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Der Rangierbahnhof

Helene Böhlau: Der Rangierbahnhof - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Rangierbahnhof
authorHelene Böhlau
year1913
firstpub1895
publisherEgon Fleischel & Co.
addressBerlin
titleDer Rangierbahnhof
pages318
created20140201
sendergerd.bouillon@t-online.de
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IX.

Zwei Tage waren vergangen und Köppert war nicht in der Dämmerstunde gekommen. Sie hatte auf ihn gewartet von Minute zu Minute, gewartet, wie sie nie irgend etwas zuvor erwartet hatte. Den ersten Tag hatte sie bis zu der Stunde, die ihn bringen sollte, krampfhaft gearbeitet. Den zweiten Tag war ihr das nicht möglich gewesen. Sie ließ das Modell zu Mittag gehen und hockte sich mit einem Buch in ihre Sofaecke.

Sie fühlte sich nicht wohl, eine elende Schwäche lag über ihr und die Erwartung wie ein Fieber, das ihr jeden Nerv zittern und beben ließ. Kommt er? Kommt er nicht? Das war alles, was ihre Gedanken beschäftigte. Nicht einen Augenblick wurde sie frei von der Qual.

Mimm kam von Zeit zu Zeit aus dem Atelier 254 von seiner Arbeit, um nach ihr zu sehen. Er fragte sie jedesmal, wie es ihr ginge, und machte so ein komisches Gesicht dazu. Es war ihm ganz neu, sich um jemand zu sorgen, und sein Kommen that Olly jedesmal weh. Es war ihr immer, als risse er sie aus einem tiefen Schlaf. Sie bebte in jedem Empfinden und blieb ganz stumm, um dem armen Mimm nicht gereizt zu antworten.

Statt Köppert kam am zweiten Nachmittag in der Dämmerstunde der Arzt. Auch er scheuchte sie aus einem tiefen, traumähnlichen Zustand auf. Sie hatte im Geist fortwährend mit Köppert gesprochen. Was hatte sie ihm alles erzählt? Sie hatte ihm ihr Kranksein geklagt; aber nicht verzweifelt, nicht bang – ganz kühl. Es war nichts Erschreckendes, wenn sie mit ihm darüber sprach. Sie hatte ihm von ihrer Arbeit vorgeplaudert und von Mimm und von ihrer Kindheit. Kleine Geschichten, die sie wahrscheinlich nie gewagt hätte, ihm wirklich zu erzählen.

Da war eine, über die lachten sie in Ollys Vorstellung beide miteinander. Als sie bei ihrer alten Tante wohnte und zu Weihnachten und Ostern nach Hause reiste, fuhr sie jedesmal 255 derselbe alte Kutscher nach der Bahn und brachte nach einiger Zeit seine Rechnung, auf der stand regelmäßig zu lesen: ›Eine Furie nach der Bahn‹.

Sie erzählte ihm von ihrer Verlobung, von daheim. Wie in einem Bilderbuch blätterte sie in ihrem Leben – und alles sollte er erfahren, mitsehen. Es war ein sonderbares, fieberhaftes, inniges Sichmitteilen.

Vom Arzt wurde sie daraus aufgescheucht.

»Ich weiß schon,« sagte Olly zu ihm in ihrer erregten Weise. »Mit mir steht's schlecht.«

»Oho« lachte der alte Doktor behaglich.

»Doch. Lassen Sie's nur. Jetzt kommen eine Menge schöne Redensarten, ich weiß schon. Wenn man so etwas im Hals hat wie ich, das ist immer eine dumme Geschichte. – Wie war's mit Papa? – Ganz dasselbe.«

Sie sagte das lauernd, bis aufs äußerste gespannt, aber äußerlich vollkommen kühl und wie im Scherz. Es war ihr eben eingefallen, im Augenblick erst, es so zu machen.

»Was, dumme Geschichte!« sagte der Doktor. »Wenn Sie sich gut halten und alle Vorschriften befolgen und vernünftig sind, da macht sich alles –«

256 »Ja, aber es ist doch wie bei Papa,« er widerte sie, wieder ruhig und sachgemäß und als wäre für sie kein Zweifel mehr.

»Na, und warum? Das wär' net übel, wenn alles so ausgehen müßte wie bei Ihrem Herrn Papa.«

»So, also es ist dasselbe?« sagte sie überwältigt – fassungslos. Ihre Stimme konnte den Gefühlsausdruck nicht verbergen und die Frage klang schreiend heiser. Es kamen Töne, über die sie keine Macht hatte.

