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Der Rächer

Hans Hyan: Der Rächer - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorHans Hyan
titleDer Rächer
publisherHelikon-Verlag G.m.b.H. Berlin
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140827
projectidc250d4bc
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Der Regulator schlug gerade sechs, als Heinz Marquardt erwachte. Es war noch stockfinster, aber er war, wie stets, wenn er die Augen aufschlug, sofort vollständig munter und sprang auch gleich aus dem Bett.

»Trude,« sagte er, »es ist sechs.«

Sie antwortete nicht und drehte sich im Halbschlaf auf die andere Seite.

Nun zündete er das Licht an und ging an die Waschtoilette, wo er sofort unter vielem Prusten und Plantschen seine Toilette begann. Das alles ging schnell und mit der raschen Beweglichkeit eines Menschen vonstatten, dem seine Nerven keine Schwierigkeiten bereiten und der zu jeder Zeit seine Gedanken und Kräfte beieinander hat.

Als er sich gewaschen hatte, ging er wieder an das Bett seiner Frau und fing, auf der Bettkante sitzend, an, schmeichelnd in sie hineinzureden.

Der gelbe Schein des Lichtes tanzte flackernd und tiefe Schatten werfend über die Kissen, und in der spärlichen Beleuchtung war eigentlich nur das reiche hellblonde Haar, ein kleines rosiges Ohr und ein Stück des weißen Halses von der jungen Frau zu erkennen.

»Willst du denn gar nicht aufstehen, Trude?« Er versuchte, ihr ins Gesicht zu blasen, das sie im Bett vergrub.

»Nicht doch! Ich bin ja noch so müde ... laß mich ...«

Aber er gab nicht nach.

»Also ich muß mir allein meinen Kaffee kochen?«

Dabei kitzelte er sie leise.

»Steh doch auf, Trude ... Ich muß dir auch noch was erzählen!«

Jetzt war sie auf einmal munter.

»Was denn?« fragte sie neugierig und hob ihren hübschen Kopf.

Er legte seinen Arm um ihren Hals und küßte sie:

»Dummchen! ... Gar nichts ... ich wollte bloß mal sehen, ob du wirklich noch schläfst.«

»Du! ...« Sie faßt das eine Ende seines langen schwarzen Schnurrbarts und zog ihn ein bißchen:

»Nun schlaf ich gerade noch!« und rasch drehte sie sich nach der Seite, wo das Licht stand, und zog das Deckbett bis übers Kinn hinauf. Aber nun störte sie die zuckende Flamme des Lichtes, sie blinzelte, und wie er das sah, meinte er etwas ernster:

»Es ist wirklich nicht hübsch von dir, wenn du mich allein Kaffee trinken läßt!«

Da wandte sie den Kopf, schlang ihre schönen weißen Arme, von denen die Ärmel des Nachthemdes herabglitten, um seinen Nacken und flüsterte leise, zärtliche Worte in sein Ohr.

Er faßte mit seinen beiden Händen über die Schultern, machte sich sanft los und sagte:

»Du weißt doch, Herzblatt, daß ich heute sehr viel zu tun habe, da will ich möglichst schon um halb acht Uhr im Büro sein ... die andern ärgern sich zwar darüber, aber wenn einer sich was abwimmeln kann, dann tut er's ... und ich bin nicht so, ich arbeite eben, wenn Arbeit da ist ...« Und schon stand er wieder vorm Spiegel, knöpfte seinen Kragen um und band sorgfältig die kleine schwarze Schleife. Während er dann sein Haar mit großer Akkuratesse scheitelte und bürstete und dabei den neuesten Walzer pfiff, war seine Frau leise aufgestanden und hatte, ohne daß er darauf aufmerksam wurde, ihren Schlafrock übergeworfen.

Nun bemerkte er sie und lachte. Sie aber ging schnell in ihrer leichten huschenden Weise in die Küche hinaus, und als er wenige Minuten später nachkam, hatte sie schon den Gaskocher, auf dem das Wasser stand, angezündet und war gerade dabei, den Kaffee zu mahlen.

»Siehst du,« lachte er, »es geht alles, wenn man nur will!«

Wirklich stand, als er fertig angezogen war, der Kaffee auf dem Tisch. Die junge Frau schenkte ihrem Manne ein, strich eine Buttersemmel und quälte ihn, da Heinz wie gewöhnlich nichts essen wollte, doch wenigstens ein halbes Brötchen zu nehmen.

