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Der Rhein, eine Reise

Alfons Paquet: Der Rhein, eine Reise - Kapitel 5
Quellenangabe
typereport
authorAlfons Paquet
titleDer Rhein, eine Reise
publisherFrankfurter Societäts-Druckerei G.m.b.H.
year1923
firstpub1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150617
projectid83ba15ac
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XXIV.

Der Rhein sieht auf der Karte aus wie ein Baum. Die Quellflüsse sind seine Wurzeln, die Nebenflüsse die Aeste an seinem Stamm, die vielen Mündungsarme sind seine Krone. Ein Organismus ist er allerdings, und wie die Urpflanze das typische aller Pflanzen ist, so erfüllt auch der Rhein sein Urbild. Er ist ein System, ein großartig gestaltetes Wasserleben mitten im Lande, aber alles ist anders als beim Baume, er ist eher wie ein umgekehrtes Blatt, vom Meer her ausgebreitet; seine Adern wachsen ja zu ihm hin, und der Stamm ist tausendfach gewunden, vielfach gestückelt. Das heutige Rheinsystem hat sich nicht von den Schweizer Alpen her aufgebaut, sondern von einer weggewischten Alpenwand, von der nur das Schiefergebirge mit seinen Bergzügen Taunus, Westerwald, Hunsrück und Eifel noch übrig ist. Der Strom war einmal ein Meer, das vor dieser Wand wartete und dann abfloß, je mehr es den Riegel hinwegbrach. Jene Alpenwand trennte einst zwei Rheinströme von einander, die jetzt zu einem geworden sind. Man sagt, der eine, nach Süden fließend, mündete in das Mittelmeer, der andere floß nach Norden und vereinigte sich mit der Themse. Was für Hebungen und Senkungen der Erdoberfläche waren nötig, um den ausgeglichenen Rhein von heute entstehen zu lassen, dem im Frühjahr die Mittelgebirge, im Sommer die Gletscher der Schweizer Alpen das Wasser geben! Welch ein Wachsen, Hinwegsinken oder Platzen der Bergfelsen, die da und dort kristallisch auseinanderklaffen und streng entfernt noch ineinander zu passen scheinen! Alte Flußläufe ließen ihre Schottern auf den Bergflächen hoch über den Tälern zurück, der Rhein selber rinnt heute sehr schmal und immer zäher in seinen alten Boden eingegraben. Der Mittelrhein beginnt bei Straßburg. Der Strom mit abgeschwächtem und zögerndem Gefälle umrankt sich selber in Schlingen, Teichen und Altwassern ohne Zahl, er wird zu einer Kette von wässernen Ringen und Halbringen, die Trägheit macht ihn beinahe zum See, er fließt bei Mainz ganz meeresstill, bewohnt von ruhenden und langhinfahrenden Flotten und spiegelt dort des Nachts majestätisch die Lichterschnüre der großen, leichtgewölbten Brücken, die Sterngebilde und Feuerscheine der türmereichen Stadt. Er trägt von Straßburg ab die Bürde, die der Mensch ihm gibt, in breiter Schiffbarkeit. Für die Menge der Güter sind an den Ufern die kahlen und mathematisch gebauten Lagerhäuser, die Silos, die Dampfmühlen, die Reihen durchsichtiger Krangerüste errichtet. Der beiderseitige Hafen von Kehl und Straßburg ist nötig geworden, der fast zu geräumige, mit geschnittenem Holz und Eisenbahnzügen voll Kohle gefüllte Schienenhof zwischen den Dämmen und Glanzkanälen von Karlsruhe, die von den Klippen und Rauchwäldern gewaltiger Fabriken umsäumten Halbmondbuchten, die schlauchförmigen Wasserplätze und Schiffshöfe, die geraden, von Anlagen und Häuserfronten gesäumten Flußstrecken von Mannheim, alle die kleinen Spangen, die Floßhäfen, Handelshäfen und Winterhäfen von Worms und Gernsheim, Oppenheim, Nierstein und Gustavsburg, die seitwärts angelegten Ruheplätze und Bootstreppen des von mäßiger Strömung berührten Strandes von Biebrich, Schierstein, Walluf, Rüdesheim und Bingen, die dem Strom abgetrotzten kargen und steinernen Winkel an den Ufern von Lorch und Kaub, der hinter dem Vorsprung der Loreley verborgene, langgezogene Nothafen, der vor den Eismassen des Winters Schutz gibt, und alle die sicheren Landungsstellen talab, wo der Rhein fast haustief ist und Gruppen von Schiffszügen nebeneinander Raum bietet. Heimatlicher Geruch von Wasser und geteerten Planken, immer wieder spannendes Spiel der vom landenden Schiff ans Ufer geschleuderten Seile, wohliges Baden nackter Kinderfüße im körnig sauberen und weichen Rheinsand. Aus dem holden landschaftlichen Wohlklang der Beethovenheimat zwischen den lebendigen und städtisch heiter bebauten Ufern des Siebengebirges tritt der Strom in die Fluß- und Seegleichung der Kölner Bucht, in das wiesenbewachsene niederländische Deichwerk.

XXV.

Die alten bedeutenden Städte des Rheinlandes sind linksrheinisch. Die Familien der Dome, die geborstenen Festungssterne und die Schifferdörfer von Basel über Speyer und Worms bis Köln und Nymegen machen das linke Ufer zum reicheren im Sinn der Antiquare. An ihnen prägt sich die alte Südnordverbindung aus, die das Rheintal mit seinen Alpentoren darstellt, der alte Weg zur Hochzeit der germanisch-römischen Zivilisation. Der Süden brachte in das trübe und schauerliche Waldland des alten Germanien die sonnigen und profanen Wunder der römischen Landschaft, den Weinbau und die Viehzucht, den Garten und das Feld, das steinerne Bauen, die pflanzenfarbenen Gläser, das schöne Töpferwerk. Kein italienisches Museum bewahrt eine so reiche Sammlung alter römischer Garteninstrumente und Handwerkszeuge wie die im Sattel des Taunus sitzende Saalburg; die Geräte der deutschen Bauern haben diese praktischen Formen bis heute fast unverändert bewahrt. Es kam das Reich der Franken, der Ottonen und der Staufen. Was stellten aber die Bistümer von Chur bis Utrecht anders dar als die Konsulate der ins Kirchliche sublimierten Römermacht? In der Siebenzahl der deutschen Kurfürsten verfügte Rom durch die drei Erzbischöfe am Rhein zusammen mit dem weltlichen Kurfürsten von der Pfalz über die Mehrheit. Der Rhein hieß die Pfaffengasse. Dort verdrängte Rom die Arianer, verbrannte die Ketzer, verbreitete noch zuletzt die Herrschaft des römischen Rechts mit seiner Idee vom Beamtenstaate, das den Verfall eines älteren Deutschland besiegelte. Rom bedeutete Handel mit Italien. Bis in die Neuzeit überwog auf dem Rhein die Talfahrt die Fahrt zu Berg. Was hatte der Norden zu bringen solang das Weltmeer schwieg? Alte Tafelbilder in den rheinischen Kirchen schildern die enge Freundschaft von Köln und Basel, aber die einst berühmte Schwesterschaft der beiden Städte, die selbst in die Legende von den elftausend Jungfrauen einging, ist Vergangenheit; die heutige Verbindung dieser Städte mit den Städten Frankreichs, Oberitaliens und der Levante ist nur einer der Fäden im großen Netz der Weltverbindungen. Heute ist alles anders. Das niederländische Delta des Stromes mit seinen Spitzen in Antwerpen, Rotterdam und Emden ist dreifaches Eingangstor des Welthandels geworden. Die Ruhrkohle, das amerikanische Getreide, die indische Jute und das Erz von weither schwimmt stromauf, und solange nicht aus den Donauländern und von den Pforten des Bodensees Getreide, Holz und Früchte wieder in Massen an den Rhein kommen, wird die Bergfahrt überwiegen. Die jungen Städte des Rheines sind auf dem rechten Ufer, sie entstanden im Raum der breiten Talöffnungen, sie bohren die ostwärts weisenden Kanäle zu den anderen Strömen Deutschlands. So sind Mannheim und Düsseldorf, aus Fürstengründungen des siebzehnten Jahrhunderts hervorgewachsen, mit ihrem seltsamen Gemisch von noblem Barock und amerikanischer Planung zum ersten Ausdruck der modernen Bestimmung des Rheines geworden, dessen übertragener Endpunkt London und New York ist. Karlsruhe und Darmstadt wiederholen dieses Gesetz des neuzeitlichen Entstehens schwächer in ihrer Entfernung vom Strome, aber Frankfurt und Köln in ihrer maßlosen Neubelebung mit allem, was an Industrielandschaften dazwischen aufwächst und sich am Niederrhein immer weiter ins Technische gestaltet, vollziehen an sich selbst immerfort den Umschwung in einen neuen atlantischen, hamburgverwandten Charakter. Beide Ufer des Rheines haben ihre eigene Geschichte und sind doch untrennbar. Denn beide stützen sich auf nichts als auf den Strom, der das große Verkehrsband ist, greifen mit ihren Brückenköpfen, den alten des Militärgedankens und den neuen der industriellen Arbeit, aufs andere Ufer über und flechten immer wieder ihre feste Einheit. Als Graben zwischen beiden Ufern betont zwar der Rhein die geringen landschaftlichen Unterschiede, liefert die getrennten Hälften verschiedenartigen Einflüssen aus, aber verbindet auch sie zur unauflöslichen Verwandtschaft in der Gleichheit des Wetters und der Stimmung, im gemeinsamen Besitz des erfrischenden Wassers. Diese Fülle, Vollständigkeit und Ganzheit der rheinischen Landschaft ist es, die den Charakter des rheinischen Volkes aus lauter doppelten, gleichsam rechts- und linksuferigen Bestandteilen zusammengesetzt und durch die natürliche, fruchtbare Schönheit des Landes zur Form gebildet und oft ins Freudige gesteigert hat. Sie hat ihm seine Leichtbeweglichkeit gegeben, aber auch das Irdene, Derbe und die verborgene Schwermut, die den hypnotischen Funken des Weines liebt wie den zerstreuten Sonnenglanz der Landschaft und die Sage von den fischschwänzigen Töchtern des Stromes.

