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Der Rangierbahnhof

Helene Böhlau: Der Rangierbahnhof - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Rangierbahnhof
authorHelene Böhlau
year1913
firstpub1895
publisherEgon Fleischel & Co.
addressBerlin
titleDer Rangierbahnhof
pages318
created20140201
sendergerd.bouillon@t-online.de
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VII.

Dritter Weihnachtsfeiertag. Olly ist nicht wohl, die Erkältung vom heiligen Abend hat sich gesteigert; aber unbekümmert darum, arbeitet sie im Atelier. Sie hat ein Modell. Ein vierschrötiges Bauermädchen hält das Kinn in die Hand, den Arm auf das Knie gestützt, und blickt vor sich hin, so schläfrig und stumpf wie nur ein Modell, das stundenlang sich schon ruhig hält, blicken kann.

Auf Ollys Bild sitzt ein Mädchen unter einem Apfelbaum, der hie und da noch blüht. Es ist schon zu Ende mit der Blütenzeit. Das Laub ist ausgebrochen und die abgeblühten Blumenblätter geben den Zweigen etwas Bräunliches, Verblichenes. Olly hat von ihrer Reise Studien zu diesem Baume mitgebracht und auch die Idee zu dem Bilde. Ein blasser, nebliger Maiabend, 193 feucht und kühl. Der Baum steht auf dem Felde, auf dem das Mädchen hart gearbeitet hat. Hecken, Wiesenfläche, Weiden, Abendnebel. Das Mädchen sitzt müd und matt gearbeitet. Es ist, als hörte sie auf einen Vogel, der im Baum singt, oder auf von fern herüberklingende Abendglocken. In der Haltung soll sich die Ermattung eines kräftigen Menschen und ein stilles Beobachten und Umsichschauen ausprägen, so ein schläfriges, gleichgültiges, zufriedenes Beobachten von irgend etwas, ein Sichausspannen nach der Arbeit.

Und Olly war glücklich, das Modell zu dem Bilde gefunden zu haben. Die starken Glieder des Mädchens sanken, wenn es eine Weile gesessen hatte, so zusammen, als hätte es die härteste Arbeit hinter sich. Sie bekamen trotz ihrer Kraft etwas Weiches, Unbehilfliches, wie es die Glieder eines schläfrigen Kindes haben.

Gastelmeier kam nach Hause. Olly winkte ihn zu sich heran und flüsterte ihm zu: »Mimm, es liegt eine Poesie in ihr!«

»Na, weißt du,« sagte Gastelmeier, »ich bin nu mal für diese Art muffliche Poesie nicht besonders eingenommen. – Aber ganz gut – sehr 194 gut. Na ja! Übrigens, es hat wirklich einer, wie ich dir's vorher gesagt habe, mich wegen deines Bildes angesprochen. Wenn du dich's erinnerst? ›Gastelmeier, die Dinger von deiner Frau sind net übel.‹ Weißt du noch?« Olly nickte, ganz in ihre Arbeit vertieft. »Grad' von dem ist's das reine Wunder, du kannst dir's hoch anrechnen. Es ist der Köppert!«

»Ach nein!« rief Olly, wie von einem märchenhaften Glück ganz überwältigt, und legte ihre Palette aus der Hand.

»Na, er hat es halt, wie er so ist, auf seine Weise in den Bart gebrummt. Das wär' mir übrigens nicht der Rechte.«

»Wie kannst du das sagen, Mimm!«

»Kennst du ihn?« fragte er.

»Persönlich nicht; aber seine Arbeiten. Solang ich weiß, waren die immer das, was ich liebe. Eigentlich der Einzige in Deutschland, der ganz das ist, was ich fürs Beste halte.« Olly war tief erregt, ihre Wangen glühten. »Mimm, ist es auch wahrhaftig wahr?« fragte sie noch einmal und sah gespannt auf ihn. »War's Spaß?«

195 »Nein, Herrgott noch einmal! Was ist denn da so Extras dran? Er hat's einfach gesagt.«

»Siehst du, er ist der Einzige, der das Leben so ganz nimmt, wie es ist – so nur die Wahrheit, ohne alles Dazuthun, und so tief. Wie habe ich den Menschen immer beneidet!« Sie fiel ihrem Mann mit einer heftigen Bewegung um den Hals. »Also er hat's wirklich gesagt?« Sie mußte husten und richtete sich auf. »Neulich war ich in der Pinakothek bei den alten Sachen. Wie hab' ich sie – viele davon – immer angebetet, was hab' ich da für Stunden verlebt und wie thu' ich's noch! Aber weißt du, bei den wundervollen braunen Schwarten war mir's auf einmal, als ich an Köpperts einfache Menschen mit dem alltäglichen tiefen Menschenausdruck, an seine matte Sonne, an seine graue Luft dachte, als wenn ich in einem engen, vornehmen Zimmer atmen müßte, darin eingesperrt wär' – und Köppert, der hatte die reine frische Luft und die Freiheit.«

»Olly,« sagte Gastelmeier, »mußt du denn immer gleich oben hinaus? Du armes Hascherl machst dich krank.«

196 »I, wo! Daß du ihn nicht so verstehst, wie ich ihn verstehe, Mimm, wie schade!«

