Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Helene Böhlau >

Der Rangierbahnhof

Helene Böhlau: Der Rangierbahnhof - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Rangierbahnhof
authorHelene Böhlau
year1913
firstpub1895
publisherEgon Fleischel & Co.
addressBerlin
titleDer Rangierbahnhof
pages318
created20140201
modified20180911
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorJens Sadowski
Schließen

Navigation:

X.

Ein feuchtes, rauhes Frühjahr ist gekommen und von den knospenden, regentriefenden Bäumen herab, unter grauem Himmel, tönt das Amsellied, diese Seelentönchen, die Erinnerung und Sehnsucht bringen, die am Herzen rütteln und den Kinderseelen Frühlingswonne schaffen. Diese urweltlichen Stimmchen, die uns erfassen und uns in das Neuerwachen mit hineinreißen, auch dann, wenn wir todmatt sind, wenn wir der Weltverjüngung entfliehen möchten, weil nur der Jammer in uns wieder jung wird. Das Frühlingsamsellied unter grauem Himmel von knospenden, regentriefenden Bäumen herab, reißt erbarmungslos alles, was lebt, was Ohren zu hören und ein Herz hat, mitzuempfinden, in den Verjüngungsstrom hinein. Denen aber, die um ihr Leben betrogen sind, thut es weh zum Aufschreien.

282 Olly hat mit Mimm und Emil in den Isarauen die erste Ausfahrt gemacht. Aufs äußerste erschöpft, ist sie daheim wieder angelangt, liegt auf dem Sofa und sieht mit großen Augen starr vor sich hin.

Emil deckt den Theetisch, stellt einen großen Strauß Himmelsschlüssel darauf und scheint die erste Ausfahrt feiern zu wollen.

Mimm setzt sich auch zum Thee; aber die Feier will nicht in Gang kommen. Olly liegt teilnahmslos, und nur durch ein Zeichen giebt sie zu verstehen, daß man ihr Ruhe lassen soll.

Der junge Duft der frischen Himmelsschlüssel dringt kaum merklich durchs Zimmer. Sie empfindet ihn und er thut ihr weh, weh, wie alles und jedes.

Mimm macht sich zum Ausgehen fertig. Ehe er geht, streicht er Olly über das Haar. – »Geht's denn besser?«

Wie dies unnötige Fragen ihr an der Seele reißt! – Jetzt ist sie allein. Sie regt sich nicht. In ihr kämpft und bebt es; der große Frühlingsschmerz liegt über ihr, der in den Verlorenen, in denen, die das Leben ausgestoßen hat, wühlt und zerrt.

283 Es schellt. – Emil kommt ins Zimmer geschlichen. »Olly, Köppert ist da. Willst du ihn sehen?« Sie nickt.

»Darf ich?« fragt Köppert, ehe er eintritt.

Ein heiseres, kaum hörbares »Ja«.

Er setzt sich ihrem Sofa gegenüber. Beide sind still. Ollys Augen ruhen auf ihm. »Mir ist bang,« sagte sie völlig stimmlos. Es klingt gleichgiltig und ohne Ausdruck.

Köppert kann nicht ruhig bleiben. Er ist bleicher geworden, seine hagere Gestalt dehnt und dreht sich gewissermaßen. Diese ausdruckslose Verzweiflung hat es ihm angethan. »Ich habe Ihnen da was mitgebracht,« sagte er – »ein Seelchen – etwas, was Sie nicht kennen – wetten? –« Er zieht ein Pappschächtelchen aus seiner Tasche, hält es vorsichtig in der Hand. In die Pappe sind Löcher gebohrt.

»Lebendig?« fragt Olly. Er nickt.

»Ein Vogel?«

»Beinah. Passen Sie auf, ob Sie's kennen.« Vorsichtig öffnet er die Schachtel und nimmt ein in ein Leinwandläppchen gewickeltes graues Wesen heraus.

284 »Ein Fledermäuschen«, flüsterte Olly.

»Jawohl. Zusammengelegt wie ein Regenschirm. Sehen Sie sich's nur an.« Er hält es auf der flachen Hand und zeigt ihr's hin. »Jeder Esel meint, er kennt so ein Seelchen in- und auswendig. Gott bewahre, das könnt' jeder sagen. Der kleine, zart pulsierende Schatten mit dem wundervollen Elfengesichtchen, schauen Sie nur – die Edelsteinaugen! Diese Zartheit im Näschen und im Schnäuzchen, die winzigen Zähne und die großartigen Riesenohren! Nicht? – schaut sie nicht aus wie eine kleine Pfründnerin in der Haube? Nicht wahr neu? Das kannten wir noch nicht?« Er lachte etwas auf.

Es reckte die Flügel ein wenig. Olly befühlte es. »Ein Hauch,« meinte sie.

»Nun, und wie steht's mit der Kunst?« sagte Köppert. »Ich meine: wir, wir Neuen, wie soll ich sagen, wir kennen das Fledermäuschen! Zum Beispiel: Sie und ich etwa – wir durchgeglühten Seelen. Wir malen's, wollen's wenigstens malen, bis in die feinsten Geheimnisse, wie es pulsiert. Es sieht nicht aus wie eine Fledermaus, sagen die andern, die eine Fledermaus 285 höchstens aus Bilderbüchern kennen, eher wie ein zusammengeklappter Regenschirm. – Affektiert. – Wo sieht's so aus? Niemals. – Jawohl, kennt ihr's denn? – Wer wird eine Fledermaus nicht kennen? sagen sie. Punktum. – Ich aber sage: Die Fledermaus ist ihnen ganz Geheimnis. Gerad' wie der Mensch auch. Sagen Sie selbst, wann steht je einer so niederträchtig superklar da, wie die Leute ihn gemalt haben wollen und wie sie ihn gemalt bekommen? Immer geheimnisvoll. – Lichter, Schatten, Fleisch, Fett, alles unbestimmt ineinander zitternd – dort wieder wie in Fels gehauen, hier wie im Nebel, jetzt strahlend, jetzt verschwommen – auf- und niederwogend. Grau. Blendend. In allen Farben. Fahl. Eine wilde Jagd.

