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Der philosophierende Vagabund

Ernst Clefeld: Der philosophierende Vagabund - Kapitel 6
Quellenangabe
typeautobio
authorErnst Clefeld
titleDer philosophierende Vagabund
publisherVerlag von Robert Lutz
correctorreuters@abc.de
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Mein Abiturientenexamen.

1879-1881.

Wieder bei den Tanten, – Ich will studieren. – Meine Privatlehrer. – Vorprüfung mit gutem Erfolg. – Der Schwindel bei meinem ersten schriftlichen Examen. – Das zweite schriftliche Examen. – Ich trete auf ein Jahr zurück. – Mein drittes schriftliches Examen. – Die mündliche Prüfung. – Auf ein Jahr zurückgestellt. – Was nun? – Ich dichte. – Aufführung meines Dramas. – Wieder zum Theater. – Abschied von den Tanten.

Ohne meine wahren Verhältnisse zu kennen, wußten die Leute doch, daß sich meine Hoffnungen bei der Bühne nicht erfüllt hatten. Um den spöttischen Gesichtern meiner Propheten nicht zu begegnen und der Klatschsucht keine Nahrung zu geben, vermied ich es, bei Tage auf die Straße zu gehen. Nur in den Abendstunden machte ich einen kurzen Spaziergang. Ich war glücklich, der Welt wieder auf eine Weile entronnen zu sein und bei den Tanten weilen zu können. Sie quälten mich nicht mit Fragen über die Zukunft. Ihr Vertrauen auf Gottes Ratschluß überhob sie aller Zweifel. War ich nur wieder in ihrer Nähe! Wußten sie doch, daß mir da nichts Uebles widerfahren könne. Da ich außer ihnen nur meine eigene Gesellschaft genoß, brauchte ich auch nicht über Langeweile zu klagen. Für meine nun freie Muße stand mir die reichhaltige Bibliothek eines verstorbenen Vetters zur Verfügung. Ich vertiefte mich in die Geschichte der Philosophie und kam allmählich auf den Gedanken, mich, obgleich schon 26 Jahre alt, gänzlich den Studien zu widmen. Nach Beseitigung der Ursache meines Leidens und dem Aufgeben des mich so sehr aufregenden Berufes fühlte ich mich wieder frei. Das Gespenst war verschwunden. »Tante Betty,« sagte ich, ihr um den Hals fallend, »ich fühle mehr und mehr, daß mein eigentlicher Beruf die Wissenschaft ist. Ich will fleißig sein, Tag und Nacht will ich studieren, um in kurzer Zeit das Abiturientenexamen ablegen zu können. Darf ich?« – »Freilich darfst du,« sprach sie, indem ein Strahl der Hoffnung aus ihrem lieben Auge blitzte. Noch in derselben Stunde war ich bei der lateinischen Grammatik. »Der Vokativ von us hat e, als here, coque, domine« und ähnliche Meisterstücke der Verskunst auswendig lernend, lief ich tagelang im Zimmer auf und ab. Als ich nach drei Monaten die lateinische Grammatik gänzlich und die griechische bis zur Syntax wiederholt hatte, teilte ich einem ehemaligen Gymnasialkollegen, der nach mathematischen Studien die Stellung eines gräflichen Erziehers bekleidete, mein Vorhaben mit. Nach einer kurzen Prüfung erklärte er sich bereit, mich zu unterrichten. Außerdem genoß ich den Unterricht eines alten Philologen, der als einstiger Achtundvierziger keine staatliche Anstellung mehr bekommen konnte. Da ihm im Siechenhause die nötige Ruhe zur Pflege der Alten fehlte, konnte man ihn auf allen freien Plätzen, in allen Gärten finden, wo er mit besonderer Vorliebe den Antisthenes las. Im Studium dieses Philosophen fand der hochveranlagte Mann die Kraft, sein klägliches Dasein mit Würde zu tragen. Diese Lebensweise zeitigte jedoch auch viele Schrullen und Eigenheiten. Als wir eines Tages in früher Morgenstunde Cicero lasen und ich mich über die große Kälte im Zimmer beklagte, sprang er, das Buch heftig zuschlagend, auf und rannte zur Tür hinaus. Mit einem Menschen, dem beim Lesen des Cicero kalt wird, wolle er nichts zu tun haben. Es fehlte ihm nicht an Einsicht, sich bald wieder mit mir zu versöhnen. In neun Monaten war ich im Lateinischen bis zu Cicero, Livius, Ovid, im Griechischen bis zu Herodot und Homer vorgeschritten. In der Mathematik wollte es nicht so rasch vorwärtsgehen. »Aus dir wird kein Leibnitz.« sagte spöttisch mein alter Kollege. Als ich ihm aber zeigte, wie ich a priori zum gründlichen Verständnisse der vier Spezies und der Brüche gelangte, sagte er: »Das waren köstliche Stunden. Du weißt selbst nicht, was du geleistet hast.« Auch in der Geometrie quälte ich mich mit manchem Lehrsatz stundenlang ab. Es ist offenbar ein unsicheres Tasten nach dem Seinsgrund gewesen, da mich der logische Erkenntnisgrund nicht befriedigen konnte.

