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Der reiche Mann

John Galsworthy: Der reiche Mann - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorJohn Galsworthy
titleDer reiche Mann
publisherVerlag Bruno Cassirer
year1910
translatorLuise Wolf
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorw.klum@t-online.de
thirdcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.7et
created20140803
modified20140930
lastmodified20150210
projectid5083479b
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Dritter Teil

Erstes Kapitel

Mrs. Mac Anders Wahrnehmungen

Viele Leute, der Herausgeber des ›Ultra Vivisektionist‹, der damals in erster Jugendblüte stand, mit inbegriffen, würden ohne Zweifel sagen, daß Soames kein richtiger Mann gewesen, weil er die Türschlösser des Zimmers seiner Frau nicht entfernt und nach einer ernsten Züchtigung sein eheliches Glück von neuem begonnen hatte.

Roheit wird durch Menschlichkeit nicht so erbärmlich gemildert wie ehedem, aber eine große Anzahl sentimentaler Leute wird es doch beruhigen zu erfahren, daß nichts von alledem geschah. Tätliche Roheit ist nicht Sache der Forsytes, dazu sind sie zu bedächtig und im allgemeinen zu weichherzig. Und Soames besaß einen gewissen Stolz, wenn auch nicht genug, um eine wirklich edelmütige Tat zu vollbringen, so doch hinreichend ihn zu verhindern, sich, außer vielleicht in sehr heftiger Erregung, zu einer ganz niedrigen hinreißen zu lassen. Vor allem aber fürchtete dieser echte Forsyte sich lächerlich zu machen. Und da er seine Frau doch nicht schlagen konnte, blieb ihm nichts anderes übrig, als sich schweigend in seine Lage zu schicken.

Während des ganzen Sommers und Herbstes fuhr er fort in sein Bureau zu gehen, seine Bilder zu ordnen und seine Freunde zu Tisch einzuladen.

Er verließ die Stadt nicht, denn Irene weigerte sich fortzugehen. Das Haus in Robin Hill blieb, obwohl es fertig war, leer und herrenlos. Soames hatte den Architekten verklagt und verlangte einen Schadenersatz von dreihundertfünfzig Pfund.

Die Anwälte Freak und Able hatten die Verteidigung Bosinneys übernommen. Sie gaben die Tatsachen zu, erhoben jedoch Einspruch gegen die Korrespondenz, der seines technischen Wortlauts entkleidet darauf hinauslief zu betonen, daß von ›freier Hand unter den Bedingungen dieser Korrespondenz‹ zu reden, ein bodenloser Unsinn sei.

Durch einen besonderen Zufall, wie er in den eng begrenzten juristischen Kreisen nicht ungewöhnlich ist, kam Soames durch Bustard, den arbeitsamen Teilhaber seiner Firma, der bei einem Diner neben dem jungen Rechtsanwalt Chankery gesessen hatte, mancherlei bezüglich des Verfahrens zu Ohren.

Ein Bedürfnis ›Fach‹ zu reden, das alle Juristen überkommt, sobald die Damen sich entfernt haben, trieb Chankery, diesen jungen, vielversprechenden Advokaten dazu, über allerlei Unpersönliches mit seinem Nachbarn zu sprechen, dessen Namen er nicht kannte, denn Bustard, der immer im Hintergrunde blieb, hatte geschäftlich keinen Namen.

Chankery erzählte ihm, daß er einen Fall mit einem ›sehr heiklen Punkt‹ habe, der nächstens zur Verhandlung kommen sollte und erklärte unter voller Wahrung des Amtsgeheimnisses das Verwickelte in Soames' Sache. Jeder, mit dem er darüber gesprochen, sagte er, halte den Punkt für sehr heikel. Das Streitobjekt sei leider gering, ›obwohl eine ver-dammt ernste Geschichte für seinen Klienten.« – Er fürchte der Richter werde kurzen Prozeß damit machen. Doch er wolle seine ganze Kraft aufbieten – es sei ein heikler Punkt. Was sagte Mr. Bustard dazu?

Dieser, ein Muster von Verschwiegenheit, erwiderte nichts, erzählte Soames jedoch mit leiser Schadenfreude von dem Vorfall, denn der stille Mann besaß auch menschliche Gefühle; und zum Schluß sprach er seine eigene Ansicht dahin aus, daß der Fall wirklich ›sehr heikel‹ sei.

