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Der Rangierbahnhof

Helene Böhlau: Der Rangierbahnhof - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Rangierbahnhof
authorHelene Böhlau
year1913
firstpub1895
publisherEgon Fleischel & Co.
addressBerlin
titleDer Rangierbahnhof
pages318
created20140201
modified20180911
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorJens Sadowski
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III.

Friedrich Gastelmeier schwieg wohlweislich darüber, wie er zu dem »originell möblierten« Zimmer eigentlich gekommen war, als er an jenem Abend mit seinen Kollegen zusammentraf. Andern Tags zog er aber mit Sack und Pack in seine neue Wohnung.

Das Läutwerk war auch an diesem Tage, an dem sie doch seine Ankunft bestimmt zu erwarten hatten, vollständig heiser, so daß wieder eine geraume Zeit verging, bis sie ihn samt dem schimpfenden Dienstmann, der den Koffer trug, einließen. Er wie der Dienstmann hatten längere Zeit vor dem Öffnen und zwischen den verschiedensten Läutversuchen gehört, wie jemand immer an der Thüre herumwirtschaftete, und als schließlich geöffnet wurde, war es Emil, der öffnete. Gleich darauf hörte Gastelmeier die nervöse 61 Stimme der Mutter aus einem der Wohnräume: »Emil!«

Emil bewegte sich bedächtig bis in das Wohnzimmer und Gastelmeier konnte hören, wie er in die Nebenstube hineinsagte: »Ruhig Blut, 's ist nur der Maler.« Und ein befriedigtes »So« konnte er auch hören, dann kam Emil wieder. Noch ehe Gastelmeier bis in sein Zimmer gelangt war und den Dienstmann verabschiedet hatte, läutete es wieder unterdrückt und heiser.

»Verflucht! verflucht!« murmelte Emil, das weitere »verflucht« schenkte er sich dieses Mal zu Gunsten eines »Bst!« als der Dienstmann Miene machte, sich in Bewegung zu setzen – »Bst!« Er schlich an die Thüre, schielte vorsichtig durch die Ritzen und das Guckloch, welches mit einem durchbrochenen Messingblättchen überdeckt war.

Der Dienstmann begriff die Situation augenscheinlich und schmunzelte, auch Gastelmeier stand und rührte sich nicht, war aber von dem Empfang beim Einzug in seine neue Wohnung nicht besonders erbaut.

Das war nichts für Comme il faut-Meier. Die heisere Klingel wurde wütend und wütender. 62 Niemand regte sich. Die drei verharrten so steif wie gefrorene Schellfische. Emil suchte die andern mit seinem Blick zu beschwören, ruhig zu bleiben, bis das heisere Läutwerk sich ausgetobt hätte, und es gelang ihm.

Nachdem der Störenfried draußen sich endlich genug gethan und zuletzt noch in seiner Wut der Thüre einen tüchtigen Tritt versetzt hatte, sagte der Dienstmann: »Dös wär g'schehn, 's könnt halt der Metzger g'wesen sein mit san Kälbergriff.« Damit ging er.

Die vergeistigte Dame rief wieder nach Emil, und Emil schlug sich auf die kurzen strammen Schenkel und murmelte: »Mistjauche – nichts als Mistjauche.«

Dieser etwas eigentümlich gewählte Ausdruck kam ihm, wie es schien, aus tiefster Seele. Gastelmeier hörte es noch gerade, ehe er die Thüre des originell möblierten Zimmers hinter sich schloß. Darauf begann er sich einzurichten mit nicht ganz leichtem Herzen.

Ruhig ging es in diesem Hause nicht zu – da war etwas – etwas, was er selbst noch nicht klar im Bewußtsein hatte, etwas Beängstigendes, 63 Quälendes, und das lag in der Luft, die ganze Wohnung war voll davon. Es war ihm nicht behaglich und er packte nur das Notwendigste von seinen Sachen aus, um in kürzester Frist wieder auszuziehen.

Nachmittags um sechs Uhr ließ er sich durch die Aufwärterin bei seiner Hauswirtin melden, um ihr den offiziellen Besuch zu machen, den er ihr schuldig zu sein glaubte. Er traf die Dame und Emil wieder, die übrigen waren nicht daheim. Emil saß verdrossen am Tisch und zeichnete. Die Lampe hatte er sich nahegerückt, sie war bedeckt mit einem Lampenschirm, der in sinnreicher Weise aus einer alten Zeitung irgendwie zusammengesteckt war. Emil machte einen Buckel und sah unbeschreiblich schlaff und unlustig aus. Die Mama saß auf dem Sofa und hatte ihr Kopfkissen aus dem Bett sich hinter den Rücken gestopft. Sie erhob sich matt.

»Sie sind leidend, gnädige Frau?« sagte Gastelmeier.

»Sie waren Zeuge gestern von einer der tausend Aufregungen,« erwiderte sie matt, doch in verbindlichem Ton. »Es ist immer, als schlüge 64 der Blitz neben uns ein, man kommt mit dem Leben davon, aber wenn die Sache sich fortwährend wiederholt, besteht man schließlich nur noch aus alterierten Nerven. Nun, Sie werden es selbst wissen, da auch Sie Künstler sind.«

Gastelmeier wußte nicht recht, wovon die Dame sprach, schließlich fiel ihm die Geschichte mit dem Roman ein.

