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Der Rangierbahnhof

Helene Böhlau: Der Rangierbahnhof - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Rangierbahnhof
authorHelene Böhlau
year1913
firstpub1895
publisherEgon Fleischel & Co.
addressBerlin
titleDer Rangierbahnhof
pages318
created20140201
modified20180911
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorJens Sadowski
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IV.

Fastnachtsdienstag in München.

Die Narrenwelle, die das Lebensmeer jedes Jahr breit über die Stadt hinspülen läßt, spült auch dieses Jahr bei schneidendem Märzwind durch die Straßen und führt allerlei wunderlich aufgeputztes, aufgeregtes Volk mit sich, dem der eisige Wind um die Nase streicht, oder die leichenhaft starren Larven lüftet, die bunten Lumpen um den Kopf schlägt und den Spaß im Freien einigermaßen verdirbt. Trotzdem war den ganzen Tag ein Gelauf und Gerenne gewesen. Der Humor war von der Kälte etwas ungelenk und frostig geworden, mußte erst die starren Glieder recken, und von dieser Anstrengung wurde er dann etwas grob und unerfreulich. Es war notwendig, daß man ihn zum Auftauen brachte. Das fühlten alle und deshalb war ein gewaltiges 96 Drängen nach den Cafés und Wirtshäusern und Bierkellern.

Es war auch schon längst dunkel auf den Straßen, und die Verkappten, Vermummten und Ausstaffierten drängten zum Licht wie die Mückenschwärme. Sie wollten sich sehen lassen und wollten sehen. Und was draußen in der Kälte und dem schneidenden Wind eingefroren war, das begann in den heißen, mit Tabaksrauch und Menschendunst erfüllten Räumen sich auszubreiten: das wurde kühn und unternehmend.

In den hellen reichen Räumen des Café Luitpold sitzen an den runden Marmortischen Pärchen aller Art und schaulustige Leute, die den Menschenstrom an sich vorüberrauschen lassen, der durch das Café flutet, zur einen Thüre herein, zur andern wieder hinaus. In einer Ecke haben drei Personen Platz gefunden, ein junger Mann, dem die ganz naive Verliebtheit unbefangen aus den Augen sieht. Ein armer verliebter Mensch, ein Mensch, der uns nicht unbekannt ist, den wir bisher als sehr vernünftig und respektabel kennen lernten, als durchaus comme il faut. Comme il faut-Meier! Seine beiden 97 Nachbarinnen tragen schwarzseidene Lärvchen. Die eine ist in einem braunen, soliden Wollenkleid gekommen, die andre in einem schwarzseidenen Fähnchen, das so reizvoll und eigenartig die junge Gestalt umschließt, so reizvoll, daß Gastelmeier das Persönchen wie durch einen leichten Nebel sieht. Es ist ihm selbst nicht recht geheuer. Er wird ihn nicht los, diesen Anblick, ob er ihn vor Augen hat oder nicht. Der arme Gastelmeier ist bisher so gut durchs Leben gekommen und es scheint ihm auch, daß er jetzt noch gut damit auskommt, sogar besonders gut. Sein Lebtag war es ihm klar, daß es mit dem Verlieben eine faule Geschichte ist. Jetzt denkt er nicht daran.

»Da ist niemand, der mich kennt, ich thu' das Maskerl einen Moment ab,« sagt das junge Geschöpf im schwarzseidenen Fähnchen. Gastelmeier blickt traumverloren auf sie, er will den ersten Blick in das enthüllte Gesicht thun.

Sie knüpft an ihrem Lärvchen. Es hängt ihr noch mit dem einen Gummiband, an dem das Knöpfchen ist, im Haar fest. Das Gesicht ist frei. Lebensvolle, brennende Augen schauen in das Getümmel, ganz versunken und benommen.

98 Im Januar war es, als Gastelmeier nach jenem etwas lebhaften Abend fest entschlossen war, den geistigen Rangierbahnhof so bald als thunlich zu verlassen, und jetzt ist's März und er steckt immer noch dort. Er ist Hausfreund geworden. Das Mädel ist ihm anvertraut.

Seine Kameraden haben die Sache längst durchschaut, haben anfangs geschwiegen, später gelächelt, noch später, zu spät, freundschaftlich gewarnt, dann wieder gelächelt und die Achseln gezuckt. Dem Gastelmeier war nicht mehr zu helfen, er hatte sich fürs erste in der Schlinge gefangen.

»Schau, Friedel, mich kennt erst recht kein Mensch hier, da thu' ich's auch ab. Mich erstickt's halt.«

»Wenn du meinst,« sagte Gastelmeier, und das zweite Lärvchen fiel auch.

Das war die Anna aus Rohrmoos. Gastelmeier aber sah nicht nach ihr. Seine Blicke hingen wie gebannt an dem eigenartig schönen Geschöpf neben ihm, das nur Augen für das Treiben um sich her zu haben schien. Anne sah mit einem langen Blick auf ihren guten Kameraden, mit so einem klaren, festen Blick, in dem deutlich 99 das Bewußtsein zu lesen stand: ›Für dich ist da alles zu Ende.‹

Die rosigen Wangen wurden bleicher, und sie sah nun auch auf das schöne Mädchen.