XXVI.

Germanen gibt es in Nordostfrankreich, Kelten bis tief nach Schwaben hinein. Ich wüßte nicht, welchen Sinn es haben sollte, den Rhein immer wieder als den Grenzfluß zwischen Germanen und Galliern zu erklären. Für Rom, in der Tat, das sich einmal für seinen Vormarsch in das innere Europa auf die zuerst eroberten Mittelmeerlandschaften des Westens stützte, war das zerrissene, kaum überschreitbare Bett des Rheines eine Zeitlang die Wüste und der Festungsgraben, hinter dem es einhielt, um das unbekannte Germanien zu beobachten. Es reihte da am linken Ufer seine fünfzig Kastelle und seine Flottenplätze, es unternahm von hier aus seine Feldzüge und schloß endlich den Südwesten Deutschlands in den Grenzwall ein. Damit ließ es dann auch den Schwindel von der Flußgrenze fallen und ließ das Gemeinrecht an Wasser, Wald und Weide sich wiederherstellen. Was an künstlichen Trennungen übrig blieb, brach von selbst zusammen. Höhenränder, die der Siedlung Halt gebieten, sind schließlich Völkergrenzen. Die Nebenflüsse des Rheins auf der rechten Seite haben breite, trichterförmige und ebene Oeffnungen, die linken Nebenflüsse sind eng, verwinkelt und dem Ausmarsch nach Osten nicht günstig. Mannheim mit seinen Altwässern und den Verbindungen im Winkel zwischen Rhein und Neckar ist als Flußstadt großartig. Wie von dort das Arbeitsleben die Gartenstadt der Neckarlandschaft hinaufsteigen wird, je mehr sich auch dieser Fluß in eine Schnur von Seeflächen und Krafthäusern verwandelt, so wird mit der Belebung des Mains als Verbindung zur Donau die jetzt vorstellbare Entwicklung von Gustavsburg bis Hanau der verfrühten Stadtgründung des Schwedenkönigs nach dreihundert Jahren Recht geben. Der Rhein schluckt Lahn und Sieg, Ruhr und Lippe, nicht ohne am Mund dieser Nebenflüsse Städte und Häfen zu tragen, die im alten Sinne geschichtslos sind, aber einheitlich der Industrieschicht angehören und irgendwie eine Zukunft haben. An den Ausgang der Nahe klammern sich die Binger Städtchen, an den Untergang der Mosel das schmale Koblenz, im kleinen Delta der weißgrünen Ahr mit ihren flunderförmigen Sandinselchen versteckt sich Sinzig; nur das romanisch strenge Getürm der Pfarrkirche ragt grau und fern im Busch hervor. Es ist, als hätten diese Orte längst ihre endgültige Form gefunden, hier ist alles einigermaßen fertig. Alle noch nicht ganz aufgeschlossenen Wege vom Rhein in das Land weisen nach Osten; der Rhein ist so der Anfang einer Treppe, die sich ostwärts aufbaut. Der Boden zwischen dem Rhein und dem Westen dagegen ist neuen Kanalverbindungen nicht günstig. Kohle aus Gelsenkirchen findet den Weg nach Wien kaum teurer als nach Regensburg. Berlin und München in einen Zirkel hineingedacht, dessen Mittelpunkt Köln ist, rücken durch Wasserstraßen, die den Rheinlauf seitwärts auszweigen, diesem Mittelpunkte näher, Paris und Dijon dagegen kaum, denn die Höhenrücken des Westens sind nicht überschreitbar. Als die blonden Völker in ihrer Wanderzeit aus den Ebenen von Neckar und Main hervorkamen, vermochte sie der Strom nicht aufzuhalten, er bewahrte sie nicht vor dem Untergang in den Tälern der Loire und der Rhone. Den nachdringenden Stämmen geboten die Höhen westlich vom Rhein den Einhalt. Der Rhein bot dem deutschen Menschentypus seine breiten Talgefäße. Waren einzelne Stämme darüber hinausgewandert? Was ist es, das die Franzosen nach dem Rheine zieht? Eine Erinnerung an die fränkische Vorzeit? Ist es bei den Lothringern, denen Barrès das Wort führt, der eingestandene Neid auf die Landschaftlichkeit des deutschen Lebens, ist es bei allen die Flucht vor dem zentralistischen Frankreich mit seinem Präfektenwesen? Vielleicht nur die magische Kraft des großen Landgewässers, Abkehr von der eigenen Meeresküste? Sie kamen immer und gingen wieder. Für das Reich im Westen hat immer der Rhein, sonderbare Küste des Irrtums und des Verhängnisses, sobald er ihm zur Grenze wurde, den Anfang innerer Kämpfe und Auflösungen bedeutet. Es kam vor, daß selbst Deutsche die Befreier aus dem Westen riefen. Eine kleine cisrhenanische Gruppe in Koblenz sandte den jungen Görres nach Paris, um dem Ersten Konsul das linke Rheinufer anzubieten. Die Enttäuschung und der Widerruf folgte sofort. Die Bedrückung durch geistliche Herren und kleine Dynastien im Rheinland war eine Zeitlang groß. Aber die Revolution des Westens war etwas anderes als eine Auferstehung der rheinischen Städtefreiheit. Eine Landschaft wie die des Rheines, so reich in ihrem Gedankenerbe, so empfindsam für das, was an ihren beiden Ufern Gewordenes und noch Mögliches, in ihrer Gegenwart das Stehende und das Wachsende ist, und so durchfurcht von allen Greueln der Bedrängnis, trägt das Traumbild ihrer höheren völkerbindenden Form noch ungeboren in sich.

XXVII.

»Zu Anfange des 1632sten Jahres wurde Speyer von den Schweden eingenommen; bald aber darauf kurz nach Ostern kamen die Spanier von der Mosel ohnversehns davor an, verschanzten sich beym St. Germanusberg hinter den Mauren gegen den heil. Thum, und beschossen es zwey bisz drey Tage. Hierauf ließ der schwedische Obriste die wormser Vorstadt abbrennen, welches Feuer zugleich die zwey Jungfernklöster zu St. Martin und St. Clara betraf, davon das eine ganz in Asche gelegt wurde. Endlich sahe man sich doch genöthiget, mit dem spanischen General, einem Grafen von Embden und mit dem Statthalter in der oberrheinischen Pfalz Don Philipp de Silva zu accordieren. Damals muste die Stadt viel ausstehen und eine große Summe Geldes erlegen, worauf die Spanier wieder abzogen, die Kaiserlichen und Bayerischen aber wieder hineingelegt wurden. Nicht lange hernach kamen die Schweden wieder, und unterließen keineswegs, von dieser Stadt viel Geld zu erpressen. Es wurde aber dieselbe bald darauf von den Franzosen und Schweden unterm Herzog Bernhard von Sachsenweimar aufs neue belagert, und den 11. Merz auf Gnad und Ungnade erobert.

