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Der Pirat - Zweiter Band

Walter Scott: Der Pirat - Zweiter Band - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorWalter Scott
titleDer Pirat ? Zweiter Band
publisherVerlag von A. Weichert
seriesWalter Scott's Romane
volumeBand 28
translatorErich Walter
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectidbd17e8d5
created20061104
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Erstes Kapitel.

Minna, durch diese grause Erzählung, die mancherlei auf Norna bezüglichen Winken aus ihres Vaters oder anderer Mund Deutung gab, in argen Schrecken gesetzt, saß eine Weile wie versteinert, so daß sie nicht einmal die Schwester anzureden vermochte. Als sie sich endlich dazu aufraffte, erhielt sie keine Antwort, und als sie die Hand der Schwester nahm, fühlte sie, daß sie kalt war wie Eis. In schreckliche Angst versetzt, stieß sie Fenster und Fensterläden auf, um der frischen Luft und dem bleichen Schein einer nördlichen Sommernacht Zutritt zu schaffen. Nun sah sie, daß ihre Schwester in Ohnmacht lag. Alle Gedanken an Norna, ihre Erzählung, ihre geheimnisvolle Verbindung mit der unsichtbaren Welt, alles, alles schwand im Nu aus ihrer Seele. Ohne auch nur einen Augenblick zu fürchten, daß ihr auf dem langen dunklen Gange irgend eine Erscheinung in den Weg treten könne, eilte sie ins Hausinnere, die alte Haushälterin zum Beistand zu holen, die auch gleich allerhand Mittel anwandte, das arme Mädchen wieder zu sich zu bringen: aber ihr Nervensystem war so erschüttert worden, daß sie, aus ihrer Ohnmacht wieder erwacht, trotz aller Anstrengung ruhig zu bleiben, wieder und wieder in krampfhafte Zufälle sank, die eine Zeitlang anhielten. Aber hierüber siegte die Erfahrung der alten Euphan-Fea, die in der einfachen Arzneikunde der Shetländer aufs beste bewandert war und der Kranken einen aus allerhand Kräutern bereiteten Trank reichte, der diese auch bald in Schlummer versenkte. Minna suchte nun auch ihr Lager auf, aber der Schlummer schien ihre Augen zu fliehen; und wenn sie auch hin und wieder in Schlaf zu sinken schien, glaubte sie immer die Stimme der Vatermörderin zu hören und fuhr erschreckt von ihrem Lager in die Höhe.

Die frühe Stunde, zu der sie aufzustehen gewohnt waren, fand die beiden Schwestern in einem weit andern Zustande als er sich nach den Erlebnissen der letzten Nacht hätte vermuten lassen. Ein gesunder Schlaf hatte Brenda wieder gekräftigt und ihrer lachenden Wange die Rosenfarbe wiedergegeben; die vorübergehende Unpäßlichkeit hatte in ihren Zügen so wenig eine Spur zurückgelassen, wie die phantastische Erzählung einen tiefen dauernden Eindruck auf ihre Phantasie. – Minnas Blick dagegen war schwermütig, und sie senkte das von Wachen und Angst ermattete Auge. Anfangs sprachen sie nur wenig miteinander, gleich als scheuten sie sich einen Gegenstand zu berühren, der, wie jener in letzter Nacht, Schrecken über Schrecken für sie brachte. Erst als sie ihr gewohntes Morgengebet verrichtet hatten, gewahrte Brenda Minnas Blässe; als sie sich durch einen Blick in den Spiegel überzeugt hatte, daß ihr Gesicht nicht gleiche Spuren der Unruhe zeige, küßte sie Minnas Wange und sprach liebevoll:

»Claud Halcro hatte recht, liebe Schwester, als er uns in seiner überschwenglichen Weise Nacht und Tag nannte.«

»Und warum fällt Dir das gerade jetzt ein?« fragte Minna.