Sie war vom Sofa aufgestanden und starrte den Arzt an. Die Hände hielt sie ineinandergepreßt.

»Frauchen! Ruhig Blut,« brummte der Doktor und legte ihr die Hand auf die Schulter. »Was ist denn nu? Na? – Gar nichts. So jung wie Sie sind. Und ich sag's ja, wenn Sie vernünftig sind und sich gut halten und mir folgen – Sie sollen sehen.«

Olly hatte sich wieder in ihre Sofaecke gekauert und schüttelte zu allem, was der Doktor ihr zum Trost vorbrachte, den Kopf.

»Außerdem,« sagte sie, nachdem sie eine Weile 257 stumm dagesessen hatte, »bin ich nicht vernünftig. Damit rechnen Sie bei mir nicht. Wie lange denken Sie, daß ich noch arbeiten kann?« Sie fragte es mit zuckendem Mund. In ihren Augen lag ein unbändiger, verzweiflungsvoller Trotz.

»Sie sollen vernünftig und maßvoll arbeiten, mein Kind. Haben Sie je einen Menschen gesehen, der gewußt hätte, wie lange er noch arbeiten oder sonst irgend etwas thun darf? – Wie?«

»Redensarten sind auch eine Medizin; lieber Doktor; aber bitte, geben Sie mir die nicht.« Ihr Gesicht war ganz von Thränen überflutet, und sie faßte die Hände des alten Herrn.

»Also: die Hauptsache ist, sich ruhig halten. Vergessen Sie das nicht. Sind Sie denn so ganz allein? Wo ist denn Ihr Mann?«

»Im Atelier,« sagte sie. »Er arbeitet!« Das war wieder so ein heiserer Aufschrei. »Er arbeitet.«

»Ruhig, ruhig, mein Kind,« sagte der Arzt wieder. »Gut, Sie halten es für Redensart, dafür kann ich nichts; aber ich sag's Ihnen, allein in Ihrer Gemütsruhe und Heiterkeit liegt Ihre Heilung. Sie haben den guten, lieben Mann, 258 die vergnügte Seele, lassen Sie sich von dem helfen und helfen Sie ihm.«

Sie blickte vor sich hin, wie in einen gleichmäßigen dichten Nebel, der mit einem Schlag ihr alles Leben überdeckt hatte. Der Arzt sprach lange noch auf sie ein. Sie hörte nicht mehr auf ihn.

»Leben Sie wohl einstweilen, kleine Frau, ich schicke Ihnen Ihren Mann.«

Olly rührte sich nicht. Sie hatte ganz mechanisch dem Arzt die Hand gereicht. Jetzt blieb sie eine ganze Weile allein. Sie dachte an den Karpfen. – Wie der Angelhaken festsitzt, wie der Karpfen sich in den Schlamm vergräbt. – Ja – tief hinein. Über ihm der Schlamm und über dem Schlamm das Wasser – so schwer liegt das Unglück, das ihn traf, über ihm. Über dem Wasser scheint die helle Sonne, die geht ihn nichts an.

Als Gastelmeier zu ihr hereinkam, war er sehr freundlich und sehr bewegt. ›Ähnlich wie nach der Trauung,‹ dachte Olly. Sie beobachtete ihn ganz kühl. Niemand ging sie eigentlich mehr etwas an. Sie mußte mit sich allein fertig 259 werden. Der Karpfen saß unten im Schlamm, mußte tausend Schmerzen verbeißen, der oben riß an ihm und quälte ihn und zuckte an der Schnur. Die übrigen Karpfen schwammen lustig und guter Dinge weiter und ließen sich's wohl sein. Der im Schlamm war ein ganz andres Tier als die Kameraden geworden. Sie verstanden ihn nicht mehr – und er verstand sie nicht mehr.

In dieser Nacht schlief sie keinen Augenblick, rief aber auch nicht nach Mimm. Wozu?

Sie starrte in gleichmäßigen, dicken Nebel, der sich ihr noch mit keiner Gestalt belebte. Er war so dicht, daß sie die Hand nicht vor den Augen sehen konnte. Der Nebel aber war die vollkommene Hoffnungslosigkeit, die mit einemmal über sie hergefallen war. Die hatte etwas Einschläferndes, etwas Erstarrendes; ohne den wahren Schlaf zu bringen, brachte sie so ein dumpfes, lebenabgewandtes Brüten.