»Das werden Sie doch nicht so tragisch nehmen, gnädige Frau. Um Gottes willen, wenn alle Romane, die von jungen Leuten geschrieben werden, auch gedruckt würden – davor möge uns der Himmel bewahren!«

»Ja, wenn das Leben aber davon abhängt,« sagte die Dame und blickte trüb vor sich hin.

»Das sollte es freilich nicht,« erwiderte Gastelmeier, »das Leben – von einem Roman!«

Sie versicherte müde und abgespannt, daß dies bei ihrem Sohne Erwin der Fall sei. »Er ist, wie wir alle, auf sein Talent angewiesen,« sagte sie wehmütig.

Worin das Talent der Dame bestand, war Gastelmeier nicht klar. Er hatte das Bedürfnis, 65 gegen diese mit Kissen gestützte leibhaftige Nervosität kräftig vorzugehen; aber er bezwang sich.

Emil hatte längst aufgehört zu zeichnen und räkelte sich im Stuhl. Er befand sich in den schönsten Flegeljahren und genoß die Freiheiten dieses Alters, wie es schien, aufs ausgiebigste. Gastelmeier schaute mit einem Blick auf seine Zeichnung und bemerkte, daß der junge Mann die eigene kleine fette Faust als Modell vor sich gehabt habe. Sie war sechs- bis siebenmal in verschiedenen Wendungen nebeneinander auf dem Papier zu sehen.

»Aha!« sagte Gastelmeier. Emil nahm keine Notiz davon.

»Emil,« sagte die Mama, »Olly kommt gleich, sei fleißig.« Emil ächzte, machte wieder die Modellfaust und begann lässig und aufs höchste gelangweilt weiter zu arbeiten.

»Ist das Ihre eigene Idee?« fragte Gastelmeier und zeigte auf die Faust.

»Ne,« sagte Emil, »Olly.«

Gastelmeier wußte nicht mehr recht, was er weiter sagen sollte. Die Leute waren verstimmt und einsilbig. Er suchte nach einem Unterhaltungsstoff.

66 »Emil«, sagte die Dame, »weißt du, wo Erwin hin ist? – Er hat den ganzen Tag Kopfschmerz gehabt, der arme Junge. Er ist immer aufs tiefste von einem Mißerfolg erschüttert,« wendete sie sich an Gastelmeier.

»Auf'n Friedhof wird er 'gangen sein,« sagte Emil mürrisch.

Die Dame seufzte und sagte nach einer Weile: »Sehen Sie, mein Herr, eine Seele von einem Menschen, ein echter Dichter – man muß ihn gewähren lassen. Wenn es so im Leben, wie es oft der Fall ist, drunter und drüber geht, da macht er sich in der Dämmerung, nun schon seit seiner Kindheit, auf und geht auf den Friedhof und schaut sich die ausgestellten Leichen an. Das ist so sein Mittel – da wird er ruhig. Es ist ja in München nun einmal so gebräuchlich, daß die Leichen offen ausgestellt sind. In den anderen Städten, wo wir gelebt haben, war das nicht so, aber ihm thut's wohl. Es hat eben alles auch sein Gutes. Mich brächte keiner hin,« schloß die Dame und wickelte sich fester in ihren Shawl.

Draußen pochte es jetzt energisch. »Olly,« sagte Emil.

67 Es war Olly. Sie kam lebendig und frisch herein, etwas hastig. Sie kam vom Aktzeichnen und wollte Thee trinken. Im ersten Augenblick bemerkte sie Gastelmeier nicht und dann begrüßte sie ihn so einfach und gleichmütig, als wäre er längst hier Familienmitglied.

Gastelmeier fand, daß sie nicht besonders viel Federlesens machte. Ehe sie sich ihren Thee einschenkte, beugte sie sich über Emils Zeichnung, nahm ihm den Bleistift aus der Hand und, ohne etwas zu sagen, packte sie die Modellfaust, rückte sie wie es ihr paßte, und über Emils Schulter hinweg arbeitete sie mit festen sichern Strichen in seine Zeichnung hinein. Sie hatte ihr Käppchen noch auf und an der linken Hand noch den Handschuh. Sie war kalt und frisch und strömte Schneeluft aus.

»Olly, du sollst nicht so eisig ins Zimmer kommen, du kältest es ganz aus.«

Olly hörte, wie es schien, nicht. Die feste kleine Hand korrigierte eifrig weiter.

»Und bei dem Wetter! Du wirst dich selbst wieder einmal erkälten, dann haben wir's.« Die Dame seufzte.

68 Gastelmeier empfand auch den Strom von Frische, der von Olly ausging, und er dachte unwillkürlich an die Abschiedsworte seines Vaters. Er schaute ihr zu, wie sie arbeitete, ganz versunken und in der unbequemen Stellung über Emils Kopf hinweg. Der hatte es ihr allerdings leicht gemacht; den dicken Kopf mit dem dichten blonden Haarfilz auf die Tischkante gelegt, so daß er nicht sehen konnte, wie seine Zeichnung sich unter Ollys flinken Händen veränderte, so hockte er vor ihr.

Gastelmeier schaute ihr unverwandt zu. Das war Talent – das saß. Und sie zeichnete und zeichnete und vergaß alles um sich her, den dicken Kopf und den Thee, und den Fremden.

»Emil,« rief sie mit einmal heftig: »Sieh her!«

Emil grunzte und beguckte sich die Sache.

