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Gutenberg > Pedro Calderón de la Barca >

Der Richter von Zalamea

Pedro Calderón de la Barca: Der Richter von Zalamea - Kapitel 4
Quellenangabe
typedrama
booktitleCalderons ausgewählte Werke Bd. II
authorPedro Calderón de la Barca
translatorJohann Diederich Gries
firstpub1817
yearca. 1905
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleDer Richter von Zalamea
pages195-292
created20050607
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Dritter Aufzug.

Waldgebirge; Morgendämmerung.

Isabel tritt auf.

Isabel. O daß nimmer meinen Augen
Strahlen mag des Tages Schimmer,
Daß ich nicht bei seinem Glanze
Vor mir selber Scham empfinde!
O du, so unzähl'ger Sterne
Flücht'ger Erstling! Mache nimmer
Platz Auroren, zu betreten
Dein azurnes Luftgefilde,
Um mit Lächeln und mit Thränen
Dein anmut'ges Licht zu tilgen;
Und soll's dennoch sein, so mag sie
Lächeln nicht, nur Thränen bringen.
Du, des Tages großer Stern!
Weile länger noch im frischen
Meeresschaum und einmal nur
Laß die scheue Nacht ihr zitternd
Reich verlängern. O erhöre
Dieses Flehn, damit man wisse,
Deine Gottheit folge nicht
Fremdem Zwang, nur eignem Willen.
Warum willst du aufgehn, sprich!
Um in meines Leids Geschichte
Zu erschaun den größten Frevel,
Das verruchteste Beginnen,
Das, zur Rache für die Menschen,
Je auszeichnen ließ der Himmel?
Aber, ach! es scheint, du willst
Nur mit Grausamkeit regieren;
Denn nachdem ich bat, du mögest
Noch verziehn, sehn meine Blicke
Schon dein hehres Angesicht
Sich erheben ob dem Gipfel
Des Gebirgs. O wehe mir!
Rings bedrängt, umhergetrieben
Von so wilder Angst, so hartem
Jammer, so gewalt'gem Grimme,
Seh' ich nun auf meiner Ehre
Sturz auch deinen Zorn gerichtet.
Was beginnen? Wohin fliehn?
Wenn mein irrer Fuß die Schritte
Lenkt zur Rückkehr in mein Haus,
Bring' ich neue Kümmernisse
Meinem schon bejahrten Vater,
Dem kein andres Glück hienieden
Uebrig war, als sich zu weiden
An dem reinen Mondesschimmer
Meiner Ehre, den unselig
Solch ein Schandfleck jetzt verfinstert.
Wenn aus Achtung gegen ihn
Und aus Furcht ich mich entschließe,
Nicht zurückzukehren, lass' ich
Offnen Weg der Lästerstimme,
Ich sei meiner Schmach Mitschuld'ge;
Und verblendet, unvorsichtig
Lass' ich dann die Unschuld selbst
Als der Lästrung Bürgschaft dienen.
O wie that ich schlimm, wie schlimm,
Meinem Bruder eil'gen Schrittes
Zu entfliehn! War's besser nicht,
Daß sein Zorn, vom Stolz getrieben,
Mir den Tod gab, als er sah,
Welches Schicksal ich erlitten?
Ruf' ich ihn, daß er zurück
Komme mit rachsücht'germ Grimme,
Mich zu töten! Bange Töne
Rufe mir des Echo Stimme
Nach . . .

Crespo (ungesehen). Komm wieder, mich zu töten!
Sei aus Mitleid Todesbringer!
Denn kein Mitleid ist's, das Leben
Dem Unglücklichen zu fristen.

Isabel. Welche Stimm' ist dies, undeutlich
Tönend, kaum zum Ohre dringend?
Nicht erkennen kann ich sie.

Crespo (wie oben). Tötet mich, wenn ihr der Milde
Ruhm verlangt!

Isabel.                       Wie? Noch ein andrer
Ruft den Tod? O Himmel! Himmel!
Noch ein Unglücksel'ger ist,
Welcher lebet wider Willen?

(Sie nähert sich der Gegend, woher die Stimme ertönte, und erblickt, das Gebüsch auseinander biegend, ihren Vater, an einen Baum gebunden.)

Isabel. Aber was erblickt mein Auge?

Crespo. Wer du seist, der dies Gebirge
Mit zaghaftem Fuß beschreitet:
Willst du selber Mitleid finden,
Komm und töte mich! – Doch weh mir!
Was ist's, das mein Aug' erblicket?

Isabel. Mit zurückgebundnen Händen,
Dort, an einer rauhen Birke . . .

Crespo. Mit gebrochner Stimme Mitleid
Von des Himmels Höhn erringend . . .

Isabel. Steht mein Vater.

Crespo.                           Kommt mein Kind.

Isabel. Vater! Herr!

Crespo.                   Mein Kind, geschwinde!
Komm und löse diese Fesseln.

Isabel. Wehe mir! ich wag' es nimmer.
Ach! löst einmal meine Hand
Diese Fesseln, die dich binden,
Vater, o dann wag' ich nicht,
Dir mein Unglück zu berichten,
Meine Pein dir zu erzählen.
Denn wofern du einmal siehest
Frei die Hand, geraubt die Ehre,
Gibt den Tod mir dein Ergrimmen.
Drum, bevor ich sie gelöst,
Will ich dir mein Leid berichten.

Crespo. Halt ein, Isabel, halt ein!
Sage nichts; denn Unglück gibt es,
Das man nicht bedarf zu hören,
Isabel, um es zu wissen.