Er aß schließlich, aber sie hatten während des Frühstücks soviel miteinander zu plaudern und zu lachen, daß er plötzlich auf die Uhr sehend rasch aufstand und sagte:

»Ich muß fort, Kind ... Wenn ich nur die Bahn um 45 noch kriege ...«

Sie holte ihm geschwind seinen Spazierstock, denn er wußte nie, wo er ihn am Abend hingestellt hatte, und begleitete ihn mit der Lampe bis zur Entreetür.

»Aber du hast ja das Halstuch nicht um, Heinz! Es ist doch draußen so kalt, du mußt dich ja erkälten.«

»Ich habe wirklich keine Zeit mehr, Trude!«

»Damit du mir nachher krank wirst! ...«

Und es blieb ihm nichts übrig, er mußte warten, bis sie das weißseidene Cachenez herbeigeholt und um den Hals gelegt hatte.

Dabei sah er, wie ihre großen dunkelgrauen Augen in Liebe auf ihn gerichtet waren. Ihre Lippen, deren feuchtes Rot scharf gegen den weißen Teint absetzte, waren nie fest geschlossen, und der Reiz dieser weichen, nachgiebigen Züge bestand zum großen Teil in einer gewissen Lässigkeit, die sich auch in ihrer ganzen schlanken Gestalt ausdrückte. Sie sah noch gar nicht wie eine Frau aus, und trotzdem er es eilig hatte und sein Kopf sich bereits mit der Arbeit beschäftigte, die seiner im Büro harrte, erinnerte er sich jetzt doch plötzlich und wie im Fluge in jene Zeit, da er und Trude noch nicht verlobt miteinander waren und er selbst eigentlich nie daran gedacht hatte, die Trude Kaiser zu seiner Frau zu machen.

Mit einem langen, langen Kuß nahmen sie Abschied voneinander, und sie stand, die Lampe über das Treppengeländer haltend, so lange an ihrem Platz, bis sie unten das Haustor gehen hörte.

Dann kam es auf dem dunklen Treppenflur plötzlich wie Furcht und Erschrecken über sie, und sie eilte so schnell hinein, daß sie sich ein wenig an der Tür die Schulter stieß ...

 

Als Heinz Marquardt die bei der Potsdamer Bahn belegenen Büros der Güterexpedition erreicht hatte, war noch niemand anwesend.

Um acht Uhr kamen seine Kollegen. Einige grüßten ihn freundlich, die anderen, meist nicht allzu gewissenhafte Arbeiter, gingen mit scheelen Blicken und mokantem Lächeln an ihm vorüber. Er kümmerte sich absolut nicht darum und sagte in genau derselben gleichgültigen Weise »guten Tag«, wie er ihm geboten wurde.

Punkt neun Uhr trat der Betriebsdirektor ins Büro.

Herr Weckerlin, der, die breite Brust vordrängend und die Hüften zurückschiebend, auf seinen kleinen und elegant beschuhten Füßen ein wenig knickebeinig einherstolzierte, sagte mit leicht näselnder Stimme:

»Na, schon tüchtig gearbeitet? ... Hm? ... Liebe das, wenn ich Eifer sehe bei meinen Beamten ... Mir nichts unangenehmer, als wenn man so gewissermaßen mit der Uhr in der Hand arbeitet, hab's mir seinerzeit auch nicht so leicht werden lassen! ... Nur immer flott! Immer flott! ...«

Mit diesem seinen Lieblingswort berührte er ganz leicht, eigentlich nur symbolisch, die Schultern des jungen Angestellten und verließ das Büro, in dem die Kopie aller Beamten sich tief über ihre Arbeit beugten.

Aber kaum war er hinaus, so fuhren sie mit einer Wuptizität ohnegleichen in die Höhe, und in das Lachen und Plaudern, das nun wieder begann, mischten sich spitze Redensarten, die Heinz Marquardt galten. Solange sein Name dabei nicht genannt wurde, überhörte Heinz das absichtlich. Als ihn aber jemand gar zu direkt anzapfte mit den Worten:

»Man sollte solchen Streber überhaupt nicht im Büro dulden!« da richtete er sich mit einem Male kerzengerade empor und sagte, den Sprecher, einen Bürogehilfen namens Maaß, mit seinen großen schwarzen, eng beieinander stehenden Augen anstarrend:

»Soll das etwa auf mich Bezug haben?«

Der andere, ein kleiner, schmächtiger Mensch mit rotem Haar und einem Gesicht voller Pockennarben, entgegnete mit impertinentem Achselzucken:

»Wem die Jacke paßt, der zieht sie sich an!«

Heinz Marquardt wandte sich an den Bürovorsteher.

