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Der philosophierende Vagabund

Ernst Clefeld: Der philosophierende Vagabund - Kapitel 8
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typeautobio
authorErnst Clefeld
titleDer philosophierende Vagabund
publisherVerlag von Robert Lutz
correctorreuters@abc.de
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Intrigen.

1885-1886.

Ein Schelmenstreich. – Ich brenne durch. – Auf der Schmiere. – Der Bürgermeister zahlt das Honorar. – In der Großstadt. – Ein Komplott. – Ich werde überfallen. – Strafanzeigen. – Vor dem Schöffengericht. – »Säufer und Krakehler.« – Strafkammer. – Ich bin Souffleur. – Kammergericht. – Verlust meiner Stelle. – Nach Berlin!

Ich kam an ein kleines Saisontheater in B... Infolge des schlechten Geschäftsganges standen wir sehr bald dem Zusammenbruche gegenüber. Ein in derselben Stadt vazierender Theaterdirektor stürzte sich wie ein Geier auf das Aas. Er fühlte sich berufen, den im Moraste stecken gebliebenen Karren wieder in Gang zu bringen. Da ich als beliebter Darsteller allenfalls ein Wort einlegen konnte, bat er mich, beim Lokalbesitzer sein Gesuch zu befürworten. Als Aequivalent versprach er mir eine höhere Gage und stellte mir für die Dauer der Saison eine sehr angenehme Stellung in Aussicht. Von dem Augenblicke an, in dem er auf meine Fürsprache hin die Direktion übernommen, war er mir gegenüber ein anderer geworden. Er hatte nicht nur sein Versprechen vergessen, er engagierte sogar, um sich meines Anblicks zu entledigen, einen neuen Schauspieler, den er in einer mir gebührenden Rolle auftreten ließ. Obgleich den sehr geringen Ansprüchen genügend, konnte dieser einen Vergleich mit meinen Leistungen doch nicht aushalten, so daß sich der Direktor durch die Forderungen meiner Gönner gezwungen sah, wieder einzulenken.

Der Friede zwischen uns war aber nicht von langer Dauer. Mir wurde meine Stellung immer mehr verbittert. Die Beschlagnahme meiner Gage durch den Lokalbesitzer, bei dem ich für die während des Interims erhaltene Pension noch im Rückstande war, die höchst mangelhafte Verpflegung, welche bei der überaus anstrengenden reizlosen Tätigkeit meine Kräfte untergraben mußte, und die höchst empörende Behandlungsweise von seiten des Direktors, der mir die ihm erwiesene Gefälligkeit nicht verzeihen konnte, reiften in mir das heiße Verlangen, diesem Engagement sobald als möglich den Rücken zu lehren. Ich klagte meine Not dem mir bekannten Regisseur des Konkurrenztheaters, der um einen Ausweg nicht verlegen war. Sein Direktor, mit dem ich während meiner ersten Bühnenlaufbahn zusammen engagiert war, erklärte sich bereit, mir zehn Mark zu geben, wenn ich mich auf Wort verpflichte, am Tage der Aufführung einer mit großer Reklame angekündigten sensationellen Novität unmittelbar vor Beginn der Vorstellung durchzubrennen. Nicht ohne Widerwillen ging ich auf diesen Vorschlag ein. Je näher jedoch die bestimmte Stunde heranrückte, desto schwerer wurde mir ums Herz. Das Sündengeld war für Bezahlung von Läpperschulden, durch deren Hinterlassung ich mich nicht belasten wollte, fast ausgegeben, ich hatte knapp das Reisegeld, so daß ich vor einer sehr peinlichen Alternative stand. Mein ursprünglich geplantes heimliches Verlassen dieses Engagements wäre dem wortbrüchigen, mich obendrein schikanierenden Direktor gegenüber kein Verbrechen gewesen, während die Ausführung unter den nun obwaltenden Umständen einen ganz anderen Charakter annahm. Wie aber wäre ich andererseits dagestanden, wenn ich mein Wort nicht gehalten und mich also dem Anscheine nach durch die Vorspiegelung meiner Bereitwilligkeit zu einem solchen Streiche in den Besitz des Lumpengeldes gesetzt hätte? Ein glücklicher Einfall zeigte mir noch eine befriedigende Lösung. Ich strich die nur drei Bogen starke Rolle bis auf ein Minimum zusammen, so daß sie ein in diesem Stücke noch nicht beschäftigter Chargenspieler im letzten Augenblicke übernehmen konnte. Die Rolle nebst einem Briefe auf meinem Zimmertische liegen lassend, ging ich im Bewußtsein, die Vorstellung gerettet zu haben, zur Bahn, wohin mich ein mir »befreundeter« Zimmermaler begleitete, der auch einen Teil meiner Sachen trug.

