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Der reiche Mann

John Galsworthy: Der reiche Mann - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorJohn Galsworthy
titleDer reiche Mann
publisherVerlag Bruno Cassirer
year1910
translatorLuise Wolf
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorw.klum@t-online.de
thirdcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.7et
created20140803
modified20140930
lastmodified20150210
projectid5083479b
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Neuntes Kapitel

Tante Anns Tod

Gegen Ende September kam ein Morgen, an dem Tante Ann unfähig war, die Abzeichen ihrer persönlichen Würde aus den Händen ihres Mädchens entgegen zu nehmen. Nach einem Blick auf das alte Gesicht verkündigte der Arzt, den man eiligst herbeigerufen hatte, daß Miß Forsyte hinübergeschlummert sei.

Tante Juley und Hester waren von Schreck überwältigt. An ein solches Ende hatten sie nie gedacht. Wahrscheinlich hatten sie sich überhaupt niemals vorgestellt, daß einmal ein Ende kommen mußte. Im geheimen fanden sie es unbegreiflich von Ann, sie so ohne ein Wort, ja selbst ohne jeden Kampf verlassen zu haben. Es sah ihr gar nicht ähnlich.

Was sie so tief ergriff, war vielleicht der Gedanke, daß eine Forsyte das Leben so hatte fahren lassen können. Wenn einer, warum dann nicht alle!

Es währte eine volle Stunde, ehe sie sich entschließen konnten es Timothy zu sagen. Wenn man es ihm doch nur verheimlichen könnte! Oder es ihm allmählich beibringen!

Lange standen sie flüsternd vor seiner Tür. Und als es überstanden war, flüsterten sie wieder mit einander.

Sie fürchteten, daß er es mit der Zeit immer mehr empfinden würde. Indessen hatte er es besser aufgenommen, als sie erwarten konnten. Allerdings mußte er das Bett hüten!

Tante Juley blieb, von dem Schlag niedergeworfen, in ihrem Zimmer. Ihr von Tränen entstelltes Gesicht war durch kleine Wülste vorquellenden Fleisches, das vor Erregung geschwollen war, in Felder eingeteilt. Ein Leben ohne Ann, mit der sie, nur durch das Interregnum ihrer kurzen Ehe, die ihr jetzt so unwirklich vorkam, dreiundsiebzig Jahre zusammen gelebt hatte, schien ihr undenkbar. In bestimmten Zwischenräumen ging sie an ihre Kommode und nahm unter den Lavendelsäckchen ein frisches Taschentuch heraus. Ihr warmes Herz konnte den Gedanken nicht ertragen, daß Ann so kalt dalag.

Tante Hester, die schweigsame, geduldige, dies Stauwasser der Familienenergie, saß bei zugezogenen Vorhängen im Wohnzimmer. Auch sie hatte zuerst geweint, aber still, ohne sichtbare Wirkung. Ihr Hauptprinzip, die Energie aufrecht zu erhalten, verließ sie auch im Kummer nicht. Schmächtig und reglos saß sie da, den Blick unverwandt auf den Kaminrost gerichtet, die Hände müßig im Schoße ihres schwarzen Seidenkleides. Bald würde man sie wahrscheinlich aufstören und verlangen, daß sie etwas tue. Als ob das irgend einen Zweck hätte! Es würde Ann nicht wieder zum Leben zurückrufen. Wozu quälte man sie?

Zum Tee um fünf Uhr kamen drei von den Brüdern, Jolyon, James und Swithin. Nicholas war in Yarmouth und Roger hatte einen schweren Gichtanfall. Mrs. Hayman, die vorher schon allein dagewesen und nachdem sie Ann gesehen, wieder fortgegangen war, hatte Timothy sagen lassen – doch wurde es ihm nicht bestellt – man hätte es sie früher wissen lassen sollen. Eigentlich beherrschte sie alle ein Gefühl, daß man sie früher hätte benachrichtigen sollen, als ob sie dadurch etwas versäumt hätten. James sagte schließlich:

»Ich habe es lange kommen sehen; sagte ich euch nicht, sie werde den Sommer nicht überleben?«

Tante Hester antwortete nicht darauf; es war fast Oktober, aber wozu darüber streiten; manche Leute sind nie zufrieden.

