Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ernst Clefeld >

Der philosophierende Vagabund

Ernst Clefeld: Der philosophierende Vagabund - Kapitel 5
Quellenangabe
typeautobio
authorErnst Clefeld
titleDer philosophierende Vagabund
publisherVerlag von Robert Lutz
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071111
projectid35f109eb
Schließen

Navigation:

Meine erste Schauspielerperiode.

1872-1878.

In der Wiener Theaterakademie. – Professoren und Kollegen. – Die üblichen Hindernisse. – Mein erstes Auftreten. – Auf der Schmiere. – Ein Debüt in der Heimat. – Das Gespenst. – Die fixe Idee. – Abgang vom Theater.

Mein Entschluß, mich der Bühne zu widmen, stand unerschütterlich fest. War derselbe in erster Linie auch nur das Resultat negativer Bestimmungsgründe, des verfehlten Berufes und des Mangels an positivem Wissen, das mich gewiß auf eine andere Bahn geleitet hätte, so trieb mich doch auch ein gewisser Instinkt, eine qualitas occulta, die sich infolge meines Fleißes gar bald offenbaren sollte.

Nicht also eine törichte, aussichtslos beharrende Leidenschaft zu der oben erwähnten Schauspielerin trieb mich zur Bühne. Der mächtige Eindruck des durch ihre imposante Erscheinung unterstützten Talentes gab nur den ersten Anstoß zur Aeußerung der vorhandenen Neigung, die sonst unter anderen Umständen über kurz oder lang doch hervorgetreten wäre.

Sofort nach meiner Ankunft in Wien meldete ich mich in der Kierschnerischen Theater-Akademie. Ich wurde nach einer kurzen Prüfung aufgenommen und zahlte für einen Monat das Unterrichtshonorar in der Höhe von fünfzehn Gulden.

Als ich eintrat, wurden unter Leitung von Alexander Strakosch »Der Blumen Rache« von Freiligrath und »Des Feuers Macht« aus Schillers Glocke vorgetragen.

Ein Gefühl unsagbarer Angst kämpfte mit der festesten Zuversicht. Obgleich das Herz zum Zerspringen pochte, drängte es mich, losgelassen zu werden, in der Erwartung, alle anderen zu übertreffen und sprachlos zu machen vor Erstaunen und Bewunderung meines Talentes. Ich trug »Des Feuers Macht« vor. Ein fortwährendes Gekicher und endlich laut hervorbrechendes Gelächter aller Anwesenden begleitete meinen Vortrag. Wie ins tiefste Herz getroffen, brach ich ihn plötzlich ab. »Völlig talentlos,« lautete das Urteil des Meisters. »Sie haben auch einen furchtbaren Dialekt, den Sie nie los werden können. Kehren Sie nur in die bürgerliche Sphäre zurück!« Ja, mein Gott, sagte ich mir, von dort schickt man mich ja eben hieher. Ist denn nirgends ein Plätzchen für mich?

Diese furchtbare Enttäuschung konnte den Glauben an meine Fähigkeiten nicht erschüttern: sie wurde mir nur zum Sporn meines durch die Lust zu diesem Berufe ohnehin schon bedingten Fleißes. Ich nahm mir für meine Sprachübungen einen sehr befähigten Schüler, Leopold Adler, zu Hilfe, der mich hauptsächlich auf meinen Dialekt aufmerksam machen sollte. Nach zwei Wochen meldete ich mich bei Eduard Kierschner zum Vortrage desselben Gedichtes. Kein Lachen mehr, keine Verhöhnung! »Es ist erstaunlich,« sagte dieser, »was Sie in so kurzer Zeit geleistet haben. Wie Sie das gemacht haben, weiß ich nicht: jedenfalls werden Sie bald ein guter Sprecher sein.«