»Weshalb hattest du denn so gepatzt? Faul – faul – faul! Das ist's. Wie sitzt du denn? Wie kann ein Mensch so arbeiten? Mama, du hast ihn wieder krumm wie einen Engerling dahängen lassen.«

›Engerling ist gut,‹ dachte Gastelmeier. Er ist wirklich so ein weißer, dicker Bursche ohne 69 Glieder; es hängt alles an ihm herab, die Arme, die Beine, der Kopf. Zu seiner Verwunderung sagte jetzt auch Emil: »Bravo! – Engerling! Sehr gut! Faltiger Elefant – Wachskerzen – Spitaler – und so weiter. Du hättest Unteroffizier werden sollen.«

»Ja, ich wollte,« sagte sie, »es käm' einer über dich, so ein rechter Teufel.«

Olly schenkte sich Thee ein, setzte sich auf die äußerste Stuhlkante und nahm sich ein Brötchen. Das Mädchen war von einer unglaublichen Lebendigkeit im Blick und in der Bewegung. Sie schien immer vollkommen munter und aufgeweckt zu sein. Gastelmeier sah sie sich mit Vergnügen an.

»So ein Pferd,« sagte Emil zu ihr.

»Bitte,« antwortete sie ihm kühl, »wen meintest du?«

»Na – das ist auch gerecht. Die schimpft, wie's ihr paßt, sie selber will aber mit Sammetpfoten angefaßt werden.«

»Allerdings,« sagte Olly. »Das will ich auch!«

»Na, ja – ich meine ja auch mit dem Pferde nur: am Morgen rennst du um acht Uhr ins Atelier und bleibst bis Mittag, dann geht's 70 wieder los und dazwischen galloppierst du mit Kreuz- und Seitensprüngen wie in der Manege, dann läufst du zum Aktzeichnen und« – nun wandte er sich an Gastelmeier – »wenn sie heimkommt, ist sie so fidel wie der Teufel und ich muß es ausbaden. Dann kommt sie über mich.«

Gastelmeier erfuhr auf seine Frage, daß Olly ihren Bruder für die Akademie vorbereite – aus Ersparnis. »Es ist kein Eifer in ihm,« schloß sie ihre Mitteilung.

Gastelmeier fragte, weshalb er gerade die Malerei zum Beruf gewählt habe.

»Künstler ist das einzig Menschenwürdige,« sagte die Dame zum erstenmal etwas lebhafter.

Emil räusperte sich: »Maler? – ebenso, wie einer Jurist wird.«

»Emil, ums Himmels willen, das ist doch nicht so bei dir?« rief Olly.

»Wer hat's denn behauptet?« meinte Emil gemütsruhig.

»Weshalb sagst du's dann?«

»Eben so.«

»Ja, was sollte mein Sohn denn wählen?« setzte die Mutter wieder ein. »Die Künstlerschaft 71 liegt ihm im Blute. Für was andres hat er auch keine Begabung. Aus dem Gymnasium haben wir ihn genommen so bald als thunlich. Er braucht nicht zu dienen, er ist nicht deutscher Unterthan.«

»Brillant fürs Leben gestellt,« sagte Emil trocken und altklug und setzte seine ironische Maske auf.

»Mein zweiter Gatte war Maler, wie Sie wissen?«

»Ja, Sie sagten es schon, gnädige Frau.«

»Kennen Sie sein Schicksal?« fragte sie. »Wissen Sie, daß er zweiundzwanzig Jahre in den sibirischen Bergwerken gewesen ist?« Das sagte sie gewissermaßen mit Genugthuung, wobei sie den Kopf hob, als wollte sie sich die Überraschung beschauen, die ihre Worte dem Fremden verursachten.

Gastelmeier, der mit dem Schicksal eines nach Sibirien Verbannten keine feste Vorstellung verband, entsprach nur ungenügend der Erwartung.

»Mistjauche,« brummte Emil. »Um nichts besser als Mistjauche sind die Menschen.« Er 72 war aufgestanden und ging mit kurzen strammen Schrittchen im Zimmer auf und nieder.

Die Thüre that sich auf und Erwin, der Sohn aus Oelscher Ehe trat ein. Er sah auffallend elend und hager aus, etwa wie ein Mensch, der vom Zahnausziehen kommt. Es thut nicht mehr weh, aber es hat weh gethan. Man sieht's ihm noch an.

»Bist du ruhiger mein Sohn?« sagte die Mama zärtlich. »Wir leiden beide immer gleich – das muß dich trösten. Jedes Ja im Leben ist ein Glück und jedes Nein ein Unglück. O – die zartbesaiteten Naturen!«

»Erwin,« sagte Emil, »wir sprachen eben von Papa.«

Erwin setzte sich und schwieg.

»Ja, meinen zweiten Gatten hat das Schicksal schwer getroffen; als junger Mensch von zwanzig Jahren ist er als politischer Verbrecher in die Bergwerke gekommen, nach einem von den vielen polnischen Aufständen – wohin doch gleich zuerst?« Die Dame hatte den Namen vergessen.

»Nach Semiretschinsk,« sagte Emil ungeduldig. 73 »Herrgott, Mama, weißt du denn das noch immer nicht?«

»Und, denken Sie sich, Papa hat,« fuhr er fort, »ehe er nach Semiretschinsk kam, ganz genau geträumt, wie es dort aussah – ein langes Blockhaus und noch ein elendes Haus und ein ewig langer Zaun und eine verkrüppelte Birke und ein niedriger Schuppen und nichts weiter. Weit und breit Schnee, nur Schnee und Schnee, und der Himmel auch schneeweiß. Und wie sie dahin gekommen sind, hat er's nach seinem Traume erkannt und hat laut aufgeweint.« Das erzählte Emil lebhaft, viel lebhafter, als es Gastelmeier ihm hätte zutrauen können.