Sie schickte hinauf, um der Schwester sagen zu lassen, daß die Brüder da wären. Mrs. Small kam sofort herunter. Sie hatte ihr Gesicht gebadet, das noch immer geschwollen war, und obwohl sie streng auf Swithins Beinkleider blickte, denn sie waren von hellem Blau – er war direkt aus dem Klub gekommen, wo die Nachricht ihn erreicht hatte – sah sie heiterer aus als sonst, denn ihr Instinkt das Verkehrte zu tun, verleugnete sich auch jetzt nicht.

Alsdann gingen alle fünf hinauf um die Leiche zu sehen. Unter das reine weiße Laken war eine Steppdecke gebreitet, denn jetzt bedurfte Tante Ann der Wärme mehr denn je; die Kissen waren entfernt, und Kopf und Rücken ruhten flach in unbeugsamer Steifheit, wie man sie ihr Leben lang gekannt. Ein Häubchen, an beiden Seiten bis zu den Ohren herabgezogen, umrahmte ihre Stirn, und zwischen ihm und dem weißen Laken wandte sich ihr Gesicht, fast ebenso weiß wie dies, mit geschlossenen Augen den Gesichtern ihrer Brüder und Schwestern zu. In seinem unaussprechlichen Frieden war das Gesicht kräftiger denn je, fast nur Knochen unter dem kaum runzligen Pergament der Haut – das eckige Kinn, Kiefer, Backenknochen, die Stirn mit den eingefallenen Schläfen, die gemeißelte Nase – diese Festung eines unbesiegbaren Geistes, die sich dem Tod ergeben hatte, schien diesen Geist zurückgewinnen, die Herrschaft, die sie eben niedergelegt, zurückgewinnen zu wollen.

Swithin warf nur einen Blick auf das Antlitz und verließ das Zimmer wieder; bei dem Anblick, sagte er hernach, wäre ihm sehr sonderbar zumute gewesen. Er ging hinunter, wobei das ganze Haus schütterte, nahm seinen Hut und stieg in seinen Wagen, ohne dem Kutscher irgend eine Richtung anzugeben. Dieser fuhr ihn nach Haus, und dort saß er den ganzen Abend in seinem Stuhl, ohne sich zu regen.

Bei Tisch nahm er nichts als ein Rebhuhn und einen stattlichen Becher Champagner ...

Der alte Jolyon stand mit gefalteten Händen am Fußende des Bettes. Er allein von allen im Zimmer erinnerte sich noch des Todes seiner Mutter, und obwohl er Ann anblickte, weilten seine Gedanken doch bei ihr. Ann war alt geworden, aber schließlich war der Tod zu ihr gekommen – der Tod kam zu allen! Nichts in seinem Gesicht bewegte sich, sein Blick schien von weither zu kommen.

Neben ihm stand Tante Hester. Sie weinte jetzt nicht mehr, die Tränen waren versiegt – ihre Natur wehrte sich gegen einen weiteren Kraftaufwand; mit ineinander geschlungenen Händen blickte sie, nicht auf Ann, sondern von einer Seite zur andern, als suche sie auf irgend eine Art der Anstrengung zu entrinnen, sich das Geschehene als wirklich vorzustellen.

Von allen Geschwistern schien James am tiefsten bewegt. Tränen rollten die gleichlaufenden Furchen seines hageren Gesichtes herab; wem sollte er nun sein Leid klagen, er wußte es nicht. Juley war nicht zu brauchen, und Hester noch weniger geeignet! Er empfand Anns Tod mehr, als er je gedacht hatte; darüber würde er wochenlang nicht hinwegkommen!