Isabel. Ach! gar viel mußt du erfahren;
Und notwendig wird, erbittert,
Sich dein Mut zur Rach' entflammen,
Eh ich alles dir berichtet.
Gestern abend noch genoß ich,
Unbesorgt, des sichern Friedens,
Den, im Schutze deines Alters,
Meine Jugend mir bestimmte;
Als auf einmal die vermummten
Frevler, mit dem argen Willen,
Das, was Ehre stets verteidigt,
Durch Gewaltthat zu besiegen,
Fort mich raubten: wie der Wolf,
Hungrig und voll Blutbegierde.
Raubt das unerfahrne Lämmlein
Von des Mutterschafes Zitzen.
Jener Hauptmann, jener rohe,
Undankbare Gast, der mit sich
Bracht' in unser friedlich Haus
Solch ein nie erlebt Gewirre
Von Verräterei'n und Ränken,
Von Zerrüttungen und Zwisten,
Er war's, der mit frechen Armen
Mich umschloß, indes vorsichtig
Ihm den Rücken deckten andre
Frevler, die der Fahne dienen.
Dieser Berg, der gleich am Dorfe
Sich erhebt, gewährt' im dichten
Waldgebüsch ihm sichre Freistatt;
Wann nicht waren die Gebirge
Freistatt frevelnder Gewalt?
Zwiefach dort mir selbst entrissen
Sah ich mich, als auch dein Rufen,
Das du jammernd nach mir schicktest,
Mich verließ, weil schon die Lüfte,
Welchen du dein Klaggewimmer
Anvertraut, mit jedem Schritt
Immer mehr und mehr entwichen,
So daß, was zuerst war deutlich
Ausgesprochner Wort' Erklingen,
Nicht mehr Stimme war, nur Schall,
Rasch hinweggeführt vom Winde;
Nicht mehr Stimme, nur ein Echo
Unbestimmt verworrnen Schwirrens:
Wie, wer die Trommete hört,
Ihrer Nähe sich entziehend,
Noch durch lange Zeit vernimmt,
Wenn nicht Klanggetön, doch Schwirren.
Der Verräter nun, gewahrend,
Daß ihm niemand nachgeschritten,
Daß mich niemand mehr beschütze
(Denn sogar der Mond vertilgte,
Um sich ziehend dunkle Wolken,
Grausam oder rachbegierig
– Weh mir! – das erborgte Licht,
Das er von der Sonn' entliehen),
Er versuchte jetzt – o weh mir
Tausendmal! – mit hinterlist'gen,
Falschen Worten zu entschuld'gen
Seine Liebe. Wer nur immer
Wird nicht staunen, daß Beleid'gung
Gelten will für zartes Minnen?
Weh dem Manne, weh dem Manne,
Welcher sinnet, Frauenliebe
Durch Gewaltthat zu erwerben!
Denn er merkt nicht, denn er sieht nicht,
Daß des Liebeglücks Triumphe
Nicht bestehn im Beut' erringen,
Sondern darin, eines Herzens
Freie Neigung zu gewinnen;
Denn wer die gekränkte Schönheit
Liebet ohne Gegenliebe,
Dieser liebt ein schönes Weib,
Dem das Leben schon entwichen.
Wie viel Bitten, wie viel Klagen,
Bald demütig, bald erbittert,
Bracht' ich vor! Jedoch vergebens;
Denn (hier schweige, meine Stimme!)
Uebermütig (still, mein Jammer!),
Schamlos (meine Seufzer, wimmert!),
Tierisch roh (ihr Augen, weinet!),
Grausam wild (mein Atem, schwinde!),
Schrecklich (Bosheit, werde taub!),
Ungestüm (o Nacht, umgib mich!), – –
Und wenn, was der Stimme fehlt,
Manchmal die Gebärde schildert,
Deck' ich nun vor Scham mein Antlitz,
Thränen vor Verdruß vergieß' ich,
Schlag' an meine Brust vor Grimm,
Und vor Wut die Hände ring' ich;
Du, verstehe die Gebärden,
Denn die Sprache fehlt der Stimme.
Gnug, indes der Widerhall
Meiner Klagen tönt' im Winde
Und nicht Hilfe mehr, nur Rache
Heischte von der Macht des Himmels,
Kam Aurora; und mit ihr,
Der das Licht zum Führer diente,
Hört' ich ein Geräusch im Walde.
Um mich schauend, Gott! erblick' ich
Meinen Bruder. – O grausames
Schicksal! Wann, o wann nur immer
Ist das Glück dem Unglücksel'gen
Früh genug zur Hilf' erschienen?
Er, beim zweifelhaften Licht,
Das, wenn nicht erhellt, doch schimmert,
Er erkennt sogleich mein Elend,
Eh's ihm jemand noch berichtet;
Denn luchsäugig ist der Schmerz
Und sein Blick durch alles dringend.
Ohn' ein einzig Wort, entblößt er
Jenes Schwert, das du an diesem
Tag ihm selber gabst. Der Hauptmann,
Der die späte Hilf' erblicket,
Die mir naht, zieht gegen jene
Alsobald die blanke Klinge.
Los stürzt einer auf den andern,
Bald angreifend, bald sich schirmend;
Und ich, während diese zwei
In so mut'gem Kampf begriffen,
Furchtsam und gebeugt, erwägend,
Daß mein Bruder ja nicht wisse,
Ob ich Schuld hab' oder nicht,
Und bei der Erklärung zitternd
Für mein Leben – ich nun wende
Schnell den Rücken und entfliehe
Durch des Berges dichte Waldung.
Doch die Flucht – nicht so geschwinde
War sie, daß ich nicht zuweilen
Lauschte durch der Zweige Gitter;
Denn, mein Vater, mich verlangte,
Das, dem ich entfloh, zu wissen.
Bald sah ich des Hauptmanns Blut
Fließen von des Bruders Klinge.
Jener fiel; Juan wollt' ihm helfen,
Als die Leute, die erschienen,
Ihren Hauptmann aufzusuchen,
Auf ihn ein voll Rachsucht dringen.
Wehren will er sich; doch sehend,
Daß er kämpfen muß mit vielen,
Flieht er schnell. Sie folgen nicht,
Weil sie alle sich entschließen,
Lieber ihren Herrn zu retten,
Als ihm Rache zu erringen.
Auf dem Arm den Hauptmann tragend,
Stiegen sie ins Dorf hernieder,
Ohn' an sein Vergehn zu denken;
Denn im Drange so verschiednen
Unheils wollten sie zuerst
Das Notwendigste vollbringen.
Ich nun, die mit bangem Lauschen
Sah verkettet und verwickelt
Ein Bedrängnis mit dem andern,
Blind, verwirrt, von Angst ergriffen,
Ohne Licht und Rat und Leitung,
Rannt' umher, klomm auf, stieg nieder
Im Gebirg, im Thal, im Walde;
Bis ich, dir zu Füßen sinkend,
Ehe du den Tod mir gebest,
Dir mein ganzes Leid berichtet.
Und jetzt, da du alles weißt,
Jetzt, als ein gestrenger Richter,
Wende gegen mich den Stahl,
Gegen mich des Muts Ergrimmen.
Denn damit du jetzt mich tötest,
Löset diese schnöden Stricke
Meine Hand; laß ihrer ein'ge
Sich um meinen Nacken schlingen. (Sie bindet ihren Vater los.)
Deine Tochter bin ich, ehrlos,
Und du frei; deshalb gewinne
Würd'ges Lob durch meinen Tod.
Laß den Ruf von dir berichten,
Daß, um Leben deiner Ehre,
Du den Tod gabst deinem Kinde. (Sie kniet.)