Wie er sich vorgenommen, hatte unser Forsyte die Sache Jobling und Boulter übergeben. Aber von dem Moment an, wo er es getan, bedauerte er sie nicht selbst behalten zu haben. Nachdem er die Abschrift von Bosinneys Verteidigung erhalten hatte, begab er sich in ihr Bureau.

Boulter, der die Sache führte, denn Jobling war schon vor einigen Jahren gestorben, sagte ihm, daß es seiner Meinung nach ein ziemlich heikler Punkt sei und er lieber noch die Ansicht eines Advokaten darüber hören möchte.

Soames riet ihm zu einem tüchtigen Juristen zu gehen und sie wählten den Staatsanwalt Waterbuck, den sie als den besten bezeichneten. Dieser behielt die Akten sechs Wochen lang und schrieb dann wie folgt:

»Meiner Ansicht nach hängt die wahre Beurteilung der Korrespondenz hauptsächlich von der Absicht der Parteien ab und wird sich nach deren Aussagen bei der Verhandlung richten. Ich bin der Meinung, es müßte der Versuch gemacht werden von dem Architekten eine Erklärung zu erlangen, daß er nicht berechtigt war mehr als höchstens zwölftausendfünfzig Pfund auszugeben. Hinsichtlich des Ausdrucks ›freie Hand unter den Bedingungen der Korrespondenz‹, auf den meine Aufmerksamkeit gelenkt worden ist, muß ich sagen, daß dies ein heikler Punkt ist; doch bin ich der Ansicht, daß im Ganzen das Verfahren im Prozeß ›Boileau contra The Blasted Cement Co. Ltd.‹ maßgebend sein wird.«

Sie befolgten seinen Rat und stellten den Antrag, er wurde jedoch zu ihrem Verdruß von den Herren Freak und Able in so geschickter Form beantwortet, daß es nicht den geringsten Erfolg hatte.

Es war am ersten Oktober, als Soames vor Tisch in seinem Speisezimmer Waterbucks Gutachten las. Er war erregt; nicht so sehr wegen des Falles ›Boileau contra The Blasted Cement Co. Ltd.‹, sondern weil er selbst allmählich anfing die Sache als eine heikle zu betrachten; sie hatte gerade jenen angenehmen Beigeschmack von Spitzfindigkeit, wie die Juristen ihn ganz besonders lieben. Die eigene Ansicht von Waterbuck bestätigt zu sehen, hätte hier jeden beunruhigt.

Er saß grübelnd da und starrte in den leeren Kamin, denn obwohl es Herbst geworden war, blieb das Wetter in diesem Jahre so wunderschön wie mitten im August. Es war nicht angenehm so beunruhigt zu werden; überdies verlangte es ihn leidenschaftlich danach, Bosinney den Fuß auf den Nacken zu setzen.

Wenngleich er den Architekten seit jenem letzten Nachmittag in Robin Hill nicht wiedergesehen hatte, verließ ihn doch das Gefühl seiner Nähe nie, und nie die Erinnerung an sein abgemagertes Gesicht mit den vorstehenden Backenknochen und den feurigen Augen. Man könnte fast sagen er sei das Gefühl jener Nacht, als er das Kreischen der Pfauen gehört – dies Gefühl, daß Bosinney um das Haus streifte – nie los geworden. In jeder Männergestalt, die er an dunklen Abenden vorübergehen sah, vermutete er den ›Bukanier‹, wie George ihn so treffend genannt hatte.

Sicherlich traf Irene noch mit ihm zusammen; wo oder wie, das wußte er weder, noch fragte er danach, denn eine unbestimmte geheime Furcht zuviel zu erfahren, hielt ihn davon ab. Alles schien jetzt untergründig.

Wenn er seine Frau bisweilen fragte wo sie gewesen, er legte immer noch Wert darauf es zu tun, wie es sich für einen rechten Forsyte gehört, sah sie oft sonderbar aus. Ihre Selbstbeherrschung war wunderbar, allein es kamen Momente, wo hinter dieser Maske, die immer undurchdringlich für ihn gewesen, ein Ausdruck lauerte, den er nie bei ihr gesehen.

Sie pflegte zum Lunch jetzt auszugehen. Wenn er das Mädchen fragte, ob seine Frau zu Haus gefrühstückt habe, wurde die Frage fast jedesmal verneint.

