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Der reiche Mann

John Galsworthy: Der reiche Mann - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorJohn Galsworthy
titleDer reiche Mann
publisherVerlag Bruno Cassirer
year1910
translatorLuise Wolf
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorw.klum@t-online.de
thirdcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.7et
created20140803
modified20140930
lastmodified20150210
projectid5083479b
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Achtes Kapitel

Ball bei Roger

Rogers Haus in Prince's Gardens war glänzend erleuchtet. Eine große Menge von Wachskerzen brannten in den Kristallkronleuchtern, und der Parkettfußboden des langen Doppelsaales spiegelte den hellen Glanz wieder. Durch das Ausräumen der Möbel, die auf die oberen Treppenabsätze gestellt waren, und die Ausstattung des Raumes mit jenem seltsamen Zubehör der Zivilisation, den bekannten ›Rout-Sesseln‹, hatte man den Eindruck wirklich geräumiger Größe erreicht.

In einer entfernten Ecke stand, von Palmen verdeckt, ein Pianino mit einem Exemplar der ›Kensington-Weise‹ aufgeschlagen auf dem Pult.

Roger hatte gegen eine Musikkapelle protestiert. Er konnte durchaus nicht einsehen, wozu sie eine Musikkapelle brauchen sollten; er wollte die Ausgabe nicht, und es war keine Rede mehr davon. Francie (ihre Mutter, die Roger längst zu chronischer Dispepsie verurteilt hatte, ging bei solchen Gelegenheiten zu Bett), mußte sich damit begnügen zur Ergänzung des Pianinos einen jungen Hornbläser zu engagieren und stellte die Palmen so, daß jeder, der den Dingen nicht auf den Grund schaute, glauben mußte, es seien dort mehrere Musiker verborgen. Sie hatte sich vorgenommen ihnen zu sagen, daß sie laut spielen sollten – es war eine Menge Musik in einem Horn, wenn der Mann nur seine ganze Seele hineinlegte.

Wie die kultivierteren Amerikaner sagen, war sie ›durch‹, wenigstens war sie durch das gewundene Labyrinth von Kunstgriffen gekommen, die notwendig waren, ein standesgemäßes Auftreten mit der gesunden Sparsamkeit eines Forsyte zu vereinen. Mager aber prächtig in ihrem maisfarbenen Kleide mit viel Tüll um die Schultern, ging sie hin und her, paßte ihre Handschuhe an und überschaute alles noch einmal.

Mit dem Lohndiener (denn Roger hielt nur Dienstmädchen) sprach sie über den Wein. Hatte er auch verstanden, daß Mr. Forsyte ein Dutzend Flaschen Champagner von Whiteley herausgestellt zu haben wünschte? Aber wenn der zu Ende war (sie glaubte nicht, daß es dazu kommen würde, da die meisten der Damen sicher Wasser tranken) aber wenn er zu Ende ging, war da noch die Champagnerbowle, und er mußte sehen sich damit einzurichten.

Es war ihr verhaßt, solche Dinge mit dem Diener zu besprechen, es war so unter aller Würde; aber was war mit Vater zu machen? Roger allerdings kam sicherlich, nachdem er unaufhörlich Schwierigkeiten wegen des Balles gemacht hatte, mit seinem frischen Gesicht und der höckrigen Stirn herunter, als hätte er ihn in Vorschlag gebracht. Wahrscheinlich würde er lächelnd die hübscheste Dame zu Tisch führen, und um zwei Uhr, wenn alles so recht in Schwung gekommen war, heimlich zu den Musikern gehen und ihnen sagen, daß sie ›God save the Queen‹ spielen und nach Haus gehen sollten.

Francie hoffte inständig, er möchte bald müde werden und sich fortstehlen, um zu Bett zu gehen.

Die drei oder vier intimen Freundinnen, die zu diesem Ball im Hause waren, hatten in einem kleinen verlassenen Zimmer oben mit ihr eilig servierten Tee und kaltes Huhn eingenommen. Die Herren wurden zum Essen in den Klub geschickt, da man das Gefühl hatte sie satt machen zu müssen.