Um zum Abiturientenexamen zugelassen zu werden, mußte ich vorher über die von diesem ausgeschlossenen Gegenstände, philosophische Propädeutik, Religion und Naturgeschichte Prüfung ablegen, der ich mich in einer Nahegelegenen kleinen Stadt mit gutem Erfolge unterzog. Als ich nach Hause kam, lag Tante Betty vor Aufregung krank im Bette. Sich hoch aufrichtend vor Freude, drückte sie mir schnell zwei Silbergulden in die Hand. »Geh und zerstreue dich, Ernstl,« sprach sie, indem sie mich küßte, »du bist sehr fleißig gewesen.« O meine Heiligen, es war euch nicht beschieden, mich glücklich zu sehen, und dieser kurze Traum des Glückes sollte bald einer schrecklichen Wirklichkeit weichen. Durch diesen Erfolg, der in meinem Onkel wieder den Glauben an den Ernst meines Strebens befestigte, da er den Grund des Mißerfolges bei der Bühne ebensowenig kannte, wie alle übrigen, wurde das alte Verhältnis zwischen mir und ihm wiederhergestellt. Er gab mir einen hervorragenden Abiturienten als Korrepetitor. Dieser mußte, weil mein Onkel in einer anderen Stadt als Universitätsprofessor wohnte, von dessen Freunde, dem Schulinspektor A.... das Unterrichtsgeld einholen und ihm zugleich über meine Fortschritte Bericht erstatten. Der Direktor des Gymnasiums jener erwähnten kleinen Stadt, in der ich mich später auch der Abiturientenprüfung unterzog, war vormals am Benediktinergymnasium meiner Vaterstadt als weltlicher Lehrer angestellt, wo ich sein Schüler war und er mich als großen Galgenstrick kennen lernte. Weit entfernt, mir meine Knabenstreiche anzurechnen, brachte er mir nicht nur das größte Wohlwollen entgegen: er war obendrein bemüht, mir auch die Neigung der Professoren zu gewinnen.