Er mißbilligte dieses Herumstreifen ernstlich und sagte es ihr auch. Aber sie kehrte sich nicht daran. Die ruhige Art, in der sie seine Wünsche mißachtete, ärgerte ihn, setzte ihn in Erstaunen und belustigte ihn doch beinahe. Es sah fast aus, als gefiele sie sich in dem Gedanken an einen Triumph über ihn.

Nach der Durchsicht von Waterbucks Gutachten stand er auf und ging hinauf in ihr Zimmer, denn sie schloß sich vor dem Schlafengehen nicht ein – ihr Schicklichkeitsgefühl den Dienstboten gegenüber, wie er annahm, hielt sie davon ab. Sie bürstete eben ihr Haar und wandte sich mit seltsamem Ungestüm nach ihm um.

»Was wünschest du?« sagte sie. »Bitte, geh aus meinem Zimmer!«

»Ich möchte wissen,« erwiderte er, »wie lange dieser Zustand zwischen uns noch dauern soll? Ich habe lang genug dazu geschwiegen.«

»Bitte, geh hinaus!«

»Willst du mich als deinen Mann behandeln?«

»Nein!«

»Dann werde ich Schritte tun, dich dazu zu zwingen.«

»Bitte!«

Erstaunt über die Ruhe ihrer Antwort, starrte er sie an. Ihre Lippen waren zu einer dünnen Linie zusammengepreßt; über ihren nackten Schultern lag das Haar in lockeren Massen, ein seltsam goldener Kontrast zu ihren dunkeln Augen – diesen Augen, voll Furcht, Haß, Verachtung und einem seltsam lauernden Triumph.

»Willst du mein Zimmer jetzt verlassen, bitte?«

Verdrossen wandte er sich um und ging hinaus.

Er wußte wohl, daß es ihm fern lag etwas gegen sie zu unternehmen, und er sah, daß sie es ebenfalls wußte – wußte, daß er sich fürchtete.

Er war gewohnt ihr von allem zu berichten, was er den Tag über vorgenommen: von den Klienten die ihn aufgesucht; daß er eine Hypothek für Parkes aufgenommen; wie der langwierige Prozeß Fryer contra Forsyte stand, der infolge der überaus vorsichtigen Verfügungen seines Großonkels Barnabas über sein Vermögen so verquickt war, daß überhaupt niemand heran konnte und für etliche Anwälte wahrscheinlich bis zum Tage des Gerichts eine Einnahmequelle bleiben würde.

Dann wie er bei Jobson vorgesprochen und gesehen hatte, daß ein Boucher verkauft wurde, den bei Talleyrand in Pall-Mall zu erstehen er eben versäumt hatte.

Er bewunderte Boucher, Watteau und diese ganze Schule. Selbst jetzt ging er von der Gewohnheit nicht ab ihr über all diese Dinge zu berichten und erzählte bei Tisch lange Geschichten, als könne er durch diesen Wortschwall das Weh in seinem Herzen vor sich selbst verbergen.

Wenn sie allein waren, machte er oft den Versuch sie beim Gutenachtsagen zu küssen. Vielleicht hatte er die vage Empfindung, daß sie ihn einst gewähren lassen würde, oder vielleicht auch nur das Gefühl, daß ein Mann seine Frau küssen muß. Auch wenn sie ihn haßte, durfte er sich jedenfalls der Vernachlässigung dieses alten Brauches nicht schuldig machen.

Und warum haßte sie ihn? Selbst jetzt noch vermochte er nicht daran zu glauben. Es war ein sonderbares Gefühl gehaßt zu werden! – ihm schien diese Regung zu übertrieben; und doch haßte er Bosinney, diesen Bukanier, diesen Landstreicher, diesen Nachtwandler. Denn in Gedanken sah Soames ihn immer auf der Lauer liegen und umherstreifen. O, er mußte aber sehr heruntergekommen sein! Der junge Burkitt, der Baumeister, hatte ihn ganz niedergeschlagen aus einem Restaurant dritten Ranges kommen sehen!

Während all der Stunden, in denen er wach lag und seine Lage überdachte, die sich nicht ändern konnte – wenn sie nicht plötzlich wieder zur Besinnung kam – war ihm der Gedanke, sich von ihr scheiden zu lassen, nicht einmal ernstlich in den Sinn gekommen ...

Und die Forsytes! Welche Rolle spielten sie in diesem Stadium von Soames' untergründiger Tragödie!

Eigentlich so gut wie keine, denn sie waren alle an der See.