»Später ist er dann,« fuhr die Dame zu erzählen fort, »von da weggekommen nach . . .« Hier fehlte die nähere Bezeichnung wieder.

Aber Emil half auch diesmal, gewissermaßen entrüstet, aus. »Nach Werchne Kolimsk,« sagte er und ging an ein kleines Pult, in dem alles, im Gegensatz zu den übrigen Dingen im Zimmer, ziemlich ordentlich lag. Aus diesem Pult nahm er eine Landkarte, schob Tassen und Teller auf dem Tisch eifrig beiseite und breitete die Karte aus.

74 »Hier war Papa,« sagte er, »neun und ein halbes Jahr lang, dann kam er dahin – später hierher.« Emil zeigte alle Orte auf der Karte. »Zweiundzwanzig Jahre lang hat's gedauert, dann haben sie ihn freigelassen und er konnte endlich nach Deutschland ziehen, wohin er unterwegs war, als man ihn gefangen nahm. Denken Sie sich, damals begleitete ihn bereits ein Empfehlungsbrief an einen bekannten Münchener Maler; diesen Brief hat er zweiundzwanzig Jahre aufgehoben und hat ihn dann dem Sohn des Malers übergeben, der Vater war inzwischen gestorben. Papa hatte früher schon gemalt und ist hier als älterer Mann noch auf die Akademie gegangen. Er hatte nur wenig Geld und war krank; aber er hat doch mit seiner Malerei verdient. Sehen Sie, da ist etwas von Papa.« Emil ging wieder an sein Pultchen und brachte eine Mappe mit Skizzen. »Das sind Bilder aus dem Elend,« sagte er eifrig. »Das sind alles Gefangene und Verbannte mit Ketten, wie sie im Schnee stehen. Das hier ist ein Grenzstein, da nehmen sie Abschied voneinander. Die einen gehen dahin, die andern dorthin – sie werfen sich 75 auf den Schnee und weinen und schreien und jammern.«

Emil war ganz bewegt. Das Skizzenbuch war sein Eigentum. Olly blickte hinein und sagte: »Schade, daß Papa sich nicht hat besser ausbilden können, er hätte etwas erreicht. In den Figuren liegt Talent.«

»Geh',« sagte Emil. »Wie er's gemacht hat, so hat er's gemacht, da ist nichts zu kritisieren.«

»Mein Sohn Emil,« sagte die Mutter, auch jetzt mit matter Stimme, »hängt mit Zärtlichkeit an seinem Vater, obgleich er ihn nie gekannt hat.«

»I wo, kannte oder nicht kannte, meinen Vater, den kenn' ich,« platzte er patzig heraus in seinem Eifer. »Du kanntest ihn doch und weißt nicht einmal, wo er im Elend gesteckt hat. Jedesmal muß ich dir's sagen. Also wo hat er gesteckt? Zuerst in –? Na? – –«

Emil schaute fragend nach seiner Mutter, klopfte mit dem Bleistift auf den Tisch und wartete auf die Antwort.

»Wieder nicht,« sagte er. »Nun erfährst du's aber so bald nicht wieder von mir.« Er klappte das Skizzenheft zu und schloß es wieder ein. 76 »Geld hat er keines gehabt,« fuhr der dicke Bursche fort, »und krank ist er gewesen. Hätte er Mama nicht gefunden, wär's ihm noch übler gegangen. Aber in seiner langen Krankheit ist auch Mamas Geld weniger geworden, von tausend Geschichten – Mistjauche! Wenn die Menschen nicht so elend gewesen wären und ihm nicht bei jeder Gelegenheit mehr abgenommen hätten, als recht war, säßen wir jetzt anders da.«

»Jawohl,« sagte Olly wieder und schaute entrüstet auf ihren Bruder; »Geld! Geld! und Wohlleben, wie euch und besonders dir das im Blut steckt! Gottlob, daß kein Geld da ist, sonst würdest du verfaulen bei lebendigem Leibe. Wir sollen arbeiten. Arbeiten auf Leben und Tod – das ist's!« Diese Beteuerungsformel schien das junge Geschöpf zu lieben. Sie bediente sich ihrer bei jeder Gelegenheit. »Und die Menschen! Schimpf nur nicht immer auf die Menschen. Bist du etwa keiner? Wie ich das nicht hören kann! Das ist entsetzlich grün von dir. Woher meinst du denn, daß sie so abscheulich sind? Weil es Papa schlecht ging und uns auch nicht besonders? Natürlich deshalb. Sie sollen dir etwas ins 77 Haus tragen, du willst gehätschelt und gefüttert werden. Wofür denn? Ja, das werden sie aber bleiben lassen. Mit Recht. Ich gerade finde, daß die Menschen gut sind; viel besser, als sie zu sein brauchten. Meinst du etwa, die Natur wäre nicht grausam? Du? Eins frißt das andre immerzu und überall. Und es giebt doch Menschen, die wollen wenigstens die andern nicht fressen. Das ist erschrecklich viel – und denke doch, wie's ihnen geht. Gefragt wird keins, ob es leben will oder nicht – und dann kommt es in das Elend hinein, so dumm, so hilflos und arm, und muß mit allen Kräften arbeiten, um nicht zu verhungern, und die Krankheiten und die Kälte, der Winter und, daß er sündigen muß und gestraft wird, und tausend Nöte und Qualen – und das Blindsein und das Alter und der Tod – was für gräßliches Zeug! Und es giebt doch Menschen, die über alles hinaus gut sind. Was meinst du, ein Gott hat es leicht, gut sein, aber ein Mensch – Emil, weißt du, ein Mensch!«

Das sagte sie so liebevoll und faßte in ihrem Eifer die Hand ihres Bruders, gewissermaßen, um ihn auch körperlich zu sich hinüberzuziehen.