In Gesellschaft eines zweiten Externen reiste ich zur schriftlichen Prüfung. Mit den jugendlichen Abiturienten zusammentreffend, fühlte ich mich als echter Primaner, während es für diese einen besonderen Reiz hatte, mit dem sechsundzwanzigjährigen, erfahrenen Manne zu verkehren, ihn in banger Ungewißheit im eifrigen Verfolgen eines Zieles sehend, dessen Erreichen ihrerseits mit wenigen Ausnahmen außer Frage gestellt war. Nachdem ich über ein Jahr ein Gasthaus kaum zu sehen bekommen, besuchte ich mit ihnen mehrere Kneipen und ließ mich verleiten, in einer derselben klassische Gedichte vorzutragen. Ich konnte keine Sünde gegen den heiligen Geist des Gymnasiums darin erblicken, da auch während der Schulstunden solche Gedichte vorgetragen werden,– es schien mir mit der Abiturientenwürde nicht weniger vereinbar als der Gesang: »In die Kneipen laufen und sein Geld versaufen usw.« Ich überlegte nur nicht, daß ich alles eher hätte daran setzen sollen, den Gedanken an den gewesenen Komödianten zu verscheuchen, als mich als solchen vorzuführen: ich dachte nicht an die gestrengen Herren Philologen, nach deren Anschauung der gescheiterte Mime es für das Bequemste hielt, ohne große Anstrengung in die scheinbar jedem Schiffbrüchigen offenstehenden Arme der alma mater zu eilen: ich fühlte nicht, daß ich schon ohnehin so manchem Selbstbewußtsein einen Stoß versetzte, indem ich das, wozu andere acht Jahre brauchen, sozusagen in einem Achtel dieser Frist erreichen wollte. Einige Professoren kamen mir während der schriftlichen Prüfung sehr menschenfreundlich entgegen. In der Erinnerung an ihr eigenes Examen konnten sie es mit den bestehenden Normen noch in Einklang bringen, mir durch ein Wort oder einen kurzen Hinweis Gelegenheit zu geben, den gerissenen Faden wieder anzuknüpfen. Andere dachten freilich anders. Während der Uebersetzungsstunden aus dem Lateinischen ins Deutsche ging eine Voßsche Uebersetzung, in der Pennälersprache »Klepper«, von Hand zu Hand. Wenn die internen Schüler diese noch recht gut gebrauchen konnten, dann ich erst recht, um so mehr, als ich mich auf besonderen Wink hauptsächlich in den Horaz und den Ovid hineingelesen hatte und mir Virgil noch ziemlich fremd geblieben war. All mein Bemühen, die Uebersetzung zu erhaschen, war vergeblich. Erst in den letzten sieben Minuten gelangte sie in meine Hände. Schon aber schwebte das Fatum furchtbar über mir. Der beste Lateiner hatte mir am vorhergegangenen Tage heimlich sein Deutsch-Latein-Pensum zugesteckt. Meine Arbeit zeigte mit der seinigen Ähnlichkeit; des Herrn Professors Späherauge war deshalb nur auf mich gerichtet. Dennoch gelang es mir, die losen Blätter in meinem Pensum zu verbergen. Unter dem scheinbar höchsten Aufwand meiner Geisteskräfte erst starr auf den Professor blickend, dann rasch die Uebersetzung mit halbem Auge überfliegend, schrieb ich die mir noch fehlenden Verse plötzlich mit größtem Eifer nieder, als ob ich eben auf des Pudels Kern gekommen wäre. Schon war die letzte Frist verstrichen. Der Professor stand vor mir, energisch meine Arbeit fordernd. Allmächtiger! Wohin nun mit dem Klepper? Schon streckte er die Hand aus, um mir jene zu entreißen, als der Klepper mit einem Ruck in meiner Hosentasche verschwand. Er war nicht mehr herauszutreiben! Wutentbrannt stürzte der Professor ins Direktionszimmer, aus dem ich beim Verlassen des Schulgebäudes eine sehr erregte Auseinandersetzung vernahm. Durch das Drängen dieses Herrn sah sich der Direktor gezwungen, meinen Schwindel der Schulbehörde anzuzeigen. Meine schriftlichen Arbeiten wurden für ungültig erklärt. Mir standen aber drei hochgesinnte Männer zur Seite: mein Onkel, dessen Freund, der Schulinspektor A... und der Gymnasialdirektor. Wohl nur deren vereinten Bemühungen ist es gelungen, mir die Erlaubnis zu einer zweiten schriftlichen Prüfung zu erwirken, die ich allein, d. h. nicht im Beisein anderer Abiturienten ablegte. Ich bekam im Griechischen Herodot und im Lateinischen ein Kapitel aus Tacitus »Annalen«. Der besagte Philologe saß mir fortwährend gegenüber. Als ich ihn herzlich bat mir zwei Worte zu übertragen, sagte er nur kurz und schneidend: »Ich darf nicht.« Die fehlende Bedeutung von zwei Worten also gibt einen Maßstab zur Beurteilung der Reife? Ein testimonium immaturitatis für die bestehenden Normen! Wenn Externisten überhaupt zur Prüfung zugelassen werden, so dürften mit Berücksichtigung ihrer größtenteils nur autodidaktischen Bildung derartige Lücken nicht in Betracht kommen. Es wäre nur ein geringes Aequivalent für den ihnen entgehenden Vorteil der Internen, die während des letzten Semesters fortwährend Aufgaben bekommen, die mit den für das Examen in Aussicht genommenen Ähnlichkeit haben, wodurch sie eine ganz spezielle Vorbereitung genießen.

