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Der Putsch

Max Barthel: Der Putsch - Kapitel 7
Quellenangabe
pfad/barthel/putsch/putsch.xml
typefiction
authorMax Barthel
titleDer Putsch
publisherDER BÜCHERKREIS
year1927
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderAlexander Barthel
created20111110
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Zwischen Sumpf und Wüste

Astrachan ist auch heute eine Stadt der Verbannung. Ringsum dehnen sich Sümpfe, Wüsten und Steppen. Die Malaria wütet und auch die Pest. Vom Bürgerkrieg zertrümmert und allen Stürmen des Kaspischen Meeres und der Wüsten freigegeben, vertrauert diese Stadt im Sterbegeruch der Fischmilliarden ihr Dasein. Schlepper und Dampfer fahren auf der Wolga und der Rauch ihrer Feuerung treibt mit in den Sandwolken, die von der Wüste kommen und durch die Straßen und Höfe fegen. Aber im Frühling und im Herbst ist Astrachan keine Stadt der Verbannung mehr. Da berstet die Stadt von den unzähligen Fischhändlern, die aus dem unendlichen Rußland zusammengeströmt sind, und die Börse steht jenseits von Gut und Böse und lärmt und leuchtet bis in die Nacht.

In der Fischereiverwaltung hatte Paulitsch einige Zimmer freigemacht und war dann unter großer Herzlichkeit mit seiner Frau abgefahren. Die Moskauer reinigten sich vom Staub der Reise. Pjotr Borodin war an die Front abgereist, ohne Claudia noch einmal gesehen zu haben. Charly Moser und Gurow saßen wieder über dem Schachbrett, Bessemer aber bummelte mit Grischka durch Astrachan. Er sah die zerstörte Innenstadt, den Rauch und Betrieb der Hafenanlagen, den schmalen Kanal, der sich von der Börse aus quer durch die Vorstadt hinzog und in dem die Fangflotte der Fischer verankert lag.

»Dreimal habe ich dich gesehen,« sagte Grischka an jenem Kanal. »Dreimal, aber du gingst schnell vorbei, in Saratow und auf dem Schiff. Einmal hätte mich die Kontrolle beinahe entdeckt, aber auch das ging vorbei wie der Engel Gottes. Und nun bin ich doch in Astrachan und nicht in Baku oder Taschkent.«

»Jetzt bist du in Astrachan, Grischka, aber wo kommst du her? Erzähle von deiner Heimat.«

»In Mirgorod bin ich geboren, in der lustigen Ukraine,« antwortete der Knabe. »In der Stadt, wo auch Gogol auf die Welt kam.«

»Und wie wurdest du Barfüßler?«

»Das ist eine lange Geschichte. Ich war noch ganz klein, da begann eines Tages eine große Schießerei. »Das ist Revolution, Grischka,« sagte mein Vater, der damals noch Kaufmann war. Revolution, nun wenn kein Mensch schläft, das ist Revolution! Dann kam der Streik und in der Stadt zogen alle Menschen auf die Straße und sangen viele Lieder. Auch unser Mädchen Natascha lief mit und sang. Zu Hause in der Küche hat sie sonst wenig gesungen. Ich war den ganzen Tag damals auf der Straße und lief überall herum. Aber dann kamen plötzlich die Kosaken und mein Vater sagte: »Kommt, jetzt geht es erst richtig los.« Da sind wir geflohen und wandelten fünfhundert Werst durch die Steppe. Dann kam die Wüste. Dort gab es kein Wasser mehr. Alles war tot und gestorben. Da starb auch meine Mutter.

Und dann sank Natascha in den heißen Staub. Ich war damals sieben Jahre alt ... An diesem Tage wurde ich Barfüßler, Onkel.« »Aber dein Vater, Grischka?«

»Der Vater starb auch in der Wüste. Nur mein Bruder und ich blieben von der ganzen Familie.« »Und wo ist dein Bruder?«

»Rußland ist groß, und ich weiß nicht, wo Nikolai ist,« antwortete der Knabe.

»Bist du noch einmal in Mirgorod gewesen?«

»Ja, ich war noch einmal dort, aber auch an diesem Tage wurde geschossen. Das Liedersingen, weißt du, war längst vorbei. Ich rannte durch eine Straße. Da wurde plötzlich in ein Haus eine Bombe geworfen. Das Haus brannte und donnerte. Als alles vorbei war, ging ich in die Trümmerhaufen. In dem Hause lebte nämlich mein Lehrer, Gregor Nikolaijewitsch hieß er. Er lag in der Stube und war tot. Nur die große Kuckucksuhr tickte an der Wand weiter ...«

»Und dann?« fragte Bessemer, als Grischka schwieg.

»Dann hielt ich die Uhr an, Onkel,« sagte er mit altem, klugen Gesicht. »Sie brauchte ja nicht mehr die Zeit zu sagen, denn der Lehrer war tot ... Von Mirgorod reiste ich nach Odessa und wurde gefangen genommen, war bei den Weißen und bei den Roten und kam dann in ein Kinderheim. Aber ich liebe keine Kinderheime, ich machte mich aus dem Staube und sah mir Rußland an.«

»Und jetzt, Grischka?«

»Jetzt laufe ich mit dir durch Astrachan und rede dummes Zeug!«

In einer kaukasischen Küche aßen die zwei Hammelfleisch mit Reis und tranken heißen Tee. Grischka war ausgehungert wie ein Wolf. Die Küche wurde von Bettelkindern umlagert, die nur schmutzige Lumpen oder Säcke auf den dünnen Leibern trugen. Unter den Kindern war auch ein zwölfjähriges Mädchen. Sie war sehr blaß und hatte Augen wie ein gehetztes Tier.

»Olga!« schrie Grischka plötzlich auf, »Olga Nikolajewna!«

»Grischka!« antwortete das Mädchen.«

Der kleine Landstreicher sprang auf und holte das Mädchen in die offene Küche. Olga wehrte sich, aber Grischka lachte.

»Das ist die schwarze Olga aus Moskau, Onkel,« sagte er zu Bessemer, »wir haben zusammen eine Reise von Odessa nach Poltawa gemacht. Dort kam Olga in ein Kinderheim. Und jetzt ist sie hier!«

»Und jetzt trinkt sie mit uns Tee und ißt Reis mit Hammelfleisch,« sagte Bessemer.

»Die anderen Kinder sind auch hungrig, Herr,« sagte das Mädchen mit dunkler Stimme.

Natürlich, auch die anderen Kinder waren hungrig, die kleinen Wölfe und wilden Hunde, die Vagabunden und Landflüchtigen, die aus der Bahn geschleuderten Geschöpfe unbekannter Menschen. Und wie ein guter Gott saß dann Felix Bessemer aus Berlin in einer kaukasischen Küche in Astrachan zwischen einem Dutzend verwahrloster Kinder und ließ Suppe, Reis mit Hammelfleisch und Tee auffahren, einmal, zweimal und dreimal, ließ sich von der schwarzen Olga küssen und zog dann mit Grischka weiter am Kanal entlang.

Lastträger und Hafenarbeiter gingen vorüber. Eine junge Zigeunerin wurde von zwei Fischern verfolgt. Kalmücken trotteten vorbei in langen, lehmgrauen Mänteln und hohen Lammfellmützen, ein götzenhaftes Lächeln in den gelben, mongolischen Gesichtern. Wilde Hunde und schwarze Schweine liefen durch den Markt und wühlten im Abfall und Schmutz. Der Tag neigte sich dem Ende zu, und der Lärm der traurigen Stadt hallte rhythmisch zu dem Marschgesang einer Kompagnie junger Soldaten, die nach dem kahlen Kreml zogen.

Hinter den Küchen begannen die schmalen Reihen eines Marktes, auf dem die Schätze Astrachans zu sehen waren. An den vielen Fischbuden hingen die getrockneten, aufgeschlitzten Leiber der großen Fische, die »Wobla« heißen und in Moskau, Smolensk und Omsk ebensogut zu kaufen waren als hier. In den engen Gassen, in denen Textilwaren ausgestellt waren, trieben sich kindliche Händler mit Zigaretten und Süßigkeiten herum. Persische Knaben boten sich als Schuhputzer an. Aber hinter Textil und Fisch bauten sich die leuchtenden Hügel gelber und grüner Melonen auf, blaue Gebirge süßer Weintrauben waren da, die blutvollen Kugeln der Granatäpfel und die grellroten Ketten des Pfeffers. Die nahe Wüste schickte nicht nur Sand, Sturm und Staub, aus ihren Oasen kamen die vielen funkelnden Früchte.

Astrachan ist ein Tor zwischen Europa und Asien. Bessemer sah auch die vielen Völker Asiens und Europas vorüberfluten, Kirgisen, Russen, Juden, Tscherkessen, Tataren und Armenier. Und jetzt in dieser Stunde war die Stadt nicht mehr traurig. Sie bewegte sich, sie hob ihren runden Kopf aus den Wogen der Wolga, ihre goldenen Fischaugen leuchteten in heftigem Glanz. Aus dem Kaspischen Meere stieß nicht nur der Sturm. Wie die Wüste ihre süßen Früchte in die Stadt schickte, so schickte auch das wüste Meer seine Schätze mit der Wolga nach Astrachan: die schwarzen, grünen, blauen und rotgetupften Fische, die nicht nur Wobla heißen, sondern auch Lesch, Sterlett, Beluga, Wels und Stör.