»Weißt du, liebes Kind, ich bin etwas ruhiger und vernünftiger in dieser Beziehung als du. Er selbst wird sich einfach mit der Zeit ändern. Was er jetzt ist, bleibt er nicht.«

»Doch – doch, Mimm, so wahr ich lebe – du mußt ihn um Gottes willen nicht unter die gemachten Leute zählen, die modern sein wollen und gar nicht wissen, um was es sich handelt, die die Mode mitmachen und die Mode wechseln. Daß ich dir das sagen muß! Er ist goldecht.«

»Von dem Götzendienst wußt' ich ja gar nichts.«

»Mimm, ärgere mich nicht.«

»Ärgern?« lachte er. »Aber du hast mich nicht ausreden lassen. Er kommt heute Nachmittag und will uns besuchen und sich deine Sachen ansehen.«

Olly erschrak offenbar, sie griff nach der Palette und war ganz verwirrt. Sie schwieg, wollte wieder zu arbeiten anfangen – die Hand zitterte ihr. Gastelmeier sah auf sie hin. Sie legte die Palette wieder nieder. »Jetzt geht's nicht,« sagte sie.

197 »Es ist auch hohe Zeit zum Essen,« meinte Gastelmeier seelenruhig.

»Das ist doch net möglich,« sagte sie.

»Wo ist denn deine Uhr, Olly? Die sollte doch immer neben dir liegen, damit du zeitig vor dem Essen aufhörst.«

»Wo ist sie denn?« fragte Olly geistesabwesend. »Gar net aufgezogen, ich weiß. Sie ist hinters Bett gefallen – vor ein paar Tagen.«

»Da hast du sie liegen lassen?«

»Weil ich keinen Stock hatte, sie liegt ganz zu hinterst.«

»Das ist ja recht nett.«

»Mimm, brumme nicht,« bat sie.

Gastelmeier ahnte und wußte, daß es mit dem Essen noch einige Zeit dauern werde. Er warf sich auf seine Chaiselongue und nahm ein Buch zur Hand. Olly schickte das Modell fort, rief nach heißem Wasser und Seife zum Pinselwaschen, und als die Köchin damit hereinkam, sagte sie: »Bitte, eilen Sie sich doch heute etwas mit dem Essen; was giebt's denn eigentlich? Bitte, recht rasch.«

›Eine nette Hausfrau,‹ dachte Gastelmeier, 198 der zugehört hatte. Er fühlte sich nicht besonders guter Laune, war hungrig, hatte Appetit auf etwas Extras und wußte im voraus, daß dieser Appetit unbefriedigt bleiben würde.

Als endlich das Essen aufgetragen wurde und die Köchin die Liebenswürdigkeit hatte, dieses Geschäft in der schmutzigen Küchenschürze zu besorgen, hob Gastelmeier den Deckel von einer Schüssel: »Wissen möcht' i, was 's heut für ein Schlangenfraß ist!« sagte er gereizt. Olly achtete nicht darauf. »Na, was für ein Schlangenfraß ist's denn?« fragte er noch einmal.

»Weiß net, Mimm.« Sie war immer noch in einer wunderlichen Erregung und rührte vom Essen kaum etwas an. »Mimm, wann kommt er denn?«

»Herrgott noch einmal! – Da ist ja eine nette Bombe ins Haus gefallen! Olly, nimm dich zusammen. Diese ewigen Aufregereien, wohin sollen die führen? Du ißt nix. Und mit so einem Husten. Heiser bist du! Ins Bett gehörst du! Weißt du, ich bestell' ihn ab – der kann auch ein andermal kommen.«

»Nein – nein,« sagte sie erregt. »Wenn 199 nun einmal ein Glück kommt! Mimm, wie kannst du? Das thust du nicht!« Sie stand auf und sah ihn angstvoll an.

»Das ist ja zum Teufel holen, Kleine, so ein Lärm um nix. Mag er kommen. – Aber sag einmal, ist denn der Karpf noch immer draußen im Wasserschaff? Wie lang soll er denn eigentlich dableiben? Ich dächte, der thäte besser daran, statt dieses scheußlichen Hammelfleisches zu uns hübsch blau gesotten hereinzukommen.« Gastelmeier lief das Wasser im Munde zusammen, während er sich seinen Karpfen, wie er ihn liebte, vorstellte. »Zum Beispiel: von mir gar net zu reden, dir thäte so ein Stück Karpfen jetzt wirklich gut.«

»Nein, nein, Mimm,« protestierte sie, »damit wird's nichts; ich weiß schon, du willst ihm ans Leben – das leid' ich aber nicht. Er ist schon ganz zahm.«

»So. – Meinst du, daß er dann weniger gut schmeckt?«

»Ja, – ich könnte keinen Bissen von ihm essen.«

»Mir aber macht seine Zahmheit nichts aus – 200 liebe Olly, ich dächte, unser Menu war' nicht so reichhaltig, daß wir es mit anzusehen brauchten, wie das beste Stück vom ganzen Jahr sinn- und zwecklos sich in der Küche amüsiert.«

»Du Raubtier,« sagte Olly.