»Weil,« erwiderte Brenda, »eine jede von uns zu der Zeit am regsten und lebensvollsten ist, nach der er uns zu nennen liebte. Habe ich mich doch in der letzten Nacht fast zu Tode geängstigt, über Dinge, die Du mit Festigkeit anhören konntest. Nun aber, beim hellen Tage, kann ich ganz ruhig daran denken, während Du bleich aussiehst, wie ein Geist, der von dem Aufgang der Sonne überrascht wurde.«

»Du bist glücklich, Brenda!« antwortete ihre Schwester ernst, »daß Du eine solche Szene des Schreckens und Wundervollen so schnell vergessen kannst.«

»Ihre Schrecken,« sagte Brenda, »können nie vergessen werden, man müßte denn annehmen dürfen, dem unglücklichen Weibe habe erregte Phantasie nur eingebildetes Verbrechen angedichtet.«

»Du glaubst also,« fragte Minna, nichts von jener Erscheinung am Zwerggestein, jenem wundersamen Orte, von dem man so manche Sagen erzählt, und der seit Jahrhunderten als das Werk eines Dämons und als seine Behausung betrachtet wird?«

»Ich halte unsere unglückliche Verwandte,« erwiderte Brenda, »für keine Lügnerin, – und darum glaube ich, daß sie sich während eines Gewitters am Zwerggestein befunden hat, daß sie hineingegangen, um Schutz vor dem Sturm zu suchen, und daß sie, während einer Ohnmacht oder vielleicht auch während eines Schlummers, einen Traum hatte, der mit den Volkssagen zusammenhing, mit denen sie sich rastlos beschäftigte; aber mehr kann ich davon nicht glauben.«

»Bloß traf die Begebenheit,« unterbrach sie Minna, »völlig mit dem finstern Spruche der Erscheinung überein.«

»Nimm es mir nicht übel, Minna,« erwiderte Brenda, »ich glaube, die Erscheinung hätte gar nicht stattgefunden, oder sie sich ihrer wenigstens nicht erinnert, wäre nicht die Begebenheit eingetroffen, Sie selbst sagte uns ja, daß sie die furchtbare Szene fast vergessen gehabt hätte bis nach dem so schrecklichen Tode ihres Vaters, und wer steht uns dafür, daß das, wessen sie sich zu erinnern glaubte, kein bloßes Werk ihrer Einbildungskraft ist, die durch den schrecklichen Vorfall in Unordnung kommen mußte?«

»Brenda,« antwortete Minna, »Du hörtest ja unseren guten Pfarrer in der Kreuzkirche sagen: menschliche Weisheit sei schlimmer als Torheit, wenn sie in Geheimnisse dringen wolle, die über ihre Sphäre hinausgehen, und daß, wenn wir nicht mehr glauben wollten, als wir begreifen könnten, wir die Beweise unserer eigenen Stimme verleugnen müßten, die uns mit jedem Augenblick Gegenstände zeigten, die eben so wirklich vorhanden als unerklärbar wären.«

»Du bist zu gelehrt, Schwester,« erwiderte Brenda, »daß Du zu dem Beistande des guten Pfarrers Deine Zuflucht zu nehmen brauchtest; seine Lehre, glaube ich, hatte nur Bezug auf die Geheimnisse unserer Religion, die wir allerdings ohne Zweifel und Einrede zu glauben verpflichtet sind, – aber bei Vorfällen des gewöhnlichen Lebens können wir, da uns Gott Vernunft gegeben hat, unmöglich unrecht tun, wenn wir Gebrauch davon machen. Du aber, meine liebe Minna, hast eine lebhaftere Phantasie als ich und bist geneigt, all diese wundervollen Geschichten für wahr zu halten, weil Du gern an Zauberer, Zwerge und Wassergeister denken magst, und gern selbst einen kleinen dienstbaren Geist mit einem grünen Gewande und glänzenden Flügelpaar, buntfarbig wie das Gefieder des Stars, um Dich hättest. Aber Du holst ja so tief Atem, Minna?«