Diese Aufmunterung war für mich bestimmend, den gewählten Beruf festzuhalten und alle Hindernisse zu überwinden. Diese stellten sich mir begreiflicherweise von seiten meiner Angehörigen entgegen. Man bot alles auf, um mich von meinem Entschlusse abzubringen und verlangte schließlich, daß ich erst das Magisterium der Pharmazie ablegen möge. Man zeige nur einem jungen Manne ein heißersehntes Ziel und lasse ihn die Bedingung zu dessen Verfolgung auf einem so großen Umwege in einem vorderhand anderen Ziele suchen. Fruchtloses Beginnen! Als alle Bitten, Drohungen und Vorstellungen der mit diesem Berufe verknüpften Gefahren erfolglos waren, versuchte man, mich durch Not zur Umkehr zu zwingen. Ich blieb standhaft. Als schon das letzte Hemd im Leihhause war und ich schon mehrere Tage nur mehr von Brot gelebt hatte, klopfte es eines Morgens und herein trat Gymnasialprofessor Steiner, mir als rettender Engel von meinem Onkel, dem Bruder meiner Mutter, geschickt, um sich über mich und meine Verhältnisse in jeder Hinsicht zu informieren. Das bot keine Schwierigkeiten. Ich führte ihn zu meinem Schranke. Und als der edle Mann, der mir auch noch in späteren Jahren sein Wohlwollen bewies, den mich für meinen Beruf erfüllenden heiligen Eifer sah, zögerte er nicht, mir durch einen entsprechenden Bericht an meinen Onkel, der fortan auch mein Vormund war, die Wege zu ebnen. Außer dem allgemeinen Unterrichte wurde mir in der Person des Wiener Hofburgschauspielers Franz Kierschner ein Privatlehrer gegeben, der sich über mein Talent und meine Fortschritte äußerst lobend aussprach.

An der von dem Hofburgschauspieler Eduard Kierschner geleiteten Akademie waren außer Alexander Strakosch noch die Hofburgschauspieler Doktor August Förster, Franz Kierschner und Leo Friedrich als Lehrer angestellt. Als Schüler und Schülerinnen, die später eine größere oder kleinere Karriere machten, sind zu nennen: Katharina Schratt, Horvath, Neuffer, Meixner. Maria Barkany hatte eben die Akademie verlassen. Mit Karl Bassen, der später am Burgtheater als Kosinsky und in anderen Rollen auf Engagement debütierte, jedoch nicht durchdringen konnte, habe ich eine Zeitlang zusammen gewohnt. Stets phantasierte er, daß er einmal der einzige Ersatz für Krastel werden könnte. Später wanderte er von Schmiere zu Schmiere und ist, nachdem er sich gänzlich dem Trunke ergeben, als Portier in Wien gestorben. Dieser befähigte Mensch! Und gerade uns beide hatte der Zufall zusammengeführt, als hätte er zur größeren Bequemlichkeit gleich in ein Fach gelegt, was dem traurigsten Verhängnisse bestimmt war.

Vor der Akademie stolzierten die zukünftigen Sonnenthals, Krastels, Hartmanns, Lewinskys und Baumeisters auf und ab: an ihrer Seite die Wolters, Gabillons und Burskas. Die Herren fast durchgängig im Sonnenthal-Zylinder, die Damen in der Wolter-Toilette.

Als ich einmal allein vor der Türe stand, trat ein kleiner, junger Mann an mich heran, der mir seine Absicht, sich der Bühne zu widmen, aussprach, mich nach den Aufnahmebedingungen befragte und sich mir als Heinrich Conried vorstellte. Wer damals, als wir beide voll Hoffnungen, befähigt und von glühendem Ehrgeiz erfüllt, so nebeneinanderstanden, ein Auge hätte in die Zukunft blicken können! Sein Weg führte ihn hinauf zur höchsten Spitze äußeren Glanzes, meiner mich hinab ins – – – !

Unter Franz Kierschners Leitung betrat ich als Gremio in der Bezähmten Widerspenstigen zum erstenmal die Bühne. Am Tage der Vorstellung befand ich mich in begreiflicher Aufregung, die einen eigentümlichen lokalisierten Reiz hervorrief, an den ich fortwährend denken mußte. Als ich ins Theater ging, hatte ich keinen freien Kopf und wurde mir endlich schmerzlich bewußt, daß infolgedessen meine Leistung etwas hinter meinem Können zurückblieb. In der darauffolgenden Zeit fühlte ich mich wieder gesund und dachte nicht mehr an den Vorfall, bis zum Tage meines zweiten Auftretens. Mit der Aufregung kam dieselbe unbehagliche Empfindung wieder, keineswegs schmerzhaft, kaum bemerkbar, aber sie war da und zwang mich, fortwährend an sie zu denken. Schließlich machte ich mir Vorwürfe. Ich schrieb diesen Zustand meiner Einbildung und natürlichen Aufregung zu, unter der jeder Anfänger zu leiden hätte.