›So großartig brauchst dich auch nicht zu verhalten, daß du ihn da sitzen läßt, wie einen Narren, du,‹ dachte Anne. Er vergab sich etwas in ihren Augen, daß er sich so verliebt zeigte. ›Ihr thuts euch leicht, ihr Mannsleut,‹ dachte sie wieder und lächelte. Ein Seufzer –

Jetzt, da niemand auf sie achtete und sie so einsam und verlassen neben dem Kameraden saß, den sie ihr Lebtag als von sich untrennbar betrachtet hatte – als einen, dem sie nie einen Namen gegeben hatte, der für das elternlose Mädchen Bruder und Freund war, an den alle schönen Erinnerungen sich knüpften, da konnten ihre Gedanken in dem engen erstickenden Saal nicht mehr bleiben. Sie flogen hinaus in die stille Nacht, weit über die Stadt hinaus in das stille, dunkle Rohrmoos. Da würde es ihr wohler – und weher.

Jetzt kannte sie die Einsamkeit mit einemmal. Die schwere herzbedrückende Einsamkeit. Sie 100 fürchtete sich in ihr altes Heim zurückzukehren, und hier wollte sie auch fort, je eher je lieber – das – nein – das that bis in den Grund der Seele weh, das mit anzusehen – das war menschenunmöglich. Es war ihr gerade, als wenn ihr jemand alle Lichter, die ihre Welt erleuchteten, vor den Augen ausbliese. Es wurde dunkler und dunkler und öder und öder und für immer und ewig. Unter dem runden Marmortisch faltete sie die Hände und saß still und gebeugt, vom Unglück getroffen da.

Einem übermütigen Menschen, der an ihrem Stuhl vorüberging, gefiel das blonde Mädchen und in der Maskenlaune legte er den Arm um ihre Schulter und versuchte sie zu küssen.

Da sprang sie mit einem Schreckenslaut auf und sah ganz entsetzt um sich her. »Herr, mein Gott!« rief sie.

Der Übermütige lachte laut und verschwand mit einem Satz in der Menge, denn Gastelmeier setzte ein sehr würdiges und ernstes Gesicht auf.

»Ach du, gehen wir,« sagte Anna.

»Deswegen?« flüsterte ihr Gastelmeier lächelnd zu. – »Wart' nur, ich paß' besser auf dich auf.«

101 Gleich darauf sprach er mit Olly, die von einem wahren Eifer belebt war, alles zu sehen und alles zu hören was es irgend gab.

»Sehen Sie dahin, ach, sehen Sie dahin – Herr Gastelmeier, bitte!« So rief sie alle Augenblicke. Nun sagte sie: »Wie gut von Ihnen, daß Sie mich mitgenommen haben! Sagen Sie selbst, wann sieht ein Mädchen, wie die Menschen sich eigentlich bewegen; an den Modellen doch wohl nicht?«

»Ist Ihnen denn das wirklich so eine Freude?« sagte Gastelmeier.

»Freude? – Nein, Freude nicht. Notwendigkeit! Glauben Sie mir, ich bin nach solchen Dingen verschmachtet.«

»So ein kleines vergnügungssüchtiges Fräulein.«

Da wurde das schöne Mädchen ganz erregt, die dunkeln Augen strahlten. Man fühlte, sie konnte nicht recht zu Worte kommen.

»Nein –!« sagte sie – »da haben Sie mich mißverstanden. In Ihrem Sinne macht mir's kein Vergnügen, – anders! Ich sehe die Dinge und lerne und lerne, wissen Sie, so mit ganzer 102 Seele! Ich fühle dann: so kann man etwas leisten, so mitten im Leben, nie wie bei uns Frauen, wir stehen immer abseits. Was kann man da . . . Ich will sehen, wie die Menschen leben. Verstehen Sie mich doch.« Sie legte im Eifer ihre Hand auf die seine, wie um an seinem Verständnis zu rütteln. »Ist denn das so schwer zu begreifen? Ich bin Künstler wie Sie Künstler sind. Und Sie glauben nicht, wie eine Frau nach dem Leben und der Wahrheit haschen muß. Sie bekommt nie die Wahrheit zu sehen!«

Olly machte Aufsehen. Allerlei Masken sammelten sich um den Tisch und banden mit ihr an. Gastelmeier wollte bei jeder Gelegenheit ritterlich seiner Dame beistehen.

»Lassen Sie, lassen Sie!« bat sie und legte ihre Hand auf seinen Arm, gewissermaßen, um ihn zu verhindern, aufzustehen. Dann plauderte und lachte sie weiter mit den andern und ging auf alle Scherze ein.

Ein Paar ließ sich neben ihr nieder, wie es schien, ein Akademiker als Köchin verkleidet und ein zweiter als Gerichtsvollzieher. Der letztere fragte sie, wer sie sei.

103 »Ein Malermadel,« antwortete sie.