Am Tage der mündlichen Prüfung sah ich zum erstenmal den neuen Inspektor B ..., dem der Ruf unerbittlicher Strenge voranging. Sein Aussehen strafte dieses Gerücht nicht Lügen. Die Prüfung wurde mit Mathematik begonnen. Bald gab er dem andern Externisten und mir einen Wink, an die Tafel zu treten. Ich ließ jenem gerne den Vortritt. Nach kaum fünf Minuten war sein Schicksal besiegelt. Nun kam ich an die Reihe. Ich erhob mich mit der Bitte, noch einige Zeit als Zuhörer verweilen zu dürfen, um die Art der Fragestellung kennen zu lernen, was mir auch gewährt wurde. Als aber bald darauf auch ein interner Schüler wie ein unreifer Apfel beiseite flog, war mein Mut gebrochen. Ich konnte mir nicht verhehlen, daß ich mich zu früh gemeldet: ich war bald mit mir einig, daß ein tüchtiger Grund gelegt werden müsse und – da es mir in erster Linie nur um das Wissen an sich zu tun war – es auch einerlei sei, ob ich es vor oder nach abgelegter Prüfung ergänze. Ich erhob mich noch einmal mit der Erklärung, auf ein Jahr zurücktreten zu wollen.

Als ich bei den Tanten ankam, sagten die Guten: »Wir haben uns wohl gedacht, daß es zu früh war, wir wollten bloß nichts sagen. Laß dir nur Zeit, studiere ruhig noch ein Jahr!«

Einst im Besitze von zwei Häusern, Garten und Grundstücken, brachte sie der unbesiegbare Drang, mit stets vollen Händen zu geben und immer wieder zu geben, an alle anderen eher als an sich selbst zu denken, mit eiserner Notwendigkeit dem Elende näher. Das zweite Haus war längst verkauft, und ihre höchst bedenkliche Lage, die sie mir vergebens zu verbergen suchten, war mir schon lange ein stummer Vorwurf. Wieder von einem starken Wollen erfüllt, wußte ich die mich bestürmenden Motive, ihnen nicht länger zur Last zu fallen, unter einem Berg von Gegenmotiven zu begraben. Ihre Anteilnahme an meinen Fortschritten, der Ausdruck ihrer innigen Freude, mit der sie die Aussicht auf meine Zukunft erfüllte, die Notwendigkeit der Fortsetzung meiner Studien, um die bereits gebrachten Opfer nicht fruchtlos zu machen, verscheuchten mit dem phantastischen Gedanken, ihnen einst alles vergelten zu können, meine Bedenken. Ich mußte die betretene Bahn behaupten. Ein Aufgeben meines Vorhabens hätte sie unglücklicher als mich selbst gemacht. Nur der Erfolg konnte den Ausgleich bringen. Hatte mein Korrepetitor, der mein Wissen an seinem eigenen und dem seiner Mitschüler messen konnte, doch schon in diesem Jahre an einem guten Ausgang kaum gezweifelt.

