Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > John Galsworthy >

Der reiche Mann

John Galsworthy: Der reiche Mann - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorJohn Galsworthy
titleDer reiche Mann
publisherVerlag Bruno Cassirer
year1910
translatorLuise Wolf
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorw.klum@t-online.de
thirdcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.7et
created20140803
modified20140930
lastmodified20150210
projectid5083479b
Schließen

Navigation:

Zwölftes Kapitel

June macht einige Besuche

Der alte Jolyon stand in der engen Halle in Broadstairs und atmete den Geruch von Ölzeug und Hering ein, der alle soliden Gasthäuser an der See durchdringt. Auf einem Stuhl – einem hellen Lederstuhl, in dessen linker Ecke oben durch ein Loch das Roßhaar zum Vorschein kam – stand eine schwarze Mappe. Diese füllte er mit Papieren, mit der Times und einer Flasche Eau de Cologne. Er mußte heute in Versammlungen der ›Globular Gold Concessions‹ und der ›New Colliery Company‹, denn er versäumte niemals eine Sitzung des Aufsichtsrats; eine ›Aufsichtsrat-Sitzung‹ zu versäumen, wäre ein Beweis mehr dafür, daß er alt wurde, und das könnte sein eifriger Forsyte Geist nicht ertragen.

Seine Augen sahen aus, als könnten sie jeden Augenblick vor Zorn auflodern, während er seine schwarze Mappe füllte. So funkeln die Augen eines von seinen Kameraden gepeinigten Schuljungen, der sich erschreckt durch das große Übergewicht gegen ihn, im Zaume hält. Und der alte Jolyon hielt sich im Zaume und kämpfte mit meisterhafter, jetzt langsam schwindender Selbstbeherrschung die Erregung nieder, die seine gegenwärtige Lage in ihm geweckt.

Er hatte von seinem Sohne einen nichtssagenden Brief erhalten, worin der Junge mit allgemeinen Redensarten die klare Beantwortung einer Frage zu umgehen suchte. »Ich habe Bosinney gesehen,« schrieb er; »er ist kein Missetäter. Je besser ich die Menschen kennen lerne, desto mehr überzeuge ich mich davon, daß sie niemals gut sind oder schlecht, sondern nur komisch oder pathetisch. Du stimmst wahrscheinlich nicht mit mir überein!«

Das tat der alte Jolyon freilich nicht; er fand es zynisch, sich so auszudrücken. Noch hatte er die Stufe des Greisenalters nicht erreicht, wo selbst ein Forsyte, der Illusionen und Grundsätze beraubt, die er so sorgsam fürs praktische Leben gehegt, wenn er auch nie daran geglaubt, aller leiblichen Freuden beraubt, bis ins innerste Herz getroffen, weil ihm nichts mehr zu hoffen bleibt – die Schranken der Zurückhaltung durchbricht und Dinge sagt, die auszusprechen er selbst sich nie zugetraut.

Vielleicht glaubte er nicht mehr als sein Sohn an ›Gut‹ und ›Böse‹; aber er hätte gesagt, er wisse es nicht, könne es nicht sagen; es mochte etwas daran sein. Wozu sich denn durch unnötiges Eingestehen des Unglaubens selbst eines möglichen Vorteils berauben?

Er war gewohnt, seine Ferien in den Bergen zu verbringen, die er leidenschaftlich liebte, wenngleich er (als echter Forsyte) niemals etwas sonderlich Abenteuerliches oder Tollkühnes unternommen hatte. Und wenn die wundervolle (im Bädecker als ermüdend aber lohnend bezeichnete) Aussicht sich ihm nach der Anstrengung des Kletterns darbot, hatte er sicherlich etwas wie die Existenz einer großen veredelnden Urkraft empfunden, die über allem chaotischen Streben, den winzigen Abgründen und lächerlichen dunkeln kleinen Grüften des Lebens waltet. Sein praktischer Sinn kam hier der Religion so nahe, wie er es überhaupt nur vermochte.

Aber es war viele Jahre her, seitdem er zuletzt in den Bergen gewesen. Er hatte June zweimal hintereinander mitgenommen, nachdem seine Frau gestorben war, und hatte sich mit Bitterkeit sagen müssen, daß es mit dem Gehen für ihn vorbei war.