»Jetzt schauen wir ganz ruhig und warten's ab, und – halt still – haben's – aber in einem Moment, der so intim, so erhascht, so überrumpelt ist, daß die andern ihn überhaupt nie gesehen haben, so wenig, wie sie das Fledermäuschen je sahen, darum sag' ich: Wir erfassen das Fledermäuschen, wir lehren euch die wunderliche Erde wie neu kennen, an der ihr vorbeilauft und davon redet, als kenntet ihr sie.

286 »Darf ich's zum Fenster hinausthun?«

Er hatte das Tierchen, während er sprach, immer zart in den hohlen Händen gehalten, damit sie sich das Köpfchen beschauen konnte. Er öffnete das Fenster ein wenig. Das Tierchen saß ihm auf der Hand, krabbelte hin und her, ganz vertraulich. »Schlimm hast du's nicht mit mir gemacht,« dachte es vielleicht. Ein pfeifendes, piependes Tönchen und fort war es.

»Auch ein Frühlingsbote,« sagte er und schloß das Fenster. »Es ist mir ins Atelier geflogen. Übrigens, weil wir gerad' dabei sind. Es ist fabelhaft, was für Fortschritte Sie gemacht haben, seit wir uns kennen – rein fabelhaft! Ja, mir hat's was Unbegreifliches. Offen gesagt: ich hab's einem Weibe nicht zugetraut. Eine Feuerseele! Sie werden eine große Künstlerin. Sie sind eine. Bei uns ist keine Schmeichelei. Sie dringen riesig fein ein – so was ich sagte – in die Geheimnisse, die andre nicht sehen.«

Er hatte nicht auf Olly geschaut, als er sprach, sondern irgendwohin, nach der Decke oder auf den Fußboden, wie das seine Art war, wenn er etwas Gutes zu sagen hatte. Jetzt hob er den Blick 287 und sah ein Gesicht vor sich voller Glückseligkeit. Das arme, schmerzbeladene, kranke Gesicht von vorher war mit einem Schlag verändert. Hoffnungslosigkeit, verbissene Qual, fortwährendes gehetztes Überangestrengtsein, alles hatte sich verkrochen, wie die Nacht vor der Sonne.

Das Glück war da, rein und groß. Sie hob die Hände und faßte die seinigen und sagte wie er vorhin, aber bebend vor Bewegung: »Auch ein Frühlingsbote! Wie soll ich Ihnen danken!«

Köppert wußte wieder nicht, was er sagen sollte, fuhr sich durch den Haarschopf, zog die Schultern in die Höhe. »Mir danken? – oho – hoho –.«

Er war ganz erschüttert, daß sie in ihrem Elend so ungeheuer glücklich war. Und er brummte allerlei zerhacktes Zeug vor sich hin, aus dem kein Mensch klug werden konnte. Und es war ihm, als sähe er es, wie eine Riesenfaust über den Berg griff und roh und gleichgültig das herrliche Geschöpf mit der Feuerseele zerquetschte vor seinen Augen. ›Und so scheußlich muß sie mir zu Grunde gehen!‹

Er wendete sich ab, reckte und streckte sich, 288 machte die sonderbarsten Grimassen – und atmete tief auf, um die Brust frei zu bekommen.

»Wie Sie turnen?« sagte Olly tonlos und mühselig und lächelte ihn immer noch strahlend an. Da machte der unruhige Geist noch einen letzten energischen Schlenker mit dem Arm. »Diese Hühner, die Weiber,« sagte er. »Sie wissen ja, wie ich denke. Ewig kleinlich, am Geringfügigsten kleben, engherzig, schlau, berechnend. Ah! – nie ein reines Feuer, was ihnen einmal durch die Seele führe und alles niederbrennte, alle Lumperei, – nie und nimmer! Eine ewige Dumpfheit.

»Ich weiß schon, ich weiß schon, ereifern Sie sich nicht,« wehrte er ab, als Olly sprechen wollte. »Sie – Sie – na – Ausnahmsweib. Einfach guter Kamerad mit einer Heldenseele. Anfangs glaubte ich Dämon.« Er lehnte sich wieder in den Stuhl zurück. »Gottlob, nein.« Er fuhr sich über den Haarschopf. »Ja,« sagte er, »so wundervoll zu einem Weibe stehen, so ganz simpel – Mensch zum Menschen – und nicht Raubtier. Diese Hühner, sie könnten's haben, wenn sie wollten, weshalb nicht? Aber nein! Mit dem bißchen Weibsein muß herumgeprahlt werden, als 289 wenn sie ein Königreich an den Mann zu bringen hätten.«

Er schaute wieder zur Decke, denn er stand wahrscheinlich im Begriff, etwas Sonderbares zu sagen. »So einen Kameraden zu haben, wie ich jetzt,« murmelte er, »ja, das könnt' ein jeder wollen, wär' net übel – das ist für Auserwählte. Verstehen Sie, das ist eine Belohnung, die eben nicht für jeden ist.«

Er hatte die Beine übereinander geschlagen, bewegte die Fußspitze hin und her und betrachtete diese sehr aufmerksam.

»Ich hab' einmal die ganze Nacht auf einem Stoppelfeld zugebracht. Wissen Sie – das ist sehr leicht gesagt. Teuflisch! eine Art Lager, um tobsüchtig zu werden. Glauben Sie, daß es möglich ist, die Stacheln mit so 65 Kilo niederzudrücken? Kein Gedanke, diese vegetabilischen Borsten stehen kerzengerade und bohren und kratzen und stechen – sind einfach unbezwinglich, rauh, roh, rapauzig wie 's Leben – und eine lange Nacht und immer von einer Seite zur andern.«

»Als Soldat?« fragte Olly.