»Herr Hintzefuß, da muß ich mich bei Ihnen über Herrn Maaß beschweren.«

Max Hintzefuß war ein außerordentlich tüchtiger Arbeiter. Aber auch nur dieser Eigenschaft hatte er es zu danken, daß er noch immer im Dienst war. Als sogenannter Quartalssäufer hatte er zu wiederholten Malen Anlaß zur Unzufriedenheit gegeben, die um so größer war, als gerade sein Posten die höchste Zuverlässigkeit voraussetzte.

Der Bürovorsteher stand auf, ging zu dem kleinen Schreiber hin und sprach einige Worte mit ihm.

Der Rothaarige schien erst etwas zu zögern, bequemte sich dann aber, an Heinz Marquardt heranzutreten und sich mit ein paar nichtssagenden Worten zu entschuldigen.

Und Heinz, dem daran lag, nicht als Störenfried zu gelten, streckte ihm sofort die Hand entgegen zur Versöhnung.

Diesem kleinen Menschen war er sowieso eine Art von Revanche schuldig. Durch ihn hatte er seine Trude kennengelernt. Es war da nämlich so ein kleiner Beamtenverein, dem er selbst zwar nicht angehörte, zu dessen Festlichkeiten er jedoch durch Maaß mehrfach geladen war. Und einst bei einem Maskenball war der Kollege in Begleitung von Trude Kaiser erschienen, die er offenbar selber anhimmelte. Heinz Marquardt fiel die in diesem Kreise seltene Erscheinung des jungen Mädchens sofort auf. Sie hatte wenig von der spießbürgerlichen Gescheiteltheit der anderen jungen Mädchen, welche dort tanzten. Ein freierer, fast künstlerischer Hauch umwebte ihre schlanke Gestalt, und schon die einfache und nur durch ihren wirklichen Geschmack auffallende Kleidung ließ sie aus dem Kreise der übrigen hervortreten.

Kaum daß sie ihm vorgestellt war, hatte er ihren Kavalier, eben jenen rothaarigen Bürogehilfen, um die Erlaubnis gebeten, mit ihr tanzen zu dürfen. Dieser hatte mit einer etwas süßsauren Miene seine Einwilligung gegeben, und Heinz Marquardt benutzte die Erlaubnis zu einem einmaligen Tanze ohne weiteres für den ganzen Abend. Als ihn dann Trude bei der Damenwahl holte, legte er sich gar keine Schranken mehr auf und führte sie auch nicht wieder zu ihrem Herrn zurück. Mit diesem hatte er kurz darauf eine sehr energische Aussprache, bei der sich Maaß nur schwer auf sein älteres Anrecht berufen konnte, denn auch er war heute zum ersten Male mit Trude, die die Tochter seiner Logiswirtin war, ausgegangen, und das junge Mädchen, dessen Entscheidung man zum Schluß anrief, weigerte sich entschieden, ihm irgendwelche Ansprüche auf ihre Person einzuräumen.

Aber das Mädchen hatte seitdem merkwürdigerweise einen entschiedenen Widerwillen gefaßt gegen den jungen Menschen, dessen Begleitung sie damals angenommen und dem sie das Glück ihrer Liebe zu danken hatte.

An all das mußte Heinz Marquardt denken, als er jetzt, selbst bei der Versöhnung, die Augen des Kollegen voll heimlichen Grolls auf sich gerichtet sah.

Der Vormittag verging unter drängender Arbeit. Da mit der sogenannten englischen Tischzeit gearbeitet wurde, so frühstückten die Angestellten der Büros für gewöhnlich gegen ein Uhr, falls nicht allzu drängende Beschäftigung zwang, auch diese Pause aufzugeben. Heute war der Hauptstoß des Güterverkehrs bewältigt, und in solchen Fällen gab der unermüdliche Hintzefuß selbst das Zeichen zu einer gemütlichen Erholungspause. Und jetzt, wo der Erste eben gewesen war, verschwand der größte Teil der Beamten, um in dieser oder jener Gastwirtschaft ein Eisbein oder ein Stückchen warmen Braten zu verzehren.

Heinz Marquardt lockte etwas anderes hinüber in die kleine Restauration. Kaum hatte er sich ein Glas Bier bestellt, so begab er sich auch schon ans Telephon, um fünf Minuten lang mit seiner Liebsten zu schwatzen.

