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Gutenberg > Pedro Calderón de la Barca >

Der Richter von Zalamea

Pedro Calderón de la Barca: Der Richter von Zalamea - Kapitel 3
Quellenangabe
typedrama
booktitleCalderons ausgewählte Werke Bd. II
authorPedro Calderón de la Barca
translatorJohann Diederich Gries
firstpub1817
yearca. 1905
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleDer Richter von Zalamea
pages195-292
created20050607
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Zweiter Aufzug.

Gasse vor Crespos Hause. Abend.

Mendo und Nuño treten auf.

Mendo. Wer hat dir die Streich' erzählt?

Nuño. Ei, Ginesa hat die Streiche
Mir erzählt, die Magd.

Mendo.                               Der Hauptmann
Hat, nach jenen Streitigkeiten,
Die er im Quartier gehabt
(Ob in Wahrheit, ob zum Scheine),
Wirklich nun in Isabel
Sich verliebt?

Nuño.                     Und solcher Weise,
Daß er nicht mehr Rauch im Hause
Machen läßt, als wir im deinen.
Denn er weicht den ganzen Tag
Nicht von ihrer Thür, und keine
Stunde schlägt, daß er nicht Botschaft
Zu ihr schickt; und aus- und eingeht
So ein Schurke von Soldat,
Sein Vertrauter.

Mendo.                     Schweige, schweige!
Das ist viel Gift, ist viel mehr,
Als die Seele kann mit einem
Zug' ausleeren.

Nuño.                       Und zumal,
Wenn, um Widerstand zu leisten,
Nichts im Magen ist.

Mendo.                             Komm, Nuño,
Ernsthaft sprich mit mir ein Weilchen.

Nuño. Wollte Gott, dies wäre Scherz!

Mendo. Was für Antwort denn erteilt sie?

Nuño. So wie dir; denn Isabel,
Diese Gottheit, schön und reizend,
Läßt nicht ihren Himmel trüben
Von dem Dunst des Erdenkreises.

Mendo (gibt ihm eine Ohrfeige).
Gott verleihe dir viel Gutes!

Nuño. Zahnpein soll er dir verleihen!
Da zerschlägst du mir zwei Zähne!
Doch ganz recht, daß dir es einfällt,
Sie zu mindern; 's ist ein Hausrat,
Der mir wenig nützt und einbringt. –
Ha, der Hauptmann!

Mendo.                             Nun, bei Gott!
Schont' ich nicht der Ehre meiner
Isabel – ich macht' ihn tot.

Nuño. Schone lieber deines Leibes!

Mendo. Horchen will ich hier verborgen;
Komm hieher auf diese Seite. (Sie verstecken sich.)

Der Hauptmann, der Sergeant und Rebolledo treten auf.

Hauptmann. Diese Leidenschaft, dies Glühen
Ist nicht Liebe nur, ist Eifer,
Ungestüm, Wut, Raserei!

Rebolledo. Hättet Ihr doch nie das leid'ge
Bauermädchen, Herr, gesehen,
Das Euch so viel Qual bereitet!

Hauptmann. Was denn sagte dir die Magd?

Rebolledo. Könnt Ihr noch es nicht begreifen?

(Sie sprechen weiter zusammen.)

Mendo (zu seinem Diener). Ja, so sei's! Da schon die Nacht
Ihre dunkeln Schatten spreitet,
Bring, indessen meine Weisheit
Für das Beßre sich entscheidet,
Meine Waffen.

Nuño.                       Was für Waffen
Hast du, Herr, als die von Steine,
Die dort über dem Gesimse
Deiner Hausthür eingemeißelt?

Mendo. Doch! in meiner Rüstungkammer
Findet sich noch wohl dergleichen,
Was zu brauchen ist.

Nuño.                               So laß uns,
Eh's der Hauptmann spürt, entweichen. (Beide ab.)

Hauptmann. Ist es wahr? Ein Bauermädchen
Kann so adlig widerstreiten,
Daß sie mir auf all mein Flehen
Nicht erwidert nur ein einzig
Freundlich Wort?

Sergeant.                     Die Bauermädchen
Machen sich nicht viel aus seinen
Herrn, wie Ihr seid. Spräch' ein Bauer
Ihr von Lieb' auf seine Weise,
Käm' er leichter wohl zum Zweck.
Auch sind Eure Klagen, scheint mir,
Ganz unzeitig. Wenn Ihr morgen
Fort müßt, könnt Ihr billig meinen,
Daß sie gleich, an einem Tage,
Euch erhör' und Gunst erzeige?

Hauptmann. O, an einem Tage leuchtet
Sol und sinkt; es stürzt an einem
Tag ein Reich; an einem Tage
Wird zum Bau des Felsen Scheitel;
Eine Schlacht, an einem Tage,
Läßt Verlust und Sieg entscheiden;
Auf dem Meer, an einem Tage,
Wechselt Ruh' und Sturmestreiben;
Und ein Mensch, an einem Tage,
Wird und stirbt. So könnt' an einem
Tage meine Liebe schaun,
Wie der Stern, Nachtgraun und Heitre;
Wie das Reich, Glück und Verderben;
Wie der Waldberg, Wild und Eigner;
Wie das Meer, Unruh' und Stille;
Wie der Krieg, Triumph und Weichen;
Wie der Sinn und Seelenkräfte
Herrscher, Leben und Verscheiden.
Und war schon ein einz'ger Tag
Ihrer Allgewalt hinreichend,
Um so elend mich zu machen:
Warum, warum war' ein einz'ger
Tag hinreichend nicht für sie,
Um mich zu besel'gen? Heischet
Mehr Zeit denn durchaus das Schaffen
Süßer Wonn', als bittrer Leiden?

Sergeant. Daß ihr einmal sie gesehn,
Konnte das so weit Euch treiben?

Hauptmann. Da ich einmal sie gesehn,
Sage, was bedurft' es weiter?
Auf einmal entglimmt der Funken,
Der zu mächt'gem Brand sich steigert;
Auf einmal bricht aus dem Abgrund
Ein Vulkan, der Flammen speiet;
Auf einmal entglüht der Blitz,
Der, in was er findet, einschlägt;
Auf einmal sprüht das Geschoß
Graun und Schrecken in die Weite:
Und du staunst, daß auf einmal
Diese Glut, die vierfach heiße,
Mine, Brand, Geschoß und Blitz,
Stürzt, verwundet, schreckt und einschlägt?