Grischka war verstummt. Er dachte an Olga. Auch Bessemer blieb auf dem Streifzug, der bis an den Rand der Steppe führte, schweigsam. Auf dem Heimweg sahen sie am Kanal eine alte Frau, die sich demütig unter Anrufung aller Rechtgläubigen in den Staub beugte und mit der Stirn die Erde berührte. Das war eine Bettlerin. Ein kleines Kind spielte neben ihr im Schmutz. Bessemer gab einige Kopeken, aber Grischka hatte ein wölfisches Herz und lachte. Seine beinahe wimpernlosen Augen waren starr auf den fremden Mann gerichtet, der sich eines Betteljungen annahm, zerlumpte Kinder speiste und ein Russisch sprach, über das man sich krumm lachen konnte, wenn man gesättigt war.

Am Abend versammelte sich die Delegation zur ersten Sitzung. Paulitsch führte das Wort. Charly Moser und Gregor Gurow machten sich Notizen. Bessemer blätterte, als Paulitsch sprach, in den letzten Börsennachrichten.

»Ich habe,« sagte der Redner, »erst gestern nach Moskau neue Briefe geschickt und die Lage geschildert. Die Karre ist verfahren, das wissen wir alle. Kein Mensch will jetzt Fische kaufen, will schon, sage ich, aber er hat kein Geld. Marculescu, der Rumäne, von dem ich den Betrieb übernommen habe, ist verschwunden. Jetzt beginnen die Herbstfänge und kein Schwanz ist zu sehen, der kaufen will. Nur zwei oder drei Spione aus Odessa sind da.

Nathan wirft mir vor, ich hätte im Sommer verkaufen sollen. Das hätte ich, zum Teufel, ja, aber wie war denn die Lage? Die Preise stiegen jeden Tag und kein Mensch konnte den großen Sturz voraussehen. Auch die Genossenschaften haben alle Keller und Lager voll. Dort ist alles viel tiefer im Dreck. Vorige Woche sind die Hauptleiter verhaftet worden. Der Rumäne hat mit den Leuten zusammengearbeitet, ich nicht, das weiß ja Moskau von ganz allein. Da braucht keine besondere Delegation zu kommen. Das gebe ich zu, ich hätte im Sommer verkaufen sollen. Ich bin auf diesen Platz gestellt worden, obwohl ich kein Fachmann bin. Das wußte Moskau. Ich habe alles getan, was getan werden konnte. Wir haben Fische gefangen und die Keller in Ordnung gebracht. Was will man mehr? Ihr werdet ja selber sehen, was los ist. Die Bücher sind in Ordnung!«

»Wir werden alles sehen, Paulitsch,« sagte Bessemer. »Aber warum ist der Rumäne auf seinem Platz geblieben, als du kamst? Und wo sind die zehntausend Pud Heringe hingekommen, die Marculescu angeblich nach Moskau geschickt hat?«

»Marculescu blieb noch einige Wochen, denn ich mußte mich einarbeiten, Bessemer, das wirst du verstehen, wenn du erst acht Tage hier bist,« antwortete Paulitsch. »Und wegen der Heringe gerade schrieb ich gestern: Marculescu hat das Geld dafür bekommen und die Fische nach Odessa geschickt und nicht nach Moskau. Das habe ich gestern auf der Tscheka erfahren. Wo der Rumäne steckt? Das möchten wir auch wissen. Vielleicht bei den Tataren oder den Kalmücken. Die Steppe ist groß, in der Wüste ist manches Versteck.«

»Ja, aber Moskau ist doch der Ansicht,« sagte Bessemer darauf und wollte das Abberufungsmandat verlesen, da öffnete sich die Tür zum Beratungszimmer und Hans Granach, der Verwalter des Hauptfangplatzes, erschien. Er war etwas über vierzig Jahre alt. Die Malaria hatte seinen Körper verheert. Auch heute glänzte das Fieber in den tiefliegenden Augen. Granach war am Abend mit der Barkasse in die Stadt gekommen.

»Hallo,« sagte er, »wir haben Besuch... Aber Paulitsch,« wandte er sich an den Vorsitzenden, »zum Teufel, warum bekommen wir kein Mehl? Unsre Leute wollen und können nicht arbeiten, wenn sie nichts zu fressen haben. Verstehst du das? Auch Naphtha brauchen wir für die Barkassen.«

»Steht es so schlimm?« fragte Charly Moser.

»Noch viel schlimmer,« antwortete Granach kurz und fuhr fort: »Da haben wir wieder einmal Besuch aus Moskau! Das ist schön, daß ab und zu jemand vom Zentrum kommt, um nachzusehen, ob wir noch nicht an Malaria krepiert; sind. Habt ihr neue Netze mitgebracht? Oder sollen wir im Herbst die Fische mit den Händen fangen?«

»Netze haben wir in England eingekauft. Sie sind unterwegs. Auch Salz und Lederkleidung für die Fischer. Wir fahren heute nacht mit ins Fanggebiet. Ich heiße Bessemer und habe ein Mandat. Wann geht die Barkasse?«

»Um Mitternacht. Aber wir brauchen Mehl!« knurrte Granach.

»Mehl kommt morgen nach,« sagte Bessemer, »Gurow, das ist der Mann hier, bleibt in der Stadt und verkauft Heringe oder Lesch. Wie steht der Fang? Geht es schon los?«

»Mäßig, Genosse,« antwortete der fieberkranke Granach, »aber es kann jeden Tag losgehen. Wir brauchen auch Chinin. Zwanzig Leute und sieben Mädchen haben Malaria.«

»Chinin ist noch genug da,« fiel Paulitsch eifrig ein und fragte: »Soll ich auch mitfahren, Bessemer?«

»Nein, du kannst morgen nacht mit dem Mehl kommen. Ich will mir den Betrieb allein ansehen. Bringe die Bücher mit. Da können wir draußen auf dem Fangplatz weiter über deinen Bericht sprechen.«

»Schön,« sagte Paulitsch und war wie umgewandelt, »schön, Genosse, und ich bringe auch Tee und Tabak mit.«

»Und Naphtha! Wir können die Barkassen nicht mit Wasser feuern!« ergänzte Granach, steckte sich eine Zigarette an und machte sichs am Tisch bequem. Paulitsch verabschiedete sich. Granach erzählte bei unzähligen Gläsern Tee von der Fischerei und von dem Rumänen, den er gut kannte.

»Das ist ein Kerl für sich,« sagte er, »der Marculescu! Er kam aus Bessarabien, ging in die Rote Armee und war ein Draufgänger. Den Kreml in der Stadt hat er mit neunzig Mann gegen fünfhundert Weiße gehalten. Als der Krieg vorbei war, wurde er Tschekist. Aber er war ein zu großer Bluthund. Dann kam er zu uns in die Fischerei, war wenig in der Stadt, immer auf der Wolga und auf den Fangplätzen, verschwand manchmal zu den Tataren und Kalmücken in die Steppe, und mich haßte er, weil ich als Lagerhalter nichts unverbucht herausgab. Vor sieben Wochen ist er verschwunden. Wir haben tatarische Fischer, die wollen ihn in der Steppe gesehen haben.«

»Ja, und Paulitsch sagte, daß er zehntausend Pud Heringe für die eigne Tasche verkauft hat,« sagte Charly und starrte Granach nachdenklich an.

»Mehr als zehntausend. Auch in Astrachan hat der Schuft Geschäfte mit unsren Fischen gemacht,« sagte Granach. Dann erhob er sich und ging fort. »Hab noch in der Stadt zu tun,« sagte er, »um zwölf Uhr treffen wir uns an der Barkasse.«

»Der Mann kommt mir sehr bekannt vor, Felix,« sagte Moser, »ich muß ihn mal getroffen haben. Vielleicht in Sibirien. Aber damals nannte er sich anders.«

Die Sitzung war aufgehoben. Grischka kam für einen Augenblick. Er hatte gebadet und aus dem Lager neue Kleider bekommen. Die führte er in der Stadt spazieren.

»Gruß an Olga!« rief ihm Bessemer lachend nach.

Kurz vor Mitternacht kam der Barkassenführer und holte die kleine Reisegesellschaft ab. Auch Grischka war dabei. Die Barkasse stand schon unter Dampf und ratterte rasch in die warme Dunkelheit hinaus, wolgaaufwärts nach den Fischbänken. Viele Sterne waren am Himmel und standen um einen schmalen, silbernen Mond. Granach sprach mit dem Barkassenführer. In Moser aber begann das Abenteuerblut zu schäumen. Der ganze Mensch tropfte in dieser Nacht vom heißen Blut Er erzählte von Sibirien. Drei Jahre hatte er dort gelebt. Er stammte aus Leipzig, aber er hatte die Heimat vergessen. Seine Frau war eine Baschkirin und lebte in Moskau. Zuerst hörte auch Grischka zu, aber die Männer sprachen deutsch, das verstand der Knabe nicht. Er rollte sich wie ein Hund auf dem Verdeck der Barkasse zusammen und schlief ein.

