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Gutenberg > Pedro Calderón de la Barca >

Der Richter von Zalamea

Pedro Calderón de la Barca: Der Richter von Zalamea - Kapitel 2
Quellenangabe
typedrama
booktitleCalderons ausgewählte Werke Bd. II
authorPedro Calderón de la Barca
translatorJohann Diederich Gries
firstpub1817
yearca. 1905
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleDer Richter von Zalamea
pages195-292
created20050607
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Erster Aufzug,

Ländliche Gegend, Heerstraße.

Ein Trupp Soldaten, auf dem Marsch begriffen, zieht mit aufgerollter Fahne unter Trommelschlag heran. Rebolledo und Chispa sind dabei. Wie man sich der Vorbühne naht, schweigt die Trommel.

Rebolledo. Der ist Satans offenbar,
Der uns so von Ort zu Ort
Läßt marschieren immerfort,
Ohne Rast und Ruh'!

Soldaten.                         's ist wahr.

Rebolledo. Ziehn wir denn im Land' umher
Als Zigeuner-Karawane?
Schleppt die ausgerollte Fahne
Immerfort uns hinterher,
Samt der Trommel . . .

Erster Soldat.                     Immer bellen?

Rebolledo. Die erst, seit sie endlich schweigt,
Uns die hohe Gnad' erzeigt,
Nicht die Köpfe zu zerspellen.

Zweiter Soldat. Nur nicht solches Murren hier!
Leicht vergißt man ja die Plagen,
Die man auf dem Marsch ertragen,
Bei dem Eintritt ins Quartier.

Rebolledo. Ins Quartier? Wenn ich krepiere
Unterwegs? Und komm' ich noch
Lebend an, weiß Gott ja doch,
Ob man auch mich einquartiere.
Denn da gibt dem Kommissär
Gleich der Richter zu verstehen:
Wenn die Truppen weiter gehen,
Streckt man gern das Nöt'ge her.
Erstlich zwar wird vorgestellt:
Ganz unmöglich ist das heute,
Denn todmüde sind die Leute.
Aber hat der Rat nur Geld,
Heißt es bald: Ihr Herrn Soldaten,
Ordre gibt's, hier nicht zu weilen;
Also laßt uns weiter eilen.
Und wir andern, wie verraten,
Folgen ganz gehorsamlich
Dieser Ordre, nie gehabt,
Die ihn macht zum fetten Abt
Und zum Bettelmönche mich.
Aber werd' ich – Gott verzeiht's! –
Zalamea heut' erblicken,
Und er will uns weiter schicken,
Sei's aus Eifer, sei's aus Geiz,
So geht ohne mich der Haufen.
Frei heraus: das erste Mal
Wär' es nicht, daß ich der Qual
Des Soldatenstands entlaufen.

Erster Soldat. Würd' auch nicht das erste sein,
Da ein armer Kriegssoldat
Seinen Hals verloren hat.
Jetzt zumal (das sieht sich ein),
Da der Führer unsrer Scharen
Der von Figueroa ist,
Herr Don Lope, wie Ihr wißt,
Der als tapfer, kriegserfahren
Ist berühmt im ganzen Reich;
Aber auch als arger Schwörer,
Flucher, Quäler, Freudenstörer,
Der den besten Freund sogleich
Hängen läßt, wenn's ihm behagt,
Ohne viel Prozeß zu machen.

Rebolledo. Nun, ihr Herrn, ist das zum Lachen
Nein, ich mach's, wie ich gesagt!

Zweiter Soldat. Prahlt ein Kriegsmann mit dergleichen?

Rebolledo. Ei, für mich ist das gering,
Doch nicht für dies arme Ding,
So im Land herumzustreichen.

Chispa. O Herr Rebolledo, schon' Er
Mich nicht gar zu zimperlich.
Denn seit langem weiß Er, ich
Hab' ein Herz wie ein Dragoner,
Und ein Schimpf ist mir solch Zagen.
Deshalb ging ich auf die Fahrt,
Um Strapazen aller Art
Keck und rühmlich zu ertragen.
Wollt' ich nur mich füttern lassen,
Leben nur in Saus und Braus,
Ei, so hätt' ich ja das Haus
Meines Amtmanns nicht verlassen,
Wo die Hüll' und Fülle war,
Jeden Monat viel Geschenke;
Denn so 'n Amtmann – das bedenke! –
Schont den Beutel nicht so gar.
Aber will ich nun im Troß
Mitmarschieren, Not und Plagen
Mit dem Rebolledo tragen,
Ohne Furcht vor dem Profoß:
Braucht ihr nicht . . . Was gibt's zu sorgen?

Rebolledo. Nein, beim Himmel, der's dir lohne,
Du bist aller Weiber Krone!

Erster Soldat. Das ist keinem Mann verborgen.
Vivat Chispa!

Rebolledo.             Wer wird schweigen?
Nochmals Vivat! und zumal,
Wenn sie diese Müh' und Qual
Beim Bergauf-, Berguntersteigen
Lust uns zu erleichtern hätte
Durch Gesang und durch Musik.

Chispa. Antwort geb' auf die Supplik
Vorgeladne Kastagnette.

Rebolledo. Ich will auch nicht müßig sein.
Den Partein, die vorgeladen,
Sprecht das Urteil, Kameraden!

Erster Soldat. Meiner Seel'! das gehn wir ein.

(Rebolledo und Chispa singen mit Begleitung der Kastagnetten.)

Chispa. Jetzt soll, trallala, trallala, schallen,
Wohl das beste Lied von allen.

Rebolledo. Jetzt soll, titiri, titiri, tönen,
Wohl das schönste Lied der schönen.

Chispa. Mag der Hauptmann gehn zu Schiffe
Und der Fähnrich in die Schlacht!

Rebolledo. Mag, wer Lust hat, Mohren töten!
Haben mir kein Leid gethan.

Chispa. Schiebt hinein und hinaus zum Ofen,
Daß mir Brot nicht fehlen mag.

Rebolledo. Wirtin, schlachte mir nur die Henne,
Hammelfleisch ist mir fatal.

