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Der reiche Mann

John Galsworthy: Der reiche Mann - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorJohn Galsworthy
titleDer reiche Mann
publisherVerlag Bruno Cassirer
year1910
translatorLuise Wolf
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorw.klum@t-online.de
thirdcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.7et
created20140803
modified20140930
lastmodified20150210
projectid5083479b
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Zweites Kapitel

Nacht im Park

Obwohl Mrs. Small in ihrem unfehlbaren Instinkt gerade das gesagt hatte, was ihren Gast neugieriger machen mußte als alles andere, ist es doch schwer zu sagen, wie sie die Wahrheit sonst hätte ausdrücken sollen.

Es war eine Sache, über die in der Familie Forsyte nicht einmal unter einander gesprochen werden durfte. Sie war etwas ›untergründig‹, um ein Wort zu gebrauchen, das Soames erfunden hatte, die Lage für sich selbst zu charakterisieren.

Allein innerhalb einer Woche nach Mrs. Mac Anders Begegnung im Richmond Park erfuhren alle – außer Timothy, dem es sorgfältig verheimlicht wurde – James auf seinem gewohnten Gang von der City nach Park Lane, George, der leichtsinnige, bei seiner täglichen Jagd nach Abenteuern auf dem Wege vom Fensterplatz des einen Lokals zum Billardzimmer des andern, daß ›jene Beiden‹ bis zum äußersten gegangen waren.

George (von dem manch treffende, in vornehmen Kreisen noch gebräuchliche Redensart stammte) traf die Stimmung am besten, als er zu seinem Bruder Eustace sagte, daß der ›Bukanier drauf los ginge‹ und Soames vermutlich ›abgespeist‹ worden sei.

Sie hatten alle das Gefühl, daß es sich so verhielt, und doch, was war zu tun? Eigentlich hätte er dagegen einschreiten müssen, aber jedes Einschreiten dagegen wäre peinlich.

Ohne einen offenen Skandal herbeizuführen, den sie auf jeden Fall vermeiden wollten, war es schwer zu entscheiden, welche Schritte unternommen werden konnten. Unter diesen Umständen war nichts anderes zu tun, als weder mit Soames noch unter einander darüber zu sprechen und einfach über die Sache hinwegzugehen.

Auf Irene machte es vielleicht Eindruck, wenn man ihr mit würdevoller Kälte begegnete; aber sie war jetzt nur selten zu sehen, und sie nur mit der Absicht aufzusuchen, ihr Kälte zu zeigen, war doch eine mißliche Sache. In der Stille seines Schlafzimmers ließ James seine Frau jedoch zuweilen merken, wie sehr er unter dem Unglück seines Sohnes litt.

»Ich gräme mich noch zu Tode,« sagte er dann wohl. »Es kommt sicher zu einem Skandal, und das wäre nicht gut für ihn. Ich werde mit ihm nicht darüber sprechen. Es ist vielleicht doch nichts an der ganzen Sache. Wie denkst du darüber? Wie? Ach, du bist eine ›wahre Juley‹! Na, ich weiß nicht; ich bin aufs Schlimmste gefaßt. Das kommt davon, wenn man keine Kinder hat. Ich habe von Anfang an gewußt, wie es kommen würde. Sie haben mir nie gesagt, daß sie keine Kinder wollten – keiner sagt mir was!«

Mit offenen, vor Kummer starren Augen kniete er an seinem Bett und stöhnte in die Bettdecke. In seinem Nachthemd, den Hals vorgestreckt, mit rundem Rücken, glich er einem großen weißen Vogel.

»Vater unser« – wiederholte er und ward den Gedanken an einen möglichen Skandal nicht los.

Wie der alte Jolyon, schrieb er im Grunde seines Herzens die Schuld an der Tragödie der Familie selbst zu. Wozu mußten diese Leute – er meinte damit seinen Bruder in Stanhope Gate nebst dem jungen Jolyon und seiner Tochter – eine Person wie diesen Bosinney in die Familie einführen? (Er hatte Georges Spitznamen, ›der Bukanier‹ gehört, wußte aber nichts damit anzufangen – der junge Mann war doch Architekt.)