»Das Madel von ein Maler, oder malst selbst?«

»Ich mal' schon selbst.«

»Da ist net viel bei dir zu holen! Malermadl? A verschmierte Leinwand, an Zahnbürschtel, wanns eins hast, a Malschürzen und a schlecht's Gwandl – dein best's hast' an, net?«

»Geltens,« sagte Olly mit lachenden, strahlenden Augen. »Morgen kommt schon einer zu uns, wenn auch du net.« Sie wandte sich vom Pseudo-Gerichtsvollzieher lachend zu Gastelmeier. »Es kommt wirklich einer, komisch.« Gastelmeier sah sie ganz verblüfft an.

»So,« sagte die Maske. »Da nimm dich in acht, daß er dich nicht mitnimmt, du mit deinen unsinnigen Augen, wann ich käm', das wär' das erste.«

»Geltens,« sagte Olly wieder, »das sollte dir aber net übel bekommen.«

»Sehr einfach,« meinte die Maske zu seinem Genossen gewendet, »da müssen wir zu diesem kleinen Teufel unsern dressierten Löwen mitbringen.« Darüber lachte Olly wieder unbändig. Sie lachte über alles.

104 »Lassen Sie doch diese Leute,« flüsterte Gastelmeier ihr erregt zu. – »Schließlich, angenehm kann es Ihnen doch nicht sein, wenn der Kerl zudringlich wird.«

»Aber gleichgültig. Sehen Sie nur, der eine sieht ganz wie eine Gans aus, wenn er die Augen so verliebt verdreht. Nicht hier ist Maskerade, sondern die ganze Zeit draußen ist Maskerade. Heut sind die Leute, wie es ihnen bequem ist und paßt, und das sind erst Bewegungen, was man hier sieht, alles andre ist Marionette. Wie ich Ihnen danke, daß Sie mich mitgenommen haben!«

»Ich glaube, Fräulein Olly,« sagte Gastelmeier unwirsch, »Sie studierten noch, wenn so ein Kerl Ihnen einen Kuß geben würde?«

»Freilich!« sagte sie. »Mich ginge der Kuß ja nichts an.«

»Na,« meinte Gastelmeier, der am liebsten das Mädchen am Arm genommen und aus dem Saal geführt hätte.

»Hat Sie ein Hund schon geküßt?« fragte Olly, »so was man von einem Hund küssen nennt. Das ist unangenehm und man sieht zu, 105 daß es nicht geschieht.« Ihre Augen hatten schon wieder etwas in der Menge entdeckt, was ihre Aufmerksamkeit ganz in Anspruch nahm. »Nein,« sagte sie wie zu sich selbst, »wie soll man Künstler sein, wenn man das Leben nicht kennt!«

Gastelmeier wendete sich an Anne und sagte leise: »Denk' nicht schlecht von ihr. Du solltest sie einmal zu Hause sehen, so ein braves Mädel. Sie ist nicht wie die meisten andern, und sie malt wirklich brillant, da könnte sich jeder Mann freuen, wenn er's so fertig brächte. Aber weißt du: – es ist doch schad' an einem Mädel.«

»Schad'?« fragte Annele. »Ich mein', ich versteh' sie, besser als du sogar. Das ist nicht schad'. Sie ist ein mutiges Mädchen.«

Das sagte Annele und das Herz that ihr dabei weh, als wollte es zerbrechen – aber sie mußte es sagen.

»Du, das wundert mich von dir. Ich dachte, die Art müßte dir mißfallen,« erwiderte er darauf.

Annele brach das Gespräch ab und schaute in das Getümmel hinein, als wenn sie etwas sähe; sie sah aber nichts, was um sie vorging, nur 106 immer die eine einzige Öde, in der sie von nun an, wie es ihr schien, für immer zu leben hätte.

»Wie ist denn das mit dem Gerichtsvollzieher?« fragte sie nach einer Weile leise.

»Was meinst du denn?« flüsterte Gastelmeier.

»Sie sagte doch, es käme morgen einer zu ihnen. War das ein Spaß?«

»Unmöglich,« meinte Gastelmeier; bei sich aber dachte er: »Weshalb nicht. Bei uns geschieht ja allerlei derartiges.«

»Fräulein Olly,« wendete er sich wieder leise an diese, die eben eine Pause im Plaudern gemacht hatte, »was war denn das vorhin mit dem Gerichtsvollzieher?«

»Was denn? – Daß morgen einer zu uns kommt? – Im Ernst. Er holt nur ein paar Sachen,« sagte Olly seelenruhig. »Wegen der Metzgerrechnung. Der Mensch will nicht länger warten.«

»Ach so,« meinte Gastelmeier mit nicht ganz natürlicher Seelenruhe.

›Diese vollkommene Wurschtigkeit,‹ wie er in seinem Innern sich ausdrückte, ärgerte ihn und doch hatte er wieder ein sonderbares Gefühl der 107 Bewunderung, wenn er an den Riesenfleiß des Mädchens dachte – und an Erwin, den guten Jungen, der wie ein Rasender weiter komponierte an Dingen, die ihm nie ein Buchhändler abnehmen würde, der Rufe aller Art an die Menschheit zur Umkehr in petto hatte, der sich in Romanen empörte, empörte über Dinge, mit denen alle Welt zufrieden war; und mit all dem Fleiß und all dem Hetzen konnten sie nicht ihr ruhiges Stückchen Brot verdienen und zogen wie in eine Glückseligkeit in dieses fruchtlose Treiben auch noch Emil, den armen Burschen, mit hinein. Ollys Talent war auch durchaus nicht brav und den Menschen wohlgefällig. Es war eigenartig, nicht einschmeichelnd.