290 »Als ganz gewöhnlicher Mensch,« erwiderte er. »So um fünf Uhr morgens, da war's genug. Ich kann etwas vertragen eigentlich. Endlich nervös wie ein Vollblutpferd, einfach wütend. Ich geh' hinunter zum Strand, es war an der See. Ein grauer Morgen – riesig fein. Ich warf die Kleider ab – und nun hinein – ganz langsam. – Nach den rapauzigen Borsten diese Weichheit! Herrgott noch einmal! Dabei war's kalt; aber eine Weichheit! – weich wie mit Mutterhänden strich mir's am Körper hin – so wie Mutterhände eigentlich sein sollten!« Er reckte sich wie im Ärger – »ja – sollten!

»So ist mir's nach den Borsten, auf denen man sich sein Lebtag zu wälzen hat, wenn wir beide miteinander sind. Eine Weichheit! Da ist nichts, was sticht und reibt. Ich vergesse, daß ich Raubtier bin – keine Reue, keine Wut – ganz einfach Kameradschaft. Worte!« brummte er, »das ist auch nicht das rechte Wort,« und er schaute immer noch nach seiner Fußspitze.

Ollys Blick aber hatte aufmerksam und tiefbewegt an ihm gehangen. »Ach, geben Sie mir die Hand,« sagte sie.

291 Und er faßte ihre beiden heißen, durchsichtigen Hände und sah ihr gerade in die Augen.

»Weshalb sagen Sie das zu mir? Um mich glücklich zu machen?«

»Man sagt einander viel zu wenig Gutes,« meinte er.

Sie hatte etwas ganz Verklärtes. Ein Friede lag über dem Gesicht, der Köppert seltsam berührte, und sie behielt seine Hand in den ihrigen.

»Ich danke Ihnen,« sagte sie leise. »Ist das eine wunderbare Sache, daß Sie zu uns gekommen sind! Mimm sagte den ersten Tag, als Sie kamen: ›Dein Messias kommt‹. Ihre Werke waren mir Offenbarungen – das wissen Sie. – Und nun – nun!« Sie konnte nicht weiter sprechen, sah ihn aber an mit einem Ausdruck, als läge sie vor ihm auf den Knieen und küßte ihm die Hände.

Sie waren beide jetzt still. Emil brachte die Lampe herein. »Er ist so gut,« flüsterte sie.

»Jawohl,« sagte Köppert, »er hat so etwas wie Herz. Deshalb ist er aber doch faul und ein halbgebackenes Brötchen, wenn er über Dinge spricht, die ihn nichts angehen.« Er lachte Emil zu.

292 »Oho,« sagte Emil, schlug sich aufs Knie und ging wieder zur Thür hinaus.

»Morgen kommt der Doktor, um wieder eine Untersuchung zu machen. Gott weiß, was er da findet! Kommen Sie, bitte, nachmittags.« Sie sagte das bebend. Köppert mußte sich ganz zu ihr hinneigen, um sie zu verstehen.

Sie machte eine Pause, dann fuhr sie fort: »Es wär' gut, wenn Sie kämen. Mimm verliert immer ganz den Kopf. Und Mama! – mein Gott, wenn Mama doch nicht käme! Aber sie sind immer alle da, – die beste ist noch Tante Zänglein, aber die ist so ein kleiner Irrwisch. Sie schaut sich alles an – ich weiß nicht wie – so kühl. Ich bin grenzenlos allein, wenn sie alle aufgeregt sind. Niemand denkt an mich, jedes an sich. Wie man das spürt, wenn man so krank ist! Diese Einsamkeit! Emil – Emil ist gut. Also Sie kommen?«

Als Köppert ging, dankte sie ihm noch einmal mit einem Ausdruck, den er sein Lebtag nicht vergessen sollte.

Sie war wieder allein und lag still und unbeweglich wie vordem, ehe Köppert gekommen war; 293 aber den großen Frühlingsschmerz hatte er von ihr genommen und ihr etwas dafür gegeben: Herzensfrieden und das sichere warme Sommerglück der Gegenwart. Die Sehnsucht, das Werdenwollen, das Quälen und Ringen und Kämpfen, das die Freude an dem, was schon ist, erstickt, hatte er ihr zurückgedämmt, und sie sah, vielleicht auch nur auf Augenblicke, daß schon etwas geworden war, von den Dingen, die sie so heiß erstrebte.

Gastelmeier kam zurück. »Nun, wie geht's Frauchen?« fragte er.

Da schlang sie den Arm um seinen Hals und sagte tonlos und heiser: »Mimm, hörst du, Köppert ist mein Kamerad. Er hat's mir eben gesagt.«

»Na, Köppert ist ein riesig guter Mensch,« erwiderte Mimm.

* * *

Was war alles geschehen und durchgekämpft, als Köppert am andern Tag kam!

Er versuchte zu klingeln. Die Klingel gab keinen Laut von sich. Sie hatte ihn gebeten zu 294 kommen und er war gekommen und ging nicht wieder. Sollte sie umsonst warten?

Er klopft. Niemand hört. Er lauscht, klopft wieder – da – in der Küche wurde geklappt und gewirtschaftet. Er klopft von neuem. Jetzt kommt jemand. Die Köchin öffnet und schaut ihn verblüfft an.

»Was soll das?« fragt er.

»I mein' schon, Herr Köppert, daß Sie heut' net herein können. Die Nacht ist's so viel schlimm gegangen. Der Doktor hat sie schneiden müssen – ja. Weiß net, was das noch werden mag. An silberns Röhrel hat er ihr in 'n Hals gesteckt. Reden kann s' nimmer. Der Emil sagt: ›Dauern kann s' noch lang‹. Aber i mein' schon, a Freud' wird s' nimmer viel dran hab'n.«

Köppert stand regungslos.