»Sibirien,« sagte Moser, »was wißt ihr von Sibirien? Wölfe und Eisstürme? Ja, aber auch dreimal Weizen« ernte im Jahr, Gold, Platin, Kohlen, Tiger, Bären, Zobel und Blaufuchs ... Wir fahren auf der Wolga, aber ich muß an die sibirischen Ströme denken, an den Amur, an den Ob und Jenissei. An den Irtitsch und an den Baikalsee. Habe ich dir schon die Geschichte von Bamaul erzählt?«

»Nein, Charly, erzähle von Barnaul!«

»Es war im Bürgerkrieg, und einmal war diese Stadt weiß und ein andermal rot. Die Soldaten spielten um diese Stadt wie um den Leib einer schönen Frau. Als einmal die Weißen Barnaul besetzten, wurde ich am nächsten Tag bei einer Razzia verhaftet.

›Was bist du für ein Mensch?‹ fragte der Hauptmann der mich vernahm.

›Sprachlehrer,‹ sagte ich, ›englischer Sprachlehrer, Hoch wohlgeboren‹. Vor einiger Zeit hatte ich in einem verlassenen Haus eine englische Grammatik gefunden. Das waren meine einzigen Beziehungen zu England.

›Lauf zu,‹ sagte der Hauptmann, ›das trifft sich gut. Lauf zu und melde dich bei dem Oberst Lankewitsch.‹

Ich meldete mich.

Der Oberst war ein alter Mann, hoch in die siebzig. Er war mit den Weißen nach Barnaul gekommen und auf der Flucht nach Amerika. Er stammte aus Moskau.

›Englischmen,‹ sagte er zu mir, ›du bist jung und ich bin alt, aber der Mensch lernt niemals aus. Am letzten Tage lernt noch der Ungläubige das Beten. Sprachlehrer bist du?‹

›Englischer Sprachlehrer, euer Gnaden,‹ sagte ich.

›Bin ein Mensch und nicht voller Gnaden,‹ bekam ich zur Antwort, ›komm jeden Tag zwischen drei und vier zu mir und trage vor.‹

Und ich kam jeden Tag zwischen drei und vier und trug vor. Er war ein altes, großes Kind, und wußte nicht, was mit Rußland geschah. Er fluchte auf die Roten und schimpfte auf die Weißen. Einmal klagte er: ›Brüder sollten wir sein und Wölfe sind wir!‹ Als der Krieg begann, hatte er sich freiwillig gemeldet. Er kam auch ins Feuer und klappte bald zusammen. Nervenzusammenbruch, Pension und so weiter. Dann kam die Revolution. Das war der Oberst Lew Gregorjew Lankewitsch. Er zählte sich zu den Liberalen und liebte schöne Literatur. Die Welt aber war nicht schön ... Mann Gottes, was für ein verrücktes Englisch wurde da jeden Tag vorgetragen! Vor jeder Stunde lernte ich erst einmal selber meine Lektion. Wer konnte mich in Bamaul kontrollieren? Kein Mensch. Aber eines Tages kam eine amerikanische Kommission und reiste nach dem Ural in die Platingruben. Sie hörten, ein englischer Dolmetscher ist da. Sie forderten mich an und fuhren, ohne mich zu sprechen oder zu prüfen, weiter. Glück muß man haben, Bessemer. Und ich hatte Glück. Saumäßiges Glück.

›Du mußt nach Irkutsk,‹ sagte am anderen Morgen der Hauptmann zu mir. ›Die Amerikanskis haben dich angefordert. Damit du aber den Weg nicht verfehlst, geben wir dir zwei Soldaten mit, die verdammt gut schießen können.‹

›Zu Befehl,‹ sagte ich, ›aber was soll aus seiner Gnaden, dem Oberst Lankewitsch werden?‹

›Das ist meine Sorge. Melde dich ab und fahre mit dem Nachtzug‹, sagte er und musterte mich mißtrauisch.

Wie du dir denken kannst, war mir durchaus nicht fröhlich zu Mute, als ich mich bei dem alten Herrn abmeldete. Ich hatte ihn ganz einfach liebgewonnen, trotzdem ich ihn betrog. Er war ein Mensch, mit dem man menschlich reden konnte. Und dann kam Irkutsk. Das stelle dir, bittschön, richtig vor! Ich komme an, ich melde mich und was geschieht dann? Dann ist es aus mit der Dolmetscherei! Dann kommt der Schwindel heraus! Und in jener Zeit wurde man wegen viel leichterer Dinge an die Wand gestellt.

›Charly‹ sagte Lankewitsch zu mir (seit der Zeit nenne ich mich auch Charly), ›Charly du bist jung und hast Löwenmut. Das freut mich. Nach Irkutsk willst du? Das ist eine schöne Stadt. Grüß mir den Baikalsee! Und nun, Bruder‹ fuhr er mit anderer Stimme fort, ›nun will ich dir zum Abschied was erzählen. Du kannst nämlich nicht mehr englisch wie ein Schneehase! Reise mit Gott, auch wenn du nicht an ihn glauben solltest. Auch ich habe dich betrogen. Ich verstehe sehr gut englisch! Laß dir sagen, daß ›Sir‹ wie ›Sör‹ ausgesprochen wird. Goodbye, Charly, hier ist ein kleines Buch über die Aussprache! ‹«

Charly schwieg. Immer noch standen die Sterne um den Silbermond. Gespensterhaft schwamm der Schattenriß eines Petroleumschiffes vorbei. Sonst war alles still. Nichts war zu hören als das trunkene Fließen der Wolga und die metallische Musik der Barkasse.

»Und was kam dann?« unterbrach Bessemer das Schweigen, »kamst du bis nach Irkutsk? Erreichte Lankewitsch Amerika?«

»Ich kam nach Irkutsk,« sagte Moser mit veränderter Stimme, »aber der Oberst kam nicht nach Amerika. Als die roten Partisanen Barnaul stürmten, wurde unter anderen Leuten auch der alte Mann erschossen. Der Tod war schnell und billig in jener Zeit. Der weiße Tod, Der rote Tod ...«

»Schossen deine zwei Soldaten gut, Charly?« fragte Bessemer.

»Das weiß ich nicht. Ich gab ihnen keine Gelegenheit. Wahrscheinlich schössen sie gut. Flucht wäre Wahnsinn gewesen. Sieben Tage fuhren wir und dann kamen wir nach Irkutsk. Als wir die Stadt erreichten, bebte und zitterte ich ... Ich war fertig.

Nein, ich war noch lange nicht fertig. Höre zu. Die Amerikaner hatten einen eigenen Wagen, darin reisten sie, darin schliefen sie auch. Dieser Wagen stand am Bahnhof. Die Amerikaner waren in der Stadt auf einem Bankett. Du kennst die russischen Feste! Nun, ich habe mich in dem Wagen einquartiert und ließ Schnaps holen. Dann begann eine wüste Sauferei. Und ob du es glauben willst oder nicht, in einer Stunde hatte ich die Wachen in Grund und Boden gesoffen. Da hatte ich das Spiel gewonnen. Ganz nüchtern war auch ich nicht mehr, aber das macht nichts, ich nahm den Russkis die kostbaren Pistolen ab und die Gewehre, versorgte mich mit Munition, Schnaps, Brot und Konserven und türmte nach den verschneiten Wäldern. Auch einen Bärenpelz hatte ich erobert. In der Morgenfrühe stieß ich auf deutsche Kriegsgefangene, die im Rücken der Weißen Krieg auf eigne Faust führten, und blieb bei ihnen und ritt im Frühling über die chinesische Grenze.«

Der Erzähler schwieg. Er wollte keine Antwort haben, rollte sich wie Grischka auf dem Verdeck zusammen und schlief ein. Bessemer mußte noch lange an Lankewitsch und Barnaul denken. Ja, er lebte in einer phantastischen Welt! Der Krieg hatte sie in allen Gründen erschüttert und ihr neue Maße gegeben. Schicksal um Schicksal erfüllte sich hier in diesem Lande der Abenteuer und Abenteurer. Von Sibirien, Buchara, China und der Mongolei wurde erzählt, als seien diese Länder die zauberhaften Kulissen eines heldenhaften Spieles, das durch den Einsatz von Blut und Leben süß und bitter war. Er dachte auch an die baschkirische Frau Charlys, die mit zwei Kindern in Moskau saß, er dachte an die Tänzerin Nora. Dann schlief er ein. Als die Sonne über der Steppe emporstieg, hatte die Barkasse den Hauptfangplatz erreicht und legte an der weit ins Wasser gehenden Landungsbrücke an.