Sergeant. Habt Ihr nicht versichert, niemals
Wären Bauermädchen reizend?

Hauptmann. Ach! und eben dies Vertrauen
War mein Unglück; denn wer einsieht,
Er geh' in Gefahr, der geht,
Auf Verteid'gung sich bereitend.
Aber dem, der nichts besorgt,
Drohen weit mehr Fährlichkeiten,
Wenn das Unheil ihm begegnet,
Weil es unvermutet eintrifft.
Wenn ich, einer Bäurin harrend,
Eine Gottheit sah erscheinen:
Mußt' ich da nicht, ohne Rettung,
Scheitern an dem eignen Leichtsinn?
Nie im Leben sah ich noch
So vollkommne, göttergleiche
Schönheit. Rebolledo, ach!
Könnt' ich schaun nur diese Reize!

Rebolledo. Ei, Herr, ein Soldat von unsrer
Kompanie singt unvergleichlich;
Und die Chispa dort.– durch mich
Jetzt Frau Spieldirektorn – einzig
Ist sie im Romanzenvortrag.
Stellt ein Fest an, Lustbarkeiten
Und Musik vor ihrem Fenster,
So könnt Ihr sie sehn, wahrscheinlich,
Und selbst sprechen.

Hauptmann.                     Da Don Lope
Dort ist, fürcht' ich, auf die Weise
Ihn zu wecken.

Rebolledo.               O, Don Lope!
Wann schläft der mit seinem Beine?
Und, Herr, falls sie's etwa hören,
Wird man uns die Schuld'gen heißen,
Und nicht Euch, wenn Ihr im Haufen
Euch verberget.

Hauptmann.           Manches freilich
Gibt's dabei noch zu bedenken;
Doch was kümmert das mein Leiden?
Wohl! Versammelt euch zur Nacht;
Doch, daß ich es euch geheißen,
Sei verhehlt. O Isabel,
Wie viel Qual du mir bereitest!

(Hauptmann und Sergeant gehen ab.)

Chispa tritt auf und hält Rebolledo zurück.

Chispa. Halt da!

Rebolledo.         Chispa, du? Was gibt's?

Chispa. Ach, ein Kerl hat einen Streifschnitt
Eben ins Gesicht bekommen.

Rebolledo. Was denn war der Grund des Streites?

Chispa. Ei, er wollt' um anderthalb
Stunden Spielgeld mich bekneifen;
Denn so lange spielt' er Kugel,
Und ich gab nur acht, gar eifrig,
Ob sie paar, ob unpaar fielen;
Ich war bös' und gab ihm einen. (Sie zeigt ihren Dolch.)
Während er nun mit dem Feldscher
Mag um den Gewinn sich streiten,
Laß uns auf das Wachthaus gehn;
Dort will ich dir Rechnung leisten.

Rebolledo. Das ist schön! Du bist voll Aerger,
Wenn ich eben lustig sein will.

Chispa. Hindert eines denn das andre?
Gibt's zu singen? Ohne Weilen!
Hier sind meine Kastagnetten.

Rebolledo. Es geht los, wenn's dunkel sein wird,
Und recht gründliche Musik.
Komm, hier dürfen wir nicht bleiben.
Geh nur auf die Wache; fort!

Chispa. Ewig wird der Ruf verbreiten
In der Welt, daß ich, die Chispa,
Nun Frau Spieldirektorn heiße. (Beide ab.)

 


 
Ländlicher Garten neben Crespos Hause.

Don Lope und Crespo kommen heraus.

Crespo (spricht ins Haus hinein).
Hier im Garten ist es kühler;
Hier sollt ihr den Tisch bereiten
Für den Herrn Don Lope. – (Zu Don Lope.) Besser
Schmecken wird Euch hier die Speise;
Denn die Tage des August
Haben zum Ersatz nichts weiter,
Als die Abende.

Don Lope.                 Recht lieblich
Ist das Plätzchen; unvergleichlich!

Crespo. 's ist ein Gartenstück; mein Mädchen
Braucht's für sich zum Zeitvertreibe.
Setzt Euch, Herr! Die milde Luft
Haucht durch die belaubten Zweige
Dieser Bäume, dieser Reben
Tausend angenehme Weisen
Nach dem Takt der Quelle dort,
Jener Perl- und Silber-Leier;
Denn ihr sind, auf goldnem Klangbret,
Kiesel wohlgestimmte Saiten.
Doch verzeiht, daß Instrumente
Die Musik allein bereiten,
Daß nicht Sänger Euch ergötzen,
Daß nicht Stimmen Euch erheitern.
Meine Sänger sind die Vögel,
Welche zwitschern auf den Zweigen;
Doch sie singen nicht bei Nacht,
Dazu kann ich sie nicht treiben.
Setzt Euch also und vergeßt
Auf so lang' Eur ewig Leiden.

Don Lope (sich setzend). Nimmermehr! Nichts auf der Welt
Kann mich das vergessen heißen,
Helf' mir Gott!

Crespo.                   Er helf' Euch, Amen!

Don Lope. Gott mag mir Geduld verleihen!
Setzt Euch, Crespo.

Crespo.                           Ich kann stehn.

Don Lope. Setzt Euch!

Crespo.                         Nun, wenn Ihr's so meinet,
Herr, so will ich Euch gehorchen,
Könntet Ihr's auch wohl mir weigern. (Er setzt sich.)

Don Lope. Wißt Ihr auch, woran ich dachte?
Daß Euch gestern wohl der Eifer
Eures Zorns ganz aus der Fassung
Hat gebracht.

Crespo.                 Mich bringt so leicht nichts
Aus der Fassung.

Don Lope.                 Gestern doch,
Ohne daß ich's Euch geheißen,
Setztet Ihr Euch gleich, und zwar
Obenein zur rechten Seite.

Crespo. Weil Ihr's nicht geheißen, that ich's;
Und nun heute, da Ihr's heißet,
Wollt' ich's nicht thun. Ich bin höflich,
Wenn sich andre höflich zeigen.