Während des Sommers traf ich in einer Badeanstalt den Gymnasialprofessor Steiner, der mir zu Beginn der theatralischen Laufbahn als warmer Fürsprecher zur Seite gestanden. Ich enthüllte ihm mein Inneres. Wie einst die Kunst, so hatte ich jetzt nur das reine Wissen im Auge. Ich erzählte ihm von den Irrfahrten des Kleppers, wie er in meiner Hosentasche landete, von dem darüber erhobenen Wehgeschrei des Homeriden und der mich quälenden Befürchtung, daß die Erinnerung daran auch jetzt noch sein Gemüt nicht ruhen lassen werde. Er versprach mir, ihm, den er aus früheren Jahren sehr gut kenne, zu schreiben und ihn über meine Person und Absichten genau unterrichten zu wollen.

Aus irgendeinem Grunde, der mir nicht mehr erinnerlich ist, stellten sich der Ablegung der Prüfung neue Schwierigkeiten entgegen. Ich besuchte deshalb den eben in meiner Vaterstadt weilenden Inspektor B ..., unter dessen Vorsitz ich im vergangenen Jahre zurückgetreten war. Als ich ihm mein Anliegen wohl nicht in gehöriger Ruhe unterbreitete, sagte er mit abwehrender Handbewegung: »Nur keine Komödie!« Das reizte mich, weshalb ich, als er wieder von den bestehenden Normen sprach, kurz erklärte, mich nötigenfalls an Seine Majestät wenden zu wollen. »Wegen einer solchen Kleinigkeit wollen Sie Seine Majestät belästigen!« entgegnete er. Kleinigkeit? fragte ich mich: für wen ist es eine Kleinigkeit? Es hängt doch meine Zukunft davon ab. Ich verfolgte den Sinn dieses Ausspruches, der mir eine sehr geringe Meinung von der Logik des Herrn Inspektors beibrachte, nach jeder Richtung und fand schließlich auch, daß ihm angesichts meiner Lage eine gewisse dramatische Wirkung nicht abzusprechen sei. Durch die sich stets steigernde Notlage meiner Tanten, die nicht ohne Einfluß auf mein Gemüt bleiben konnte, gewann er immer mehr an Bedeutung und gab mir endlich den Impuls zum Entwurf eines Trauerspieles. Ich machte mich und die Tanten, letztere in Gestalt einer alten Großmutter, zu Trägern des Stückes, während ich den Inspektor gemäß der Apprehension meines sehr deprimierten Gemütes in einem wenig schmeichelhaften Bilde darzustellen versuchte. Diesen Entwurf übergab ich dem mir sehr wohl gesinnten Professor der deutschen Sprache und philosophischen Propädeutik. Ob dieser ihn im Vertrauen auf die Hochherzigkeit des Herrn Inspektors meinen Abiturientenarbeiten beilegte, kann ich nicht sagen: ich weiß nur, daß ich ihn erst am Tage vor der mündlichen Prüfung zurückerhalten habe.

Unter Hoffnungen, unermüdlichem Fleiße und dem so oft verscheuchten, doch immer wieder auftauchenden Gedanken an die Möglichkeit eines Mißlingens und die sich daraus ergebenden trostlosen Folgen war auch das zweite Jahr schon fast verstrichen.

Nachdem es mir mit Hilfe eines Bekannten möglich geworden, ein paar Wochen den Unterrichtsstunden in der Prima beizuwohnen und ich bereits mein drittes schriftliches Examen abgelegt, das diesmal glatt verlief, rückte allmählich der Tag der mündlichen Prüfung heran. Nur mit großer Mühe konnten mir die Tanten noch knapp das Reisegeld auftreiben.