Die triftigen Gründe, die mich zum Verlassen dieses Engagements bestimmten, hatten jedoch den geheimen Beifall meiner Sinne gefunden. Es trieb mich in die Arme jener Schlange, die mir den ersten gründlichen Geschmack am Paradiesesapfel beizubringen wußte. Unwiderstehlich zog es mich zu ihr hin, als ob ich diese Freuden nur in ihren Armen finden könnte, als ob sie das Spenden sinnlicher Genüsse für mich auf dieser Welt gepachtet hätte. Nur eine Stunde des Genusses sah ich, nicht das wochenlange Elend, das sie mich kosten könnte. Dieses Gefühl gab auch den Grund, ein ähnliches bei ihr vorauszusetzen. Als ich eintrat – wo bliebst du, Anteros? wo blieb der Ausdruck des erwarteten Empfindens? Die Stirne runzelnd starrte sie mich an, als wollte sie mich gleich in Grund und Boden bohren.

Ich kam ihr auch tatsächlich äußerst ungelegen, da ich bereits einen Nachfolger hatte. Für die augenblickliche Enttäuschung wurde ich durch die nun eintretende Gewissensruhe glänzend entschädigt. Ich fand mich selbst wieder: ich fühlte mich ganz glücklich, daß es so gekommen: ich konnte mich und meinen vorhergegangenen Zustand nicht begreifen. Der Sinnesteufel wurde wieder für lange Zeit beurlaubt. Mit wahrer Gier stürzte ich zu meinem Koffer, um den Homer hervorzuholen.

Es trieb mich wieder auf die Schmiere. Ich hatte einen Komiker nebst Frau zu Reisegefährten. Als wir uns an Ort und Stelle nach Herrn Direktor Rückheim erkundigten, hieß es, aus Herrn Rückheim sei ein Herr Rückaus geworden: er war mit Hinterlassung von Schulden verduftet. Diese mich niederschmetternde Nachricht schien auf meinen Reisegefährten den gerade entgegengesetzten Eindruck zu machen. Er zog einen Kunstschein aus der Tasche, auf Grund dessen ihm der Bürgermeister angesichts unserer Lage die Erlaubnis zu mehreren Vorstellungen erteilte. Wir spielten auf Teilung, wobei ich trotz der nach meiner Schätzung ganz guten Einnahmen stets nur wenige Groschen auf meinen Teil erhielt. Als unsere Darstellungen Beifall fanden und noch zwei neue Mitglieder eingetroffen waren, machte er mir vor einem in Aussicht stehenden ausverkauften Hause die kurze Mitteilung, mir von jetzt ab pro Vorstellung ein Honorar von vier Mark zahlen zu wollen, das ich jedoch nur am ersten Abend erhielt. Als ich schon sechzehn Mark zu fordern hatte, weigerte ich mich gelegentlich einer von ihm aus Schlauheit zum Besten der Stadtarmen angekündigten Vorstellung vor Bezahlung der Schuld die Bühne zu betreten. Und die Proceres von Krähwinkel waren in corpore erschienen. Mächtig die Jovisstirne runzelnd, schritt das Stadtoberhaupt auf mich zu, als öffnete sich schon der Schlund des Tartarus, mich zu verschlingen. Doch der Gewaltige ließ mit sich sprechen: er leistete mir Bürgschaft. Nun spielte ich selbstverständlich und holte mir von jetzt ab, was selbst in den Annalen der Schmierengeschichte einzig dastehen dürfte, meinen Obolus an jedem einer Vorstellung folgenden Tage überhaupt nur mehr aus dem Bureau des Herrn Bürgermeisters. – – – – – – – – – – –

In dieser Zeit erhielt ich die Nachricht von dem Tode meines ältesten Bruders. Dieser liebe, gute, befähigte Mensch! Auch für sein Leben war eine kleine Ursache, ein kleiner Streit mit einem Schulkollegen, entscheidend. Wir haben uns so gut verstanden. Armer unglücklicher Bruder! Indem ich das schreibe, weine ich dir eine heiße Träne nach!