Tante Hester stahl sich jetzt hinaus, und Tante Juley fing an hin und her zu gehen und das ›Notwendige zu besorgen‹, wobei sie zweimal gegen etwas anstieß. Aus seiner Träumerei geweckt, einer Träumerei über längst vergangene Zeiten, warf der alte Jolyon ihr einen strengen Blick zu und ging fort. James blieb allein an dem Bett zurück; verstohlen um sich blickend, um zu sehen ob er nicht beobachtet werde, beugte er sich mit seiner langen Gestalt herab und drückte einen Kuß auf die Stirn der Toten; dann verließ auch er hastig das Zimmer. Im Flur traf er das Mädchen und begann sie über die Beerdigung auszufragen, doch als er merkte, daß sie nichts wußte, beklagte er sich bitterlich, daß wenn niemand sich darum kümmere, sicher alles verkehrt sein werde. Sie sollten lieber Soames holen lassen – der wisse in all solchen Sachen Bescheid; ihr Herr wäre wahrscheinlich sehr mitgenommen und würde selber Hilfe brauchen; und die Damen, die verstanden das nicht – hatten kein Geschick dafür! Kein Wunder, wenn sie auch noch krank würden. Lieber sollte sie gleich nach dem Doktor schicken, es sei am besten beizeiten etwas zu tun. Seiner Ansicht nach war Schwester Ann nicht in der besten Obhut gewesen; hätte sie Blank gehabt, so wäre sie jetzt noch am Leben. Wenn sie irgend einen Rat brauchte, sollte sie nur ja nach Park Lane schicken. Sein Wagen stehe zum Begräbnis natürlich zur Verfügung. Ob er wohl ein Glas Wein und einen Zwieback haben könne? – er hatte nicht gefrühstückt!

Die Tage vor dem Begräbnis vergingen ruhig. Man wußte natürlich längst, daß Tante Ann ihr kleines Vermögen Timothy vermacht hatte. Es gab also nicht den geringsten Grund zur Aufregung. Soames war alleiniger Testamentsvollstrecker, traf alle Anordnungen und schickte an alle männlichen Mitglieder der Familie wie üblich folgende Einladung:

»An –

Sie werden gebeten, der Beisetzung von Miß Ann Forsyte auf dem Friedhof von Highgate am 1. Okt. mittags 12 Uhr beizuwohnen. Abfahrt der Wagen 10,45 von ›The Bower‹, Bayswater Road. Blumenspenden auf Wunsch verbeten.

U. A. W. G.«

Der Morgen kam kalt, mit einem hohen, grauen Londoner Himmel, und um halbelf fuhr der erste Wagen, es war der von James, vor. Darin saßen James und sein Schwiegersohn Dartie, ein untersetzter Mann mit breiter Brust, eng in einen schwarzen Gehrock eingeknöpft. Sein bleiches, ziemlich fettes Gesicht war mit einem dunkeln, schön gekräuselten Schnurrbart und jenem unvermeidlichen Ansatz eines Backenbartes geziert, der, allen Rasierversuchen trotzend, der Beweis für eine tief wurzelnde Eigenart des Barbiers zu sein scheint, und hauptsächlich bei Männern zu bemerken ist, die spekulieren.

In seiner Eigenschaft als Testamentsvollstrecker empfing Soames die Gäste, denn Timothy hütete noch das Bett; er wollte nach dem Begräbnis aufstehen, und Tante Juley und Hester sollten erst herunterkommen, wenn alles vorüber war und das Frühstück für jeden, der Lust hatte zurückzukommen, bereit stand. Der nächste war Roger, der infolge seiner Gicht noch hinkte, von dreien seiner Söhne – Roger, Eustace und Thomas – begleitet. George, sein vierter Sohn, erschien fast unmittelbar darauf in einer Droschke und fragte Soames im Vorübergehen, wie das Leichenbitteramt ihm behage.

Sie konnten einander nicht leiden.

Dann kamen zwei Haymans – Giles und Jesse – sie sprachen kein Wort und waren sehr sorgfältig gekleidet, mit neuen Bügelfalten in ihren schwarzen Beinkleidern. Darauf der alte Jolyon allein. Nach ihm Nicholas mit seinem frischen Gesicht und sorgfältig verhüllter Lebhaftigkeit bei jeder Bewegung seines Kopfes und Körpers. Ihn begleiteten, bescheiden und schüchtern, drei seiner Söhne. Swithin Forsyte und Bosinney langten im selben Augenblick an, und jeder wollte mit einer Verbeugung dem andern den Vortritt lassen, aber als die Tür geöffnet wurde, versuchten sie gleichzeitig einzutreten. In der Halle fingen sie von neuem mit ihren Entschuldigungen an, und Swithin, der seine im Eifer etwas in Unordnung geratene Halsbinde zurechtrückte, stieg sehr langsam die Treppe hinauf. Hierauf kamen noch zwei Haymans, drei verheiratete Söhne von Nicholas zusammen mit Tweetyman, Spender und Warry, den Männern der verheirateten Töchter der Forsytes und Haymans. Nun war die Versammlung vollzählig, im ganzen fünfundzwanzig Personen; außer Timothy und dem jungen Jolyon fehlte kein männliches Mitglied der Familie.