»Ich seufzte nur,« antwortete Minna nicht ohne Verwirrung, »weil ich mich wunderte, wie es Dir möglich sei, mit dem Unglück dieses merkwürdigen weiblichen Wesens Deinen Scherz zu treiben?«

»Ich treibe keinen Scherz damit, da sei Gott vor,« erwiderte Brenda nicht ohne Verdruß. »Du bist es Minna, die alles, was ich in Güte und Freundlichkeit zu Dir spreche, zum Strengen und Bösen wandelt. Ich betrachte Norna wie ein mit außerordentlichen Fähigkeiten begabtes Weib, denen sich aber oft ein starker Anflug von Wahnsinn beigesellt; auch halte ich sie für die beste Wetterkundige von ganz Shetland. Aber an eine Macht ihrerseits über die Elemente glaube ich ebensowenig, wie an die Ammenmärchen des Königs Erich, der den Wind dorther wehen ließ, wohin er seine Mütze drehte.«

Minna, leicht gereizt durch die Hartnäckigkeit ihrer Schwester, erwiderte mit einiger Herbheit: »Und dennoch, Brenda, – dieses Weib – dieses halb wahnsinnige Weib, diese Erzbetrügerin ist eben dieselbe Person, von der Du in diesem Augenblicke in Deiner vorzüglichsten Herzensangelegenheit Rat begehrst!«

»Ich weiß nicht, was Du meinst,« antwortete Brenda, hoch errötend, und versuchte sich den Händen ihrer Schwester zu entziehen, die aber, ohne ihr Zeit zu weiterer Rede zu lassen, mit etwas milderem Tone hinzusetzte: »Ist es nicht seltsam, Brenda, daß Du, trotzdem Dich dieser Fremde, dieser Mordaunt, hintergangen, trotzdem er sich – ohne eingeladen zu sein – wieder hierher gefunden hat, ihm freundlich entgegentrittst, ihn freundlich ansehen, ja freundlich mit ihm reden kannst? ... Sollte Dir nicht gerade das beweisen, daß es wirklich Zauberei gibt und daß Du selbst ihre Macht empfindest? Nicht umsonst trägt Mordaunt jene Zauberkette, – denke daran, Brenda, und nimm Dich in acht!«

»Ich habe nichts mit Mordaunt zu schaffen,« erwiderte Brenda kurz. »Auch kümmere ich mich nicht darum, was er oder andere junge Männer um den Hals tragen. Ich könnte alle goldnen Ketten der Beamten in Edinburg sehen, von denen Lady Glowrowrum so viel zu erzählen pflegt, ohne für irgend einen der Träger Neigung zu empfinden.« Und nachdem sie so die allgemeine Frauenregel beobachtet hatte, sich auf solche Anklage nicht schuldig zu bekennen, fuhr sie in einem veränderten Tone fort: »Aber sieh, die Wahrheit zu sagen, Minna, ich glaube, Du und Ihr alle habt diesem jungen Freunde, der so lange Zeit unser vertrauter Gespiele war, zu schnell das Urteil gesprochen. Sei überzeugt, Mordaunt ist mir nicht mehr, als er Dir ist – Du weißt ja selbst am besten, daß er keinen Unterschied zwischen uns beiden machte, daß er mit uns wie ein Bruder mit seinen Schwestern umging; und doch kannst Du Dich sogleich von ihm abwenden, weil ein abenteuerlicher Seemann, von dem wir nichts wissen, und ein herumziehender Krämer, der uns allen als Lügner, Schelm und Betrüger bekannt ist, Nachteiliges über ihn berichten. Nie werde ich glauben, daß er sich gerühmt habe, er brauche nur eine von uns zu wählen, und daß er nur abwarten wolle, wer von uns Burgh-Westra und den Bredneß-See erhalten solle. – Ich kann mir es nicht denken, daß er davon sprach – ja daß er daran dachte, je zwischen uns zu wählen.«