Nach der sich immer wiederholenden alten Geschichte fand ich in D .... Engagement: ich wurde in ersten Charakterrollen beschäftigt, die ich unter Anerkennung der Presse mit großem Erfolge spielte. Es war mir ein neuer Sporn, das vor mir wieder aufgetauchte Ziel rastlos zu verfolgen. Die schrecklichste Enttäuschung ließ abermals nicht lange auf sich warten. Der bisher an diesem Theater tätige Regisseur Schulz wurde plötzlich des Regiepostens enthoben. Nach einem mit seinem Ersatzmann Bach, der jedoch bereits mein Freund war, bei einer Probe stattgefundenen kleinen Auftritte ließ Schulz mich eines Abends zu sich rufen. Ich möge mir doch nichts gefallen lassen, sagte er, indem er mir zugleich den guten Rat gab, jenem, falls er mich noch einmal schikanieren wolle, kurzweg eine Ohrfeige zu geben, wobei ich schon den nötigen Beistand finden würde. Bach flöge sofort hinaus, er käme wieder an seine alte Stelle, wo er durch ein zu günstiger Zeit gegebenes Benefiz, durch gute Rollen usw. schon recht hübsch für mich sorgen wolle. Ich wies dieses Ansinnen höflich, jedoch entschieden zurück, sah aber schon voraus, daß meine letzte Stunde hier wieder sehr bald schlagen werde.

Als nach dieser Unterredung geraume Zeit verstrichen war, glaubte ich schon, daß Schulz sich beruhigen wolle, bis ich zufällig wieder neue, meinem Freund Bach gelegte Fallstricke entdecken konnte. Nun warnte ich ihn. Auf seine Bitte, energisch vorzugehen, schrieb ich dem Direktor den ganzen Sachverhalt und ließ mich sogar bestimmen, Bach diesen Brief anzuvertrauen, weil er ihn seiner Mutter vorlesen wollte. Das war ein Vorwand. Er belohnte mich mit Verrat, indem er ihn mit seinem Namen übersandte. Der Direktor, der sich, wie ich später hörte, der zu hohen Gage wegen seiner gern entledigen wollte, war von nun an mein erbittertster Feind: die Verschwörung, deren Mitglied ich werden sollte, war nun auch gegen mich gerichtet. Als ich eines Morgens ins Theater kam, hörte ich, daß Bach einer über den Direktor gemachten und, wie ich bald erkannte, provozierten Aeußerung wegen plötzlich entlassen worden sei. Ich war aufs tiefste empört und brachte meine Gefühle vor dem gesamten Personal mit den kräftigsten deutschen Worten zum Ausdruck. Auch der Stiefvater des Leiters der Intrige, das Urbild eines alten Komödianten, war zugegen. Blaß wie eine Leiche saß er da. Einige der Herren Kollegen gaben mir en passant ihren Beifall durch heimlichen Händedruck zu erkennen; es wäre an der Zeit gewesen, den Feuerbrand in dieses Wespennest zu schleudern. Bewundernd blickten sie mich an ob meines Mutes, und so mancher freute sich, daß ich dem Mächtigeren einen Denkzettel gegeben.

Die Nachwehen dieses Auftritts waren mir bald durchaus fühlbar. Eines Abends herrschte in der Garderobe eine unheimliche Stille, und als das Stück zu Ende war, hatten alle es so eilig wie noch nie: wie auf ein gegebenes Zeichen waren sie auf einmal verschwunden, sogar der alte Garderobier. Ich blieb allein. Während ich mich ruhig anzog, erschien Schulz, ein Hüne von Gestalt, in Begleitung seines großen maulkorblosen Bernhardinerhundes. »Was haben Sie zu meinem Vater gesagt?« fuhr er mich an. »Was ich vertreten kann,« gab ich zur Antwort. »Das sollen Sie mir büßen,« schrie er, und schnell mir an die Kehle springend, drückte er mich an die Wand. Nur gurgelnd vermochte ich noch das Wort »Staatsanwalt« hervorzubringen. »Vor den komme ich so wie so,« knirschte er, bis er mich endlich, wie zu einer kleinen Pause, losließ. Den günstigen Augenblick benützend, lief ich im Hemde auf die Bühne. Der Theatermeister stellte sich, als ob er mich nicht sähe noch hörte. Nur als ich durch den Treppenausgang ins Restaurant gelangen wollte, verstellte er mir rasch den Weg. Er gehörte mit zu dem Komplott. Dem Attentäter war es indessen doch zu heiß geworden. Als ich in die Garderobe trat, war er mit seinem Hunde verschwunden. Am nächsten Tage machte ich dem Staatsanwalt Anzeige.