78 »Ihr seid wieder von dem bißchen Pech mit Erwin ganz zusammengekrochen. – Herrgott, wie man so wenig frei sein kann! Und dich, du dicker Sack, geht's doch gar nichts an, dächt' ich.«

»Oho,« sagte Emil. »Sack ist wieder gut.«

»Jesus,« meinte Olly, »wenn ein Künstler nicht Zigeuner ist! Ihr seid alle wie Kaufleute. Ist kein Geschäft gemacht, laßt ihr die Köpfe hängen. – Sie sind aber doch bei so einer Art Zigeuner,« wendete sie sich jetzt zum erstenmal an Gastelmeier, der ganz versunken dem jungen Geschöpf zugehört hatte.

»I wo, bei Zigeunern,« sagte Emil pfiffig und setzte die schlimmste Maske auf, deren sein bewegliches fleischiges Gesicht fähig war.

»Doch,« sagte Olly streng.

»Behüte,« antwortete der Bruder. »Ganz wo anders.«

»Wo denn also?« fragte Gastelmeier, amüsiert über das wunderliche Geschwisterpaar.

»Wissen Sie noch, weshalb Sie aus Ihrer früheren Wohnung ausgezogen sind?«

»Jawohl,« sagte Gastelmeier, »ich habe es Ihnen ja, dächt' ich, erzählt.«

79 »Wegen des Rangierbahnhofs; weil Sie dem Rangierbahnhof gegenüber wohnten, wegen der schauderhaften Unruhe – gelt? Wegen des ewigen Getriebs und Gezerrs, des ganzen Spektakels?«

»Ja,« sagte Gastelmeier.

»Also. Und der Unterschied hier, der ist? Na? Drin statt draußen. – Das hab' ich gleich gestern, als Sie's erzählten, gedacht.«

»So,« sagte Gastelmeier, der nicht recht wußte, was er von all diesen Dingen eigentlich denken sollte. Es war ihm unbehaglich zu Mute und doch blieb er sitzen und betrachtete mit Wohlgefallen das lebhafte junge Mädchen, das jetzt wieder eifrig an der Faust korrigierte. Diese Art Mädel war ihm noch nie vorgekommen.

Das heisere Läutwerk erklang von neuem. Auf alle Gesichter trat Spannung.

»Verflucht! verflucht! verflucht!« brummte Emil und schlug sich auf die kleinen strammen Schenkel.

Man ließ es zweimal läuten. Olly sagte: »Das ist Tante Zänglein.«

»Ihre Stunde ist's allerdings,« meinte die Mama. »Geh', mach auf, Emil.« Sie erhob 80 sich nicht selbst. Erwins zurückgeschickter Roman hatte sie zu sehr angegriffen – ihre Schwäche aber kam Emils Erziehung, wie es schien, zu gute. Er ging brummend hinaus.

Draußen erhob sich kurz darauf ein munteres Altweiberlachen und eine scharfe, junge Männerstimme redete drein.

»Da bringt sie den sparrigen Kerl wieder mit,« sagte Olly.

»O Gott!« seufzte die Mama.

Die Thüre ging auf und ein flinkes, zierliches Persönchen trat ein, ein allerliebstes altes Weibchen, gefolgt von einem baumlangen Burschen im Lodenrock. Er sah wie ein Bergfex aus, trotzdem er die vollständige Montur, Kniehosen, Nagelschuhe, nicht trug und auch nicht in bloßen Knieen ging. Er hatte ein hageres, langes, von der Natur nicht recht zusammengestelltes Gesicht, und eine vorstehende, sehr bewegliche Unterlippe.

»Fräulein Zänglein, unsre Tante,« stellte die Frau des Hauses die Eingetretene vor, »und: Herr Kaufmann, ein Kollege meines Sohnes.«

»Tantes Erbschleicher,« brummte Emil Gastelmeier ins Ohr. Er bezeigte Gastelmeier 81 überhaupt einiges Vertrauen, das hatte die Geschichte mit dem Rangierbahnhofe schon bewiesen. Ein solcher Bursch wie Emil ist für gewöhnlich wortkarg und steckt voll verschluckter und zu spät ausgebrüteter Bemerkungen.

»Gu'n Tag, Genie!« sagte der sparrige Mensch zu Erwin gewendet, während er sich auf einen Stuhl niederließ. »Wie steht's mit unserm Roman? He?«

Die Dame machte eine abwehrende Handbewegung, die so viel heißen sollte als: ›Schonen Sie ihn. Es ist nichts damit!‹

Erwin Oel bestätigte ebenfalls stumm diese mimische Mitteilung.