... Als hierauf 1688 den 18. Sept. diese weltberühmte uralte Reichs- und bischöfliche Stadt bey damaligem unversehenem französischem Einfall in die Churpfalz am Rhein und andern benachbarten Orten, so durch den Dauphin geschahe, mit andern Städten sich abermals Frankreich unterwerfen und Besatzung annehmen muste, so erhielte sie zwar Accord, der ihr nicht länger als bisz in das hernach folgende 89. Jahr erhalten wurde. Denn die Franzosen fingen sogleich im Januar wieder an, den Stadtgraben auszufüllen, in die Mauer zwey Breschen jede sechzig Schue breit zu machen, und vornehmlich die Mauren an den Vorstädten nieder zu reißen, wozu sie an dem Wormser Creutzthor den Anfang machten. Hierauf muste das Weidenthor, und der weiße Thurn, ein kostbares und denkwürdiges altes Gebäude, samt dem Altpförtgen und der Mauer ein gleiches Schicksal erfahren. Nach diesen drey Thoren wurde das künstliche und berühmte Gebäude der Oelberg seinem Untergange unterworfen. Alsdann sprengten sie den sogenannten großen Albertusthurn mit sechs Zentnern Pulver in die Luft, und verschütteten ihn gänzlich. Alle kostbare Weine und Früchte, so vorhanden waren, führte man weg, mähete auch auf zwey Meilen weit die noch auf dem Felde stehenden unreifen Früchte ab. Hierauf ging das Wetter und tyrannische Brand-Blud- und Mordspiel, welches keine Feder zu beschreiben fähig ist, erst recht an. Denn den 13. May 1689 wurde allen Einwohnern hohen und niedrigen Standes, und also der ganzen Stadt Speyer durch den angelangten französischen Generalintendanten de la Font in Gegenwart des General Monclas auf der neuen Stube, wohin man den Stadtmagistrat, die Zunftmeister und die vornehmsten Bürger berufen hatte, die erschrekliche Botschaft angekündigt, das sie sich innerhalb acht Tagen, vermög königlichen Befehls mit Weib und Kind, Sak und Pak aus der Stadt machen solten e. c. Diese grausame Ankündigung suchte nicht nur der ganze Magistrat selbst benebst den Burgern, worunter 60, 70, und mehr jährige Männer waren, auf den Knien abzubitten, es half aber nichts. Hierauf kamen über 200. schwangere und andere Weiber, ingleichen zwey- drey- und viertägige Kindbetterinnen, samt mehr als 300. der kleinesten Kinder, und warfen sich diesen zwey unbarmherzigen Befehlshabern zu Fuße, stellten ihnen ihren erbärmlichen Zustand vor, und bezeigten sich so kläglich, daß es niemand ohne Thränen ansehen konnte. Gleichwohl fanden sie nicht die geringste Gnade, sondern wurden mit Ernst weggewiesen. Die Nonnen aus beiden Klöstern thaten gleichfalls einen Fußfall, und baten um Gnade und Verschonung, musten aber auch ohne allen Trost wieder abziehen. Endlich hofften noch die Cappuciner, soviel Gnade zu erlangen, daß sie sich über den Rhein in das sogenannte Waghäusel begeben dörften, bekamen aber eben die abschlägige Antwort, mit dem Zusatz, daß nach Verfließung der gesetzten Zeit weder Geist- noch Weltliche in Speyer bleiben dörften noch solten, indem es die Kriegsverfassung durchaus erfordere, diese Stadt und Gegend gänzlich zu vernichten u. s. f.

Nachdem nun der jammervolle Verheer- und Zerstörungstag, so der 31. May und eben der ander Pfingsttag war, anbrach, sahe man eine recht elende Wallfahrt, indem die guten Leute ihre liebe Stadt mit dem Rücken musten ansehen, und zu einem Aschenhaufen machen lassen. Es war auch nichts übrig, was nicht die Soldaten schon weggeplündert und bey Seite gebracht hatten, ausgenommen die Glocken, das Bley auf dem Dom, und was sonst noch nicht wohl fort zu bringen war. Hierauf führten sie viel Stroh, Pech, Schwefel u. d. g. Brandgezeug häufig in die Stadt, und zündeten sie gedachten Tages nachmittags um ein Uhr aller Orten an. Alsdann fielen von dem Dom die Glockenstühle mit schrecklichem Geprassel ein, und das Bley, so von der Hitze zerschmolzen war, flosse wie Wasser auf der Erden herum. Dieser erschrekliche Brand währete zwey Tage, und die Stadt sahe von ferne nicht anders, als ein rechtes Sodoma, oder ein im Feuer stehendes Troja aus, wobey denn ohne Ansehen alle und jede Häusser, die churtrierische Residenz (sonst die Pfalz genannt) das herrliche Jesuitercollegium, alle Kirchen, Klöster und Thürne in Asche gelegt, und zu eitel Stein- und Aschenhaufen gemacht wurden. Man beorderte auch etliche 100 Mann mit Bickeln und großen Hebeisen, welche alle noch stehende Mauren, Gewölber, Brunnen und Keller, absonderlich aber was noch vom Dom übrig geblieben war, vollends einbrechen, niederreißen und der Erde gleich machen musten. Die obgedachten uralten Gräber so vieler Kaiser, welche in dem Dom begraben lagen, wurden, wie schon gemeldet, nicht verschonet, sondern die zinnernen Särge zusammengeschlagen und fortgeschleppt, die Körper aber beraubt, auf die Erde geworfen, und alles ganz und gar zu Grunde gerichtet.« (Denkwürdiger Rheinischer Antiquarius, Frankfurt am Mayn, 1744.)

XXVIII.

Am Anfang des Stückes, das eigentlich den Schaft des Rheines bildet, ragt das Domhaus von Speyer, Würfel ineinandergeschobener Steinklötze. Die rötlichen stumpfen Türme, neunhundertjährig, ragen über das Wiesengehölz, auf das der Fluß von fern hinzielt. Der Fluß biegt einen jähen, glänzenden Haken dort am Fuß des römischen Soldatenhügels; die Schiffsbrücke mit ihrem Eisenbahngeleise liegt elastisch auf dem Wasser und bindet die sanften Ufer aneinander. Die hohe, kahle Halle des Domes endet in feierlichem Dämmer. Dort schwebt die goldene Form der Kaiserkrone wie eine Sonne im Nebel. Wo anders sollte noch dies hohe Zeichen leuchten als über der einst grausam geschändeten Stätte. Menschen mit Träumergesichtern aus allen Teilen Deutschlands besuchen heimlich und unaufhörlich die Stille dieser Gruft, In den Vierterklassewagen der Frühzüge fährt das Arbeitervolk mürrisch aus vielen Landorten der Gegend nach Ludwigshafen zur »Anilin«. Junge Burschen in zerlumpten Kleidern und grellfarbigen Halstüchern, in das rötliche Papier der Kriminal- und Sportzeitungen vertieft, blasse Frauen. Männer in abgerissenen Feldzugsmänteln sprechen in der singenden und besorgten Erdsprache dieses Pfälzer Landstriches wie erschöpft von Amerika und von Auswanderung, von Rußland und von Aufruhr; in klappernden Wagen schleppt sich die Maßlosigkeit des deutschen Elends durch die Gegenwart. Speyer, älteste aller deutschen Städte, heilige Grabstatt. Von ihr ist nichts übrig als der aus allen Katastrophen immer wiedererstandene Dom und ein letzter schmaler Mauerturm, der aus der Mitte der niederen und stillen Straßen zu den Pappelreihen und Spiegeln des Flusses hinüberschaut. Schleppdampfer, die mit ihren Kähnen Entengruppen gleichen, fahren im schmalen silbernen Strich ihrer Wellenlinie vorüber, Fabriken in der Niederung entsenden braunes Gewölk. Die Vorhalle des Domes mit den Nischen, in denen die Standbilder ragen, das hellblau gemalte Innengewölb, die lateinische Strenge des Hauses verraten die Hand der Münchener Klassizisten von vor hundert Jahren. Hier ist das einzige feierliche Werk Bayerns am Rhein, nachdem der Kurfürst aus der Pfälzer Linie nach München zog und das stolze Mannheim mit dem unerfüllten Traum zurückließ, einmal die Hauptstadt eines rheinischen Reiches zu werden. Das blauweiße Schild hütet diese Gruft. Was München sonst am Rhein getan hat, von Lindau bis Frankenthal, ist stiefmütterlich und landschaftsfremd geblieben; es baute in den Bodensee an den Gartenrand des alten Lindau die wuchtige Kaserne, es ließ dort den luftigsten und schönsten Strandweg mit blechernen Schuppen verbauen, die im Hintergrund der Insel einen besseren Ort gefunden haben würden, und es ließ die Fabrikstadt Ludwigshafen heillos am Rande des Rheines aufwachsen, ohne einen eigenen Baugedanken, in mystischer Wildheit, mit den emporgereckten Schneckenhörnern der Fabriken und dem mimosenhaften Rauch.