Dem in den Bergen gewonnenen alten Vertrauen in eine höhere Ordnung der Dinge, hatte er längst fremd gegenüber gestanden.

Er wußte, daß er alt war und fühlte sich doch jung, und das beunruhigte ihn. Es beunruhigte und verwirrte ihn zu denken, daß er, der immer so vorsichtig gewesen, Vater und Großvater von Wesen sein mußte, die zum Unglück geboren schienen. Er hatte nichts gegen Jo zu sagen – wer konnte dem Jungen, diesem liebenswürdigen Burschen, böse sein? – aber seine Verhältnisse waren jammervoll, und mit Junes Angelegenheit stand es fast ebenso schlimm. Es schien wie ein Verhängnis, und ein Verhängnis gehörte zu den Dingen, die ein Mann seines Charakters weder begreifen noch geduldig ertragen kann.

Als er an seinen Sohn schrieb, hatte er eigentlich keine Hoffnung, daß es etwas nützen würde. Seit dem Ball bei Roger sah er zu klar wie die Sachen standen – er konnte sich schneller als andere Leute einen Vers aus allem machen – und mit dem Beispiel seines eigenen Sohnes vor Augen, wußte er besser als irgend einer der Forsytes, daß die bleiche Flamme den Menschen die Flügel versengt, sie mögen wollen oder nicht.

In der Zeit vor Junes Verlobung, als sie und Irene immer zusammen waren, hatte er genug von ihr gesehen, um den Zauber zu fühlen, den sie auf Männer ausübte. Sie war nicht gefallsüchtig, nicht einmal kokett – Worte, die dem Herzen seiner Generation teuer waren, da sie es liebte die Dinge durch ein bequemes plattes, unzulängliches Wort zu definieren – aber sie war gefährlich. Er konnte nicht sagen warum. Spräche man ihm von der angeborenen Eigenschaft mancher Frauen – einer verführerischen Kraft, die sich ihrer eigenen Kontrolle entzieht, so würde er nur ›Humbug‹! antworten. Sie war eben gefährlich. Er wollte gern ein Auge zudrücken bei dieser Sache. War es so, so war es eben so; er wollte nichts mehr darüber hören, wollte nur Junes Lage und ihren Seelenfrieden retten. Er hoffte immer noch, daß sie ihm dereinst vielleicht wieder ein Trost sein würde.

Und darum hatte er geschrieben. Er konnte wenig genug aus der Antwort ersehen. Das einzige Ergebnis der Unterredung war eigentlich nur der sonderbare Satz: »Ich glaube, daß er im Strudel ist.« Im Strudel! Was für ein Strudel? Was war das für eine neumodische Art zu reden?

Er seufzte und steckte das letzte Papier unter den Umschlag der Mappe; er wußte nur zu gut, was gemeint war.

June kam aus dem Speisezimmer und half ihm in seinen Sommerüberzieher. An ihrem Kostüm und dem Ausdruck ihres kleinen resoluten Gesichts erkannte er sogleich, was kommen würde.

»Ich fahre mit dir,« sagte sie.

»Unsinn, mein Kind. Ich muß gleich in die City. Ich kann dich nicht so herumstreifen lassen!«

»Ich muß die alte Mrs. Smeech besuchen.«

»Ach, deine ewigen ›armen Hungerleider‹!« brummte der alte Jolyon. Er glaubte nicht an ihre Ausrede, gab jedoch seinen Widerstand auf. Mit diesem Eigensinn war doch nichts anzufangen.

An der Viktoria-Station setzte er sie in einen Wagen, der für ihn selbst bestellt war – ein charakteristischer Zug, denn er kannte keine kleinliche Selbstsucht.

»So, übermüde dich nicht, Liebling,« sagte er und nahm eine Droschke nach der City.

June fuhr zuerst in eine Hinterstraße von Paddington, wo Mrs. Smeech, eine alte Tagelöhnerin, ihr Schützling wohnte, aber nachdem sie eine halbe Stunde damit verbracht hatte, deren gewöhnliche Klagen anzuhören und ihr ein wenig Trost zuzusprechen, fuhr sie weiter nach Stanhope Gate. Das große Haus war verschlossen und dunkel.