»Donnerwetter!« rief der junge Waldmensch teilnahmsvoll, »ist das eine Zucht! Das Beste, was hervorgebracht wird, das stecken die Herren natürlich in den Papierkorb. Ehe etwas nicht altbacken genug ist für ihre schwachen Mägen, verdauen sie's nicht. Immer gefälligst nach alten Mustern. Nur nichts Neues!« Er zog ein schiefes Maul, als ob es ihm eine schwere, unsichtbare Tabakspfeife herunterzöge, und schob die Unterlippe sonderbar vor.

82 ›Aha!‹ dachte Gastelmeier. ›Erwin Oel ist also einer von den Neuesten.‹ Gastelmeier gehörte, wie schon gesagt, zu denen, die still vor sich hin arbeiten, ohne Schlagworte und Geschrei.

Als wollte sie seine Gedanken bestätigen, nahm die vergeistigte Dame das Wort: »Es ist wirklich eine wertvolle Arbeit, gewissermaßen eine Prophetie, ein Ruf an die Menschheit zur Umkehr.«

Gastelmeier schaute sich Erwin Oel mit erneutem Interesse an, wie demnach einer aussieht, der einen Ruf an die Menschheit ergehen läßt. – Ein grüner Junge! In Gastelmeier siedete es, diese Mutter war ein Verhängnis für ihre Kinder. Er konnte etwas Verrücktes an einem Weibe nicht leiden. Die jungen Hühner, die hier so verschroben ausgebrütet wurden, thaten ihm leid. »Na!« sagte er zu Emil, »seid Ihr denn so modern?«

Emil zuckte auf eine schändlich blasierte Weise die Achseln, setzte sein ironisches Gesicht auf und brummte etwas, was so viel heißen sollte wie: Mistjauche! Wenn's aber noch etwas Erträglicheres giebt, so ist's das Moderne. »Übrigens,« sagte er laut, »was heißt modern?«

83 »Sagen Sie einmal, mein Sohn, wie alt sind Sie eigentlich?«

Emil lachte wie ein Faun; sein »Verflucht! Verflucht! Verflucht!« kam an die Reihe und er schlug sich aufs Schenkelchen.

›Ist das eine Zucht!‹ dachte jetzt Gastelmeier ganz wütend.

»Die spinnen,« sagte ein Stimmchen neben ihm, und als er sich nach der Urheberin des Stimmchens umdrehte, sah er in ein paar schelmisch blickende Altweiberäuglein. Tante Zänglein hatte sich leise wie ein Fledermäuschen zu ihm hin gemacht. Sie hatte auch ein Gesichtchen wie eine Fledermaus, so zierlich und niedlich, und die blinkenden kleinen sternenklaren Augen. »Die spinnen,« sagte sie noch einmal.

»Herr Gastelmeier,« rief der sparrige Jüngling, »ich hab' Sie mit meinem alten Schatz aus Salzburg noch nicht bekannt gemacht!«

»Sie ungezogener Mensch, Sie,« lachte das alte Weibchen.

Wie sie aber zu lachen verstand! Mein Gott, die kleine Alte lachte gern und schien jeden Windhauch zu benützen, um ihre Lachglöckchen klingen 84 zu lassen, so auch jetzt. Gastelmeier sah sich das kleine, alte Fräulein näher an. Es war allerliebst gekleidet, mit Geschmack und Wohlgefallen an netten Dingen. Gastelmeiers Herz hatte sie gleich gewonnen.

»Ah, das sind Leut'«, sagte sie. »Jetzt haben sie sich gestern geärgert, mein Gott, es verlohnt sich nicht der Mühe; heute sind sie alle außer Rand und Band. Aber, was sagen Sie, nicht wahr, den Erwin nähmen auch Sie nicht mit nach Italien? Ich geh' nämlich nächster Zeit hin,« fuhr sie lebhaft fort. »Irgend wen muß ich mitnehmen. I wo, so allein geh' ich nicht wieder, wie's letzte Mal; aber so eine Trauerweiden, wie den Erwin und dazu so ein Pulverfaß von Revolutionär, wie er ist – so etwas möcht' ich net mitnehmen. Deshalb sind sie alle bös. Der lange Bursch da soll mit.« Sie zwinkerte nach ihrem Begleiter hin, der mit Erwin, Olly und deren Mutter in ein hitziges Gespräch über Kunstfragen geraten war. »Mein Gott, so ein alt's Weiberl muß halt nehmen, was sich bietet. Und was Junges muß es sein. Wissen Sie, Altes hab' ich selbst genug. Und 85 außerdem: er ist ein armer Teufel. Ich wohne hier gerade gegenüber in der Schellingstraße. Mein Garten geht denen hier bis unter die Fenster. Das sind Leut',« beteuerte sie noch einmal und zwinkerte mit den Äugelchen. »Mir macht's eine Hexenfreud', zuzuschauen, wie geschickt die sich das Leben verderben. So ein Unsinn. Nein! Gott steh' ihnen bei! Ich hab mir das meine hübsch eingerichtet, wissen Sie, so ganz nach meinem Gusto. Das können die hier nicht leiden. Jetzt hören Sie nur, was sie wieder haben, über was sie da wieder in Eifer geraten. Hören Sie nur!«

Die kleine Alte setzte sich in Positur, als wenn sie in Gemächlichkeit ein Schauspiel betrachten wollte.

Sie hatten sich alle während des wütend-litterarischen Gesprächs erhitzt. Naturalismus, modern, altbacken, neue Werte und so weiter. Das alles war wie Schneebälle bei einer Schneeballschlacht hin- und hergeflogen mit schwindelerregender Schnelligkeit. Erwin Oels nicht anzubringender Roman schien immer noch die Ursache dieser Erhitzung zu sein.