Sie befanden sich in Hotels, Wasserheilanstalten oder Gasthäusern, badeten täglich und nahmen einen Vorrat von Ozon in sich auf, der den Winter über vorhalten sollte.

Jeder zog und pflückte, preßte und kelterte in einem Weinberg eigener Wahl die Trauben seiner Lieblings-Seeluft.

Ende September begannen alle zurückzukehren.

In kleinen Stellwagen und robuster Gesundheit, mit tiefgebräunten Wangen kamen sie täglich von den verschiedenen Stationen an. Den nächsten Morgen bereits sah man sie wieder ihren Beschäftigungen nachgehen.

Am folgenden Sonntag war es vom Lunch bis zum Abend übervoll bei Timothy.

Unter andern Klatschgeschichten, die zu zahlreich und interessant waren, um wiederholt zu werden, erwähnte Mrs. Small, daß Soames und Irene nicht fort gewesen wären.

Einer der Familie verhältnismäßig Fremden war es vorbehalten, die nächste interessante Neuigkeit zu berichten.

Zufällig war Mrs. Mac Ander, Winifred Darties beste Freundin, an einem Nachmittag gegen Ende September auf einer Radfahrt mit dem jungen Augustus Flippard im Richmond Park Irene und Bosinney begegnet, als sie durch das Farngebüsch zum Sheen Gate gingen.

Vielleicht war die arme kleine Frau durstig, denn sie war lange auf einem harten, trocknen Weg geradelt, und wie ganz London weiß, griff es die kräftigste Konstitution an eine Radfahrt zu machen und sich dabei mit dem jungen Flippard zu unterhalten; oder vielleicht erregte auch der Anblick des kühlen Farnhaines, woher ›jene Beiden‹ kamen, ihren Neid. Des kühlen Farnhaines oben auf dem Hügel mit dem Dach aus Eichenzweigen, wo die Tauben endlose Hochzeitshymnen hören ließen und des Herbstes Raunen Liebenden im Ohre klang, indes die Rehe vorüberhuschten. Dieses Haines voll unwiederbringlicher Freuden, voll goldener Minuten in des Himmels und der Erde langem Bund! Dieses Farnhains, den Hirschen geweiht und seltsamen Baumstumpffaunen, die in der Sommerdämmerung um die Silberweiße einer Birkennymphe tanzten!

Diese Dame kannte alle Forsytes, und da sie bei Junes Empfang unter ihren Gästen gewesen war, machte es ihr keine Schwierigkeit zu wissen, wen sie vor sich hatte. Ihre eigene Ehe war nicht glücklich gewesen, doch da sie die Klugheit und Geschicklichkeit besessen ihren Mann zu zwingen, alle Schuld auf sich zu nehmen, hatte sie die notwendigen Scheidungsprozeduren durchgemacht, ohne sich übler Nachrede auszusetzen und konnte daher derlei Dinge beurteilen.

Sie wohnte in einem jener großen Häuser, wo in kleinen Einzel-Wohnungen eine unglaubliche Menge von Forsytes untergebracht sind, deren Haupterholung nach den Geschäftsstunden darin besteht, ihre gegenseitigen Angelegenheiten zu besprechen.

Die arme kleine Frau, vielleicht war sie durstig, jedenfalls aber langweilte sie sich, denn der junge Flippard war ein Schöngeist. ›Jene Beiden‹ an einem so außergewöhnlichen Ort zu sehen war ein höchst willkommener ›Fund‹.

Für die Mac Anders, wie für ganz London, steht die Zeit still.

Diese kleine, aber merkwürdige Frau verdient Beachtung, denn ihr allsehendes Auge und ihre scharfe Zunge waren fraglos dazu geschaffen die Absichten der Vorsehung zu fördern.

Mit einer Miene, als wäre sie zum Schlimmsten ausersehen, verstand sie in fast peinlicher Weise sich selbst zu schützen. Auf ihre Art hatte sie vielleicht mehr als irgend eine Frau dazu beigetragen den Sinn für Ritterlichkeit zu zerstören, die den Fortgang der Zivilisation noch aufhält. Aber fesch war sie, und man nannte sie mit Vorliebe ›die kleine Mac Ander‹!