Erster Soldat. Halt doch! Ist's verdrießlich nicht
(Da so trefflich auf dem Gange
Wir uns labten am Gesange),
Daß wir jenen Turm so dicht
Vor uns sehn? Denn ohne Fragen
Ist das unser Nachtquartier.

Rebolledo. Ist das Zalamea hier?

Chispa. Mag der Glockenturm es sagen!
Aber thu' es euch nicht leid,
Wird mein Singen eingestellt;
Oft genug, wenn's euch gefällt,
Gibt's dazu Gelegenheit.
Dazu dürft' ihr mich nicht zwingen;
Denn, wie andre Fraun geschwind
Bei der Hand mit Weinen sind,
Bin ich bei der Hand mit Singen.
Hundert Lieder, wenn ihr's fordert!

Rebolledo. Laßt, bei so bewandten Sachen,
Hier ein wenig Halt uns machen,
Bis uns der Sergeant beordert,
Ob die Schar in Reih' und Glied
Einziehn soll.

Erster Soldat.       Wie abgekartet
Kommt er schon; allein es wartet
Auch der Hauptmann, wie man sieht,
Auf Bescheid.

Hauptmann und Sergeant treten auf.

Hauptmann.          Was gebt ihr mir
Botenlohn, ihr Herrn Soldaten?
Heute sind wir wohl beraten,
Denn wir rasten im Quartier,
Bis Don Lope mit den Seinen
Kommt, die in Llerena blieben.
Hier – so ward uns vorgeschrieben –
Soll sich unsre Schar vereinen
Und nach Guadalupe ziehn
Dann erst, wenn das Regiment
Ist beisammen, ungetrennt.
Bis er ankommt, ist Termin
Zur Erholung euch gegeben,
Nach des Marsches Last und Fron.

Rebolledo. Das verdiente Botenlohn!

Soldaten. Unser Hauptmann, der soll leben!

Hauptmann. Die Quartierung ist geschehn,
Und die Zettel auszuteilen,
Wird der Kommissär nicht weilen,
Wie er kommt.

Chispa.                   Nun will ich sehn,
Ja, bei Gott! ob ich einmal
Jenes Lied als wahr erkenne:
Wirtin, schlacht' mir nur die Henne,
Hammelfleisch ist mir fatal.

(Alle ab, bis auf den Hauptmann und den Sergeant.)

Hauptmann. Herr Sergeant, behieltet Ihr
Auch für mich die Zettel da,
Die ich haben soll?

Sergeant.                       O ja!

Hauptmann. Und wo ist denn mein Quartier?

Sergeant. In der Wohnung eines Bauern,
Der der reichste Mann im Ort
Sein soll; aber, wie man dort
Mir gesagt, gibt's keinen rauhern,
Stolzern Menschen auf der Welt,
Eitler und von höherm Ton
Als ein Erbprinz von Leon.

Hauptmann. Solch ein dummer Stolz gesellt
Gut sich zu dem reichen Bauer.

Sergeant. Wie man sagt, ist dies die beste
Wohnung in dem ganzen Neste.
Aber, sag' ich's Euch genauer,
Nicht deshalb wählt' ich dies Haus,
Weil es soll das beste sein,
Sondern weil im Orte kein
Schöner Mädchen ist . . .

Hauptmann.                           Sprecht aus!

Sergeant. Als die Tochter dort.

Hauptmann.                             Am Ende,
Schön und eitel noch so sehr,
Eine Bäurin ist's, was mehr?
Große Füße, plumpe Hände!

Sergeant. Ei, wer ist es, der so spricht?

Hauptmann. Und warum nicht? Sei gescheit!

Sergeant. Nützt man besser seine Zeit,
Als wenn man, aus Liebe nicht,
Nur zum Spaß bei müß'ger Rast,
Sich ein Bauermädchen nimmt,
Das auf jedes Wort bestimmt
Antwort gibt, die niemals paßt?

Hauptmann. Das behagte nimmer mir,
Auch nicht bloß zum Zeitvertreibe.
Seh' ich nicht an einem Weibe
Zierlichkeit, Geschick, Manier,
Anstand, Unterhaltungsgabe,
So ist sie kein Weib für mich.

Sergeant. Doch für mich, Herr, sicherlich,
Jede, die ich eben habe.
Laßt uns gehn; denn, in der That,
Mir kommt solch ein Leckerbissen
Sehr gelegen.

Hauptmann.         Willst du wissen,
Welcher recht von beiden hat?
Wer da minnet rein und edel,
Tönt ihm seiner Schönen Name,
Spricht er: Das ist meine Dame!
Nicht: Das ist mein Bauermädel!
Folglich, wenn man Dame nennt,
Die man liebt, so ist die Lehre,
Daß man dieses Namens Ehre
Keiner Bäurin zuerkennt. –
Doch was gibt's? (Sich umsehend.)

Sergeant.                   Dort an der Ecke
Steigt ein Mann von seiner magern
Rosinante jetzt herunter,
Und er gleicht von Wuchs und Ansehn
Dem berühmten Don Quijote,
Dessen Abenteur und Fahrten
Miguel von Cervantes schrieb.

Hauptmann. War je solch ein Kerl vorhanden?

Sergeant. Kommt, Herr Hauptmann; es ist Zeit.

Hauptmann. Erst, Sergeant, bringt meine Sachen
Ins Quartier und kommt zurück,
Um mir dann Bescheid zu sagen. (Beide ab.)

 


 
Gasse im Dorf, vor Crespos Hause.

Don Mendo und Nuño treten auf.

Mendo. Nun, wie geht der Gaul?

Nuño.                                           Er steht,
Denn er kann nicht mehr vom Platze.

Mendo. Sagtest du dem Burschen, sprich!
Daß er ihn herumgehn lasse?

Nuño. Schönes Futter!

Mendo.                         Nichts kann besser
Einem Gaul Erholung schaffen.

Nuño. Nein, ich halt' es mit der Gerste.

Mendo. Daß man frei die Hunde lasse,
Sagtest du's?