Don Lope. Gestern triebt Ihr's arg mit Schwören,
Fluchen, Lästern, Maledeien;
Heute seid Ihr viel gesetzter,
Viel gefäll'ger und bescheidner.

Crespo. Herr, ich antwort' allezeit
In dem Ton und auf die Weise,
Wie man zu mir redet. Gestern
Spracht Ihr so; und ohne Zweifel
Mußten damals Frag' und Antwort
Sich im Ton einander gleichen.
Und so hab' ich die verständ'ge
Politik nur angeeignet,
Mit dem Betenden zu beten,
Mit dem Keifenden zu keifen.
Allen leist' ich gern Gesellschaft,
Und dies auf so strenge Weise,
Daß ich diese ganze Nacht
Gar nicht schlief, weil Euer leidend
Bein mir einfiel; und beim Aufstehn
Hatt' ich Schmerz in beiden Beinen.
Denn da ich nicht wußt', ob Euer
Rechtes oder linkes leidet,
Thaten sie mir beide weh.
Drum, ich bitt' Euch, sagt mir eiligst,
Welches ist's? damit ich nicht
Schmerzen hab' in allen beiden.

Don Lope. Hab' ich denn nicht großes Recht,
So zu klagen, wenn es dreißig
Jahre sind, daß ich in Flandern
Habe Kriegesdienst geleistet,
Sommers in der Sonnenhitze,
Winters unter Schnee und Eise,
Und ich nie seitdem geruht,
Nicht mehr wissend, was es heiße,
Ohne Schmerz sein eine Stunde?

Crespo. Gott mag Euch Geduld verleihen!

Don Lope. Ach, Geduld! Was soll mir die?

Crespo. Also keine!

Don Lope.               Ich will keine,
Wenn nicht gleich zweitausend Teufel
Sie und mich zur Hölle reißen!

Crespo. Amen! Und thun sie es nicht,
Ist's, weil sie das Gute weigern.

Don Lope. Jesus, steh mir bei, o Jesus!

Crespo. Euch, und mir auch, mög' er beistehn!

Don Lope. Gnade Gott! nun muß ich sterben.

Crespo. Gnade Gott! mich schmerzt Eur Leiden.

Juan tritt auf. Knechte bringen einen gedeckten Tisch und Windlichter.

Juan. Nun, da bringen wir den Tisch!

Don Lope. Kommen zur Bedienung keine
Meiner Leute?

Crespo.                   Herr, ich habe,
Wenn Ihr es erlaubt, geheißen,
Daß sie nicht aufwarten sollen,
Noch in meinem Haus' Euch ein'ge
Dienste thun. Hier wird's, gottlob!
Denk' ich, an Bequemlichkeiten
Euch nicht fehlen.

Don Lope.                   Darf kein Diener
Hier herein, so thut mir einzig
Diese Gunst: laßt Eure Tochter
Mit mir speisen.

Crespo.                     Ohne Weilen
Geh, Juan, rufe deine Schwester. (Juan geht ins Haus.)

Don Lope. Freilich macht, von dieser Seite,
Mich mein Leiden unverdächtig.

Crespo. Wär't Ihr auch so wenig leidend,
Herr, wie ich es wünsche, dennoch
Würd' ich ganz ohn' Argwohn bleiben.
Ihr beleidigt meine Freundschaft,
Denn mich kümmert nichts dergleichen.
Wenn ich ihr gebot, sie solle
Nicht sich zeigen, war es einzig,
Daß sie nicht vom Hören müß'ger
Unziemlicher Reden leide.
Wären alle Kriegesmänner
Höflich, so wie Ihr Euch zeiget,
Sollte sie die erste sein,
Zur Bedienung Hand zu reichen.

Don Lope (beiseite). O wie schlau ist dieser Bauer!
Welche Klugheit ohnegleichen!

Isabel, Ines und Juan treten auf.

Isabel. Was ist dein Verlangen, Vater?

Crespo. Um dir Ehre zu erzeigen,
Läßt dich Herr Don Lope rufen.

Isabel (zu Don Lope). Euch zu dienen, will ich eifern.

Don Lope. Ich vielmehr will Euch bedienen.
(Beiseite.) Wie gesittet und wie reizend!
(Laut.) Daß Ihr mit mir speiset, wünsch' ich.

Isabel. Besser schickt sich's, daß wir beide
Euch beim Mahl bedienen.

Don Lope.                                 Setzt euch!

Crespo. Thut, was euch Don Lope heißet;
Setzt euch beide!

Isabel.                         Mein Verdienst
Sei, Gehorsam Euch zu leisten.

(Die Mädchen setzen sich. Hinter der Szene lassen sich Guitarren hören.)

Don Lope. Was ist dieses?

Crespo.                               Auf der Gasse
Gehn Soldaten und vertreiben
Sich die Zeit mit Sang und Spiel.

Don Lope. Ja, des Kriegs Beschwerlichkeiten
Wären ohne diese Freiheit
Kaum zu tragen. Ganz verzweifelt
Schwer ist des Soldaten Dienst;
Drum ist not, ihn zu erleichtern.

Juan. Dennoch ist's ein schönes Leben!

Don Lope. Habt Ihr Lust, es zu ergreifen?

Juan. Ja, Herr, wenn Eur' Exzellenz
Wollten Euern Schutz mir leihen.

Erster Soldat (hinter der Szene).
Hier wird's besser singen sein.

Rebolledo (hinter der Szene).
Richt' an Isabel ein kleines
Liedlein; und daß sie erwache,
Wirf ans Fenster dort ein Steinchen.

(Man wirft Steine ans Fenster.)

Crespo (beiseite). Ein bestimmtes Fenster wählt
Die Musik; Geduld einstweilen!

Gesang (hinter der Szene).
    Des Rosmarines Blumen,
        Isabelchen mein!
    Sind blaue Blumen heute;
        Morgen wird es Honig sein.

Don Lope (beiseite). Klimpern? Gut! Doch Steine werfen,
Das sind unverschämte Streiche.
Und vor meinem Nachtquartier
Solch ein Charivari schreien!
Doch ich will, um Crespos willen
Und des Mädchens, lieber schweigen. –
(Laut.) Tolles Volk!