Grischka schrie vor Vergnügen, als er am Morgen endlich wieder Russisch hörte. Wie ein junger Wolf stürzte er vom Schiff und lief zu den jungen Mädchen und Frauen, die unter den Schutzdächern an den Bänken saßen und die silbernen, grünen, blauen und rotgetupften Fische des nächtlichen Fanges mit scharfen Messern aufschlitzten. Er griff mit beiden Händen einen großen Lesch, hielt ihn hoch und grüßte Bessemer damit, der langsam näher kam und das unbekannte Bild neugierig betrachtete.

»Grischka!« rief Charly Moser, »hast du noch keine Fische gesehen?«

»Viele Fische, aber noch keinen so mächtigen Lesch. Lesch ist gut, Onkel, und ich will jeden Tag zehn Stück davon essen.«

Die Frauen und Mädchen lachten.

»Du denkst nur ans Essen,« antwortete Bessemer, »du kannst jeden Tag zehn Lesch bekommen, aber du mußt auch arbeiten.«

»Gebt mir nur drei Fische und laßt mich nichts tun,« sagte verzagt der kleine Barfüßler,« oder wenn es sein muß, nehmt mich mit zum Fang auf die Wolga.«

»Was ist das für ein junger Wolf?« fragte Granach.

»Der Wolf Grischka aus der Ukraine, unser neuer Wasserschutzmann,« sagte Bessemer.

Von einem nahen Blockhaus her kam jetzt Ilja Glaserin, der russische Fangleiter. Er war noch in den zwanziger Jahren und stark und wild wie ein junger Stier. Er stammte aus einem kleinen Kosakendorf und das Herrschergefühl der siegreichen Revolution füllte sei Herz vollkommen aus. Tag und Nacht steckte er in hohen Wasserstiefeln und lag mehr und lieber auf dem Wasser als im Bett. Er begrüßte die Reisenden, quartierte sich im Blockhaus ein, ließ von Sonja, einem jungen Fischermädchen, Tee bringen, und berichtete über die ersten Fangergebnisse. Dann führte er Bessemer durch die Fischerei.

Der Tag war schön und heiß. Der Oktober lag glühend über Wasser, Steppe und goldgelber Sandwüste. Die Vorbereitungsarbeiten für den Herbstfang waren im vollen Gang. Aus ganz Rußland waren die Wanderarbeiter gekommen. An den niedrigen Bänken saßen die Frauen und Mädchen bis zu den Hüften in den totgeweihten Fischen. Andere Mädchen arbeiteten in den kühlen Kellereien, in denen die reichen Fänge gelagert und eingesalzen wurden. Die Luft war erfüllt von Windstößen, Lärm der Arbeit, Musik, Sterbeduft der Fische und tiefem Salzgeruch wie an einem Meer. An einer Barke am Ufer und an einem Floß -- es kam im Frühling aus Kasan die Wolga herunter -- arbeiteten Zimmerleute. Über zehn Jahre hatte alle Arbeit an den Fischplätzen geruht. Giftige Gase und sumpfiges Wasser standen in den Eiskellern. Die Baracken mußten erneuert und die Landungsbrücken ausgebessert werden. Alle Hände regten sich. Die Sonne stand hoch und heiß über dem Orgelkonzert der Anstrengung.

Glaserin, der Kosak, lief mit großen Schritten voraus, holte Granach aus seiner Hütte, und die drei Männer besahen sich die baufälligen Baracken und Holzhäuser der Siedlung. In einem alten Haus schimpfte der Kosak mit einer vertrockneten Frau und ließ das letzte Zarenbild von der Wand nehmen. Für die malariakranken Frauen und Mädchen ordnete er Milch an und fand in einer Hütte, die keine Tür und keine Fensterscheiben hatte, drei Kirgisen auf dem nackten Boden. Es waren drei Wächter mit zerlumpten Kleidern. Glaserin stieß mit Granach heftig zusammen und verfluchte den alten Bürokraten, der sein Lager eifersüchtiger bewachte als eine Jungfrau ihre Unschuld.

»Wir leben am Kaspischen Meer in der Steppe,« sagte Granach, »wir sind keine Philantropen, und wir können nicht für jeden Mann ein weiches Federbett bereitstellen. Sie sollen arbeiten und ich verkaufe sehr gern meine Decken.«

»Du hast nicht nur Stroh im Lager, du hast auch Stroh im Schädel,« antwortete der Kosak, »wer arbeitet, soll wenigstens zu essen haben und nachts ein Lager, wo er ruhen kann, und wenn er gelbe, grüne, schwarze oder blaue Hautfarbe hat. Laß Stroh heranschaffen, Granach, und Glas für die offnen Löcher. Auch die Kirgisen und Kalmücken sind Bürger unserer Republik!«

»Alle Welt kommt zu mir und sagt: ›Granach, ich brauch das, Granach, ich brauch jenes!‹ Der Teufel soll euch alle holen! Gestern kamen zwei Mädchen und wollten Damenschuhe haben! Damenschuhe, als ob es die Holzpantinen nicht auch täten! Achmed, du kennst ihn, wollte Tabak und Zucker. Morgen will jemand elektrisches Licht und Wasserklosett! ›Los, Granach, wir brauchen ein Grammophon! Spring, du Faulenzer, mich leckerts nach Schokolade!‹ Und nun kommst du, Kosak, und willst Stroh und Fensterglas! Du hast natürlich nur für die verdammten Fische zu sorgen. Und die schwimmen dir ins Netz. Und wir brauchen so notwendig Salz und Naphtha,« schloß er seinen großen Sermon.

»Mann Gottes, Naphtha kommt morgen früh und auch Salz. Wie lange reichen die Salzvorräte?« fragte Bessemer.

»Drei Tage noch,« antwortete der Verwalter. »Vorgestern war ein Kalmück da und wollte unser Salz beschlagnahmen, weil wir noch Steuerrückstände haben. So ein Idiot! Ausgerechnet das Salz! Und zwanzig Kilometer weit in der Steppe sind die schönsten Salzlager. So ein Blödsinn. Denkst du, Bessemer, wir dürften eine Karawane ausrüsten und Steppensalz holen? Da denkst du falsch! Nicht um alles in der Welt! Da muß zuerst ein Bericht gemacht werden, der geht nach Astrachan, dort schreiben sie zehn Resolutionen drauf und schicken ihn nach Moskau an die Zentralsalzverwaltungsstelle oder wie der Blödsinn heißt. Und von dort kommt, wenn alles gut geht, in einem Monat die Bewilligung. Der Teufel hole die verdammten Bürokraten!«

»Wenn dein Wunsch erhört werden sollte, holt er dich bestimmt mit, der Teufel, denn du bist ein Oberbürokrat, ein Deutscher!« spottete Glaserin. »Klage nicht und tu, was recht ist. Die Kirgisen bekommen Stroh und Decken, wenn keine Fensterscheiben da sind,« entschied der Kosak.

»Auf deine Verantwortung, Glaserin,« knurrte Granach.

In einer Stunde, als die Männer zurückkehrten, war die Hütte wohnlich eingerichtet. Die drei gelben Männer dankten und verbeugten sich. Bessemer nahm Grischka zu sich und fuhr in das Fanggebiet. Mitten in der Wolga stürzte sich der Knabe in den Strom, schwamm behende wie ein Fisch, tauchte unter, kam wieder hoch, spuckte Wasser, lag triefend im Boot und ließ sich von der heißen Sonne trocknen.

»Onkel,« sagte er dann faul, »ich bin ein freier Mensch, aber die Wolga ist noch freier. Wenn du willst, bleibe ich und fahre mit dem Wasserschutz.«

»Grischka,« fragte Bessemer, »was willst du schützen?«

»Unser Fanggebiet. Oder sollen die Tataren und Kalmücken von unseren guten Fischen räubern? Von Lesch und Sterlett nichts als die Gräten lassen?« sagte der kleine Vagabund mit stolzem Gesicht.

»Nein, das sollen sie nicht. Du wirst mit Kanonen auf sie schießen, Genosse Wasserschutzmann ...« lachte Bessemer und fragte den Bootführer: »Wie weit fahren wir noch?«

»Eine kleine Stunde,« sagte der Mann, ein junger Tschuwasche, der in Baden kriegsgefangen war und ein wenig Deutsch sprach.

Das kleine Motorboot sauste über den glühenden Strom. Es war ein alter Kasten. Sein Motor ratterte noch vor einem Jahr in einem Fordauto der amerikanischen Hungerhilfe. Jetzt gröhlte er über der Wolga, Immer noch strömte das Licht. Die große Insel, die sie berührten, schien im Wasser zu treiben wie ein sagenhaftes, grünes Riesenschiff. Hinter dieser Insel sprang ein neuer Strom aus dem alten Flußbett und wühlte sich in die Steppe ein. Diesen neuen Strom verfolgte das Boot und erreichte bald eine große Barke, die an einem steilen Ufer verankert lag. Auf dieser Barke wurden die Fische, die von kleinen Kähnen herangeschleppt wurden, verarbeitet, ausgeweidet und eingesalzen. Sieben Männer und zehn Mädchen hausten am Rand der Steppe, Zelte waren aufgebaut. In einem Zelt lagen zwei malariakranke Mädchen mit fieberheißen Augen. Eine kalmückische Frau saß an einem offenen Feuer. Sie hatte die Beine gekreuzt und schlachtete silberne Fische. Die Frau war alt und grau wie verdorrte Steppe im Herbst und in ihrem unbeweglichen Götzengesicht war die Schwermut eines gefangenen Tieres zu lesen.