»Vielleicht,« entgegnete Minna kalt, »war es Dir bereits bekannt, daß seine Wahl schon getroffen sei?«

»Ich will dergleichen nicht hören,« rief Brenda, ihrer gewöhnlichen Lebhaftigkeit Raum gebend, »selbst von Dir, Minna, nicht. Du weißt, daß ich mein ganzes Leben hindurch die Wahrheit gesprochen habe, weißt, daß, ich die Wahrheit liebe, und so sage ich Dir denn, daß Mordaunt nie einen Unterschied zwischen uns machte, bis ...«

Hier stockte sie, weil ihr etwas einzufallen schien, was nicht im vollen Einklange zu stehen schien mit dem, was sie auf der Zunge hatte, und ihre Schwester fragte mit leisem Lächeln: »Und bis wann denn, Brenda? – Ich glaube, Deine Wahrheitsliebe scheint vor dem, was Du sagen wolltest, zurückzuschrecken?«

»Wenn ich es doch einmal sagen soll, Schwester, bis Du – bis Du aufhörtest,« entgegnete Brenda entschlossen, »ihm die Gerechtigkeit, die er verdiente, widerfahren zu lassen; daß er seine Freundschaft gegen Dich, die Du so gering achtest, nicht lange mehr wegwerfen wird, scheint mir freilich nicht zweifelhaft.«

»Immerhin,« sagte Minna, »werde ich Deine Nebenbuhlerin weder in seiner Liebe noch in seiner Freundschaft sein. – Aber erinnere Dich, Brenda! – Hier ist von keiner Lästerung Clevelands die Rede – der überhaupt einer solchen unfähig ist – auch von keiner Verleumdung des Hausierers – denn alle unsere Freunde und Bekannte behaupten ja, daß es allgemein auf der Insel heiße, die Töchter von Magnus Troil warteten nur darauf, welche von beiden für sich auszusuchen Mordaunt belieben werde ... Mordaunt Mertoun, der weder was ist in der Welt, noch was hat in der Welt, wenn es seinem Vater einfällt, die Hand von ihm abzuziehen! ... Will es sich geziemen, daß solche Rede über uns, die Abkömmlinge eines norwegischen Jarls, die Töchter des angesehensten Udallers dieser Inseln, gesprochen werde? Wäre es sittig und mädchenhaft, sich solchem Gerede zu unterwerfen, selbst dann, wenn wir nur armselige Mägde wären?«

»Solches Geschwätz von Toren schmerzt nicht,« versetzte Brenda mit Wärme, »ich werde nie meine eigene gute Meinung von einem schuldlosen Freunde dafür aufgeben, ist's doch leicht, selbst der unschuldigsten Handlung einen bösen Grund unterzuschieben.«

»Aber so höre doch,« unterbrach sie Minna,, »was unsere Freunde sagen; höre nur Lady Glowrowrum; höre nur Maddie und Klara Greatsettars.«

»Wenn ich auf Lady Glowrowrum hören sollte,« erwiderte Brenda fest, »so würde ich mir die boshafteste Zunge von ganz Shetland anhören, und Maddie und Klara Greatsettars waren doch überglücklich, Mordaunt vorgestern neben sich bei Tische zu sehen, wie Du es wohl selbst bemerkt hättest, wäre Dein Ohr nicht besser beschäftigt gewesen.«

»Dagegen waren Deine Augen um so weniger bei uns, Brenda,« erwiderte die ältere Schwester, »sondern immer nur auf den jungen Mann gerichtet, von dem jedermann, ich ausgenommen, überzeugt ist, daß er uns mit kränkender Anmaßung behandelte. Selbst wenn er unschuldig angeklagt wäre, meinte Lady Glowrowrum, sei Dein Verhalten unschicklich von Dir gewesen, da es solchem Geschwätz, wie Du zu sagen liebst nur Nahrung und Stütze gäbe.«