Pünktlich mit dem Schlage neun langte Mrs. Small allein an. Sie entschuldigte mit großer Beredsamkeit Timothys Abwesenheit, ohne Tante Hester auch nur zu erwähnen, die in der letzten Minute gesagt hatte, man solle sie nicht quälen. Francie empfing sie mit ausbündiger Freundlichkeit und wies ihr einen der ›Rout-Sessel‹ an, wo sie sie einsam und trübselig in ihrem lavendelfarbenem Atlas sitzen ließ – sie trug zum ersten Mal seit Tante Anns Tod wieder Farben.

Die intimen Freundinnen kamen jetzt aus ihren Zimmern, jede wie auf ein magisches Gebot in einem Kleide von anderer Farbe, aber alle mit der gleichen freigebigen Ausstattung von Tüll um Schultern und Busen, denn sie waren durch ein unglückliches Mißgeschick sehr mager für so junge Mädchen. Sie wurden alle zu Mrs. Small geführt. Keine sprach mehr als ein paar Worte mit ihr, sondern sie standen alle plaudernd dicht zusammen, zerknitterten ihre Tanzkarten und blickten verstohlen nach der Tür, um das erste Erscheinen eines Herrn zu sehen.

Dann kamen, immer pünktlich, wie es in Ladbroke Grove Sitte war, gruppenweise eine Anzahl Mitglieder der Familie Nicholas und dicht hinter ihnen, düster und mit einem starken Geruch von Rauch an sich, Eustace mit den Seinen.

Hierauf erschienen drei oder vier von Francies Verehrern, einer nach dem andern; sie hatte jedem das Versprechen abgenommen früh zu kommen. Alle waren sie glatt rasiert und lustig, von jener eigentümlichen Art Lustigkeit junger Leute, wie sie kürzlich in Kensington eingedrungen war. Sie schienen von ihrer gegenseitigen Anwesenheit durchaus nicht unangenehm berührt und trugen dick bauschige Krawatten, weiße Westen und Zwickelstrümpfe. Alle hatten die Taschentücher in die Manschetten gesteckt. Sie bewegten sich lebhaft und mit einer geschäftsmäßigen Fröhlichkeit, als wären sie gekommen große Taten zu vollbringen. Ihre Gesichter, die beim Tanzen keineswegs jenen traditionellen feierlichen Ausdruck des tanzenden Engländers annahmen, waren harmlos, liebenswürdig und ansprechend. Sie hüpften und wirbelten ihre Tänzerin mit langen Schritten herum, ohne sich pedantisch nach dem Rhythmus der Musik zu richten.

Auf andere Tänzer blickten sie mit einer gewissen Verachtung herab – sie, die leichte Brigade, die Helden von hundert Kensington ›Kränzchen‹ – von denen allein die rechten Manieren, das richtige Lächeln und Tanzen zu erwarten war.

Nun kam der Strom der übrigen Gäste; Begleiterinnen junger Damen, wie festgenagelt an der Wand dem Eingang gegenüber sitzend, und das beschwingte junge Element, das den Wirbel in dem größeren Raume schwellte.

Herren waren nur spärlich, und die Mauerblümchen hatten ihren gewohnten rührenden Ausdruck, ein geduldig säuerliches Lächeln, das zu sagen schien: »O nein, täuschen Sie sich nicht in mir, ich weiß, daß Sie nicht zu mir kommen. Das kann ich kaum erwarten!« Und Francie redete wohl einem ihrer Verehrer oder einem der grüneren Jünglinge zu: »Mir zuliebe lassen Sie sich Miß Pink vorstellen, sie ist solch ein nettes Mädchen, wirklich!« und dann führte sie ihn hin und sagte: »Miß Pink – Mr. Gathercole. Können Sie ihm vielleicht noch einen Tanz gewähren?« Und Miß Pink lächelte ihr gezwungenes Lächeln, errötete ein wenig und erwiderte: »Oh! Ich glaube ja!« verdeckte ihre leere Karte und schrieb, ihn leidenschaftlich buchstabierend, den Namen Gathercole für die von ihm vorgeschlagene zweite Extratour darauf.

