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Der reiche Mann

John Galsworthy: Der reiche Mann - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorJohn Galsworthy
titleDer reiche Mann
publisherVerlag Bruno Cassirer
year1910
translatorLuise Wolf
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorw.klum@t-online.de
thirdcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.7et
created20140803
modified20140930
lastmodified20150210
projectid5083479b
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Drittes Kapitel

Spazierfahrt mit Swithin

Zwei Zeilen eines gewissen Liedes in einem berühmten alten Schulliederbuch lauten wie folgt:

»Wie die Knöpfe am blauen Rock blitzten fein, tra–la–la!
Und er jubelt' und sang wie ein Vögelein! ...«

Swithin jubelte und sang zwar nicht gerade wie ein Vögelein, aber er fühlte sich beinahe versucht eine Melodie zu summen, als er aus dem Hause trat und seine Pferde betrachtete, die angeschirrt davor standen.

Der Nachmittag war so lind wie ein Junitag, und um den Vergleich mit dem alten Liede zu vervollständigen, hatte er einen blauen Schoßrock angezogen und auf seinen Überzieher verzichtet, nachdem er Adolf dreimal hinuntergeschickt hatte um sich zu versichern, daß auch nicht der geringste Hauch eines Ostwindes zu spüren war. Seine ansehnliche Gestalt war so fest in den Rock eingeknöpft, daß die Knöpfe, wenn sie auch nicht blitzten, es doch füglich hätten tun können. Majestätisch stand er auf dem Pflaster und zog sich ein paar hundslederne Handschuhe an; mit seinem breiten, glockenförmigen steifen Hut, seinem Umfang und seiner behäbigen Gestalt sah er für einen Forsyte fast zu vorweltlich aus. Sein dichtes weißes Haar, das Adolf mit einer Spur von Pomade bedacht hatte, strömte einen leisen Wohlgeruch von Oppoponax und Zigarren aus – Zigarren der berühmten Marke Swithins, für die er hundertvierzig Schilling das Hundert zahlte und von denen der alte Jolyon unfreundlich gesagt hatte, er würde sie nicht geschenkt nehmen, dazu gehöre ein Pferdemagen! ...

»Adolf! Das neue Plaid!«

Der Bursche würde nie lernen schneidig auszusehen; und Mrs. Soames hatte sicher einen Blick dafür!

»Das Verdeck herunter! Ich mache – eine – Spazierfahrt – mit – einer – Dame!«

Eine hübsche Frau läßt gern ihre Kleider sehen; und – er wollte eben mit einer Dame spazierenfahren! Es war, als käme die gute alte Zeit wieder.

Welche Ewigkeit, seitdem er mit einer Frau gefahren war! Das letzte Mal war es Juley gewesen, wenn er sich recht erinnerte; die arme alte Seele war die ganze Zeit so furchtsam gewesen wie ein Hase und hatte seine Geduld so auf die Probe gestellt, daß er gesagt hatte, als er sie in Bayswater Road absetzte: »Na, der T–eufel soll mich holen, wenn ich noch einmal mit dir fahre!« Und er hatte es auch nie wieder getan, niemals!

Er trat zu den Pferden und prüfte ihr Gebiß; nicht daß er irgend etwas von Gebissen verstand – er zahlte seinem Kutscher nicht sechzig Pfund das Jahr, um ihm die Arbeit abzunehmen, das war nie sein Grundsatz gewesen. Sein Ruf als Pferdekenner beruhte hauptsächlich auf der Tatsache, daß er einst bei einem Derby-Rennen einigen Betrügern in die Hände gefallen war. Aber als ihn jemand im Klub mit seinen Grauschimmeln vorfahren sah – er fuhr immer mit Grauschimmeln, das war stilvoller fürs Geld, dachten manche – hatte er ihn ›Vierspänner-Forsyte‹ genannt. Nachdem ihm dieser Name durch Nicholas Treffry, den verstorbenen Teilhaber des alten Jolyon, diesen großen Fahrer zu Ohren gekommen war, der notorisch mehr Wagenunfälle gehabt hatte als irgend ein anderer im ganzen Lande, hielt Swithin es für richtig, sich danach zu benehmen. Der Name gefiel ihm, nicht etwa, weil er je vierspännig gefahren war oder die Absicht hatte es je zu tun, sondern weil es so vornehm klang. ›Vierspänner-Forsyte!‹ Nicht übel! Zu früh geboren, hatte Swithin seinen Beruf verfehlt. Wäre er zwanzig Jahre später nach London gekommen, so hätte ihn natürlich nichts davon abgehalten, Börsenmakler zu werden, aber zu der Zeit, wo er sich hatte entscheiden müssen, bildete dieser hohe Beruf noch nicht den Glanzpunkt des besseren Mittelstandes. Er war buchstäblich in den Beruf eines Auktionators hineingezwungen worden.