Nuño.                   Sie wird es freuen,
Nicht den Fleischer.

Mendo.                           Gnug zur Sache!
Nun Zahnstocher her und Handschuh,
Denn schon hat es drei geschlagen.

Nuño. Nimmt man nun das Hölzlein weg,
Als bezüglich?

Mendo.                   Wer da wagte,
Nur zu denken, daß ich nicht
Mit Fasanen heut getafelt,
Solcher lügt in seinem Denken;
Hier und an belieb'gem Platze
Geb' ich's ihm zu kosten.

Nuño.                                       Besser
Gäbst du mir, als einem andern,
Was zu kosten; denn ich bin
Ja dein Diener.

Mendo.                   Dummes Schwatzen!
Ist's denn wahr, daß Kriegestruppen
Eingezogen sind heut abend
In dies Dorf hier?

Nuño.                           Freilich, Herr.

Mendo. Ja, das Bauernvolk beklag' ich,
Solche Gäste zu bekommen!

Nuño. Die sind mehr noch zu beklagen,
Die sie nicht bekommen.

Mendo.                                   Wer denn?

Nuño. Wundre dich nur nicht: der Adel.
Denn daß man in Adelshäuser
Niemals Truppen legt, weshalben
Glaubst du daß es sein mag?

Mendo.                                         Nun?

Nuño. Daß sie nicht vor Hunger fallen.

Mendo. Ruh' in sanfter Rast die Seele
Meines seligen Herrn Vaters,
Weil er solchen schönen großen
Adelsbrief mir hinterlassen,
Mit Azur und Gold gemalt,
Edles Vorrecht meines Stammes!

Nuño. Besser wär's, er hätt' uns sonst
Etwas Gold noch hinterlassen.

Mendo. Obwohl, wenn ich's recht erwäge
Und dir soll die Wahrheit sagen,
Bin ich ihm nicht sehr verpflichtet,
Daß er mich gezeugt von Adel.
Denn trotz aller seiner Mühe
Hätt' ich nicht mich zeugen lassen
In dem Mutterleibe, wenn
Nicht von einem Edelmanne.

Nuño. Das zu wissen, wäre schwer.

Mendo. Gar nicht, sondern leicht, wahrhaftig!

Nuño. Aber wie, Herr?

Mendo.                         Du verstehst
Von Philosophie nun gar nichts
Und weißt nichts vom ersten Eingang.

Nuño. Wahr, Herr! Nichts vom ersten Gange
Weiß ich, noch vom letzten, seit ich
Bei dir aß; dein Tisch ist wahrlich
Recht ein Gottestisch: nicht Eingang,
Mittelgang noch Ausgang hat er.

Mendo. Nicht von solchen Gängen red' ich.
Wisse denn: Die Kinder alle
Sind die Quintessenz der Speisen,
Welche deren Eltern aßen.

Nuño. Also aßen Dero Eltern?
Der Gebrauch ist wohl kein Mannlehn.

Mendo. In das eigne Fleisch und Blut
Wird die Speise nun verwandelt.
Folglich, wenn mein Vater eben
Zwiebeln aß, so hätt' er stracklich
Den Geruch mir mitgeteilt,
Und gesagt hätt' ich: Herr Vater,
Laßt das; denn von solchem Auswurf
Will ich nicht mich machen lassen.

Nuño. Nun behaupt' ich, es ist wahr.

Mendo. Was denn?

Nuño.                     Daß des Geistes Scharfsinn
Schärfer wird durch Hunger.
Mendo.                                 Tölpel!
Hab' ich Hunger?

Nuño.                         Nur gelassen!
Hast du keinen: haben könntest
Du ihn wohl; denn drei geschlagen
Hat es schon, und keine Kreide
Wär' ein beßrer Fleckausmacher,
Als dein Speichel und der meine.

Mendo. Ist das Grund, um zu verlangen,
Daß ich Hunger haben soll?
Bauern mögen Hunger haben;
Denn wir sind nicht alle gleich,
Und ein Edelmann bedarf nicht,
Sich zu füttern.

Nuño.                       Wer doch immer
Wär' ein Edelmann!

Mendo.                           Nun lasse
Dies Geschwätz; denn Isabel,
Weißt du, wohnt in dieser Gasse.

Nuño. Liebst du Isabel so zärtlich
Und so treu: weshalb vom Vater
Forderst du sie nicht zur Frau?
Beide ja, du und der Alte,
Würden auf die Art bekommen,
Was für jetzt euch beiden mangelt:
Essen würdest du, und seine
Enkel wären adlig.

Mendo.                         Schwatze
So nicht, Nuño! Sollte Geld
Mich so niederträchtig machen,
Einen steuerbaren Mann
Aufzunehmen?

Nuño.                     Ei, ich dachte,
Solch ein Steuerbarer wäre
Eben gut zum Schwiegervater.
Andre, sagt man, wollen störrig
Niemals sich besteuern lassen
Von dem Schwiegersohn. Und willst du
Nicht heiraten: weshalb, sage,
Machst du so viel Liebesstreiche?

Mendo. Kann ich nicht, die Heirat sparend,
Sie ins Nonnenstift zu Burgos
Bringen, wenn sie mir zur Last fällt?
Schau, ob du sie nicht gewahrst.

Nuño. Ach, ich fürchte, mich gewahre
Pedro Crespo.

Mendo.                 Kann auch jemand
Dir, als meinem Diener, schaden?
Thu, was dir dein Herr befiehlt.

Nuño. Sing' ich denn dein Lied, ob zwar ich
Selten aß dein Brot!

Mendo.                           Sprichwörter
Führen die Bedienten alle.

Nuño. Trinkgeld, Herr! Am Gitter dort
Zeigt sich Ines mit der Base.

Mendo. Sage, daß im Ost die Sonne,
Reich gekrönt mit Diamanten,
Heut, sich selber wiederholend,
Aufgeht auch am Nachmittage.

Isabel und Ines erscheinen am Fenster.

Ines. Mühmchen, komm, ums Himmels willen,
Komm ans Fenster! Die Soldaten
Sollst du sehn, die eben einziehn
In den Ort.