Er kam allmählich zu der Überzeugung, daß sein Bruder Jolyon, zu dem er immer aufgeblickt und auf dessen Urteil er etwas gegeben hatte, nicht ganz das sei, was er in ihm gesehen hatte.

Da er nicht die Charakterstärke seines Bruders besaß, war James mehr traurig als erzürnt. Einen großen Trost gewährte es ihm zu Winifred zu gehen und die kleinen Darties in seinem Wagen nach Kensington Gardens mitzunehmen. Dort konnte man ihn oft um den runden Teich herumgehen und des kleinen Publius Dartie Segelboot, das er selbst mit einem Penny befrachtet hatte, mit ängstlichen Blicken verfolgen sehen, als sei er überzeugt, daß es nie wieder landen werde; der kleine Publius indessen – der, wie James mit freudiger Genugtuung bemerkte, nicht die geringste Ähnlichkeit mit seinem Vater hatte – sprang um ihn herum und versuchte ihn zu einer Wette um einen zweiten Penny zu bewegen, denn er wußte genau, daß es immer landete. Und James wettete und verlor immer – manchmal drei bis vier Pennys an einem Nachmittag, denn der kleine Publius schien des Spiels nie müde zu werden – und jedesmal wenn er zahlte, sagte er: »Das kommt in deine Sparbüchse. Du wirst noch ein ganz reicher Mann!« Der Gedanke an den wachsenden Reichtum seines Enkels machte ihm aufrichtiges Vergnügen. Allein der kleine Publius kannte einen Konfektladen und einen Kniff, der ohne gleichen war.

Dann gingen sie durch den Park nach Haus, und James, groß und hager mit hohen Schultern und zerstreutem Ausdruck in dem bekümmerten Gesicht, nahm die kräftigen Kindergestalten Imogens und des kleinen Publius unter seinen Schutz, der rührend unbeachtet blieb.

Doch diese Gärten und der Park waren nicht für James allein da. Forsytes und Strolche, Kinder und Liebespärchen ruhten oder schlenderten Tag für Tag und Nacht für Nacht darin umher; alle suchten Erholung von der Arbeit, von dem Rauch und dem Lärm der Straßen.

Langsam, zögernd in der Sonne und der sommerlichen Wärme der Nächte, bräunten sich die Blätter.

Am Sonntag den 5. Oktober nahm der Himmel, der den ganzen Tag hindurch blau gewesen, nach Sonnenuntergang die tiefe Färbung purpurner Trauben an. Es war kein Mondschein, und ein klares Dunkel, einem samtnen Gewande gleich, umhüllte die Bäume, deren fast entlaubte, federartige Zweige sich in der stillen, warmen Luft nicht regten. Ganz London war in den Park hinaus geströmt, um die letzten Sommertage bis zur Neige auszukosten.

Durch jede Pforte kam Paar um Paar, in Strömen ging es die Wege entlang und über den versengten Rasen, und eins nach dem andern stahl sich aus den erleuchteten Plätzen in den Schutz der gefiederten Bäume, wo sie an einen Stamm gelehnt oder im Schatten der Gebüsche tief im weichen Dunkel, alles vergessend, nur sich selbst gehörten.

Für Neuankommende, die des Weges daherkamen, bildeten diese Vorläufer nur einen Teil der sehnsüchtigen Dämmerung, aus der ein seltsames Murmeln wie das wirre Schlagen von Herzen drang. Aber sobald ein Paar im Licht der Laternen dies Gemurmel vernahm, bebten ihre Stimmen und sie verstummten; sie gingen Arm in Arm und ihre Augen suchten die Finsternis zu durchdringen, sie zu durchforschen und zu ergründen. Und plötzlich, wie von unsichtbaren Händen gezogen, stiegen auch sie über das Gitter und verschwanden leise wie Schatten aus dem Licht.