»Ach was, Raubtier bei der Esserei! Du kannst darauf schwören, wenn's niemand thut, koch' ich mir den frechen Burschen selbst.«

»Mimm – nein!« sagte Olly, legte ihren Kopf an seinen Hals und streichelte ihm die Glatze, den wunden Punkt seiner Persönlichkeit. Das liebte sie zu thun, er aber liebte es durchaus nicht. – »Laß ihn mir. Du, laß den Karpfen in Ruh!«

»Ja, wenn du dafür sorgst, daß ich was Anständiges zu essen bekomme; nach noch so einem Schlangenfraß, wie wir heut' einen hatten, geht's ihm sicher ans Leben.«

»Beim ersten? – Beim dritten, Mimm! Drei müssen es immer sein, bei allen Dingen.«

»Meinetwegen, aber dann auch auf die Minute, also morgen, übermorgen und noch einmal – dann.«

Die Köchin kam herein. »Sie müssen jetzt 201 sehr gut kochen,« sagte Olly. »Wenn dreimal so schlechtes Essen ist wie heute, dann will der Herr sich den Karpfen selbst kochen. Also bitte, passen Sie auf. Sehr gut muß alles sein. Hören Sie?«

»Jawohl,« sagte die Köchin und lachte. Sie amüsierte sich köstlich hier im Haus. Auch diese Köchin that wieder vollkommen, was ihr beliebte. –

Nach Tische legte Gastelmeier sich zu einem Nachmittagsschläfchen hin. Olly warnte ihn und sagte: »Thu's nicht, Mimm, du wirst zu fett.«

»Was geht's dich an?« erwiderte er, »da werd' ich wenigstens vom Schlafen fett – vom Essen schwerlich.«

»Ja, willst du denn durchaus fett werden?«

»Ja,« brüllte Gastelmeier im tiefsten Brustton. »Ich will mein Behagen! –«

»Die Speckseiten mit sich herumtragen, als wenn das Behagen wäre!«

»Freilich ist's das!«

»Aber ich will keinen fetten Mann!«

Sie nahm ihn an einen Fuß und wollte ihn vom Sofa herunterziehen.

»Verdammte Kröte!« schrie er. »Halt' Ruh!«

202 Sie wirtschaftete mit ihm herum, versuchte auf alle Art ihn vom Sofa zu werfen, hustete dabei und ihre Stimme hatte einen eigentümlich heiseren Klang. Ihre Wangen glühten.

»Du bist ja krank, Olly, halt' Ruh!« sagte er. Sie war aber wie ein Kind, zudringlich und ausgelassen und riß und zerrte an ihm herum. »Du Faß!« sagte sie.

»Pfui, Olly!«

»Meinst du etwa nicht?«

Es war ihm schändlich unbequem, diese Unvernunft nach Tische; aber dieses reizende, mädchenhafte Frauchen sein eigen! Sie kam auf die tollsten Ideen und schwatzte und spektakelte mit ihm. »Pfui, deine Stimme,« sagte er, »heiser wie ein Rabe!«

»Wirklich?« meinte sie ganz betreten. »Mimm, ist's so schlimm? Kann ich mich sehen lassen?«

»Aha! Soll ich ihn abbestellen?«

»Nein, nein, Mimm! Das Glück muß man halten. Aber dumm ist's, Mimm, daß ich so eine Stimme heute haben muß – so dumm. In allen Dingen Unglück! Immer dasselbe. Das war von jeher so; immer, wenn ich mich 203 freute, kam etwas dazwischen, immer ein Schnupfen, eine Heiserkeit oder so was. – Giebt's denn nichts dafür?«

»Ja, halt' Ruh! das ist das beste.«

»Nein, nein, dann rostet die Stimme ein – und ich kann auch gar nicht!«

»Herrgott, so ein Frauenzimmer!«

»Wart, Mimm, ich weiß was!« Fort war sie und kam mit einer Palette und Pinseln wieder. Sie stellte sich hinter ihn. ›So, sie scheint wieder arbeiten zu wollen und hat sich ausgetobt,‹ dachte Gastelmeier und reckte sich behaglich zurecht. Da fühlte er auf seiner Glatze ein eigentümliches, ganz angenehmes Streichen und Kitzeln. Was aber wäre ihm auf seiner Platte angenehm gewesen, außer ein neuer Haarwuchs? »Olly, was treibst du?« fragte er.

»Ich mal' dir Haare,« sagte sie, »wunderbare Haare!«

Jetzt riß ihm die Geduld. »Der ist nichts heilig,« brummte er, stand auf und ging aus dem Zimmer; Olly aber lief ihm nach. Er wollte sich grollend auf sein Bett legen. Sie ließ ihm aber keine Ruhe. »Lieber, lieber Mimm, sei 204 wieder gut.« Sie schmeichelte so lange und bat und versprach, bis er ihr endlich verzieh.

»Aber Mimm, es sind noch von den Haaren welche oben!«

»Olly!« fuhr er sie böse an.

»Mimm, er ist doch eigentlich der einzige Mensch in München, der ein Gesicht hat.«

»Wer?«

»Köppert!«

»So, und was hab' ich denn da gefälligst,« fragte Gastelmeier, »wenn nur er ein Gesicht hat?«

»Eine Kartoffel, Mimm.«

»Räum' etwas auf,« sagte er, »und geh nun.« Jetzt war er wirklich böse. Diesmal aber bemerkte sie es nicht. Sie dachte daran, sich umzukleiden. Das erschien ihr aber dumm und weibisch und sie wollte wahr sein, nicht für ihn vorbereitet. Sie war dessen auch sicher, daß sie nichts trug, was sie nicht kleidete. Etwas was nicht zu ihr gehörte, konnte sie nicht einen Tag an sich dulden. Alles mußte leicht sein, anschmiegend, so eine Art Haut.