Nach einem halben Jahre verließ ich die Akademie und fand mein erstes Engagement am Sommertheater in Prag. Da hier nur Possen und Operetten gegeben wurden, fühlte ich mich nicht in meinem Element. Ich wurde in den kleinsten Rollen beschäftigt. Meine ursprüngliche Aufregung stand hier in gleichem Verhältnisse zur fehlenden Begeisterung, ich war frei von jener peinlichen Empfindung, was mich mit froher Hoffnung erfüllte und in mir den Glauben an eine nur eingebildete Krankheit befestigte. Ein alter Schauspieler gab mir den Rat, ein kleines Engagement anzunehmen, da ich mir nur in einem solchen die nötige Routine erwerben könnte. Er schrieb an den ihm bekannten Direktor A. H.... in Ungarn, der mich mit einer nach einem vierzehntägigen Probespiel eintretenden Monatsgage von fünfzehn Gulden engagierte. Eines Tages erhielten meine Angehörigen zu ihrem Entsetzen einen Brief von mir aus einem ungarischen Nest. Ich war auf der Schmiere.

Bei meiner Ankunft erblickte ich auf dem Bahnhofe einen jungen Mann mit glatt rasiertem Gesichte. Nach der neuesten Mode trug er ein rotes Sammetjakett, taubengraue Hosen und Zylinder. Wir erkannten uns sofort als Mimen. Da der Direktor mit Gesellschaft erst in einigen Tagen eintreffen sollte, schloß ich mich ihm gerne an und ging auf seinen Vorschlag ein, uns eine gemeinschaftliche Wohnung zu mieten. Trieb doch auch ihn, wie er mir sagte, nur eine wahre Neigung zur Bühne. Leider gab er mir bald nur eine unbezwingliche Neigung zu meiner Börse zu erkennen. Wenn meine Barschaft auch nicht groß war, so besaß ich doch Uhr, Kette, Ringe und einen großen Koffer voll Sachen und Kleidungsstücken. Nach kurzem Suchen fanden wir bei einem Rabbiner Unterkunft, der zwei reizende Töchter hatte. Mein Herz fing sofort Feuer. Da ich nicht wußte, welcher ich den Vorzug geben sollte, verliebte ich mich gleich in beide. Meinem Kollegen war, wie er mir sagte, das Weib ein bereits überwundener Standpunkt, worüber ich mich königlich freute, indem er mir neidlos beide überließ und bei unseren Ausflügen sogar noch die zarte Rücksicht nahm, sich oft in angemessener Entfernung zu halten, für welchen Minnedienst er freilich gleich darauf minder rücksichtsvoll meine Börse in Anspruch nahm. Was war mir das Geld in solchen Augenblicken! Während ich die eine küßte, spitzte schon die andere ihr Mündchen, und wenn hier die Dauer des Kusses die vorhergegangene überstieg, so mahnte mich auch schon ein süßer Blick der ersteren an die Verpflichtung, die ich durch diese Ausdehnung ihr gegenüber übernommen. Ein sinnlicher Gedanke ist mir gar nicht gekommen. Ich war zufrieden in dem Glauben, daß die Achtung vor der Unschuld es erfordere, jeden solchen fernzuhalten.