Am andern Morgen kam Mimm und fragte, wie sie geschlafen hätte.

»Ganz gut,« sagte sie. Da freute er sich.

Sie hatte, wie es ihr schien, gar nicht das Bedürfnis, sich mitzuteilen. Darüber verwunderte 260 sie sich selbst. Es war gut so – ganz gleichgiltig im Grund. ›Ob das anhalten würde?‹ fragte sie sich.

Sie arbeitete und es ging sogar etwas besser wie gestern. ›Wenigstens,‹ dachte sie, ›werde ich zu den Menschen gehören, die krank fortarbeiten.‹ Sie dachte an allerlei Leute, von denen sie wußte, daß sie berühmt wurden, trotzdem sie krank waren.

Das war ein Trost – mehr als Trost, das war ein Anfeuern der Kräfte, das hatte etwas Begeisterndes. Ja, sie wollte kämpfen und sie arbeitete bis zur Atemlosigkeit. Und heute – ganz unverhofft kam Köppert. ›Weshalb eigentlich sollte er kommen?‹ hatte sie tagsüber gedacht. Dreimal war er dagewesen, unverhofft, dann war er weggeblieben, wahrscheinlich für immer. Sie hatte ihm außerdem eine Szene gemacht. Wahrscheinlich fürchtete er sich vor ihr. Kein Wunder. Das seelenverzehrende Warten war wie von ihr genommen. Aus dem dichten Nebel, der sie seit gestern umgab, war bisher nichts aufgetaucht als ein: sie wollte arbeiten, arbeiten, vor allen Dingen arbeiten.

261 Als das Mädchen aber Herrn Köppert meldete, konnte sie sich vor freudigem Schreck nicht auf den Füßen halten. Es durchzitterte ihr den ganzen Körper.

»Mimm,« rief sie, »Herr Köppert kommt!«

»Was?« rief Gastelmeier aus dem Nebenzimmer. Da war Köppert aber schon eingetreten.

Sie streckte ihm beide Hände entgegen. Das war ihre Art nicht, die Leute zu empfangen. Aber hier war es ganz natürlich. Es war eben der Gruß für Köppert, für niemand sonst. Sie begrüßte ihn so unverstellt glückselig, wie ihn bisher eigentlich nur sein Hund begrüßt hatte.

›Armes Seelchen!‹ dachte er und faßte die schlanken, heißen Hände so zart an und führte das bewegte, kranke Geschöpf zu einem Platz zum Ruhen und fühlte, wie er ihr wohlthat. Er hatte sein Lebtag viel mit Tieren sich zu thun gemacht und verstand sich daher auf unverstellte Gefühlsausbrüche. Seine jüngeren Brüder, wie er sie nannte, hatten ihn nie in Ungewißheit gelassen. Das Seelchen hatte eine helle Freude, wenn er kam.

»Wissen Sie,« sagte ihm Olly, »daß ich sehr krank bin?«

262 »Nein,« sagte er. »Was heißt sehr krank? Wir sind alle sehr krank. Das Leben ist eine lange Krankheit. Wir glauben nur, daß wir gesund sind.«

»Bitte,« sagte Olly, »mit mir müssen Sie wenigstens ganz einfach sprechen. Ich weiß, es wird jeder reden, als wenn gar nichts wäre, – thun Sie das nicht.«

Gastelmeier trat ein: »Grüß Gott, Köppert.«

»Ach, Mimm,« sagte sie, »Mimm!« – und lachte.

Sie saßen nun wieder alle drei bei einander und es kam eine ruhige, gute Stimmung. Emil fand sich auch ein.

»Ah, das einseitig gebackene Brötchen,« sagte Köppert lachend, als er eintrat.

»Lassen Sie ihn, er ist so gut,« meinte Olly, »nur so ein Faulpelz, denken Sie, gesund und kräftig; aber ohne allen Eifer. Ich weiß nicht, sollte es noch kommen? Sie glauben nicht, wie mir's am Herzen liegt. Was soll aus ihm werden?«

»Na, er ist ein bißchen schwammig,« sagte Köppert. »Hat er Knochen?«

263 »Ich glaube nicht viele,« meinte Olly.