Ihre Kleider saßen knapp anliegend und gut, sie war Mitglied eines Frauenklubs, gehörte aber keineswegs zu jenem abschreckenden Typus überspannter Frauen, die nur an ihre Rechte denken. Sie bestand ganz unbewußt auf den ihren, sie hielt sie für selbstverständlich und wußte genau, wie sie am besten auszunutzen waren, ohne anderes als Bewunderung bei der großen Klasse zu erregen, der sie zwar nicht gerade durch ihr Wesen angehörte, aber durch Geburt, Erziehung und jene sichere, jene geheime Gewähr, den Sinn für Besitz.

Sie war die Tochter eines Anwalts in Bedforshire, ihre Mutter eine Pfarrerstochter, und hatte trotz der traurigen Erfahrungen aus ihrer Ehe mit einem mittelmäßigen Maler, der von einer übertriebenen Liebe zur Natur beseelt gewesen und sie um einer Schauspielerin willen verlassen hatte, doch nie die Fühlung mit den Anforderungen, Ansichten und Empfindungen der Gesellschaft verloren; und als sie ihre Freiheit wiedergewonnen hatte, gelang es ihr ohne Mühe sich mitten unter den Forsytes einen Platz zu erobern.

Sie war stets in guter Laune, immer ›voll von Neuigkeiten‹ und darum überall willkommen. Sie erregte weder Erstaunen noch Mißbilligung, mochte man sie am Rhein treffen oder in Zermatt, allein oder auf Reisen mit einer Dame und zwei Herren; man hatte immer das Gefühl, daß sie sich selbst vollkommen zu schützen wußte; und die wundervolle Gabe alles genießen zu können, ohne etwas dafür zu geben, erwärmte die Herzen aller Forsytes. Es wurde allgemein empfunden, daß man in Frauen wie Mrs. Mac Ander, das Fortbestehen und Wachstum des besten Frauentypus zu sehen habe. Kinder hatte sie nie gehabt.

Wenn es etwas gab, das sie nicht ausstehen konnte, so waren es jene sanften Frauen mit einem gewissen ›Charme‹, wie die Männer es nannten; und gegen Mrs. Soames hatte sie von jeher einen besondere Abneigung.

Offenbar hatte sie die dunkle Empfindung, daß wenn ›Charme‹ einst als Kriterium anerkannt wurde, Feschheit und Gewandtheit in den Hintergrund treten mußten; und mit einem Haß, der um so tiefer war, als dieser sogenannte Charme zuweilen alle Berechnungen zu schanden machte, haßte sie den verführerischen Reiz, den sie Irene nicht ganz absprechen konnte.

Sie behauptete jedoch, nichts an der Frau finden zu können – es war kein ›Zug‹ in ihr – sie würde nie fähig sein für sich selbst einzutreten – jeder konnte sie ausnutzen, das war klar – sie begriff wirklich nicht, was die Männer an ihr zu bewundern fanden!

Sie war nicht eigentlich boshaft, aber um nach der Prüfung in ihrer Ehe ihre Stellung zu behaupten, hatte sie es für so notwendig gefunden immer ›voll von Neuigkeiten‹ zu sein, daß ihr der Gedanke nicht über ›jene Beiden‹ im Park zu sprechen, gar nicht in den Sinn kam.

Der Zufall wollte, daß sie an diesem Abend gerade bei Timothy zu Tisch war, wohin sie zuweilen ging, um ›die Alten aufzuheitern‹, wie sie sagte. Es wurden stets die nämlichen Personen für sie eingeladen: Winifred Dartie mit ihrem Mann, Francie, weil Mrs. Mac Ander zu den Künstlerkreisen gehörte – man wußte, daß sie Artikel für die Modezeitung ›Königreich der Damen‹ lieferte – und um ihr den Hof zu machen, falls man ihrer habhaft werden konnte, zwei der jungen Haymans, die, obwohl sie nie den Mund auftaten, für flott und völlig vertraut mit allem galten, was in der feinen Welt als Neuestes galt.

Fünf Minuten vor halb acht drehte sie das elektrische Licht in ihrem kleinen Vorzimmer aus und trat, in ihren Abendmantel mit dem Chinchillakragen gehüllt, in den Korridor hinaus, wo sie einen Augenblick stehen blieb um sich zu vergewissern, daß sie ihren Hausschlüssel bei sich habe. Diese kleinen Einzel-Wohnungen waren sehr bequem; zwar fehlte es ihnen an Licht und Luft, aber sie konnte zuschließen und fortgehen, wann es ihr beliebte. Man hatte keine Plage mit Dienstboten, und sie fühlte sich nie gebunden wie früher, als der arme liebe Fred immer so verträumt herumging. Sie empfand keinen Groll gegen den armen lieben Fred, er war ein solcher Tor; aber bei dem Gedanken an die Schauspielerin konnte sie sich noch jetzt eines kleinen bittern, spöttischen Lächelns nicht erwehren.

