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Der philosophierende Vagabund

Ernst Clefeld: Der philosophierende Vagabund - Kapitel 4
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typeautobio
authorErnst Clefeld
titleDer philosophierende Vagabund
publisherVerlag von Robert Lutz
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Meine Apothekerjahre.

1867–1871.

Eintritt in die Lehre. – Heimweh. – Das Erwachen der Sinnlichkeit. – Actus primus. – Zweite Lehrstelle, – Wien. – Die homöopathischen Rezepte. – In den Amorsälen. – Gemütsdepression. – In bösem Ruf. – Dritte Lehrstelle. – Der Pedant. – Zerwürfnisse. – Rückkehr in die Heimat. – Vierte Lehrstelle. – Tirocinium. – Theaterneigung. – Erste und letzte Assistentenstelle. – Ich gehe zum Theater.

Das von meinem Vater hinterlassene Vermögen entsprach nicht den gehegten Erwartungen. Da er bei Erwägungen meines Lebensberufes auch den eines Apothekers ins Auge gefaßt hatte, brachte mich meine Mutter nach absolviertem Untergymnasium im Alter von nahezu vierzehn Jahren in eine kleine Landeshauptstadt, um mich in einer Apotheke als PraktikantLehrling. einzustellen. Außer meiner Heimat hatte ich bisher nur einige kleine Marktflecken und Dörfer zu sehen bekommen. Unermüdlich war deshalb meine Phantasie im Antizipieren der sehnsuchtsvoll erwarteten Eindrücke der neuen Stadt. Die mich im Gedanken an den Eintritt in meinen Lebensberuf durchwogenden Gefühle standen jener beim Entwurfe ihres Bildes zur Seite, so daß ich bei meiner Ankunft sehr erstaunt war. als die Menschen nicht Kopf standen und die Häuser keine Polka-Mazurka tanzten. Ich fühlte mich sehr enttäuscht. Ueberall fand ich nichts Neues. Selbst die unwesentlichen äußeren Unterschiede verloren ihren Reiz im Vergleiche mit dem mir durch die Entfernung wieder so lieb gewordenen Bilde meiner Heimat. Schon begann sich das Heimweh zu regen, und meine Mutter mußte alles aufbieten, um meine Traurigkeit einigermaßen zu bannen. Nur das Versprechen, bald auf einige Tage nach Hause fahren zu dürfen, konnte mich etwas beruhigen. Nach ihrer Abreise litt ich furchtbare Qualen: in der alten, dumpfen, dunklen Apotheke überfiel mich eine tiefe Schwermut; ich war der Verzweiflung nahe. Auch konnte mir die Tätigkeit nicht genügen, sie war nichts weniger als geeignet, mir zur Trösterin zu werden. Ich weiß nicht was, doch hatte ich ganz was anderes erwartet. Das Kräuterwiegen, Dütenkleben, gab meinem Geiste keine Nahrung. Ganz auf sich selber angewiesen, beschäftigte er sich nur mit dem, was ihm je lieb und teuer war. Sobald ich zur Besinnung kam, gab es mir einen Stich ins Herz; von Sekunde zu Sekunde wuchs meine Sehnsucht nach der Heimat.

Die Apotheke »Zur Mariahilf« wurde von den Herren L ... und R ... geleitet. Der geringe Umsatz machte einen Assistenten überflüssig; sie hielten sich nur einen alten Laboranten. Für mich sollten im ersten Jahre dreihundert, im zweiten zweihundert, im dritten hundert Gulden Kostgeld gezahlt werden.

Diese Apotheke erfreute sich keines guten Rufes. Der Vorgänger hatte sie heruntergebracht. Schon seit geraumer Zeit rang mein erster Chef vergebens, sich das Vertrauen des Publikums wieder zu gewinnen. Das ist gerade auf diesem Gebiete die schwierigste Sache, weil dem Käufer jeder Maßstab zur Schätzung des Objekts fehlt, von dessen Qualität in schweren Fällen, wenigstens nach Ansicht der Hilfesuchenden, das Leben der Patienten abhängt. Es ist eine blinde Vertrauenssache. Erst ein negatives Resultat, eine widernatürliche Verschlimmerung des Zustandes oder Tod, rufen durch den Hinweis auf eine vielleicht minderwertige Beschaffenheit des Medikamentes oder gar einen Fehlgriff das Urteil Sachverständiger hervor. An dem Hantieren meines zweiten Chefs glaubte mein Laienauge schon eine gewisse Flüchtigkeit zu erkennen, die, wie sich später zeigen wird, vielleicht den Grund zu meiner eigenen Leichtfertigkeit legte. Der mir bekannte schlechte Ruf dieser Apotheke hat wohl dazu beigetragen, mich darauf aufmerksam zu machen.