Die Gesellschaft kam an. »Griaß Ihna Gott.« sagte jovial der Herr Direktor, der im Hochsommer einen grauen Lodenanzug trug, dessen Hose mittels eines im Dreieck herausgerissenen Stückes den Anblick eines nackten sechzigjährigen Hintern gewährte. Wohlwollend bot mir die »Frau Direktor«, seine Geliebte, ein kleines, dickes kugelrundes Weib, die Hand zum Kusse. Ich beeilte mich, diesem Wunsche nicht ohne inneres Widerstreben zu entsprechen, worauf mir der Herr Direktor zuflüsterte: »Küssen S' ihr nur fleißig d' Hand, sie sieht's gern!« Die häßliche, schwangere LokalsängerinLokalsängerin – Soubrette. blickte neckisch verschämt beiseite, während die zigeunerhafte erste Liebhaberin an der Seite ihres Liebhabers, eines Kommis voyageur, stolz einherschritt. Von männlicher Seite ergänzten ein besoffener Komiker, der zugleich Zettelträger und Zimmermaler war, und ein »fescher« Liebhaber dieses entzückende Ensemble. »Wann was z'machen is aus Ihna,« fuhr der Direktor fort, »i wer's schon machen. Morgen spielen S' den Advokaten Schlicht in der »Blauen Donau« und am Freitag den Schulmaster in der »Deborah«. Im Gasthofe zur Krone wurde der Musentempel aufgeschlagen. Während der Probe klopfte er mir bedeutungsvoll auf die Schulter: »Aus Ihna wird was,« sprach er, »in zehn Jahren kann aus Ihna a Schauspieler wer'n, wie i aner bin.« Diese Prophezeiung konnte mein Selbstbewußtsein nicht heben, gab mir aber den Mut, ihm eine Bitte vorzutragen. »Lassen Sie mich den Franz Moor spielen,« bat ich. »Den Franz Moor wollen S' spielen? Hm, hm, no ja, warum denn nit? Wir reden schon noch drüber.« Als Schulmeister errang ich mir seine vollste Anerkennung, und als wir uns am nächsten Tage zum Mittagessen einfanden, verkündigte er feierlich, daß die Räuber aufgeführt werden. »Was? Die Räuber?« klang es von allen Seiten. »No, was sperren S' das Maul auf?« rief er gekränkt. »Bin i vielleicht nit der Mann dazua? I bin freilich ka Laube net, aber deratwegen besetz i die Räuber doch mit fünf Mann.«

Die Räuber also, und ich spiele den Franz Moor! In gehobener Stimmung durchschritt ich die schmutzigen Gassen mit ihren armseligen, halbverfallenen, unreinen, ebenerdigen Baracken und blieb endlich vor dem einzigen einstöckigen Hause, in dem der Stuhlrichter wohnte, mit stolzem Selbstbewußtsein stehen. Im Zauberscheine meiner Ideale warf es seine Strahlen wieder in mich selbst zurück. Die Gegenwart zeigte sich mir in einem verklärten Lichte und die damit verknüpfte Antizipation der Zukunft ließ mich in einer geträumten Sphäre leben. Wehe aber, wenn diese nur subjektiv bedingten Zustände fehlen! Der Zauber der Poesie ist dann geschwunden, und nur das nackte Elend tritt in die Erscheinung.

Der Theaterzettel brachte folgende Ankündigung:

»Auftreten des Herrn Ernst Clefeld in der Rolle des Franz Moor als Kopie des Wiener Hofburgschauspielers Joseph Lewinsky: Die Räuber, oder der Sturz des Hauses Moor.«

Wenn ich schon dazu bedenklich den Kopf schüttelte, so hatte der geniale Einfall des Direktors, die hochschwangere Lokalsängerin den Herrmann spielen zu lassen, auch meinen Sturz aus allen Himmeln zur Folge. Ich bot meine ganze Rednergabe auf, um ihn von diesem künstlerischen Versuche abzubringen. »Haben S' nur ka Angst.« erwiderte er. »Die is sehr talentiert, passen S' auf, wie die sich das Dings wegschminkt!« Er selbst spielte den Spiegelberg und den alten Moor. Im vierten Akte vergaß er den Umtausch der Perücken und kam als alter Moor mit roter Perücke und weißem Barte aus dem Turm. Warum sollten auch die höchst grauenhaften Erlebnisse sein Haar nicht rot gefärbt haben! Die Vergeßlichkeit des Herrn Direktors hatte jedoch einzig und allein die schlechte Einnahme zur Ursache. Den ganzen Abend ging er fluchend, schimpfend und spuckend hinter den Kulissen umher, während er mich, als den Verbrecher, der ihn zum Verbrechen der Aufführung dieses Stückes verleitet, mit wütenden Blicken bis auf die Szene hinaus verfolgte. Nach Schluß der Vorstellung kam sein Aerger zum vollendeten Ausdruck. Zu feige, sich direkt an mich zu wenden, da ich ihm durch Auftreten und Garderobe imponierte, entlud er seinen ganzen Grimm auf den betrunkenen Komiker. Dieser hatte wieder einmal seine Geliebte durchgeprügelt, was ihm den triftigen Grund gab, sich gründlich zu besaufen. Als ich ihn einmal fragte, weshalb er sie so furchtbar schlage, sagte er, daß es mit bestem Willen nicht anders ginge, sie müsse Keile kriegen, mit dem »Jackenfett« käme bei ihr erst die Liebe.