»Was machen die Fische?« fragte Bessemer den Führer der kleinen Kommune. »Wie ist der Fang?«

»Gut,« sagte der junge Mensch. »Aber wir brauchen Arbeitskleidung und Mehl. Und Chinin.«

»Es ist alles unterwegs,« antwortete Bessemer und ließ die kranken Mädchen in das Boot schaffen. Dann fuhren sie ab. In zwei Stunden war das Blockhaus erreicht.

Ein Bote wartete auf Bessemer. Paulitsch war nicht gekommen. Es gab kein Mehl. Es gab kein Naphtha. Es gab keinen Tee und keine Zigaretten. Nur Chinin hatte die Stadt geschickt. Es gab auch keine Käufer für die Fische. Gurow hatte einen verzweifelten Bericht mitgegeben. Bessemer fluchte. Aber es gab immer noch kein Mehl und kein Naphtha. Am Abend reiste er nach Astrachan zurück. Grischka wurde endgültig dem Wasserschutz zugeteilt. Er bekam am ersten Tag doch so viel Fische, wie er wollte. Von Granach stahl er eine Kamelhaardecke und schlief in der Hütte bei den Kirgisen. Charly inspizierte die Fischerei.

Am frühen Morgen kam die Barkasse nach der Stadt. Der Fischereihafen war in Bewegung geraten. Segler und Barkassen fuhren in das Sumpfdelta, die Kanäle lagen kühl im Licht, der Kreml stand hoch über dem Fluß, das Gold der Kathedrale blitzte, eine große Barke mit grünen Melonen legte an, Kamele schleppten große verschnürte Ballen vom Hafen, der Arbeitsgesang der Lastträger hob an.

In der Verwaltung fand Bessemer den Fischonkel vor. Er lachte. Tausend Pud Heringe waren gestern abend verkauft worden, das Pud drei Kopeken unter dem Marktpreis, aber es kam Geld in die Kasse und Geld war in diesem Falle nicht eine angehäufte Kapitalmenge, Geld verwandelte sich in Naphtha, Salz, Mehl und Tabak. Und Mehl, Salz, Naphtha und Tabak war Bewegung und Schwung an den Fangplätzen, Singsang der Frauen und Mädchen, zufriedene Tataren, viel Fische und gute Berichte nach Moskau. Paulitsch hatte die Bücher in Ordnung gebracht und bat Bessemer für eine Stunde in das Hotel. Bessemer kam und fand Claudia.

»Sergej kommt bald,« sagte Claudia. »Gurow war eben d&. Es sind neue Käufer in der Stadt. Sergej will sie abfangen. Was macht die Fischerei?«

»Die Fischerei macht sich, aber es sind viele faule Fische da,« antwortete der Besuch.

»Das weiß ich,« sagte schnell die junge Frau. »Sergej hat mir alles erzählt. Ich weiß, er hätte im Sommer verkaufen sollen, aber da war ja noch Marculescu da, und der hat verkauft, aber für die eigene Tasche. Ja, Sergej hat sich geirrt, das weiß er selber, aber wir sind ja Menschen, und wir können uns irren, und nichts Menschliches sei uns fremd, wie ein deutscher Dichter sagt.« Dabei blickte sie ihren Gast mit großen Augen an und legte beschwörend die Hand auf seine Schultern.

»Aber der Irrtum kommt uns teuer zu stehen,« sagte Bessemer. »Im Fanggebiet sind noch Leute, die haben seit Mai keinen Lohn bekommen. Und jetzt ist Oktober. Eine hungrige Hand arbeitet nicht gern.«

»In der staatlichen Fischerei soll es noch schlimmer sein,« griff Claudia tapfer an. »Man hat mir erzählt, daß unsere Fischerei Gold ist gegen die der Genossenschaften.«

»Das weiß ich nicht,« sagte der Gast und stand auf. »Aber es ist möglich und hat mit uns sehr wenig zu tun. Und auf den verdammten Marculescu kann unmöglich alles geschoben werden.«

Auch Claudia hatte sich erhoben.

»Was wird geschehen?« flüsterte sie. »Wird Sergej entlassen? Er hat doch alles getan, was er konnte!«

»Das muß die Untersuchung ergeben.«

»Und wer führt die Untersuchung?« flüsterte die Frau, die um ihren Mann Sergej kämpfte.

»Charly Moser und ich,« sagte Bessemer und war noch stolz darauf.

»Dann wird Sergej bleiben, wenn ich Sie recht von Herzen darum bitte,« schmeichelte Claudia. »Sie können mir ja nicht weh tun,« fuhr sie fort, »nein, ich fühle das und will gern ...«

»Was wollen Sie gern?« fragte der Mann und merkte, daß er schwach und weich wurde.

»Verstehen Sie doch, großer, deutscher Bär,« sagte sie. »Ich habe Sie vom ersten Augenblick gern gehabt.« Sie kam näher. Der Mann hörte hinter ihrer hohen, vollen Brust das Herz schlagen. Da wurde er wie ein Fisch. Und als er nach der bitteren Angel schwimmen wollte und den Mund zum Kuß formte, der Paulitsch festigen sollte, da klopfte es an die Tür, und der Mensch trat ins Zimmer, um den das Spiel ging. Sergej Paulitsch kam. Bessemer hatte sich wieder in der Gewalt.

»Hallo,« sagte er, »du kommst gerade zur rechten Zeit. Wie gerufen kommst du, Paulitsch. Was machen die Fische? Hat Gurow verkaufen können?«

»Leider nein,« sagte Sergej. »Die Käufer wollen sich die Sache beschlafen. Sie kommen morgen wieder.«

»Nun, etwas haben wir doch verkauft. Wie lange reicht das Geld?«

»Vier Tage. Wir mußten Löhne zahlen.«

»Das stimmt. Die vom Mai, Paulitsch?«

»Ja, auch die vom Mai, die der verdammte Marculescu nicht gezahlt hat. Zuerst mußten wir aber die Schiffer und Barkassenführer entlohnen. Sie wollten nicht mehr fahren.«

»So schlimm steht die Sache?« fragte Bessemer. Dann sagte er ganz geschäftsmäßig: »Hör mal, Paulitsch, im Hof der Verwaltung steht doch eine große Eismaschine. Können wir die nicht verkaufen?«

»Die kauft kein Mensch. Da fehlt ein Kolben und eine Achse. Hier gibt es keine Maschinisten, die so was reparieren können. In Baku soll ein Mensch sein, der was davon versteht.«

»Wo ist die Maschine hergekommen?«

»Aus Petrograd.«

»Aus Petrograd? Das sind einige tausend Kilometer weit.«

»Das weiß ich,« sagte der andere. »Und wir haben uns auch gefreut, als sie im Frühling ankam. Als sie montiert werden sollte, sahen wir den Schwindel. Da ist nichts zu machen ... Aber vielleicht können wir von unserem Floß tausend Stämme oder zweitausend verkaufen. Holz wird hier sehr hoch bezahlt.«

»Wir wollen sehen,« antwortete Bessemer und verabschiedete sich.

Immer stieß er auf Marculescu, den Rumänen. Er kannte Marculescu flüchtig aus Moskau, wo er einige Tage zur Berichterstattung weilte. Er war jung, kaum fünfundzwanzig Jahre und machte einen guten Eindruck. Von militärischen Dingen verstand er mehr als vom Fischfang, und deshalb war ihm ja auch Paulitsch vor die Nase gesetzt worden. Und Paulitsch? Das war ein armer Teufel mit dem besten Willen, der nicht mehr aus und ein wußte. Vielleicht war er als Buchhalter gut, aber als Leiter einer großen Fischerei, in der gegen tausend Leute arbeiteten, taugte er nichts. Dann kam Claudia. Wer war Claudia? Eine junge Frau, die um ihren Mann mit anderen Männern kämpfte und sehr gern Herzdame in dem Spiel ansagte. Und Felix Bessemer? Nun, was er war, sollte er jetzt zeigen. Was war zu tun? Holz verkaufen? Fische waren nicht zu verkaufen? Er war ja auch kein Fachmann. Was tun? Spezialisten müssen herangeholt und die Bücher überprüft werden. Holz vom Floß aus Kasan wird verkauft, wenn keine Heringe verlangt werden. Es mußte schnell entschieden sein. Schon schwärmten die ersten Fische vom Kaspischen Meer.