Isabel.               Nur nicht verlange,
Daß ich mich ans Fenster stelle,
Wenn der Mensch dort auf- und abgeht.
Denn du weißt, wie sehr mich's ärgert,
Ines, dort ihn zu gewahren.

Ines. Toll genug beharrt er drauf,
Standhaft dir den Hof zu machen.

Isabel. Dadurch wird mein Glück nicht größer.

Ines. Doch mir deucht, du bist zu tadeln,
Daß du's ihm so übel nimmst.

Isabel. Was denn sollt' ich?

Ines.                                     Drüber spaßen.

Isabel. Spaßen über solchen Aerger?

Mendo (zu Isabel). Hätt' ich doch, bei meinem Adel!
(Schwur, der unverletzlich ist)
Schwören wollen, bis so lange
Sei es noch nicht Tag geworden.
Doch kein Wunder ist es wahrlich,
Da bei Eurer Morgenröte
Jetzt ein zweiter Tag heranbricht.

Isabel. Oft schon sagt' ich Euch, Herr Mendo,
Wie so ganz umsonst Ihr alle
Eure Zärtlichkeit verschwendet,
Allen den verliebten Wahnsinn,
Den Ihr Tag für Tage treibt
Hier im Haus' und auf der Gasse.

Mendo. Wenn die schönen Frauenzimmer
Wüßten, um wie viel das Prangen
Ihrer Schönheit wächst durch Zürnen,
Sprödethun, Verschmähn, Verachten:
Wahrlich, sie gebrauchten niemals
Andre Schmink', als Zornesflammen.
Schön seid Ihr, bei meinem Leben!
Sagt mir, sagt mir noch mehr Arges.

Isabel. Hilft das Sagen nicht, Don Mendo,
Helfe denn in anderm Maße
Arges Thun. Geh weg vom Gitter,
Ines, und das Fenster schlage
Gleich ihm vor der Nase zu. (Sie geht weg.)

Ines. Mein Herr Ritter ohne Tadel,
Der Ihr stets als Abenteurer
Euch in solche Kämpfe waget,
Die Ihr nicht so leicht als Sieger
Durchzufechten wärt im stande:
Amor mög' Euch schützen!

(Sie macht das Fenster zu und geht weg.)

Mendo.                                         Ines,
Schöne Frauenzimmer machen
Alles, was sie wollen. – Nuño!

Nuño. Recht zum Unglück doch erschaffen
Sind die Armen!

Indem sie abgehen wollen, begegnet ihnen Pedro Crespo.

Crespo (für sich).         Kann ich nie
Einen Schritt thun auf der Gasse,
Daß nicht hier der Betteljunker
Gravitätisch auf- und abgeht!

Nuño. Pedro Crespo kommt hieher.

Mendo. Laß nach jener Seit' uns wandern,
Denn er ist ein tück'scher Bauer.

Da sie von der andern Seite abgehen wollen, kommt Juan ihnen entgegen.

Juan (für sich). Immer, wenn ich komme, hab' ich
Dies Gespenst mit Hut und Handschuh
Hier vorm Hause zu betrachten!

Nuño. Aber daher kommt der Sohn.

Mendo. Keine Sorgen! Sei nicht bange!

Crespo. Ha, da seh' ich ja Juanito!

Juan. Ha, da seh' ich meinen Vater!

Mendo. Nur Verstellung! – Pedro Crespo,
Guten Abend! (Grüßt vornehm im Vorübergehen.)

Crespo.                 Guten Abend!

(Mendo und Nuño gehen ab.)

Crespo. Sehr zudringlich wird der Kerl!
Endlich muß ich so ihn packen,
Daß es sicher ihn verdrießt.

Juan. Endlich bringt er mich in Harnisch. –
Vater, wo kommst du denn her?

Crespo. Von der Tenne. Gegen Abend
Ging ich, um das Feld zu schauen;
Und in Hocken und in Garben
Liegt das herrliche Getreide,
Das, wenn man's von fern betrachtet,
Aussieht wie ein Berg von Gold,
Und zwar Gold vom feinsten Schlage,
Weil bei ihm der ganze Himmel
Selbst Wardein ist des Gehaltes.
Eben worfelt man; der Wind,
Sänftlich auf die Schaufel blasend,
Wirft das Korn auf diese Seite
Und die Spreu dann auf die andre;
Denn auch dort muß das Geringe
Allzeit Platz dem Wicht'gen machen.
Gebe Gott, daß ich das Korn
Glücklich auf den Boden schaffe,
Eh ein Regen es verdirbt,
Eh ein Sturm es führt von dannen. –
Und was machtest du?

Juan.                                   Ich fürchte,
Du wirst zürnen, wenn ich's sage.
Zwei Partieen Ball gespielt
Hab' ich heut' am Nachmittage
Und sie alle zwei verloren.

Crespo. Gut, wofern du sie bezahltest.

Juan. Nein, das hab' ich nicht gethan,
Denn mein Geld war ausgegangen.
Vielmehr bitten wollt' ich dich . . . .

Crespo. Hör', eh du was weiter sagest.
Hüte stets dich vor zwei Dingen:
Nie versprich, was du nicht halten
Sicher kannst, und nie verspiele
Mehr, als du im Beutel hattest,
Daß, wenn auch an Geld vielleicht,
Nicht an gutem Ruf dir's mangle.

Juan. Dieser Rat ist, als der deine,
Schätzbar, und ich will zum Danke
Gleich dir einen andern geben:
Speise nie mit gutem Rate
Solchen ab, der eben Geld
Nötig hat.

Crespo (lachend). Gescheite Rache!

Der Sergeant tritt auf, einen Mantelsack tragend.

Sergeant. Wohnt nicht Pedro Crespo hier?

Crespo. Habt Ihr etwas ihm zu sagen?

Sergeant. Ja; hier bring' ich das Gepäck
Don Alvaros de Atayde,
Der als Hauptmann anführt jene
Kompanie, die gegen Abend
Eingerückt in Zalamea.