Sie warf die Tür fest ins Schloß und durchschritt den Korridor mit seinen düstern ockergelben Wänden und der endlosen Reihe brauner, nummerierter Türen. Der Fahrstuhl kam eben herunter; und bis über die Ohren in ihren Mantel gehüllt, jedes einzige ihrer kastanienbraunen Haare an seinen Platz, wartete sie regungslos, bis er an ihrer Etage hielt. Die eisernen Türen öffneten sich rasselnd und sie trat ein. Es befanden sich schon drei Personen darin, ein Herr in einer großen weißen Weste und einem breiten weichen Kindergesicht, und zwei alte Damen in Schwarz mit Halbhandschuhen.

Mrs. Mac Ander lächelte ihnen zu; sie kannte jedermann; und diese drei, die vorher merkwürdig still gewesen waren, fingen sofort an sich zu unterhalten. Es war Mrs. Mac Anders geheimnisvoll glückliche Gabe ein Gespräch in Gang zu bringen.

Durch fünf Stockwerke abwärts wurde die Unterhaltung fortgesetzt, während der Liftboy ihnen den Rücken zukehrte und sein zynisches Gesicht zwischen die Stäbe drückte.

Unten trennten sie sich; Mrs. Mac Ander um eine Droschke zu nehmen, der Herr in der weißen Weste gefühlvoll, um das Billardzimmer aufzusuchen, und die alten Damen, um zu Tisch zu gehen. »Eine liebe kleine Frau!« sagte sie zu einander. »Wie das heraussprudelt!«

Wenn Mrs. Mac Ander im Hause Timothys zu Tisch war, nahm die Unterhaltung (obwohl Timothy nie zu bewegen war dabei zu sein) immer jenen leichteren weltmännischen Ton an, wie er unter den Forsytes im allgemeinen üblich war, und das machte sie ohne Zweifel so beliebt bei ihnen.

Für Mrs. Small und Tante Hester war es eine aufheiternde Abwechslung. »Wenn Timothy nur dabei sein wollte!« sagten sie. Es hätte ihm sicher gut getan. Sie konnte zum Beispiel das Neueste über Sir Charles Fistes Sohn in Monte Carlo erzählen; wußte wer die wahre Heldin von Tynemouth Eddys modernem Roman war, um den sich alle jetzt rissen, und wie man in Paris über das Tragen von Pumphosen dachte. Sie wußte auch so vernünftigen Rat in jener dringlichen Frage darüber, ob es besser sei Nicholas' ältesten Sohn zur Marine gehen zu lassen, wie seine Mutter wünschte, oder ihn zum Buchhalter auszubilden, was sein Vater für sicherer hielt. Sie war durchaus gegen die Marine. Warst du nicht außerordentlich tüchtig oder hattest du nicht außergewöhnliche Beziehungen, so wurdest du schmählich übergangen, und was war schließlich zu erwarten, selbst wenn du es bis zum Admiral brachtest – ein Lumpengeld! Ein Buchhalter hatte weit bessere Aussichten, nur mußte er an eine gute Firma kommen, damit von Anfang an nichts zu riskieren war!

Zuweilen gab sie ihnen auch einen Wink in Börsenangelegenheiten; nicht daß Mrs. Small und Tante Hester einen Gebrauch davon machten. Sie hatten wirklich kein Geld anzulegen, aber es brachte sie in eine so anregende Berührung mit dem wirklichen Leben. Es war ein Ereignis. Sie würden Timothy fragen, sagten sie. Doch taten sie es nie, da sie im voraus wußten, daß er sich darüber aufregen würde. Heimlich aber sahen sie noch wochenlang in der Zeitung nach, die sie wegen ihrer wirklich modernen Richtung hielten, ob die betreffenden Aktien hoch oder niedrig standen. Manchmal konnten sie den Namen der Gesellschaft überhaupt nicht finden und warteten dann bis James oder Roger oder selbst Swithin sie besuchte, um mit einer Stimme, die vor Neugierde zitterte, zu fragen, wie es sich damit verhielte – sie könnten es in der Zeitung nicht finden.