Nach vorhergegangener Prüfung der internen Schüler wurde für mich allein am nächsten Tage eine Prüfungszeit von 8–12 vormittags und von 3–5 nachmittags festgesetzt. Alle Professoren kamen mir mit Wohlwollen entgegen, besonders aber jener mir so verhängnisvoll gewordene Philologe, der sich nun ersichtlich freute, mir in der griechischen Sprache eine genügende Zensur erteilen zu können. Ich habe bald herausgefühlt, daß einige Examinatoren dem Inspektor gegenüber eine gewissermaßen selbständige Stellung einnahmen, während die übrigen mehr oder minder unter seinem Einflusse standen und dem Grundsatz huldigten, sich bei jeder Frage erst seines Beifalls zu versichern. Ein junger Kandidat, der im letzten Semester zur Aushilfe als Lehrer der Mathematik und Physik eintreten mußte, wagte es überhaupt kaum, eine Frage zu stellen, sondern hing mit Aug und Ohr nur am Inspektor. Ich möchte nun behaupten, daß das Vorgehen des so oft genannten Philologen auf natürlicher Gerechtigkeitsliebe beruhte und nur seine völlig gegründete Ansicht, daß nicht jeder hergelaufene Schiffbrüchige berufen sei, als letzten Rettungsanker noch schnell irgendeine Fakultät zu ergreifen, ihn zu übertriebener Strenge mir gegenüber verleitete. Nachdem er sich vom Ernst meines Strebens überzeugt, als er sah, wen er vor sich habe, zögerte er nicht, seine rektifizierte Meinung entsprechend auszudrücken. Es entging mir nicht, welche Anstrengung es ihn kostete, angesichts inthronisierter Normen Wohlwollen mit Gerechtigkeit zu verbinden, mit welch peinlicher Sorgfalt er den Grenzpunkt zu fixieren wußte, um ersterem keinen Eintritt in das Gebiet der letzteren zu gestatten: wie die durch diesen inneren Vorgang bedingte Anspannung seiner Kräfte zuletzt einem befreienden Aufatmen wich.

Von allen Seiten also das Bestreben fühlend, mir nach Kräften beizustehen, fühlte ich auch die Bemühung des Inspektors, jeden Erfolg nach Kräften abzuschwächen. Nachdem ich z.B. einen physikalischen Lehrsatz bewiesen, sagte er: das war es eigentlich nicht, um was wir fragten. Wozu dann erst die lange Beweisführung? Eine ungenügende Antwort hätte er ins Gewicht fallen lassen, während er die genügende nicht anerkennen wollte. Die erste Frage in der Mathematik bezog sich auf eine ganz kleine unscheinbare Anmerkung im Lehrbuche, deren notwendige Aneignung sich mir nie bemerkbar machte. Es war dies der einzige von mir übergangene Punkt, den ich noch heute, wenn mir das Buch zu Händen käme, sofort herausfinden würde. Aus seiner ganzen Stellungnahme fühlte ich fortwährend heraus, daß er das Vorurteil gegen den gewesenen Komödianten nicht überwinden könne. Auch stand mir, wie schon erwähnt, Schulinspektor A ..., der an demselben Gymnasium schon dieselbe Stellung eingenommen, als Protektor zur Seite. Von ihm wurden die Prüfungsgelder an die Direktion eingesandt, im Auftrage meines Onkels, der als einstiger Gymnasialprofessor und dann berühmter Botaniker die Hochachtung und Verehrung aller Professoren genoß. Der Herr Inspektor konnte also annehmen, daß die Protektion so bedeutender Schulmänner nicht ohne Einfluß auf die Prüfenden bleiben werde. Das konnte diesem Alba nicht behagen. Was für mich zu sprechen schien, hat nur gegen mich gesprochen. War ihm schon der Komödiant an sich zuwider: ein mir bezeigtes Wohlwollen konnte seine Abneigung nur verschärfen. Dennoch verstand er es, dem Ausdruck dieser ihn bestimmenden Gefühle das Ansehen der Gerechtigkeit zu geben. Und diese wäre für mich hinreichend gewesen. Auf den einstigen Komödianten blieb die Komödie ohne Eindruck. Nur allzudeutlich sprach zu mir sein ganzes Wesen: Und wenn dir Gott selber beisteht, hier bin ich Herr!

Es schlug zwölf. Um drei Uhr Fortsetzung der Prüfung. Ich hatte nur fünf Kreuzer in der Tasche, wofür ich in einem entlegenen Gasthause eine Suppe aß. Im Kaffeehause, wo der Marqueur mir einen Kaffee kreditierte, traf ich den interimistischen Direktor, der mir vielversprechend zunickte und mich im Gefühle bestärkte, daß ich die Prüfung in Mathematik, Latein, Griechisch und Deutsch bestanden habe. Der früher mir so wohl gesinnte Direktor wurde plötzlich in ein böhmisches Nest versetzt. Es war eine der ersten Taten des neuen Inspektors, ihn aus seinem Bezirke zu entfernen.