Crespo.                           Ei, junge Leute!
(Beiseite.) Wäre nicht Don Lope – zeigen
Wollt' ich's ihnen!

Juan (beiseite).               In Don Lopes
Zimmer sah ich eine kleine
Lederne Rondatsche hangen.
Könnt' ich nur dorthin und heimlich
Mir sie holen! (Er will gehen.)

Crespo.                   Wohin, Bursche?

Juan. Holen will ich nur die Speisen.

Crespo. Dazu sind schon Leute da.

Stimmen (hinter der Szene).
Wach' auf, Isabel, erscheine!

Isabel (beiseite). Himmel! Was hab' ich verschuldet,
Um so großen Schimpf zu leiden?

Don Lope. Nein, das ist nicht auszustehn;
Das sind ja verfluchte Streiche!

(Er wirft im Aufstehen den Tisch um.)

Crespo. Nun denn, eben weil's so ist.

(Er steht auf und wirft seinen Stuhl um.)

Don Lope. Ich stand auf, weil ich so leide.
Ist's nicht ein verfluchter Streich,
Daß ein Bein so gräßlich peinigt?

Crespo. Davon sprach ich eben auch.

Don Lope. Etwas andres, dacht' ich, sei es,
Da Ihr umschmißt Euern Stuhl.

Crespo. Da ich Euch den Tisch umschmeißen
Sah, so fand ich anders nichts
Umzuschmeißen in der Eile. –
(Beiseite.) Ehre, jetzt Verstellung gilt's!

Don Lope (beiseite). Wer doch draußen wär', im Freien! –
(Laut.) Gut, schon gut! Ich will nicht essen.
Legt euch schlafen.

Crespo.                           Wohl, so sei es!

Don Lope (zu Isabel). Gute Nacht, mein schönes Kind!

Isabel. Gott behüt' Euch!

Don Lope (beiseite).         Ist zur Seite
Von der Hausthür nicht mein Zimmer?
Ist nicht die Rondatsche bei mir?

Crespo (beiseite). Hat der Hof nicht eine Thür?
Hab' ich nicht ein altes Eisen?

Don Lope. Gute Nacht denn!

Crespo.                                   Gute Nacht!
(Beiseite.) Meine Kinder, alle beide,
Schließ' ich ein.

Don Lope (beiseite).   Ich will nur warten,
Bis im Haus erst alles einschläft. (Geht ins Haus.)

Isabel (beiseite). Himmel, wie die beiden schlecht
Nur verhehlen, was sie peinigt!

Ines (beiseite). Schlecht sucht einer vor dem andern
Unbefangen sich zu zeigen.

(Juan will sich fortschleichen.)

Crespo. Heda, junger Bursche!

Juan.                                           Vater?

Crespo. Fort, zu Bette, sonder Weilen!

(Alle gehen ins Haus.)

 


 
Gasse vor Crespos Hause. Nacht.

Der Hauptmann, der Sergeant, Rebolledo, Chispa und Soldaten treten auf; Rebolledo und Chispa mit Guitarren.

Rebolledo. Seht ihr? Besser sind wir da;
Dieser Ort ist weit bequemer.
Jeder nun sein Plätzchen nehm' er!

Chispa. Singen wir nun wieder?

Rebolledo.                                   Ja.

Chispa. Nun wird meine Lust beginnen!

Hauptmann. Hat das Mädchen, wider Hoffen,
Nicht einmal das Fenster offen!

Sergeant. O, sie hören's wohl da drinnen.

(Rebolledo geht auf die Seite.)

Chispa (zu Rebolledo). Bleib doch!

Sergeant (beiseite).                         Und auf meine Kosten!

Rebolledo. Sehen will ich doch geschwind,
Wer da kommt.

Chispa.                     Ei, bist du blind?
Von der Küst' ein Wächterposten.

Mendo und Nuño treten auf, ersterer bewaffnet, mit Schild und Degen.

Mendo. Siehst du, was hier vorgeht?

Nuño.                                                 Nein,
Sehen kann ich's nicht; doch kann
Ich es hören.

Mendo.                 Wer ist Mann,
Das zu dulden?

Nuño.                       Ich will's sein.

Mendo. Ob wohl Isabel das Fenster
Oeffnen wird?

Nuño.                     Mit Zuversicht!

Mendo. Sie thut's nicht, Schuft!

Nuño.                                         Sie thut's nicht.

Mendo. Eifersucht! O Mordgespenster!
Leicht vermöcht' ich, mit dem Blick
Meines Schwertes diese Feigen
Fortzujagen; doch verschweigen
Muß ich noch mein Mißgeschick,
Bis ich weiß, ob dies Vergehen
Ihre Schuld.

Nuño.                   So wollen wir
Uns denn setzen.

Mendo.                       Gut so! Hier
Wird mich niemand leicht erspähen.

(Sie setzen sich hinter eine Hecke.)

Rebolledo. Nun, der Mann setzt sich in Frieden;
Wenn's nicht sollt' ein Spukgeist sein,
Dem für seine Rauferein
Ward das Strafurteil beschieden,
Mit dem Schild hier umzugehn.
Singe denn!

Chispa.               Still. Kein Gezisch!

Rebolledo. Und ein Lied, ein Lied – so frisch,
Daß es raucht.

Chispa.                   Es soll geschehen.
    (Sie singt mit Begleitung der Guitarren.)
War einst einer, hieß Sampayo,
Ausbund aller Andalusier,
Raufbold von der ersten Sorte,
Rotkopf von dem schönsten Funkeln.
Dieser nun fand die Chillona
Eines Tags . . .

Rebolledo (sprechend). Thu' ihm kein Unrecht
In der Zeit; die Assonanz
Fordert, es geschah im Dunkeln.

Chispa (singt weiter). Fand einst, sag' ich, die Chillona,
Da es just begann zu dunkeln,
Welche zechend mit dem Garlo
Saß in einer Schenkenstube.
Garlo, der zu jeder Zeit,
Wenn es galt, darein zu trumpfen,
Wetterstrahl (doch ohne Wolken)
War vom Kopfe bis zum Fuße,
Zog das Schwert und gab ihm gleich
Rechts und links zwei derbe Fuchteln.