Als er endlich auf dem Bock saß und die Zügel ihm übergeben waren, warf er, über die blassen alten Wangen hinweg in die helle Sonne blinzelnd, langsam einen Blick um sich. Adolf war schon hinten aufgestiegen; der Groom mit der Kokarde am Hut stand bei den Pferden, bereit sie los zu lassen; alles wartete auf das Zeichen, und Swithin gab es nun. Die Equipage jagte davon, und ehe man bis drei zählen konnte, fuhr er mit Gerassel schwungvoll an Soames' Tür vor.

Irene kam sofort heraus und stieg ein – er beschrieb es später bei Timothy – »so leicht wie – hm – wie die Taglioni, ohne Umstände, ohne lange zu überlegen«; und vor allem, darauf legte Swithin besonderen Nachdruck und starrte Mrs. Septimus Small auf eine Weise an, die sie ganz aus der Fassung brachte, »keine alberne Ängstlichkeit!« Tante Hester schilderte er Irenens Hut. »Nicht einen eurer großen, schlappen Dinger, die hin- und herfliegen und den Staub auffangen, wie unsere Damen sie heutzutage so lieben, sondern einen netten kleinen –« er bezeichnete einen Kreis mit der Hand, »mit weißem Schleier – ein erlesener Geschmack!«

»Woraus war er gemacht?« fragte Tante Hester, die bei jeder Toilettenfrage in eine gelinde aber andauernde Aufregung geriet.

»Woraus gemacht?« wiederholte Swithin, »ja, wie soll ich das wissen?«

Er versank in ein so tiefes Schweigen, daß Tante Hester zu fürchten begann, er habe das Bewußtsein verloren. Aber sie versuchte nicht ihn selbst daraus zu erwecken, denn das war nicht ihre Art.

»Wenn doch jemand käme,« dachte sie. »Sein Aussehen gefällt mir nicht!« Doch plötzlich erwachte Swithin wieder zum Leben. »Woraus gemacht?« schnaufte er langsam hervor, »woraus sollte er gemacht sein?«

Sie waren noch nicht vier Meilen weit gekommen, als Swithin den Eindruck gewann, daß Irene gern mit ihm fuhr. Ihr Gesicht sah so sanft aus hinter dem weißen Schleier, die dunkeln Augen leuchteten im Frühlingslicht, und sobald er zu ihr sprach, blickte sie zu ihm auf und lächelte.

Am Sonnabend Morgen hatte Soames sie an ihrem Schreibtisch gefunden, wo sie eben ein Billett mit einer Absage an Swithin schrieb. Er fragte, warum sie ihn abweisen wolle. Ihre Verwandten könne sie abweisen so oft sie wolle, aber er wünsche nicht, daß sie seine Verwandten abweise!

Sie hatte ihn unverwandt angesehen, das Billett zerrissen und gesagt: »Gut!«

Dann hatte sie begonnen ein anderes zu schreiben. Er warf wie zufällig einen Blick darauf und sah, daß es an Bosinney gerichtet war.

»Was hast du denn an den zu schreiben?« fragte er.

Irene sah ihn wieder mit dem unverwandten Blick an und erwiderte ruhig:

»Über etwas, um das er mich gebeten hat!«

»Hm! Besorgungen!« sagte Soames. »Du wirst deine Last haben, wenn du damit erst anfängst!« Weiter sagte er nichts.

Swithin machte große Augen bei der Erwähnung von Robin Hill. Es war ein weiter Weg für seine Pferde, und er speiste stets um halb acht, bevor der große Andrang im Klub begann; der neue Chef gab sich mehr Mühe mit einem frühen Diner – der faule Halunke!