»Sie Schwein,« schrie ihm der Direktor zu, dabei fortwährend mich mit zornigen Blicken messend, »wie können's Ihna unterstehen, sich zu besaufen, ohne mi vorher zu fragen? I bin der Mann, i zahl pünktlich meine Gagen –!« »Ich spiele ja noch zur Probe,« warf ich ein. »Was,« fuhr er auf, »So junger Mensch, Sö wollen mir widersprechen? Wissen S', wer i bin? I war vier Jahre Hausstatist am Wiener Burgtheater, zu mir hat der Laube noch gesagt: Sie Esel!« Ich widersprach nicht mehr: ich fügte mich dem Urteile des Meisters.

Vor dem täglich mehr hervortretenden Antlitz der Wirklichkeit ergriffen meine Illusionen die Flucht und ließen in mir nur das heiße Verlangen zurück, ihnen schleunigst zu folgen. Auch wurde ich fortwährend bestohlen. Ich hatte Unschuldige im Verdachte, bis ich in meinem Schlafkollegen den Dieb erkannte. Er wurde später großer Schwindeleien wegen zu vierjährigem schweren Kerker verurteilt.

Also fort! Nur der Abschied von den Jüdinnen fiel mir schwer. Da ich in der Stadt noch vieles zu ordnen hatte, versprach ich ihnen, wiederzukommen. Meine Angehörigen waren von meinen Errungenschaften wenig erbaut, gaben mir aber noch einmal das Geld zur Ordnung meiner Angelegenheiten. Ich kaufte ein paar Geschenke für Judas Töchter, nahm Abschied für immer und reiste in das mir stets offenstehende Asyl: zu meinen Tanten!

Ich debütierte in meiner Vaterstadt als Wurm. Es war das erste Auftreten in einer größeren Rolle vor einem Publikum, das sich berufen fühlte, an meine Leistungen den strengsten Maßstab anzulegen, vor meinen Angehörigen selbst, denen ich jetzt zeigen sollte, daß wirklich ein hinreichendes Talent mir die Berechtigung gegeben, meinen früheren Beruf mit dem des Künstlers zu vertauschen.

Wo ich ging und stand, rezitierte ich: »Lustig, lustig! Es soll mich kitzeln, Bube!« Ein Schauer der Begeisterung durchrieselte mich: aufjauchzen hätte ich mögen vor Wonne, aber – der den Körper durchrieselnde Wonneschauer rief auch jene dumpfe Empfindung wach. Ich begegnete einem Bekannten. »Heute also werden Sie uns zeigen, was Sie leisten können. Ich bin gespannt auf Ihren Wurm.« – »Ach!« – »Was ist Ihnen?« – »Mir ist nicht wohl.« – »Ha ha. Lampenfieber! Legen Sie sich eine Stunde aufs Ohr, schlafen Sie, damit Sie bei Organ sind und ordentlich herausbrüllen können: ›Lustig. lustig!‹ Adieu!« – Lustig, Lustig! Ja, ich will schlafen und auch an nichts mehr denken, an gar nichts. Ich legte mich hin, die Nerven beruhigten sich und im Halbschlummer zog es noch einmal durch mein Hirn. Ach ja, es wird gelingen, es wird! Ich Tor! Was fehlt mir denn? Wie kann man sich nur selbst so quälen? Heute abend bin ich gesund, dann keine Angst mehr, kein Lampenfieber! Verwandte und Bekannte, alle, die an meinem Talente zweifelten, sie sollen staunen, wenn ich loslegen werde: Lustig, lustig! Es soll mich – – –! Da – wieder der Schauer, und zugleich mit ihm das Gespenst, das unheimliche, tückische Gespenst, aber nicht mehr so unsicher, so schwankend, es trat schon bestimmter an mich heran, herausfordernd zum Kampfe mein armes Hirn. Und zwei mächtige Bundesgenossen aus meinem Lager standen ihm zur Seite: Glühender Ehrgeiz und heilige Ehrfurcht vor der Kunst. Alle Möglichkeiten und Unmöglichkeiten durchzogen meine Phantasie und lockten und zerrten sie weiter und weiter in transzendente Gebiete, wo Vernunft und Verstand keine Macht mehr besitzen. Völlig abgespannt betrat ich die Bühne. Meine Klagen, daß ich krank sei, konnten keinen Glauben finden. Jeder sagte, es sei Lampenfieber. Im ersten Grade ist es auch nichts anderes gewesen. Nur die Ursache der Steigerung entzog sich dem Urteil der Aerzte und meinem eigenen. Dennoch war mein Debüt nicht erfolglos, man stimmte überein, daß ich Talent besitze.