Während des Gesanges sind Don Lope und Crespo, mit Schild und Degen bewaffnet, von verschiedenen Seiten herbeigekommen; jetzt dringen sie auf die Soldaten ein.

Crespo (angreifend). Das war wohl auf diese Weise!

Don Lope (ebenso). Wie es war, sollt ihr versuchen!

Sie treiben die Soldaten fort; Mendo und Nuño geraten ins Gedränge und fliehen mit. Die beiden Alten verfolgen die Flüchtlinge und kommen auf die Bühne zurück, ohne einander zu erkennen.

Don Lope. Sie sind fort. Nur einer hat
Sich verweilt; da ist der Dieb!

Crespo. Auch der eine, der noch blieb,
Ist gewißlich ein Soldat.

Don Lope. Und auch der soll nicht vom Ort,
Ungezeichnet.

Crespo.                 Und den einen
Jagt mein Degen, sollt' ich meinen,
Auch noch von der Gasse fort.

(Sie gehen auf einander los.)

Don Lope. Laufe mit!

Crespo.                       Ei, laufe du!
Du verstehst dich wohl aufs Laufen. (Sie fechten.)

Don Lope. Sapperment, der kann gut raufen!

Crespo. Sapperment, der stößt gut zu!

Juan tritt auf mit bloßem Degen; Knechte mit Lichtern.

Juan. Fänd' ich nur den Vater da!
Vater, dir zum Beistand eil' ich.

Don Lope. Wie? Der Crespo ist's?

Crespo.                                           Ja freilich!
Ist's Don Lope?

Don Lope.               Freilich, ja!
Doch gelobtet Ihr nicht an,
Drin zu bleiben? Was für Streiche?

Crespo. Zur Entschuldigung gereiche,
Daß ich that, was Ihr gethan.

Don Lope. Mich beschimpften jene Dreisten,
Und nicht Euch.

Crespo.                     Was macht das aus?
Ich kam deshalb nur heraus,
Um Gesellschaft Euch zu leisten.

Soldaten (hinter der Szene).
Kommt und macht den Bauersleuten
Das Garaus!

Hauptmann (ebenso). Bedenkt doch! Seht!

Hauptmann und Soldaten dringen herein mit blossen Degen.

Don Lope. Wie? Seht ihr denn mich nicht? Steht!
Was soll dieser Lärm bedeuten?

Hauptmann. Die Soldaten haben hier,
Da sie auf der Gasse gingen,
Sich ergötzend bloß mit Singen
Ohne Lärm und Streitbegier,
Einen Zank gehabt; und ich
Suchte sie zurückzuhalten.

Don Lope. Don Alvaro, Eur Verhalten,
Glaubt mir, kenn' ich sicherlich.
Und da Groll und Hader laut,
Scheulos hier im Orte wüten,
Will ich ärgern Zwist verhüten.
Drum, da schon der Morgen graut,
Sei Euch der Befehl verliehen,
Daß, zur Abwehr der Gefahr,
Heut am Tag Ihr Eure Schar
Sollt aus Zalamea ziehen.
Abgemacht sind diese Dinge;
Doch das soll nicht wiederkehren,
Sonst werd ich Euch Ruhe lehren,
Sapperment! mit bloßer Klinge.

Hauptmann. Herr, sobald der Tag beginnt,
Soll die Kompanie marschieren.
(Beiseite.) Meinen Kopf werd' ich verlieren
Um dich, schönes Bauernkind!

(Hauptmann und Soldaten ab.)

Don Lope (zu Crespo). Kommt nun mit mir; niemand soll
Euch beleid'gen, das verheiß' ich.

Crespo (beiseite). Der Don Lope ist sehr beißig,
Doch vertragen wir uns wohl! (Alle ins Haus.)

 


 
Freier Platz im Dorfe; Tag.

Mendo und Nuño treten auf. Letzterer mit verbundenem Kopfe.

Mendo. Nuño, ist er arg, der Hieb?

Nuño. Wär' er auch so arg nicht, immer
War' er ärger doch und schlimmer,
Als mir angenehm und lieb.

Mendo. Ich empfand im Leben nimmer
Solchen Unmut, solches Grauen.

Nuño. Und ich auch nicht.

Mendo.                             Ganz ins Weite
Geht mein Zorn; ohn' hinzuschauen,
Gleich dich übern Kopf zu hauen!

Nuño. Ach, mir schmerzt die ganze Seite!

(Man hört trommeln.)

Mendo. Was ist das?

Nuño.                         Die Kompanie
Zieht davon.

Mendo.               Gott leite sie!
Denn so nimmt die Eifersucht
Auf den Hauptmann auch die Flucht.

Nuño. Abmarschieren muß auch die.

Hauptmann und Sergeant treten auf.

Hauptmann. Auf, Sergeant! Wir müssen fort
Mit der ganzen Kompanie
Noch vor Abend aus dem Ort.
Doch bedachtsam; denn so wie
Jene goldne Lampe dort
In den kühlen Schaum versinket,
Welchen Spaniens Küste trinket,
Wart' ich auf dem Bergespfad,
Wo nur neues Leben winket,
Wann der Sonne Tod sich naht.

Sergeant. Still! Da schleicht noch durch die Gassen
So'n Gesicht.

Mendo (zu Nuño).   Wir wollen gehen.
Suchen will ich, mich zu fassen;
Laß nur keine Feigheit sehen!

Nuño. Kann ich Mut denn sehen lassen? (Beide ab.)

Hauptmann. In das Dorf muß ich zurück.
Eine Magd ließ sich bestechen;
Und vielleicht, wenn mir das Glück
Beisteht meinem Wagestück,
Werd' ich dort die Schöne sprechen.
Gunst und Gaben mußten nützen,
Mein Begehr zu unterstützen.

Sergeant. Doch, Herr, bei so kühnem Schritt,
Nehmt nur ein'ge Leute mit,
Die im Notfall Euch beschützen.
Sich mit Bauern vorzusehn,
Ist sehr ratsam.

Hauptmann.             Freilich! Nun,
Heiß ein Paar denn mit mir gehn
Von den Burschen.