86 »Klimpern gehört zum Handwerk,« sagte das Altchen vergnügt und behaglich. Sie amüsierte sich.

Die Frau vom Hause, ihr Erwin und der sparrige Mensch waren über den Roman eines bekannten Schriftstellers hergefallen, der sie alle drei entrüstete. Gastelmeier kannte ihn auch, es war nichts Erwähnenswertes daran; aber der Autor war berühmt. Eine höchst einfache Thatsache, die aber die drei Eifrigen in die größte Wut versetzte, so daß sie nach allen Regeln der Kunst zuerst das Machwerk gründlich abschlachteten, und, als da nichts mehr zu thun übrig blieb, ihr großer Zorn aber noch nicht gestillt war, sich über den Autor selbst hermachten.

Erwins Kollege hatte das aufgebracht. Sie begannen den Autor selbst zu schlachten. Und dieser Autor war ein wohlbeleibter, soignierter Lebemann, ein vornehmer Mensch, dem es im Leben vortrefflich erging. Das amüsierte die drei außerordentlich. Sie zerteilten ihn in Stücke und bestimmten diese zu verschiedenen Gerichten. Emil lachte aus vollem Halse, auch Olly amüsierte sich. »Er verdient's nicht anders, wahrhaftig, er verdient's nicht anders,« sagte sie.

87 »Aber die Augen, seine Fischaugen, was machen wir mit denen?« rief Emil strahlend.

»Solche Fischaugen sind zu nichts zu brauchen, das ist Abfall!«

»Bravo!« sagt die Dame des Hauses und konnte sich vor Lachen kaum aufrecht erhalten.

Gastelmeier war entrüstet. So ein fanatisches Weib! Er konnte auch den Witz von der Sache nicht einsehen. Eine Roheit – nichts andres! Und Olly, das junge Mädel, lachte mit. Er wendete sich zu ihr und fragte: »Weshalb lachen Sie eigentlich?«

»Weil es komisch ist,« bekam er zur Antwort.

»Komisch? – Na!« sagte Gastelmeier.

»Ein Mensch, der so schreibt, verdient's nicht anders. In der Kunst sollte streng gerichtet werden, strenger als bei einem Verbrechen,« sagte sie fest und mit leuchtenden Augen.

»Die Olly ist ein recht gutes Mädchen,« wisperte das Altweiberstimmchen wieder neben ihm, »aber spinnen thut sie auch. Kunstfexen sind sie eben alle miteinander. Jammerschade. Und ich seh' schon, mein Kraftmensch ist auch net viel besser. So dummes Zeug aufzubringen. Na, 88 wart', den lang' ich mir, den nehm' ich mir 'mal auf die Seite und mach' ihm die Sache klar, dann sollen Sie sehen, der wird so zahm, daß er aus der Hand frißt. – Jodeln sollen Sie ihn aber einmal hören. – Herr Kaufmann, jodeln Sie doch einmal.«

»Ja, mein Schatz,« sagte er, »zu Befehl!« machte wieder ein schiefes Maul, schob die Unterlippe vor und sammelte sich, wie es schien. Darauf begann er zu jodeln, daß die Scheiben klirrten. Er jodelte vortrefflich, ganz ausnahmsweise gut – fabelhaft.

»Sehen Sie,« wisperte das alte Weibchen, »das ist mein Genuß. Das ist für mich schöner als der schönste Gesang. Das ist eine Kraft, an der man sich aufrichten kann.« Sie zwinkerte mit den Äuglein. »Dessentwegen, wegen dem Jodeln, nehm' ich ihn mit.«

Gastelmeier fand an dem alten, kleinen Fräulein immer mehr Gefallen, aber das reizende Geschöpf, die Olly, hatte ihn verstimmt. Freilich mußte er immer auf sie schauen. Er verstand sie nicht. Olly war eine neue Welt für ihn.

Wie sie soweit friedlich bei einander saßen, 89 geschah mit einemmal ein Krach, ein Donner, ein Geklirr und Gepolter, daß alle zusammenfuhren.

»Jesses Maria!« rief das alte Weibchen entsetzt. »Was ist denn das? Wer fehlt denn hier? – Emil.«

Diese praktische, wie es schien, vielgeübte Umschau hatte das alte Weibchen mit großer Geistesgegenwart sofort unternommen. Emil fehlte wirklich.

»Ach Gott!« rief die jetzt ganz entgeisterte Madame, »er hat nach Butter gesucht und hat den ganzen Rauchfang über dem Herd heruntergerissen. Großer, allmächtiger Gott! – mit allen Sachen. Was andres kann es nicht sein!«

»I wo,« sagte der sparrige Jüngling, dem die Erklärung unglaublich vorzukommen schien.

»Hab' ich's nicht immer gesagt, das kommt von der Fexerei,« rief Tante Zänglein. »So ein unsinniges, altmodisches, modernes Ding über einem Herd zu haben, das kann auch nur Euch passieren. Die ganze Simpelei hing an einem Draht.«

Während dies und noch verschiedenes andre geäußert wurde, stürzte die ganze Gesellschaft hinaus, durch den Korridor in die Küche. Dort fand man ein Bild der Zerstörung vor, das jeder 90 Beschreibung spottete. Es war wirklich der künstliche Rauchfang, den irgend ein mittelalterlich gesinnter Stilbaufex über dem modernen Sparherde sinnreich angebracht hatte, herabgestürzt. Der Rauchfang hatte sich über den Herd gestülpt und alles, was auf dem Herd war, überdeckt – und da war etwas, man roch es noch, etwas Gebratenes, Gezwiebeltes, und alles, was auf dem Bord des Rauchfangs stand, war mit heruntergepoltert und lag zerbrochen und zerquetscht umher. Was irgend an der Wand hing, war herabgestreift, ein Chaos, und Emil war nicht zu bemerken.