Unmittelbar nach diesem Vorfall erhielt ich eine amtliche Zustellung, daß ich mich wegen Unterschlagung eines Winterrockes zu verantworten habe. Gerechter Himmel! Das hatte mir bloß noch gefehlt. Der Lokalbesitzer in B .... hatte mir einen alten Winterrock für 6 Mark verkauft, worauf ich 3 Mark angezahlt. Trotzdem er diesen Rock ursprünglich für eine Schuld von 9 Mark von einem Gast als Pfand behalten, hatte er den ihm zugefügten Schaden auf 36 Mark taxiert. Es war mir klar, daß er sich rächen wollte, weil ich das Engagement heimlich verlassen hatte.

Sinnlos durch den Gedanken, auf der Anklagebank erscheinen zu müssen, reiste ich nach B .... und zahlte den Betrag mit der Bedingung, daß er den Strafantrag zurückziehe. Lächelnd ging er darauf ein: ich müsse mich nur noch an den Amtsanwalt wenden. Er hat ganz genau gewußt, daß ein Zurückziehen nicht mehr möglich sei: mein Weg zum Amtsanwalt war fruchtlos. Ich ging zu jenem Handwerker, der mich zur Bahn begleitet. Er wollte meinen rechtmäßigen Besitz des Rockes bis in alle Einzelheiten kennen und erbot sich, als mein Entlastungszeuge aufzutreten.

Endlich war der Verhandlungstag gekommen. Als Belastungszeugen traten Frau und Tochter des Lokalbesitzers auf. Schon hoffte ich auf einen günstigen Ausgang, da mir der Richter mehr zu glauben schien als jenen: ich sah nur noch als ausschlaggebend der Aussage des Handwerkers entgegen. Sprachlos starrte ich ihn an, als er das Gegenteil von dem aussagte, was er mir gegenüber zu wissen vorgegeben hatte und auch tatsächlich wissen mußte. Ich war kopflos. Ich erwähnte nicht, daß er mich zur Bahn begleitet und mir meine Sachen trug, was er doch hätte unterlassen müssen, wenn er wußte, daß er mich bei einem Vergehen unterstütze: ich schämte mich, ihn, der mein »Duzfreund« war, als solchen anzureden: ich korrigierte nicht einmal, als ein Brief von mir an den Besitzer verlesen wurde, in dem man statt mein »Vorgehen« fälschlich mein »Vergehen« las. Die wichtigsten Punkte blieben unberührt, da mein sonst ganz tüchtiger Anwalt sich offenbar mein Schriftstück nicht angesehen hatte. Er plädierte für Freisprechung, während der Amtsanwalt eine Gefängnisstrafe von vierzehn Tagen beantragte. Mein erster Gedanke war an die Tanten. Dann tauchte die Erinnerung an mein Elternhaus und meine Kindheit in mir auf. Zum letzten Worte zugelassen, beteuerte ich nochmals meine Unschuld: falls aber meine Schuld erwiesen scheine, bat ich, mir eine Geldstrafe zu geben, an der ich zeitlebens zu tragen hätte, nur nicht einen Tag Gefängnis.