Sie hatte sich vorgenommen um jeden Preis etwas zu erfahren. Es war das beste dem Schlimmsten ins Auge zu sehen und es zu überwinden. Ihr Plan war, zuerst Phils Tante, Mrs. Baynes zu besuchen, und wenn sie dort keine Auskunft erhielt, zu Irene selbst zu gehen. Sie hatte jedoch keine klare Vorstellung davon, was sie durch diese Besuche gewinnen würde.

Um drei Uhr war sie in Lowndes Square. Mit dem Instinkt der Frau hatte sie angesichts des Ungemachs, das ihrer wartete, ihr bestes Kleid angezogen und ging mit einem Mut in den Kampf wie der alte Jolyon selbst. Ihr Zittern hatte sich in Eifer umgewandelt.

Mrs. Baynes, Bosinneys Tante (Louisa war ihr Name) befand sich, als June gemeldet wurde, in der Küche, um die Köchin anzuweisen, denn sie war eine vortreffliche Hausfrau, und »ein gutes Mittagessen bedeutet viel«, wie Baynes immer sagte. Nach dem Essen arbeite er am besten. Er hatte die auffallend stattliche Reihe großer hochroter Häuser in Kensington gebaut, die mit so manchen andern um den Titel: ›das Häßlichste von London‹ wetteifern.

Als sie Junes Namen hörte, eilte sie schnell in ihr Schlafzimmer, nahm zwei breite Armbänder aus einem roten Lederetui in einem verschlossenen Schubfach und legte sie um ihre weißen Handgelenke – denn sie besaß in bemerkenswertem Maße jenen ›Sinn für Besitz‹, der bekanntlich der Prüfstein des Forsyteismus und die Grundlage wahrer Sittlichkeit ist.

Ihre breite Gestalt von mittlerer Höhe mit einer Neigung zur Fülle in einem nach eigener Angabe gearbeiteten Kleide in gebrochenen Farben, die an die getünchten Wände der Korridore großer Hotels erinnerten, blickte ihr aus dem Spiegel ihres Kleiderschranks aus weißem Holz entgegen. Sie hob die Hände zu ihrem Haar empor, das sie à la Princesse de Galles trug, zupfte es hier und dort zurecht, und ihre Augen waren voll von einem unbewußten Realismus, als ständen ihr die größten Widerwärtigkeiten bevor, mit denen sie sich abzufinden hatte. In ihrer Jugend waren ihre Wangen wie Milch und Rosen gewesen, das reifere Alter aber hatte ihre Haut verdorben, und als sie die Stirn jetzt mit einer Puderquaste betupfte, kam wieder jene harte häßliche Nüchternheit in ihren Blick. Sie legte die Quaste fort, blieb ganz still vor dem Spiegel stehen und bemühte sich über die große bedeutende Nase, ihr Kinn (das nie groß war, jetzt aber durch den stark gewordenen Hals noch kleiner wirkte) und den hängenden Mund mit den dünnen Lippen ein Lächeln zu breiten. Schnell, um die Wirkung nicht zu verlieren, raffte sie ihre Röcke fest mit beiden Händen zusammen und ging hinunter.

Sie hatte schon seit einiger Zeit auf diesen Besuch gehofft. Leise Gerüchte, daß zwischen ihrem Neffen und seiner Braut nicht alles in Ordnung sei, waren bis zu ihr gedrungen. Seit Wochen hatte sich keiner von beiden blicken lassen. Sie hatte Phil mehrmals zu Tisch eingeladen, aber unabänderlich lautete seine Antwort immer: »Zu beschäftigt.«

Sie war instinktiv beunruhigt, und der Instinkt dieser vortrefflichen Frau war in solchen Dingen sehr scharf. Sie hätte eine Forsyte sein müssen; im Sinne des alten Jolyon besaß sie ganz gewiß das Vorrecht dazu und verdient als solche geschildert zu werden.

