gekommen halte, werde ich ihn deswegen verhaften lassen. Ich teile Ihnen dies kollegial mit.«

Viktor ahnte, was kommen würde, aber er verzog keine Miene, hörte nur gespannt zu.

»Alasco hat die Vereinigten Staaten wegen Schulden verlassen müssen, er besitzt nichts. Farham hat ihn und seine Erfindung gekauft und die Summe, die er von ihm erhielt, ist an seine Gläubiger verteilt worden. Jetzt hat Farham ihn im Verdacht, daß er sein Übereinkommen mit ihm bereut und im geheimen mit anderen Leuten arbeitet, die seine Erfindung erwerben wollen. Seine Abreise in die Berge ist ein Vorwand, um die Insel unbemerkt zu verlassen und die Erfindung noch einmal an Farhams Konkurrenten zu verkaufen. Ich kann Ihnen aus allerbester Quelle mitteilen, daß der alte Farham heute vormittag beim Präfekten war, um zu verlangen, daß Alasco an der Flucht verhindert wird; er hat sogar eine Belohnung von hunderttausend Frank für den ausgesetzt, der seinen Aufenthalt ausfindig macht und seine Verhaftung veranlaßt.«

Er redete immer hastiger, Viktor konnte den südfranzösischen Akzent, der bei dem Wortstrom stärker hervortrat, kaum verstehen.

»Er ist bis über beide Ohren in Mrs. Millner verliebt, das ist für alle offenbar, auch Ihnen kann es nicht entgangen sein. Ob bereits ein regelrechtes Verhältnis besteht, weiß man nicht, doch ist es anzunehmen, da der kranke Ehemann ja keine Kontrolle ausüben kann. Man darf annehmen, daß Alasco die Insel um jeden Preis verlassen will, unter anderm, weil er das Kollier hier ja nicht zu Geld machen kann. Die zehntausend Frank, die er schlauerweise deponiert hat, um den Verdacht von sich abzulenken, sind sicher der Rest seines Barvermögens gewesen. Er muß also fort.«

»Jetzt aber kommt die Hauptsache! Ich glaube, die Millner steckt mit ihm unter einer Decke, und er will sie mitnehmen! – Die Geschichte von der gestohlenen Agraffe und den Fünftausend ist eine Erfindung von ihr. Ich habe in Erfahrung gebracht, daß sie an jenem Abend, also am Dienstag, allein im Kasino war, – Alasco, der sonst ihr Begleiter und Berater im Spiel zu sein pflegt, war nicht anwesend, wahrscheinlich durch Vorbereitungen zur Flucht verhindert, – und daß sie ein bedeutendes Glück im Spiel hatte, das Aufsehen erregte; sie soll ungefähr zwanzigtausend Frank gewonnen haben –«

»Wann ist sie an jenem Abend nach Hause gekommen?« unterbrach Viktor ihn, indem er an das nächtliche Erlebnis dachte.

»Kann ich Ihnen nicht sagen. Mein Gewährsmann wurde um zwölf Uhr abgelöst. Doch braucht es nicht spät gewesen zu sein, denn sie hatte von Anfang an Glück im Spiel, so daß sie wahrscheinlich früh fortgegangen sein wird, um das Gewonnene nicht wieder zu verlieren. Und der Zweck der ganzen Komödie, die ihr fünftausend Frank gekostet hat –«

» Ihr gekostet?« wandte Viktor ein. »Jemand andres als der Dieb kann sie doch nicht von ihr zurückverlangen, und der wird sich schön hüten –«

»Na, einerlei – der Zweck der ganzen Komödie ist, ihren Geliebten von dem Verdacht zu reinigen, daß er das Kollier der Fürstin gestohlen hat. Sie haben sehr schlau ausgerechnet, daß Farham bei seiner Flucht, seine verzweifelte wirtschaftliche Lage verraten, und daß der Detektiv – ich also – ihn des Diebstahls verdächtigen würde. Wenn aber derselbe mystische Diebstahl an seiner Geliebten verübt wurde, dann würde kein Mensch ihn und den Dieb für identisch halten! Diesen genialen, übrigens echt weiblichen Streich aber habe ich durchschaut. Um der Sache der Fürstin zu nützen, habe ich die Untersuchung bei Mrs. Millner vorgenommen, nicht, um sie vorzeitig zu entlarven, wie Sie anzunehmen scheinen. Aber Sie werden zugeben müssen, daß das plötzliche Auftauchen der Agraffe einen sehr merkwürdigen Eindruck macht –«

Viktor nickte zustimmend.