»I mein' schon,« fing die Köchin wieder an und sah auf den hageren, starren Menschen.

»Gehen Sie, sagen Sie, daß ich da bin.«

Er dachte an ihre rührenden, hilfesuchenden Worte.

»Ja, aber,« meinte die Köchin, »drinnen sind s' ganz auseinand.«

295 »Gehen Sie . . .«

Als er in das ihm so bekannte Zimmer trat, in dem sein Kamerad ihn seit Monaten ehrlich beglückt empfangen hatte, war es ihm zu Mute, als öffnete er die Thüre zu einem Garten, den er am Abend unberührt und voller Blüten und Kräuter verlassen hatte – und am Morgen ist alles zertreten und zerstampft, als hätten Dämonen darin gehaust.

Bleich trat er ein; die hagere Gestalt wie zugespitzt von innerer Erregung, die sehnigen Hände ineinandergekrampft, die Augen spähend. Zerstörung wohin er sieht. Die Anmut des Raumes fortgewischt. Jeder Stuhl, der im Weg steht, zeugt von verzweifelten, vom Unglück gepackten Menschen. Eine riesige Unordnung im Zimmer – Sachen, Sachen und wieder Sachen, sinnlos hingeworfene Sachen.

Gastelmeier steht am Fenster, starrt auf die Straße hinaus, dreht sich nicht um, als er die Thür gehen hört. Ollys Mutter sitzt auf dem Sofa. Sie sieht zerzaust aus, so unmütterlich wie möglich, keine Trostbringerin, eine Trostbettlerin; neben ihr Erwin zusammengekauert.

296 Wie sitzen diese Leute da!

Auf dem Sofa, auf dem irgend wer die Nacht geschlafen haben muß, liegt noch das Bettlaken ausgebreitet. Auf der Erde steht ein Waschgeschirr, auf einem Stuhl das Frühstückszeug noch. Eine Tasse ist umgestürzt, der Inhalt hat sich auf den Fußboden ergossen: auf allen Gegenständen Staub, vor dem Ofen Asche und Kohlen durcheinander. Dort Verbandzeug, auf dem Tisch eine Schale mit blutigem Wasser, blutbefleckte Tücher, Wasser, Flaschen.

Köppert errötet, es thut ihm weh. – Wenn das Seelchen das wüßte! Seine Augen bohren sich wahrhaft in die nervös verzauste Mutter. ›Auf, alte Närrin!‹ sagen diese heftigen Blicke. ›Was bist du denn? Erwirb dir endlich das Recht zu leben – greif an! Was gehen deine Nerven dich an, laß sie meinetwegen an dir herumhängen – aber thu deine Pflicht!‹

Er war sinnlos wütend, Köppert. Wie zugespitzt er aussah! Er hatte den Sumpf, aus dem das Seelchen stammte, längst kennen gelernt, dieses Volk, das die schwachen, erbärmlichen Arme nach der Kunst ausstreckte, die Kunst als noblen 297 Broterwerb betrachtete, diese frivolen Schwächlinge, die nicht wußten, wie sie mit dem Leben auch nur auf die elendste Weise fertig werden sollten, und mit dem Martyrium der Kunst spielten. Aus diesem Sumpf, der nur Blasen auswirft, war dennoch eine Heldenseele aufgestiegen, eine Prachtseele, die bis zum Tod voller Schaffenskraft und Feuer war, die alles überwand. Und diese Seele lag jetzt verstümmelt, blutend zugerichtet, aufgegeben, und die Blasen machten sich wichtig und bliesen sich auf bis zum Platzen.

Die ihm so verhaßte Dame wollte ihn wehmutsvoll anreden und begann etwas Hochtrabendes. Er wendete sich ab. »Nun – nun – nun,« sagte er zu Gastelmeier und rührte ihn an der Schulter an.

»Das ist ein Leben. Wenn du wüßtest,« murmelte der, »eine Hölle!«

»Thun Sie die Tücher fort – und die Wasserschale,« sagte Köppert ruhig zu Frau Kovalski.

»Wozu?« sagte Gastelmeier, »laßt nur alles stehen und liegen, wie es liegt in diesem Unglückshaus; überhaupt, wozu hier etwas anrühren?«

298 »Verlier den Kopf nicht,« sagte Köppert, »armer Kerl.«

»Ja, das ist's, was ich vom Leben erhofft habe!«

Gastelmeier preßte den Kopf an die Glasscheibe. Er stand verzweifelt und verbittert da. Seiner behaglichen Person ging's schlecht, ihm war alles verpfuscht, ihm geschah das Entsetzliche – über sich selbst kam er nicht hinaus, und sein Schmerz war daher bitter, bitter wie Galle und von dem Mitleid für andre unverdünnt. Freilich hatte er Mitleid mit der Armen – aber daß er Mitleid haben mußte, das war's was ihm weher that, als das Mitleiden selbst. Er sah drollig aus. Seine Beinkleider hatten eine Art und Weise zu sitzen, die durchaus nicht zu der verzweifelten Stimmung paßte. Der Sitzteil dieser weiten Beinkleider hatte die Eigentümlichkeit, wie eine Art Schmetterlingsnetz an seiner geknickten Gestalt herabzuhängen.

»Diese Hölle heut Nacht, Köppert, so etwas geht über die Kräfte, die einem Menschen zur Verfügung gestellt sind.« Er murmelte unverständlich. Beide Hände hatte er in den 299 Hosentaschen. Er sah wie breitgedrückt vom Schicksal aus.