Um fünf Uhr fand ich im Vorraum des Gymnasiums fast die ganze Abiturientenschar, voll Spannung dem Ausgange der Prüfung des Externisten entgegensehend. Ich sprach die Vermutung aus, daß man mich in Geographie und Geschichte auf zwei Monate reprobieren werde. Endlich trat der Lateinprofessor heraus. Ich stürzte auf ihn zu und fragte: »Auf wie lange?« Nachdenklich, zögernd, scheinbar den Gang der Prüfung im Geiste noch einmal überfliegend und dem Ergebnis die Zustimmung versagend, sprach er halblaut die Worte: »Auf ein Jahr!« In meinem Innern klang es nach: Auf lebenslänglich!

Während sich die Abiturienten mit mehr oder minder gehobenem Selbstbewußtsein entfernten, wartete ich auf den Inspektor. Ich bat ihn, die Frist auf ein halbes Jahr herabzusetzen, da die Vermögenslage meiner Tanten es mir unmöglich machen würde, ein ganzes Jahr zu überstehen. Er sagte weder ja noch nein. Und doch gab es nur eine Antwort: Das Zeugnis war unterschrieben und eine Annihilation desselben gänzlich ausgeschlossen. Ich begleitete ihn unter allerlei Vorstellungen ins Hotel, in das er mit den Worten: »Gleichungen können Sie sehr schön lösen, o ja, das können Sie,« verschwand. Sollte das vielleicht ein Trost sein? Nein, es war Hohn! Das fühlte ich: ich las die Schadenfreude aus seinen Zügen. Da stand ich nun. Wohin? Zu meinen Tanten? Was soll ich ihnen sagen? Ich fürchtete, daß diese Nachricht ihnen den Tod bringen würde. Unschlüssig ging ich lange auf dem Platze auf und ab. Alle Einzelheiten stiegen vor mir auf, immer stärker tobte das Gefühl des erlittenen Unrechts.

Da erblickte ich im Vorbeigehen an einem Tische des Kaffeehauses den Inspektor. Ich trat an ihn heran, meine Bitte wiederholend. »Nach Jahresfrist,« gab er nun sehr bestimmt zur Antwort. Vorbei also – alles vorbei! Das ganze Elend meiner Tanten und mein eigenes standen in diesem Augenblicke als unabwendbar vor mir; mein Haß gegen den Urheber desselben kannte keine Grenzen mehr, und voll brennender Begierde, ihm meine Gefühle mit dem treffendsten Ausdruck ins Gesicht zu schleudern, brüllte ich ihm zu: »Du Hund!«

Nachdem ich mir von einem Bekannten einige Gulden geborgt, verweilte ich noch am Orte, unfähig, zu einem Entschlusse zu gelangen. Am nächsten Tage begegnete ich dem Inspektor. Als er mich sah, erblaßte er. Es ist ein hundsföttisches Gefühl, einen Tyrannen erbleichen zu sehen. Armer Mann, ich kann dir nur sagen, daß dir der Gedanke an die Tanten eine sichere Schutzmauer war.

Niemand konnte über meine Kenntnisse ein so klares Urteil haben, als jener mir von meinem Onkel gegebene Korrepetitor. An ihn will ich die Frage richten, ob man auf Grund meines Wissens recht gehandelt hat, mir meine Zukunft gänzlich zu vernichten.

Bald erhielt ich von meinen Tanten einen Brief: »Komm nur, Ernstl, komm nur, wir können uns schon alles denken.« Der schmerzliche Gedanke an einen Mißerfolg war der schmerzlicheren Befürchtung, ich würde ihn nicht überleben, gewichen. Als sie mich nur wieder bei sich sahen, war ja auch alles wieder gut.