›Armes Ding,‹ dachte Gastelmeier. Er hätte das schöne, zarte Geschöpf in seine Arme nehmen und sie aus dem seelenverzehrenden Treiben hinaustragen mögen. Er fühlte sich so ganz als den typisch starken Mann und sah in ihr das typisch schwache Weib. Wohin sollte der jetzige Zustand führen? Er sah sie in Not und Elend, den zarten Körper gebrochen von Überarbeitung, Hunger und Elend – und er konnte sie sich doch nicht mutlos 108 vorstellen, und nicht ohne Feuer und Lebenskraft. Er sah sie in allen Lagen und er konnte sie sich nicht gedankenlos und nicht schlecht vorstellen und auch nicht verzagt. Noch nie hatte ein Weib ihn so erregt, noch nie hatte er über ein Weib so nachgedacht, das Geistige so empfunden. Bisher hatte nur Frische der Jugend auf ihn gewirkt. Aber hier – ja, die Jugend liebte er auch hier; aber dieser junge, schöne Körper schien die leichte Hülle von etwas ihm Unbekanntem zu sein, das hier für ihn zum erstenmal das Körperliche durchleuchtete.

Ja, zum erstenmal. Bisher waren für ihn alle Weiber Körper mit etwas Herz gewesen, mit so viel Herz, als gerade notwendig – und dies Herz war ihm als etwas unsäglich Langweiliges erschienen. Und nur das ganz junge Weib war für ihn Weib; wo er diese Jugend nicht mehr antraf, war für ihn auch das Weib nicht mehr vorhanden, etwas Andres war an dessen Stelle getreten, etwas Unerfreuliches. Seine Mutter hatte er geliebt, weil sie eben seine Mutter war. Annele war ihm lieb, weil sie zu ihm gehörte. Ein fremdes Volk waren sie ihm alle gewesen, 109 eine unter ihm stehende Menschenkaste, etwas, was ihn vorderhand gottlob nichts anging, von dem er sich aber Ideale zu machen liebte, an die er selbst nicht recht glaubte. Und das Ideal, das er sich gemacht hatte, pfropfte er allen auf, mit denen er in Berührung kam. Auch hier bei Olly wollte er es versuchen, aber er wußte nicht recht damit fertig zu werden. Die Pflanze war ihm zu fremd.

Übrigens hatte er sich diesen Abend anders vorgestellt. Das Mädchen hatte nur Augen für das, was um sie her vorging, und er hätte sich gerade vor Annele gern zeigen wollen. Daß Olly ihm soweit gut gesinnt war, wußte er, und so ein Abend war eigentlich die Gelegenheit, seinem freundlichen Verhältnis zu ihr eine etwas andre Richtung zu geben, eine Richtung, die er sehnlichst herbeiwünschte. Als sie bei einander saßen und der Strom immer neuer Masken sich an ihnen vorüberwälzte, wendete sich Olly zu ihm, nachdem sie längere Zeit stillgesessen, und sagte: »Ich habe eine große Bitte an Sie, Herr Gastelmeier.«

»Nun?« fragte Gastelmeier gespannt. Er war wie elektrisch geladen, jede Verbindung mit 110 Olly ließ ihn Funken sprühen, die ihm das Herz für einen Augenblick erleichterten.

»Führen Sie uns in die Zentralsäle. Ich muß das auch sehen.«

Da war es ihm aber, als habe er einen Schlag ins Gesicht bekommen. Das hätte sein Ideal, das er sich vom Weibe gemacht hatte, nie gesagt. Sein Ideal hätte überhaupt nichts davon gewußt, daß Zentralsäle existieren, wenigstens von jenen Faschingsbällen hätte es nichts gewußt, und hätte es etwas gewußt, so hätte es dies doch nie und nimmermehr einem männlichen Wesen eingestanden.

Aber Olly kümmerte sich um sein Ideal, wie es schien, nicht im geringsten. »Kommen Sie,« sagte sie eifrig.

»Nein, Fräulein Olly, das geht nicht,« antwortete er, nachdem er sich von seinem Schreck erholt hatte, »und ich muß mich wundern, wie Sie überhaupt auf diese Idee kommen.« Er setzte eine gewissermaßen väterlich würdige Miene auf.

»Sie sind etwas begriffsstutzig, mein Herr!« sagte Olly komisch und ungeduldig. »Ich möchte wissen, wie oft ich es Ihnen erklären muß.«

111 »Ach so,« meinte Gastelmeier, der die Künstlerschaft Ollys immer vergaß; daß ein Weib noch etwas andres als Weib sein könnte, war ihm noch zu neu. Diesmal sah er es, mochte es nun sein wie es wollte, für seine Pflicht an, Ollys Wunsch nicht zu erfüllen. Das war ja überhaupt kein Wunsch, der zu berücksichtigen wäre. Ins Gesicht hätte er sich schlagen müssen, wenn er ein junges, unschuldiges Mädchen aus anständiger Familie zu einem solchen Ball hätte führen wollen, er, Gastelmeier!