Crespo (sie aufrichtend).
Steh auf, Isabel, vom Boden!
Nein, du sollst nicht länger knieen;
Denn gäb's solche Dinge nicht,
Die uns quälen und verdrießen,
So wär' unnütz ja der Kummer,
Ungeschätzt das Glück hienieden.
Für die Menschen sind sie da;
Wohl bedarf's, mit kräft'gem Willen
In die Brust sie einzudrücken.
Komm, mein Mädchen, komm geschwinde.
Laß uns heimgehn. Meinem Jungen
Droht Gefahr; und nötig ist es,
Daß wir mit der größten Sorgfalt
Nach ihm forschen, um zu wissen,
Wo er ist, und eine Freistatt
Ihm zu schaffen.

Isabel (beiseite).       Güt'ger Himmel!
Ist dies weise Fassung, oder
Ist's Verstellung?

Crespo.                       Komm von hinnen!
(Beiseite.) Ha, bei Gott! Hat das Bedürfnis,
Die Notwendigkeit des dringend
Eiligen Verbands, den Hauptmann
In das Dorf zurückgetrieben,
Wär's ihm besser, denk' ich wohl,
Daß er stürb' an diesem Hiebe,
Um sich zu entziehn dem andern
Und den tausend andern. Nimmer
Soll er meinem Grimm entgehn,
Bis er tot ist. – (Laut.) Komm geschwinde,
Tochter; laß uns gehn!

Indem sie gehen wollen, kommt der Gerichtsschreiber.

Gerichtsschreiber.             O Herr
Pedro Crespo, gebt mir Trinkgeld!

Crespo. Trinkgeld? Und wofür denn, Schreiber?

Gerichtsschreiber. Der Gemeinderat, einstimmig,
Hat zum Richter Euch erwählt;
Und gleich findet Ihr zwei wicht'ge
Sachen beim Beginn des Amtes:
Eine, daß der König Philipp
Kommt in unser Dorf noch heut,
Oder morgen doch entschieden,
Wie es heißt; und dann die andre,
Daß Soldaten ganz im stillen
Und mit großer Hast den Hauptmann,
Der hier gestern im Quartiere
Lag mit seiner Schar, ins Dorf
Heimgebracht, ihn zu verbinden.
Er sagt nicht, wer ihn verwundet;
Aber, wenn es wahr sich findet,
Ist's ein wicht'ger Fall.

Crespo (beiseite).                 O Gott!
Jetzt, da ich auf Rache sinne,
Macht zum Herrn von meiner Ehre
Plötzlich mich der Stab des Richters.
Darf ich einen Fehl begehn,
Wenn in diesem Augenblicke
Man zum Richter mich ernennt,
Um der andern Fehl zu hindern?
Aber Fälle, diesem gleich,
Werden nicht so rasch entschieden. –
(Laut.) Höchst verpflichtet bin ich denen,
Die mich wert geschätzt so wicht gen
Amtes.

Gerichtsschreiber. Aufs Gemeindehaus
Kommt; und wenn Ihr im Besitze
Eures Richterstabes seid,
Könnt Ihr gleich Verhör beginnen
In der Sache.

Crespo.                 Laßt uns gehn!
Isabel, nach Haus begib dich.

Isabel (beiseite). Güt'ger Himmel, schone mein! –
(Laut.) Laß mich mit dir gehen.

Crespo.                                             Wisse,
Kind, ein Richter ist dein Vater,
Und er wird dein Recht dir sichern. (Alle ab.)

 


 
Bauernstube.

Der Hauptmann, den Arm in einer Binde, und der Sergeant treten auf.

Hauptmann. Meine Wund' ist offenbar
Höchst gering. Warum denn mußte
Ich ins Dorf zurück?

Sergeant.                         Wer's wußte,
Ehe sie verbunden war!

Hauptmann. Nun, das ist sie zum Bedarf;
Doch jetzt ist zu überlegen,
Daß man einer Wunde wegen
Nicht das Leben wagen darf.

Sergeant. Würd' es nicht viel schlimmer stehn,
Wenn Ihr all' Eur Blut verloren?

Hauptmann. Dafür ist gesorgt; doch Thoren
Sind wir, wenn wir schnell nicht gehn.
Rasch! eh das Gerücht im Ort,
Daß wir hier sind, noch erschalle.
Sind die andern auch da?

Sergeant.                                 Alle!

Hauptmann. Nun, so helfe Flucht uns fort
Aus den Händen dieser Frechen.
Denn erfährt die Bauernschar,
Ich sei hier, so droht Gefahr,
Und es geht ans Hälsebrechen.

Rebolledo tritt auf.

Rebolledo. Da kommt das Gericht herein!

Hauptmann. Was hab' ich mit dem Gerichte
Hier zu schaffen?

Rebolledo.                   Ich berichte
Dieses bloß: es trat hier ein.

Hauptmann. Gut, so bin ich schon geborgen.
Weiß man einmal, ich sei da,
Mag's drum sein; so hab' ich ja
Von dem Volk nichts zu besorgen.
Denn des Ortes Obrigkeit
Muß ohn' alles Widerstreben
Mich dem Kriegsgerichte geben,
Und ich bin in Sicherheit;
Ist gleich schwierig meine Sache.

Rebolledo. Ohne Zweifel hat der Vater
Sich beschwert.

Hauptmann.             Gewiß, das hat er!

Crespo tritt auf, mit dem Richterstabe in der Hand, von bewaffneten Baueru begleitet.