»Ich werde meine Blicke dorthin senden, wohin ich es für gut finde,« erwiderte Brenda mit steigender Wärme. »Lady Glowrowrum soll weder meine Gedanken, meine Worte, noch meine Blicke beherrschen. Ich halte Mordaunt für unschuldig an allem, was ihm schlimme Zungen nachgeredet haben, und wenn ich nicht mit ihm spreche und mich anders wie sonst gegen ihn verhalte, so tue ich es nur aus Gehorsam gegen meinen Vater, nicht aber darum, weil ich irgend welchen Wert auf das Gerede einer Lady Glowrowrum und ihrer Nichten, – und wenn sie deren zwanzig, statt zwei hätte, – lege – denn das ist Gerede über Dinge, die diese Leute nicht angehen und die diese Leute nicht verstehen.«

»Ach, Brenda,« sagte Minna ruhig, »Du sprichst mehr, als zur Verteidigung eines Freundes nötig wäre! – Sei auf Deiner Hut! – Auch der, welcher Nornas Lebensfrieden störte, war ein Fremder; auch sie hatte ihm ihre Liebe gegen den Willen ihrer Familie geschenkt.«

»Er war ein Fremder,« rief Brenda mit Nachdruck, »nicht bloß der Geburt, sondern auch den Sitten nach. Sie war nicht von Jugend an mit ihm erzogen, – eine Vertraulichkeit von vielen Jahren hatte ihr nicht das Offene und Edle seines Wesens gezeigt. Ein Fremder war er in der Tat, was Charakter, Temperament, Geburt, Sitten und Benehmen angeht – ein herumstreifender Abenteurer vielleicht, den der Zufall oder ein Sturm auf die Insel geworfen hatte, und der ein trugvolles Herz unter einer offnen, freien Stirn zu verbergen verstand. Die Warnung, die Du mir gibst, darf auch Dir gelten, Schwester; denn es gibt auf Burgh-Westra noch andere Fremde als den armen Mordaunt Mertoun.«

Minna schien durch diese schnelle Antwort ihrer Schwester momentan außer Fassung zu geraten, aber ihr natürlicher hoher Sinn setzte sie bald instand, ihr die folgende Antwort zu erteilen: »Wenn ich Dir, Brenda, so geringes Zutrauen schenken wollte, wie Du mir, so könnte ich erwidern, daß Cleveland mir nicht mehr sei, als mir Mordaunt war; oder als es mir der junge Swaraster oder Lawrence Erichson, oder sonst jeder gern gesehene Gast unseres Vaters noch jetzt ist. Aber ich verachte jeden Betrug und mag meine Gedanken nicht verbergen, – ich liebe Clement Cleveland.« –

»Sprich nicht so, liebe Schwester,« rief Brenda, den Ton der Bitterkeit, den dieses Gespräch anzunehmen begonnen hatte, von sich werfend; und die Arme um ihre Schwester schlingend, fuhr sie mit dem Ausdruck inniger Liebe fort: »sprich nicht so, liebe Schwester, ich beschwöre Dich! aufgeben will ich Mordaunt Mertoun, – schwören will ich, nie wieder ein Wort mit ihm zu sprechen; aber wiederhole mir nur nicht, daß Du Cleveland liebst!«

»Und warum sollte ich,« fragte Minna, sich sanft der Umarmung ihrer Schwester entwindend, »ein Gefühl nicht aussprechen, auf welches ich stolz bin? Die Kühnheit und die Kraft seines Charakters, – dem das Gebieten angeboren und die Furcht unbekannt ist, – diese Eigenschaften, welche Dich für mein Glück zittern machen, sind mir gerade die Bürgen desselben. Erinnere Dich, Brenda, daß, wenn Dein Fuß das sanfte, ruhige Ufer der Sommersee liebte, der meinige am liebsten an den Abgründen wandelte, wenn die Wellen sich in ihrer Wut empörten.«