Bessemer fuhr durch die Stadt zum Haus der Partei und verlangte Kontrolle von der Arbeiter- und Bauerninspektion. Dann schloß er einen Kaufvertrag über zweitausend Stamm Hartholz ab. Als er mit dem Vertrag und einer Anzahlung in die Verwaltung zurückkam, fand er Gurow vor, der in derselben Zeit dreitausend Pud Lesch und Sudack verkauft hatte. Das Geld reichte für Salz bis zum Schluß und für die letzten Löhne im Mai. Von Nathan fand er einige Telegramme. Nathan wollte Geld haben, der Narr. Bessemer telegraphierte einen großen Bericht, schickte kein Geld und blähte sich vor Stolz und Verantwortungsgefühl. Ehe er in die Fischgründe zurückreiste, kaufte er Tabak, Zigaretten, Melonen, Weintrauben und Zucker. Auf diesem Einkauf kam er am Hafen in großes Gedränge. Eine Volksmenge drängte sich um einen Lagerschuppen. Ein Tatar hielt eine aufgeregte Rede. Milizsoldaten rückten an. Auf der Straße am Lagerschuppen lag ein Mensch im Blut. Der Mörder hatte ihn mit einem langen Messer schrecklich zugerichtet. Der Mörder war ein Kalmücke, wie der Tatar erzählte, und in der Richtung zum Kreml entflohen.

In der Nacht fuhr Felix mit der Barkasse wolgaaufwärts und kam, als die Sonne aufstieg, am Hauptfangplatz an. Charly Moser und Granach waren schon wach. Sie saßen zusammen und redeten. Gestern abend hatten sie sich endlich wieder erkannt. Vor drei Jahren waren sie in Omsk flüchtig zusammen gewesen. Dann hatte Granach in den mongolischen Grenzbergen und in der Mandschurei gekämpft, bis ihn das Schicksal an die untere Wolga warf. Sonja hatte Tee gebracht. Der Samowar begann zu singen, und Bessemer, der sich plötzlich mehr für Sibirien als wie für die Fische interessierte (er war ja noch in den zwanziger Jahren), setzte sich an den Tisch zu den Männern, die von der Welt erzählten, von jener bunten, leidenschaftlichen Bühne, auf der sie viele Jahre im Feuer jugendlicher Liebhaber mitgespielt hatten.

Am meisten aber staunte er über Granach, der als Lagerhalter mit jedem Fetzen geizte und nichts als eine Rechentafel war. In der grenzenlosen Freiheit der Berge war derselbe Mann wie ein wildes Tier gewesen. Er erzählte eben die Geschichte von einem Maschinengewehrnest, das von dreihundert Weißgardisten umlagert wurde. Dreihundert Mann gegen fünf Mann auf einem verdorrten Berg, über dem Adler kreisten. Nach drei Tagen Belagerung ging das Wasser aus. Die Sonne schien sich mit den Weißen verbündet zu haben. Sie brannte höllisch. Die Quelle am Berghang hatten die anderen besetzt. Die fünf Mann konnten kaum mehr schießen. Der Lauf ihres Gewehres war glühend geworden. Am Berghang sprudelte das lebendige Wasser. Am Berghang sprudelte der schnelle Tod.

»So war es, Charly,« erzählte Granach. »Das Gewehr haben wir schließlich mit Urin verkühlt und wir konnten wieder schießen. Aber der Durst! Aber der Durst! Die Luft, die wir atmeten, war wie flüssiges Feuer. Wir waren mehr tot als lebendig. Und immer kreisten drei verfluchte Adler über uns. Am vierten Tag endlich zogen die Weißen ab. Da stürzten wir, und hätten wie Hasen glatt abgeschossen werden können, nach dem Quellgrund, warfen uns wie Tiere in das Wasser und lachten und brüllten wie die Verrückten.«

Bessemer hatte seine Schätze aus Astrachan auf dem Tisch ausgebreitet. Die Männer drehten sich Zigaretten. Grischka kam hereingelaufen, bettelte eine Melone, und gierig die Zähne in das rote, süße Fruchtfleisch schlagend, meldete er mit vollem Mund, daß der Wasserschutz gestern abend die Kalmücken an der »Großen Grube« gesehen habe. Sie hätten, als das Motorboot kam, sofort die Netze eingezogen und wären in die Steppe geflüchtet.

»An der ›Großen Grube‹?« fragte Granach und machte ein finsteres Gesicht. »Die gelben Hunde soll der Teufel holen.«

Die Große Grube war ein bekannter Laichplatz und für den Fang verbotenes Gebiet. Trotzdem wurde im Frühling und im Herbst darin gefischt. In diesem Gewässer schwamm ein sagenhafter Fisch, eine große vier Meter lange Beluga aus dem Geschlecht der Rotfische, deren Weibchen den wertvollen Kaviar geben. Diese Beluga hatte Granach zuerst entdeckt und er liebte ihn wie ein eigenes Kind. Aber der Fisch war kein Kind. Das war die Milliardenmutter schwärmerischer Fischzüge. Und in diesem Herbst sollte er in das Schleppnetz der ausländischen Kompagnie versacken.

»Ich will mir den Riesenfisch ansehen, Granach, und fahre dann mit Grischka nach der »Großen Grube,« sagte Bessemer und wandte sich an den Knaben: »Wie schmeckt dir die Arbeit bei uns?«

»Sterlett schmeckt schon besser!« lachte er und lief aus dem Zimmer.

Granach haßte den kleinen Landstreicher immer noch. Wenn er ihn sah, war er nur Lagerverwalter und dachte nicht an seine räuberischen Jahre.

»Paßt auf, der ukrainische Teufel läuft euch davon, wenn er genug Sterlett oder Lesch gefressen hat,« sagte er böse.

»Wir können ihn nicht anbinden,« antwortete Bessemer leichthin. »Aber ich glaube doch, daß er bleibt. Hier hat er Freiheit und Abenteuer genug. Warum sollte er uns davonlaufen?«

»Weil er zuviel Freiheit und Abenteuer und vor allen Dingen, weil er jeden Tag satt zu essen hat, du Philantrop,« sagte Granach.

»Du bist nicht für Philantropie?«

»Nein, ich bin nicht dafür. Ich bin für den Fischfang. Und wann kommen die verdammten Netze aus Moskau?«

»Sie können jeden Tag kommen. Und dann kommt noch jemand: die Arbeiter- und Bauerninspektion.«

»Meinetwegen. Bringen die guten Männer Salz und Mehl mit?« höhnte Granach. »Sie können nicht günstiger kommen. Jetzt, wo wir alle Hände voller Arbeit haben. Welcher Idiot hat sie bestellt?«

»Ich war der Idiot,« sagte Bessemer. »Granach,« fuhr er fort, »du bist ein musterhafter Mensch und für jeden dreckigen Schuh hast du einen Beleg, aber ich habe mich im Fanggebiet umgesehen. An der Fangstelle ›Neun‹ ist nicht alles in Ordnung. Da scheint Marculescu seine Leute sitzen zu haben. Hundert Faß Heringe sind erst in den letzten Tagen verschwunden. Und wenn man nach ›Neun‹ kommt, hat der Leiter Malaria, liegt im Blockhaus und macht dumme Augen. Überall hängen Schleier, vielleicht bilden wir uns das nur ein, weil wir Fremde sind. Gut, da soll russische Kontrolle kommen. Wir wollen keine Schweinerei haben wie in der Staatlichen Fangstelle.«

»Einverstanden,« sagte Granach. »Aber die Geschichte ist so, daß wir alle mehr oder weniger aus dem Bürgerkrieg kommen und vom Schießen mehr Ahnung haben als vom Verwalten und Regieren.«

»Felix, ich wäre auch lieber bei den Partisanen an der chinesischen Grenze, als hier bei den Fischen,« fiel Charly Moser ein. »Hast du eine Ahnung, wie die Geschichte bei den anderen Leuten steht?«

»Schief und schlecht für die Angeklagten,« antwortete Bessemer.

»Wir haben unsere eigenen Sorgen. Ich gehe jetzt an die Arbeit,« sagte Granach unwillig und schloß das Gespräch.

Das Motorboot knatterte über der Wolga. Aus den nahen Fischerdörfern waren einige Fischer gekommen und lieferten den nächtlichen Fang ab. Neue Netze tanzten über den Wellen. Auf der Fahrt nach der »Großen Grube« kam Bessemer endlich dazu, die deutschen Zeitungen zu lesen, die Nathan mitgeschickt hatte. Wieder einmal wurde das Land vom Fieber des Aufstands geschüttelt. Hungeraufstand löste neuen Hungeraufstand ab. Große Streiks lähmten die Städte und hielten die Maschinen an. In Berlin wurde geplündert und geschossen. Man hörte aus den Berichten das Krachen der Staatsmaschine. Als der junge Mann auf der Wolga, vom allzuvielen Licht geblendet, die Augen schloß, sah er den Minister vor sich, von dem die Presse schrieb. Er sah den aufgeschwemmten Mann mit dem Allerweltsgesicht, wie er im Reichstag beschwörend die Hand ausstreckte (an den kurzen Fingern blitzten goldene Ringe) und sich beschwörend auf die rechte Seite des Hauses beugte. Er hörte auch die Stimme des Redners.