Doch als der Jüngling gemurmelt hatte, daß es heiß sei und weitergegangen war, fiel sie wieder in den Zustand hoffnungsloser Erwartung und ihr säuerlich geduldiges Lächeln zurück.

Mütter, die sich langsam das Gesicht fächelten, beobachteten ihre Töchter, und in ihren Augen war die ganze Geschichte des Glückes ihrer Töchter zu lesen. Was machte es aus, daß sie Stunde um Stunde hier todmüde, schweigend oder krampfhaft plaudernd sitzen mußten, wenn nur die Mädchen ihr Vergnügen hatten! Aber sie vernachlässigt und übersehen zu wissen! Wohl lächelten sie, doch ihre Augen stachen wie die eines verwundeten Schwanes; sie hätten den jungen Gathercole – diesen Laffen – am liebsten bei den Enden seiner stutzerhaften Schöße gepackt und zu ihren Töchtern hingeschleppt –!

Und alle Grausamkeit und Härte des Lebens, sein Pathos und seine ungleichen Chancen, Dünkel, Selbstvergessenheit und Geduld waren auf dem Schlachtfeld dieses Ballsaals vertreten.

Hier und dort suchten Liebende – aber nicht wie Francies Liebhaber, die von einer besonderen Gattung waren, sondern schlichte Liebende – einander zitternd, errötend, schweigend mit flüchtigem Blick, suchten eine Berührung in der Verwirrung des Tanzes, und wenn sie dann und wann zusammen tanzten, fiel der Glanz ihrer Augen manchem Zuschauer auf.

Nicht eine Sekunde vor zehn Uhr kam James mit Emily, Rachel, Winifred (Dartie war zurückgelassen, weil er bei einer früheren Gelegenheit einmal zuviel Champagner bei Roger getrunken hatte) und der jüngsten, Cicely, deren Debüt heute war; ihnen folgten in einer Droschke Irene und Soames, die im väterlichen Hause zu Mittag gespeist hatten.

Alle diese Damen trugen Achselbänder und keinen Tüll und gaben durch eine kühnere Schaustellung von Fleisch gleich zu erkennen, daß sie von der vornehmeren Seite des Parks kamen.

Soames wich einer Berührung mit den Tanzenden aus und stellte sich an die Wand. Er wappnete sich mit einem matten Lächeln und stand beobachtend da. Walzer um Walzer begann und endete, Paar auf Paar fegte mit lächelnden Lippen, mit Lachen und Bruchstücken ihrer Unterhaltung vorüber, oder mit zusammengepreßten Lippen und die Augen suchend im Gedränge; zuweilen auch blickten sie einander mit stumm geöffneten Lippen an. Und diese Festesluft, der Duft von Blumen und Haar und Parfüms, wie Frauen sie lieben, mischte sich erstickend mit der Hitze der Sommernacht.

Schweigend, ein wenig Verachtung in seinem Lächeln, schien Soames von alledem nichts zu merken. Aber dann und wann, wenn seine Augen fanden was sie suchten, blieben sie fest an einem Punkte in dem wechselnden Gewimmel haften, und das Lächeln auf seinen Lippen erstarb.

Er tanzte mit niemand. Einige Männer tanzten mit ihren Frauen; sein Gefühl für die gute Form hatte ihm seit seiner Verheiratung nie gestattet mit Irene zu tanzen, und der Gott der Forsytes allein weiß, ob ihm das ein Trost war oder nicht.

In dem irisfarbenen Kleide, das um ihre Füße flutete, kam sie im Tanz mit andern Männern an ihm vorüber. Sie tanzte gut; doch er war es müde, die Damen mit säuerlichem Lächeln sagen zu hören: »Wie wundervoll Ihre Frau tanzt, Mr. Forsyte – es ist ein wahres Vergnügen ihr zuzuschauen!« War es müde, ihnen mit einem Blick von der Seite zu antworten: »Finden Sie?«

Ein junges Paar dicht neben ihm fächelte abwechselnd mit einem Fächer, und es entstand eine unangenehme Zugluft dadurch. Francie stand mit einem ihrer Liebhaber in der Nähe. Sie sprachen von Liebe.