* * *

205 Und Köppert kam um vier Uhr, pünktlich wie er gesagt hatte. Als er eingetreten war und beide begrüßt hatte, sagte er: »Gastelmeier, was meinst du, darf ich meinen Hund mit hereinnehmen, den Astralhund?«

»Freilich!«

Er ging hinaus mit großen, leichten Schritten und kam mit seinem Hund, einer gelben, struppigen istrischen Bracke, wieder herein. Der Hund schaute auf ihn hin mit so einem großen Blick, in dem eine tiefe Freundschaft lag. Sie schienen im besten Einvernehmen miteinander zu sein.

»Astralhund?« fragte Olly lächelnd und strich dem Hund über den Rücken.

»Schauen Sie uns an«, sagte Köppert.

Es war etwas Ähnliches zwischen den beiden. Beide hager, energisch, aufmerksam; auch er hatte den Blick, den die Bracken haben.

»Verstehen Sie's?«

»Ja, ich weiß nicht,« sagte Olly. »Ein Astralkörper; soll das nicht so unser zweiter Körper sein, der überall mit uns geht?«

»Stimmt,« sagte Köppert. – »Kusch, drück' dich.«

206 Sie kamen bald miteinander tief ins Gespräch. Köppert ließ sich Ollys Arbeiten zeigen und lobte vieles. Von einem Kopfe sagte er. »Reife gute Arbeit – und wie alt können Sie denn sein? Zwanzig, zweiundzwanzig?«

»Ja.«

»Und ich alter Mensch bin sechsunddreißig und hätte den Kopf net besser machen können. Bei wem haben Sie gelernt?«

Olly sagte es. Sie war so glückselig. Jetzt kam es ja, das Glück. Von wem auf der Welt wäre sie lieber gelobt worden als gerade von Köppert. Und so wahr und ehrlich, wie er es that! Sie durfte ihm glauben. Sie selbst sprach wenig, das Wenige aber ganz verklärt.

»Sie sind etwas heiser,« sagte Köppert.

»Leider.« Sie wurde dunkelrot, es bedrückte und beschämte sie, diese Stimme. Mit einmal war's ihr wie ein Unglück, daß sie so gehemmt sprach. Sie fühlte sich gequält, krank mitten in ihrem Jubel.

Köppert merkte ihre Verstimmung. »Roheit,« sagte er, »ich habe Sie jetzt darin erinnert. Na, so etwas vergeht. Sie sind ein ganz glückliches Geschöpf, sehe ich, ein gutes Talent, einen guten 207 Mann – und ganz jung.« Für sich dachte er: und so ein rührendes Hühnchen, so ein hübscher netter Kerl.

Sie waren im besten Gespräch, da klingelte es. Ollys Mutter, Erwin und Emil kamen. Über Ollys Gesicht ging es wie ein Schatten. Die Stunde war gestört.

Die Neuangekommenen kannten Köppert dem Namen nach sehr wohl. Seine Werke waren schon oft bei ihnen Gegenstand schöngeistiger Unterhaltung gewesen. Sie hatten ihn schon nach allen Richtungen hin kritisiert, waren seinetwegen öfters hart aneinander gekommen, denn ihre Hauptleidenschaft war nun eben, litterarisch und künstlerisch zu kannegießern. Frau Kovalski war hochbefriedigt, bei ihrem Schwiegersohne einen so interessanten Mann zu treffen. Und sie stellte sich mit ihm sogleich auf einen gewissermaßen kollegialischen Fuß, sprach mit ihm in Kunstausdrücken – die neuen Worte, Freilicht, Impressionist und so weiter, schwirrten auf Köppert zu, wie Fliegen, deren er sich vorderhand nicht erwehren konnte. Sie wollte ihm imponieren und außerdem betrachtete sie ihn als einen der Ihrigen. 208 Sie hatte sogar das dunkle Gefühl, als hätte sie ihn gewissermaßen mit »creieren« helfen. Alles, was Kunst war, und was sich gar moderne Kunst nannte, war ihr Departement. Von alledem wußte er aber nichts und dachte nur: ›Was ist denn das für ein Huhn?‹

Sie fingen jetzt im Chor an, über die Verfolgung, die die moderne Kunst zu erdulden habe, zu lamentieren, alle drei – Emil auch mit. »Verflucht! Verflucht! Verflucht! – Die Menschen sind Mistjauche! – um nichts besser als Mistjauche!«

»Erlauben Sie!« sagte Köppert und wendete sich nach beharrlichem Stillschweigen an die Mutter des vorlauten Jünglings, »erstens kenne ich eine moderne Kunst gar nicht. Ich weiß nicht, was Sie darunter verstehen. Zweitens: ein Mensch, wie ich, versteht von Kunst überhaupt nichts; Sie können mich totschlagen, ich wüßte nichts darüber zu sagen. Ich bin erstaunt, was Sie alles wissen, gnädige Frau. Und drittens! Was ist das für ein ungebackenes Brötchen, was da hinten sitzt und mitspricht?«

»Wie denn?« fragte sie.