Allein er hätte gern einen Blick auf das Haus geworfen. Ein Haus war für jeden Forsyte von Bedeutung, und besonders für einen, der Auktionator gewesen war. Schließlich meinte er, die Entfernung habe nichts zu sagen. Als jüngerer Mann habe er jahrelang in Richmond gewohnt, dort Wagen und Pferde gehalten und sei jeden einzigen Tag hin und zurück ins Geschäft gefahren. ›Vierspänner-Forsyte‹ hatten sie ihn genannt! Sein Wagen und seine Pferde wären von einem Ende Londons bis zum andern bekannt gewesen. Der Herzog von Z– wollte sie haben, er hätte ihm den doppelten Preis dafür gegeben, aber er hatte sie behalten. Hat man etwas Gutes, so soll man es schätzen, nicht wahr? Ein Ausdruck ungeheuer feierlichen Stolzes kam in sein breites, glattrasiertes, altes Gesicht, er wandte den Kopf in seinem Stehkragen hin und her wie ein aufgeblasener Truthahn.

Sie war wirklich eine reizende Frau! Er gab Tante Juley, die über seine Ausdrucksweise die Hände überm Kopf zusammenschlug, später eine eingehende Beschreibung ihres Kleides.

Saß ihr wie eine Haut – stramm wie auf einer Trommel. So ließe er sich's gefallen, alles wie aus einem Guß, nicht wie eure stöckrigen Vogelscheuchen! Er starrte Mrs. Septimus Small an, die wie James lang und dünn geraten war.

»Sie hat Stil,« fuhr er fort, »eines Königs würdig! Und dabei macht sie nicht erst viel Wesens davon!«

»Sie scheint an dir jedenfalls eine Eroberung gemacht zu haben,« kam es gedehnt aus Tante Hesters Ecke.

Swithin hatte ein außerordentlich gutes Gehör, wenn jemand ihn angriff.

»Was soll das heißen?« sagte er. »Ich weiß sehr wohl ob eine Frau schön ist, wenn ich sie sehe, und ich kann nur sagen, daß ich keinen jungen Mann kenne, der für sie paßt; aber du vielleicht – du – kennst vielleicht einen!«

»O!« murmelte Tante Hester, »frage Juley!«

Lange jedoch, bevor sie Robin Hill erreichten, hatte der ungewohnte Aufenthalt in der frischen Luft ihn furchtbar schläfrig gemacht; er fuhr mit geschlossenen Augen, und nur die zeitlebens streng beobachtete Haltung bewahrte seine große, schwere Gestalt davor, seitwärts zu fallen.

Bosinney, der sie erwartete, kam ihnen entgegen, und alle drei betraten zusammen das Haus. Swithin ging voran, auf einen dicken goldbeschlagenen Rohrstock gestützt, den Adolf ihm in die Hand gegeben hatte, denn seine Kniee spürten die Wirkung des langen Verharrens in derselben Lage. Er hatte seinen Pelzmantel übergeworfen, um sich in dem unfertigen Hause gegen die Zugluft zu schützen.

Die Treppe – sagte er – wäre schön! ein fürstlicher Stil! Da gehörten noch Bildwerke hin! Zwischen den Säulen des Torwegs zum innern Hof blieb er stehen und streckte fragend seinen Stock aus.

Was bedeutete denn dies – dies Vestibül oder wie man es sonst nannte? Aber als er das Oberlicht sah, kam ihm eine Erleuchtung.

»Aha, das Billardzimmer!«

Als ihm gesagt wurde, daß es ein mit Fliesen belegter, in der Mitte mit Pflanzen geschmückter Hof werden sollte, wandte er sich zu Irene:

»Dies für Pflanzen verschwenden? Folge meinem Rat und stelle hier ein Billard auf!«

Irene lächelte. Sie hatte ihren Schleier in die Höhe geschlagen und ihn wie eine Nonnenhaube quer über die Stirn gebunden; das Lächeln ihrer dunklen Augen dünkte Swithin reizender denn je. Er nickte. Sie würde seinem Rat schon folgen, das sah er wohl. Er hatte wenig über Wohn- und Speisezimmer zu sagen, die er als ›geräumig‹ beschrieb, geriet aber, soweit seine Würde es ihm gestattete, in Entzücken über den Weinkeller, zu dem er die Steinstufen hinunterstieg, während Bosinney mit einer Laterne voranging.

»Hier werdet ihr für sechs-, siebenhundert Dutzend Platz haben –« sagte er, – »ein sehr netter kleiner Keller!«

Als Bosinney aber den Wunsch äußerte, ihnen das Haus unten vom Wäldchen aus zu zeigen, machte Swithin Halt.