Crespo (im Eintreten). Stellt vor alle Thüren Wache
Und laßt keinen mir hinaus
Der Soldaten, die hier drinnen;
Und sucht einer zu entrinnen,
Schlagt ihn tot.

Hauptmann.           Mit solchem Braus
Dringt ihr ein? (Er erkennt den Crespo.)
                        Was muß ich sehen?

Crespo. Warum nicht? Die Obrigkeit
Soll vielleicht erst lange Zeit
Um die Gunst des Zutritts flehen?

Hauptmann. Mit der Obrigkeit – wenn Ihr
So seit gestern Euch verwandelt –
Hab' ich, falls Ihr achtsam handelt,
Nichts zu thun.

Crespo.                   Wir wollen hier
Nicht, Herr Hauptmann, uns entzwein.
Nur ein einziges Begehr
Führt, mit Eurer Gunst, mich her;
Und deshalb muß ich allein
Mit Euch bleiben.

Hauptmann (zu den Soldaten). Ihr könnt gehen.

Crespo (zu den Bauern). Geht auch ihr; doch laßt euch raten,
Daß ihr jeden der Soldaten
Wohl bewacht.

Gerichtsschreiber.   Es soll geschehen.

(Die Bauern nehmen den Sergeant und Rebolledo in die Mitte und führen sie ab.)

Crespo. Jetzt, da ich als Obrigkeit
Mich mit ihrer Macht gerüstet,
Um zum Hören Euch zu zwingen,
Leg' ich hin den Stab der Würde
Und will nur als Mensch, nichts mehr,
Meinen Kummer Euch enthüllen. (Er legt den Richterstab auf einen Tisch.)
Und somit, Herr Don Alvaro,
Da wir jetzt allein sind, dürfen
Wir nun offenherziger reden,
Ohne daß so viel Gefühle,
Die im Kerker meiner Brust
Ich so sorgsam unterdrückte,
Mit voreil'gem Ungestüm
Aus der Haft des Schweigens stürmen.
Ich bin ein rechtschaffner Mann,
Der, wenn er sich wählen dürfte
Die Geburt – Gott ist mein Zeuge! –
Keinen Fehl an sich ertrüge,
Keine Makel, wär' er tilgbar
Für den Ehrgeiz meiner Wünsche.
Immerdar, bei meinesgleichen,
Hielt ich fest auf meine Würde;
Der Gemeinderat, die Schöppen
Achten mich und sind mir günstig.
Ich bin reich an Hab und Gut;
Denn es gibt – Dank sei dem güt'gen
Himmel! – keinen Landmann rings,
Der sich mir vergleichen dürfte
An Vermögen. Meine Tochter
Wuchs heran, wie mich bedünket,
In dem besten Ruf der Tugend,
Zucht und Sitte, der zu wünschen
Auf der Welt. So war die Mutter,
Die im Himmel Gott beglücke!
Wohl genügt – ich glaub' es, Herr –
Um dies alles zu verbürgen,
Daß ich reich bin, und doch keiner
Mich verlästern mag; demütig,
Und doch keiner mich beschimpft;
Des ich um so mehr mich rühme,
Da ich leb' in einem Oertchen,
Wo am meisten wird gesündigt
Dadurch, daß wir gern des Nachbars
Fehler und Gebrechen rügen;
Wollte Gott, Herr, daß man nur
Sie zu wissen sich begnügte! –
Ob sie schön ist, meine Tochter,
Mag Eur Wahnsinn selbst verkünden;
Sollt' ich gleich, indem ich's sage,
Mit der herzlichsten Betrübnis
Es bemeinen. – Ja, Herr, dies
War mein Unglück! – Nicht entschlürfen
Laßt uns alles Gift dem Kelche;
Bleib' auch der Geduld was übrig!
Herr, wir dürfen ja nicht alles
Lassen durch die Zeit bewirken;
Etwas müssen wir auch thun,
Um den Fehler zu vergüten.
Dieser, seht Ihr, ist sehr groß,
Und wie gern ich ihn verhüllen
Möchte, kann ich's nicht, weiß Gott!
Denn wär's möglich, unergründet
In mir selbst ihn zu begraben,
Uebt' ich nicht, was ich nun übe,
Und trüg' alles in Geduld,
Um nur reden nicht zu müssen.
Wenn ich nun, so offenbarer
Unbill abzuhelfen wünschend,
Hilfe suche meiner Schmach,
So ist's Rache nur, nicht Hilfe;
Und wie ich auch sinne, weiß ich
Nur ein Mittel auszuspüren,
Das mir hilft und Euch nicht schadet.
Dieses: daß ich unverzüglich
All mein Gut Euch übergebe,
Ohne mir, noch meinem kühnen
Sohne (den mein eigner Arm
Schleppen soll zu Euren Füßen)
Einen Deut vorzubehalten;
Sondern, bleibt zu unserm dürft'gen
Unterhalt kein andrer Weg
Und kein andres Mittel übrig,
Wollen wir Almosen betteln.
Ja, und wollt Ihr unverzüglich
Mit dem eingebrannten Mal
Auf den Sklavenmarkt uns führen,
Soll die Summe, die Ihr löset,
Noch die Morgengabe füllen.
Stellet wieder her den Ruf,
Den Ihr raubtet; nicht bedünkt mich,
Daß Ihr schadet Eurer Ehre.
Denn, was Euern Söhnen künftig
Mangeln könnt' an Vorzug, Herr,
Weil sie Crespos Enkel würden:
Reichlich ja gewönnen sie's,
Weil sie Euch als Vater grüßten.
In Kastilien, sagt das Sprichwort,
Nimmt das Roß (dies ist begründet)
Seinen Sattel mit. O sehet (er kniet)
Knieend mich zu Euren Füßen,
Flehend, weinend über dieses
Weiße Haar hinab! Schon fürchtet
Meine Brust, es schmelze hin,
Da sie Schnee und Wasser spüret.
Was verlang' ich? Ehre nur,
Die Ihr selber mir entführtet;
Und obwohl sie mein ist, scheint es,
Daß so demutsvoller Wünsche
Gegenstand nicht etwa mir,
Sondern Euch gehören müsse.
Denkt, daß ich mit eigner Hand
Nehmen kann; doch, Gott behüte!
Nein, freiwillig sollt Ihr geben.