Crespo. Gut, Ihr braucht nichts mehr zu sagen;
Denn dem König, auch in seinen
Offizieren, steht mein ganzes
Haus und Gut allzeit zu Dienste.
Laßt nur liegen dort die Sachen,
Während man auf seinem Zimmer
Alles wird in Ordnung machen.
Geht und sagt, er möge kommen,
Wann's beliebe seiner Gnaden,
Und des Meinen sich bedienen.

Sergeant. Er wird bald sich sehen lassen.

(Legt den Mantelsack ins Haus und geht ab.)

Juan. Willst du denn, bei solchem Reichtum,
Dieser Einquartierung Lasten
Ewig tragen?

Crespo.                 Aber wie
Kann ich frei davon mich machen?

Juan. Kauf' doch einen Adelsbrief!

Crespo. Sag', ich bitte dich um alle
Welt! gibt's jemand, der nicht weiß,
Daß ich, zwar von reinem Stamme,
Doch ein Bauer bin? Gewiß nicht!
Was gewinn' ich denn, erhandl' ich
Einen Adelsbrief vom König,
Wenn ich nicht das Blut erhandle?
Wird man sprechen, ich sei besser,
Als ich jetzt bin? Das ist albern!
Was denn sonst? Mein Adel koste
Fünf – sechstausend Stück Realen;
Das ist Geld und ist nicht Ehre,
Denn die läßt sich nicht erhandeln.
Soll ich dir ein kleines Beispiel,
Wenn es auch gemein ist, sagen?
Einer ist sein lebenlang
Kahlkopf, und am Ende schafft er
Ein Perückchen an; hat dieser,
Nach gemeinem Dafürhalten,
Keinen Kahlkopf mehr? O nein!
Und was sagt denn, wer ihn ansieht?
»Ei, dem Mann steht die Perücke
Gar nicht schlecht.« Was hilft's ihm aber,
Sieht man auch die Glatze nicht,
Wissen alle doch, er hat sie?

Juan. Er entgeht der Spötterei,
Bessert, wie er kann, den Schaden
Und bewahrt sich vor der Sonne,
Vor des Winds und Wetters Plagen.

Crespo. Fort mit nachgemachter Ehre!
Ruhig läßt ja dieser Mangel
Mich in meinem Hause. Bauern
Waren meine Vorfahrn alle;
Bauern seien meine Söhne! –
Ruf die Schwester her.

Juan.                                   Sie naht sich.

Isabel und Ines kommt aus dem Hause.

Crespo. Tochter, unser Herr, der König
(Den Gott tausend Jahr' erhalte!),
Geht nach Lisbon, weil er dort
Denket krönen sich zu lassen
Als rechtmäßiger Beherrscher.
Drum sind überall Soldaten
Auf dem Marsche, mit so großer
Kriegszurüstung; selbst das alte
Regiment von Flandern muß
Nach Kastilien auf sich machen,
Unter Führung des Don Lope,
Welcher heißt der Mars von Spanien.
Auch in unser Haus kommt heute
Kriegsvolk, und es scheint geraten,
Daß man nicht dich sehe. Deshalb,
Isabel, geh aus so lange
In die Oberstub' hinauf,
Wo ich wohne.

Isabel.                     Eben kam ich,
Um mir dieses zu erbitten.
Denn wohl ist mir eingefallen,
Blieb' ich hier, so müßt' ich tausend
Alberein mir sagen lassen.
Meine Muhm' und ich, wir wollen
Oben bleiben; und, wahrhaftig!
Niemand, selbst die Sonne nicht,
Soll uns sehn.

Crespo.                 Gott mög' euch wahren!
Du, Juanito, bleibe hier,
Um die Gäste zu empfangen;
Ich will gehn, um zur Bewirtung
Einzukaufen, was noch mangelt. (ab.)

Isabel. Komm denn, Ines!

Ines.                                 Komm denn, Mühmchen!
Doch für thöricht muß ich halten,
Daß man wahren will ein Mädchen,
Will es selber nicht sich wahren.

(Die Mädchen gehen ins Haus.)

Hauptmann und Sergeant treten auf.

Sergeant. Hier sollt Ihr Rasttag machen.

Hauptmann. Schafft her denn von der Wache meine Sachen,
Felleisen und Tornister.

Sergeant. Erst nehm' ich mir das Mädchen aufs Register.

(Geht ins Haus.)

Juan. Herr Hauptmann, seid willkommen!
Glück unserm Hause, daß es aufgenommen
Solch einen Kavalier von hohem Range
Und edlem Blut, als ich in Euch empfange.
Wie zierlich und wie prächtig!
Die Kriegertracht reizt meinen Neid gar mächtig.

Hauptmann. Es freut mich, Euch zu sehen.

Juan. Vergebt, sollt' Euch Bequemlichkeit entgehen.
Gewiß, mein Vater wollte,
Daß zum Palast die Hütt' Euch werden sollte.
Er ist jetzt nicht zu Hause,
Denn er kauft ein für Euch zum Abendschmause.
Ich geh', um Eure Wohnung einzurichten,
Wie sich's gehört.

Hauptmann.               Ihr werdet mich verpflichten
Durch Eure Güt' und Gaben.

Juan. Stets sollt Ihr mich zu Euren Diensten haben.

(Er geht ins Haus.)

Der Sergeant tritt auf.

Hauptmann. Wie steht's? Hast du das Mädchen
Gesehn, Sergeant?

Sergeant.                     Gott strafe mich, kein Fädchen.
Obwohl ich jede Klause,
Küch' und Gemach durchspäht' im ganzen Hause,
Konnt' ich sie nicht entdecken.

Hauptmann. Gewiß will sie der Bauerkerl verstecken.

Sergeant. Nach unsrer Schönen fragte
Ich endlich eine Magd, und diese sagte,
Sie sei im Oberzimmer
Vom Alten eingesperrt und dürfe nimmer
Herunter gehn, weil ihn der Argwohn drücke.

Hauptmann. War jemals wohl ein Bauer ohne Tücke?
Hätt' ich sie hier gesehen,
Kaum blieb' ich bei ihr stehen;
Und nur, weil sie der Alte hält gefangen,
Macht er mir Lust, zur Tochter zu gelangen,
Bei Gott!