»Von hier ist der Blick sehr schön,« bemerkte er, »haben Sie nicht etwas wie einen Stuhl?«

Es wurde ein Stuhl aus Bosinneys Zelt geholt.

»Ihr geht hinunter,« sagte er freundlich, »ihr beide! Ich bleibe hier und sehe mir die Aussicht an.«

Er setzte sich neben die Eiche in die Sonne, breit und aufrecht; eine Hand ruhte ausgestreckt auf dem Knopf des Stockes, die andere fest aufs Knie gestützt. Seinen Pelzmantel hatte er geöffnet, der niedrige Hut beschattete das blasse Viereck seines Gesichts wie ein Dach, und sein Blick starrte leer in die Landschaft.

Er nickte ihnen zu, als sie durch die Felder hinuntergingen. Es tat ihm wirklich wohl, für einen Augenblick ruhigen Nachdenkens allein gelassen zu werden. Die Luft war mild, die Hitze in der Sonne nicht zu groß und der Blick schon, merkwürd–. Sein Kopf sank ein wenig auf die Seite, er riß ihn wieder in die Höhe und dachte: Sonderbar! Er – ah! da winkten sie von unten herauf! Er hob die Hand und bewegte sie ein paarmal. Die waren unternehmend – der Blick war merkwürd–. Sein Kopf sank nach links, sofort riß er ihn wieder in die Höhe; er sank nach rechts, und so blieb er. Er war eingeschlafen.

Und im Schlafe, eine Schildwache auf dem Gipfel der Anhöhe, schien er diese – merkwürdige – Gegend zu beherrschen wie ein Götzenbild, das ein Künstler der Ur-Forsytes in heidnischer Zeit eigens dafür errichtet hatte, um an die Herrschaft des Geistes über den Stoff zu mahnen!

Und all die unzähligen Generationen seiner ländlichen Vorfahren, die gewohnt waren am Sonntag gemächlich ihr kleines Anwesen zu überschauen, deren starre graue Augen den heimlich in ihnen wurzelnden Trieb der Gewalttätigkeit, den Trieb nach Besitz vor der Welt verbargen – all diese unzähligen Generationen schienen mit ihm auf dem Gipfel der Anhöhe zu sitzen.

Aber der eifrige Forsytesche Geist des Schlummernden wanderte weit in Gott-weiß-welche Wildnisse der Phantasie. Er folgte den beiden jungen Leuten, um zu sehen, was sie dort in dem Wäldchen unten trieben – in diesem Wäldchen, wo der Frühling im Duft der Säfte und der aufbrechenden Knospen, im Sang der zahllosen Vögel und einem Teppich von Glockenblumen und lieblichen Kräutern schwelgte, und die Sonne sich wie Gold in den Wipfeln der Bäume fing; zu sehen, was sie taten, als sie dicht nebeneinander auf dem viel zu schmalen Pfad dahinschritten, so dicht nebeneinander, daß sie sich fortwährend berührten; Irenens dunkle Augen zu sehen, die wie Diebe das Herz des Frühlings stahlen. Und ungesehen, ein wahrer Ehrenwächter, war sein Geist bei ihnen, den kleinen pelzigen Leichnam eines Maulwurfs mit zu betrachten, der noch keine Stunde tot war, das bräunlichsilberne Fell noch unberührt von Regen oder Tau. Er sah Irenens gesenkten Kopf und den sanften Blick ihrer mitleidigen Augen, sah den Kopf des jungen Mannes, der sie so fest und seltsam starr anblickte. Dann folgte er ihnen weiter über die Lichtung, wo ein Holzfäller an der Arbeit gewesen, wo die blauen Glockenblumen niedergetreten und ein Baumstamm schwankend von seinem morschen Stumpf herabgestürzt war. Er kletterte mit ihnen darüber hinweg und ging weiter mit bis zum Saum des Wäldchens, wo sich ein unentdecktes Land erstreckte und von fern der Ruf: Kuckuck – Kuckuck! erklang.

Schweigend stand er dort mit ihnen, und ihr Schweigen bedrückte ihn! Sonderbar, sehr sonderbar!