Aber bleibe einer seiner Würde treu, der in einen Strudel gerissen ist, und so ein echter, rechter Liebesstrudel ist in dieser Beziehung gefährlicher als irgend ein Sturm oder Wasserwirbel.

Im Lauf einer halben Stunde befanden sie sich alle drei einmütig miteinander auf dem Weg nach den Zentralsälen. Die Mädchen hatten Lärvchen und Kapuzen wieder aufgesetzt, – den Ausschlag zu diesem Entschluß hatte Annele gegeben, Gastelmeiers gutes, einfaches Annele. »Gehen wir doch,« hatte sie gesagt, »wenn sie es will, weshalb denn nicht – wenn sie's zu ihrer Malerei braucht? Ich kann mich nicht anders 112 ausdrücken,« fuhr sie ruhig und bedächtig fort, »wenn ich eine Kuh malen könnte, würde ich sie auch nicht während der Stallfütterung malen, sondern wenn sie auf der Weide ist.«

»So,« sagte Gastelmeier, »die Weiber halten immer zu einander.«

»Was anders wie im Luitpold wird's ja doch wohl auch nicht sein,« sagte sie. »Rechte Kälber sind's. Jedes macht so seine Sprünge. Ein bissel Freiheit – dann ist's bei Mensch und Vieh das Gleiche.«

Olly und Annerl fanden sich ganz gut zu einander. Und Annerl war tapfer. Gerade weil Olly es war, durch die ihr so weh geschah, gerade deshalb mußte sie ihr beistehen.

»Ich halt' mich fest an dir,« sagte Annerl zu Gastelmeier, als sie die steile, steinerne Treppe zu den Zentralsälen hinaufstiegen.

»Thu das nur, und Sie auch, Fräulein Olly.«

Die ganze Treppe entlang standen trübselig alte verdorrte Tannen, die hatten schon den ganzen Winter als Schmuck gedient und verloren jetzt die braunen Nadeln. In den Korridoren, wo die Menschen eng an den Zweigen vorüberstreiften, 113 waren die trockenen Bäume zu Besen geworden. Zwischen diesem elenden Festschmuck drängte die Menschenmenge ein und aus, Männer und Frauen, lauter junge Frauen in meist schwarzen, eleganten Kleidern mit bloßen Armen und Schultern. Fast alle hatten ihr schwarzseidenes Lärvchen vor und eine sonderbare kapuzenhafte Kopfbedeckung. Unsre drei hatten schon genug derlei Gestalten im Café Luitpold gesehen.

Annele hielt sich eng an Gastelmeier fest. »Nicht du, du nimmst mir's net übel, wenn ich mich fest halt'?« sagte sie noch einmal. Und es lag etwas in dieser Frage, das jedem andern aufgefallen wäre, nur Gastelmeier nicht, der beunruhigt und erregt mit seinen beiden Schutzbefohlenen vorwärts strebte.

»Also ihr wollt wirklich?« fragte er noch einmal.

Annele antwortete nicht, aber Olly sagte ruhig und bestimmt: »Ja.«

Jetzt traten sie ein. Es war gerade Tanzpause und die Paare gingen, wie auf jedem andern Ball, in langem Zug durch den Saal und plauderten. Auch hier waren die Wände 114 mit hohen, verdorrten, zum Teil kahlen Tannen jämmerlich verunziert. Annele hielt Gastelmeier weniger fest. Es war so wie überall, sogar in Obersdorf im großen Wirtssaal: wenn sie da im Winter ein paarmal tanzen ließen, war's auch nicht anders. Die Frauenzimmer hier hingen sich zwar etwas sehr zuthunlich den Herren an den Arm; das hatten sie im »Luitpold« auch gethan. Ihre Toilette war freilich anders wie die der Honoratiorendamen in Obersdorf. Wie ihnen alles saß und stand, welche Grazie, welche Vornehmheit, oder doch so etwas Ähnliches wie Vornehmheit! Anna mußte einigen von ihnen ganz bewundernd nachblicken. Andre sahen wieder unerfreulich aus, in lumpigen, kurz geschürzten Maskenkleidern.

Alle drei waren ganz ruhig mit einander gegangen. Jetzt kam ihnen ein armseliger Bürgersmann entgegen, ein krank und verkommen aussehender Mensch, ein Handwerker im Sonntagsstaat; der ging auf Olly zu, hob ihr den Schleier vom Lärvchen und wollte ihr einen dürren Tannenzweig, den er zwischen den Fingern hielt, in den Mund schieben: »Da friß!« sagte er.

115 Gastelmeier riß das Mädchen näher an sich.

»Gelt, das magst net!« rief der armselige Mensch und wollte vor Lachen platzen. »Brauchen S' denn alle zwei? Vergunnen S' mir net den Käfer?«

Gastelmeier zog seine beiden Mädchen mit sich. Da begann die Musik, einen Walzer, und der Tanz ging los. Die Paare schmiegten sich zärtlich aneinander.