»Wir sind das letzte bürgerliche Ministerium, meine Herren!« sagte der Minister. »Der Aufstand wird uns davonjagen, wenn wir nicht nachgeben.«

Aber noch eine andere Stimme rief über dem Wasser. Die Stimme der Heimat rief, und ganz klar stand vor dem wachen Träumer die Straße seiner Kindheit, die aus der Vorstadt zum Fluß führte, an dem er seine ersten großen Erlebnisse hatte. An den heiteren Sommertagen rauschten die Bergwälder wie Springbrunnen über dem Wasser. Der Fluß strömte und kühlte, und manchmal konnte man bis auf den Grund sehen und das Spiel der Fische und den Lichtblitz ihrer Reisen beobachten. Auch das Schattenspiel ihrer Ruhe war sichtbar. Dann dachte er an jene Novembernacht, an Korff, den Hauptmann Kries, an Lewitzki und Schulz. Tod und Leben umarmten ihn.

Der Mensch in dem kleinen Boot öffnete die Augen und blickte haßerfüllt auf die Wolga. Ja, auch sie war Heimat für Russen und Kalmücken, Tataren und Wolgadeutsche, aber nicht für ihn. Er war bei allen Begebenheiten doch nur ein Statist in dem phantastischen Drama des russischen Volkes. In Deutschland hätte er auf dem Schauplatz der sechzig Millionen mitdichten können.

Nicht lange blieb er in seiner Verbitterung. Der Tag war zu schön und die Arbeit zu vielgestaltig, um in nutzlose Trauer zu versinken. Der Mann im Boot trank mit tiefen Zügen die herbe Morgenluft ein, freute sich der wechselnden Landschaft, fluchte mit dem Bootsführer, weil der Motor plötzlich versagte und die starke Strömung das Boot an das steile Ufer trieb. Endlich kam Bessemer nach Trauer und Aufregung an die »Große Grube«. Dieses Gewässer war eine süße Bucht mit grünem Hinterland und leicht erglühten Herbstbäumen. Von den Kalmücken war nichts zu sehen. Auch die Beluga, die Mutter der Fische, lag unsichtbar auf dem Schlammgrund der Grube. Das Boot wendete sich und knatterte wieder wolgaabwärts nach der »Goldenen Grube«, jenem reichsten Fangplatz, auf dem ein halbes hundert Tataren und einige Russen, Tschuwaschen und Kalmücken arbeiteten.

Vor einer Woche waren die Tataren aus ihrem Steppendorf aufgebrochen und nach der Wolga gekommen. Sie wurden von einem jungen Menschen namens Sultan Khanow angeführt, dessen Schwager im Sowjet des Tatarendorfes den Vorsitz hatte. Die Tataren waren ein Splitter der Urbevölkerung in der Astrachaner Steppe und lebten als Fischer an der Wolga ein unmenschliches Leben. Zwei große Zelte dienten ihnen als Wohnung. Bei der schweren Arbeit standen sie oft bis an die Brust im Wasser und sangen dazu dumpfe Arbeitslieder. Ihre Nahrung bestand aus Brot. Fischen und Ziegeltee. Ihre Leidenschaft und Sehnsucht war Tabak.

Bessemer blieb nicht lange bei den Tataren. Auf der Weiterfahrt traf er mit dem Wasserschutz zusammen. Grischka brüllte ein Vagabundenlied, als er vorübersauste. An der Fangstelle ›Neun‹, an der Bessemer dann anlegte, wollte er den Leiter sprechen. Aber der war krank. Ein Fischer aus der Wolgakommune nahm den Besuch beiseite.

»Herr,« sagte er, »Wasiliy Sergejwitsch hat immer Malaria, wenn Kontrolle kommt. Aber manchmal ist er ganz gesund!«

»Wann ist er denn gesund?«

»Wenn der Rumäne auftaucht.«

»Mann Gottes, der Rumäne kommt auf die Fangstelle ›Neun‹? Hast du dich nicht versehen?«

»Er kommt immer nachts,« sagte der Wolgadeutsche. »Als ich gestern Wache hatte, legte er mit einem Segelboot an. Hinten am Blockhaus und nicht an der Landungsbrücke. Heute morgen ist er wieder abgefahren.«

»Kommt Marculescu allein?«

»Nein, ein Kalmück oder Kirgise ist bei ihm.«

»Mensch,« sagte Bessemer, »Sie wissen, daß der Rumäne ein Bandit geworden ist? Daß ihn die Tscheka sucht? Wollen Sie zu uns halten?«

»Ja.

»Sie haben Nachtwache? Schön. Wenn der Rumäne kommt, fahren Sie zu uns herüber und bringen Meldung. Was können wir für Sie tun?«

»Nichts, Herr,« antwortete der Wolgadeutsche. »Rußland ist arm, und wir wollen keine Banditen haben.«

Das Motorboot tanzte über die Wolga. Bessemer lachte innerlich. Nathan, Richard Nathan, Chemiker, Briefmarkensammler und Lyrikfreund, du wirst große Augen machen, Brombeeraugen, wenn ich melde, Take Marculescu, der Bandit, ist durch mich gefangen worden! Da wirst du deine Meinung über Felix Bessemer ändern. Der Mann kann nämlich nicht nur Brot essen, Mädchen lieben, Verse schreiben und Fische fangen: er kann auch rumänische Räuber zerschmettern!

Sein Geheimnis behielt er für sich. Nur Charly wurde eingeweiht. Wenn der Wolgadeutsche kam, war es immer noch Zeit, Glaserin und vier starke Fischer zusammenzutrommeln, um den Rumänen zu fangen.

Die nächsten Tage vergingen in der Erwartung des großen Fischzuges. In Astrachan hatte der Fischonkel eine glückliche Hand und verkaufte zehntausend Pud. Die rückständigen Löhne konnten gezahlt werden, es gab Mehl und Salz, Naphtha und Zucker, Weißbrot und Tabak, und Granach wurde so großmütig, daß er gern an die Fischmädchen getragene Damenschuhe und einige Hemdhosen aus dem unergründlichen Lager abgab und gegen Lohn verrechnete. Die Kultur hielt am Rand der Steppe glorreichen Einzug und verdarb sogar die schöne, prachtvoll gebaute Sonja, die sich ein Korsett aussuchte. Die Tataren waren glücklich bei Tee und Zigaretten.

Am dritten Tag kamen aus Astrachan zwei Leute von der Inspektion. Der Hauptmacher war ein Ukrainer namens Wassilenko. Sein Gehilfe hieß Adolf Springer, war ein Deutschrusse und päpstlicher als der Papst. Hier an der Wolga schwärmte er für den Rhein. Wenn er in Köln gelebt hätte, da wäre die Wolga das Ziel seiner Sehnsucht gewesen. Auch Sergej Paulitsch kam mit seiner Frau in das Fanggebiet.

»Die Kosten der Untersuchung trägt in Rußland der Betrieb, Felix,« sagte Charly. »Und das ist ganz richtig. Aber ich schlage doch vor, einen Mann in die Stadt zu schicken. Er soll Tee, Tabak, Zigaretten und Zucker für die hohen Gäste holen. Das dürfte die Kontrolle wesentlich beschleunigen. Ich kenne Fälle, wo die Geschichte monatelang dauerte.«

»Einverstanden, Charly. Aber wem sollen wir schicken?«

»Was denkst du zu Grischka?«

»Grischka? Meinst du, er wird wiederkommen? Gut, er soll fahren.«

»Er wird wiederkommen, Felix. Jetzt spielt er mit Leidenschaft Wasserschutzmann und rächt an den armen Kalmücken die Prügel, die er früher reichlich und wahrscheinlich auch verdient bekommen hat. Ich glaube, er hat noch viel Prügel gutzumachen und kommt bestimmt wieder.«

Mit der Barkasse, die am Abend aus Astrachan kam und Mehl und Salz brachte, reiste also Grischka Nikitin in die Stadt und kam am anderen Abend mit Tee, Tabak, Zucker und Zigaretten zurück. Er dachte keinen Augenblick an die Flucht. An den Küchen hatte er Olga getroffen und ihr von acht Rubeln, die auf seinen Kopf gesetzt waren, vier Rubel geschenkt.

Paulitsch schlug vor, eine Barkasse mit Fischen auszurüsten und nach Samara zu schicken. Dieser Vorschlag wurde mit Begeisterung aufgenommen. Auch Claudia blieb nicht untätig. In Wassilenko fand sie den Mann, dem sie ihre Leiden klagen konnte. So kam endlich vor dem großen Fischzug eine kleine Harmonie an den Rand der Steppe. Überall hellten sich die Gesichter auf. Bessemer schickte einen neuen Bericht nach Moskau und versprach im November das erste Geld. Charly erzählte eines Abends im Blockhaus, als er mit Granach und Bessemer zusammen saß, die Geschichte von Karawili, dem kaukasischen Fürsten.