»Das ist eben, was mich beben macht,« versetzte Brenda: »eben dieser Hang zum Abenteuerlichen ist es, der Dich jetzt an einen weit fürchterlichern Abgrund führt, als je einer von den brandenden Wogen bespült war. Dieser Mann – runzle die Stirn nicht, – ich will nichts Böses von ihm sagen, aber hältst Du ihn nicht in Deiner eigenen unparteiischen Meinung für stolz und übermütig: des Gebietens gewohnt, wie Du sagst, aber aus eben diesem Grunde auch dort befehlend, wo er kein Recht dazu hat, und anordnend, wo ihm das Befolgen weit besser anstehen würde? sich in Gefahren stürzend, mehr seiner selbst, als um anderer willen? Und magst Du daran denken, mit einem so unsteten und stürmischen Geiste verbunden zu sein, dessen Leben bisher nur dem Tode und den Gefahren geweiht war, und der, selbst wenn er neben Dir weilt, die Ungeduld nicht verbergen kann, sich aufs neue hineinzustürzen? Ein Liebhaber sollte, so denke ich, seine Geliebte mehr als sein eigenes Leben lieben; der Deine aber, liebe Minna, liebt sie weniger als die Freude, andern den Tod zu geben.«

»Das ist es eben, warum ich ihn so liebe,« rief Minna lebhaft, »ich bin eine Tochter der alten norwegischen Heldinnen, die ihre Liebhaber mit einem Lächeln in die Schlacht entließen und sie mit ihren eigenen Händen erschlugen, wenn sie entehrt zurückkehrten. Mein Geliebter muß die Armseligkeiten verachten, durch die das jetzige entartete Geschlecht sich auszuzeichnen bestrebt, oder sie wenigstens nur zum Scherz oder in Ermangelung anderer edlerer Gefahr treiben. Walfischjagd und das Ausnahmen von Vogelnestern genügt mir nicht, mein Geliebter muß ein Seekönig oder etwas sein, was die neuere Zeit, diesem erhabenen Charakter ähnlich, darzubieten hat.«

»Ach, liebe Schwester,« unterbrach sie Brenda, »jetzt muß ich in allem Ernste an Zauberei glauben. Erinnere Dich des spanischen Geschichtenbuchs, das Du mir vor langer Zeit wegnahmst, weil ich meinte, daß Deine Bewunderung der Vorzeit Skandinaviens mit dem überspannten Wesen des Helden jenes Buchs wetteifere. – Ach, Minna! die Glut auf Deinem Gesichte verrät, daß Dein Gewissen spricht und Dich an das Buch erinnert, das ich meine. – Ist es denn weiser, eine Windmühle für einen Riesen zu halten, als den Häuptling eines armseligen Kaperschiffs für einen Helden oder für einen Seekönig?«

Minna errötete in der Tat vor Verdruß über diese Bemerkung, deren Wahrheit sie vielleicht einigermaßen fühlen mochte.

»Du hast ein Recht, mich zu beleidigen,« sprach sie, »denn Du bist Mitwisserin meines Geheimnisses.«

Brendas sanftes Herz konnte dieser Unfreundlichkeit gegenüber nicht stand halten; sie beschwor die Schwester, ihr zu verzeihen, und Minnas natürliche Gutmütigkeit vermochte dem Flehen ihrer Schwester nicht zu widerstehen.