Ich bekam Engagement bei einer sehr guten reisenden Gesellschaft, deren Direktor, Karl Schiemang, nach Maßgabe der vorhandenen Mittel echt künstlerische Zwecke verfolgte und mir sehr wohl gesinnt war. Er erkannte mein Talent, war aber schließlich, wie alle anderen, im Zweifel, auf wessen Rechnung er das nicht näher zu bestimmende Etwas, das stets meiner Leistung fehlte, setzen sollte. Den Grund anfänglich auch für Lampenfieber haltend, versuchte er alles mögliche, mich zu beruhigen, ging mit mir spazieren, lud mich zu Tische ein – das Gespenst war nicht zu bannen.

Dann kam ich an das Stadttheater nach Liegnitz zu dem bekannten Direktor Hermann Meinhardt, wo ich als Franz Moor auftrat. Der Direktor wohnte der Probe bei. Er hatte früher das Meininger Hoftheater geleitet und genoß in der Theaterwelt einen sehr vorteilhaften Ruf. Nach der ersten großen Szene trat der Komiker Karl Wexel an mich heran. »Sie gefallen dem Direktor,« sprach er. »Wissen Sie, was er eben sagte? ›Da drinnen wohnt etwas.‹« Wie es mich bei diesen Worten wieder durchrieselte! Ich wußte ja, daß ich Talent besitze, ich wußte es leider nur zu gut. Aber schon stieg der Zweifel in mir auf. schon fühlte ich wieder die Nähe des Gespenstes. Noch während der Probe trat mir der kalte Angstschweiß auf die Stirne. Zur qualvollen Furcht kam die Furcht vor der Furcht. Als ich nachmittags auf dem Sofa lag, rezitierte ich nicht mehr; verzweiflungsvoll rang ich die Hände, und aus dem tiefsten Innern quoll es hervor: »Höre mich beten, Gott Vater im Himmel!!« Als halbe Leiche wankte ich ins Theater. Ich habe gefallen.