Dann wie schuldbewußt zurück durch den Wald – zurück zu dem Holzschlag, immer noch schweigend inmitten des Vogelsangs, der nimmer verstummte, und des frischen Dufts des – was war es doch für ein Kraut – zurück bis zu dem Baumstamm, der quer über dem Wege lag.

Und ungesehen, unruhig, flatterte sein Forsytescher Geist über ihnen und suchte sich durch Geräusche bemerkbar zu machen, denn er sah die hübsche Gestalt schwankend auf dem Baumstamm balancieren und zu dem jungen Mann hinablächeln, der mit so seltsam leuchtenden Augen zu ihr aufblickte. Er sah sie ausgleiten – a – ah! fallen, o – oh! und – an seine Brust sinken, sah den weichen warmen Körper umfaßt, den Kopf vor seinen Lippen zurückgebogen, seinen Kuß, ihr Zurückweichen, vernahm seinen Ruf: »Du mußt es wissen – ich liebe dich!« Mußt es wissen – in der Tat – eine schöne –? Liebe! Ha!

Swithin erwachte. Die Freude an der schönen Natur war vorbei. Er hatte einen Geschmack im Munde. Wo war er?

Verdammt! Er hatte geschlafen.

Er hatte etwas von einer neuen Suppe geträumt, mit einem Geschmack von Minze darin.

Die jungen Leute – wo waren sie denn? In seinem linken Bein kribbelte es wie von lauter Nadeln.

»Adolf!« Der Halunke war nicht da, er schlief wahrscheinlich irgendwo.

Groß, breit und schwer stand er da in seinem Pelz, spähte eifrig über die Felder und sah sie eben kommen.

Irene ging voran; der junge Mann – was für einen Spitznamen hatte er doch – »Der Bukanier?« – ging ja ganz niedergeschmettert hinter ihr her; der hat gewiß etwas zu hören bekommen. Geschah ihm recht, warum nahm er sie so weit mit, um das Haus anzusehn! Der richtige Platz ein Haus zu betrachten, ist der Rasenplatz davor.

Sie sahen ihn. Er streckte den Arm aus und winkte krampfhaft, um sie zu ermuntern. Aber sie waren stehen geblieben. Wozu standen sie dort denn still; schwätzten und schwätzten? Nun gingen sie wieder weiter. Sie hatte ihm einen Rüffel gegeben, daran zweifelte er nicht im geringsten, und es war auch kein Wunder, denn ein solches Haus – ein großes garstiges Ding, keines der Art, an die er gewöhnt war.

Er blickte aufmerksam auf ihre Gesichter mit den blassen, unbeweglich starren Zügen. Dieser junge Mann sah sehr sonderbar aus!

»Daraus werden Sie nie was machen!« sagte er scharf und wies auf das Gebäude; »zu neumodisch!«

Bosinney starrte ihn an, als habe er ihn nicht gehört; und Swithin schilderte ihn später Tante Hester als »einen ganz extravaganten Burschen – hat eine sonderbare Art einen anzusehen – der ungeschliffene Tölpel!«

Was die Veranlassung zu dieser plötzlichen Probe von Psychologie war, gab er nicht an. Wahrscheinlich Bosinneys vorstehende Stirn, Backenknochen und Kinn, oder etwas Hungriges in seinem Gesicht, das mit Swithins Begriff einer stillen Sattheit, die den vollendeten Gentleman charakterisieren soll, nicht übereinstimmte.

Die Erwähnung einer Tasse Tee heiterte ihn auf. Er verachtete Tee – denn sein Bruder Jolyon hatte seine Geschäfte in Tee gemacht und eine Menge Geld dabei verdient – aber er war so durstig, und hatte einen solchen Geschmack im Munde, daß er bereit war zu trinken, was es auch sein mochte. Er wollte Irene gern von diesem Geschmack im Munde berichten – sie war so teilnehmend – aber das wäre nicht vornehm; er rollte die Zunge zusammen und schnalzte damit leise an seinen Gaumen.

In einer entfernten Ecke des Zeltes neigte Adolf seinen katzenartigen Schnauzbart über einen Kessel. Dann ließ er ihn stehen, um eine halbe Flasche Champagner aufzuziehen. Swithin lächelte, und Bosinney zunickend, sagte er: »Na, Sie sind ja der reine Monte Christo!« Dieser berühmte Roman – einer von dem halben Dutzend, die er gelesen – hatte einst einen außerordentlichen Eindruck auf ihn gemacht. Er nahm das Glas vom Tisch und hielt es von sich ab, um die Farbe zu prüfen. So durstig er war, wollte er doch nicht irgend ein schlechtes Gebräu trinken! Dann setzte er es an die Lippen und nippte daran.