»Wir sind unglücklich,« sprach sie, die Tränen ihrer Schwester trocknend, »daß wir nicht mit den gleichen Augen sehen können, – wir wollen unsere Lage nicht durch gegenseitige Kränkungen verschlimmern. – Du weißt mein Geheimnis – vielleicht wird es bald nicht mehr ein solches sein – denn meinem Vater soll das Vertrauen werden, das er zu fordern berechtigt ist, sobald nur gewisse Umstände mir erlauben, es ihm zu offenbaren. Ich wiederhole Dir, Du hast mein Geheimnis, und es ist mehr als Vermutung, wenn ich glaube, dagegen das Deine zu besitzen, wenn Du mir es auch nicht gestehen willst.«

»Wie könnte ich, Minna,« entgegnete Brenda, »Gefühle für irgend jemand eingestehen, wie die, auf die Du anspielst, noch bevor dieser Jemand auch nur ein Wort gesprochen, das ein solches Bekenntnis rechtfertigen könnte?«

»Das nicht, aber ein verborgenes Feuer wird ebenso leicht durch die Hitze, die es verbreitet, als durch seine Flamme verraten.«

»Du verstehst Dich auf diese Zeichen, liebe Minna,« erwiderte Brenda, indem sie ihr Köpfchen senkte und sich vergeblich Mühe gab, die Versuchung zu einer Antwort auf die Bemerkungen ihrer Schwester zu unterdrücken; »aber nur so viel kann ich Dir sagen, daß, wenn ich überhaupt je lieben werde, es nicht anders geschehen wird, als bis ich wenigstens ein paarmal dazu aufgefordert worden bin, was mir bis jetzt noch nicht begegnet ist. Aber laß uns unsern Streit nicht wieder anknüpfen, sondern lieber drüber nachdenken, warum uns wohl Norna jene schreckenvolle Erzählung mitgeteilt, und was sie darunter beabsichtigt.«

»Es wird eine Vorsicht gewesen sein,« erwiderte Minna, – »die ihr in unserer Lage und, ich will es nicht leugnen, zumal in der meinen, ihr vielleicht nötig erscheinen mochte, – aber ich bin gleich stark durch meine eigene Unschuld, wie durch Clevelands Ehre.«

Brenda hätte gern geantwortet, daß sie auf Clevelands Ehre nicht so sehr vertraue, als auf Minnas Unschuld; aber sie vermied es, das Thema wieder aufzunehmen und bemerkte nur: »wie es doch seltsam sei, daß Norna nicht mehr von ihrem Liebhaber gesagt habe, der sie doch unfehlbar in dem Elende, in das sie durch ihn gestürzt worden, nicht verlassen haben könne?«

»Es mag Angst und Kummer geben,« entgegnete Minna nach einer Pause, »wo die Seele so sehr mit sich im Streite ist, daß sie aufhört, selbst diejenigen Gefühle zu empfinden, die sie am meisten erfüllten; – möglich, daß die Sorge um ihren Geliebten in Schrecken und Verzweiflung unterging.«

»Oder er entfloh vielleicht von diesen Inseln aus Furcht vor der Rache unseres Vaters,« bemerkte Brenda.

»Wenn er aus Furcht oder aus Schwäche des Herzens,« nahm Minna, zum Himmel aufblickend, das Wort, »fähig war, dem Elend zu entfliehn, das er angerichtet hatte, so wird ihm, dies hoffe ich zu Gott, längst jene Strafe geworden sein, die die Vorsehung für den niedrigsten Verrat und für die allerschändlichste Feigheit aufbewahrt. – Komm, Schwester; man wartet schon auf uns beim Frühstück.«

Und Arm in Arm, mit größerm Vertrauen, als seit einiger Zeit unter ihnen geherrscht, gingen sie fort; der kleine Zwist, der soeben zwischen ihnen bestanden, hatte wie ein plötzlicher kurzer Windstoß die kleinen Nebelwolken, die sich zwischen ihnen gelagert, zerstreut und schönes Wetter gebracht.

Auf dem Wege zur Frühstücksstube kamen sie überein, daß es unnötig, ja unvorsichtig wäre, ihren Vater mit den Umständen ihres nächtlichen Besuches bekannt zu machen oder ihn überhaupt wissen zu lassen, daß sie jetzt von Nornas schwermütiger Geschichte mehr wußten als bisher.

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