Sergeant.                       Ich will's thun;
Was Ihr wollt, Herr, soll geschehn.
Aber wenn der General
Käme, Herr, und noch einmal
Hier Euch fände?

Hauptmann.               Keine Not!
Nein, von dieser Seite droht
Meiner Liebe keine Qual;
Denn Don Lope muß noch heute
Schnell nach Guadalupe ziehn,
Um zu ordnen seine Leute;
Kunde, die mich sehr erfreute,
Als ich jetzt bei ihm erschien.
Der Monarch kommt in Person
Und ist auf der Reise schon.

Sergeant. Euch gehorchen ist mein Streben.

Hauptmann. Denk', es geht hier um mein Leben.

Rebolledo und Chispa treten auf.

Rebolledo. Herr, nun gebt mir Botenlohn!

Hauptmann. Wofür, Rebolledo? Sprich!

Rebolledo. Ich verdien' ihn sicherlich
Für die Nachricht, die ich bringe.

Hauptmann. Welche denn?

Rebolledo.                           Seid guter Dinge!
Einer unsrer Feind' entwich.

Hauptmann. Und das ist?

Rebolledo.                       Der junge Held,
Unsrer Schönen Brüderlein,
Den der General behält
(Vater ging den Handel ein),
Und nun zieht er mit ins Feld.
Eben kam er aus dem Neste,
Schön geputzt, voll Durst nach Thaten,
Und verbindet, Herr, aufs beste
Mit dem letzten Bauernreste
Schon den Anfang vom Soldaten.
Also nur der Vater eben
Steht uns noch im Wege dort.

Hauptmann. Alles geht nach Wunsch und Streben,
Hält nur die Vertraute Wort,
Die mir Hoffnung hat gegeben,
Daß ich, sinkt die Nacht hernieder,
Sehn soll Isabel.

Rebolledo.                 Unstreitig!

Hauptmann. Wohl! Vom Marsche kehr' ich wieder;
Doch jetzt muß ich gehn, um zeitig
Anzuordnen Reihn und Glieder
Meiner Schar. Zurück mit mir
Will ich dann euch beide nehmen.

(Hauptmann und Sergeant gehen ab.)

Rebolledo. Wenig, sackerlot! sind wir,
Und wenn auch noch zwei, noch vier,
Und noch sechse mit uns kämen.

Chispa. Willst du mit dem Hauptmann gehn,
Was soll dann mit mir geschehn?
Uebel wird es mir gesegnet,
Wenn mir etwa der begegnet,
Der dem Feldscher gab zu nähn.

Rebolledo. Was man mit der Chispa thut,
Weiß ich nicht. Hast du nicht Mut,
Mit zu gehen? Sprich!

Chispa.                               Ei ja!
Kleidung hab' ich zwar nicht da,
Aber Mut und Kraft sind gut.

Rebolledo. Kleidung brauchst du nicht zu kaufen;
Die des Knappen ist noch dort,
Der uns jüngst davon gelaufen.

Chispa. O, in dieser komm' ich fort,
Unerkannt.

Rebolledo.         Nun schnell! Der Haufen
Zieht schon ab.

Chispa.                   Mit gutem Grunde
Bin ich auf das Lied geraten (sie singt):
    Die Liebe der Soldaten
    Währt keine Stunde! (Beide ab.)

 


 
Vor Crespos Hause.

Don Lope, Crespo und Juan, als Soldat gekleidet, treten auf.

Don Lope. Für gar viele Dinge, Freund,
Muß ich warmen Dank Euch spenden;
Aber dafür doch am meisten,
Daß Ihr Euern Sohn mir gebet
Zum Soldaten. Dafür dank' ich
Euch fürwahr von ganzer Seele.

Crespo. Euch zum Diener geb' ich ihn.

Don Lope. Mir zum Freund will ich ihn nehmen;
Denn mein ganzes Herz gewonnen
Hat sein Mut, sein freies Wesen,
Seine Liebe zu den Waffen.

Juan. Immer gänzlich Euch ergeben
Werd' ich sein, und sehen sollt Ihr,
Daß im Dienst mein einzig Streben
Sein wird, Euch in allen Stücken
Zu gehorchen.

Crespo.                 Eins indessen
Bitt' ich, Herr, ihm zu verzeihn:
Wenn's all Dienstgeschick ihm fehlet.
Denn in unsrer Bauernschule,
Wo Pflugscharen. Drescherflegel,
Hacken, Schaufeln und dergleichen
Für die besten Bücher gelten,
Da erlernt' er freilich nicht,
Was in vornehmen Palästen
Lehrt die feine Höflichkeit,
Politik des heut'gen Lebens.

Don Lope. Da die Sonne milder wird,
Will ich nun mich fortbegeben.

Juan. Ich will sehen, Herr, ob Eure
Sänfte kommt. (ab.)

Isabel und Ines treten auf.

Isabel (zu Don Lope). Ist's recht, zu gehen,
Ohn' ein Lebewohl zu sagen
Der, die Euch so hoch verehrt?

Don Lope. Sicher ging' ich nicht, ohn' Eure
Hand zu küssen und zu flehen,
Daß Ihr freundlich eine Kühnheit
Mir vergebt, die ein Vergeben
Wohl verdient; denn nicht Gehalt,
Absicht macht den Wert der Spende.
Dieses Kreuz, zwar mit Demanten
Reich besetzt – in Eure Hände
Kommt es dennoch arm genug;
Doch ich bitt' Euch, daß Ihr's nehmen
Und als Schmuck an Euerm Halse
Tragen mögt, mir zum Gedächtnis.

(Er reicht ihr ein diamantenes Kreuz.)

Isabel. Herr, es kränkt mich, daß Ihr meinet,
Mit so köstlichem Geschenke
Die Bewirtung zu bezahlen.
Schuldner sind wir für die Ehre,
Die Ihr uns erzeigt.

Don Lope.                     Dies ist
Zahlung nicht, nur Freundesspende.

Isabel. Nur als Spende, nicht als Zahlung,
Steht mir frei, es anzunehmen. (Sie nimmt das Kreuz.)
Ich empfehl' Euch meinen Bruder,
Da Ihr ihm das Glück gewähret,
Daß er darf als Euer Diener
Mit Euch gehn.