Hauptmann. Nun ist die Geduld vorüber!
Alter Schwätzer, seid vergnügt,
Daß nicht Tod wird Euer Lohn
Für die Unbill, die Eur Sohn
Und Ihr selbst mir zugefügt.
Wenn ich Schonung Euch gewähre,
Dafür, thörichter Gesell,
Dankt der schönen Isabel.
Doch vermeint Ihr, Eurer Ehre
Makel mit dem Schwert zu rächen?
Nichts zu fürchten hab' ich dann;
Meint Ihr's durch Gericht und Bann?
Ueber mich dürft Ihr nicht sprechen.

Crespo. Rührt mein Weinen nicht Eur Herz?

Hauptmann. Weinen Greise, Kinder, Frauen,
Darauf muß man wenig trauen.

Crespo. Wie? So ungeheuern Schmerz
Soll kein Wort des Trosts versüßen?

Hauptmann. Was für Trost begehrt Ihr noch?
Schenk' ich Euch das Leben doch!

Crespo (er kniet). Seht mich flehn zu Euern Füßen,
Gebt die Ehre mir zurück!

Hauptmann. Schwätzer!

Crespo.                           Wißt, Ihr seht in mir
Zalameas Richter hier.

Hauptmann. Ueber mich habt Ihr zum Glück
Nicht Gewalt, noch Recht; davor
Tritt das Kriegsgericht noch ein.

Crespo. Aendert Euern Sinn!

Hauptmann.                           Nein, nein!
Alter, überläst'ger Thor!

Crespo. Und kein Mittel gibt's?

Hauptmann.                               Das Schweigen
Ist Eur bestes offenbar.

Crespo. Keines sonst?

Hauptmann.                 Nein!

Crespo (aufstehend).                 Nun, so wahr
Gott lebt! Ich will Euch es zeigen.
Holla! (Er nimmt den Richterstab zurück)

Gerichtsschreiber und Bauern treten auf.

Gerichtsschreiber. Herr?

Hauptmann.                     Was will denn dort
Diese ganze Bauerschaft?

Gerichtsschreiber. Was befehlt Ihr?

Crespo.                                               In Verhaft
Führet den Herrn Hauptmann fort.

Hauptmann. Was wollt Ihr Euch unterstehen?
Einen Mann, wie ich, das wißt!
Der im Dienst des Königs ist,
Steckt man so nicht ein.

Crespo.                                 Laßt sehen!
Nur gefangen oder tot
Kommt Ihr fort.

Hauptmann.             Zu merken geb' ich:
Ich bin Hauptmann, und noch leb' ich.

Crespo. Ich bin Richter und nicht tot.
Laßt geduldig Euch verwahren.

Hauptmann (beiseite). Fruchtlos wäre Widerstand,
Denn ich bin in seiner Hand. –
(Laut.) Bald soll der Monarch erfahren
Diesen Schandstreich.

Crespo.                               Meinetwegen!
Doch den andern auch; nicht weit
Ist der König und verleiht
Beiden uns Gehör. Den Degen
Liefert ab!

Hauptmann.     Wie könnt Ihr fordern,
Daß . . .

Crespo.         Gefangne brauchen keinen.

(Er nimmt ihm den Degen ab.)

Hauptmann. Zeiget mir Respekt!

Crespo.                                         Die Meinen
Will ich gleich dazu beordern:
Führt denn, ihr Gerichtsgesellen,
Den Herrn Hauptmann mit Respekt
Ins Gemeindehaus und steckt
Mit Respekt die Händ' in Schellen;
Legt dazu ihm Ketten an.
Mit Respekt verhindert jeden
Seiner Schar, mit ihm zu reden.
Auch die andern sollt ihr dann,
Wie es recht, gefangen nehmen,
Doch getrennt; ist das vorbei,
Wollen wir sie alle drei,
Sämtlich mit Respekt, vernehmen.
Und dann, zwischen jenes Paar,
Wenn ich Gründe gnug entdeckt,
Lass' ich, immer mit Respekt,
Rasch Euch hängen; ja fürwahr!

Hauptmann. Ha, wenn Bauern Macht erlangen!

(Man führt ihn ab.)

Der Gerichtsschreiber tritt auf. Rebolledo und Chispa (in Mannskleidern) werden hereingebracht.

Gerichtsschreiber. Hier der Knappe, der Soldat,
Sind die einz'gen, in der That,
Die es möglich war zu fangen;
Denn der dritte nahm Reißaus.

Crespo. Ha, das ist der edle Sänger!
Wird die Kehl' ein wenig enger,
Ist's wohl mit dem Singen aus.

Rebolledo. Ist's denn ein Vergehn, zu singen,
Herr?

Crespo.     Vielmehr ein schön Talent;
Und ich hab' ein Instrument,
Dabei soll's noch besser klingen.
Sagt mir, ohne weitres Drängen . . .

Rebolledo. Was?

Crespo.               Was diese Nacht geschah.

Rebolledo. Davon weiß Eur Mädchen ja
Mehr als ich.

Crespo.                 So müßt Ihr hängen.

Chispa (leise zu Rebolledo). Rebolledo, fest im Glied!
Leugne Punkt für Punkt die Sache.
Wenn du leugnest, sieh, so mache
Ich auf dich ein schönes Lied,
Das ich singen will.

Crespo (zu Chispa).         Und Ihr,
Wer wird Euch ein Liedchen singen?

Chispa. Mich auf die Tortur zu bringen,
Ist verwehrt.

Crespo.               Ei, saget mir,
Warum das?

Chispa.               Nein, damit fang' Er
Nur nicht an; die Sach' ist richtig.

Crespo. Wie ist Euer Grund?

Chispa.                                   Sehr wichtig.

Crespo. Welcher ist's denn?

Chispa.                                 Ich bin schwanger.

Crespo. Sah man je so frechen Sinn?
Doch, ich will nicht zornig sein. –
Seid Ihr denn nicht Knappe?

Chispa.                                         Nein,
Sondern Marketenderin.

Crespo. So entschließt Euch und sagt aus,
Was Ihr wisset.