»Wozu wollt ihr das denn wissen,« fragte dann wohl Roger. »Dummes Zeug! Ihr werdet euch die Finger verbrennen – euer Geld in Kalk und solchen Sachen anzulegen, von denen ihr nichts versteht! Wer riet euch das?« Und nachdem er erfahren, was sie gehört hatten, ging er fort, zog in der City Erkundigungen darüber ein und legte vielleicht einen Teil seines eignen Geldes in diesem Betrieb an.

Mitten beim Essen, gerade als der Hammelbraten eben aufgetragen wurde, sagte Mrs. Mac Ander, munter um sich blickend: »Übrigens, wem glauben Sie, bin ich im Richmond Park begegnet? Sie werden es nicht erraten – Mrs. Soames und – Mr. Bosinney. Sie waren sicherlich draußen um das Haus zu besichtigen!«

Winifred Dartie hustete, und keiner sagte ein Wort. Es war die Bestätigung dessen, auf das sie unwillkürlich alle gewartet hatten.

Um Mrs. Mac Ander Gerechtigkeit widerfahren zu lassen muß bemerkt werden, daß sie in der Schweiz und an den italienischen Seen gewesen war und von dem Bruch zwischen Soames und dem Architekten nichts gehört hatte. Sie konnte darum nicht wissen, welch tiefen Eindruck ihre Worte machen würden.

Hochaufgerichtet und ein wenig erhitzt ließ sie die kleinen schlauen Äuglein von Gesicht zu Gesicht wandern und versuchte die Wirkung ihrer Worte zu bemessen. Die jungen Haymans zu beiden Seiten neben ihr, die faden, schweigseligen, hungrigen Gesichter über ihre Teller geneigt, aßen unentwegt ihren Hammelbraten.

Diese beiden, Giles und Jesse, glichen sich so sehr und waren so unzertrennlich, daß man sie die ›Siamesen‹ nannte. Sie sprachen nie und schienen durch Nichtstun immer vollauf beschäftigt. Man glaubte allgemein, daß sie für ein wichtiges Examen büffelten. Stundenlang gingen sie ohne Hut, mit Büchern in der Hand, von einem Foxterrier begleitet, in den Gärten spazieren, die zu ihren Häusern gehörten, und rauchten unaufhörlich ohne ein Wort zu sprechen. Jeden Morgen trabten sie in einem Abstand von etwa fünfzig Metern auf zwei magern Gäulen mit ebenso langen Beinen wie ihre eigenen Campden Hill hinunter, und jeden Morgen, eine Stunde später, immer noch fünfzig Meter von einander entfernt, wieder hinauf. Und jeden Abend konnte man sie, wo sie auch zu Tisch gewesen sein mochten, etwa um halbelf über die Balustrade der Alhambra Promenade gelehnt stehen sehen.

Man sah sie stets nur zusammen; und diese Lebensweise schien sie offenbar vollkommen zu befriedigen.

Von einer dumpfen Regung getrieben sich als Gentlemen zu zeigen, wandten sie sich in diesem peinlichen Moment zu Mrs. Mac Ander und sagten in ganz gleichem Tone: »Haben Sie gesehen, daß –?«

Ihre Überraschung angeredet zu werden war so groß, daß sie die Gabel aus der Hand legte, worauf das Mädchen, das gerade vorüber ging, schnell ihren Teller fortnahm. Mit gewohnter Geistesgegenwart jedoch hielt Mrs. Mac Ander sie zurück und sagte: »Ich muß noch etwas von diesem schönen Hammelbraten haben.«

Hernach im Wohnzimmer aber setzte sie sich mit der festen Absicht der Sache auf den Grund zu kommen, neben Mrs. Small.

»Was für eine reizende Frau ist diese Mrs. Soames,« begann sie, »solch ein sympathisches Wesen! Soames ist wirklich ein beneidenswerter Mann!«

In ihrem eifrigen Bemühen etwas zu erfahren, hatte sie jedoch nicht genügend in Betracht gezogen, daß die innere Natur der Forsytes sich dagegen sträubte, Außenstehende an ihren Kümmernissen teilnehmen zu lassen. Mrs. Small reckte sich raschelnd und knisternd zur vollen Höhe ihrer Gestalt empor und sagte schaudernd voller Würde:

»Das, meine Liebe, ist eine Sache, über die wir nicht sprechen!«

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