»Sehnen natürlich auch nicht?«

»Die gar nicht.«

»Dann lassen Sie ihn ums Himmels willen nicht Maler werden. Er sieht aus, als wenn er gegen ein Sinekürchen nicht abgeneigt wär'. Das möcht' ihm passen. Er schriebe dann alle Tage oder alle vierzehn Tage zwei Zeilen, die von der bösen Welt handeln.«

»Freilich,« meinte Olly, »und sagte dazu: Verflucht! – Verflucht! – Verflucht!«

»Zu sonst was hat er nicht Lust?«

»Zu gar nichts, Maler will er werden, weil er meint, er kann dann so daherhocken mit dem Bleistift in der Hand – und das bißchen Essen würde schon von irgendwoher kommen.«

»Geht er kneipen?«

»Bewahre, er denkt, das kostet Geld. Nicht leichtsinnig sein! Je weniger du brauchst, um so weniger mußt du dich anstrengen. Wenn Sie wüßten, er hat mich schon manchmal bis zur Tobsucht gebracht – aber er ist so gut.«

Emil besorgte das Abendessen, trieb draußen die Köchin an auf seine Weise, spritzte sie mit 264 Wasser zur Küche hinaus und zur Treppe hinab, wenn sie etwas holen sollte und drohte ihr die Haare mit Asche zu bewerfen, wenn sie nicht zur Zeit fertig wäre. In das Zimmer kam er möglichst wenig, denn er hatte einen großartigen Ärger auf Köppert.

Den ganzen Abend lag ein ruhiges Behagen über der Gesellschaft. Das Abendessen war gut und pünktlich besorgt.

»Schau, schau,« sagte Gastelmeier. »Emil! Na, Olly, dein Bruder, wie kommt denn der mit unserm Drachen aus, und wir net?«

»Das versteht er,« sagte Olly – »und wie!«

Sie war so friedlich, so gleichmäßig gestimmt. Köppert erzählte allerhand Jagd- und Tiergeschichten, lebendig und frisch, und sie hörte andächtig zu, wie ein Kind, dem Märchen erzählt werden. Die ganze Welt war für sie nicht mehr vorhanden, nur einzig die kluge Stimme. Gastelmeier begleitete Köppert diesen Abend, sie wollten noch ein Glas Bier miteinander trinken. Emil ging nach Hause. Das Mädchen machte das Bett auf dem Schlafsofa zurecht – und Olly blieb ganz allein.

265 Sie wanderte im Zimmer auf und nieder. Nach dem muntern Reden, der leichten Stimmung schien ihr die Einsamkeit ganz eigentümlich bedrückend. Der dicke Nebel der Hoffnungslosigkeit lag mit einemmal wieder über ihr. Das Fieber, das jeden Abend sich einstellte, brannte ihr wieder in Füßen und Händen – und mehr als das brannte die Sehnsucht nach Köppert in ihrer Seele. Er hatte alles mit sich genommen, ihre Ruhe, ihre Fassung, ihr Vertrauen auf eine Arbeitskraft, die Krankheit und Schwäche überwindet – alles. Es war ihr zu Mute, als sollte sie ohne ihn verschmachten, als hätte er ihr auch Luft und Licht mitgenommen.

Ganz atemlos lehnte sie sich an den großen, weißen Kachelofen und preßte den Kopf mit beiden Händen. Es war ihr zu Mute, als stände ihr ganzes Wesen in Flammen. Und wie war es gekommen, wie denn? – »Herrgott – ich liebe ihn!« sagte sie heftig. Dann war sie ganz still und bewegungslos.

Wie eingebrannt war Köpperts Bild in ihrer Seele. Das unregelmäßige Gesicht, die lebendigen grauen Augen, in denen unversteckt die Gefühle 266 zu lesen waren, die leichte, sehnige Gestalt. Man sah an jeder Bewegung, daß er gescheit war. Der Körper war ihm von seinem geistigen Wesen kräftig durchdrungen. Ja, sie hatte schon früher gesagt, als sie ihn nur vom Sehen kannte: »Er ist der einzige Mensch hier, der ein Gesicht hat.«

Jetzt sah sie ihn vor sich, so ganz wie er war. Sie sog durstig seine Züge, seine Stimme ein. Sie hielt ihn an den Händen und es war, als wenn sie zu ihm sagte: »Verlaß mich nicht, bleib.« Das erschütterte sie bis ins Tiefste. – Und Mimm? Sie konnte kaum atmen. Wie unnobel – wie scheußlich, sich von Mimm füttern zu lassen, Mimm zu quälen, ihn schlecht zu versorgen, seine Liebhabereien nicht zu beachten, seinen Lieblingsspeisen nicht nachzufragen, alles von ihm anzunehmen, ihn gleichgiltig beiseite lassen, immer nur an sich denken – einem andern mit jedem Gedanken nachhängen! – War das nicht gemeine Betrügerei?