Sie hatte ihre drei Töchter auf eine Weise verheiratet, die weit über deren Verdienst ging, wie die Leute sagten, denn sie waren von jener typischen Simpelheit, die in der Regel nur unter den weiblichen Angehörigen der Berufsklassen zu finden ist. Ihr Name war im Komitee zahlloser Wohltätigkeitsveranstaltungen – Bälle, Theatervorstellungen, Bazare – die mit der Kirche in Verbindung standen, und sie gab ihren Namen nie her, ohne sich vorher versichert zu haben, daß alles gründlich organisiert war.

Sie war dafür, wie sie oft sagte, allem eine geschäftliche Basis zu geben, denn die eigentliche Aufgabe der Kirche, der Mildtätigkeit, wie alles andern, sei den Bau der ›Gesellschaft‹ zu kräftigen. Eigenmächtige Handlungen sah sie darum für unmoralisch an. Organisation war das einzig Wahre, denn durch Organisation allein konnte man sicher sein, einen Dank für sein Geld zu erhalten. Organisation – und abermals Organisation! Ohne Zweifel war sie darin ›hervorragend‹, wie der alte Jolyon es nannte, aber er ging weiter und nannte sie ›einen Humbug.‹

Die Veranstaltungen, für die sie ihren Namen herlieh, waren so wunderbar organisiert, daß die Spenden in der Zeit bis zur Verteilung allerdings wie abgerahmte Milch, aller Sahne menschlicher Güte beraubt waren. Aber wie sie oft betonte, war jede Empfindsamkeit zu verwerfen. Sie war in der Tat ein wenig akademisch.

Diese bedeutende, gute, in kirchlichen Kreisen so hoch geachtete Frau war eine der Hohenpriesterinnen im Tempel des Forsyteismus und hütete Tag und Nacht die heilige Flamme des Gottes des Besitzes, auf dessen Altar die ermunternde Inschrift ›Nichts für nichts, und außerordentlich wenig für fünfzig Pfennige‹ zu lesen ist.

Wenn sie ein Zimmer betrat, hatte man das Gefühl von etwas Solidem, das da hereingekommen war, und das war offenbar der Grund ihrer Beliebtheit als Vorstandsdame. Die Leute liebten etwas Solides, wenn sie Geld dafür bezahlt hatten; und auf Wohltätigkeitsbällen blickten sie zu ihr auf, als wäre sie ein General, wenn sie von ihrem Stabe umgeben, mit ihrer imposanten Nase und der breiten kräftigen Gestalt erschien.

Das einzige was gegen sie sprach war, daß sie keinen Doppelnamen hatte. Sie war eine Macht in der Gesellschaft des besseren Mittelstandes mit seinen hundert Kreisen und Cliquen, die sich alle auf dem allgemeinen Schlachtfeld der Mildtätigkeit begegneten und auf diesem Schlachtfeld so angenehme Gelegenheit fanden mit der ›wirklichen‹ Gesellschaft in Berührung zu kommen. Sie war eine Macht in ihren Kreisen, in dieser größeren, bedeutenderen und mächtigeren Körperschaft, wo die kaufmännisch christlichen Anstalten, Maximen und ›Prinzipien‹, die Mrs. Baynes verkörperte, wirklich frei zirkulierendes lebendiges Blut, und richtige Geschäftssache waren und nicht lediglich eine sterilisierte Nachahmung davon, wie es in den Adern der kleineren ›wirklichen‹ Gesellschaft floß. Jeder der sie kannte, sah in ihr das Tüchtige – die tüchtige Frau, die sich nie bloßstellte oder sich sonst etwas vergab, wenn sie es irgend vermeiden konnte.

Sie hatte in dem denkbar schlechtesten Einvernehmen mit Bosinneys Vater gestanden, der sie häufig, zum Gegenstand der unverzeihlichsten Lächerlichkeit gemacht hatte. Jetzt nannte sie ihn ihren ›armen, lieben, verachteten Bruder‹, wenn sie von ihm sprach.