Nach den fürchterlichsten Augenblicken meines Lebens hieß es: »Des Vergehens der Unterschlagung schuldig!« Die Hauptzeugen triumphierten. Sie sahen mich, wie ich mich selbst, schon im Gefängnis. Als aber der Vorsitzende mit einem auf sie gerichteten durchbohrenden Blicke hinzusetzte, daß man in Ansehung meiner gänzlichen Unbescholtenheit auf die niedrigste Strafe von 10 Mark, ev. auf zwei Tagen Gefängnis erkenne, waren sie wie vom Blitz getroffen. Ihr Rachedurst war nicht gestillt. Als ich den Saal verließ, saßen sie noch ganz gebrochen im Vorraum. Frohlockend stürmte ich hinaus. Erst hinterher ermaß ich die Bedeutung des nur in Beziehung zum Antrage des Amtsanwaltes erlösenden Urteils. Alle Einzelheiten der Verhandlung standen vor meiner Seele, für jede Behauptung des Gegners wußte ich die entsprechende Widerlegung. Ich fuhr nach Berlin zu dem im Zenit seines Ruhmes stehenden Rechtsanwalt Friedmann. Fast mitleidig lächelnd fragte er mich: »Wer hat Sie denn verteidigt?« Ich fühlte mich beruhigt, als er mir versprach, mich ausnahmsweise in der Berufungsinstanz für ein Honorar von 100 Mark verteidigen zu wollen. Ueber die Frage, woher ich die 100 Mark nehmen sollte, wußte mir mein Leichtsinn vorderhand hinwegzuhelfen.Es kann zweifelhaft erscheinen, daß Frau und Tochter eine falsche Aussage gemacht haben sollten. Man vergegenwärtige sich die Verhältnisse. Ich war als beliebter Schauspieler eine Stütze des Unternehmens, die man sich erhalten wollte. Unter der selbstverständlichen Voraussetzung, daß ich im Engagement verbleibe, verkaufte man mir den verfallenen Ueberzieher, um mir in ihrem Interesse die nötige Repräsentation zu ermöglichen, hauptsächlich aber, um durch eine Verminderung meiner Ausgaben sich die Bezahlung der oben erwähnten Schuld zu sichern. Nach meinem Durchgänge sahen sie sich in ihren Voraussetzungen betrogen. Das nie klare Bewußtsein der rein egoistischen Motive schwand gänzlich; nur die dem armen Teufel gegenüber vollzogene Handlung trat in den Vordergrund. Angesichts des von ihnen später in Erfahrung gebrachten Paktierens mit ihren Konkurrenten steigerte sich die Empörung, bis endlich ihr Rachedurst jede bessere Einsicht in den Schatten stellte, »was dem Herzen widerspricht, läßt der Kopf nicht ein,« von einem Vertrauensbruche hinsichtlich ihrer Voraussetzung kann keine Rede sein, da man mir das Verbleiben geradezu unmöglich machte. Um mich völlig in der Gewalt zu haben, gab man mir nie mehr einen Pfennig Geld; man behandelte mich in der gemeinsten Weise und gab mir obendrein eine schlechte Verpflegung. Und da ich ihnen noch Geld schuldete, machte man sich selbst glauben, ich hätte die auf den Rock angezahlten drei Mark als Teilzahlung meiner Schuld hingegeben. Ich will durchaus nicht sagen, daß ich korrekt gehandelt habe; ich hätte meinen heutigen Mut besitzen müssen, ohne Rock aus dem Engagement zu gehen. Das durch den auf mich ausgeübten Zwang und die Entziehung meiner Freiheit mir zugefügte Unrecht war jedenfalls quantitativ größer als meines.

Völlig gebrochen kam ich wieder in D ... an. Bald darauf wurde ich vom Staatsanwalt hinsichtlich meiner Anzeige jenes Regisseurs auf den Weg der Privatklage gewiesen. Schulz spielte sich auf den Philopator hinaus, er rechtfertigte sich damit, daß ich seinen Vater, recte Stiefvater, beleidigt hätte. Es war dessen Sache, wenn er sich beleidigt fühlte. Ich konnte zu dem alten Komödianten, der die Idee zum Schelmenstreich gegeben, unmöglich sagen, daß er ausgenommen sei. Die in der Sache vernommenen Kollegen, die mir einst warm die Hand gedrückt, unterstützten ihr zu meinen Ungunsten abgegebenes Urteil durch die Behauptung, daß ich ein Säufer und Krakehler sei. Tatsächlich ist über meine Lippen in der Garderobe nie ein Tropfen Alkohol gekommen, während jene sich den Schnaps flaschenweise holen ließen. Nach einer von einem Freunde Bachs gegebenen Geburtstagsfeier, wobei ich die schwersten Weine trank, kam ich allerdings betrunken ins Theater, was jedoch meiner oft gespielten Rolle keinen großen Abbruch tat. Während meiner ganzen Bühnenlaufbahn war das der einzige Fall von Trunkenheit, den man mir mit Recht zum Vorwurf machen konnte, und den meine Feinde so gründlich ausnützten, daß ich in den Ruf eines Säufers kam. Als solcher stand ich bald in den Augen aller Agenten da.