»Es ist Hoffnung, daß sie noch leben kann, aber Köppert – siehst du – ganz ohne Stimme – weißt du? – und gesund? – Nie wieder eine gesunde Frau.«

Die Augen standen ihm voll Thränen, er hatte schon viel geweint und schnüffelte etwas. »Seit wir verheiratet sind, eine ewige Unruhe – nie Frieden. So reizend, so lieb, wie sie war – und doch nicht, wie es hätte sein können. Und nun – das!«

Er mußte sprechen. Er konnte seine Gedanken nicht mehr zurückhalten und ging neben dem langen, hageren Köppert, der seinen eigenen Gedanken, wie es schien, nachging, auf und nieder.

»Wenn ich denke, ich zog damals wegen dem Rangierbahnhof aus der Salzstraße; – aber was ist ein Rangierbahnhof gegen das Leben, wenn nicht alles ist, wie es sein sollte! Siehst du, Köppert – und es war nicht alles, wie es sein sollte,« sagte er in seiner Bewegung wieder, »es war nicht alles, wie es sein sollte. Schon in der Blütenstraße fing's an. Da rangierten 300 sie und kamen mit nichts zurecht. Ich weiß nicht, wie sie's machten. Es war ein ewiges, geistiges Gepolter im Haus, ein ewiges Rasseln und Schnaufen und Würgen, keine Seelenruhe. Sie waren immer geheizt wie die Lokomotiven. Siehst du, – die Kunst, – Köppert, ich hab' immer gemeint, daß sie etwas ganz Harmloses wäre, eine stille Beschäftigung, – aber das ist sie ja gar nicht – oder sie ist's nicht mehr, ich weiß nicht. Eine lärmende Maschine, die Unfrieden und Unbehagen ins Haus bringt. Und wenn das Haus nicht groß genug ist und die Kräfte, die die Maschine leiten, nicht stark genug und nicht geübt genug – und die Maschine kommt ins Rennen – und die Schrauben halten nicht, wie sie sollten – so rennt sie alles über den Haufen und wütet das ganze Haus zusammen. Es gehört Riesenkraft dazu, um mit dieser Teufelsmaschine jetzt auszukommen. Die Schwachen sollten sich nicht daran vergreifen.«

In Gastelmeiers Hirn hatte sich der Vergleich, den Emil einmal gebraucht hatte, mit der Zeit eingeätzt. Er hatte im flüsternden Ton unaufhaltsam gesprochen, hatte nicht auf seine 301 Schwiegermutter und den Schwager geachtet und nicht auf Köppert; es war ihm gleichgiltig, wer zugegen war. Was er sagte, mußte er sagen – und er hätte so viel mehr sagen können. – Aber schon das Wenige war eine Erleichterung. »Und,« fuhr er fort, wobei wieder zwei große Thränen über die behaglichen Wangen liefen, »was ist hier rangiert worden – hier – Köppert, – bei aller Liebe! Glaub mir, rangiert von früh bis in die Nacht – und nachts – nachts! Diese Nächte! Da hat Olly die Teufelsmaschine geheizt und überheizt. Sie wollte ans Ziel, sie mußte auf Leben und Tod! Das mit anzusehen! Wahrhaftig, ich habe nicht geglaubt, daß man mit einer Frau so etwas erleben kann. Man hält die Frauen auch für so harmlos?! Ich wenigstens that das; – aber sie sind es nicht.«

»Nein,« sagte Köppert, »das sind sie nicht. Wo liegt deine Frau?«

»Ja, wirklich, – ich weiß nicht, ob du sie sehen kannst, sie liegt natürlich zu Bett,« sagte Gastelmeier unsicher. »Ich weiß nicht.«

»Sag's ihr, daß ich da bin. Wer ist bei ihr?« fragte Köppert.

302 »Jetzt Emil, später bekommen wir ein Rotekreuzschwester. Weißt du, da sind Dinge mit dem Verband zu machen.« Er ging ungeschickt vorsichtig in seinen weiten, gestickten Hausschuhen voraus in das Nebenzimmer.

Als Köppert bei Olly in Gastelmeiers Begleitung eintrat, stand Emil, der neben ihrem Bett gesessen hatte, auf und flüsterte seinem Schwager ins Ohr: »Komm, es ist gut, wenn Köppert mit ihr spricht.«

»Jawohl,« sagte Gastelmeier.

Köppert sah, daß zwei bleiche Hände sich ihm entgegenstreckten – hilfesuchend, als läge der arme Kamerad nicht in seinem Kissen, sondern als triebe er in einem reißenden Strome von ihm ab.

Er faßte die hilfesuchenden Hände. Da machte sie die eine Hand los und zeigte nach ihrem Hals. Die Augen bohrten sich verzweifelnd in Köpperts Augen. Sie wollte sprechen. Es war, als packte den ganzen Körper ein Krampf. Solch eine Unruhe! Solch ein Verlangen! Sie wollte sich mitteilen. Sie mußte sich mitteilen, es war so unendlich viel geschehen. Sie war nun ganz 303 zum Krüppel geworden – stumm – zerschnitten! Und das Lebenwollen! Und der Lebensjammer!

»Ruhig – ruhig,« sagte Köppert und legte den Arm um ihre Schulter. Sie lag etwas aufgerichtet.

So hielt er sie. Das that ihr wohl – für einen Augenblick. Dann zog der Jammer wieder über das Gesicht wie ein Regenschauer.

»Ich weiß alles, was Sie denken,« sagte Köppert. »Sehen Sie mir nur in die Augen.«

Und sie sah ihn folgsam an, starr unverwandt, und er hielt ihren Blick aus und las den ganzen bittern Kampf, das ganze Elend, wie in den Augen eines sterbenden Tieres.

Eine große, stumme Beichte. Ihr Körper zitterte, ihre Brust hob sich im Kampf. So saßen sie lange unverändert.

Jetzt kamen die heißen, heißen Thränen, das ganze Gesicht war gebadet. Und er hielt sie und hörte die stumme ernste Beichte weiter. Sein Gesicht war so gespannt, er war so ganz ihr hingegeben, daß sie in Wahrheit mit ihm zu sprechen glauben konnte. Ihr Jammer floß wortlos ganz in seine Seele über und er fühlte jeden Schauer, der sie durchfuhr.