Sergeant.        Allein, wie spüren
Wir einen Vorwand aus, uns einzuführen,
Ohn' Argwohn zu erregen?

Hauptmann. Zum Trotze nur will ich sie sehn; deswegen
Bedarf ich List.

Sergeant.                 Und wenn sie auch am Ende
Wer eben zusieht, nicht gar sinnreich fände,
Das kann nicht viel verfangen;
Sie wird dadurch nur größern Ruhm erlangen.

Hauptmann. So höre denn!

Sergeant.                             Sagt an, was soll es geben?

Hauptmann. Du sollst dich stellen . . . Aber nein! denn eben
Kommt Rebolledo her; der ist bekannter
Mit solchem Zeug und in der That gewandter.

Rebolledo und Chispa treten auf.

Rebolledo (zu Chispa). An diesem Probestücke
Will ich nun sehn, ob mir's in etwas glücke.
Hier ist der Hauptmann.

Chispa.                                   Such' ihn zu verbinden;
Sei klug, denn Albernheit und Possen finden
Nicht immer sich am Platze.

Rebolledo. Leih etwas mir aus deinem Klugheitschatze.

Chispa. Gern will ich mit dir teilen.

Rebolledo. Indes wir sprechen, mußt du hier verteilen.
    (Er nähert sich dem Hauptmann.)
Ich wollt' Euch bitten, Herr . . .

Hauptmann.                                     Nach bestem Können
Werd' ich, was Rebolledo wünscht, vergönnen.
Sein Mut, sein offnes Wesen
Gefällt mir sehr.

Sergeant.                   Ein Kriegsmann, auserlesen!

Hauptmann. Was ist dein Wunsch?

Rebolledo.                                       Herr, was ich auf der Erde
An Geldern habe, hatt' und haben werde,
Verlor ich ganz; ich bin für gegenwärtig,
Für ehmals und zukünftig damit fertig.
Drum wünscht' ich, daß, auf Vorsprach' Eurer Gnaden,
Mir gleichsam zum Ersatz für meinen Schaden
Der Fähnrich gebe . . .

Hauptmann.                       Was? Nicht eingehalten!

Rebolledo. Vergunst, das öffentliche Spiel zu halten.
Thut, Herr, was ich begehre;
Ich bin ein braver Kerl, ein Mann von Ehre.

Hauptmann. Das find' ich recht und billig;
Auch soll der Fähnrich wissen, also will ich.

Chispa (beiseite). Der Hauptmann scheint ihn eben nicht zu beißen;
Bald wird man mich Frau Spieldirektorn heißen.

Rebolledo (will fort). Gleich sag' ich's ihm.

Hauptmann.                                                 Du brauchst nicht so zu eilen;
Erst hab' ich dir noch etwas mitzuteilen
Von einem Streich, den ich mir vorgenommen,
Um einem Zweifel auf den Grund zu kommen.

Rebolledo. Was soll geschehn? Sagt eilig!
Denn was man spät erfährt, das läßt sich freilich
Nur spät vollziehn.

Hauptmann.                 Ins Oberzimmer gehen
Möcht' ich, bloß um zu sehen,
Ob dort vielleicht sich jemand läßt entdecken,
Der sich bemüht, vor mir sich zu verstecken.

Rebolledo. Warum geht Ihr nicht hin?

Hauptmann.                                       Ich möcht', ohn' allen
Vorwand, nicht gern so in das Zimmer fallen.
Drum höre mich: Ich thu' erzürnt und fange
Zu schelten an; du flüchtest, angst und bange,
Die Trepp' hinauf; ich zieh', entsetzlich böse,
Den Degen blank, worauf du mit Getöse
Erbrichst des Zimmers Thüre,
Wo die Person sich birgt, nach der ich spüre.

Rebolledo. Schon gut, Herr; ich verstehe.

Chispa (beiseite). Der Hauptmann scheint sich ja, so viel ich sehe,
Der Gnade zu befleißen;
Heut' werd' ich noch Frau Spieldirektorn heißen.

Rebolledo (sich verstellend). 's ist wider Recht und Sitte!
Den kleinen Zuschuß, Herr, um den ich bitte,
Den haben Diebe, Hasen, Schuft' empfangen;
Und kommt ein Ehrenmann, ihn zu verlangen,
Schlagt Ihr ihn ab?

Chispa (beiseite).           Schon fängt er an, zu tollen!

Hauptmann. Kann man auf die Art mit mir reden wollen?

Rebolledo. Soll das mich nicht verdrießen?
Hab' ich doch recht!

Hauptmann.                     Das Maul sollt Ihr verschließen!
Und dankt mir für mein gnädiges Bezeigen.

Rebolledo. Ihr seid mein Hauptmann, deshalb muß ich schweigen.
Allein, bei Gott! führt' ich an diesem Tage
Nur den Sponton . . .

Hauptmann.                     Was würd'st du thun? So sage!

Chispa (hervortretend). Herr Hauptmann, halt! Ach mir wird bang und bänger!

Rebolledo. Euch besser sprechen lehren.

Hauptmann (den Degen ziehend).             Wart' ich länger,
Mein Schwert dem Schurken durch den Leib zu jagen?

Rebolledo. Aus Achtung bloß vor Euerm Hauptmannskragen
Flieh' ich. (Er läuft ins Haus.)

Hauptmann. Du wirst zur Leiche,
Obwohl du fliehst.

(Er will ins Haus, der Sergeant hält ihn zurück.)

Chispa.                         Das sind nun seine Streiche!

Sergeant. Halt, Herr!

Chispa.                       Hör' an!

Sergeant.                                 Laß so nicht fort dich reißen!

Chispa (betrübt). Man wird mich nicht Frau Spieldirektorn heißen!

(Der Hauptmann reißt sich los und eilt ins Haus; der Sergeant folgt ihm.)

Chispa. Schnell, schnell, ihm beizustehen!

Crespo und Juan treten auf, letzterer mit einem Degen in der Hand.