209 »Das halbgebackene Brot da, an einer Seite angebrannt und an der andern noch Teig.«

Die vergeistigte Dame, Erwin und Emil schauten ganz verblüfft drein, es ergab sich aber, daß Köppert Emil meinte.

»Wie alt sind Sie, mein Sohn?« fragte er.

»Er ist siebzehn, mein Herr,« erwiderte die Dame, »für sein Alter merkwürdig entwickelt.«

»O weh!« sagte Köppert. »Das ist ein Zeichen der Zeit. Wer sagt das doch: die Kinder sind erst jetzt erfunden worden? Früher wußte man gar nichts von ihnen, man hörte sie unter Erwachsenen nicht. Wie lange zählt Ihr Herr Sohn schon unter die Menschen und thut so ausgezeichnete Aussprüche? Und ist Weltverächter? Verzeihen Sie, gnädige Frau, die Freiheit, die ich mir nehme. Bei solcher Gelegenheit setze ich nämlich wie der Uhu mein Federohr auf. Warten Sie, mein Söhnchen,« fuhr er fort, »wie wär's, wenn Sie ein bissel unter meine Fuchtel kämen? Was wollen wir denn werden?«

»Maler,« antwortete Emil kleinlaut.

»So. Proste Mahlzeit, und werden vorerst Kunstmäcen und Kunstkritiker? O, du heiliges 210 unausgebackenes Brot! Weiß Gott, ich würde die Knute einführen!«

»Köppert, Köppert!« sagte Gastelmeier wie ermahnend.

Da lachte Köppert kurz auf. »Nun werde ich mich heute Abend wieder ohrfeigen können; so eine Art Teufel sollte immer die Hände gebunden haben. – Ein Uhu mit dem Federohr!« – Dabei flocht er seine mageren, energischen Finger ineinander.

»Nein, Sie sollen reden,« sagte Ollys leises, heiseres Stimmchen.

»So,« lachte Köppert wieder; »aber ganz manierlich und liebenswürdig. Haben Sie sich nicht über mich geärgert?«

»Nein,« erwiderte Olly.

»Bravo.«

»Sie sind also gegen die Erziehung, die die Kinder wie Menschen behandelt? Mensch zum Menschen?« fragte die vergeistigte Dame höflich und gewählt, wie man einen groben, berühmten Mann immer fragen muß.

»Was Menschen?« fuhr Köppert wieder auf. »Sind's denn Menschen? Gefälligst? Einen 211 Menschen, der noch keiner ist, als Menschen behandeln, ist das Mittel, daß er nie einer wird. Punktum – totschießen!«

»Ja freilich,« sagte die vergeistigte Dame. Es wurde ihr schwer, der sprunghaften, zerstückten Unterhaltung des vielbesprochenen Köppert zu folgen. Er sprach undeutlich und murmelte alles in den dichten Schnurrbart hinein; so ging ihr zum Glück das meiste verloren, sie kam aber auch nicht zur Erkenntnis, daß Köppert sehr wenig Neigung hatte, sich mit ihr schöngeistig zu unterhalten. Sie ließ ihn nicht los.

Endlich wendete er sich von ihr ab und Olly zu, und die beiden sprachen miteinander leise und für die andern undeutlich. Er sprach mit ihr von ihrer Kunst, und ihre Augen strahlten in einem fieberhaften, seligen Feuer. Er bog sich zu ihr hin, um ihr das Sprechen zu erleichtern.

Es war die Stunde, in der zum erstenmal ein Mensch mit ihr sprach, von dem sie fühlte, daß er sie verstand. Weshalb eigentlich? Sie wußte es selbst nicht zu sagen. Seine Worte waren für sie lebendig und in ihren Worten, diesen armen, heisern Worten, lag auch ein Leben, 212 das er in ihr erweckt hatte. Sie sprach zum erstenmal nicht ins Leere hinein. So war es: sie fühlte, daß sie bisher das, was ihr am heiligsten war, immer ins Leere gesprochen hatte, wie in eine große Einsamkeit hinein. Und jetzt auf einmal ein Wiederhall – zum erstenmal. Früher hatte sie gedacht: die Menschen sind eben einsam, jeder ist im Grunde einsam – und nun doch nicht, nicht alle, nicht immer. Und war sie denn immer wirklich einsam gewesen? Bewahre. Nur bis zu einem Punkt ihrer Seele war nie ein Menschenwort gedrungen. Und dann war es auch der Erfolg, daß er sie gelobt hatte, – die Anerkennung. Hätte er sie getadelt, wäre sie wie vernichtet gewesen, so erschien es ihr; aber jetzt, welches Leben, welche Lebenshoffnung! Wie eine weite Sonnenbahn lag mit einemmal alles vor ihr. Das war eine Stunde!

Sie sah zwar so alltäglich aus, wie irgend eine andre. Emil saß da und brummte; er war wütend auf Köppert. Erwin und die Mutter führten ein litterarisches Gespräch trotzig allein. Es war ihnen unmöglich, wenn sie in Gesellschaft saßen, sich nicht schöngeistig zu bethätigen. Sie 213 thaten dann gewissermaßen, als wären sie nicht Mutter und Sohn, sie thaten fremd miteinander.