Das Telephon lag auf dem Korridor, man konnte dort ganz vertraulich plaudern. Und das benutzte dieser lange, schwarzhaarige Mensch mit einer Naivität und Zärtlichkeit, die ihm niemand zugetraut hätte; derselbe Heinz Marquardt, dessen Rücksichtslosigkeit die meisten Frauen empfinden mußten, die ihn geliebt hatten.

»Bist du da, Liebling?« fragte er, nachdem die Verbindung hergestellt war.

Und ihre weiche, wie von einem seidenen Schleier umhüllte Stimme erwiderte:

»Ja, mein Heinz! Wie geht es dir? Hast du viel zu tun?« ... Dann eine kleine Pause mit einem durch das Telephon hörbaren Seufzer. »Ach, wenn es doch erst Abend wäre!«

Er drückte einen Kuß auf die Membrane und sagte:

»Liebchen!«

Und plötzlich fiel es ihm ein:

»Aber es ist ja heute mein Skatabend! ...«

Sie ließ einige Augenblicke vergehen, ehe sie antwortete:

»Mußt du denn dahin gehen?!«

»Aber Trude! ... Sollen sie mich denn ganz und gar für'n Pantoffelhelden ausschreien ... Du weißt doch, das ist mein einziges Vergnügen! – Und wenn ich gewinne, gehen wir auch nächsten Sonntag ins Apollo!«

»Dann bin ich also wieder heute den ganzen Abend allein, du alter Bösewicht, du!«

»Ach, Trude, laß doch, ich komme auch früh nach Hause! – Du bleibst doch so lange auf, ja?!«

Sie erwiderte nichts, und er setzte rasch hinzu:

»Und sieh dich ja vor, mein Herz ... und lege auch bestimmt die Sicherheitskette vor! ... Du kannst lieber aufstehen und mir nachher aufmachen!«

Sie neckte ihn:

»Wenn du nicht kommst, dann lege ich auch die Sicherheitskette nicht vor!«

»Du, dann bin ich böse!«

Sie hörte durch das Telephon, wie er mit seinem Fuß die dicht an seiner Seite befindliche Tür aufstieß. Gleich darauf sagte er:

»Die anderen sind schon alle fort, eben geht Maaß ... und ein Gesicht macht der! ... geradezu unheimlich! ... Adieu, mein Herz, leb recht wohl und denk an mich!«

»Du an mich auch!«

»Ja, wenn ich nur nicht so viel zu arbeiten hätte! – Adieu, adieu! – Und du, hör' mal! – Trude! – Daß du mir ja nicht die Tür aufläßt, wenn du runter gehst und was einholst! ...«

Sie schwieg.

»Du hast es doch nicht etwa schon getan, Trude?«

»Ach, Heinz, vorhin, nur'n Augenblick, nur'n Augenblick, wie ich Butter holte unten aus'm Buttergeschäft ...«

»Aber du sollst doch vorsichtig sein, Geliebte! ... Ich sage es dir tausendmal! ... Nicht wahr, du tust es nicht wieder, du machst die Tür zu?! ...«

»Ja, ja, ich verspreche es dir! ... Also um halb elf, nicht wahr?«

»Na, schön, adieu, mein Liebling, adieu!«

»Adieu, Heinz!«

Dann ging er fort mit einem heißen Gefühl in der Brust und voller Sehnsucht nach seinem Weibe.

Als er ins Büro kam, waren die übrigen Beamten schon alle anwesend.

»Wo ist denn Maaß?« fragte Heinz den alten Stegemann, der Bürodiener und am längsten von allen im Dienst war.

»Hat sich krank gemeldet,« erwiderte der Alte, skeptisch seinen kahlen Kopf schüttelnd, »dabei hat a ausjesehn, als wollt er eenen erschlagen!« ...

Wenn so viel zu tun war wie heute, verging Heinz Marquardt die Zeit immer wie im Fluge. Ehe er sich's versah, wies der Zeiger der großen Bürouhr auf fünf, und schon standen die meisten der Herren auf, zogen ihre Schreibärmel herunter und begaben sich in die Ecke, wo die Waschtoilette stand, um in einer unglaublich kurzen Zeit mit Stock und Hut noch einmal an ihrem Platz zu erscheinen, die Pulte abzuschließen und in fluchtähnlicher Eile das Büro zu verlassen.

Die Laternen schimmerten rötlich in der kalten Luft, und am Himmel, der schwarzblau und wolkenlos war, standen mit ihrem glimmenden Leuchten einzelne Sterne.