Er hörte Rogers Stimme hinter sich, der einem Diener einen Auftrag für das Abendessen gab. Alles war zweiten Ranges! Er wünschte, daß er nicht gekommen wäre! Als er Irene gefragt, ob sie wolle, daß er mitgehe, hatte sie mit ihrem Lächeln, das einen rasend machen konnte, »O nein!« geantwortet. Warum war er gekommen? Die letzte Viertelstunde hatte er sie überhaupt nicht gesehen. Und jetzt kam George mit seinem durchtriebenen Gesicht; es war zu spät ihm auszuweichen.

»Hast du den ›Bukanier‹ nicht gesehen?« sagte dieser anerkannte Spaßvogel. »Er ist auf dem Kriegspfad – Haar geschnitten und so weiter!«

Soames verneinte, kreuzte den während einer Tanzpause halb leeren Saal, ging auf den Balkon hinaus und blickte auf die Straße hinunter.

Eine Equipage mit späten Gästen war vorgefahren, und an der Tür trieben sich einige jener geduldigen Zuschauer der Londoner Straßen herum, die bei jedem Ruf von Licht oder Musik herbeieilen. Die bleichen, emporgekehrten Gesichter dieser schwarzen schmierigen Gestalten hatte eine dumm beobachtende Art, die Soames ärgerte: Warum erlaubte man ihnen, sich so herumzutreiben; warum jagte der Schutzmann sie nicht davon?

Doch dieser nahm gar keine Notiz von ihnen; er stand wie festgepflanzt auf dem Streifen des feuerroten Teppichläufers, der über das Pflaster gebreitet war, und sein Gesicht unter dem Helm hatte den selben dumm beobachtenden Ausdruck wie die ihren.

Über die Straße hinweg durch die Gitter, konnte Soames die vom Winde leicht bewegten Zweige der Bäume im Schein der Straßenlaternen schimmern sehen, und darüber wieder das Licht oben in den Häusern an der andern Seite, wie viele Augen, die in die schwarze Stille des Gartens blicken; über allem aber den Himmel, diesen wundervollen Londoner Himmel, überstäubt vom tausendfältig schimmernden Widerschein der zahllosen Laternen, ein Dom zwischen den Sternen, von dem Menschenleid und Menschenlust zurückstrahlen – ein ungeheurer Spiegel von Glanz und Elend, der sich Nacht für Nacht mit gutmütigem Spott meilenweit über Häuser und Gärten, Paläste und Unrat, Forsytes, Schutzleute und geduldige Zuschauer auf der Straße erstreckt.

Soames drehte sich um und starrte, durch die Nische gedeckt, in den erleuchteten Saal. Hier draußen war es kühler. Er sah die neuen Ankömmlinge, June und ihren Großvater eintreten. Warum kamen sie so spät? Sie standen an der Tür. Merkwürdig, daß Onkel Jolyon nachts um diese Zeit noch ausgehen konnte! Warum war June nicht zu Irene gekommen, wie sie zu tun pflegte, und plötzlich fiel ihm ein, daß er June lange gar nicht gesehen hatte.

Als er ihr Gesicht in müßiger Schadenfreude beobachtete, sah er, wie es sich veränderte, so blaß wurde, daß er glaubte, sie würde umsinken, und dann feuerrot aufflammte. Er wandte sich, um zu sehen was sie erblickt hatte und sah seine Frau an Bosinneys Arm aus dem Wintergarten am Ende des Saales kommen. Ihre Augen schauten wie als Antwort auf eine Frage die er gestellt, zu ihm empor, und sein Blick ruhte unverwandt auf ihr.