»Ist das ein schwüles Treiben hier,« sagte Annele.

»Wollt ihr was trinken?« fragte Gastelmeier.

»Hier nicht um die Welt,« erwiderte sie. »Sie auch nicht?«

Olly schüttelte den Kopf. Sie hatte nicht Zeit zum antworten, sie schaute angestrengt, sprach nichts und sah nur – ganz versunken.

Bevor eine Quadrille begann, standen sie alle drei in einer ziemlich stillen Ecke, die aber bald von allerlei Pärchen so überschwemmt war, daß sie sich in der größten Enge befanden. Olly hatte für einen Augenblick Gastelmeiers Arm losgelassen. Das hatte ein sehr erhitzter Herr, dem der Cylinder fast im Nacken saß, benützt, sie mit 116 affektierter Höflichkeit und einem lächerlich tiefen Bückling zum Tanz zu holen.

»Mignon,« sagte er, wie zu einer Katze, und auch er versuchte das Schleierchen über Ollys Lippen zu lüften. Da legte Olly den Arm in den seinen und ließ sich zum Tanz führen.

Annele hatte es früher als Gastelmeier gesehen und stieß einen kleinen Schreckenslaut aus.

»Ist das die soeur?« fragte der Herr und neigte sich vertraulich zu Olly, spitzte die Finger und warf Annele eine Kußhand zu – zum Trost gewissermaßen.

Er hatte aufgeworfene Lippen, glänzend braune Knopfaugen, und war sehr echauffiert. Er führte Olly an ihren Platz und die Musik begann.

War der Walzer schon zärtlicher Natur gewesen, so war es die Quadrille erst recht. Die Pärchen drückten und küßten sich untereinander, daß es nur so eine Art hatte, und in weiße Schultern und Arme wurde gekniffen, daß die roten Male zu sehen waren.

Olly gegenüber biß ein junges Ding mit den glänzend weißen Perlenzähnchen ihren Tänzer in die fette Wange – Olly schüttelte sich vor Ekel.

117 »Rühren Sie mich nicht an,« flüsterte sie ihrem Tänzer empört zu, als auch er Miene machte, vertraulich zu werden, und »rühren Sie mich nicht an,« flüsterte sie wild und zornig wieder und wieder.

Das schien den feinen Herrn außerordentlich zu amüsieren, er that wenigstens so, behandelte seine Dame mit affektierter Höflichkeit und Hochachtung. – Und Olly sah die erhitzten Gesichter, die sinnlich stieren Augen, die leidenschaftlichen Bewegungen, hörte das Johlen und Aufkreischen; zuletzt sah sie eine unglaubliche Umwandlung, es war ihr, als sei sie nicht mehr unter Menschen, sondern unter einer Horde wilder, wütender Affen.

Kaum war sie frei, so bahnte sie sich den Weg zu Gastelmeier und Annele. Und als sie vor Gastelmeier stand, war dessen gutmütiges, rosiges Gesicht fahl und er sah sie mit einem starren Ausdruck an.

»Hat er Sie geküßt?« fragte Annele. Olly schüttelte den Kopf.

»Das hätte er gebüßt,« sagte ihr Beschützer verbissen.

Olly zitterte vor Erschöpfung, ihr schwindelte 118 und sie faßte Anneles Arm, denn Gastelmeier machte keinerlei Miene, ihr den seinigen zu bieten.

»Ich glaub', du meinst schon wieder, sie hätt's zum Vergnügen gethan?« sagte Annele. »Net wahr?«

»Auf so komplizierte Geschichten,« sagte Gastelmeier kühl, »bin ich nicht eingerichtet.«

Olly hob jetzt den Kopf, sie hatte bisher auf Gastelmeier scheinbar nicht geachtet und war ganz befangen gewesen.

»Ihnen ist es unangenehm, daß ich da mitgetanzt habe,« sagte sie ruhig, »und Sie haben mir Ihren Arm deshalb nicht gegeben? – Sagen Sie 'mal, haben Sie Freunde, die hier öfters die Zeit verbringen?«

Gastelmeier that, als überhörte er die Frage.

»Sagen Sie's doch,« wiederholte sie.

»Freunde? Jawohl!« erwiderte er kurz.

»Denen geben Sie dann auch nicht die Hand?«

»Mein Gott,« sagte Gastelmeier. »Das ist natürlich etwas andres.«

»Natürlich,« sagte Olly. »Kommen die Freunde zu ihrem Vergnügen hierher?«

»Jedenfalls.«

119 »Und oft?«

»Oho, was ist denn das für ein Verhör?«

»Ich möchte wissen, wie oft etwa,« fuhr sie ruhig zu fragen fort.

»Wenn es ihnen paßt und sie nichts andres zu thun haben, kommen sie in der Faschingszeit wahrscheinlich oft hierher,« erwiderte er.