Das war ein elendes Geschäft, was Mimm gemacht hatte. Sie hatte es bisher nie so gefühlt! aber mit einemmal übersah sie, daß er gar kein Behagen an ihrer Seite gefunden. Wie 267 rührend war es, daß er sich heute Abend über Emils gutgelungenes Nachtessen so gefreut hatte – und wie liebenswürdig war er in dem ganzen Durcheinander, das sie ihm gebracht! Was für Sorgen hatte er sich aufgeladen – und für wen?

Olly brannte in Fieber und Erregung. Sie sollte fort von Mimm gehen – irgendwohin und arbeiten, nichts als arbeiten, das wäre das einzige – das rechte. Entweder: an sich selbst denken und für sich selbst leben – oder: an andre denken und für andre leben. So eine gemeine Seele, die betrügt! Sie hatte nie darüber nachgedacht, heute zum allererstenmal. Ja, sie hatte mit Mimm einen ganz betrügerischen Handel geschlossen. Alles genommen und nichts gegeben – gar nichts gegeben, sondern nur immer von neuem genommen und genommen, mit einer Roheit und Gedankenlosigkeit – die hätte sie nie in sich gesucht. Mit welcher Angst, mit welcher Verzweiflung hatte sie gefürchtet, Mutter zu werden. Sie hatte nur und einzig an sich dabei gedacht, nicht an Mimm und nicht an das Kindchen. Sie hatte sich immer noch für ihren eigenen Herrn gehalten, und das war sie nicht mehr. 268 Ihre Arbeit, der Weg zum Ruhm war ihr die Hauptsache. Mimm war das sehr gleichgiltig, der wollte eine gute Frau und die hatte er nicht.

Und nun? Jetzt gerade hörte diese Blindheit auf, jetzt, wo sie jede Kraft, jeden Hauch von Kraft an ihre Kunst wenden wollte, jetzt, wo sie jede Minute ausnützen wollte, drängten sich tausend Dinge ein.

So stand sie mit gefalteten Händen und mit gesenktem Kopf ganz fassungslos, ganz erdrückt. Der Nebel, der über sie gefallen war, der dichte, trostlose Nebel, belebte sich nun mit Gestalten, die sie bis aufs Blut ängstigten. Ihre Arbeit, der lange Weg zum Ruhm, die unerfüllten Pflichten, der falsche Handel, den sie unbewußt eingegangen – und Köppert – und Mimm – und das Kranksein – und das frühe Sterben, das gestaltlos, aber grauenhaft unsichtbar in dem schweren Nebel lauert.

»Das ist zuviel, Herr, mein Gott!« jammerte sie auf. Und durch allen Jammer hindurch und über allen peinigenden Gedanken und Erlebnissen, die Sehnsucht nach Köppert. Sie sah ihn immer vor sich und immer streckte sie beide Hände nach 269 ihm aus. Er war der Einzige, der sie retten konnte, der Einzige, der ihr Ruhe gab. Er war das Leben – und sie wollte leben!

Trotzig sprang sie auf und ging durchs Zimmer, und die bittere, verzehrende Lebenssehnsucht derer, die um das Leben betrogen sind, wühlte ihr im Herzen. – Wenn sie dachte, daß sie ihn nicht mehr sehen und hören sollte – nie mehr! Und auch die Arbeit aufgeben, und das heiße, lebendige Streben – und nur den Kaufpreis abverdienen, den Mimm für sie gegeben, da fuhr eine solche verzweiflungvolle Empörung durch ihr ganzes Wesen, daß sie an ihren Haaren riß, das Taschentuch, das naß von Thränen war, in Streifen riß, sich auf den Boden niederwarf und heiser schluchzte und schrie. Worte fand sie nicht mehr, Gedanken auch nicht – nur eine fieberhafte Empörung, eine sinnlose Wut, wie ein wildes Tier, das gegen seine Käfigstäbe schlägt.

Und dann kam wieder der bittere Kampf, das Mitleiden, das sie Mimms wegen fühlte, das Bewußtsein des Betrugs, ja Betrugs, wie sollte man es anders nennen, und das drückte sich ihr wie ein Brandmal in die Seele.

270 Mimm kam spät nach Hause und fand seine Frau in einem Zustand der tiefsten Erschöpfung. Sie kauerte noch auf dem Boden, als er eintrat.