304 Ganz offen und ehrlich und ohne alles Mit-sich-selbst-Verstecken-spielen . . . das war das Weib, das er liebte.

Zermartert, seelisch und körperlich, zu Tode verwundet, ganz aufgegeben und aus dem Leben gestoßen, so lag sie in seinen Armen – und nicht einmal sein eigen. Armselig und stumm wie ein sterbendes Tier. So mußte er lieben lernen.

Raffiniert! Teuflisch! Wenn er das hinsterbende, junge Weib nicht hätte in ihrer Angst und Qual stützen und halten müssen, er wäre aufgesprungen und hätte die Hände ineinander gekrampft, wäre im Zimmer hin- und hergerast im lächerlichen Kampf gegen das Schicksal. Das Schicksal und er hätten es genau miteinander gemacht wie die beiden Kerle an der Türkenkaserne in München: ›Sag Lallenstedt.‹ – ›Lallenstedt‹ – darauf prompt der Schlag. Köppert aber sagte nicht Lallenstedt, trotz aller Aufforderungen des Schicksals nicht, und hielt seinen armen Kameraden behutsam, stützte ihn, damit er besser aufrecht sitzen konnte. Er verbiß seine Qual.

305 »Ich weiß alles – ich weiß alles – alles,« flüsterte er ihr wieder zu in einem Ton, als spräche er mit seinem totkranken treuen Hund, von dem er keine Antwort erwarten dürfte und den er mit jedem Hauch seiner Stimme trösten wollte. So innig, so naiv – so ganz ihm zugewendet, wie der Mensch zum Menschen den Ton kaum stimmen kann. »Du willst leben – du willst es haben, wie die andern – und besser – jawohl besser – größer und weiter! Du dachtest dir dein Leben wundervoll? Nicht wahr?«

Sie hörte mit großen Augen zu. Er hatte gefühlt, wie sie bei der Anrede zusammengeschreckt war und wie ein reiner Glücksstrahl über ihr Gesicht huschte, für einen Augenblick die Todesbangigkeit verscheuchte.

Dies »Du«! Dies Einander-nah-gerückt-sein!

Jetzt hingen ihre Blicke an ihm wie gebannt.

»Du meinst, es ist jetzt alles aus, kommst dir entsetzlich betrogen vor? Sehr begreiflich. Von solchen Gedanken läßt du dich zerreißen?«

»Ja – ja,« sagten die armen Augen.

»Hör' mich,« sagte er leise, »vielleicht hast du mehr gelebt, als irgend eine andre, und lebst 306 mehr, als irgend eine. Denke – allein seit wir uns kennen: Da ist so ein Mensch gekommen, Tag für Tag, der hat vor dir ausgepackt, was er nur auszupacken hatte, und wie haben wir einander verstanden! Meinst du, so etwas giebt es oft in dieser Welt, da laufen sie aneinander vorüber wie die Tiere, brummen sich etwas zu vom Futter, vom Wetter, von ihrem Befinden! von den besten Weideplätzen – und aus ist's. Wir aber! Denk' doch!

»Und wie verstehen wir uns in Dingen, für die man eigentlich keinen Gefährten findet! Und denk', wie du gewachsen bist. Ich sag' dir's. Erstaunlich. Du bist eine riesig feine Kreatur. Künstler durch und durch. Stell' dir vor, wie sie würgen und hetzen und wie steifleinen es ist, was die meisten zuwege bringen. Denk' nur. Und wie wundervoll wir miteinander gearbeitet haben. Denk' an all das und daß du einen Kameraden hast, – wenn du alles wüßtest! – dem du außer seiner Arbeit das erste menschliche Gut bist. Stell' dir den rapauzigen Waldmenschen vor – und wie gut er's mit dir meint. Na, als wenn das alles nichts wäre.«

307 Er sprach weiter und weiter. Mit jedem Wort wollte er ihr Trost bringen, vergaß sich selbst, wie eine Mutter, die ihr krankes Kind einwiegen will, der eigenen Müdigkeit vergißt. Er sprach ganz einfach ohne alle Sprünge und Sonderbarkeiten und dachte nur einzig: Sie soll in ihrem Jammer die weiche Hand spüren.

Und sie spürte sie. Mit großen Augen nahm sie seine Worte auf, wie eine verdurstete Pflanze den Regen. Sie fühlte sich sicher bei ihm; wie oft hatte er schon Qual und Jammer von ihr verscheucht, nur damit, daß er da war und mit ihr von Gott weiß was sprach! Und heute, wo er mit seiner heilenden Hand die furchtbare Wunde berührte!

Sie machte ihre Hand jetzt langsam von ihm los und zeigte nach dem Tisch vor ihrem Bett. Da hatte Emil weiße Zettel hingelegt und einen wundervoll gespitzten Bleistift. Köppert reichte ihr, was sie verlangte, und gab ihr auch den Pappdeckel, der als Schreibunterlage nebenbei lag.

Olly hielt die matte Hand lange ruhig, dann schrieb sie mit zitternden Fingern: »Weißt du 308 noch, mein Kamerad, der Karpfenschlag? Heute nacht und heute morgen – das war mein Karpfenschlag – tief im tiefsten Grund und Schlamm – ganz einsam – vielleicht kommt auch bei mir nun die Weisheit, und daß ich geduldig werde.« –

Köppert nahm ihr den Zettel aus der Hand und las ihn und in den Augen standen ihm die nicht mehr zurückzuhaltenden Thränen. Und er fiel vor ihrem Bett auf die Kniee und küßte ihr die Hände und preßte sie wieder und wieder an die Lippen. Dabei konnte er nicht Herr seiner Thränen werden.