»Womöglich alle Abende so lang es dauert – jahrelang?«

»Meinetwegen,« sagte Gastelmeier, »was geht's mich an?«

»Die Hand würde ich ihnen dann allerdings nicht geben, und ihre Kleider würden mich ekeln, und sie selbst würde ich verachten – wissen Sie, verachten – das ist's.«

»I wo,« sagte Gastelmeier. »Es können die besten Burschen sein; danach darf man nicht gehen bei einem Manne.«

»Auch dann nicht, wenn sie sich hier wirklich und wahrhaftig vergnügen, wenn sie sich hier im Schmutz gewälzt haben, auch dann nicht? – Und wenn es ein Mädchen auch nur gesehen hat, ohne jeden andern Anteil der Seele als Ekel und Verachtung, dann glauben Sie, sie sei schmutzig 120 geworden, es sei etwas hängen geblieben? Sie wagen es, ihr die Hand zu entziehen? Ich habe es wohl bemerkt.«

Olly hatte bebend gesprochen. »Gehen Sie – gehen Sie – so einen ungerechten Schutz brauch' ich nicht. Ich bin mir wahrlich Schutz genug. Was ich sehen wollte, hab' ich gesehen. Wissen Sie, wir Frauen werden, wenn wir Figurenmaler sind, leicht süß – ein Wunder!« – Sie zuckte die Achsel. »Wir anständigen Frauen bekommen das Leben so süß vorgemalt – so süß und harmlos. Es ist alles so wunderbar in Ordnung, es sind alles solche würdevolle Mustermänner, so vortreffliche Verlobte und Ehemänner, sanft wie die Lämmer. Wir bekommen die Leute nur immer zu sehen, wie der Director seine Schüler beim Examen. Meinetwegen – aber in der Kunst will ich nicht süß werden. Ich will nicht. Wahrheit will ich! Und wenn Sie mich drum verachten, verachten Sie mich! Und wenn Sie Ihren Arm einziehen, ziehen Sie ihn ein! Ich brauch' ihn nicht!«

Damit war sie auf und davon gegangen durch das Gedräng – und im Gedräng verschwunden. Gastelmeier und Annele eilten ihr nach.

121 »Da durch die Thür ist sie 'nausgeschloffen,« rief Annele. Sie bahnten sich durch die tanzenden Paare den Weg und standen draußen, vor der steilen, steinernen Treppe.

»Da ist sie nicht mehr!« sagte Annele.

»In der Garderobe,« meinte Gastelmeier ganz fassungslos.

»I wo, die ist fort!« erklärte Annele bestimmt. »Gehn wir g'schwind in die Garderob' und holen wir die Sachen!«

Gastelmeier stürzte fort und kam bald mit den Sachen für alle drei zurück.

»Die hast du wenigstens schnell derwischt,« meinte sie, und nun liefen sie miteinander die steile, mit Straßenschmutz bedeckte Treppe hinab, an den vertrockneten Bäumen vorüber, hinaus ins Freie.

Gastelmeier nahm einen Wagen, half Annele hinein, gab dem Kutscher Anweisung, und nun ging's vorwärts, während jedes der zwei zu einem Fenster hinausschaute. So mußten sie das schöne gekränkte Geschöpf auf seinem Heimweg einholen und entdecken. Der eisige Märzwind hatte Schnee gebracht und spielte mit den Flocken, trieb sie vor 122 sich her, wehte sie von den Dächern herab, türmte sie an den Straßenecken auf, klebte sie an die Häuserwände wie eine dichte Decke und trieb tausenderlei Unfug mit seinem Spielzeug. Und in dieses Treiben war das arme, zarte Ding hineingeraten.

»Nicht zu schnell fahren,« rief Annele dem Kutscher zu, »damit wir sie nicht übersehen.«

»Sie wird doch auch den Weg nach Hause zu gegangen sein?« fragte Gastelmeier schüchtern.

»Freilich,« sagte Annele. Und als sie über den Odeonsplatz fuhren, sah sie einen kleinen, schwarzen Schatten an dem Hofgartenthor.

»Da ist sie!« rief sie dem Kutscher zu, und kaum daß sie gehalten hatten, sprang sie hinaus.

»Gelt, du bleibst drin, sonst erschrickt sie,« flüsterte sie ihm zu und stapfte gleich darauf durch den Schnee.

Der kleine Schatten verschwand nicht.

»Da haben wir Sie doch eingeholt,« sagte Annele und legte ihr den Mantel um die Schulter. Sie fühlte dabei, wie der zarte Körper zitterte.

Olly sprach kein Wort. Die beiden Mädchen gingen miteinander dem Wagen zu und auf diesem 123 Weg sagte Annele zu ihrer Begleiterin: »Seien Sie nicht bös auf ihn. Feuer im Herzen, Rauch im Kopf. So steht's, glaub' ich, mit ihm.«

Olly erwiderte nichts, aber sie zuckte leicht zusammen. Von Mama und Tante Zänglein hatte sie schon manche Anspielung hören müssen. Sie hatten ihr von Gastelmeiers soliden Verhältnissen gesprochen, von dem Glück für die Familie. Die Mama hatte bei diesen Andeutungen gestrahlt. Sie hatten Olly damit gereizt und erregt. ›Geld ins Haus! Geld ins Haus! Das ist's im Grunde doch, was sie alle wollen. Das allein!‹ hatte sie zornig gedacht. ›Wie wenig ernst ist es ihnen allen mit der Kunst, und Mama am wenigsten, trotz ihrer vielen Worte, trotzdem sie uns hineingesetzt hat!‹ – ›Und, du wirst ruhig bei ihm Künstlerin bleiben dürfen – das ist auch zu bedenken,‹ hatten sie ihr gesagt. ›Geld ist genug dazu da, Verliebtheit auch. So etwas trifft sich nicht leicht wieder.‹ Das war Tante Zängleins Stimme, die das gesagt hatte.