Soames blickte wieder zu June hinüber. Ihre Hand ruhte auf des alten Jolyon Arm, sie schien um etwas zu bitten. Er sah einen erstaunten Ausdruck in seines Onkels Gesicht; sie kehrten um und entschwanden seinen Blicken durch die Tür.

Die Musik begann wieder – ein Walzer – und wie eine Statue in der Fensternische, das Gesicht unbewegt, ohne ein Lächeln auf den Lippen, stand Soames noch immer wartend da. Eben kamen, kaum eine Elle von dem dunkeln Balkon, seine Frau und Bosinney vorüber. Er fing den Duft der Gardenien auf, die sie trug, sah wie ihr Busen sich hob und senkte, sah die Sehnsucht in ihrem Blick, ihre geöffneten Lippen und einen Ausdruck in ihrem Gesicht, den er nicht kannte. Sie tanzten nach dem langsam wiegenden Takt vorüber, und es kam ihm vor, als schmiegten sie sich an einander, er sah sie die Augen dunkel und sanft zu Bosinneys erheben und sie wieder senken.

Sehr bleich ging er wieder auf den Balkon hinaus, lehnte sich darüber und blickte auf den Platz hinunter. Die Gestalten waren noch immer da und blickten mit blöder Hartnäckigkeit zum Licht empor, auch das Gesicht des Schutzmanns war starrend emporgerichtet, aber er sah nichts von allem. Unten fuhr ein Wagen vor, zwei Gestalten stiegen ein und fuhren davon ...

An diesem Abend hatten June und der alte Jolyon sich zur gewohnten Zeit zu Tisch gesetzt. Das junge Mädchen trug wie gewöhnlich ein hohes Kleid, und der alte Jolyon hatte sich noch nicht umgekleidet.

Sie hatte beim Frühstück von dem Ball bei Onkel Roger gesprochen, zu dem sie gehen wollte und gesagt, sie habe, dumm genug, nicht daran gedacht jemand zu bitten sie mitzunehmen. Jetzt sei es zu spät dazu.

Der alte Jolyon blickte mit seinen scharfen Augen auf. June pflegte Bälle stets mit Irene zu besuchen. Langsam heftete er einen erstaunten Blick auf sie und fragte, warum sie nicht mit Irene ginge?

Nein! Mit Irene wollte sie nicht gehen, sie würde es nur tun, wenn er selbst dies eine einzige Mal – nur für ganz kurze Zeit –

Als er sie so ungestüm und gequält sah, hatte der alte Jolyon schließlich brummend eingewilligt. Er begriff nicht, was sie auf einem solchen Balle wollte, der doch sicher nur eine armselige Geschichte wäre; sie passe nicht besser als eine Katze dahin, sagte er. Sie brauche Seeluft, und nach der General-Versammlung der Globular Gold Concessions sei er bereit sie hinzubringen. Sie wolle nicht verreisen? Oh, sie müsse sich aufraffen! Und mit einem verstohlenen Blick auf sie fuhr er mit seinem Frühstück fort.

June ging früh aus und wanderte in der Hitze ruhelos umher. Ihre leichte kleine Gestalt, die in letzter Zeit so matt gewesen, war lauter Feuer. Sie kaufte sich Blumen. Sie wollte – sie nahm sich vor so gut auszusehen wie möglich. Er würde dort sein! Sie wußte ja, daß er eingeladen war. Sie wollte ihm zeigen, daß ihr alles einerlei war. Aber tief im Herzen faßte sie den Entschluß ihn zurückzugewinnen. Sie kam erregt zurück und sprach lebhaft beim Lunch, und der alte Jolyon ließ sich dadurch täuschen.

Am Nachmittag verfiel sie in einen verzweifelten Weinkrampf. Sie erstickte das Geräusch in den Kissen ihres Bettes, aber als es vorüber war, sah sie im Spiegel ein geschwollenes Gesicht mit roten Augen und violetten Rändern darunter. Sie blieb bis zur Essenszeit in dem verdunkelten Zimmer.