Crespo. Was gibt es hier für Lärm?

Juan.                                                 Was ist geschehen?

Chispa. Der Hauptmann zog den Degen
Auf einen der Soldaten, und verwegen
Ist er ihm nachgelaufen,
Die Trepp' hinauf.

Crespo.                         Das Unglück kommt zu Haufen!

Chispa. Nur schnell ihm nach!

Juan.                                         Nichts half es unsern Zwecken,
Die Schwester und die Muhme zu verstecken.

(Alle ins Haus.)

 


 
Zimmer in Crespos Hause.

Isabel und Ines, mit weiblichen Arbeiten beschäftigt. Rebolledo stößt die Thür auf und dringt in das Zimmer.

Rebolledo. Meine Schönen, war doch immer
Jeder Tempel Zufluchtsort;
Drum sei meine Zuflucht dieser
Tempel, wo Gott Amor wohnt!

Isabel. Wie? Wer zwingt auf diese Weise
Euch zu fliehen?

Ines.                           Welche Not
Treibt Euch, hier herein zu dringen?

Isabel. Wer ist's, der Euch sucht, verfolgt?

Der Hauptmann dringt herein, mit bloßem Degen; ihm folgt der Sergeant.

Hauptmann. Ich bin's, ich, der diesen Schurken
Umzubringen denkt, bei Gott!
Wenn er glaubte . . .

Isabel.                               Haltet, Herr,
Haltet ein! zum mindsten doch,
Weil er sich zu mir geflüchtet;
Denn dem Edelmanne frommt
Immerdar, die Fraun zu achten,
Sind sie auch nichts weiter, schon
Weil sie Frauen sind. Dem Manne,
Wie Ihr seid, genügt dies Wort.

Hauptmann. Nimmer hätt' ein andrer Schild
Ihn gedeckt vor meinem Zorn,
Als nur Eure hohe Schönheit;
Sie ist seines Lebens Hort. (Er steckt den Degen ein.)
Aber seht, es ist nicht recht,
Daß, nachdem ich Euch gehorcht,
Ihr nun selbst den Mord begehet,
Den Ihr mir verbieten wollt.

Isabel. Wenn Ihr, edler Herr, durch Güte
In Verpflichtung uns so hoch
Habt gesetzt, so brauchet nicht
Die Verwendung gleich zum Spott.
Den Soldaten zu verschonen,
Darum bitt' ich Euch; jedoch
Nicht von mir die Schuld zu fordern,
Wofür Dank ich Euch gezollt.

Hauptmann. Nicht allein ragt Eure Schönheit
An Vollkommenheit hervor,
Sondern Euer Geist nicht minder;
Denn in Euch, wie ich erprobt,
Haben sich Verstand und Schönheit
Einen ew'gen Bund gelobt.

Crespo und Juan treten auf, mit bloßen Degen; Chispa folgt ihnen.

Crespo. Wie, Herr Hauptmann? Was ist dies?
Da mir bangt', ich fand' Euch schon
Zornig tötend einen Mann,
Find' ich Euch . . .

Isabel (beiseite).             Nun helf' uns Gott!

Crespo. Freundlich schmeichelnd einem Mädchen?
Edel seid Ihr, auf mein Wort!
Weil Ihr Eure Wut so schnell
Bändigt.

Hauptmann.   Wem Verpflichtung schon
Die Geburt auflegt, der muß
Sie erfüllen; und sofort,
Aus Respekt für diese Dame,
That ich Einhalt meinem Zorn.

Crespo. Isabel ist meine Tochter,
Herr; ein Bauermädchen, doch
Keine Dame.

Juan (beiseite).     Alles dieses
Ist nur angestellt, bei Gott!
Um in dies Gemach zu kommen.
Mich verdrießt es, daß dies Volk
Sich einbildet, mich zu täuschen;
Und das soll nicht sein. – (Laut.) Gar wohl
Konntet Ihr, Herr Hauptmann, sehen,
Wenn drauf achten Ihr gewollt,
Wie mein Vater, Euch zu dienen,
Sich bestrebt, um nicht zum Lohn
Solche Schmach ihm zu erweisen.

Crespo. Wozu gibst du deinen Kohl,
Bürschlein? Wo hat's Schmach gegeben?
Wenn ihm der Soldat getrotzt,
Konnt' er anders? – (Zum Hauptmann.) Meine Tochter
Dankt Euch für die Gunst gar hoch,
Daß Ihr sein geschont; und ich,
Daß Ihr Achtung ihr gezollt.

Hauptmann. Keinen andern Grund, als diesen,
Gab's – (zu Juan) und seht Euch besser vor,
Was Ihr sprechet.

Juan.                           Wohl gesehen
Hab' ich.

Crespo.         Was? Noch immerfort
Belferst du?

Hauptmann.       Weil Ihr zugegen,
Will ich dieses Bürschlein dort
Nicht mehr zücht'gen.

Crespo.                               Haltet ein!
Denn, Herr Hauptmann, meinen Sohn
Kann zwar ich gar wohl behandeln,
Wie ich will, doch Ihr nicht so.

Juan. Und ich leid's von meinem Vater,
Doch von keinem andern sonst.

Hauptmann. Und was thätet Ihr?

Juan.                                           Mein Leben
Wag' ich, wenn's der Ehre frommt.

Hauptmann. Was für Ehre hat ein Bauer?

Juan. Eurer gleich an Schrot und Korn;
Denn, Herr, gäb' es keinen Bauer,
Gab' es keinen Hauptmann wohl.

Hauptmann. Ha, bei Gott! es wäre schimpflich,
Litt' ich das. (Beide ziehen.)

Crespo.               Bedenkt zuvor,
Daß ich da bin.

Rebolledo.               Sapperment!
Chispa, hier gibt's Hieb und Stoß.

Chispa. He, zur Hilfe! Wache! Wache!

Rebolledo. Vorgesehn! Don Lope kommt!

Don Lope tritt auf, in prächtiger Generalskleidung, mit dem Kommandostabe. Soldaten.