Sie begrüßte June mit geflissentlicher Überschwenglichkeit, die ihr meisterlich zu Gebote stand, denn sie fürchtete sie ein wenig, soweit eine Frau von ihrer Bedeutung in der kaufmännischen und christlichen Welt sich fürchten konnte – für ein so zartes Mädchen besaß June eine große Würde, die ihr die Furchtlosigkeit ihrer Augen verlieh. Und Mrs. Baynes erkannte scharfsichtig, daß hinter der freimütigen Offenheit in Junes Wesen viel von einer Forsyte war. Wäre das Mädchen nur offenherzig und mutig gewesen, so hätte Mrs. Baynes es für ›überspannt‹ gehalten und verachtet; wäre es, wie Francie etwa, lediglich eine Forsyte gewesen, so hätte sie es schon allein des Geldwerts wegen unter ihren Schutz genommen; aber June erweckte in ihr, so klein sie war – Mrs. Baynes bewunderte gewöhnlich nur Quantität – ein Gefühl der Unruhe, und sie bot ihr einen Sessel an, der dem Licht gegenüber stand.

Es gab noch einen anderen Grund für ihren Respekt, den Mrs. Baynes – eine zu eifrige Kirchgängerin, um weltlich zu sein – jedoch nie zugegeben hätte. Ihr Mann hatte den alten Jolyon oft als überaus wohlhabend geschildert, und sie war für seine Enkelin aus diesem vernünftigsten aller Gründe sehr eingenommen. Heute war sie in einer Erregung, mit der man den Roman eines Helden liest, der eine Erbschaft erwartet, und in bebender Angst ist, daß sie dem jungen Manne durch einen gräßlichen Fehlgriff des Autors schließlich doch entgehen könnte.

Sie war sehr herzlich; nie hatte sie so klar empfunden, was für ein vortreffliches und begehrenswertes Mädchen das war. Sie erkundigte sich nach dem Befinden des alten Jolyon. Ein wundervoller Mann für sein Alter; so aufrecht und jung im Aussehen, wie alt war er eigentlich? Einundachtzig! Das hätte sie nie geglaubt! Sie waren noch an der See! Gewiß sehr angenehm; June hörte wohl täglich von Phil? Ihre grauen Augen traten stärker hervor, als sie diese Fragen stellte, aber June wich ihrem Blick nicht aus.

»Nein,« sagte sie, »er schreibt nie!«

Mrs. Baynes senkte die Augen; sie hatte es nicht beabsichtigt, aber sie senkte sie. Doch sie erholte sich schnell.

»Natürlich nicht. Das sieht Phil ähnlich – so war er immer!«

»So?« sagte June.

Die Kürze der Antwort verscheuchte Mrs. Baynes' freundliches Lächeln für einen Moment, doch sie verbarg es unter einer schnellen Bewegung, mit der sie ihr Kleid wieder glatt strich. »Ja, meine Liebe,« sagte sie dann, »er ist der unberechenbarste Mensch; man darf ihm niemals übel nehmen was er tut.«

June überkam plötzlich die Überzeugung, daß sie ihre Zeit hier verschwendete. Selbst wenn sie gerade heraus eine Frage gestellt hätte, würde sie aus dieser Frau nichts herausbekommen haben.

»Sehen Sie ihn?« fragte sie heftig errötend.

Der Schweiß brach Mrs. Baynes unter dem Puder auf der Stirn aus.

»O ja! Ich erinnere mich nicht, wann er zuletzt hier war – wir haben ihn allerdings in letzter Zeit nicht oft gesehen. Er ist so beschäftigt mit dem Hause Ihres Vetters; wie ich höre, soll es sehr bald fertig sein. Wir müssen ein kleines Diner zur Feier dieser Gelegenheit veranstalten; bitte kommen Sie und übernachten Sie bei uns!«

»Ich danke Ihnen,« sagte June. Sie dachte wieder: »Ich verschwende nur meine Zeit, diese Frau wird mir nichts sagen.«

Sie erhob sich um zu gehen. Eine Veränderung ging mit Mrs. Baynes vor. Sie stand ebenfalls auf; ihre Lippen zuckten und sie bewegte unruhig ihre Hände. Irgend etwas war offenbar nicht in Ordnung, und sie wagte nicht, dieses Mädchen mit der schmächtigen, straffen kleinen Gestalt, dem entschlossenen Gesicht, ihrem festen Kinn und dem zürnenden Blick, das da vor ihr stand, danach zu fragen. Es war nicht ihre Art sich vor dem Fragen zu fürchten – alle Organisation fußte ja auf dem Fragenstellen!