Chispa.                     Nach Gewissen,
Und auch mehr noch, als wir wissen;
Denn das Schlimmste wär's Garaus.

Crespo. So entgehet Ihr dem Zwingen
Der Tortur.

Chispa.               Ist's sicher? Ja?
Nun, zum Singen bin ich da,
Und, bei Gott! jetzt will ich singen. (Sie singt.)
Mir bestimmt man Folterzwang!

Rebolledo (singt). Und was wird man mir bestimmen?

Crespo (zornig). Wie? Was macht ihr?

Chispa.                                                 Ei, wir stimmen
Zu dem baldigen Gesang. (Alle ab.)

 


 
Zimmer in Crespos Hause.

Juan tritt auf.

Juan. Seit ich den Verräter dort
Niederstieß und, im Gedränge
Mit der Uebermacht der Menge,
Mußte fliehn von jenem Ort,
Lief ich im Gebirg umher,
Streifte rings durch Dünn und Dicht;
Doch die Schwester fand ich nicht.
So entschloß ich mich nunmehr,
Selbst bis in das Dorf zu dringen
Und in unser Haus zu gehn,
Und will alles, was geschehn,
Meinem Vater hinterbringen.
Sehen will ich – o Geschick! –,
Welchen Rat er mir wird geben,
Um zu sichern Ehr' und Leben.

Isabel und Ines treten auf.

Ines. Komm, erheitre deinen Blick!
Leben in so tiefer Trauer,
Heißt nicht leben, heißt, dich töten.

Isabel. Sollt' ich, in so bittern Nöten,
Hassen nicht des Lebens Dauer?

Juan. Sagen will ich ihm . . . (Er erblickt die Eintretenden.)
                                      Weh mir!
Ist das Isabel? Wohlan!
Worauf wart' ich? (Er zieht den Dolch, um sie zu erstechen.)

Ines (hält ihn zurück).     Vetter!

Isabel.                                       Juan!
Ha, was treibt dich?

Juan.                               Rachbegier,
Weil du Ehre mir und Leben
Hast gefährdet.

Isabel.                     O halt ein!

Juan. Tod soll deine Strafe sein;
Ja, bei Gott!

Crespo tritt auf, mit dem Richterstabe.

Crespo.               Was soll's hier geben?

Juan. Tilgen will ich eine Schmach,
Alter Vater; ein Verbrechen
Will ich strafen und will rächen . . .

Crespo. Ruhig, ruhig! Nur gemach!
Schlimm ist's, daß Ihr so verwegen . . .

Juan (den Richterstab wahrnehmend; beiseite).
Was ist dies? Ich kann's nicht fassen.

Crespo. Wagt, Euch vor mir sehn zu lassen,
Da im Walde dort Eur Degen
Euern Hauptmann hat verletzt.

Juan. Das war rühmliche Verteid'gung,
Um zu rächen die Beleid'gung
Deiner Ehre.

Crespo.               Ruhig jetzt!
Holla!

Gerichtsdiener treten auf.

Crespo.       Bringet in Gewahr
Diesen auch.

Juan.                   Wie? Deinem Sohn
Kannst du solche Strenge drohn?

Crespo. Meinem Vater auch sogar
Würd' ich gleiche Streng' erweisen. –
(Beiseite.) Schütz' ich so sein Leben doch!
Und die Menge wird mich noch
Als ein seltnes Muster preisen
Von Gerechtigkeit.

Juan.                             Hör' an!
Da ich jenen Bösewicht
Niederwarf, hielt ich's für Pflicht,
Sie zu töten.

Crespo.               Weiß es, Juan.
Doch nicht gnügt, daß ich's erfahren
Nur als ich; als Richter auch
Muß ich's wissen und nach Brauch
Und Gesetz hierin verfahren.
Bis die Akten mir verkünden,
Welche Schuld dir beizumessen,
Bleibst du in der Haft. (Beiseite.) Indessen
Wird Entschuld'gung sich begründen.

Juan. All dein Thun ist wundersam.
Du, entehrt, wirfst den in Ketten,
Der die Ehre will dir retten,
Und errettest, die sie nahm. (Man führt ihn ab.)

Crespo. Isabel, geh, unterschreibe
Deine Klagschrift gegen den,
Der verübt hat das Vergehn.

Isabel. Du, der erst gewollt, es bleibe
Tief verhehlt mein bittres Leid,
Willst, daß man bekannt es mache?
Vater sorgst du nicht für Rache,
Sorge für Verschwiegenheit!
Darf ich nicht, wie ich's begehre,
Rächen, was ich Arme litt,
Bleibt mir noch ein andrer Schritt,
Um zu gnügen meiner Ehre. (ab.)

Crespo. Ines, nimm den Stab!
    (Er gibt der Ines den Richterstab: sie legt ihn auf einen Tisch und geht.)
                                        Er will
Nicht die Sach' im Guten lösen;
Nun, so wird er's denn im Bösen
Wollen müssen.

Don Lope (hinter der Szene). Halt! Halt still!

Crespo. Was ist dies? Wer nähert sich
Meiner Thür mit solchem Brause?
Aber wer tritt ein zum Hause?

Don Lope tritt auf.

Don Lope. Pedro Crespo, das bin ich!
Denn ein schändlicher Verdruß,
Der mich halben Wegs betroffen,
Machte, daß ich, wider Hoffen,
Wieder her zum Dorfe muß.
Und wo anders einzukehren,
Wäre schlecht, da Ihr's so gut
Mit mir meint.

Crespo.                   Eur Edelmut
Sinnt beständig, mich zu ehren.

Don Lope. Euer Sohn hat sich bei mir
Nicht gezeigt.

Crespo.                 Ihr sollt den Grund
Wissen, Herr. Doch macht mir kund,
Bitt' ich Euch, weswegen Ihr
Umgekehrt, wenn's Euch beliebt;
Denn Ihr seid sehr angegriffen.

Don Lope. Nein, das hab' ich nie begriffen,
Daß es solche Frechheit gibt!
Nein, es ist das tollste Wagen,
Das ein Mensch ersonnen hat!
Unterwegs kommt ein Soldat
Nachgerannt, um mir zu sagen . . .
O, ich bin ganz hingerafft
Von dem Aerger!

Crespo.                       Fahrt doch fort!