Am nächsten Tage ging ich wieder zum Arzte. Er lachte mich aus und sagte, ich sei verrückt: ich klagte meinen Kollegen, sie lachten ebenfalls und sagten, ich sei verrückt. Alle Welt sagte, ich sei verrückt. Schließlich mußte ich es selbst glauben, und um nicht ins Tollhaus zu kommen, traute ich mich kein Wort mehr zu sagen.Durch eine gewaltige, den Willen heftig affizierende Vorstellung gerät das Gehirn auf Grund großer Sensibilität in hohe Erregung, die sich auch den mit ihm kommunizierenden Nerven mitteilt. Der sich fortpflanzende Reiz gelangt zur Nervenmasse des bereits krankhaft affizierten Organs; die dadurch geweckte Krankheit, die sich bei mir in einem eigentümlichen unangenehmen Reize äußerte, wird sofort zum Gegenstande des Nachdenkens, indem das schon heftig erregte Gehirn die Vorstellung der bevorstehenden Aufgabe mit jener durch Erregung hervorgerufenen krankhaften Empfindung auf dem Wege der Reflexion in unablässige Beziehung bringt und sich angesichts der fortschreitenden Erregung die Möglichkeit des Mißlingens dessen kombiniert, worauf sich der Wille mit allen Kräften konzentriert. Der nun aufs höchste gereizte Intellekt fixiert unaufhörlich den eigentlichen Sitz des Uebels, dessen mögliche Folgen immer mehr zum Gegenstande des Nachdenkens werden. Der auf Grund des vorhandenen Ehrgeizes, der hohen Begeisterung für die Sache auf die Vorstellung der Möglichkeit eines Mißerfolges negativ, auf die eines Erfolges heftig positiv reagierende Wille bringt das Gehirn mit dem kranken Organ in eine fortlaufende Dialektik, so daß stets dem Grade nach fortschreitende Veränderungen einerseits entsprechende Veränderungen andererseits bewirken, die infolge des innigen Zusammenhanges der Genitalien mit dem Gehirn auf der einen Seite zur höchstgradigen Neuralgie, auf der anderen zum Wahnsinn führen können. Bei einem Normalmenschen würde diese Wirkung freilich ausbleiben. Es wird mir auch kaum gelungen sein, mich jedermann verständlich zu machen.

Ich kam zu Theodor Aschs nach Magdeburg, nach Osnabrück zu Borsdorf, bei dem zugleich Max Grube engagiert war, zu Sowade nach Bernburg, wo Arndt und Hildegard Jänicke eben ihre Laufbahn begannen: Alle schüttelten die Köpfe und wußten nicht, was sie eigentlich von mir halten sollten. In Halle a. S. wurde ich an Stelle des abgegangenen Alois Wohlmuth engagiert. Ich sollte im Schauspiele »Montrose, der schwarze Markgraf« von Heinrich Laube als Cromwell auftreten. Die Weigerung Wohlmuths, diese Rolle schnell zu lernen, rief zwischen ihm und der Direktion ein Zerwürfnis hervor, dem alsbald sein Abgang folgte. Ich weigerte mich ebenfalls. Nicht aber, wie es schien, so sehr der Rolle wegen, vielmehr aus Furcht vor dem Spielen überhaupt. Es kam mir sehr gelegen, ein mir selbst glaubwürdiges Motiv zu finden, das mich davon befreien konnte.

Wenn ich in einem Engagement erst festen Fuß gefaßt hatte, ließ die Aufregung etwas nach. Ich habe an den Stadttheatern in Kiel und Liegnitz als beliebter Darsteller glänzende Rezensionen erhalten.

Als ich nach erlangter Majorennität, die in Oesterreich nach dem vollendeten 24. Lebensjahre eintritt, über einige Mittel verfügte, reiste ich in mehrere Bäder, um Heilung zu suchen. Es war vergebens. Ich halte speziell für diesen Vorgang im Organismus die Bezeichnung Wechselwirkung sehr zutreffend, obgleich zu dessen Erklärung in allgemeiner Hinsicht das Gesetz der Kausalität ausreichend ist. Schopenhauer will nämlich, die Kantsche Kategorie der Gemeinschaft verwerfend, den Begriff der Wechselwirkung aus der Philosophie gänzlich verbannen.]

Ich gewann endlich den Glauben an eine fixe Idee und versuchte alles mögliche, mich von ihr zu befreien. Ich unternahm lange Spaziergänge und mahnte mich unablässig, die durch die Lebhaftigkeit meiner Phantasie hervorgerufenen Qualen durch die Macht eines festen Entschlusses schon im Entstehen zu ersticken. Ich analysierte den Begriff der Schauspielkunst: ich suchte nach einem Merkmal, das, mir ihr Ansehen vermindernd, auch dementsprechend den Ernst meines Erstrebens modifizieren sollte, das, einem Stichwort gleich, geeignet wäre, im verhängnisvollen Augenblicke bestimmend einzusetzen. Ich hielt mir vor, gleich vielen andern, die Kunst als Broterwerb aufzufassen: ich nahm zu den spitzfindigsten Reflexionen meine Zuflucht, um meine Ehrfurcht vor ihr zu vernichten. Törichte Selbsttäuschung! Nur als Stütze meines Nebels wollte ich sie zerstören, um sie in ihrer reinen Gestalt nur noch sorgsamer in meinem Gemüte zu hegen. Die Begeisterung für die Kunst allein erfüllte mein ganzes Wesen, während das Unvermögen, ihr ungestört dienen zu können, einen einzigen großen Schmerz hervorrief, der allen anderen Gefühlen den Eintritt versperrte. Die ganze übrige Welt barg für mich weder Freuden noch Leiden mehr.