Als sie in den rotgrünen Salon eintraten, dessen Ausstattung einen so lebhaften Rahmen für ihre ungewohnte Kleidung bildete, suchte jeder in dem Wunsche das feierliche Schwarz seiner Beinkleider zu verbergen, nach einem Platz. Sie sahen in diesem Schwarz und in der Farbe ihrer Handschuhe etwas Unpassendes – eine Art von Übertreibung ihrer Gefühle; und viele warfen entrüstete Blicke voll geheimen Neides auf Bosinney, der keine Handschuhe hatte und graue Beinkleider trug. Es entstand ein unterdrücktes Gesumme allgemeiner Unterhaltung, aber keiner sprach von der Verstorbenen, sondern jeder erkundigte sich nach dem andern, wie um auf diese Weise indirekt auf dies Ereignis hinzuweisen, in dessen Anlaß sie gekommen waren.

Doch plötzlich sagte James:

»Nun ist es wohl Zeit aufzubrechen.«

Sie gingen hinunter und stiegen, zwei zu zwei, genau in der vorher festgesetzten Reihenfolge, in die Wagen.

Der Leichenwagen fuhr im Schritt; die Equipagen folgten langsam hinterher. In der ersten saß der alte Jolyon mit Nicholas; in der zweiten die Zwillingsbrüder, Swithin und James; in der dritten Roger mit dem jungen Roger; Soames, der junge Nicholas, George und Bosinney folgten in der vierten. In jedem der übrigen Wagen, acht an der Zahl, fuhren je drei oder vier von der Familie; hinter ihnen kam das Coupé des Doktors, dann in gebührendem Abstand die Droschken mit den Angestellten und der Dienerschaft der Familie, und ganz zum Schluß ein Wagen, in dem niemand saß, der aber die Gesamtzahl bis auf dreizehn brachte.

So lange der Zug auf dem Fahrweg von Bayswater Road blieb, ging es im Schritt, als er jedoch in die unbedeutenderen Nebenstraßen einbog, kam er bald in Trab, den er mit Unterbrechungen in den vornehmeren Straßen beibehielt, bis er das Ziel erreichte. In dem ersten Wagen sprachen der alte Jolyon und Nicholas von ihren Testamenten. Im zweiten waren die Zwillinge nach einem einzigen Versuch sich zu unterhalten, in tiefes Schweigen versunken; beide waren ziemlich taub, und die Anstrengung, sich verständlich zu machen, war zu groß. Nur einmal unterbrach James das Schweigen:

»Ich muß mich doch einmal irgendwo nach einer Grabstätte umsehen. Was für Anordnungen hast du getroffen, Swithin?«

Und Swithin starrte ihn entsetzt an und erwiderte: »Sprich mir nicht von solchen Sachen!« Im dritten Wagen wurde, während man hin und wieder hinaussah, um festzustellen, wie weit man gekommen war, eine unzusammenhängende Unterhaltung geführt. George bemerkte: »Na, es war hohe Zeit, daß die arme alte Dame ›sich davon machte‹.« Er glaubte nicht daran, daß Leute über siebzig noch leben konnten. Der junge Nicholas erwiderte mild, daß diese Regel auf die Forsytes nicht gut anzuwenden wäre. George sagte, daß er selbst mit sechzig Jahren Selbstmord begehen würde. Der junge Nicholas lächelte und strich sich sein Bärtchen, er meinte, daß sein Vater von dieser Theorie nichts halten würde, denn er habe seit seinem sechzigsten Jahr noch eine Menge Geld verdient. Dann sei aber siebzig die äußerste Grenze, sagte George, und es wäre Zeit für sie zu gehen und ihr Geld den Kindern zu überlassen. Nun mischte sich Soames hinein, der bis jetzt geschwiegen hatte; er konnte die Bemerkung über das ›Leichenbitteramt‹ nicht vergessen und sagte mit kaum merkbarem Heben seiner Augenlider, daß Leute, die niemals Geld verdienten, gut reden hätten. Er selbst beabsichtige so lange zu leben wie möglich. Das war ein Hieb gegen George, der tatsächlich immer in Verlegenheiten war. Bosinney murmelte zerstreut ein »Hört, hört!« George gähnte, und die Unterhaltung brach ab.