»Dadurch hat mein Verdacht, der auf Alasco ruht, entschieden an Wahrscheinlichkeit gewonnen, wenn ich auch zugeben will, daß Mrs. Millner sich bis auf weiteres aus der Affäre zu ziehen vermag. Das aber möchte ich dennoch gleich hinzufügen, sollte auch sie Anstalten treffen, die Insel zu verlassen, dann sähe ich mich gezwungen, sie in Haft nehmen zu lassen, bis die Nachforschungen beendigt sind.«

Während dieser langen Rede hatte Viktor seinen Entschluß gefaßt.

»Sie haben recht,« sagte er, »die Sache sieht bedenklich aus, beide haben den Schein gegen sich, und Sie müssen dafür sorgen, daß weder Alasco noch Mrs. Millner die Insel verlassen.«

Lacombe fühlte sich durch die Zustimmung sichtbar erleichtert und fuhr vertraulich fort: »Die Sache liegt insofern günstig, als Farham auf eigene Rechnung gegen Alasco vorgegangen ist, so daß wir keine Beschuldigung zu formulieren brauchen, und es wird sogar klug sein, Mrs. Millner eine Entschuldigung zu machen. Farham wird schon dafür sorgen, daß Alasco nicht entschlüpft, und sie wird sicher nichts allein unternehmen. Also: wir überlassen ihn Farham, und beobachten sie weiter.«

Viktor stimmte bei.

Lacombe wollte Mrs. Millner gleich aufsuchen, um ihr seine Entschuldigung zu machen, Viktor aber hielt ihn davon zurück, damit er dem Ehemanne nicht in die Arme liefe. Er könne damit bis zum Diner warten.

»Sagen Sie mal,« begann Viktor, indem er ihn zurückhielt, »sind Sie auch sicher, daß Ihre Annahme nicht ein Fehlschluß ist? – Ich muß ja gestehen, daß ich trotz allem an Ihre Theorie nicht recht glauben kann, wenn ich auch gern zugebe, daß sie gut aufgebaut ist. Es gibt aber noch die naheliegende Möglichkeit, daß jemand von dem Personal schuldig ist –«

»Und die Fünftausend?«

»Der Diebstahl kann im Auftrag eines andern ausgeführt sein –«

»Sie meinen in Lucchettis?«

Lacombe riß vor Verwunderung die Augen auf –

»Oder in dem eines andern. Das korsikanische Temperament ist unberechenbar. Man darf keine Möglichkeiten außer acht lassen.«

»Aber erlauben Sie mal!« Lacombe machte ein beleidigtes Gesicht, weil man so wenig Vertrauen zu seinem Können hatte, »ich beobachte das Personal seit Wochen, und verhandle täglich mit dem Geschäftsführer!«

»Es ist kaum anzunehmen, daß jemand aus der persönlichen Bedienung der Fürstin oder aus dem Hotelpersonal den Diebstahl begangen hat, aber da ist ja noch das Personal aus der zum Hotel gehörigen Annex, – so weit mir bekannt, ißt die Dienerschaft hier, der Verdacht aber fällt weniger auf sie –«

»Das alles ist in Erwägung gezogen,« beruhigte Lacombe, »drüben in der Villa habe ich einen Mann, den der Geschäftsführer mir empfohlen hat, – einen internationalen Artistenagenten, einen Monsieur Weyler, der südamerikanische Operettentheater und Tanzlokale mit Chormädchen versorgt; außerdem wirkt er als unoffizieller Auswandereragent, spekuliert in der Unwissenheit der korsikanischen Landbevölkerung, hat persönliche Fühlung in der dienenden Klasse und hört ihr Geklatsch.«

*

Am Nachmittage erhielt Viktor den Bescheid, daß es Ihre Durchlaucht freuen würde, wenn Herr Heller den Tee mit ihr trinken wollte.

Die Fürstin hatte ihre bestimmte Ecke in dem recht öden Salon, mit den großen venezianischen Spiegeln und den mächtigen alten Kristallkronleuchtern.

Die Jalousien waren vor den großen offenen Fenstern herabgelassen, die Sprossen standen wagerecht, so daß Licht hereindringen konnte, der Sonnenbrand aber ausgeschlossen wurde.

Die Fürstin hatte ihre tägliche Kabale mit Mrs. Ward beendigt und gewonnen – sie gewann immer. Das Teeservice wurde gerade hereingebracht und auf einen kleinen Tisch neben den Platz der Gesellschaftsdame gestellt, als Viktor hereinkam und über den alten Parkettboden mit den vielen kleinen Teppichen in bunten Farben, antiken und modernen durcheinander, auf die Damen zuging.