»So ein Esel,« sagte er, »so ein großer Esel!« Und verbarg seinen Kopf in den Kissen. Aber er riß sich aus der Qual und sagte: Wenn du so gut und klug bist, wird alles gut werden.«

Sie schüttelte den Kopf und nahm wieder den Stift in die Hand und schrieb kaum leserlich: »Keine Hoffnung wecken – um Gotteswillen nicht.«

Er las, legte beide Zettel in seine Brieftasche »Nein,« sagte er, »keine Hoffnung und keine 309 Hoffnungslosigkeit. Wir wollen uns an die Gegenwart halten.«

Er setzte sich wieder zu ihr und sie gab ihm beide Hände.

Es wird dämmerig. Der Fensterflügel steht ein wenig geöffnet und unter dem feuchten, grauen Himmel klingt draußen, aus einem Garten herauf, das Amsellied, das die Herzen in den großen Verjüngungsstrom einzutauchen ladet. Sie hören es beide – halten sich an den Händen und hängen mit den Blicken fest aneinander.

Jetzt kritzelte sie wieder auf einen Zettel: »Ein Glück ohne Reu' – alles durch dich, mein Kamerad.«

Er strich ihr über die Hand. Sie solle ruhig, ganz ruhig sein. Die Amsel draußen brach ab – setzte wieder an – die urweltlichen Tönchen wurden leise, wie träumerisch, schwollen an, sehnsüchtiger, banger – seelenbeklemmend. Das wonnevolle Frühlingsweh lag über der Erde.

Die beiden im stillen Zimmer hielten einander immer noch bei den Händen, und sie suchte seine Blicke. Sie lebte von seinen Blicken.

Dann kritzelte sie wieder; aber die eine Hand 310 des Kameraden behielt sie in der ihren und klammerte sich fest daran, während sie schrieb – so fest und bang, als fürchtete sie, daß er gehen würde.

Ja – und er fühlte auch, er durfte nicht gehen. Er mußte nun bleiben. Sei es, wie es wolle. Er dachte, dachte dumpf, wie er es am besten einrichten könnte, er wollte mit Mimm sprechen. Er durfte sie jetzt nicht verlassen. Inzwischen kritzelte sie, langsam, immer ausruhend.

Wenn er nicht bei ihr wäre, wie würde sie nach seinem Trost suchen in ihrer Seeleneinsamkeit! Sie fürchtete sich ohne ihn. Es grauste ihr bei dem Gedanken, daß er gehen würde. Das wußte er – er mußte bleiben.

Sie kritzelte langsam, langsam – draußen das Amsellied.

Sie schaute ihn an, er solle den Zettel lesen. – –

»Nehmt das Entsetzen von mir, die schwere, nasse Erde – den engen Sarg – das Grausen – die tote Einsamkeit. Begrabt mich nicht!!! Das Feuer ist besser. Verbrennt all das, was 311 so viel sein wollte – so viel! Das unbeschreiblich Lebendige – das Ruhmsüchtige – das Thörichte, das was so gern – so unaussprechlich gern gelebt hätte.«

Er hat gelesen und sieht sie an, treu und fest. Sie kann sich auf ihn verlassen.

Jetzt greift sie nach einem Fläschchen, das neben ihr steht.

»Willst du einnehmen?«

Sie nickt.

»Soll ich's dir geben? Hast du kein Löffelchen?«

Sie hat es schon aus dem Fläschchen getrunken. Jetzt liegt sie still. Köppert wundert sich, daß niemand kommt. Aber es ist gut so.

Die Dämmerung sinkt tiefer und tiefer. Olly wird unruhig, wirft sich hin und her, ihr Blick wird so bang, so unendlich bang. Sie fühlt sich gequält.

Dann wird sie ruhig und der Ausdruck, wie es ihm scheint, fast heiter. Wieder greift sie nach dem Stift und er reicht ihr einen Zettel hin. Sie kritzelt im Halblicht: »Und weißt du – selbst nach dem Karpfenschlag, mein Kamerad, 312 auch wenn der Karpfen ganz ergeben ist, kann doch noch Unverhofftes geschehen. Unser dicker Freund, der Goldkarpfen, hatte alles aufgegeben, seinen Karpfenschlag gemacht – war geduldig geworden – und die Freiheit kam! Ich seh' ihn noch – wie ein Goldstreif, husch, ins freie Wasser – fort war er, und froh und gesund.«

Er liest den Zettel, legt ihn zu den andern in die Brieftasche – und wendet sich ab. Die Thür öffnet sich, Emil kommt leise herein und bringt Licht.

Er schleicht an Ollys Bett. »Ollychen, was hast du denn?« fragt er sonderbar und stellt die verhängte Lampe auf den Tisch.

»Ollychen?« Er fragt ganz ruhig und doch angstvoll.

Jetzt blickt Köppert auf sie hin. Es ist eine Veränderung mit ihr vorgegangen. Die Augen sind halb geschlossen, es liegt etwas Schweres auf ihr – wie eine ungeheure Schläfrigkeit.

»Ollychen, was hast du denn?« fragte Emil wieder.

Sie winkt schwer mit der Hand.

313 Auf ihrem Bette liegt noch das Fläschchen. Emil greift danach. Er hält es – hält es und schaut – darauf hin. »Es wird ihr doch nicht schaden,« sagte er flüsternd. »Sie hat da aus dem falschen Fläschchen genommen und gewiß wieder getrunken. Das macht sie immer mit aller Medizin. Ihr Schlafmittel – und – ist leer.«

Er giebt Köppert das Fläschchen. Der sieht kühl darauf hin – dann mit einem langen Blick auf seinen Kameraden – und beugt sich über sie und sieht in das Gesicht, über dem der schwere, tiefe Schlaf schon liegt – und sieht auf das, was das Schicksal ihm bisher an Menschenglück geboten – in welcher Gestalt!