»Ein ganz guter Wein,« sagte er schließlich und hielt ihn sich vor die Nase, »mit meinem Heidsieck aber nicht zu vergleichen!«

In diesem Augenblick war ihm der Gedanke gekommen, daß der junge Architekt sich in Mrs. Soames verliebt haben könnte, wie er sich später bei Timothy äußerte. Und von diesem Moment an quollen seine hellen runden Augen im Eifer über diese Entdeckung noch mehr hervor als sonst.

»Der Mensch,« sagte er zu Mrs. Septimus – »folgt ihr mit den Augen wie ein Hund – der arme Tölpel! Mich wundert das nicht – sie ist eine ganz entzückende Frau, »der Gipfel der Holdseligkeit, möchte ich sagen!« Eine vage Erinnerung an den Duft, der Irene umwehte, den Duft einer halberschlossenen Blume mit glühendem Kelch, hatte ihn zu diesem Bilde angeregt. »Aber ich war meiner Sache erst sicher,« sagte er, »als ich ihn ihr Taschentuch aufheben sah.«

Mrs. Smalls Augen brannten vor Erregung.

»Und gab er es ihr zurück?« fragte sie.

»Ob er es zurückgab?« erwiderte Swithin. »Ich sah ihn sich den Mund damit wischen, als er glaubte, ich schaute nicht hin!«

Mrs. Small rang nach Atem – sie war zu erregt um zu sprechen.

»Aber Irene ermutigte ihn nicht,« fuhr Swithin fort. Er stockte und starrte ein oder zwei Minuten in der Weise vor sich hin, die Tante Hester so erschreckte – denn er erinnerte sich plötzlich, daß sie Bosinney vor der Rückfahrt im Wagen zum zweiten Mal die Hand gereicht und sie ihm sogar überlassen hatte ... Um sie ganz für sich zu haben, hatte er seine Pferde lebhaft mit der Peitsche angetrieben. Aber sie hatte zurückgeschaut und auf seine erste Frage gar nicht geantwortet. Auch ihr Gesicht hatte er nicht sehen können – sie hielt es beständig tief gesenkt.

Es gibt irgendwo ein Bild von einem Manne – Swithin hatte es nie gesehen – der auf einem Felsen sitzt, und neben ihm, in das stille grüne Wasser tauchend, eine Seenymphe auf dem Rücken, mit der Hand auf der nackten Brust. Ein verhaltenes Lächeln liegt auf ihrem Gesicht – ein Lächeln hoffnungsloser Ergebung und geheimer Lust. So mochte Irene wohl gelächelt haben, als sie dort neben Swithin saß.

Nun er, vom Champagner angeregt, sie ganz für sich hatte, schüttete er ihr sein Herz mit allem Ungemach aus. Er sprach von seinem geheimen Groll gegen den neuen Küchenchef im Klub; seinem Ärger über das Haus in Wigmore Street, wo der Halunke von Mieter Bankrott gemacht hatte, weil er für einen Schwager eingesprungen war – als ob man sich nicht selbst der Nächste sei; von seiner Schwerhörigkeit und dem Schmerz, den er zuweilen in der rechten Seite hatte. Sie hörte ihm zu, ihre Augen schwammen in Tränen. Er dachte, sie nähme tiefen Anteil an seinem Leiden und hatte großes Mitleid mit sich selbst. Und doch fühlte er sich in seinem Pelz mit den Knopflochriegeln über der Brust, den Hut schief auf der Seite und der schönen Frau im Wagen, vornehmer als je.

Jedoch ein Krämer, der mit seinem Mädel eine Sonntagsfahrt machte, schien von dem gleichen Gefühl beseelt zu sein. Der Kerl ließ seinen Esel neben dem Wagen dahergaloppieren und saß aufrecht wie eine Wachsfigur in seinem offenen Gefährt. Sein Kinn lag ebenso würdevoll auf dem roten Halstuch, wie Swithins auf seiner bauschigen Krawatte; und das Mädchen äffte mit einer schmierigen Boa, deren Enden sie nach hinten flattern ließ, die Modedame nach. Ihr Schatz fuchtelte mit einem Stock herum, an dessen Ende ein Stück zerfaserter Schnur herabhing, ahmte mit seltener Treue jede schwungvolle Bewegung von Swithins Peitsche nach und drehte den Kopf mit einem Blick zu seiner Dame hin, der eine unheimliche Ähnlichkeit mit Swithins ureigenem Starren hatte.