Don Lope. Daß ein Richterlein im Ort
Meinen Hauptmann nahm in Haft;
Und ich fühle, sackerlot!
Heute nicht am ganzen Tage
Des verfluchten Beines Plage,
Als erst jetzt, weil's mir verbot,
Früher auf dem Platz zu sein,
Um den Richter abzustrafen;
Denn man soll den frechen Sklaven
(So mag Gott mir Hilfe leihn!)
Prügeln, bis er wird erblassen.

Crespo. Dann war unnütz Eure Hast;
Denn der Richter, glaub' ich fast,
Wird sich wohl nicht prügeln lassen.

Don Lope. Prügeln lass' ich ihn, auch ohne
Daß er's läßt.

Crespo.                 Ich glaub's nicht, Herr;
Glaub' auch nicht, daß irgend wer
Mit so schlechtem Rat Euch lohne.
Wißt Ihr der Verhütung Grund?

Don Lope. Nein; doch welcher es auch sei,
Recht wird jeglicher Partei;
Denn auch ich, wohl ist es kund,
Weiß zu strafen Bösewichter.

Crespo. Herr, Euch ist wohl nicht bekannt,
Wie es eigentlich bewandt
Mit des Orts gemeinem Richter.

Don Lope. So'n Kerl aus der Bauernklasse!

Crespo. Freilich wird's ein Bauer sein;
Aber fällt dem Starrkopf ein,
Daß er den dort hängen lasse,
Glaubt, bei Gott! daß er's vollbringt.

Don Lope. Das, bei Gott! wird nicht geschehn:
Und Ihr, wollt Ihr etwa sehn,
Ob's ihm, oder nicht, gelingt:
Sagt mir nur, wo trifft er sich?

Crespo. Ei, Ihr trefft ihn gar nicht weit.

Don Lope. Gebt denn endlich mir Bescheid:
Wer ist dieser Richter?

Crespo.                                 Ich.

Don Lope. Teufel! Dacht' ich doch daran!

Crespo. Teufel! Glaubt es immerfort.

Don Lope. Crespo, nun: ein Wort, ein Wort!

Crespo. Nun denn, Herr: ein Mann, ein Mann!

Don Lope. Den Gefangnen will ich retten
Und will rächen diese Schmach.

Crespo. Und für das, was er verbrach,
Legt' ich eben ihn in Ketten.

Don Lope. Wißt Ihr, daß er ist Soldat
Und daß ich sein Richter bin?

Crespo. Wißt Ihr auch, daß er vorhin
Mir mein Kind gestohlen hat?

Don Lope. Wißt Ihr, daß, als General,
Ich in dieser Sach' entscheide?

Crespo. Wißt Ihr, daß der freche Heide
Meines Hauses Ehre stahl?

Don Lope. Wißt Ihr, daß Euch nicht gebührt,
Ihn dem Kriegsrecht zu entziehen?

Crespo. Wißt Ihr, daß ich auf den Knieen
Ihn gefleht und nicht gerührt?

Don Lope. Eingriff thut Ihr, daß Ihr's wißt,
Der Gerichtsbarkeit der Heere.

Crespo. Eingriff that er meiner Ehre,
Die ihm nicht gerichtsbar ist.

Don Lope. Völlig Euch genug zu thun,
Will ich mich verbindlich machen.

Crespo. Andre bitt' ich nie um Sachen,
Die ich selbst vermag zu thun.

Don Lope. Haben muß ich ihn indes,
Davon wird nicht abgegangen.

Crespo. Und schon hab' ich angefangen
Den Prozeß.

Don Lope.           Was ist Prozeß?

Crespo. Ein'ge Bogen gut Papier,
Wohl geheftet und gespalten,
Welche das Verhör enthalten
In der Sache.

Don Lope.           Oeffnet nur
Das Gefängnis!

Crespo.                   Nicht verschließen
Will ich's Euch; doch vorgesehn!
Denn befohlen ward, auf den,
Der dem Kerker naht, zu schießen.

Don Lope. Ach! das kenn' ich schon; ich mache
Mir aus solchen Kugeln nichts. –
(Beiseite.) Doch der Klugheit widerspricht's,
Was zu wagen bei der Sache. –
(Er ruft.) He, Soldat!

Ein Soldat tritt auf.

Don Lope.                         Sprengt fort, geschwind!
Und bringt Order allen Scharen,
Die hier rings gelagert waren
Und jetzt auf dem Marsche sind,
Daß sie kommen, rasch gerannt,
In geordneten Schwadronen,
Scharf geladen die Kanonen
Und die Lunten angebrannt.

Soldat. Order wird nicht nötig sein;
Denn sobald das Volk vernommen,
Was hier vorging, ist's gekommen,
Und soeben rückt es ein.

Don Lope. Nun, bei Gott! will ich doch sehn,
Ob man mir ihn gibt, ob nicht.

Crespo. Nun, bei Gott! drängt mich die Pflicht;
Was geschehn muß, soll geschehn. (Alle ab.)

 


 
Platz vor dem Gemeindehause.

Der Gerichtsschreiber und ein Haufen bewaffneter Bauern halten das Haus besetzt. Die Trommel wird gerührt. Don Lope tritt auf, mit einer Schar Soldaten.

Don Lope. Dies ist das Gefängnis, Burschen,
Wo der Hauptmann sitzt in Haft.
Gibt man ihn nicht gleich heraus,
So nehmt Feur und zündet's an;
Und will sich das Dorf verteid'gen,
Steckt das ganze Dorf in Brand.

Gerichtsschreiber. Legt Ihr auch das Haus in Asche,
Doch befreit Ihr nicht den Mann.

Soldaten. Sterben sollen diese Bauern!

(Sie rüsten sich zum Angriff.)

Crespo tritt auf, mit bewaffneten Bauern.

Crespo. Sterben? Ei, nichts mehr, als das?

Don Lope. Hilfe haben sie bekommen.
Brecht den Kerker auf! Heran!
Brecht die Thür auf! (Handgemenge.)

Der König tritt auf, mit Gefolge.

König.                               Was ist dies?
Wie? Ist dieses der Empfang,
Der mir zukommt?