Oberhalb am Fluß liegt Germersheim, dürftige und schweigende Landstadt, hinter die Dämme und Kasernenmassen der alten Bundesfestung zurückgezogen, umkränzt von Gartengehölz und kleinen stehenden Gewässern, mit Landhäusern, deren Treppen und Fußböden aus den alabasterhellen Kieselsteinen des Rheines geschliffen sind. »In unserer Stadt ist Rudolf von Habsburg gestorben. Früher gab es hier elf Kirchen, nur zwei sind geblieben, auch die sind noch zu viel,« sagt am Abend ein alter Handwerksmann am Gasthaustisch. Man trinkt in sparsamen Schlucken sein Viertelchen Einundzwanziger, es kostet schon sechzig Mark, vor acht Tagen waren es noch dreißig. Der Fischer in der Runde erzählt, daß fremde Unternehmer nächstens beginnen wollen, im Großen Grund wieder Gold zu waschen. Der Rheinsand führt bei Germersheim die flimmernden Plättchen, im Mittelalter gewann man aus dem Goldschlich des Rheines die gediegenen Dukaten. Die Goldgründe am Rhein, die von Germersheim und Danhausengrün, der Kindelgrund, Schürfergrund, Grübelstein und Kochsheim gehörten den Kurfürsten von der Pfalz. Der Bauführer am Wirtshaustisch kommt nun zu Wort, er war früher bei der bayerischen Artillerie und arbeitet jetzt bei der Zerstörung der deutschen Festungswerke. Der Mann erzählt es trocken, und doch als ob er ein neues Schicksal der Welt mit vorbereite. Seit zwei Jahren hört man das unaufhörliche dumpfe Knallen der Sprengungen von Germersheim bis zum Weseler Brückenkopf den Rhein hinab. Neue Gäste, von der Bahn gekommen, treten in den familienhaften Kreis der Wirtsstube und bringen die Tagesneuigkeiten von Oppau. Draußen in den nächtlichen Gassen der Kleinstadt, vor der rot strahlenden Höhle des Kinos und dem Lämpchenrahmen der Plakate stehen Mädchen in Rudeln. In der Nähe necken sich Marokkanersoldaten mit blonden Burschen. Nicht weit davon stehen stille Zuhörer in der dunkeln Gasse; aus den erleuchteten Fenstern des Schulhauses tönen hoch und streng die Tenöre des Kirchenchores bei der Uebung. Feierliches mittelalterliches Klangbild in der stummen kleinen Stadt.

XXIX.

Der Rhein fließt zwischen den Schwesterstädten Mannheim und Ludwigshafen in grauroten Steinufern. An der Seite stehen die fensterlosen Dampfmühlen, durch den Dampf ihrer Röhren mit dem Wasserelement unsichtbar verbunden. Aus den geöffneten Kähnen wird das Getreide hochgehoben, es stürzt von ledernen Bändern in die elektrisch beleuchteten Zisternen. Der nordwärts weisende Strom ist mitten im Land zum Welthafen geworden, er dient als Gasse von Uebersee, als Schlund in den Magen des Landes. Er bringt in seinen Kähnen Baumwolle, Schafwolle, Getreide von unendlich fernen Ebenen, Farbhölzer aus tropischen Wäldern, Erze und Kohle; von diesen Kähnen fliegt Staub mit Unkrautsamen vermischt an die Ränder des Stromes und erzeugt auf den Inseln fremdartige Vegetationen. Die Säle der Papierfabrik sind voll vom Geklapper der holzkauenden Maschinen und der durchspülten Bottiche. Die Spinnereien bergen in den engen Reihen und im Geschnatter ihrer Webstühle ein Heer von Arbeiterinnen, deren Haar vorzeitig fahl geworden und in Staubtüchern versteckt ist. Und die Handelsstadt mit dem verwirrenden Netz ihrer Straßen und Drahtleitungen, mit ihren Kontoren, Fuhrwerken und Schaustellungen umfängt korinthisch die ewige Mechanik von Zufuhr und Verteilung. Der aus einem holländischen Geometriegedanken entstandene Zellenbau der inneren Stadt im Kreisring der niedergelegten Festungswälle, die der Schmuck des großartigen Schlosses unvergeßlich macht, ist die City dieses Geschäftslebens. Von dem ältesten Ursprung, dem Kriegersitz, dem Fischerdorf, bewahrt Mannheim nur die Rune in seinem Wappen, den Haken, der einer Wolfsangel ähnlich ist. Die Innenstadt, einst calvinistisch, dann jesuitisch überzogen, dann von bürgerlichen Revolutionsstürmen durchweht, ist noch immer die Nuß in der unförmigen Bastardfrucht des wachsenden Gemeinwesens, das sich mit locker gegliederten Quartieren an den blanken Schlangenweg des Flusses schmiegt. Dampfschiffahrt, Eisenbahn, Ingenieurkunst im Hafenbau und in der Fabrikeinrichtung sind die Schöpfer dieser Stadt, die rings aus den Landschaften des Schwarzwaldes und des Odenwaldes, aus Württemberg und aus den Ebenen der Pfalz die Menschenscharen an sich zieht, um sie in trüber Mischung aufzuschichten. Und Ludwigshafen gegenüber, durch die schwere Eisenbrücke an die Mutterstadt gebunden, ist noch chaotischer, ein dumpfes Hunderttausend von Schlafstellen und Schreibstuben, chemischen Küchen und rauchenden Feuern, Dächermenge, von Gaskesseln und spitzen, ärmlichen Türmchen unterbrochen, Vorstadt ohne Plan und eigene Geschichte, grau und störrisch. Die Fabriken hier gehören zu den großen der Welt, ihre Verfahren zu den genialsten. Aber nur ein hartes Müssen bindet die Bevölkerung an diese kraftverzehrende, Stoff in Stoff umwandelnde Stadt. Nicht einmal die Straßennamen drücken etwas von dem Eigenen dieser Stadt aus, das proletarisch und pfälzisch ist, gegründet auf Industrie und Großfinanz, Maschinerie und Wissenschaft, auf Kohle, Beton und Konstruktion. Es gibt nah dem Fluß, der hier auch Elbe oder Hudson heißen könnte, das Denkmal eines Dynasten, das in seiner Kleinlichkeit vor der rohen Problematik dieser Stadt ganz zusammenschrumpft. Auf diesem Ludwigsplatz, von dem die weißen Elektrischen ausfahren, um die ganze Ausdehnung und Oede eines Industriebezirks zu durchmessen, der alte Dörfer in Proletariersitze verwandelt, entlang den Masten, die des Nachts als Lichterschnüre den Weg des Rheines ins Unendliche deuten, ist eine kleine Wartehalle, deren Giebelinschrift leicht als die Anzeige eines Teehauses mißverstanden wird. Hier nämlich verrichten die Franzosen, wohlgenährte und blaugekleidete Leute, mit einem kostbaren Aufwand bedruckten Papieres das Bedürfnis ihrer Propaganda. Wer hätte jemals am ganzen Rhein einen dieser Nachbarn bei einer Beschäftigung gesehen, die den Namen Arbeit verdient?

XXX.