Gastelmeier setzte seinen Gästen Wein vor, nahm sein Cigarrenetui aus der Brusttasche und reichte es Köppert. »Bitte, Köppert, bediene dich, kuhwarme Cigarren.«

»So ein Mensch!« sagte Köppert zu Gastelmeier, »wo nimmst du eigentlich den Mut zu dergleichen her? Und außerdem?« Er blinzelte auf Olly hin. »Natürlich, ein Ehemann – eine Rothaut.«

Das Mädchen kam in das dämmerige Zimmer hereingeschlichen und meldete den Doktor an.

»Kommt der denn immer noch zu euch?« fragte Frau Kovalski.

»Er hat mich heute auf der Straße nach Olly gefragt, da habe ich ihm von ihrer Heiserkeit gesagt und so weiter, daß sie bei ihrem Fieber arbeitet,« sagte Gastelmeier.

Der alte Doktor trat ein. »Nun, Frauchen,« begrüßte er Olly. Gastelmeier rückte ihm einen Stuhl zurecht.

Olly war tief erregt. Das Glück, das Köppert ihr gebracht hatte, ließ ihr das Blut durch die 214 Adern stürmen; ihr war, als wenn von den Füßen her Flammen durch ihren ganzen Körper schlügen, freudige, erregte Flammen. Da war nun das Glück und es schien ihr, als wäre es nicht leicht zu ertragen. Es beengte ihr die Brust, trieb ihr das Blut zu Kopf. Sie war so beunruhigt und wendete sich wieder zu Köppert und sagte: »War es Ihnen auch so, als der erste Mensch, wissen Sie, einer, dem Sie ganz vertrauen, Ihnen sagte, daß – –. Sie haben mir doch gesagt, daß meine Arbeiten gut sind?« unterbrach sie sich und schaute mit großen Augen auf ihn.

»Ja, gut – mehr als das,« antwortete Köppert und blickte teilnahmvoll auf sie hin.

»War es Ihnen da auch so – beinah qualvoll glückselig zu Mute?«

»I wo,« sagte Köppert, »lassen Sie die Esel reden, was sie wollen, einen wie den andern! Was geht Sie das eigentlich an? Aber lassen Sie's gut sein, ich versteh' schon, wir sind nun einmal solche Narren, daß wir uns von andern das Lebenslicht anbrennen und ausblasen lassen. Wenn uns die verdammte Kunst hat, gehören wir den andern, nicht mehr uns selbst, – die 215 können machen mit uns, was sie wollen; das ist so eine Einrichtung. – Aber das darf nicht sein! So ein Hunde- und Sklavenleben! Ich habe die Frechheit, an mich selbst zu glauben, ich bin mir selbst die Hauptsache. Da sagt doch, was Ihr wollt – Ihr –! Denken Sie so. Einfach: die andern gehen Sie nichts an. So allein ist die Kunst gesund, und wie kann man sonst ein anständiger Kerl bleiben? Auf sich selbst hören, auf niemand anders, das ist die einzige Rettung.«

»Ja,« erwiderte Olly treuherzig; »aber zwischen dieses ruhige Überlegen kommen Stürme und werfen alles durcheinander.«

»Stürme im Waschbecken,« brummte Köppert. »Wir nehmen uns viel zu wichtig. Übersetzen wir uns in Raupen und Insekten. – Was sind wir denn anders? Stellen Sie sich so ein Insekt vor – und den Summs darin – komisch! Und was meinen Sie – der da oben«, Köppert zwinkerte zur Decke hinauf, »kennt sich zwischen einer Handvoll Räupchen und einer Handvoll Leut' längst net mehr recht aus.«

Olly sah ihn ernst an. »Ja, wahrscheinlich 216 ist es gut, so zu denken,« sagte sie; »aber man müßte es erst lernen.«

Sie hatten beide leise miteinander gesprochen. Köppert immer noch zu ihr hingeneigt, damit sie sich beim Sprechen nicht anstrengen sollte.

»Nun, Frauchen,« sagte der Doktor, »wir haben auch ein Wort miteinander zu reden.« Er bot ihr wie im Scherz seinen Arm und sie gingen miteinander in das Nebenzimmer.

* * *

Köppert und der Arzt verabschiedeten sich miteinander.

Der Arzt sagte vorher zu Olly: »Frauchen, morgen, wenn Sie hübsch ruhig sind, muß ich schon noch einmal kommen – was? Wir müssen das Hälschen uns ordentlich ansehen.« Dann gingen sie.

»So eine Art Seelchen hat der Gastelmeier erwischt,« sagte Köppert zum Arzt, als sie in die Winterkälte hinaustraten, »ich habe seine Frau zum erstenmal heut gesehen.«

»Frau?« erwiderte der alte Doktor, der mit Köppert gut bekannt war, »›Frau‹ ist das nicht – das hat nichts von ›Frau‹.«

217 »Ein armes Seelchen,« meinte Köppert. »Wie kommt der Gastelmeier eigentlich zu ihr und sie zu ihm?«

»Sie ist Todeskandidatin,« sagte der Arzt trocken.

»Wie, das Seelchen?« fragte Köppert.

»Im Vertrauen, ja. Es ist mir herausgerutscht – die oben wissen von gar nichts noch – also unter uns. Mir ist's schon längst klar; eine abschließende Untersuchung ist zwar noch nicht vorgenommen, aber es wird nicht viel anders aussehen, als ich jetzt annehmen muß.«

»So ein ahnungsloses Geschöpf,« sagte Köppert.