Bei der Ankunft ward der Sarg in die Kapelle getragen und die Trauernden gingen zwei zu zwei in einer Reihe hinterher. In dem großen London mit seiner überwältigenden Mannigfaltigkeit des Lebens, seinen unzähligen Berufen, Vergnügungen und Pflichten, seiner furchtbaren Grausamkeit, seinem furchtbaren Trieb zur Individualität, gewährte diese Leibwache von Männern, die alle durch Verwandtschaftsbande mit der Toten verknüpft waren, einen seltsamen, ergreifenden Anblick.

Die Familie hatte sich versammelt, um über all das zu triumphieren, um ihr zähes Zusammenhalten zu zeigen, um jenes Gesetz des Reichtums zu verherrlichen, das dem Wachstum ihres Baumes zugrunde lag, demzufolge Stamm und Zweige gediehen, der Saft sie alle durchströmte und er zur bestimmten Zeit den vollen Wuchs erreichte. Der Geist der Greisin, die hier im letzten Schlafe ruhte, hatte sie zu dieser Kundgebung gerufen. Es war ihr letzter Mahnruf an diese Einigkeit, die ihre Stärke gewesen war – ihr letzter Triumph, daß sie gestorben, solange der Baum noch in Gesundheit stand.

Es war ihr erspart geblieben mit anzusehen, wie die einzelnen Zweige aus ihrem Gleichgewicht gerieten. Sie konnte nicht in die Herzen derer blicken, die nach ihr kamen. Dem selben Gesetz, dem sie unterworfen war, da aus dem schlanken, hochaufgeschossenen Mädchen ein kräftig Weib geworden, aus dem kräftigen Weibe eine schwache, hagere, fast hexenhafte Greisin, deren Eigenart immer schärfer und schärfer hervortrat, da alles Weiche sich in der Berührung mit der Welt verlor – dem selben Gesetz war die Familie unterworfen, die sie wie eine Mutter bewacht hatte.

Sie hatte sie jung und im Heranwachsen gesehen, hatte sie kräftig und vollerblüht gesehen, und ehe ihre alten Augen Zeit oder Kraft gehabt, noch mehr zu sehen, war sie gestorben. Gern hätte sie versucht, und wer weiß, ob ihr nicht geglückt wäre, sie – ein wenig länger noch – mit ihren alten Fingern, ihren zitternden Küssen jung und stark zu erhalten; aber ach! nicht einmal Tante Ann vermochte gegen die Natur zu kämpfen.

›Hochmut kommt vor dem Fall!‹ Und darum, ein Beweis für diese größte Ironie des Schicksals, hatte die Familie Forsyte sich, bevor sie fiel, zu einem letzten stolzen Gepränge versammelt. Ihre Gesichter, links und rechts in einzelnen Reihen, die Hüter ihrer Gedanken, waren fast alle gleichgültig zu Boden gerichtet; nur hier und dort blickte einer mit einer Falte zwischen den Brauen empor und schien an den Wanden der Kapelle etwas zu sehen, das ihn überwältigte, oder etwas zu hören, das ihn erschreckte. Und das leise Gemurmel der Stimmen beim Gottesdienst, durch die immer der selbe Ton, der selbe ungreifbare Familienklang zu hören war, hallte unheimlich, wie von einer einzigen Person in rascher Wiederholung hingestammelt.

Als die Trauerfeier in der Kapelle vorüber war, reihten die Leidtragenden sich wieder an einander, um die Leiche an das Grab zu geleiten. Die Gruft stand offen und ringsherum warteten schwarzgekleidete Männer.