Da ich mir doch nicht verhehlen konnte, daß der Grund zu dieser fixen Idee dennoch in einem örtlichen Leiden zu suchen sei, kam ich sogar auf den ebenso närrischen wie ergötzlichen Einfall, mich kastrieren zu lassen.Abgesehen von der Lächerlichkeit dieses Einfalls gibt sich hieraus schon eine gewisse Freiheit zu erkennen, eine Verzichtleistung auf alle Sinnenlust, unter der allerdings fraglichen Voraussetzung, dadurch die Freiheit des Intellekts retten zu können. In der höchstgradigen Verneinung einerseits erblickte ich die Bedingung, das Leben andererseits auf meine Welse im höchsten Sinne bejahen zu können.

Charakteristisch ist, daß meine in der Geschlechtsliebe angestellten, mehr auf eine Heilung als den Genuß hinzielenden, mißglückten Versuche nicht in allen Fällen die Neigung des Weibes unterdrückten. Eines dieser bedauernswerten Geschöpfe schrieb mir durch zehn Jahre die glühendsten Liebesbriefe und schickte mir an jedem Geburtstag eine Handarbeit als Geschenk.

So floß mein junges Leben unter beständigen Qualen dahin.

Wenn ich bei der Probe oft alle an mich gestellten Ansprüche übertraf, so blieb die Leistung am Abend wieder hinter denselben zurück. Trotz meines unverkennbaren Talentes war ich, ohne sichtbare Fortschritte gemacht zu haben, nach Schluß der Saison derselbe, der ich bei Beginn gewesen. In klassischen Rollen konnten meine Vorzüge die durch mein Leiden hervorgerufenen Mängel noch überragen, während mir in Lustspielen meine Aufregung eine leichte, fließende Darstellung unmöglich machte. Im Bewußtsein dessen war die Aufregung in solchen Rollen nur um so größer, weshalb auch stets mein Bestreben war, in jedem Engagement zuerst in einer oft gespielten klassischen Rolle aufzutreten. Wurde mir das aus irgendeinem Grunde verweigert, so suchte ich nach einem Vorwand, um augenblicklich auszuscheiden. Der Gedanke an den Eintritt der Not erschien mir nicht so schrecklich als der einer Kündigung wegen ungenügender Leistungen. Der Versuch, mir mit Wein Mut einzuflößen, verschlimmerte nur meinen Zustand. Ich wäre zu jedem Opfer bereit gewesen, wenn ich einmal unbeeinträchtigt eine Rolle so hätte darstellen können, wie ich es auf Grund meiner Fähigkeiten vermochte. Das Urteil der Kollegen lautete: »Das wäre ein ganz anderer Schauspieler, wenn er nicht so verrückt wäre.« In meiner Verzweiflung spielte ich sogar oft den Verrückten. Ich wollte lieber für verrückt als für unfähig gelten. Nach einem zehnjährigen Leiden gelang es endlich dem Privatdozenten Doktor Rieger in Breslau, dessen Ursache, eine hochgradige Verengerung, zu entdecken. Er wählte gleich ein ziemlich starkes Bougie, das er mir unter großen Schmerzen einführte. Mir fiel ein Stein vom Kerzen. Als ich auf die Straße trat, sah ich die Welt in einem anderen Lichte. Nach der richtigen Diagnose des Wiener Arztes hatten mir der Dünkel, die Unwissenheit und Oberflächlichkeit der übrigen Aerzte mein Dasein vernichtet. Wohl befand ich mich auf dem Wege der Besserung, aber das Uebel hatte sich zu tief eingenistet. Um dem schrecklichen Gespenst für immer zu entrinnen, beschloß ich, einen anderen Beruf zu wählen und reiste in gänzlicher Ungewißheit über die Zukunft zu meinen Tanten.

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.