»Olly!« rief er ganz bestürzt und kniete zu ihr nieder und richtete sie auf – und da fühlte sie wieder ›die sorgsame Pfote‹, die ihr Herz gewonnen hatte. Und da sie in ihrer Erregtheit wie ein Mensch ohne Haut war, dem alles die innersten Nerven trifft, wurde sie davon so bewegt, daß sie von neuem in heiße Thränen ausbrach und sich bitterlich vor Mimm anklagte, ganz vernichtet, und vor ihm demütigte.

Mimm war ganz glücklich und freudig erregt, wie es eine kindliche Seele ist, die an eines Menschen plötzliche Umkehr glaubt. Er tröstete sie und suchte sie zu beruhigen. »Siehst du, Ollychen, nun wird alles gut,« sagte er einmal übers andremal.

Das ärgerte sie aber und sie sagte bitter: »Du meinst also, daß ich das Malen lasse?«

»Na – na, bewahre, einschränken, ein bissel einschränken. Das wird dir nur gut sein.«

Seine Ruhe und Zufriedenheit quälte sie. Nach der hastigen, stundenlangen Erregung schüttelte 271 sie jetzt das Fieber. Mimm half ihr beim Entkleiden und behandelte sie so sorgsam wie ein kleines Kind; aber das Herz war ihm schwer. Was der Doktor ihm von Ollys Gesundheitszustand gesagt hatte, lag düster auf ihm. Es war so etwas Feierliches, Trauriges, Unbegreifliches. Eine ganz gesunde, frische Frau würde er nie wieder an ihr haben, so eine Häuslichkeit, von der er geträumt hatte, war für immer verloren. Wenn sich die arme Olly auch Mühe geben würde, wie könnte es denn werden? Eine Frau muß gesund sein, das ist das erste. Und das wütende Arbeiten, wobei sie nicht hörte und sah!

Wie rührend, wie gut sie eben war, sie wollte das beste, wie ihn das beglückt hatte! Jetzt lag sie in ihren Kissen, lieblich, aber wie eine Pflanze, die mitten im Aufblühen vom Frost berührt ist. Die Kraft, die Strammheit war hin, etwas Leidendes, Mattes war über sie gekommen, unmerklich fast; aber es war da. Die glänzenden, verweinten Augen schauten so unstet, so ohne Ermüdung. Gastelmeier atmete schwer auf. Er dachte an den Abschied von daheim, Weihnachten 272 vor einem Jahr, an das, was sein Alter daheim von Liebessachen verstand, und es wurde ihm schwer und schwerer ums Herz.

Olly klagte wegen allerlei Beschwerden. Sie fühlte sich sehr unwohl, war so beunruhigt und gequält; und immer hatte sie es mit dem Karpfen zu thun, der sich mit seiner Qual in den Schlamm verkrochen hat.

»Laß das doch,« sagte Gastelmeier, dem es dabei nicht wohl zu Mute wurde. Da schwieg sie.

»Geh schlafen, Mimm,« sagte sie nach einer Weile.

Sie lag ruhig, mit offenen Augen, und wußte nun schon, was ihr die Nacht bevorstand. Qualen! Die Wiederholung alles dessen, was sie eben erst durchkämpft hatte.

Die großen Riesenvögel schlugen schon mit den Fittichen. Lautlos und mächtig schwebten sie über ihr. Sie kämpften noch miteinander, wer auf die arme Hasenseele sich herabstürzen sollte.

Der Riesendämon war schon mit den Krallen auf ihrer Brust, und wollte den gemächlichen Tanz beginnen, da gesellte sich zu ihm ein zweiter, der die bittere Erkenntnis, vom Leben betrogen 273 zu sein, brachte, und noch einer, der mit seinen Klauen die Stelle aufriß, wo der verzehrende Ehrgeiz saß, und wieder einer, der an versäumte Pflichten mahnte.

Es war eine ganze Schar, die auf sie herabstürzte, Riesenunholde, daß man meinen sollte, sie wären erschaffen, um auf irgend einem gewaltigen Stern gewaltige Kreaturen zu quälen und zu bekämpfen, und hätten sich auf unsre kleine Erde nur verirrt, um nun ihre dämonischen Kräfte an uns lächerlich kleinen Seelchen zu verschwenden.