Don Lope.               Nochmals bekräft'gen
Will ich's: Sorget nicht um ihn,
Schönes Kind; denn mit mir geht er.

Juan tritt auf.

Juan. Herr, die Sänfte steht bereit.

Don Lope. Bleibt mit Gott!

Crespo.                               Er woll' Euch segnen!

Don Lope. Lebet wohl, mein braver Crespo!

Crespo. Lebet wohl, mein tapfrer Feldherr!

Don Lope. Wer uns sagt' am ersten Tage,
Da wir beid' uns hier begegnet,
Daß wir würden dermaleinst
Solche Freunde sein auf ewig!

Crespo. Ei, Herr, ich hätt's Euch gesagt,
Wenn ich, Euch zuerst vernehmend,
Wußt', Ihr wäret . . .

Don Lope (im Abgehen).   Sprecht es aus!

Crespo. Tollkopf von so biederm Wesen.

(Don Lope geht ab.)

Crespo. Während Herr Don Lope jetzt
Seine Zurüstung vollendet,
Höre, Sohn, was ich dir sage
Hier vor deiner Muhm' und Schwester:
Du bist – Dank dem Himmel, Juan –
Einer Herkunft, unbefleckter
Als die Sonne, doch ein Bauer.
Dieses sag' ich dir, wie jenes;
Jenes, daß du deinen Stolz,
Deinen Mut nicht so entwertest,
Um, dir selbst mißtrauend, nicht
Mit bedächt'gem Rat zu streben,
Mehr zu werden; dieses aber,
Daß du nicht durch eitles Drängen
Wen'ger werdest. Gleich beachtend,
Brauch' in Demut beide Lehren.
Denn wofern du Demut übst,
Wirst du andre, sehr verständig,
An dein Gutes nur erinnern;
Und so bringst du zum Vergessen
Solche Dinge, die zum Unglück
Oft gereicht hochmüt'gen Seelen.
Viele schon, die in die Welt
Mit sich brachten einen Flecken,
Haben ihn getilgt durch Demut;
Und an vielen, frei und ledig
Jedes Fleckens, fand man solche,
Weil man sie nicht gern gesehen.
Höflich sei auf alle Weise,
Sei mitteilend und freigebig;
Hut vom Kopf, Börs' in der Hand,
Das macht, daß wir Freund' erwerben;
Und, fürwahr, nicht so viel wert
Ist das Gold, das Indiens Erde
Zeugt und das die See verschlingt,
Als, beliebt zu sein bei Menschen.
Niemals rede schlecht von Frauen;
Denn, ich sag's dir, auch die letzte
Ist der Achtung wert, weil sie
Ja es sind, durch die wir leben.
Ziehe nicht dein Schwert um Kleines;
Denn gewahr' ich in den Städten
Viele, so die Fechtkunst üben,
Sag' ich oftmals zu mir selber:
Diese Schul' ist's eben nicht,
Welche not thut; weil ich denke,
Lehren soll man keinen Jüngling
Mit Geschick und Anstand fechten,
Ohn' ihn auch zu lehren, wann
Er zu fechten hat. Und gäb' es
Einen Meister, der mit Klugheit
Lehrte, wie nicht, doch weswegen
Man sich schlagen soll, so schickten
Ihre Söhn' ihm alle Väter.
Hiemit, mit dem Geldbedarf,
Den ich auf den Weg dir gebe
(Dazu auch, daß du im Standort
Ehrsam dich in Kleidung setzest),
Mit dem Schutze des Don Lope
Und mit meinem Segen, denk' ich
Dich, will's Gott, auf höherm Posten
Einst zu sehn. Leb' wohl! Das Reden,
Fühl' ich, macht mich weich, mein Sohn.

Juan. Jedes deiner Worte senk' ich
In mein Herz, wo es gewiß
Bleiben soll, so lang ich lebe.
Gib mir deine Hand! – Und du,
Laß mich dich umarmen, Schwester!
Denn schon ist Don Lope fort,
Und ich muß ihm nach.

Isabel (ihn umarmend).           O hätte
Kraft mein Arm, dich fest zu halten!

Juan (der Ines die Hand gebend).
Leb' wohl, Muhme!

Ines.                                 Mit dir sprechen
Kann ich nicht, weil ja die Augen
Ihr Geschäft der Stimme nehmen.
Lebe wohl!

Crespo.             Nun fort, mein Sohn!
Denn je länger ich dich sehe,
Fühl' ich tiefer, daß du gehst.
Doch, weil ich's versprach, gescheh' es.

Juan. Gott beschütz' euch insgesamt!

Crespo. Gott begleite deine Wege!

(Juan geht ab. Es wird Abend.)

Isabel (zu ihrem Vater). Wahrlich, hart hast du gehandelt!

Crespo. Jetzt, da ich nicht mehr ihn sehe,
Fühl' ich mehr schon mich getröstet.
Was denn sollt' hier aus ihm werden?
Nichts, als für sein lebenlang
Ein Faulenzer, ein Verschwender.
Nein, er diene seinem König!

Isabel. Daß er muß zur Nachtzeit gehen,
Das nur kümmert mich.

Crespo.                                 Im Sommer
Ist das Reisen in den Nächten
Mehr Bequemlichkeit, als Mühe;
Und es ist gar sehr notwendig,
Daß er seinen Herrn, Don Lope,
Schnell einhole. – (Beiseite.) Ganz weichherzig
Macht der Junge mich fürwahr,
Ob ich schon mich mutig stelle.

Isabel. Vater, komm ins Haus herein.

Ines. Da nun die Soldaten weg sind,
Laßt uns, dächt' ich, vor der Thür
Noch der kühlen Luft ein wenig
Uns erfreun. Auch unsre Nachbarn
Werden bald sich herbegeben.

Crespo. Ja, ich mag noch nicht ins Haus;
Denn wie ich dem weißen Wege
Nachseh', ist es mir fürwahr,
Als ob ich den Juan dort sähe.
Ines, bring mir einen Sitz
Vor die Thür.

Ines.                       Hier ist ein Bänkchen!

(Sie bringt eine Bank; alle setzen sich.)

Isabel. Diesen Abend, wie es heißt,
Ist im Ort die Wahl der Aemter.