Vor dem Neckar manövriert der Schleppdampfer, faßt die Kähne an die Stahlseile, die über den Rahmen auf seinem Rücken hinaushängen und beginnt die Reise. Zwischen Pfalz und Hessengau geht die Fahrt auf dem noch schmalen Rhein an versteckten Sümpfen und Wildnissen vorüber. Ueber die Auwälder blinkt der kleine weiße Kirchturm. Der Kapitän steht neben dem Mann am Ruder im Steuerhäuschen. Er sieht durch die Glasscheibe auf den Strom hinaus über den Eisenrücken seines Schiffes, er hat das flache Rund des Kesselaufbaues, den schwarzen Stamm des Rauchfanges vor sich, die Trossen liegen stramm in den Rollen. Am Schiffskopf flattert die kleine gelbrotgelbe Flagge, die engen Oeffnungen der Rohre vor dem Schornstein hauchen Dampf aus, den der Luftzug hinwegreißt. In der Ferne steigt der vieltürmige Dom von Worms über der Landschaft auf, uraltes einsames Zeichen. Der Schornstein verbeugt sich unter dem weitsehnigen steinernen Mittelbogen der Brücke. Die Häuser der Stadt, aus den Breschen der alten roten Stadtmauer hervorgequollen, verstecken die harten letzten Mauertürme. Dem Ufer entlang, wo einmal aus Inseln, Bächen und Flußzweigen ein Gitter von Land und Wasser war, streckt sich das Gelände, klar geschnitten, mit seinen eingezwickten kleinen Häfen bis zur Liebfrauenkirche hin, wo die Rebengärten klein hervorkommen und an die Felder grenzen. Der Fluß ist ein Graben in seinen Ufern; Gehöfte, bescheidene Landgemeinden liegen in den mit Zuckerrüben und Obst bebauten Feldern; diese Ebene hier zwischen Pfalz und Bergstraße liegt ein wenig verschollen in ihrem kleinstaatlichen Dasein. Gernsheim und Stockstadt, Erfelden und Großgerau, weder Dorf noch Stadt, sind fast alle ein wenig im Land gelegen, ihr Ort verrät noch den gebogeneren Rheinlauf von früher. Seit dem Rheindurchstich vor hundert Jahren umschließt die verlassene Krümmung des Flusses mit dem sandverstopften Eingang den kleinen Urwald auf dem Kühkopf. Hier sind ärmliche Bauernhäuser aus schlechten Ziegeln, unverputzt; selten noch ist die Gasse eine Reihe geordneter Torbogen; von früheren Ansätzen zum Wohlstand blieb kaum ein geschnitzter Erker, ein sinniges Meißelwerk neben der Kirchentür. Nicht weit vom Kühkopf, den die grasigen Dämme durchziehen, bei den Wiesen und Tümpeln voller Schnaken, steht im Dickicht das Schwedendenkmal, vergessene schmale Pyramide, unleserliche Erinnerung an Gustav Adolf, der an dieser Stelle vor seinen Truppen auf Kähnen und Scheuertoren über den Rhein setzte und dann mit aller Machtentfaltung vier Jahre lang in der Gegend blieb, um in Mainz die Spitze seines deutschen Königreiches aufzurichten. Von der halben Höhe des Hügelrandes schaut drüben Oppenheim hernieder, klein gebliebene Landstadt neben dem hellen Steinbruch unter den umwipfelten Fensterhöhlen der Landskrone, zu ihren Füßen die blanke Windung des Rheins. In der Ebene liegt die einstige Festung und streckt als ein schwärzlicher Stern ihre Wege und Gehölze dort drüben nach allen Seiten.

Ein großer Abschnitt des Rheins ist zu Ende, die Sohle des Flusses tritt wieder auf das Steinige. Es ist anfangs nur ein sanfter Höhenzug von Oppenheim hinter Mainz herum bis Bingen. Aber das hochgelegte Städtchen mit dem gotischen Steildach der Katharinenkirche betont schon den Fels. Für den Augenschein ist erst in dem breiten Becken zwischen Mainz und Bingen die Aenderung vollkommen. Da nimmt plötzlich der Strom mit dem Wasser, das erdig ist, so daß die Fahrzeuge ein paar Zoll tiefer einsinken, sobald sie im Rheine sind, auch die Richtung des mondbestimmten Nebenflusses auf und vergißt für die Länge einiger Meilen seinen zum Pol gerichteten Weg. Mitten im Laufe stellt er sich quer, im unteren Rheingau fließt er zögernd, seeähnlich. Dieser Einfall des Rheines, wie die Milchstraße von Ost nach West zu fließen, macht den Gau zu dem großen Garten, der er ist, erhebt den Wein der kleinen und zarthäutigen Trauben hier zum höchsten Ruhme und schenkt dem Boden die Fruchtbarkeit seiner sorgsam in Reihen gepflanzten Sträucher, die Mandelblüten im Frühling und die Kletterrosen, die noch den Herbst zum Sommer machen. An dieser Strecke legt der Strom sich selbst und seine Landschaft ganz unter die Gewalt der Mittagssonne.

XXXI.

Auf dieser Anhöhe fließt die alte Gaustraße dem Himmel ein wenig näher als der Rhein da unten und oft ein wenig glänzender. Hier beginnt schon jene edlere Chemie des Weinbaues, die mit den Namen der Dörfer zwischen Oppenheim und Bodenheim verknüpft ist. Die Rebengassen folgen in sauberen Spalieren den milden Rundungen dieser Abhänge; unten vor der niederen Brustwehr der Uferwege schaukeln die Fischernachen. Es ist vor Nackenheim, als wollten die langgezogenen Inseln den Fluß in viele Silberflüsse teilen, es gibt auch in dieser noch eintönigen Landschaft den großen Abendaugenblick, wenn die Büsche der Inseln wie Kupfer glühen und zwischen eilenden, rosagefärbten Wolken die blaue Klarheit des Himmels grünlich wird. Von den Schiffsmühlen, die früher vor den Städten und Dörfern des Rheintals verankert waren, man sieht die Gruppen dieser Hausboote auf allen alten Bildern von Straßburg bis Köln, hängt nun bei Ginzheim die letzte in dem Strom. Ich wollte vor Nackenheim zu der vorletzten hinüber. Sie war seit einem halben Jahr verschwunden. Der Müller, mit seiner alten Trainmütze im Nacken, schüttet jetzt das Korn in die Trichter seiner elektrisch beleuchteten und motorisch stampfenden Mühle in einer gewesenen Scheuer. Im Winkel seines Hofes modert, was von den Planken und den hölzernen Mahlgängen der Bootsmühle übrig ist.

XXXII.

In der sichtigen Luft eines abgeregneten Tages, im schattenlosen Licht des weißen Himmels erscheinen die Berge bunter mit ihren Ackerflächen, der kunstreiche Bau der Rebenhänge tritt an allen Steigen des Rheingeländes hervor. Die regelmäßigen Reihen der Weinbergsstecken füllen die auf das Feldgestein gesetzten und endlos hintereinander hängenden Stufen, sie folgen geschmeidig und abgewogen allen Wölbungen und Dällen der ganz entfalteten Hügel. Diese Buckel sind wie mit dem Spachtel geglättet und tragen fast ohne Lücke den bürstenähnlichen Besatz, aus dem zuweilen ein schroffes Felsgestein unzähmbar vortritt. Die Weinberge folgen dem Boden in alle seine Trichter, sie steigen auf die Höhen und hängen steil herab. Es ist die ehrfurchterregende Arbeit von Generationen. Aus ihren engen Dorfgassen tragen die Weinbauern die Stöcke, die Erde, den Dung und die Kannen mit Vitriol in unzähligen beharrlichen Gängen bergauf und bringen die schweren Körbe und Bütten zu den Keltern bergab. In der Schwüle des Sommers und in der Naßkälte des Oktobertages arbeiten auf der Höhe die Leute in ihren schweißgetränkten Kleidern und strecken am Frühwintertag die Hände zum hochflammenden Reisigfeuer. Wo um Lichtmeß zuerst in der schmelzenden Schneedecke die schwarze Katz hinschleicht und immer größer wird, da sind die bevorzugten Stellen. Einst milderten selbst gute Jahre kaum die Sorge um den Absatz und den Druck der Verschuldung bei den Weinbauern. Bittgänge durch die Felder, farbenfrohe Tage der Weinlese versöhnten den Winzer unvollkommen mit seiner Armut. Die Kranzwirtschaften, in denen im Rheingau einst ein Nachbar dem andern half, den Segen des Herbstes selber wegzutrinken, gaben dem südlichen Leichtsinn dieses Landvolkes einen nordischen Zug von Ingrimm. Nichts ist dem Geist und Blut des Menschen näher als das trunkene Geheimnis, das in der gärenden und abgeklärten goldfarbenen und blutfarbenen Tinktur der Trauben schlummert. Die kostbaren Weine des Rheingaues dienten einst der Schwelgerei der Fürsten und der Aebte, aber auch der Kleinbürger hielt sein Fäßchen im Keller, und die Schiffer griffen fleißig in das Schaff, sie ließen hinter der Treppe den Krug mit Wein neben dem Vorrat an Flaschenbier und Rhenser Wasser nie untermäßig werden. Der Rheingau liefert jetzt aus seinen uralten, dunstgefüllten Kellern das Beste den Fremden und Unbekannten, der Deutsche wird dem Johannisberger bei einem guten Freund in Holland oder Schweden eher begegnen als bei den Landsleuten daheim. Im Rheinland waren einmal selbst die entlegenen Kuppen des Hunsrücks und der Eifel, die weiten Flächen um Köln mit Reben bedeckt, der Weinbau hält sich jetzt enger am Flusse und reicht vom Drachenfels nicht nördlicher. Aber noch immer reichen die kleinen halbdunkeln Weinwirtschaften nördlich und südlich vom Goldenen Pfropfenzieher von Bacharach und die Stammtische von der gemächlichen Art des Versoffenen Rosenkranzes im Kölner Bürgerkasino bis tief nach Westfalen und bis an Holland. Die Flasche mit dem Stengelglas ist ihr Zeichen, wie früher der irdene Krug neben dem handlichen Becher auf dem Eichentisch. Zwar stehen jetzt die letzten zierlichen Bartmannkrüge auf den Wandborten der Sammler, aber es gibt noch immer die unsterblichen Adepten, die das lautere Feuer, das Hochheimer und Rüdesheimer gemeinsam haben, aus dem wärmeren Gestein des Rheingaues erklären; der Schnee schmilzt ja vor dem Mainzer Tor von Hochheim früher als vor dem entgegengesetzten, und unter den Hügelwellen des Rheingaues, den einst das merkwürdige Gebück wie ein Reisigzaun gegen den Neid der Welt abschloß, geht jene unterirdische Verbindung überheizten Wassers, die vom vulkanischen Tiefgrund der Eifel bis in den Wiesbadener Kochbrunnen hinüberdampft und auf ihrem Wege diesseits wie jenseits des Rheines manche laue und warme Quelle emporsendet.