Die Fürstin hatte offenbar etwas sehr Wichtiges auf dem Herzen, sie winkte ihm schon von weitem eifrig mit ihren kleinen Händen, und kaum hatte er sich nach dem Handkuß ihr gegenüber am Fenster niedergelassen, als sie ihm mit geheimnisvoller Miene, eifrig wie ein Kind, zuflüsterte, daß sie eine Spur gefunden hätte.

Während Mrs. Ward den Tee voller Sorgfalt und Feierlichkeit zubereitete, als ob er zu einem Empfang in einem vornehmen japanischen Heim sei, wo die Teebereitung eine heilige Handlung mit einem tausendjährigen Ritus ist, erzählte die Fürstin, was ihrer Gesellschaftsdame am gestrigen Abend zugestoßen sei. Jedesmal, wenn Mrs. Ward etwas zur Berichtigung einfügen wollte, fertigte sie sie mit einem Seitenblick ab; sie wollte sich das Vergnügen des Erzählens nicht nehmen lassen.

»Mrs. Ward ist ein sehr gewissenhafter Mensch. Neulich mache ich eine Bemerkung darüber, daß die Wäsche des Hotels Verschiedenes zu wünschen übrig läßt, – und gestern nachmittag nimmt Mrs. Ward sich der Sache an, während ich meinen Nachmittagsschlaf halte, – sie will sich mit eigenen Augen davon überzeugen, wie die Wäsche behandelt wird. Davon verstehen Männer nichts, und dennoch ist es von größter Wichtigkeit, wie ich Sie versichern kann.

Mrs. Ward begibt sich zum Trockenplatz, der gleich hinter dem Garten liegt, hinter der hohen Hecke, Sie wissen wohl. Es war nach der Arbeitszeit, und als sie durch die Pforte kommt, ist niemand zugegen, so daß sie sich ungeniert umblicken kann. Wäsche hängt an Schnüren, und Wäsche liegt zur Bleiche auf dem Rasen, das ist alles ganz schön und gut. Da hört sie ein Rieseln und denkt natürlich, das ist das Bassin, worin die Wäsche gespült wird. Sie folgt dem Laut und entdeckt ganz richtig ein großes Marmorbassin in einer Ecke unter Bäumen. Aus einem Hahn rinnt Wasser und spült über den Rand des Beckens.

Was aber sieht sie, als sie näherkommt? – Ein Mädchen des Personals steht zwischen zwei Wäschereihen versteckt, hat Bluse und Hemd von den Schultern gestreift – es war ja sehr warm – und nimmt eine Dusche unter dem Wasserhahn, um sich zu kühlen. Sie hatte sehr hübsche Schultern und Brüste –«

Mrs. Ward versuchte empört zu protestieren – auf ihren grauen, faltigen Wangen erschienen zwei rote Flecke. Viktor konnte kaum seinen Ernst bewahren.

»Liebe Ward,« sagte die Fürstin, indem sie Viktor einen schelmischen Blick zuwarf, »wer wird Ihnen verdenken, daß Sie für dergleichen Augen haben, gibt es etwas Schöneres als den menschlichen Körper? – Habe ich nicht recht, Monsieur? – Kurz und gut, Mrs. Ward überrascht das Mädchen, und was sieht sie auf dem Rande des Bassins blitzen? – Einen Ring!

›Gehört dieser kostbare Ring Ihnen, mein Kind?‹ fragt Ward auf ihre sanfte Art, nimmt den Ring und sieht eine große echte Perle zwischen zwei Saphiren, und – hören Sie gut zu, Monsieur – das Mädchen errötet, errötet tief, reißt Mrs. Ward den Ring aus der Hand, streift Hemd und Bluse über ihren nassen Körper und will davonlaufen.

Mrs. Ward aber vertritt ihr sanft und bestimmt den Weg zwischen den Wäschereihen – oh, Mrs. Ward ist schlau und geschickt wie ein Vogelfänger – doch, doch, Ward, – und anstatt sie zur Rechenschaft zu ziehen, wie sie, ein armes Mädchen, in den Besitz dieses kostbaren Ringes gekommen sei, reicht sie ihr lächelnd das Handtuch, das bereit liegt, – um das Zutrauen des Mädchens zu gewinnen. Während das Mädchen sich trocknet, erzählt sie ihr, daß sie schön ist, und daß die Fürstin gern hübsche Menschen um sich hat. Und bevor sie den Vogel entschlüpfen läßt, nimmt sie ihm das Versprechen ab, daß sie sich am selben Abend, nach dem Diner, bei Mrs. Ward melden solle, damit ich sie ansehen und möglicherweise für meine persönliche Bedienung verpflichten könnte.