In der Flottwellstraße, die vom Lärm der Eisenbahnzüge und dem Gerassel der Wagen erfüllt war, drängten sich heimkehrende Arbeiter, Geschäftsangestellte, die zur Post und mancherlei Besorgung liefen.

In dem kleinen Lokal in der Steglitzer Straße, wo Marquardt und seine Bekannten an jedem Freitag abend zusammentrafen, war er bei seinem Eintreten der einzige Gast.

Der Kellner, der ihn gut kannte, behandelte ihn mit der Vertraulichkeit, wie solche Leute sie stets zeigen Gästen gegenüber, die nicht viel verzehren.

Heinz Marquardt nahm die wohlgemeinten Erkundigungen des Ganymeds mit Humor auf, dann holte er sich eine Zeitung und erwartete bei einem Glase Bier die Bekannten, die bald darauf eintrafen.

Die Skatpartie verlief wie immer, angeregt und heiter, und die drei anderen Herren waren nur deswegen ungehalten, weil sich der junge Beamte schon vor zehn Uhr, trotz ihrer Einreden und Bitten, er möchte doch noch bleiben, entfernte.

Noch in der Tür winkte er ihnen ein lachendes Lebewohl zu und ging, ohne sich durch ihre etwas anzüglichen Bemerkungen im mindesten verletzt zu fühlen, durch die fast ausgestorbene Gegend schnell nach der nächsten Haltestelle seiner Elektrischen.

Von der Ecke, wo er herunterstieg, hatte er noch gut fünf Minuten bis zu seinem Hause. Die rannte er fast.

Vor dem Tor der sehr ausgedehnten Mietskaserne trieben sich wie gewöhnlich einige Frauenzimmer mit ihren Begleitern umher. Furcht kannte Heinz Marquardt nicht. Und so wollte er, ohne sich im geringsten um diese unheimlichen Gestalten zu kümmern, eben aufschließen, als eine von den Mädchen sagte:

»'s ist offen ... Lassen Sie bitte auf!«

Er ging hinein und schloß dessenungeachtet zweimal hinter sich ab.

Drinnen riß er ein Streichhölzchen an, weil es ihm schon zu wiederholten Malen passiert war, daß er auf Betrunkene getreten hatte, und ging schnell über den Hof in den Seitenflügel hinein und erstieg, immer drei Stufen auf einmal nehmend, die vier Treppen.

Oben kam er mit dem Öffnen der Tür nicht gleich zurecht. Es hatten sich offenbar ein paar Krümel oder etwas Wolle in der Tasche in die Höhlung des Drückers hineingesetzt, und da er sicher war, daß die Trude noch auf ihn wartete, klingelte er. Aber sie kam nicht.

»Nun ist sie doch eingeschlafen«, dachte er und bemühte sich, mit einem Streichhölzchen den Schlüssel auszubohren.

Endlich! Er schloß auf. – Die Sicherheitskette hatte sie doch nicht vorgelegt! ...

Wie stets ging er in seiner Wohnung, wo er ja genau Bescheid wußte, zuerst in die Küche, um dort ein kleines Lämpchen anzustecken.

Dabei stolperte er über einen auf dem Boden liegenden Gegenstand und stieß sich, lang hinfallend, das Knie.

Wie Ameisen in einem Haufen, in den plötzlich der Stock eines Wanderers hineinfährt, stürzten seine Gedanken von allen Seiten zusammen ... Wie kam der umgefallene Stuhl hierher? – Wer hatte ihn umgeworfen? War Trude nicht mehr in der Küche gewesen? Hatte sie's nicht gesehen? ... Das war doch sonst ihre Sache nicht!

Und plötzlich schrie er laut in die Dunkelheit hinein: »Trude, Trude!«

Nichts antwortete ihm.

 

Durch den düsteren Hof der Mietskaserne, in deren Fenster noch hier und da Licht schimmerte, hallten furchtbare Schreie:

»Zu Hilfe! Hilfe! Mörder! Mörder! Hilfe ... Hilfähh!«

Und dann ein krachendes Poltern die Treppe herab und immer wieder das markerschütternde Gebrüll eines Menschen, der mitten ins Leben hineingetroffen ist.

Die Bewohner, schon im Begriff, zu Bett zu gehen, stürzten aus ihren Wohnungen auf den dunklen Flur, Lampen in der Hand, in Nachtkleidern; aber der, der da so gräßlich schrie, war längst vorbei an ihnen, über den Hof gestürzt, dessen Mauern noch bebten von der Wucht seiner Hilferufe. Und nun riß er an der Haustür, die er selbst vorher verschlossen hatte, und wußte nicht, daß man aufschließen mußte, um hinauszukommen.