Während der ganzen schweigsamen Mahlzeit kämpfte sie mit sich. Sie sah so schattenhaft und erschöpft aus, daß der alte Jolyon dem ›Scheinheiligen‹ gebot den Wagen abzubestellen, er wollte sie nicht fort lassen. Sie sollte zu Bett gehen! Sie leistete keinen Widerstand, ging in ihr Zimmer hinauf und blieb im Dunkeln. Um zehn Uhr klingelte sie nach ihrem Mädchen.

»Bringen Sie mir heißes Wasser und sagen Sie dem Herrn, daß ich mich vollkommen ausgeruht fühle. Sagen Sie ihm auch, wenn er zu müde wäre, könnte ich allein auf den Ball gehen.«

Das Mädchen sah sie von der Seite an und June wandte sich gebieterisch um. »Gehen Sie,« sagte sie, »und bringen Sie das Wasser gleich!«

Ihr Ballkleid lag noch auf dem Sofa, und in wilder Hast kleidete sie sich sorgfältig an, nahm die Blumen in die Hand und ging hinunter, das kleine Gesichtchen hocherhoben unter der Last ihres Haares. Im Vorbeigehen konnte sie den alten Jolyon in seinem Zimmer hören.

Bestürzt und ärgerlich kleidete er sich an. Es war nach zehn, vor elf konnten sie nicht dort sein; das Mädchen war toll. Aber er wagte nicht ihr zu widersprechen – denn der Ausdruck ihres Gesichts bei Tisch verfolgte ihn.

Mit großen Ebenholzbürsten glättete er sein Haar, bis es unter dem Licht wie Silber glänzte; dann kam er ebenfalls auf die dunkle Treppe hinaus.

June erwartete ihn unten, und ohne ein Wort gingen sie an den Wagen.

Als sie nach der Fahrt, die eine Ewigkeit zu währen schien, den Saal betraten, verbarg sie all ihre quälende Unruhe und Erregung unter einer Maske von Entschlossenheit. Das Gefühl der Schande über ›das Nachlaufen‹, wie es genannt werden könnte, wurde durch die Furcht gemildert, ihn vielleicht nicht hier zu finden, ihn trotz allem vielleicht doch nicht zu sehen, und ebenso durch den eigensinnigen Entschluß ihn – sie wußte noch nicht wie – zurückzugewinnen.

Der Anblick des Ballsaals mit seinem glänzenden Fußboden erweckte ein Gefühl der Lust und des Triumphs in ihr, denn sie liebte den Tanz, und schwebte, wenn sie tanzte, so leicht, wie ein behender, wirbeliger kleiner Geist dahin. Er würde sie sicherlich zum Tanzen auffordern, und wenn er mit ihr tanzte, würde alles sein wie eh. Sie schaute sich eifrig um.

Allein der Anblick Bosinneys mit diesem seltsamen Ausdruck äußerster Vertieftheit in seinem Gesicht, als er mit Irene aus dem Wintergarten kam, traf sie zu plötzlich. Sie hatten nichts gesehen – und niemand, nicht einmal ihr Großvater sollte – ihren Kummer sehen.

Sie legte die Hand auf des alten Jolyon Arm und sagte leise:

»Ich muß nach Haus, Großväterchen, mir ist nicht wohl.«

Er eilte mit ihr fort, und brummte für sich selbst, daß er gewußt, wie es kommen werde.

Ihr sagte er nichts; erst als sie wieder im Wagen saßen, der durch einen glücklichen Zufall in der Nähe der Tür geblieben war, fragte er sie: »Was fehlt dir, Liebling!«

Als er ihren ganzen zarten Körper von Schluchzen geschüttelt sah, war er furchtbar erschrocken. Sie müsse Blank morgen rufen lassen, darauf würde er bestehen. Er könne sie nicht so sehen ...

June unterdrückte ihr Schluchzen, drückte fieberhaft seine Hand und lehnte sich, das Gesicht in ihren Schal gehüllt, in ihre Ecke.

Er konnte nur ihre Augen sehen, die unverwandt ins Dunkel starrten, aber er hörte nicht auf, ihre Hand mit seinen dünnen Fingern zu streicheln.

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