Aber was beginnen? So konnte es nicht weitergehen; ich mußte mir etwas verdienen. Ich schrieb einen Zeitungsartikel, der aufgenommen wurde, für den ich aber kein Honorar erhielt. Dadurch war mir der Mut geschwunden. Ich war leider noch so töricht, die Bezahlung nicht zu fordern. Also was? Ha, mein Trauerspiel! In meinem Trauerspiel sah ich unsere einzige Rettung. Und mein festes Vertrauen auf diesen Rettungsanker wußte ich auch den Tanten einzuflößen. Das war kein Meisterstück. An alle Himmelsmächte glaubten sie nicht stärker als an mich: sie hätten Schmach und Tod erduldet für mich: sie gaben das Letzte hin für mich; sie bettelten für mich: ich nahm es an, damit ich dichten konnte. Diese große Torheit gebar die noch größere Schuld. Wenn mir doch manchmal Zweifel aufstiegen, wenn ich die Armen, hilflos, mit fragenden Blicken, ob es auch gelingen werde, nicht etwa ihretwegen, sondern meiner Zukunft wegen, wie wandelnde Schatten im Hause umherschleichen sah, trieb die Verzweiflung mich aus ihrer Nähe. Meine Freunde kannten meine Lage und glaubten, daß sie etwas Gutes stiften, wenn sie es mir möglich machten, mein Leid auf einige Stunden zu vergessen. Aber dann, des Nachts, wenn ich an das Fenster meiner Tanten klopfte, damit sie mir das Haustor öffnen, wenn manchmal noch das Licht vor dem Kruzifix brannte, und die Achtzigjährige sich erhob, bleich, zitternd, einer Erscheinung aus dem Jenseits ähnlich – – – –!

Ich schlug die Krallen in mein eigenes Fleisch, um sie vor Schmerz und Reue mir immer tiefer ins Herz zu bohren. Die großen Leiden, die mir das Schicksal später auferlegte, nahm ich mit innigster Genugtuung entgegen und lechzte oft nur nach noch größeren. Ich hatte manchmal das Gefühl, als ob die ewige Gerechtigkeit hier ihren großen Treffer machte und von der Größe meiner Schuld geblendet nur schnell in Raum und Zeit noch auszugleichen suchte, was für die Ewigkeit bestimmt war.

In jener kleinen Stadt, in der sich mein Abiturientendrama abgespielt, wurde auch bald darauf mein Trauerspiel aufgeführt. Es hieß, »Der Komödiant«, und ich spielte den Komödianten. Die Schauspieler nahmen den materiellen Erfolg für sich in Anspruch und fertigten mich mit einer Kleinigkeit ab. Aber ich hatte mein Trauerspiel, ich war gesund und im Besitze so viel positiven Wissens, um auf diesem Grunde weiter bauen und meine Studien allein vollenden zu können. Auch beim Theater kann es mir jetzt nicht mehr fehlen, ganz gewiß nicht. Nun muß es mir gelingen. Meine Feinde sollen nicht triumphieren; sie sollen sehen, daß ich die Kraft besitze, alle Hindernisse, die man mir in den Weg gelegt, hinwegzuräumen. Also fort! Bald werde ich in der Lage sein, den Tanten alles zu vergelten und ihre letzten Tage zu verschönen. Als ich ihnen mein Vorhaben mitteilte, sprachen sie, während ihnen fast das Herz brach: »Tu, was du willst, uns ist alles recht, wenn es nur zu deinem Besten ist.« Mein ehemaliger Chef, unter dem ich als Apotheker meine Lehrzeit vollendet, besorgte mir als Vizebürgermeister aus der Stadtkasse die nötigen Mittel, um abreisen zu können, Beim Abschiede erlaubten mir die Tanten, von ihrem heiligen Haupte noch einige Haare abzuschneiden. An das Haustor gelehnt, blickten sie mir nach, bis ich um die Ecke verschwand. Wir ahnten nicht, daß wir uns nie mehr wiedersehen sollten.

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