Endlich wurde von draußen geöffnet. Ein Wächter stand vor ihm; er stieß den Mann fast über den Haufen und schrie, vorwärts stürzend:

»Meine Frau! ... Meine Trude!! ... Um Gottes willen, Hilfe! ... Hilfe ... meine arme Trude! ...«

Sein Schreien wurde zum Schluchzen, und plötzlich, wie er zwanzig Schritte in die Nacht hineingerannt war, kehrte er wieder zurück nach dem Haustor, wo sich jetzt plötzlich allerlei Menschen sammelten, aus der Nacht herkommend, neugierig und von Grauen geschüttelt beim Anblick dieses vor Verzweiflung heulenden Mannes.

Eines der Mädchen, die da standen, die ihr trauriges Gewerbe festhielt nachts auf der Straße – eines von diesen armseligen Geschöpfen kam an den in seinem irren Schmerz hin und her laufenden Mann heran und sagte, selber weinend:

»Was ist denn, Herr Marquardt? ... Ich wohne ja da oben, und ich kenn' se doch auch, Ihre Frau! ...«

Heinz Marquardt hatte nie acht gegeben, wer in seiner Nähe wohnte; jetzt sah er das Mädchen an, als könne von ihr das Heil kommen, als könne sie ihm helfen, sein Liebstes, das er da oben tot, ermordet gefunden hatte, wieder zu erwecken.

»Einen Arzt!« stieß er hervor, »einen Arzt!« und rannte davon wie gehetzt, und hinter ihm das Mädchen, rufend:

»In der Koloniestraße, da wohnt einer, bei den geht meine Wirtin immer!«

»Wo denn? Wo denn?« ächzte er.

Nun führte sie ihn, beide im Laufschritt, atemlos, keuchend, er ganz seinem Schmerze hingegeben und sie vor Mitleid mit ihm schluchzend.

Es dauerte lange, bis der Arzt herunterkam.

Wie er aber hörte, was geschehen war, da ließ er sich selber erst nicht lange nötigen zum Laufen.

Durch die menschenleeren, schlecht beleuchteten Straßen stürmten sie alle drei dahin, als hinge von ihrer Eile jetzt noch Leben und Sterben ab.

Wie sie die schmalen, steilen Treppen hinaufkamen, stand alles voller Leute. Bis an die Wohnungstür, die Heinz Marquardt hinter sich offen gelassen hatte. Und alle diese Menschen, in deren Gesichtern sich Neugier und Entsetzen stritten, traten schweigend zurück, als jetzt der Mann der Ärmsten, die da oben ermordet lag, an ihnen vorüber wollte. In die Wohnung hinein hatte sich niemand getraut.

Man sah durch die offene Tür den Korridor erhellt von der kleinen Küchenlampe, die am Nagel hing, und die Augen der draußen Stehenden suchten fieberhaft nach dem Opfer.

Unten auf der Treppe wurden schwere Schritte hörbar, und gleichzeitig wurden Befehle laut, wer hier nichts zu suchen hätte, solle Treppe und Haus verlassen.

Die Polizei kam. Ein Leutnant und mehrere Schutzleute.

Der Arzt war um die Ermordete beschäftigt. Aber all seine Kunst blieb vergeblich. Die arme Trude hatte nur zwei Stiche mit einem scharfen Instrument, wahrscheinlich einem Dolch oder Stilett, von hinten empfangen. Aber offenbar war schon der zweite Stoß des Mörders überflüssig gewesen. Der Tod hatte sie vollständig unvorbereitet überrascht.

Im Wohnzimmer war der Mord passiert. Dort mußte das arme Wesen, nachdem es den ersten Stich bekommen, der beide Herzklappen durchschnitten hatte, zusammengebrochen sein und den Veloursteppich, dessen ursprünglich helle Farbe jetzt ganz dunkel war, mit seinem Blute durchtränkt haben.

Der Arzt erklärte es für ganz unmöglich, daß die Ermordete danach noch einen einzigen Schritt gemacht haben könnte.

Er selbst hatte sie auf dem Bette liegend gefunden, und es war nicht aus Heinz Marquardt herauszubringen, ob er die Tote dorthin gelegt hatte.

Der Polizeileutnant, ein noch junger Mann, dem es schwer wurde, seine tiefe Ergriffenheit zu verbergen, schüttelte, mit dem Arzte redend, den Kopf.