Sehen Sie, Monsieur – als ich hörte, daß sie errötete, dachte ich gleich, daß sie vielleicht den Ring gestohlen habe – und als ich dann erfuhr, daß sie davonlaufen wollte, da war ich mir darüber klar, daß sie in dem Sold eines andern stehe. Denn was nützt es einem armen Mädchen, daß es davonläuft, wenn es nicht – beachten Sie meinen Scharfsinn, Monsieur – jemanden kennt, zu dem es laufen kann, und der mächtig genug ist, um sie zu beschützen. Sie wissen, wen ich meine, Monsieur –«

Ihre kleinen Augen blitzten vor Selbstzufriedenheit, und der Vogelkopf mit der hohen Frisur nickte, daß die langen Ohrschmucke hüpften. Indem sie einen vorsichtigen Blick durch die Sprossen der Jalousien warf, beugte sie sich näher zu Viktor und flüsterte: »Wir haben es hier natürlich mit einem Handlanger von –« ihre Lippen formten lautlos das Wort ›Lucchetti‹ – »zu tun. Denn wer einen kostbaren Ring stiehlt, scheut sich auch nicht, sich eines Kolliers zu bemächtigen. Natürlich glaube ich nicht, daß das Mädchen sich heute abend meldet, und dann wissen wir alle, wer der Dieb ist. – Sollte sie sich aber dennoch melden, dann schicke ich sie zu Ihnen, unter irgend einem Vorwand – Sie, als Mann vom Fach, müssen sie dann verhören und zu einem Geständnis bringen. Wie Sie sehen, habe ich unbegrenztes Zutrauen zu Ihrer Intelligenz!«

Viktor war wenig entzückt über diese aussichtslose Aufgabe. Aber was sollte er machen? Er dankte der Fürstin für ihr Vertrauen und versprach sein Bestes zu tun. Mit dem Mädchen mußte er dann auf irgend eine Weise fertigzuwerden versuchen.

Die Fürstin war ermüdet und verbarg es nicht. Ihre kleinen Augen bekamen einen matten Ausdruck, als ob alles Licht darin erloschen sei. Und Viktor empfahl sich hastig.

   

Auf dem Rückwege begegnete er Lacombe.

»Die Fürstin hat eine Spur gefunden,« sagte er im Vorbeigehen, mit einem Lächeln im Auge.

Lacombe übersah das Lächeln und blieb gespannt stehen. Viktor benutzte die Gelegenheit, um ihn von Flora und Alasco abzulenken, und erzählte ihm von dem Mädchen und dem kostbaren Ring.

Lacombe notierte. Er wollte den Artistenagenten Weyler gleich davon benachrichtigen. Das Mädchen gehörte wahrscheinlich zu dem Personal der Villa, und wenn es wirklich eine Spur war, würde Weyler schon ausfindig machen, wohin sie führte.

   

Gleich nach dem Diner begab Viktor sich auf sein Zimmer. Er ärgerte sich, daß er nicht Geistesgegenwart genug gehabt hatte, den törichten Auftrag abzulehnen. Was sollte er dem Mädchen sagen?

Die Balkontür stand offen. Er setzte sich mit einem Buch auf den Balkon, um die beginnende Kühle des Abends zu genießen. Aus dem Garten stieg der süße Duft der blühenden Akazien zu ihm herauf, vermischt mit dem kräutrigen Atem der Macchia aus den Bergen.

Da wurde leise an seine Tür geklopft – und jemand trat ins Zimmer.

In der spiegelnden Scheibe der Balkontür sah er die Gestalt einer Frau, die neben der Tür stehen geblieben war –

Sie trug ein dunkles Kleid, am Halse ausgeschnitten, mit einer weißen Spitzenkante. Auf ihrem dunklen Haar saß die fein gefaltete Haube der Stubenmädchen. Sie stand ganz still, die großen Augen auf ihn geheftet –

Was trug sie um den Hals? – Er stand auf und trat an sie heran –

Es war ein blaues Seidenband, an dem etwas hing, was von der Bluse verborgen wurde –

Sie überreichte ihm ein Buch und murmelte etwas, wovon er das Wort »die Fürstin« verstand.

»Wie heißen Sie?« fragte er, indem er das Buch nahm –

»Teresa.«

Die freie Haltung, der kräftige, volle Hals, das schwarzbraune Haar, das im Nacken in einem altmodischen Knoten aufgesteckt war und vorn in die klare, ernste Stirn fiel.