Crespo. Das geschieht hier allemal
Im August. (Sie reden weiter zusammen.)

Hauptmann, Sergeant, Rebolledo, Chispa in Mannskleidern, und Soldaten treten auf.

Hauptmann.     Kommt, ohne Lärmen!
Und du, Rebolledo, geh,
Um der Magd Bescheid zu geben,
Daß ich auf der Gasse bin.

Rebolledo. Ich will's thun. – Allein, was seh' ich?
Leute vor der Thür!

Sergeant.                         Mir deucht,
Wenn mich nicht der Schimmer blendet,
Den der Strahl des Mondes wirft
Auf ihr Antlitz, so ist jene
Isabel.

Hauptmann. Sie ist es! Mehr,
Als der Mond, sagt es das Herz mir.
Gut ist die Gelegenheit!
Wenn wir jetzt, da wir zur Stelle
Einmal sind, nur alles wagen,
Kommen wir gewiß zum Zwecke.

Sergeant. Denkt Ihr einen Rat zu hören?

Hauptmann. Nein!

Sergeant.               So bleibt er ungegeben.
Machet nun, was Euch beliebt.

Hauptmann. Nahen will ich mich und kecklich
Isabel von dort entführen.
Ihr indes, mit bloßem Degen,
Hindert, daß die andern Leute
Mich verfolgen.

Sergeant.                 Euch zu helfen,
Sind wir da; was Ihr befehlt,
Thun wir.

Hauptmann.   Merket wohl: die Stelle,
Wo wir uns versammeln wollen,
Ist der Rücken jenes Berges,
Der dort gleich zur Rechten liegt,
Wenn man abgeht von dem Wege.

Rebolledo. Chispa!

Chispa.                   Was?

Rebolledo.                       Die Mäntel halte!

(Hauptmann, Sergeant und Rebolledo nehmen ihre Mäntel ab und geben sie der Chispa.)

Chispa. Also, denk' ich, auch beim Fechten
Gilt's, die Kleider zu bewahren,
Wie man's sonst beim Schwimmen lehrte.

Hauptmann. Ich nun will zuerst mich nahen.

Crespo (zu den Mädchen).
Kommt! Wir haben nun hinlänglich
Uns erfrischt; laßt uns hineingehn. (Sie stehen auf.)

Hauptmann. Nun ist's Zeit; herbei, Gefährten!

(Er stürmt auf Isabel zu und reißt sie von den Ihrigen weg.)

Isabel. Ha, Verräter, was ist dies?

Hauptmann. Raserei ist's und verschmähter
Liebe Wut. (Er trägt sie fort.)

Isabel (hinter der Szene). Verräter! Vater!

Crespo. Ha, ihr Feigen!

(Er will ihr nach; die Soldaten halten ihn zurück.)

Isabel (wie oben).             Vater, rette!

Ines. Schnell ins Haus will ich entfliehn. (Sie eilt ins Haus.)

Crespo. Ha, ihr seht wohl, Niederträcht'ge!
Daß ich ohne Degen bin.
Schändliche Verräter!

Rebolledo.                         Gehet!
Wollt Ihr nicht, daß rascher Tod
Euch zur letzten Zücht'gung werde.

Crespo. Ha, wenn mir die Ehre stirbt,
Was noch liegt mir dann am Leben?
Himmel, hätt' ich nur ein Schwert!
Waffenlos ihm nachzusetzen,
Ist umsonst; und hol' ich selbst
Meine Wehr, so kommt indessen
Mir das Raubvolk aus den Augen.
Was zu thun? O hart Verhängnis!
Was ich auch erwähle, stets
Bleibt mir die Gefahr dieselbe.

Ines bringt einen Degen aus dem Hause.

Ines. Oheim, hier ist Euer Schwert!

(Sie geht ins Haus zurück.)

Crespo. Ha, du kommst mir recht gelegen!
Ehre hab' ich jetzt, denn jetzt
Hab' ich in der Hand den Degen. (Er greift die Soldaten an.)
Laßt die Beute los, ihr feigen
Räuber! Laßt sie los, Verräter!
Sie erkämpfen will ich, oder
Nicht mehr leben.

Sergeant.                     Nur vergebens
Müht Ihr Euch, denn wir sind viele.

Crespo. Meine Leiden sind unzählig,
Alle kämpfen sie für mich. –
Doch der Boden, den ich trete,
Wird mir treulos. (Er fällt.)

Rebolledo.                   Macht ihn tot!

Sergeant. Nein, zu hart ist's, daß man Leben
Ihm und Ehr' auf einmal raube.
Lieber laßt uns auf dem Berge
Dort, im Dickicht, fest ihn binden,
Daß er keinem Nachricht gebe.

Isabel (hinter der Szene).
Herr und Vater!

Crespo.                     Meine Tochter!

Rebolledo. Auf denn! Laßt ihn fort uns schleppen.

Crespo. Tochter, nur mit meinen Seufzern
Kann ich dir zu folgen streben.

(Die Soldaten schleppen ihn fort; alle ab.)

Juan tritt auf.

Isabel (hinter der Szene).
Wehe mir!

Juan.                 Welch banger Ton!

Crespo (hinter der Szene, von der andern Seite).
Wehe mir!

Juan.                 Welch jammernd Aechzen!
Bei dem Eintritt ins Gebirge
Stürzte, zu geschwinde rennend,
Mir das Pferd, und in der Nacht
Such' ich's im Gebüsch vergebens.
Bange Tön' auf jener Seite
Und auf dieser jammernd Aechzen
Hör' ich; doch undeutlich nur,
Und es läßt sich nichts erkennen.
Zwei Unglückliche, gewiß!
Rufen durch solch ängstlich Flehen
Meinen Mut an; und sind beide,
Wie es scheint, in gleichem Elend,
Dort ein Mann und hier ein Weib:
Eil' ich, diesem erst zu helfen.
So gehorch' ich meinem Vater,
Der zwei Dinge ja mich lehrte:
Daß ich soll mit gutem Anlaß
Kämpfen und die Frauen ehren;
Denn so ehr' ich nun die Frauen,
Und mit gutem Anlaß kämpf' ich.

(Er eilt nach Isabels Seite.)

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