Man kann von den Taunusschwellen des Rheingaues und selbst von den schieferglänzenden Bergen hinter Bacharach aus alten Schmökern lernen, sie seien inwendig ganz mit Steinkohle oder gar mit Oleo Petreolio angefüllt. Deswegen habe sich auch Aeneas Sylvius, nachgehends Papst Pius II. genannt, alle Jahre ein Faß Voigtsberger nach Rom führen lassen, und Kaiser Wenzel habe zu Frankfurt in guter Laune sogar die Stadt Nürnberg für vier Fuder desselben Weines von einer bedeutenden Reichsschuld freigesprochen. Mag sein, aber von Bingen ab tritt doch der Wein schon ein wenig in den Schatten, es gibt Ausnahmen, aber sein Glühen wird milder, seine Würze flacher. Weder der kräftige Markgräflerwein, noch der erdige Pfälzer, noch der volle Bopparder Hamm, noch die an der Ahr und am Drachenfels gewachsenen roten Brüder des Ingelheimers sind so voll schwerer Träumerei wie das Gewächs des regenarmen, doch luftig feuchten, zwischen Milde und Schwüle wechselnden Rheingaues. Der Brennspiegel des Stromes wirft seine Strahlen auf das Land, und am köstlichsten sind jene höheren Lagen, die auch nur um eine Viertelstunde länger Abendsonne haben als die andern.

Am Ufer von Bonn auf der hohen Terrasse der Lese sitzend, bei einer Flasche mit gelehrten Freunden, den Blick in der heiteren und geräumigen Landschaft, die von den Sieben Bergen alle Anmut hält, berührt uns als hübsche Ablenkung am Sommerabend ein kleiner Auflauf von Leuten unten vor der Allee. Dem Rhein entsteigt ein Mann, ein weißes Badetuch wird ihm gereicht, er fährt mit einem Auto davon; sonderbarer Geschmack, so vor allem Publikum ein Flußbad zu nehmen. Wir erfahren aber ein wenig später, daß der Mann dort unten in den Rhein sprang, ein umgeschlagenes Segelboot zu retten. Er hat ein Kind herausgezogen, der Vater des Kindes ist ertrunken. Ueber dem seligen Abendglanz des Flusses, über der Melodie des schönen Gebirgs und dem Funkeln unserer Gläser lag da ein Hauch von Schatten, von allem abgelöst. Wir fühlten, was es mit dem feierlichen und glückstrahlenden Lächeln des Rheines auf sich hat.

XXXIII.

Nicht nur die Wassermenge in ihrem Lauf und mit ihrem tragenden, leicht gewölbten Rücken, sondern auch die Richtung ihres Grabens mit den Schienen und Fahrwegen, die ihn begleiten und gleichsam den nassen Lauf verstärken, ist der Nerv der Flußlandschaft. Der Mensch fühlt ihn wie ein Tier, das er reitet. Man könnte in den Städten des Niederrheins die Plätze in großen bunten Mustern mit Kieseln pflastern; man schleife nur das schlammfarbene Geröll des Stromes, dann fände man die gelben Quarzbrocken aus dem Taunus, den Kieselschiefer von der Lahn, die Siegener Grauwacke, den weichen Sandstein aus der Trierer Gegend, Achate von der Nahe; Versteinerungen aus dem Mainzer Becken, Schlammgestein aus dem Siebengebirge und von Neuwied. Nicht allein, daß der natürliche Fluß fortwährend Steine vom Gebirg hinwegreißt und sie zu Sand zerknirscht, der Mensch verstärkt noch diese Arbeit, indem er die Kalksteine, Basalte und Erze angreift, die dem Fluß am nächsten liegen. Die klaffenden Steinbrüche von Oppenheim und von Linz, die grauglänzenden Schieferwände von Kaub, die Schornsteine von St. Goarshausen und von Braubach, die Seilbahngerüste und Stangenarme, die bei Trechtlingshausen, bei Oberlahnstein und Wesseling die rote Eisenerde, das fahle Bleierz und die Braunkohle zu den Schiffen führen, die weißen Schwemmsteinreihen in der Ebene von Urmitz gehören mit in die Landschaft. Sie zeigen, was alles der Fluß in seiner Uebertragung auf den Menschen aus dem Boden nimmt. Der Schnellverkehr der Eisenbahnen verbindet die an den Ufern ruhenden Städte nur rascher miteinander, als die Schiffahrt es vermöchte; sonst ist er an den Fluß gebunden, denn diese Städte reihte der Fluß. In Basel ziehen sich die Eisenbahnlinien von beiden Ufern zusammen, in der kreisrunden Schlinge von Köln fängt sich der Verkehr, um dort zwischen den Rückseiten grauer Mietshäuser, den mit Reklamen bedeckten Wandflächen und den gekrönten Türmen der gewaltigen Stadt in die Niederlande auszustrahlen. Dem Rhein entlang blinken die vielgebrauchten Geleise chamäleonhaft das Grün der Wälder, die immer ins Grau zurückkehrenden Irisfarben des Himmels wieder. Die Züge, die bei Nacht in der schwarzen Bergschlucht als glimmende Stäbe vorüberschweben, sind nur Pfeile und zeigen die Richtung des Stromes, in der die schweren Kähne, die dorfähnlichen Flöße fahren. Oft schauen die Reisenden im Abteil das dreifache Ineinandergleiten von Rheinlandschaft und vorüberbrausenden Gegenzügen. Die Musik der Läutewerke und das langverhallende Rollen der Güterzüge füllt das Rohr des Tales, sie brandet zu den zerstörten Burgen auf, deren schwarze Zinken unterm bräunlichen Pfauenauge des Mondes Schatten werfen. Die Schleppdampfer mit den wohlbekannten Uniformen ihres farbigen Anstrichs, den breiten weißen Radkästen und den platten Böden, die kiellos wie Bretter sind, diese starken und gemächlichen Zugschiffe mit der ausgebildeten Sprache ihrer Dampfpfeifen, ihrer Läuteglocken und ihrer Flaggensignale, das sind die eigentlichen Fuhrwerke des Wasserweges. Eine Kirmes, Sommers in einer Dorfstraße am Ufer, mit den Tonwirbeln der Karusselle und der Dampfpfeifen, des Blechorchesters in der Allee, dem ungeduldigen Klingeln der Fähren, den vorüberbrausenden Zügen, dem Warnungsschrei des Autos, dem Gejohl der zwanzigjährigen Menschen, das ist ein Jazz, der in der ganzen Welt nur am Mittelrhein möglich ist, man erlebe dazu die strotzende und bunte Hitze des Julinachmittages und die tief beruhigende, träumerische Kühle des Abends, das siebenfältige Echo des Waldhorns aus den Tälern. Das Wasser bleibt die Hauptsache mit seiner ewigen Eigenschaft der Jugend, mit seiner Triebhaftigkeit, die in alles Fühlen wirkt. Die Dämme der Eisenbahnen müssen sich an alten Stadtmauern schmal machen, sie führen hart an altersgrauen Kirchen und Friedhofwänden, an den Torbögen absinkender Gassen, an Einsturz drohenden, kühn unterfaßten Felsen hin, sie sind nah an den Fluß gedrängt und treten in die Finsternisse der Tunnel. Die Eisenbahn gibt der Landschaft ihr straffes Linienmuster. Aber der Stahl der Schienen läßt sich vom Wasser führen, er erweitert den Bodensee auf dem Lande zu einem Ring, der die Fahrwege von allen Seiten Europas an sich zieht, er folgt dem Rhein an beiden Seiten und noch einmal in den Parallelen des größeren Abstandes.