»Soll's auch bleiben, so lange als möglich. Die wird ihrem Mann noch genug zu raten aufgeben – Herrgott noch einmal! Ich habe das Gesicht gesehen, als es vor ein paar Wochen hieß, sie brauchte vorderhand nicht mehr zu befürchten, Mutter zu werden, – das heißt, ich sagte damals nicht ›befürchten‹, sondern teilte es ihr schonend mit, wie man das so nennt. Dies Gesicht! Die vollkommene Erlösung! Nur einen Augenblick war der Ausdruck ganz klar. Ich habe ihn nie ähnlich bei einer Frau gesehen. 218 Sie hat nichts als ihre verdammte Kunst im Kopf. Es hat ihr davor gegraut, daß sie ihre Kraft nicht mehr für sich ganz allein haben sollt' – und nun – daß wird eine nette Geschichte werden. Mir thut der Mann leid. – Also ganz unter uns.«

Sie trennten sich und jeder ging seines Weges.

Oben bei Gastelmeiers wurde indes von Köppert gesprochen.

»Originell, sehr originell,« sagte Frau Kovalski, »aber etwas abspringend und spricht so undeutlich.«

»Ein frecher Mensch,« sagte Emil. Sie sagten alle etwas. Olly schwieg. Für sie war er ein gottgesandter Mensch.›Ihren Messias‹ hatte Mimm ihn vorher spottend genannt. Ja, ihr Messias. Mimm hatte ganz recht gehabt. Sie hatte jetzt jemand, für den sie arbeitete. Der Ruhm, der gestaltlose Ruhm, hatte fürs erste Köpperts Gesicht bekommen.

Ehe ihre Mutter und die Brüder sich heute verabschiedeten, nahm Olly Emil beiseite und sagte: »Morgen wollen wir beide miteinander den Karpfen in die Isar tragen. Komm so früh du kannst. Wenn wir's nicht thun, holt Mimm ihn doch.«

219 »Du sollst ja aber nicht ausgehen,« sagte Emil.

»I wo! Weißt du, wir fahren. Du besorgst die Droschke und wir stecken den Karpfen wieder in sein Netz. Du mußt kommen, wenn Mimm zu seinen Schülern geht, von neun bis zehn.«

»Na, mir ist's recht. Ich könnte ihn ja auch allein fortbringen.«

»Nein, ich will mit, ich will's sehen.«

* * *

Und wie die beiden es verabredet hatten, so geschah es. Es war ein sonnenklarer, windiger Januartag, kristallhell, da fuhren sie mit ihrem Fisch der Isar zu. Niemand wußte davon. Olly hatte auch die Köchin aus dem Hause geschickt, damit sie den Karpfen in aller Ruhe aus dem Schaff in sein Netz stecken konnten. Jetzt hielt sie ihn unter ihrem Wintermantel verborgen. Wie fest und gesund er war und wie er schnickte! Im Wagen gab sie ihn Emil wieder zu halten. Sie fuhren bis über die Maximiliansbrücke, stiegen dann aus und bogen in die Isaranlagen ein.

Es war bitterkalt und der Wind schneidig.

220 Olly schüttelte sich vor Frost – die Zähne klapperten ihr. »Wie du frierst,« sagte Emil. »Es war am Ende doch dumm, daß wir gegangen sind. Ich lauf' voraus und steck' ihn rasch ins Wasser.«

»Nein, laß mich's sehen.«

So gingen sie miteinander weiter. Olly war plötzlich müde. Sie kamen nur langsam vorwärts. »Ich weiß nicht, was mir ist,« meinte sie. »Es ist wieder die bleierne Müdigkeit. So mit einemmal.«

»Na, das kam ja immer schon früher,« sagte Emil, »das hat wohl nichts zu sagen. Komm nur.«

Jetzt standen sie miteinander unten an der Isar. Die floß so klar und durchsichtig und eisigkalt vor ihren Füßen hin und der Wind strich darüber und drang ihnen durch die Kleider. Der Fisch schnickte ganz gewaltig, es war, als wenn er die Freiheit witterte.

»Ob's ihm nun gerade hier in der Isar behagt?« sagte Emil. »Ich glaube, da unten fließt das Wasser ruhiger, da kann er sich besser aufhalten, das ist so wie eine Art Teich. Weißt du, ein Karpf liebt das Ruhige und Sumpfige.«

221 Sie gingen miteinander dem Wind entgegen. Olly war ganz kraftlos und hielt sich an Emils Rockärmel. Emil wirtschaftete im Netz mit beiden Händen an dem Karpfen herum. »Jetzt haben wir ihn,« sagte er. Der Karpfen glänzte in der Sonne und unter dem blauen Himmel wie ein großes Stück Gold.

»Jetzt! Paß auf!« Emil bog sich weit vor und Olly sah, wie der Fisch wie ein Pfeil, goldglänzend, in das Wasser schoß. Ein kleiner Wirbel – ein Huschen – ein glänzender Streif – und er war verschwunden.

»Da fährt er hin,« sagte Emil.