Allein dieser Ausgang der Sache war so ernst, daß es ihre sonst so gleichmäßig starken Nerven erschütterte. Erst heute morgen hatte ihr Mann noch gesagt: »Der alte Mr. Forsyte muß wohl gut seine hunderttausend Pfund wert sein!«

Und da stand dieses Mädchen und streckte seine Hand aus – streckte seine Hand aus!

Die günstige Aussicht – die Aussicht sie in der Familie zu behalten – konnte entschlüpfen, und doch wagte sie nicht zu sprechen.

Ihre Augen folgten June bis zur Tür.

Sie schloß sich.

Dann eilte Mrs. Baynes, die behäbige Figur hin und her wiegend, ihr mit einem Ausruf nach und öffnete sie wieder.

Zu spät! Sie hörte die Haustür zuschlagen und blieb mit einem Ausdruck hellen Zornes und Verdrusses im Gesicht stehen.

June ging mit ihrer vogelartigen Geschwindigkeit den Platz entlang. Sie verabscheute diese Frau jetzt, die sie in glücklicheren Tagen für so gut gehalten hatte. Würde sie immer so hingehalten werden und gezwungen sein, diese quälende Ungewißheit zu ertragen?

Sie wollte zu Phil selbst gehen und ihn fragen, was seine Absicht war. Sie hatte ein Recht es zu wissen. Sie eilte die Sloane Street hinunter, bis sie an Bosinneys Nummer kam. Mit schmerzhaft klopfendem Herzen ging sie durch die Haustür und rannte die Treppen hinauf.

Am Ende der dritten machte sie Halt um Atem zu schöpfen, und hielt sich lauschend am Geländer fest. Kein Laut war von oben zu hören.

Mit einem sehr bleichen Gesicht stieg sie die letzte Treppe hinauf. Sie sah die Tür mit seinem Namen auf dem Schild. Und ihre Entschlossenheit, die sie so weit gebracht, verdampfte.

Die volle Bedeutung ihres Benehmens kam ihr zum Bewußtsein. Es überlief sie heiß; ihre Handflächen waren feucht unter der dünnen Seide ihrer Handschuhe.

Sie trat zurück an die Treppe, ging aber nicht hinunter. An das Geländer gelehnt, versuchte sie das Gefühl des Erstickens zu überwinden und starrte mit einer Art unheimlichen Mutes auf die Tür. Nein! sie wollte nicht hinuntergehen. Kümmerte es sie, was die Leute von ihr dachten? Niemand würde es erfahren! Niemand würde ihr helfen, wenn sie sich nicht selber half! Sie wollte es bis zu Ende durchkosten.

Sie zwang sich darum den Platz an der Wand, wo sie einen Halt gesucht, zu verlassen und klingelte. Die Tür öffnete sich nicht, und alle Furcht und Scham wich plötzlich von ihr. Sie klingelte wieder und wieder, als könnte sie trotz der Leere drinnen eine Antwort aus dem verschlossenen Zimmer erzwingen, einen Lohn für die Furcht und Scham, die dieser Besuch sie gekostet. Sie öffnete sich nicht und June gab das Klingeln auf, setzte sich oben auf die Treppe und barg das Gesicht in den Händen.

Dann stahl sie sich hinunter, ins Freie hinaus. Ihr war, als habe sie eine böse Krankheit überstanden und hätte nun keinen andern Wunsch, als so schnell sie konnte, nach Haus zu kommen. Die Leute, denen sie begegnete, schienen zu wissen, wo sie gewesen und was sie getan; und plötzlich – drüben an der andern Seite – sah sie Bosinney selbst, der von der Richtung des Montpellier Squares kam und nach seiner Wohnung ging.

Sie machte eine Bewegung das Getriebe der Straße zu kreuzen. Ihre Blicke begegneten sich und er grüßte. Ein Omnibus kam und versperrte ihr die Aussicht; und von einer Straßenecke, durch eine Lücke des Getriebes, sah sie ihn weitergehen.

Und June stand reglos da und schaute ihm nach.

 << Kapitel 21  Kapitel 23 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.