Oft blickte L ... traurig auf die Straße hinaus, wenn die Leute mit Medikamenten, die sie aus einer entfernten Apotheke holten, vorübergingen. »Es ist schlimm,« sagte er, »wenn man zusehen muß, wie einem die Medizinflaschen an der Nase vorbeigetragen werden.« Diese gedrückte Stimmung erhöhte noch meinen trostlosen Gemütszustand. Mein erster Chef, der mir meinen Gram wohl ansah, ließ mich nachmittags öfter ausgehen, damit ich der Platzmusik beiwohnen könne. Ich aber eilte auf den Kirchberg, wo es still und einsam war: ich setzte mich auf dieselbe Bank, auf der ich mit meiner Mutter gesessen, und weinte. Dann bildete ich mir ein, ich ginge zu den Tanten; ich rief ihre Namen, fing laut mit ihnen zu sprechen an, als ob es Wirklichkeit wäre, und wenn ich aus meinen Träumen erwachte, fand ich mich nur in noch tieferem Elend wieder.

Nun sollte ich erfahren, daß der Schmerz auch der Erreger der Sinnlichkeit ist. In der Erinnerung an jenen Vorgang mit dem Primanerfreunde, an die Aufklärung, die meine Schulkollegen mir über diesen Punkt gegeben, an ihre Schilderung des Genusses, den die damit verknüpfte Vorstellung der Weiblichkeit gewähre, in der Erinnerung an sie selbst, unter deren Fenster ich einst nach einem Blicke schmachtend auf- und abgewandelt, lockte mich meine Phantasie unter dem Beistande der durch den ganzen Seelenzustand bedingten physischen Erregung auf den Gipfel des Venusberges.

Diese Vorstellung wußte ich der Wirklichkeit bald näherzubringen. An der Luke des Kräuterbodens harrte ich sehnsuchtsvoll, bis gegenüber das Fenster klang und sich das liebliche Stubenmädchen zeigte, bei dessen Anblick Schmerz und Genuß um die Meisterschaft rangen.

Wohl fehlte nicht der treue Eckart. Mir scharf ins Auge blickend, warnte mich mein Chef im richtigen Erraten des mich beherrschenden Lasters mit einer bedeutungsvollen Handbewegung. Dieser stumme Wink verfehlte nicht seine Wirkung. Die Erkenntnis der Unnatürlichkeit dieser Handlung gab mir die Kraft, dem Laster zu entsagen, nahm aber zugleich keinen Anstand, mir den natürlichen Weg zu zeigen. Lag es doch auch so nahe, was ich bis jetzt nur in der Entfernung genoß. Mein Chef hatte selbst ein hübsches Stubenmädchen, aus dessen begehrenden Blicken ich die Verheißung des glühend ersehnten Glückes las. Täglich empfing es Soldatenbesuche, was schon meine Eifersucht weckte und endlich mein Verlangen bis zum Aeußersten trieb. Nur in ihrem unmittelbaren Besitze konnte ich noch Befriedigung erblicken, und unermüdlich war meine Einbildungskraft im Erzeugen von Bildern, deren unablässige Wirkung mich in einen Zustand der Erschlaffung versetzte.

Die heißersehnte Stunde kam und brachte mir die größte Enttäuschung. In einem gänzlichen Unvermögen, das wohl auch das vorher getriebene Laster zur Ursache hatte, kam mein Ekel zum Ausdruck. Ich schämte mich vor mir selbst und dem Mädchen, dem ich nie mehr ins Auge blickte. Und in jener einzigen Minute, in der so kurzen Berührung des Mädchens, wobei ich nichts genossen, nichts als Abscheu und Ekel empfunden hatte, lag der Grund, die » causa prima«, meines lebenslangen Elends.