»Das ist kaum zu glauben, Herr Doktor! – Denn selbst wenn man glauben wollte, der arme Kerl hätte soviel Geistesgegenwart in diesem fürchterlichen Augenblick noch besessen, so ist doch gar nicht anzunehmen, daß in der kurzen Zeit – denn es kann ja kaum eine halbe Stunde her sein, daß er sie gefunden hat – der Körper schon so erstarrt sein sollte.«

Der Arzt mußte dem beipflichten. Und daß er selbst nicht auf diesen Gedanken gekommen war, daran war wohl auch nur die Erschütterung schuld, die er selbst empfunden hatte beim Anblick dieses liebreizenden Geschöpfes, das eine Bubenhand niedergestreckt hatte. Es war jetzt auch die Stubenlampe angezündet worden, und das Schlafzimmerchen, in dem alles bis auf das eine zerworfene Bett so leuchtend ordentlich und nett war, glänzte von einer milden Helligkeit.

In den Kissen, die überall große dunkle Flecke zeigten, lag die Tote wie aufgebahrt. Sie trug noch immer das Morgenkleid, dessen Knöpfe am Hals aufgerissen waren. Und dieser Hals, dieser zarte, weiße Mädchenhals wies, als man die Lampe näher heranbrachte, deutlich die grausamen Fingermale des Mörders auf. Aber das Gesicht war nicht entstellt. Nur das Lächeln, die stille Liebenswürdigkeit war fortgewischt aus dem Antlitz des jungen Weibes, dessen blondes Haupt von einer starren Feierlichkeit umflossen war. Die schwachroten Lippen waren geschlossen, und die blauen Augen, deren Lider noch ein wenig offen standen, widerstrebten dem Fingerdruck des Arztes, als er sie schließen wollte.

Neben dem Bett war Heinz Marquardt auf einen Stuhl niedergesunken. Er hatte die schlaff herniederhängende rechte Hand der Toten in die seine genommen und streichelte mit der anderen die blutlosen Finger. Dabei liefen ihm die Tränen immerfort über die Wangen, aber er sagte nichts. Als der Arzt mit seinen Bemühungen aufhörte, hatte er diesen groß und fragend angesehen und aus den stummen, von Mitleid erfüllten Zügen des Mediziners ohne eine Frage sein jammervolles Schicksal gelesen.

Der Polizeileutnant war an ihn herangetreten mit der Absicht, ihm wenigstens ein Wort des Trostes zu geben. Aber vor den dunklen eng beieinander stehenden Augen, die Heinz Marquardt voll zu ihm aufschlug, vor dem unsäglich gramvollen Ausdruck dieses von brennenden Schmerzen verstörten Gesichtes verstummte der Beamte.

»Sie können doch hier nicht bleiben?« sagte er endlich.

Der Gatte der Ermordeten hörte gar nicht darauf.

»Die Fundstelle muß auch möglichst unberührt erhalten werden!« meinte der Polizeileutnant wieder.

»Das hier ist meine«, sagte Heinz Marquardt mit einem Unheil verkündenden Blick, und der Polizeileutnant wagte dem nichts entgegenzusetzen.

Inzwischen war nach dem Präsidium telephoniert worden, und eine ganze Anzahl von Kriminalbeamten hatte sich eingefunden. Der Chef selbst, Herr von Rhode, war erschienen und betrat soeben in Begleitung der Kommissare Hartmuth und Bendemann das Zimmer.

Der Polizeileutnant erstattete leise seinen Rapport und wies dann auf den noch immer neben seinem toten Weibe sitzenden Heinz Marquardt.

»Wir können ihn doch hier nicht lassen, Herr Geheimrat?«

»Natürlich nicht! ... Muß irgendwo im Hause 'n Unterkommen suchen, damit wir 'n morgen früh gleich wieder bei der Hand haben.«

»Er wird Schwierigkeiten machen«, erwiderte der Polizeileutnant flüsternd.

»Was heißt denn das?« ... Herr von Rhode sprach noch leiser mit seinem Untergebenen, und dann meinte er vernehmlicher: »Ich wer' mal mit dem Mann reden!«

»Herr ...,« er wandte sich an den Polizeileutnant, »wie heißt er?«

»Marquardt«, erwiderte dieser dienstbeflissen.