Myriaden von Leidenschaften, Hoffnungen und Liebesgedanken unzähliger ringender Menschenatome belebten die Stille inmitten des fernen unerbittlichen Getöses der Stadt; denn trotz der Mißbilligung der Obrigkeit, dieser großen Körperschaft von Forsytes – die Liebe nächst der Kanalisationsfrage als größte Gefahr für das Gemeinwesen betrachteten – spielten sich jene Nacht in diesem wie in hundert andern Parks Dinge ab, ohne die Tausende von Fabriken, Kirchen, Läden, Steuern und Leitungsröhren, die unter ihrer Obhut standen, wie Arterien ohne Blut, wie ein Mensch ohne Herz gewesen wären.

Die Instinkte der Selbstvergessenheit, der Leidenschaft und Liebe, die sich vor den Hütern des Besitzes, ihres unbarmherzigsten Feindes, unter den Bäumen verbargen, feierten ein heimliches Fest, und Soames, der auf dem Rückweg von Bayswater Road – er war allein bei Timothy zu Tisch gewesen – am Wasser entlang nach Haus ging und sich in Gedanken mit dem kommenden Prozeß beschäftigte, trieb es das Blut zum Herzen, als er ein leises Lachen und das Geräusch von Küssen vernahm. Er wollte am nächsten Morgen an die Times schreiben und die Redaktion auf die Zustände in den Parks aufmerksam machen; allein er tat es nicht, denn eine Scheu seinen Namen gedruckt zu sehen, hielt ihn davon zurück. Aber ausgehungert wie er war, wirkten dies Geflüster in der Stille, die halb sichtbaren Gestalten in dem Dunkel wie ein schädliches Reizmittel auf ihn. Er verließ den Weg am Wasser und stahl sich unter die Bäume, in den Schatten der kleinen Anlagen, wo die großen Blätter tief von den Zweigen der Kastanienbäume herabhingen und er eine dunklere Zuflucht fand. Er machte weite Kreise, um verstohlen einen Blick auf die Stühle am Stamm der Bäume zu werfen, wo eng umschlungen Liebespaare saßen, die bei seinem Nahen auseinanderstoben.

Jetzt blieb er auf der Anhöhe stehen und übersah den gewundenen Weg, wo im vollen Laternenlicht dunkel gegen das silbrige Wasser, schweigend und ohne Scheu ein Paar saß, das sich nicht regte, die Frau barg das Gesicht am Hals des Mannes, es war wie eine einzige Gestalt – ein Sinnbild der Leidenschaft, in Stein gehauen.

Betroffen von diesem Anblick, eilte Soames tiefer in den Schatten der Bäume.

Wer weiß was er dachte, wer weiß was er suchte auf diesem Wege? Brot für den Hunger – Licht in der Finsternis? Wer weiß, was er zu finden hoffte – unpersönliches Verständnis für das Menschenherz – das Ende seiner eigenen untergründigen Tragödie – denn wer wußte denn, ob von den dunklen Paaren, die ungenannt und unerkannt dort saßen, nicht eines er und sie sein konnten?

Doch eine solche Gewißheit konnte er nicht wünschen – die Frau von Soames Forsyte im Park sitzend wie eine gemeine Dirne! Ein solcher Gedanke war unfaßbar; und mit seinen lautlosen Schritten eilte er weiter von Baum zu Baum.

Einmal hörte er ein Fluchen hinter sich, einmal ein Flüstern, »wenn es doch immer so bliebe wie jetzt!« das ihm das Blut wieder aus dem Herzen trieb, und er wartete geduldig und eigensinnig auf das Weitergehen der beiden. Aber es war nur ein armes Ladenmädchen, ein schmächtiges Ding in einer verschlissenen Bluse, das am Arm ihres Liebhabers an ihm vorüberging.

Hunderte von Liebespaaren flüsterten unter den stillen Bäumen von dieser Hoffnung, hunderte von Paaren hielten sich umschlungen.

Und von plötzlichem Abscheu geschüttelt, kehrte Soames auf den Weg zurück und gab das fruchtlose Suchen auf.

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