XXXIV.

Es gibt auf der ganzen Welt kein Stromstück wie den Mittelrhein. Schiffahrt, Strombau und Weinbau machen die Landschaft wie zu einem intelligenten Wesen. Natur und Arbeit sind verschmolzen. Man muß das Schiff sehen, das hinter Bingen mit seinem Rauchbüschel aus der offenen und hellen Breite des Rheingaues in die schwärzliche, verschlossene Pforte der zueinanderstrebenden Höhen schlüpft. Das Wasser weiß seinen Weg, es fließt mit ungleichen Geschwindigkeiten wie ein unendlich ausgezogenes Perspektiv in seiner bedrängten, stets zum Meer hinhängenden Fläche. Der Schiffer auf der Kanzel am Ende seiner langen schwarzen Barke; der mit Seil und Kette hantierende Matrose; der Fischer auf dem Kutter, der hinter dem Inselgebüsch mit emporgehängten Netzen, in denen noch Schlamm und Algen kleben, von der Nachtarbeit ausruht und dem vorbeifahrenden Steuermann einen dreiundzwanzigpfündigen Salm anbietet, den er dem Hotelwirt in Bingen mit Gewinn verkaufen kann; der Kapitän neben seinem Rudergänger auf der Brücke des Schleppdampfers; der Lotse, der mit seinem Fernglas in Kaub oder Sankt Goar am Ufer stand und ausspähte und sich dann mit knappen Ruderschlägen dem zögernden Dampfer nähert, mit einem Satz ist er an Deck und eine Minute später greift er, mit einem Kopfnicken zu den alten Bekannten, zweihändig in das Steuerrad. Das sind die strombefahrenden und erfahrenen Wassermänner, die jeden Strudel und alle Launen des Fahrwassers kennen, wie es sich in den harten Ufern hin- und herwirft. Bergumrisse und alte Gasthäuser in schmalen Dörfern, graue Türme vor den Weinbergen, die abenteuerlichen Felsgestalten der Ruinenstraße, alles hat für diese Leute das vertrauteste Gesicht. Alles ist Nähe und hat seinen Namen, der Schiffer kennt von Kind an die Heidenfahrt und die beiden Gießen vor Walluf, die schmalen Rinnen des Bingerlochs, den seichten Hahnen an der Bacharacher Insel, das Gerinns am Fuße der Loreley, die Schottel, die sich im Bogen um den Vorsprung von Osterspay herum legt, den Mühlenkännel vor Braubach. Alle diese Fahrwasser, die selten die Mitte des Flusses halten, werden anders befahren, das eine mit dem starren Steuer, das andere mit dem bewegten. Schiffe traben vorüber, wohlbekannte Kähne, der Wellenschlag des begegnenden Dampfers läßt einen Augenblick die Schaufelräder blind schlagen, der Schlepper rollt wie auf Steinen. Auf den Böschungen stehen mannshoch die weißen Kilometerzahlen, mitten in der Strömung ragen bebend die Schiffahrtszeichen, dreieckige Tafel, rote Boje mit der Laterne und der ruhenden Möve. Aber die altüberlieferten Regeln und Ortsbezeichnungen gelten noch. Jede Au im Rhein hat Namen und Geschichte, die bewaldeten Werthe, die seildünnen Sandbänke, die mit Gestrüpp und altem Gemäuer bewachsenen Inseln und ihre Ausläufer mit dem von Wind und Flut zerzausten Weidenbusch. Es gibt Wälder, die bei Hochwasser in der trüben Flut verschwinden, flache Kiesrücken, die schon bei Mittelwasser in der dunkelgrünen Flasche des Stroms verschlossen, und die Hungersteine, die jahrzehntelang im Wasser verborgen sind und bei ihrem Auftauchen Zeichen von Menschenhand verraten. Die schwarzen Zähne und Klippen sind im Strome selten geworden. Bingen gegenüber ragen als erste unter der Landstraße die Mühlsteinfelsen aus dem Wasser, dann die Fiddel, die Lochsteine, die den reißenden grünen Durchbruch des Wassers zügeln, der große und der kleine Leisten. Die Flut umspritzt die Soonecker Ley vor Trechtlingshausen, bricht sich an den Büttensteinen vor der Cauber Pfalz und rauscht um die Rauscheley. Dem kleinen Taubenwerth bei Oberwesel mit seinen Blöcken, die sieben Jungfern heißen, folgt bald der Geisenrücken und die Maar, die Bodenley und die winzige Furzley. Zwischen den Lützelsteinen und der hochaufragenden Wand des Lorleyberges fließt still und gefährlich das Gewerre, die Klippen um Hirzenach heißen der Hund, der Hottentott, der Gaul. Vor Salzig suchen die Kähne gern den ruhigen Ankergrund am Schneider, dem erst die Bagger seine Tiefe gegeben haben.

Für den Schiffer ist jeder Bach bedeutsam, der aus dem Tälchen hervorfließt, jeder schiebt sein kleines Delta in das schmale Flußbett, selbst die trägen Wasser der Selz bei Freiweinheim oder die Wisper oder die Haass bei Sankt Goarshausen. Die Nahe wie die Lahn legen Schwellen vor sich hin; selbst die längst mit Binsen bewachsenen Schalen, die weit vorgestreckten Kribben und das neuere spärliche Werk, das den Strom in Zucht hält, sind in unablässiger Aenderung. Es gibt Orte, wo gesunkene Schiffe liegen; der Klemensgrund mit seiner Gräberkirche war einst ein Friedhof der im Binger Loch gescheiterten Schiffe, man las hier Messen für das Länden der Ertrunkenen. An dieser Stelle war es, wo einst die Raubritter ihre Seile spannten, dort hingen sie später am Galgen. Heute geht wieder am Rhein zwischen Mehlem und Nackenheim manches Dunkle vor sich, Nachen lösen sich vom Ufer und legen vor den Kähnen an, kurzer Wortwechsel mit den Schiffern, eiligstes Schaufeln, und die mit geraubter Kohle oder Brotfrucht gefüllten Nachen gleiten in Nacht und Nebel davon. Alle Inseln, von der Rheinau mit ihren holländisch bemalten Pfählen bis zum Nonnen- und Grafenwerth, von der Knoblochsau bis zu den grauroten Mauern der Pfalz sind von Sagen umwittert, alten und neuen. Aus dem Neckar und aus dem Main hervor, vom fernen Oberrhein und von den feurigen Oefen der Fabriken am Strom kommen die Kähne und sammeln sich zu sechs oder vier an den Seilen der Dampfer. Zuweilen läßt sich einer, gut gesteuert, schwer beladen, von der Strömung abwärts treiben. Dann fährt er langsam und billig wie die scheckigen und strohfarbenen Flöße mit ihrer wippenden Fläche, ihren langen Rudern, ihren Hütten und ihrem Zimmermannsschmuck von Tannenspitzen und der roten Flagge. Ein wenig schneller als die Strömung geht es immer. Ein wenig Leinwand am Segelbaum hilft ihm bei gutem Winde vorwärts.