Olly lag wie erstarrt, ließ alles über sich ergehen. Durch das entsetzliche Chaos aber, dem sie preisgegeben war, sah ein unregelmäßiges, gescheites Gesicht auf sie nieder, ein Gesicht, das sie Zug für Zug mit aller Kraft festzuhalten suchte, auf das sie hinblickte wie auf eine Seligkeit, mitten im Elend. Das Gesicht war ihr Halt, ihre Rettung. Es strahlte von ihm Kraft aus zum Widerstehen, Kraft zu siegen und zu überwinden. Und dieses Himmelsgeschenk, das wie ein Licht über all dem Überwältigenden, Unheimlichen, das sie umgab, aufstieg, sollte sie von 274 sich weisen? So sinnlos – so unfrei – so niedrig! Nein danken –! danken! danken!

Es wurde ihr licht. Gott hatte ihn geschickt, ihr gutes Schicksal. Sie sollte nicht ganz verzweifeln.

Und sie streckte ihm wieder die Arme entgegen in ihrer Not, und wie hellsehend, als schaute und fühlte sie ein wirkliches Begebnis, empfand sie, wie er diese hilfesuchenden Hände hielt und sie selbst an sich zog. Und sie schmiegte sich fest – fest an seine Brust, und er sprach zu ihr als Mensch zum Menschen. Da war es ihr wohl, und als der erste blasse Schimmer des Morgens am Fenster aufdämmerte, kam auch der Schlaf, der langersehnte.

* * *

Das Leben spann sich weiter.

In dem jungen Haushalt war die Freudigkeit ausgelöscht. Der Arzt kam alle zwei, drei Tage und schaute nach seiner Patientin. Sie war den ganzen Winter über nicht aus dem Haus gekommen. Gastelmeier hatte unruhige Nächte nach freudlosen Tagen kennen gelernt. 275 Eine ungeheure Enttäuschung lag über ihm und es war ihm nicht wohl in seiner Haut. Die Eindrücke, die Olly ihm nachts brachte, lagen wie Zentnerschwere über ihm. Sie litt oft an qualvollem Luftmangel, Beängstigungen kamen über sie, die Todesangst in ihrer furchtbarsten Gestalt; dann hielt sie den armen Mimm umklammert und wand sich in seinen Armen und mit weit aufgerissenen Augen schaute sie ihn an – und er mußte aushalten und den Jammer ansehen und anhören.

»Mimm, mein Bild!« rang es sich mühselig in solchen Stunden von ihren Lippen.

»Na, laß doch, laß doch!« sagte er dann.

»Ja, laß doch, laß doch!« flüsterte sie heiser, erstickt, voller Trotz und Verzweiflung.

»Ach, Mimm, du Armer!«

Er fand das rechte Wort nie.

* * *

Olly arbeitete an einem Bilde, das zur internationalen Ausstellung fertig werden sollte. Das Mädchen unter dem verblühten Apfelbaum hatte sie verkauft. Reproduktionen waren danach 276 gemacht, es war besprochen worden. Köppert hatte die erste Besprechung ins Haus gebracht.

Gastelmeier erinnerte sich, wie er sie ihr damals in die Hand drückte, so von ungefähr, ohne ein Wort zu sagen; aber mit einem Ausdruck von froher Teilnahme. Er erinnerte sich, wie Olly las, wie das Gesicht aufstrahlte, – wie sie Köppert anblickte mit großen, ausdrucksvollen Augen. Köppert, nicht ihn, hatte sie angesehen. Er erinnerte sich, wie sie mit einemmal auflebte. Ein Wunder! Die Krankheit war wie von ihr fortgeweht. Sie lebte auf, sie war die alte Olly.

Ein glücklicher Tag! Wie entzückend sie aussah! Übermütig, vom Glück berauscht.

Und Köppert, der gute, wunderliche Mensch! Er hatte ihn immer für einen sonderbaren Kauz gehalten und für einen Biedermann durch und durch, hatte einen gehörigen Respekt vor ihm gehabt, vor seinem Können; aber er war ihm ein ungemütlicher Bursche geblieben, borstig, streitsüchtig, selbstbewußt – nun hatte er ihn ganz anders kennen gelernt.

Weiß Gott, das brachte Mimm nicht fertig so ganz einzugehen auf die Wünsche des kranken 277 Geschöpfchens, so sich ihr widmen! Fabelhaft, wie Köppert ihr, wenn er neben ihr vor der Staffelei stand, mit ein paar Worten helfen konnte! Immer traf er den Nagel auf den Kopf. Und wie sie ihn verstand! So eine Art, zu arbeiten und zu lehren, hatte Gastelmeier noch nicht gesehen. Was er vom Lehren wußte, war ein beschwerliches Kriechen, fortwährendes Mißverstandenwerden, gleichgiltiges Eingreifen. Die beiden arbeiten mit einer Spannung, einem vollkommenen Wachsein, so nervös wie zwei Vollblutpferde. Und wie kam sie vorwärts! Ganz erstaunlich.