Wenn Swithin auch von der Gegenwart dieses rohen Patrons eine Weile nichts merkte, hatte er doch plötzlich das Gefühl, als würde er zum besten gehalten. Er streifte mit seiner Peitsche die Flanke der Stute, die beiden Wagen blieben jedoch durch einen fatalen Zufall weiter neben einander. Swithins gelbes gedunsenes Gesicht ward rot; er hob die Peitsche zu einem Hieb auf den Krämer, blieb aber durch ein besonderes Eingreifen der Vorsehung davor bewahrt, seine Würde so weit zu vergessen. Durch einen Torweg kam eine Equipage angefahren und zwang Wagen und Eselkarren dicht an einander; die Räder knirschten, das leichtere Gefährt hakte sich fest und wurde umgerissen.

Swithin sah nicht danach hin. Um keinen Preis hätte er angehalten, um dem Flegel zu helfen. Geschah ihm recht, wenn er den Hals brach!

Aber er hätte es auch nicht gekonnt, wenn er gewollt hätte. Die Grauen waren scheu geworden. Der Wagen wurde von einer Seite auf die andere geschleudert, und die Leute blickten erschrocken auf, als sie vorübersausten. Swithins kräftige Arme waren lang ausgestreckt und zerrten an den Zügeln. Seine Backen blähten sich auf, die Lippen waren zusammengepreßt, sein gedunsenes Gesicht vor Zorn dunkelrot.

Irenens Hand lag auf dem Wagenrand, und bei jedem Schleudern umfaßte sie ihn fest. Swithin hörte sie fragen:

»Wird's ein Unglück geben, Onkel Swithin?«

Er stieß keuchend hervor: »Es ist gar nichts; 's geht nur ein bißchen – forsch!«

»Ich habe noch nie einen Unglücksfall erlebt!«

»Nur stillsitzen!« Er warf einen Blick auf sie. Sie lächelte, war vollkommen ruhig. »Sitze ganz still,« wiederholte er. »Keine Furcht, ich bringe dich sicher nach Haus!«

Und mitten in aller furchtbaren Anstrengung war er überrascht, sie mit einer Stimme, die nicht ihrer eigenen glich, antworten zu hören:

»Mir wär's einerlei, wenn ich nie nach Haus käme!«

Da der Wagen gerade einen furchtbaren Stoß bekam, blieb Swithins Ausruf ihm im Halse stecken. Gezwungen jetzt bergauf zu gehen, mäßigten die Pferde ihren Lauf, kamen in Trab und blieben schließlich von selber stehen.

»Als ich« – beschrieb Swithin es bei Timothy – »als ich die Pferde anhielt, war sie so ruhig wie ich selbst. Du lieber Himmel! sie tat wahrhaftig, als wär's ihr einerlei, ob sie den Hals bräche oder nicht! Wie sagte sie doch: »Es wär mir einerlei, wenn ich nie nach Haus käme!« Und auf die Krücke seines Rohrstocks gestützt, keuchte er zu Mrs. Smalls Entsetzen hervor: »Und ich wundere mich gar nicht darüber, wo sie einen solchen Zierbengel zum Manne hat wie diesen Soames!«

Es kam ihm nicht in den Sinn, darüber nachzudenken was Bosinney angefangen hatte, nachdem sie ihn verlassen; ob er herumgelaufen war wie ein Hund, mit dem Swithin ihn verglichen hatte; ob er in das Wäldchen hinunter gewandert war, wo noch der Frühling schwelgte und von fern der Kuckuck rief; dort unten ging und ihr Taschentuch an die Lippen preßte, dessen leiser Duft sich mit dem Geruch von Thymian und Minze mischte. Ob er mit einem Weh im Herzen dort unten ging, so wild und heiß, daß er unter den Bäumen hätte aufschreien mögen. Oder was der junge Mann wohl sonst getan haben mochte. Bis er bei Timothy anlangte, hatte Swithin ihn wirklich ganz und gar vergessen.

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