Als sie in den Wagen stieg, half ihr eine Hand, die sie zart und schüchtern berührte, so zart und vorsichtig, als wenn sie eine Puppe 124 oder ein Heiligtum wäre, und der zarte Griff dieser Hand that ihr wohl, trotzdem sie noch voller Zorn war. Sie fühlte sich mit einemmal so geborgen wie nie in ihrem Leben.

»Bring' sie nur hinauf,« sagte Annele, als der Wagen in der Blütenstraße hielt. »Mich führt der Kutscher ganz sicher nach Haus.«

Und als die Hausthüre hinter den zweien sich geschlossen hatte, fuhr die dritte einsam dahin mit einem Herzen, das zum zerspringen voll Leid war, und ging dann eine finstere Treppe hinauf und in das Gaststübchen ihrer alten Tante, bei der sie die letzten Faschingstage einlogiert war, und in diesem Stübchen verbrachte sie eine bittere, schwere Nacht.

* * *

Eine Nacht, anders wie jede andere Nacht ihres Lebens, verbrachte auch Olly, eine Nacht des Überlegens und Forschens, des Erwägens. Das kam diesem Kopf befremdlich vor, über Lebensfragen zu brüten.

»Er versteht mich nicht,« sagte sie sich und lag mit weit offenen Augen im Bette. »Aber er 125 ist gut und hat mich lieb. Es scheint, die Menschen verstehen einander überhaupt gar nicht. Mama – versteht die mich etwa, oder Erwin oder Emil? Tante Zänglein? Das darf man scheint's nicht erwarten, das Verstehen. – Möchte wissen, wer einander versteht.«

Seine Stimme hatte sie von Anfang an gern gehabt. Und wie er sie heute angefaßt hatte, um ihr in den Wagen zu helfen, das hat ihr tiefen Eindruck gemacht, wie zart, wie freundlich, wie . . . Ja, wie denn? Niemand hatte sie noch so berührt, da lag alles darin in dieser Berührung, auch die Bitte um Verzeihung und eine große Liebe, und daß sie für ihn etwas Wertvolles sei, – ja, ganz wie sie zuerst gedacht hatte, daß sie für ihn ein Heiligtum sei. Wie ihr das den ganzen Körper wie mit Wohlbehagen durchrieselte: Jemandes Heiligtum sein!

Er würde auf den Knieen vor ihr liegen – nein – das würde er nicht thun – gewiß nicht. Wie lächerlich müßte das auch aussehen! Sie würde ihm dann gerade auf sein Glatze sehen.

Als er mit ihr die Treppe hinaufgegangen war, hatte er ihr mit einemmal beide Hände 126 geküßt, mitten auf der Treppe. So ein verliebter Mann ist komisch. – Aber das mißfiel ihr nicht an ihm. Es war so angenehm komisch. Sie sah ihm gern zu.

›Ja, wenn er mich bei meiner Arbeit läßt, wenn es so bleibt, wie es ist – beinah so – dann . . . Ja dann. Von daheim fort? – O ja, weshalb nicht?‹ dachte sie.

Sie fühlte, daß es ihr nicht schwer wäre. Sie würden miteinander nach Paris reisen, und sie würde eine Zeit lang dort lernen. – Herrgott, das hatte sie immer so brennend gewünscht. Dort konnte sie finden, was ihr noch fehlte. Schade, daß die zu Hause es gar zu gern wollten – schade.

Weshalb dies schade sei, war ihr nicht ganz klar, aber es war schade. Es war ihr, als wenn ein Reiz fehlte, und sie suchte diesen Mangel darin, daß sie mit ihrem »Ja« Wünsche der Familie erfüllte, die ihr selbst nicht aus der Seele gesprochen waren. Wo etwas herausschaut – das ist immer das beste. Geld ins Haus! Das lag verdeckt von großen Worten über allem, was sie leisteten und thaten. Das war die Triebfeder 127 für das hetzende Treiben im ganzen Haus, der Grund des litterarischen Martyriums von Erwin, der Grund, weshalb Emil mit in das Elend gezogen wurde, weshalb die Mutter Olly ihr Lebtag gesteigert und zum Fleiß angefeuert hatte. Noch immer das leichteste, nobelste Mittel, Geld zu verdienen, sah die Mama in der Kunst. Der Gelderwerb war's; sie hofften, mit all der Qual Geld zu verdienen!

Das hatte Olly schon längst herausgefühlt, das war's, was sie empörte, was sie den Ihrigen entfremdete. Ihr war karg leben kein quälender Gedanke, – gar nicht. Den Ihrigen war er entsetzlich.

Sie sah das strahlende Gesicht der Mutter bei einer gewissen Nachricht und fühlte einen zornigen Ärger. 128

 


 

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