Die Kinderfalte über der linken Braue war noch immer da – war sie aber früher fragend und erstaunt gewesen, so zeugte sie jetzt von Wissen und Zurückhaltung. Der Blick war von einem dunkeln, leuchtenden Blau, wie er es nur einmal in seinem Leben gesehen hatte, der Ausdruck rein, offen, wehmütig –

Kein Zweifel, es war das Rotkäppchen, das Zigeunermädchen!

Die süße Rundung der Wange, das unbekümmerte, freimütige Kinderlächeln hatten die Jahre mit sich genommen – vier lange Jahre. Und dennoch hätte er sie wiedererkannt, wo immer er ihr begegnet wäre –

Das Blut stieg ihr in die Wangen, die Brauen hoben sich voller Staunen, ihre Hand griff unwillkürlich zur Litze –

Er lächelte, denn dieser Bewegung erinnerte er sich genau, sie hatte sich tief in seinem Gedächtnis eingegraben –

Er saß wieder im »Goldenen Engel« und betrachtete durch Rauch und Speisedunst das Mädchen am Klavier – blutjung, hochaufgerichtet, eine rote Mütze auf dem dunkeln Haar, ein Seidenband um den Hals –

Jetzt lächelte sie ihm wieder zu, mit den spitzen Kinderzähnen, wie damals. Als er aber nach ihren Händen griff, blendeten sich ihre Augen –

Er sah ihr an, was sie dachte: Nicht einmal seinen Namen weiß ich, und dennoch erinnere ich mich seiner so lebhaft!

Er zog sie mit sich in das schwindende Tageslicht des duftgesättigten Abends, bot ihr einen Stuhl am Fenster und setzte sich neben sie.

Sie hielt ihren Kopf abgewandt und antwortete wortkarg.

Er wog jede Frage vorsichtig, denn er merkte, daß ihr die Erinnerung wehtat. Er sagte, er habe gesehen, wie Walther sie den Abhang hinabtrug –

Als er Walthers Namen nannte, ging ein Beben über ihre Züge, und er erwähnte ihn nicht mehr.

Er erfuhr nur, daß sie sich aus der Gewalt des Kellners befreit habe, aber nicht wieder zu Onkel Fritz zurückgekehrt sei, obgleich er immer gut zu ihr gewesen wäre. Sie habe bei seiner Schwester auf dem Lande gelebt, bis zu ihrem siebzehnten Jahre.

Von der folgenden Zeit erzählte sie nur, daß sie mit Hilfe guter Menschen in das Hotelfach gekommen sei und mit der großen Schar der Kellner und Zimmermädchen, die jede Saison von den Hotels der Schweiz zur Riviera strömen, hierhergekommen wäre.

Viktor wollte sie nicht merken lassen, daß er im Auftrag der Fürstin handelte. Er fragte sie nur, wie es zugehe, daß sie in dem persönlichen Dienst der Fürstin stehe?

Auf diese Weise erfuhr er, was ihr am Marmorbassin mit der Gesellschaftsdame der Fürstin zugestoßen sei. Sie verhehlte nicht, daß die Zudringlichkeit der Dame sie unangenehm berührt habe. Daß ein Verdacht dahinter steckte, war ihr glücklicherweise nicht eingefallen.

Er erkundigte sich nach ihrer Stellung in der Villa, auf welchem Stockwerk sie diente und wie lange sie noch hierbleiben würde. Aus ihren knappen Antworten ersah er, daß sie sich wohl befand.

Teresa erhob sich. Die Gesellschaftsdame hatte um eine Rückantwort gebeten.

Viktor begriff.

Er blätterte in dem Buch, das sie ihm gebracht hatte, – tat, als ob er hier und dort eine Stelle las. Darauf schrieb er auf eine Karte, die er an Mrs. Ward richtete, daß seiner Überzeugung nach das Mädchen ganz unschuldig sei. Um aber festzustellen, ob sie vielleicht das Werkzeug eines andern sei, hielte er es für das beste, sie ungestört in ihrer Stellung zu lassen. Er würde sie dann heimlich beobachten und der Fürstin Mitteilung machen, falls ihm etwas Verdächtiges auffallen würde –

Während er das Geschriebene in einen Umschlag steckte und die Adresse schrieb, sagte er: »Wenn ich Ihnen raten darf, dann lehnen Sie ab, falls die Fürstin oder ihre Gesellschaftsdame Ihnen eine andre Stellung anbietet.« Und als sie ihm einen erstaunten Blick zuwarf, beeilte er sich hinzuzufügen: »Ich werde Ihnen gelegentlich eine Erklärung dafür geben.«

Er übergab ihr den Brief und während er ihre Hand hielt, sagte er: »Falls Ihnen etwas Unangenehmes zustößt, dann kommen Sie zu mir. Ich werde Ihnen nach bestem Können helfen.«

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