»Also, Herr Marquardt, äh, hm! ... es ist ja außerordentlich bedauerlich, und äh! wir verkennen keinen Augenblick den traurigen Ernst Ihrer Lage, aber, sagen Sie mal, können Sie uns denn nicht vielleicht 'n Anhaltepunkt geben? ... Ich meine natürlich nicht, daß sie uns was Positives sagen sollen über den Fall – Keine Ahnung ... Davon werden Sie ja ebensowenig wissen wie wir, aber sagen Sie mal, Herr Marquardt, hat denn Ihre Frau nicht ... äh, na ich meine, hat sie denn nicht so Bekanntschaften gehabt ... Bekannte, die, hm ... na, äh, was sollen wir uns da lange fürchten vor dem Wort, hier is ja nich der Augenblick, wo man sich gegenseitig Mätzchen vormacht, seien wir mal ganz ehrlich und aufrichtig, sind Sie der Treue Ihrer Frau immer ganz sicher gewesen? ... Ich höre nämlich, daß Sie Beamtet sind an der Staatseisenbahn, und da sind Sie ja natürlich den Tag über von Hause abwesend. Sagen Sie mal, Herr Marquardt, woher stammt denn Ihre Frau eigentlich?«

Heinz Marquardt hatte den hohen Beamten bis jetzt ohne ein Wort der Erwiderung immer nur schweigend angesehen. Aber in seinen Augen lag etwas, was den jungen Polizeileutnant bewegte, sich dicht neben seinen Vorgesetzten hinzustellen. Und plötzlich richtete sich der Büroschreiber mit einem Ruck straff empor. Und seinen blassen, von so unendlichem Weh zerwühlten Kopf dem Herrn entgegenstreckend, schrie er:

»Sind Sie verrückt, Sie? ... Meine Frau? ... Meine Frau? Einen Geliebten?! ... Ach!« ... Er brach mit einem Ruck in sich zusammen und griff taumelnd mit seinen beiden Händen nach dem Bettpfosten.

»Niemand auf der Welt hat sie so lieb gehabt als mich! Niemand! Den möchte ich sehen, der das sagen könnte.« Er erregte sich wieder. »Und ich sage Ihnen, Herr, sagen Sie das nicht noch einmal! Ich weiß nicht, wer Sie sind, und das ist mir auch ganz gleichgültig; aber ich schlage jeden zu Boden, der über meine arme geliebte Trude noch ein solches Wort sagt!«

Der Herr Geheimrat schien etwas erschrocken, und er war wohl nicht recht einig mit sich, ob er das, was ihm da eben so unverhohlen gesagt worden war, als Beleidigung auffassen oder ob er es dem schwergeprüften Manne zugute halten sollte. Dann entschied er sich für das letztere, wandte sich mit einem Achselzucken ab und ging zu den beiden Kommissaren, von denen der eine die Küchenlampe in der Hand hielt, und die jetzt mit Späherblicken die einzelnen Räume des Tatortes musterten, um vielleicht doch irgendeinen Anhaltepunkt zur Auffindung des Täters zu gewinnen.

Der Arzt war, sobald er erkannt hatte, daß hier seine Hilfe zu spät kam, gegangen. Auch der Polizeileutnant verließ das Zimmer aus irgendeinem Grunde.

Da schlüpfte ein Mädchen in die Tür. Dasselbe Mädchen, das Heinz Marquardt vorhin den Weg zum Arzt gewiesen hatte. Ein noch junges Geschöpf von kleiner, sehr voller Figur und mit einer schwarzen Mähne, die ihr wie ein Helm in die Stirne hineinwuchs. Darunter leuchteten ein paar blanke Augen, aber den Mund des trotz Puder und Schminke noch frischen Gesichtes entstellte eine schreckliche Narbe.

Heinz Marquardt erkannte sie kaum wieder.

Einen Augenblick blieb sie an der Tür stehen, dann aber wohl einsehend, daß sie sich beeilen müsse, wenn sie allein mit ihm reden wollte, ging sie schnell zu ihm hin, berührte die Schulter des armen Mannes, der noch immer mit vorgebeugtem Oberkörper, die Hand seiner toten Frau in der seinen haltend, auf das blutbefleckte Bett starrte, und sagte leise:

»Ich kann Ihnen vielleicht was sagen. Ich wohne drüben auf der anderen Seite bei Pfeffer.«

Er sah sie an und schüttelte den Kopf, als glaube er nicht, daß es noch irgend jemand auf der Welt geben könne, der ihm etwas zu sagen hätte ...

Das Mädchen aber, das draußen Schritte hörte, schlüpfte hinaus.

* * *

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