»Der ist nun frei,« meinte Olly, »und gesund.«

»Jawohl,« bestätigte Emil, »dem fehlt nix.«

Jetzt mußte der Weg wieder erstiegen werden. »Verflucht! Verflucht! Verflucht! Du bist aber nett müde.«

Sie kamen gar nicht vorwärts. »Wir müssen uns ein bißchen setzen,« sagte sie. »Ich weiß nicht, was ist denn das nur?«

So brauchten sie längere Zeit. Olly konnte kaum sprechen vor Heiserkeit. Und Emil lief jetzt 222 nach einer Droschke voraus. ›Was ist denn mit ihr?‹ dachte er unterwegs.

Als sie miteinander in der Droschke saßen, wurde Olly von einem inneren Frost geschüttelt, und Emil schaute ihr ganz verblüfft zu. ›Das ist eine dumme Geschichte,‹ dachte er.

Daheim legte sie sich auf ihr Sofa, Wangen und Kopf glühten. Emil blieb bei ihr, trotzdem sie immer von neuem sagte: »So geh doch, dummer Junge. Du mußt an deine Arbeit – Faulpelz! Nun wärst du wieder einmal froh, für drei Pfennig Ursach zu haben zum Bummeln.«

»Nein, nein, wir hätten nicht gehen sollen, Olly,« meinte Emil ganz bedrückt. »Ich wollte, Mimm hätte den Karpfen im Magen. Das wär' besser gewesen. Du kannst das Sentimentale doch nicht leiden. Die Karpfengeschichte ist aber schändlich sentimental.«

»Nein,« sagte Olly. »Gar nicht.«

An diesem selben Tage kam der Doktor, wie er gesagt hatte, und nahm die erste eingehende Untersuchung vor. Gastelmeier stand betroffen dabei. Als er Olly unter den Händen des Arztes sah, so hilflos unter einer fremden Macht – da 223 legte sich es ihm wie eine dunkle Wolke über die Seele Was war denn das? Es drängte sich etwas bei ihnen ein, etwas Dunkles, Unerwartetes, etwas, auf das nicht gerechnet war.

Der Arzt sagte, daß alles, was jetzt nicht so ganz in Ordnung sei, sich geben werde. Er sprach von Ruhe und Pflege, schimpfte über den Unsinn, daß Olly bei dem Winde heute ausgefahren war. Sie sollte jetzt daheim bleiben wochenlang, jedenfalls ohne ärztliche Erlaubnis nicht ausgehen.

»Na, was ist's denn?« fragte Gastelmeier hart, um seine Sorge zu verbergen.

»Was wird's denn sein?« sagte der Arzt. »Wir haben da ein sehr zartes Frauchen, das eine Weile noch gepflegt werden muß. Wenn sie vernünftig ist, macht sich alles gut.« Er hieß Olly sich ruhig auf das Sofa legen. Emil breitete ihr eine Decke über die Kniee. »So, mein Kind, so werden Sie jetzt ganz ruhig und friedlich bleiben. Sie haben Fieber und ich sollte Sie eigentlich zu Bett schicken; aber ich weiß, wir haben es mit einem unruhigen Geist zu thun.«

Olly äußerte sich in keiner Weise. Sie lag 224 still und matt da und schien sich nach der Anstrengung des Tages doch recht unwohl zu fühlen. In der Dämmerstunde aber kam Köppert unerwartet. Als das Mädchen ihn meldete, flog es wie ein Sonnenstrahl über Ollys Gesicht, und auch Gastelmeier kam er wie gerufen.

Olly wollte sich erheben, aber Köppert ging auf sie zu und drückte sie zart und freundlich, wie ein krankes Kind in die Kissen zurück, so einfach und natürlich und ohne ein Wort dabei zu sagen. Er legte ihr auch die Decke wieder über die Kniee – geschickt und sorgsam. Es war keine Spur von Fremdheit bei ihm zu spüren: dann setzte er sich neben Ollys Lager und erzählte dies und jenes, und kam auch wieder auf ihre Bilder zu sprechen und machte ihr allerlei Vorschläge. Er sprach zu ihr wie zu seinesgleichen, ohne alles Gönnertum, wie der Künstler zum Künstler.

»Sonderbar,« sagte Olly, »weshalb sind Sie so gut zu mir? Halten Sie mich wirklich für etwas – etwas – ich weiß nicht – darf ich's nennen?«

»Ja,« sagte Köppert.

225 »Für ein Talent?« Wie klang die arme Stimme tonlos, zaghaft und heiser.

»Ja,« sagte Köppert.

»Und deshalb sind Sie wieder gekommen, um es mir noch einmal zu sagen?«

»Na ja.«

»Nun heißt es rasch gesund werden!« sagte sie, und die Augen leuchteten ihr in einem fieberhaften Glück.

»Ruhig – ruhig! Sie wissen doch noch. Erinnern Sie sich – ›Insekt‹. Erinnern Sie sich's?«

»Ja, ja,« flüsterte Olly. »Man muß es erst lernen, so zu denken.«

Köppert wohnte bei seiner alten Mutter und hatte ihr, auf die Frage, wohin er ginge, gesagt: »Zu einem armen Seelchen.«

›Na, was das nun heißen soll? Da wird er wieder so etwas aufgetrieben haben,‹ hatte die alte Frau gedacht, ›irgend einen Unsinn.‹ 226

 


 

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