Die entsetzte Mutter lehnte, unfähig, irgend etwas Vernünftiges zu thun oder zu sagen, an dem Thürpfosten.

Olly rief: »Emil!«

»Der Emil wird doch nicht drunter gekommen sein?« meint Tante Zänglein.

»I wo,« sagte der sparrige Jüngling und rüttelte mit Erwin, Gastelmeier und Olly an dem Unglücksrauchfang; aber es war keine Möglichkeit, ihn in die Höhe zu bringen. Es war alles mit dem Herd fest verkeilt.

»Da hat er sich über Euer Abendbrot gestülpt,« 91 sagte Tante Zänglein und schnüffelte mit dem Näschen, »vorhin roch es so gut nach Zwiebel. Was hattet Ihr denn Feines? Das geht ja hoch her!«

»Lieber Himmel,« sagte Frau Kovalski tragisch. »Das waren die Beefsteaks, die sollten uns wieder etwas zu Kräften bringen, die sind nun auch verloren! Wo ist denn Franziska hingelaufen? Weshalb hat sie sie nicht vordem aufgetragen?«

»Ja, als ob man bei Euch irgend etwas vorher wissen könnte!« sagte Tante Zänglein.

Olly rief: »Gottlob, daß Emil wenigstens nicht drunter ist.«

»Guck, Guck, der hat sich aus dem Staub gemacht, der Lump,« lachte Tante Zänglein. Sie war längst wieder dabei, sich zu vergnügen. Die Hausfrau aber schien mehr Mühe als andre Sterbliche zu gebrauchen, ihre fünf Sinne in einem solchen Fall wieder beisammen zu bekommen. Sie war ganz auseinander und es arbeitete in ihrem Gesicht, als wollte ein Thränenstrom hervorbrechen.

Was war denn aber das? Ein sonderbares Zischen und Wüten, ganz am Ende des Korridors, 92 das man in der Aufregung erst jetzt bemerkte. Alle spitzten die Ohren.

Mitten zwischen diesen Geräuschen, die mit dem Lärm, den ausströmender Dampf zu machen pflegt, eine große Ähnlichkeit hatten, rief jetzt Emils Stimme: »Erwin, du Esel! Erwin!« Das klang wütend und angstvoll und wie in höchster Gefahr.

»Allmächtiger, mein Bad!« schrie Erwin. »Das hab' ich vergessen!«

Jetzt stürzte er durch den engen Korridor und alle ihm nach an die zweite Unglücksstelle. Die sah auch nicht übel aus. Der Badeofen, zum Zerplatzen überheizt, daß der Dampf wütend aus den Ventilen zischte. Und der Krahn fürs kalte Wasser offen, das mit Vehemenz in eine Badewanne stürzte, die ihren Überschwall über die Diele laufen ließ.

»Erwin, der Krahn geht nicht zu!« jammerte Emil mit wütender, weinerlicher Stimme.

»Wo ist denn die Zange, ohne die Zange geht's ja nicht mehr!« rief Erwin.

»Ja, wo hast's denn?« gab Emil zurück. »Wegen der ist ja schon der Rauchfang 93 herunter. Wer zum Teufel hat sie denn wieder verschleppt!«

Erwin stand ratlos und unbeweglich.

Emil arbeitete immer noch mit seinen kleinen festen Fäusten daran, den Krahn umzudrehen, und war in heißen Dampf eingehüllt wie ein Posaunenengel in Wolken. Da schob endlich der Kraftmensch die verzweifelte Gesellschaft auseinander und würgte in den Dampfwolken herum und wie es schien, mit Erfolg, denn das Hineinschießen des Wassers in die überrinnende Badewanne hörte auf. Er brachte dann die Geschichte soweit in Ordnung, daß wenigstens einer weiteren Überschwemmung und einer Dampfkesselexplosion vorgebeugt war.

»Herr, mein Gott! Dieser unselige Roman!« rief Frau Kovalski. Sie war nun von dem drohenden Weinkrampf, der sich bei dem Anblick der Küchenverwüstung angekündigt hatte, wirklich gepackt und suchte an Erwin Halt, der selber fassungslos dastand.

»Ein Unglück bringt zehn andre mit sich,« schluchzte sie.

Tante Zänglein amüsierte sich schon wieder. 94 »Das kommt wirklich alles vom Roman,« sagte sie eifrig zu Gastelmeier und zwinkerte pfiffig mit den Äuglein. »Ich kenn' das schon. Nach so einem Mißerfolg sind sie gedankenlos wie die Hühner . . .«

Gastelmeier ging heute ganz überwältigt zu Bette und mit dem festen Entschluß, so bald als thunlich sich aus dem Staub zu machen. Da war ihm sein veritabler Rangierbahnhof mit der guten Verpflegung doch lieber als dieser, der auf geistigem Gebiet verzehnfachten Spektakel machte. Da war gar kein Zweifel, von hier mußte und wollte er fort. 95

 


 

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