Don Lope. Was gibt's hier? Was muß ich sehen?
Da ich eben hier im Ort
Angekommen, ist das erste,
Das ich finde, Zank und Mord?

Hauptmann (beiseite). Wie Don Lope Figueroa
Doch so ungelegen kommt!

Crespo (beiseite). Nun, bei Gott! der tolle Knabe
Ging' sogleich mit allen los.

Don Lope. Was geht vor? Was hat's gegeben?
Wollt ihr sprechen? Sonst, bei Gott!
Werf' ich Männer, Fraun, die ganze
Wirtschaft aus dem Fenster dort.
Ist es nicht genug für mich,
Daß ich stieg zwei Treppen hoch
Mit dem Schmerz in diesem Beine,
Das der Teufel holen soll!
Und ihr sagt nicht, was hier vorging?

Crespo. Herr, es ging hier gar nichts vor.

Don Lope (zum Hauptmann). Sprecht und sagt die reine Wahrheit!

Hauptmann. Nun denn: Hier im Haus bezog
Ich Quartier, und ein Soldat . . .

Don Lope. Weiter!

Hauptmann.           Machte mich so toll,
Daß ich in der Wut den Degen
Auf ihn zog. Er aber floh
Hier herein, ich lief ihm nach
Und fand jene Mädchen dort;
Und ihr Vater oder Bruder,
Oder was sie sind, weiß Gott!
Wollten sich beleidigt finden,
Daß ich hier hereinging.

Don Lope.                             So
Kam ich ja zur rechten Zeit;
Allen gnugthun will ich schon.
Wer ist der Soldat, sagt an!
Der den Hauptmann hier so toll
Machte, daß er seinen Degen
Auf ihn zog?

Rebolledo (beiseite). Für alle wohl
Soll ich zahlen?

Isabel (zeigt auf Rebolledo) Dieser war's,
Der hier kam hereingeflohn.

Don Lope. Nun, so laßt ihn zweimal wippen.

Rebolledo. Wipp . . . Was ist's, Herr, das ich soll?

Don Lope. Zweimal wippen.

Rebolledo.                             Und kein Wipper
Oder Kipper bin ich doch!

Chispa (beiseite). Nein, er macht ihn mir zum Krüppel!

Hauptmann (leise zu Rebolledo). Rebolledo, hör', um Gott!
Schweige nur; ich will schon machen,
Daß du freikommst.

Rebolledo.                       Ei, ich soll
Schweigen jetzt? Und wenn ich schweige,
Dreht man mir, wie einem Tropf,
Auf den Rücken gleich die Arme . . . .
(Zu Don Lope.) Mir befahl der Hauptmann dort,
Das Spektakel anzustellen,
Damit er an diesen Ort
Könnte kommen.

Crespo (zu Don Lope). Nun, wer hat
Recht gehabt? Jetzt seht Ihr's wohl.

Don Lope. Wohl seh' ich, daß Ihr kein Recht
Habt gehabt, das ganze Dorf
In Gefahr und Not zu stürzen. –
Tambour, trommelt aus sofort:
Gleich aufs Wachthaus sich begeben
Soll das ganze Kriegesvolk
Und kein Mann, bei Todesstrafe,
Sich entfernen heut von dort. –
Und damit sich nicht erneure
Zwischen euch der Zank und Groll,
Und damit euch beiden werde
Die Befried'gung, die euch frommt:
(zum Hauptmann) Sucht Euch anderswo Quartier;
Denn in diesem Hause soll
Mein Quartier sein, bis ich weiter
Muß, nach Guadalupe, wo
Jetzt der König ist.

Hauptmann.                 Für mich
Ist ein heiliges Gebot
Euer Wille. (Ab mit den Soldaten und Chispa.)

Crespo (zu den Seinigen).     Fort mit euch!

(Isabel, Ines und Juan gehen ab.)

Crespo. Herr, empfanget Gottes Lohn,
Weil mir Eure Huld den Anlaß
Nahm, vielleicht in große Not
Mich zu stürzen.

Don Lope.                 Euch in große
Not zu stürzen? Wie denn so?

Crespo. Wenn ich den erschlug, der meiner
Ehr' auch nur von ferne droht.

Don Lope. Sackerlot! und wißt Ihr nicht,
Er ist Hauptmann?

Crespo.                         Sackerlot,
Ja; und wär' er General –
Wenn er meiner Ehre droht,
Töt' ich ihn.

Don Lope.         Und wer dem letzten
Der Soldaten auch am Rock
Nur ein Härchen wagt zu krümmen,
Meiner Seel'! den lass' ich dort
Gleich erhängen.

Crespo.                       Und wer meiner
Ehre nimmt nur ein Atom,
Meiner Seel'! – das schwör' auch ich –
Den erhäng' ich selbst sofort.

Don Lope. Wißt Ihr nicht, Ihr seid verpflichtet,
Schon als Bauer, solchen Tort
Zu erdulden?

Crespo.               Am Vermögen;
An der Ehre nicht, bei Gott!
Meinem König Gut und Leben,
Das ist Pflicht; die Ehre doch
Ist das Eigentum der Seele,
Und der Seele Herr ist Gott.

Don Lope. Sapperment! beinahe glaub' ich,
Ihr habt wirklich recht, Patron!

Crespo. Sapperment! das glaub' ich selber;
Denn recht hatt' ich immer noch.

Don Lope. Müde bin ich; und dies Bein,
Das nur Satan gab im Zorn,
Hat der Ruhe sehr von nöten.

Crespo. Wer denn hält Euch ab davon?
Mir gab Satan ja ein Bette,
Und das steht Euch zu Gebot.

Don Lope. Gab's der Satan Euch gemacht?

Crespo. Ja.

Don Lope.   Ummachen will ich's schon,
Sackerlot! denn ich bin schläfrig.

Crespo. So geht schlafen, sackerlot!

Don Lope (beiseite). Dieser Bauer ist sehr störrig;
Flucht er doch, wie ich, so toll!

Crespo (beiseite). Der Don Lope ist sehr beißig;
Wir vertragen uns nicht wohl!

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