Karawili war ein roter Partisanenführer, verachtete den Tod und griff den Feind als erster an. Auf den grausigen Wegen durch Urwaldsümpfe ritt er immer an der Spitze. Einmal im April wurde seine Abteilung von den Weißen aufgestöbert und verfolgt. In atemloser Flucht zogen sich die Partisanen in die Wälder zurück. Die Weißen waren ganz nahe, als der Fluß erreicht wurde. Da lag wohl eine Fähre, jawohl, aber sie lag am anderen Ufer. Der Fürst und Führer sprang kopfüber in das eistreibende Wasser und kam in der letzten Minute mit dem Rettungsschiff an. Auf dem Fluß schössen die Partisanen ihre Flinten ab und sangen das Lied vom Baikalsee. Die Weißen hatten nichts als das Nachsehen.

»Da kennst du doch auch die Geschichte von der Butter,« wandte sich der Lagerverwalter fragend an den Erzähler. »Ich habe sie vielemal in Irkutsk gehört, als von Wili die Rede war.«

»Ja,« sagte Charly Moser. »Die Geschichte kenne ich gut. Ich habe selber mitgemacht. Und die Geschichte von der Butter ist so: Es war mitten im Winter. Wir hatten unsere Bagage an die Weißen verloren und flohen durch die Wälder. Es gab kein Mehl und keinen Bissen Brot mehr. Wir hatten nur noch Tee. Das Fleisch lief im Walde herum. Wir mußten es selbst schießen. An manchen Tagen war es über fünfzig Grad kalt. Vielen von uns erfroren die Füße, die Ohren, die Finger und die Nasen. Es war zum Verrecken. Wir ritten durch den Wald. Als Beilage zu dem selbst geschossenen Fleisch aßen wir gekochte Baumrinde. Einmal haben wir zehn Tage keinen Menschen gesehen, außer uns natürlich, aber wir waren ja Soldaten. Gut. Eines Tages aber stießen wir an einen kleinen Fluß und fanden ein verlassenes Dorf. In der Molkerei gruben wir in den Kellern nach und holten vierzig Faß Butter heraus. Ich weiß das noch genau, denn wir waren gerade zwanzig Mann. Auf jeden von uns kamen nämlich zwei Faß. Auch zwei Wagen hatten wir bei uns. Erst später stießen wir mit dem Haupthaufen zusammen, denn wir hatten uns zerstreut, um besser vorwärts zu kommen.

In Tibet sollen sich die Menschen ihre Gesichter mit Butter einschmieren, und die älteste Butter ist die beste. Ich war noch nicht in Tibet und weiß das nicht, aber auch wir haben uns die Visagen und die Hände mit Butter eingeschmiert, und ich sage euch, von dieser Stunde an froren wir nicht mehr. Wir lebten dann nur noch von Butter, von Butter und Ziegeltee. Die Kälte konnte uns nichts mehr anhaben. Auch die Stiefel füllten wir mit Butter. Das hielt verdammt warm, kann ich euch sagen! Das hat uns gerettet, denn auch die Munition war beinahe ausgegangen. Wir waren ja nahe am Krepieren, als wir auf das Dorf und die Molkerei stießen. Endlich kamen wir aus dem Wald, und du kannst dir gar nicht vorstellen,« wandte sich Charly Moser an Bessemer, »du kannst dir gar nicht vorstellen, was sibirische Urwälder sind. Du kennst den mittleren Ural, aber das ist ein wohlgepflegter Garten gegen die Wälderdickichte des fernen Ostens. Zwei Monate, Granach, ritten wir durch die Wälder und erreichten dann die große sibirische Eisenbahn. Die ersten Züge fuhren wieder und kamen von Tschita und brachten für die weiße Front Lebensmittel, Munition und Kleidung.

›Habt ihr Hunger auf Weißbrot?‹ fragte an dem Tag, als wir die Strecke erreichten, Karawili.

›Wir haben Hunger auf Weißbrot‹, brüllten wir in einem Chor.

›Wollt ihr Tee mit Zucker trinken? fragte Karawili weiter.

Tee mit Zucker, Felix, war damals der Gipfelpunkt des Glücks, der Gaurisankar menschlicher Vermessenheit. Natürlich wollten wir Tee mit Zucker trinken. Die verdammte Butter hing uns schon lange zum Halse heraus.

›Wir wollen Tee mit Zucker!‹ dröhnte unsere Antwort.

›Wollt ihr neue Ausrüstung haben?‹ fragte unerschüttert unser Führer weiter.

›Willst du sie aus den Bäumen schütteln?‹ rief Kolzow, der Unterführer und Spaßvogel.

›Nein, nicht aus den Bäumen‹ lachte der Hauptmann. ›Aber diese Schienen hier bringen Tee und Zucker, Weißbrot und neue Kleidung, Konserven und Patronen. Los, an die Arbeit und verdient euch das Süße zum Tee!‹

Und wir verdienten uns das Süße zum Tee, kann ich euch sagen! Die Schienen waren bald aufgerissen und die umliegende Strecke mit guter Sibiriakenbutter eingeschmiert. Und als drei Stunden später der Güterzug aus Tschita heransauste, begann er plötzlich zu schwanken und zu taumeln, zu tanzen und zu fallen, sage ich euch, und dann versackte er in der aufgerissenen Linie. Die Besatzung ergab sich auf den ersten Schuß, den wir losfeuerten. Und wir holten uns nicht nur das Süße zum Tee, wir faßten Lebensmittel auf ein ganzes Jahr und ritten dann in englischen Uniformen und neuen Pelzen weiter. Auch mit unserem Haupthaufen kamen wir bald zusammen und kippten dann gemeinsam in den nächsten Wochen manchen Zug. Ja, Felix,« schloß Charly die Erzählung, »das war noch eine schöne Zeit, als wir uns das Süße zum Tee holten!«

»Und was macht Karawili jetzt?« fragte Bessemer. »Ist er noch in Sibirien? Fängt er vielleicht auch Fische wie du, Charly?«

»Nein, sagte Moser mit leiser Stimme, »Karawili ist tot und fängt keine Fische. Auch das will ich noch erzählen. Unsere Schar hielt auf Tod und Leben zusammen. Wir waren uns mehr als Brüder geworden. Es war im Frühling, als die letzten Weißen Sibirien verlassen mußten. Die Japaner waren schon vorher abgezogen. Wir wollten nach Irkutsk und ritten durch jene Wälder, in die ich damals flüchtete, als ich von den Amerikanskis türmte, Bessemer kennt die Geschichte. Wili ritt wie immer an der Spitze, auch in dem Sumpfwald, den wir durchquerten. Ich war Unterführer. Kolzow, der Spaßvogel, war gefallen, Ich ritt also dicht hinter dem Hauptmann. Plötzlich scheute mein Gaul und schmiß mich in den Sumpf. Kopfüber, weißt du. Schön war das nicht. Ich konnte noch brüllen: ›Wili! Wili!‹ und gab mich schon verloren. Aus den Sümpfen kam keiner heraus. Die hielten teuflisch fest. Wir haben manchen Mann in dem schwarzen Dreck verloren. Wili hörte den Schrei, riß sein Pferd herum, beugte sich aus dem Sattel (ich spüre auch jetzt noch manchmal den eisernen Griff) und zog mich, nein, riß mich empor. Ja, ich war gerettet, aber nun scheute sein Pferd und versank. Der Hauptmann verlor das Gleichgewicht, stieß mich auf die feste Erde und stürzte selber in den verdammten Morast. Als wir ihn herausholten, war er tot. Erstickt, sagte Lebedew, Herzschlag, sagte ich. Wir waren harte Männer, aber mancher wischte sich an diesem verfluchten Tag heimlich eine Träne aus den Augen... So, nun wißt ihr, warum Karawili in Sibirien keine Fische im Amur oder Irtitsch fängt.«

Charly Moser hatte geendet und vergrub sein Gesicht im Schatten der kleinen Stube. Auch die zwei anderen Männer schwiegen. Nichts war zu hören als der Singsang des Samowars. Die Toten aus den sibirischen Wäldern und Steppen gingen mit unhörbaren Schritten durch das einsame Blockhaus an der Wolga, allen voran aber ging Karawili aus dem Kaukasus.

Plötzlich wurde die Tür aufgerissen.

»Es geht los! Es geht los!« brüllte eine Stimme. Ilja Glaserin war gekommen und brüllte: »Es geht los! Die Fische! Die Fische kommen!«

Die drei Männer sprangen auf und ließen die Toten. Mit der Barkasse setzten sie über die nächtliche Wolga. Maxim Petrowitsch, der russische Leiter der Tatarenkolonne, kam ihnen am Strand entgegen.

»Hallo!« schrie er durch die Dunkelheit. »Hallo, ihr Teufel, was ist los? Ist Lenin gesund geworden? Hat in Deutschland die Revolution begonnen?«

»Nein,« brüllte Charly Moser zurück. »Aber die Fische! Der Fischzug beginnt!«

»Heute nacht ziehen keine Fische,« antwortete Maxim Petrowitsch. »In drei Tagen können wir sehen. Die Netze liegen bereit. Euer Alarm hat blinde Augen. Geht schlafen, ihr Teufel, Maxim Petrowitsch wacht.«

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