Von dieser hochgelegenen, heiligen Stätte, wo Tausende des besseren Mittelstandes in ihrem letzten Schlafe ruhten, glitten die Augen der Forsytes über die Schar der andern Gräber hin. Dort – bis in die weite Ferne ausgedehnt, lag London, sonnenlos, und trauerte um den Verlust dieser Tochter, trauerte mit der Familie, die ihr so teuer war, um den Verlust derjenigen, die ihr Mutter und Hüterin gewesen. Hunderttausende von Türmen und von Häusern, hinter dem weiten grauen Gespinst des Reichtums kaum erkennbar, lagen dort kniend wie Andächtige am Grabe dieser ältesten aller Forsytes.

Ein paar Worte, ein Krümchen Erde, dann senkte man den Sarg hinab, und Tante Ann war zur letzten Ruhe eingegangen.

Rund um die Gruft standen, die weißen Häupter gesenkt, als Wächter dieses Heimgangs, die fünf Brüder; sie wollten sehen, daß Ann gut aufgehoben war. Ihr kleines Vermögen mußte zurückbleiben, aber sonst sollte es ihr an nichts fehlen.

Dann traten sie einzeln zur Seite, setzten den Hut auf und kehrten zurück, um die neue Inschrift an der Marmortafel der Familiengruft zu betrachten:

Zum heiligen Gedächtnis von
Ann Forsyte,
Tochter von Jolyon und Ann Forsyte,
gestorben am 27. September 1886,
im Alter von 87 Jahren und
vier Tagen.

Bald vielleicht war für einen andern eine Inschrift nötig. Es war sonderbar und unerträglich, denn sie hatten nie daran gedacht, daß ein Forsyte sterben könnte. Und sie alle sehnten sich fort aus der peinlichen Stimmung, dieser Feier, die sie an Dinge mahnte, an die zu denken sie nicht ertragen konnten – rasch fort, um an ihre Geschäfte zu gehen und zu vergessen.

Es war auch kalt; der Wind, einer langsam zersetzenden Macht gleich, blies die Anhöhe herauf über die Gräber hin und traf sie mit seinem eisigen Hauch; sie verteilten sich in Gruppen und eilten, so schnell wie möglich in die wartenden Wagen zu kommen.

Swithin wollte zum Lunch zu Timothy zurückfahren und erbot sich jemand in seinem Coupé mitzunehmen. Es galt als zweifelhaftes Vergnügen mit Swithin in seinem zweisitzigen Wagen zu fahren, denn er war nicht groß; niemand folgte der Einladung, und so fuhr er allein davon. James und Roger brachen unmittelbar darauf ebenfalls auf; auch sie wollten zum Lunch dort sein. Die andern verloren sich allmählich, und der alte Jolyon nahm drei seiner Neffen mit in seinen Wagen, denn er hatte ein Verlangen nach diesen jugendlichen Gesichtern.

Soames, der im Kirchhofs-Bureau noch einiges anzuordnen hatte, ging mit Bosinney zusammen fort. Er hatte vielerlei mit ihm zu besprechen, und nachdem das Geschäftliche erledigt war, schlenderten sie nach Hampstead, frühstückten zusammen und redeten lange eingehend über praktische Details des Hausbaus. Dann nahmen sie die Straßenbahn und trennten sich am Marble Arch, von wo aus Bosinney nach Stanhope Gate ging, um June zu besuchen.

Soames war in ausgezeichneter Stimmung als er zu Haus anlangte und erzählte Irene bei Tisch, daß er sich mit Bosinney, der wirklich ein vernünftiger Mensch zu sein scheine, sehr gut unterhalten habe. Sie hätten auch einen tüchtigen Spaziergang gemacht und das habe ihm sehr gut getan, denn es fehle ihm seit lange an Bewegung; es sei überhaupt ein recht angenehmer Tag gewesen. Er wäre gern mit ihr ins Theater gegangen, das konnten sie aber mit Rücksicht auf die arme Tante Ann nicht und müßten darum versuchen, es sich zu Hause gemütlich zu machen.

»Der ›Bukanier‹ hat mehr als einmal nach dir gefragt,« sagte er plötzlich; und in einem unerklärlichen Verlangen sein Besitzrecht geltend zu machen, erhob er sich von seinem Stuhl und drückte einen Kuß auf die Schulter seiner Frau.

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