Vor einer weiteren gerichtlichen Verfolgung meines Gegners beschloß ich, mir erst den Freispruch zu erwirken, um nicht vor Gericht meine jüngst erfolgte Verurteilung gestehen zu müssen.Ich handelte im Glauben, daß ich als Privatkläger nach meinem Vorleben befragt werde.

Mittlerweile hatte der durch jenen Bescheid hervorgerufene Triumph meiner Feinde und das Benehmen der Kollegen, die mich wie einen von Gott Gezeichneten mieden, einen unüberwindlichen Ekel vor diesem Engagement und damit auch meinen Austritt zur Folge. An eine Verteidigung durch Friedmann konnte ich gar nicht mehr denken. Ich stand sogar ohne Anwalt vor der Strafkammer, – es waren nicht einmal Zeugen geladen. Nach wenigen Minuten wurde meine Berufung verworfen. Noch war die letzte Hoffnung nicht geschwunden. Es ließ mir keine Ruhe, den Kampf nach Kräften fortzusetzen. Während ich mich obdachlos in Berlin umhertrieb, gelangte ich im letzten Augenblicke in den Besitz einiger Mark, um mit Hilfe eines neuen Rechtsanwaltes die Revision beim Kammergericht einlegen zu können.

Im Sommer hatten sich mehrere Schauspieler von besseren Bühnen vereinigt, um in einem Badeorte eine Teilungsgesellschaft zu gründen. Während jeder der Sozietäre die zur Deckung der Vorkosten entsprechende Einlage machte, wurde ich von dem mir so verhängnisvoll gewordenen Regisseur Bach, dem Leiter dieses Unternehmens, mit einer Monatsgage von 60 Mark als Souffleur engagiert. Er fühlte das dringendste Bedürfnis, mich für meine durch ihn hervorgerufene Notlage zu entschädigen.

Einmal ließ es sich nicht umgehen, mir in einer Novität eine größere Väterrolle zu geben. Gerade am Tage der Aufführung mußte ich Unglücksmensch zur Verhandlung vor das Kammergericht. Mit meinen letzten Groschen bezahlte ich die Fahrt, ohne zu wissen, wie ich die Rückfahrt bestreiten werde. Da die Geschäfte sehr schlecht gingen, wagte ich es nicht, mich an den Regisseur zu wenden. Das war auch meine kleinste Sorge. Wenn mir endlich nur mein Recht wird! Natürlich hatte ich auch diesmal keinen Anwalt. Weinend beteuerte ich meine Unschuld und bat mit aufgehobenen Händen, mir meine Ehre wiederzugeben. Umsonst. Nicht ohne Mitleid erklärte der Präsident, mir leider nicht helfen zu können. Völlig gebrochen verließ ich das Gerichtsgebäude. Nun mußte ich mir die zur Rückfahrt nötige Mark verschaffen, was mir noch recht sauer geworden ist. Als ich am Abend in begreiflicher Zerstreutheit nicht völlig Herr meiner Rolle war und während eines Gesellschaftsaktes in hellem Anzuge die Bühne betrat, fand unter großer, im Hinblick auf die Sache selbst gerechter, im Hinblick auf meine allseitig bekannten Garderobenverhältnisse, die deshalb eingegangene Souffleurverpflichtung und niedrige Gage ungerechter Entrüstung der Kollegen auch dieses Engagement für mich seinen Abschluß. Mit Hinterlassung meines Koffers, worin sich meine sämtlichen Schriftstücke befanden, die ich im Leben nicht wiedergesehen habe, reiste ich am nächsten Tage nach Berlin. Ich hielt mich für einen von der menschlichen Gesellschaft Ausgestoßenen und gab es auf, die mir zugefügte tätliche Beleidigung weiter zu verfolgen.

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