Mit Qual beladen – und doch – wochen-, monatelang hatte ihm die Glücksflamme gebrannt. Immer gefährdet, erstickt zu werden, wie eine Flamme, über die giftige Nebel sich legen. Aber sie hatte gebrannt. Es war das echte Feuer gewesen.

Die Riesenfaust hatte über den Berg gelangt und drückte den göttlichen Funken aus. Da war nichts zu machen.

314 Er erhob sich aus der tiefgebückten Stellung. Und noch ein langer, tiefer Blick auf das Gesicht in den weißen Kissen, für ihn das Gesicht der Gesichter.

In den tiefen Schlaf hat sie das Bild vom geretteten Goldkarpfen mitgenommen, den huschenden Goldstreifen im freien Wasser. Die unverhoffte Freiheit – die Hoffnung. Das war gut so – –

›Merkwürdig, barmherzig!‹ dachte er.

»Ich werde zum Arzt gehen,« sagte Köppert, und ging leise hinaus.

Da saß Freund Gastelmeier vor dem Tisch, die Arme aufgestützt, den Kopf in den Armen vergraben und war eingeschlafen.

Köppert schlich an ihm vorüber.

* * *

Es war alles vorbei, der Tod und das erste Entsetzen, die schreckliche Kiste mit dem Zinnsarg, die Reise – alles.

Über Ollys armen Mimm waren die Wogen 315 zusammengeschlagen, und Köppert saß zu Hause mit seiner Mutter – allein. Die alte Frau strickte.

»Ich erfahr' da,« sagte sie, »du bist bei einer Verbrennung mit dabei gewesen? Durch fremde Leute natürlich erfahr' ich's.«

Köppert saß müde gearbeitet, stumm, und schnitzelte gedankenlos an einem Stückchen Holz. Das fahle, starke Haar, das sein Kamerad geliebt hatte, das unregelmäßige Gesicht, die klugen grauen Augen, die feste leichte Gestalt – die Arbeitskraft von früh bis abend – alles wie zuvor – aber eine Verdrossenheit – eine so schwere Verdrossenheit.

»Du,« sagte die alte Frau, weil sie keine Antwort bekam, noch einmal, »wie war's denn? Es soll ja greulich sein.«

»Gar nicht,« sagte er kurz.

»Du sollst ja alles gemacht haben, alles, und wie sie die Kiste zum Bahnhof gebracht haben. Also eine wirkliche Kiste, – da warst du auch dabei. Wie kommst du denn dazu?«

»Einfach« . . . Er sprach nicht aus, ging im 316 Zimmer auf und nieder, fuhr sich durch den Haarschopf und zuckte mit den Schultern.

»Wie ist es denn?« fragte die alte Frau weiter und strickte, »wie ist denn das mit der Asche? – Wie sieht denn das aus? – Du –? Du erzählst einem auch gar nichts.«

»Wie das aussieht?« fuhr Köppert auf und stand vor seiner Mutter, die Finger ineinander gekrampft, grau, hager, so zugespitzt, sonderbar, so in sich selbst verkrochen.

Die alte Frau strickte weiter, zählte ab und merkte nicht auf ihren Sohn. »Ja, wie ist's denn?« fragte sie noch einmal behaglich unter dem Zählen und steckte sich eine Stricknadel durch die Haube. »Ist's denn eine Blechbüchse – ich hab' so gehört. Wie eine Blechbüchse?«

»Nun ja, Mutter – eine Blechbüchse – verlötet – ganz wie Bohnen – das ist das Ende.«

* * *

Im letzten Winkel des Reiches, dort, wo aus dem bayrischen Algäu die niedrigen Pässe in die benachbarte Schweiz führen, liegt ein Hochthal. Die goldene Frühlingsabendstunde leuchtet darüber 317 hin. Die Herrgottswände strahlen das Licht der untergehenden Sonne zurück. Frühlingswonne in jedem Gras, in jedem Kraut, in jeder Blume, im Moos, in jedem Laut, in jedem Duft. Wie Dankopfer steigt der Odem des neuen Lebens zum Himmel. Die Luft sonnendurchleuchtet. Alles strahlend, funkelnd, jauchzend – lebendig.

Daseinswonne für jede Kreatur. Der Winter vergessen, der Tod vergessen! Leben über Leben!

Es quillt, es strömt, es sproßt und breitet sich aus. Die Gebirgswässer sprudeln und tosen. Die grünen, schwerbelaubten Wipfel wiegen die neue Last. Die schwarze Erde schickt ungezählte bunte, duftende Gestalten zum Tageslicht. Die Welt ist neu – das Leben ist neu. Jeder Atemzug Gesundheit und Freude.

Am Weg, der zum einsamen Gehöft Rohrmoos führt, steht ein Mädchen, blond, rosig – ernst, aber als wären Frühlingskräfte auch über sie ausgegossen. Sie erwartet jemanden. – Den Weg herauf muß er kommen. – Und er kommt. –

Endlich.

Sie hat lange gewartet, lang ausgeschaut. Zwei Wanderer sind an der Wegbiegung 318 aufgetaucht. Jetzt geht sie ihnen langsam und ruhig entgegen.

»Friedel,« sagt sie im warmen Herzenston, als sie bei ihm ist. Helle Thränen stehen ihr in den Augen.

Der Mann findet kein Willkommenswort, er reicht ihr stumm die Hand.

»Friedel,« sagte sie wieder. »Friedel,« so tröstend, so warm: er ist ja heimgekommen!

Jetzt hebt er den Kopf und faßt seinen Begleiter bei der Hand und sagt: »Emil bleibt ganz bei uns oben, der hat auch die Kunst über Bord geworfen.«

Das Mädchen drückt auch diesem die Hand.

Und sie gehen alle drei wortlos durch die lebensmächtigen Frühlingsgewalten, die alle gesunden Kreaturen Winter und Tod vergessen lassen.

 


 

 << Kapitel 10 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.