Don Lope.                     Herr, es ist
Eines Bauern Frevelthat,
Kecker, als man je gesehen.
Und, bei Gott! Herr, wenn so rasch
Eure Majestät nicht eben
Wär' in dieses Dorf gelangt,
Hättet Ihr den ganzen Flecken
Schon illuminiert gewahrt.

König. Was geschah denn?

Don Lope.                           Einen Hauptmann
Nahm ein Richter in Verhaft;
Und da ich ihn 'raus verlange,
Schlägt man mir die Fordrung ab.

König. Wer ist dieser Richter?

Crespo.                                     Ich.

König. Was entschuldigt Euch demnach?

Crespo (überreicht dem Könige die Akten).
Dieses Aktenheft, woraus
Jene todeswürd'ge That
Klar erhellt: Raub eines Mädchens
Und Entehrung mit Gewalt
In entlegner Bergesgegend;
Dann, Verweigerung der Hand
Jenes Mädchens, da der Vater
Flehentlich den Thäter bat.

Don Lope. Dieser Richter ist der Vater
Auch zugleich.

Crespo.                   Was liegt daran?
Wenn in solchem Fall ein Fremder
Kommt und sich bei mir beklagt,
Werd' ich ihm nicht Recht erweisen?
Ja! – Was fällt mir denn zur Last,
Wenn ich that für meine Tochter,
Was für jeden ich gethan?
Ueberdies, da ich bekanntlich
Meinen Sohn nahm in Verhaft,
Sollt' ich nicht die Tochter hören?
Sind sie doch von gleichem Stamm!
Untersuche man die Akten,
Ob etwas versehn im Gang
Des Prozesses, ob man sage,
Daß ich Unterschleif gemacht,
Ob die Zeugen ich verleitet,
Ob mehr, als ich hier gesagt,
Steht geschrieben. Ist's nicht so,
Laßt mich töten.

König (der indes die Akten durchgesehn). Es ist klar,
Ihr habt wohl geführt die Sache;
Doch steht nicht in Eurer Macht,
Selber zu vollziehn das Urteil.
Einem andern Tribunal
Kommt dies zu; Ihr also, liefert
Den Gefangnen aus.

Crespo.                           Fürwahr!
Schwer wird's sein, ihn auszuliefern;
Denn da nur ein Tribunal
Hier im Flecken ist, so laßt
Jedes Urteil, das es sprach,
Selber auch vollziehn; und so
Ist auch dieses schon vollbracht.

König. Wie? Was sagt Ihr?

Crespo.                               Glaubt Ihr nicht,
Herr, was ich gesagt, sei wahr,
Wendet dorthin nur die Blicke;
Jenen Hauptmann seht Ihr da.

(Auf seinen Wink werden die Thüren des Gemeindehauses geöffnet. Man sieht den Hauptmann, erdrosselt, auf einem Stuhle sitzen mit dem Strick um den Hals.)

König. Solches wagtet Ihr zu thun?

Crespo. Herr, Ihr selber habt gesagt,
Daß das Urteil recht gesprochen;
Drum nicht unrecht ward's vollbracht.

König. Um das Urteil zu vollstrecken,
War nicht mein Gerichtshof da?

Crespo. Die Gerechtigkeit des Reiches
Hat nur einen Körper zwar,
Aber der hat viele Hände;
Sagt, was thut's, wenn diese Hand
Einen umbringt, der den Tod
Von der andern sollt' empfahn?
Und was macht ein Fehl im Kleinern,
Wenn man Recht im Größern that?

(Die Thüren werden wieder geschlossen.)

König. Doch, wenn so die Sache steht,
Weshalb, da er Ritter war
Und mein Hauptmann, ließt Ihr nicht
Ihn enthaupten?

Crespo.                     Das ist klar,
Majestät: Die Edelleute
Leben hier herum so brav,
Daß der Henker, den wir haben,
Nie das Köpfen noch verstand.
Auch ist dies des Toten Sache,
Weil es ihn allein betraf;
Drum, bis er sich selbst beschweret,
Geht's die übrigen nicht an.

König. Das ist nun vorbei, Don Lope.
Rechtlich ward der Tod erkannt;
Und nichts thut ein Fehl im Kleinern,
Wenn man nur den Hauptpunkt traf.
Kein Soldat bleib' hier im Orte!
Setzet Eure Schar in Marsch,
Eiligst; denn mir liegt all schneller
Ueberkunft nach Portugal.
(Zu Crespo.) Und behaltet Ihr auf immer
Dieses Ortes Richteramt.

Crespo. Nur von Euch kann so viel Ehre
Die Gerechtigkeit empfahn. (König und Gefolge ab.)

Don Lope. Danket Gott, daß unser König
So zur rechten Stunde kam.

Crespo. Ei, und wär' er nicht gekommen;
Hilfe war nicht weiter da.

Don Lope. War's nicht besser, den Gefangnen
Mir zu geben und die Schmach
Abzuthun von Eurer Tochter?

Crespo. In ein Kloster tritt sie bald,
Wo sie einen Bräut'gam findet,
Der nicht achtet auf den Stand.

Don Lope. Doch die andern gebt mir frei.

Crespo (zu den Gerichtsdienern).
Laßt sogleich sie aus der Haft.

Rebolledo und Chispa werden herbeigeführt.

Don Lope. Euer Sohn fehlt unter diesen,
Und er darf, als mein Soldat,
Nicht gefangen bleiben.

Crespo.                                 Erst
Soll er seine Straf' empfahn
Für die Frechheit, daß er seinem
Hauptmann eine Wunde gab.
Denn obwohl die Pflicht der Ehre
Ihn zu solchem Thun verband,
Konnt' er anders doch verfahren.

Don Lope. Pedro Crespo, gut ist das!
Ruft ihn her.

Crespo.               Da ist er schon.

Juan tritt auf.

Juan (zu Don Lope). Herr, empfangt den wärmsten Dank!
Ewig bleib' ich Euer Diener.

Rebolledo. Singen will ich doch fürwahr
Nie im Leben!

Chispa.                   Ich gewiß,
Und bei jedem Anblick zwar
Des bewußten Instrumentes.

Crespo. Hiemit schließt der Autor ab
Diese wahrhafte Geschichte;
Ihren Mängeln sehet nach!

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