Vor Mainz liegen die haushohen Barken, noch ist die weichende Nacht am Himmel, urweltliches Gemisch von Dunst und Feuer und Windestoben. Der Dampfer kommt, sie abzuholen, die Matrosen knöteln die Drähte, nun schweben die Kähne im Bogen nach Kostheim hinüber. Vor dem Wäldchen an der Mainspitze mit den verlassenen Festungswerken beginnt der Zug. Von Kiel zu Kiel spritzen die kalten weißen Schäume. Das Wachthündchen bellt über das Deck, an der Leine flattern die Wäschestücke, die Schiffersfrau hinter den Fensterscheiben mit den Blumentöpfen steht am Herd. Das graue, langgezogene Amöneburg, das zierliche Biebricher Schloß mit dem hellen Jagdhaus auf der fernen Platte und die bleichen altertümlichen Städtchen des Rheingaues kommen in ihrer unveränderlichen Nachbarschaft. Der Strom vor Walluf, den kriegsgefangene Russen mit Chorgesängen grüßten, ist eine großartige Marine. Wässeriger Glanz des Stromes und der Landschaft, mit entfernten Dächern, bewegten Schiffen, silbergeränderten Wolken und triumphierendem Blau. Ueber Bingen blutet der Berg, wie Fleisch und Flechsen aufgeschnitten. Plötzlich, in der Enge von Aßmannshausen, sind es noch einmal Alpenwände mit kurzen, tiefgrünen Matten. Man muß von oben in den Eichenwäldern dem Schiff im Flusse folgen, wie es schwindet, um in den schmalen glänzenden Ellipsen wieder aufzutauchen. Der Rhein erscheint als eine Kette kleiner Teiche, geheimnisvoll gebunden und zerschnitten. Gehöfte, Aussichtstempel schauen hinunter wie Köpfe über den Rand von Schützengräben, die mageren Knöchel der Berge greifen überall an das Wasser, das der gekelterte Saft des Landes ist. Die Rücken der Berge verdämmern in Hochebenen. Der feuchte Himmel, vom Westwind getrieben, wiederholt das Rheintal in vielen ernsten langgefurchten Wolken.

XXXV.

Ist es möglich? Hier in der heftigen und vorgeschrittenen Mannheit des Flusses wecken ein paar kleine Städte ein flüchtiges Erinnern an Schaffhausen. Hier ist Mittelalter, dunkle Sprache der Steine und der Kirchenglocken. Oberwesel, altes Schiffernest, schmal am Ufer ausgedehnt und in die Seitenfurche bis vor den schweren und dachlosen Turm von St. Martin hinaufgezogen, ist selber wie ein Hafen kleiner Häuser um das fröhlich ragende, rot leuchtende Schiff der Liebfrauenkirche. Das Viereck des Turmes steigt als Achteck höher und schaut in das Rheintal, er wiederholt mit seinen Türmchen und den zusammengebundenen Giebelspitzen das Vielgebrochene der Bergabhänge. Die Stiftskirche oben, sechshundertjährig, mit ihrem alten Bild des greisen Christophorus, der durch den Rheinstrom watet, ist karg und steinern aus quadratischen Jochen zusammengesetzt. Doch unten ist die rankende Gotik, hier ordnen sich im Kreuzgang die Epitaphien mit ihren runenhaften, dünnen Monogrammen. Die mit Trauben, Muscheln, Totenköpfen und geharnischten Rittern gezierten Steine zeigen noch das Lilienrad im längst vergessenen Wappenschild. In der Schönburg über der Stadt, in dieser kleinen fünfseitigen Festung dort oben leben jetzt zurückgezogen die Nachkommen des Mainzer Bäckers, die zu den Reichsten von New York gehören und deren Name mit Tammany Hall verknüpft ist. Auf der Felsenhöhe liegt das neue Schloß und der Park. Und eine Stunde Fahrt entfernt liegen hinter der Biegung des Rheines die beiden Flecken einander gegenüber, von denen einmal der eine mit seiner weitläufigen, bis an den Fluß hinabgestuften Festung die von einem königlichhochfürstlichhessencasselischen Gouverneur verwaltete Hauptstadt von Hessenrheinfels und Niederkatzenellenbogen war. »Es ist aber dieses Sanctgoar oder Sandgewerr schon von Carls des grossen Zeiten her nichts anderes als ein Haus der Gastfreyheit gewesen«, sagt der Antiquarius, »in dem die Vorüberreisenden, sonderlich die Schifleute, bevor sie durch die Werb oder Bank gefahren sind, in die Sankt Goars Kapelle gegangen und darinnen ihr Gebet und Opfer verrichtet haben. Denenselben haben die Geistlichen alsdann Speise, Trank und andere Lebensnotdurft mitgetheilet ... Der ansehnliche hohe Thurn dieser Kirche ist im Jahr 1469 erbauet worden. Auf der einen Glocke, so darinnen hängt, lieset man diese Schrift: Maria heisen ich, vor all Sünder bieden ich. In Godes Namen luiden ich. All bois Weder vertrieben ich, Wilhelm von Rode gois mich im Jahr M.CCCCC.VI. An dem Rheinufer, an der Seite des Walls bey dem Zollhause, ist das berühmte Halsband, auch Burschband genant, fest gemacht, welches von Carls des Großen beyden Prinzen, Carl und Pipin dahin, als den Ort ihrer Versöhnung, soll seyn gestiftet worden. Anfänglich soll es von Eisen gewesen seyn; als aber der Churfürst Friedrich V. zu Pfalz seine Gemahlin aus Engelland geholet, hat er zwar ein silbernes Band oder Ring dahin verehren wollen, aus Beysorge eines Diebstahles aber ein meßingnes machen lassen, welches noch allda ist. Uebrigens hat er dabey die Armen reichlich bedacht, und es werden an dieses Halsband alle zum ersten Mal dahinkommenden Fremdlinge geschlossen, und es muß sich sodann derjenige, dem diese Ehre wiederfährt, ein oder zwey Pathen wählen, welche ihn fragen müssen: Ob er mit Wasser oder mit Wein wolle getauft seyn? Antwortet nun der im Halsband stehende: Mit Wasser, so wird ihm plötzlich ein ganzer Eimer mit Wasser über den Kopf gestürzt; antwortet er aber: Mit Wein, so wird er von der Gesellschaft in einen Gasthof geführt, allwo man ihm eine guldne Krone auf das Haupt setzt, und einen silbernen Becher, welche die Königin Christina aus Schweden oder eine gewisse Königin aus Engelland, als sie vorbeygereiset, zum Andenken dahin soll verehret haben, in die Hand giebt, woraus er 1. des Kaisers Caroli Magni, 2. der Königin von Engelland oder Schweden, 3. des regierenden fürstlichen Hauses Hessencassel und 4. der Pathen gesundheit trinken muß. Nach diesem bekomt er noch einen andern Becher, woraus er vorerwehnte Gesundheiten wiederhohlen muß. Auf letzterm Becher steht diese Schrift:

Zu Ehren Sanctgoar am Rhein
Ist gar wohl und fein
Der Landgräflichen Verhannse Stadt
Dieß Trinkgeschirr gemacht.

Wenn dieses geschehen ist, werden ihm die gebräuchlichen Ceremonien aus dem Matrikelbuch, imgleichen die Freyheiten, so ein Reisender, der den Rhein auf- und abfährt und sich daselbst hänseln läßt, haben soll. Es bestehen aber solche in lauter kurzweiligen Dingen. Z. E. Er soll den Fischfang auf dem Lorleyberg, imgleichen die Jagd auf der Bank auf seyn Lebtag frey haben, e. c. Endlich schreibt er seinen und des Taufpathen Namen in das Matrikelbuch und giebt in die dabey stehende Büchse eine freywillige Beysteuer, wie auch etwas in diejenige, so sich neben dem Halsband an der Hauptwache befindet. Diese Beysteuer wird alsdann zur Verpflegung der armen Vorbeyreisenden aus dasigem uralten Spital mitgetheilet.«

Vor St. Goar mußten die Schiffer umladen, ähnlich wie vor Schaffhausen. Der Ort war nach dem Niederbrennen der Burg und der Aufhebung der Rheinzölle ganz arm geworden. Eine Zeitlang bewahrte er sich das Recht, auf jedes vorüberfahrende Schiff den Armenvogt zu entsenden, um milde Gaben einzusammeln. Reisende vor hundert Jahren haben mit Unwillen diesen Brauch verzeichnet, ohne zu wissen, wie er in das Vergangene zurückgeht.

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