»Halt sie doch lieber zurück, sie übernimmt sich,« hatte Gastelmeier ihm ein paarmal gesagt.

»Weshalb?« hatte Köppert gefragt. Und in diesem ›weshalb‹ lag alles. Es lag ihr Todesurteil darin und zugleich: ›Glaubst du's ihr nicht?‹

Rührend war es anzusehen, wie Olly sich in dieser Zeit der Wirtschaft auf ihre Weise annahm, kindisch und unbeholfen zwar; aber sie zeigte den besten Willen. Sie verstand, so eine Art kleine Kuchen aus Eierschaum zu backen; auf einen Bogen Papier wurde der Schaum getropft und 278 im Ofenrohr gebacken. Dieses Backwerk richtete sie im Zimmer mit der größten Umständlichkeit her. Ein einziges Mal brachte sie es wirklich zu stande und war ganz glücklich darüber und sagte im Eifer: »Nicht wahr, Mimm, das gefällt dir, so magst du's? Alles im Haus gebacken, das ist so behaglich. So warst du's auch daheim gewöhnt, alter Mimm.«

Mimm fürchtete die Fassung zu verlieren, nickte Olly zu und ging zur Thüre hinaus, so ein trauriges, fades Eierschaumküchlein, das Symbol seiner Enttäuschung, noch zwischen den Zähnen. Sie hatte ihm eins nach dem andern in den Mund gestopft. Er griff nach Hut und Überzieher, es litt ihn nicht mehr im Hause.

Was hatte er für ein Heim, so etwas Lächerliches, Verrücktes, Trostloses!

* * *

Im ganzen und großen ging es aber ganz leidlich und besser als vordem.

In der Küche wirtschaftete seit Wochen schon Emil auf seine vortreffliche Weise; er nahm auch das Haushaltungsbuch an sich und führte es 279 pflichttreu. Er wohnte dann ganz bei seiner Schwester, damit diese seine Zeichenstudien besser überwachen konnte, und saß, wenn er nicht draußen in der Küche sein Wesen trieb, in Ollys Wohnzimmer und zeichnete muffig und unzufrieden. Wenn Olly matt, mit fliegendem Atem, im vollen Fieber aus dem Atelier kam und gearbeitet hatte bis auf die letzten Kräfte und sich nun niederlegen mußte, da ruhten ihre Blicke auf Emil, der in seinem behaglichen Fett so träg und indolent dasaß, und eine wahre Wut packte sie da. Einmal erfaßte der Zorn sie dermaßen, daß sie wankend, mit Thränen in den Augen, aufstand und Emil eine unvermutete Ohrfeige gab.

»Prost,« sagte Emil und guckte ganz verblüfft auf. »Na, weißt, Olly, mit deinen Kräften steht's gottlob net übel.«

Da stand sie ganz beschämt vor seiner Gutmütigkeit. »Wärst du doch nicht so faul,« sagte sie heiser. Zu gleicher Zeit aber fühlte sie mit einer jammervollen Verzweiflung, daß Emil sie schon aufgegeben hatte. Sie gehörte nicht mehr zu den Lebenden. Sie durfte beleidigen und beleidigte nicht mehr. Eine Röte schoß ihr ins 280 Gesicht, gleich darauf wurde sie bleich und wankend, das Haar feucht, eine schreckliche Schwäche überkam sie.

Emil schaute auf sie hin, legte ihr den Arm um die Schultern und führte sie zum Sofa, kauerte vor sie nieder und sie fühlte ein verhaltenes Zucken. Er weinte, versteckt an ihrer Brust, wie um eine Tote.

Sie ließ ihn weinen, ohne sich zu rühren, ein entsetzliches Grausen durchrieselte sie. War es denn so nah?

Nein, nein, es war ja erst der erste Anfang der Krankheit. Man sah sie ihr noch kaum an. Sie war nicht abgemagert. Ja, Qual war da; – aber doch, – es war erst der Anfang. – Der Anfang von was? – Von entsetzlichen Dingen – und dann – und dann? –

Es war ihr, als schnürte sich ihr die Brust zusammen. »Wann kommt Köppert?« fragte sie. »Ist es noch nicht so weit?« 281

 


 

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