Dieser Vorfall hatte auch meinen Abscheu vor dem bisher getriebenen Laster zur Folge. Für lange Zeit war meine Sinnlichkeit begraben. Daß ich in meinem namenlosen Schmerze der ersten Lockung des Sinnenteufels nachgegeben, war nicht mehr als natürlich. Sofort erfaßte die Vernunft die Zügel, die, wie sich später zeigen wird, nach jedem kurzen Interregnum ihre Herrschaft stets wieder zu behaupten wußte.

Mittlerweile war mein Heimweh einem anderen Schmerze gewichen. Ich wurde von meinem zweiten Chef äußerst unwürdig behandelt. Nachdem er mit mir zuerst fast kollegial verkehrt, nahm sein Benehmen bald den entgegengesetzten Charakter an. Er tyrannisierte mich, indem er mir vorwarf, den ihm schuldigen Respekt außer acht gelassen zu haben, und belegte mich mit den gemeinsten Schimpfnamen. Ich beteuerte ihm, es sei mir nicht in den Sinn gekommen, ihm den Ausdruck meiner Achtung zu versagen: ich bat ihn kindlich, mir wieder die alte Freundlichkeit zu zeigen: er blieb dabei, daß ich ihn einmal nicht mit »Herr« angesprochen hätte. So offen, wie alles übrige, würde ich auch dieses Verbrechen eingestehen, wenn ich es begangen hätte. Ohne mir bewußt zu sein, jenes Wort auch nur in einer im Gespräche möglichen Leichtfertigkeit, die allerdings einen gewissen Mangel an Achtung voraussetzen würde, verschluckt zu haben, fühlte ich mich unglücklich, diese Behandlung auf die Dauer ertragen zu müssen. Anstatt mich meinem ersten Chef anzuvertrauen, der mich liebte, wie ich ihn, und diesem Uebel ganz entschieden abgeholfen hätte, bestürmte ich meinen Vormund mit Briefen, mir eine andere Lehrstelle zu suchen. Meine Mutter brachte mich nach Wien. Das Treiben der Großstadt erweckte in mir einen Gedanken, den ich nicht wieder los werden konnte: Wozu die vielen Menschen? Was wollen sie alle? Warum laufen sie wie gehetzt durch die Straßen? Bloß um schlafen, essen und trinken zu können? Undenkbar! Deshalb brauchte einer den anderen nicht gleich über den Haufen zu rennen. Das alles muß einen tieferen Grund haben. Und während ich die » decocta, infusa« und das »Wienertrankl« zusammenbraute, spukte es unaufhörlich in meinem Schädel: Wozu nur die vielen Menschen? Oft war ich nahe daran, meinen Chef, den Herrn Doktor, danach zu fragen, da ich voraussetzte, daß er es doch wissen müsse, allein ich schämte mich, als vierzehnjähriger Junge nicht einmal das zu wissen und befürchtete sogar, daß er mich einer so albernen Frage wegen für verrückt halten könnte. Die Forderung eines höheren Lebenszweckes tritt hier schon ziemlich deutlich hervor. Oft fand ich eine kleine Zerstreuung darin, beim tagelangen Zerreiben des Quecksilbers »Hero und Leander« und andere Schillersche Gedichte zu deklamieren und freute mich königlich, wenn ich den Doktor als unfreiwilligen Zuhörer meiner Rezitationen im Nebenzimmer wußte. Manchmal warf er wohl einen Blick herein, und es schien mir, als ob er sagen wollte: »Reiben Sie Ihr Quecksilber und lassen Sie Hero und Leander zufrieden! Die beiden haben damit gar nichts zu schaffen.«

Mein Chef, Doktor A ..., war sehr stolz auf seinen Doktortitel. Er stellte seine Behauptungen mit solcher Bestimmtheit auf, daß sie das Ansehen von Axiomen erhielten. So sagte er oft: »Die ganze Homöopathie ist Schwindel. Wenn ich einen Tropfen Opiumtinktur ins Schwarze Meer gieße und von dieser Mixtur einen Löffel voll nehme, tut es dieselbe Wirkung, wie das Einnehmen einer homöopathischen Medizin.« Darum wurden auch in seiner sonst so gewissenhaft geleiteten Apotheke die homöopathischen Rezepte nicht nach gegebener Vorschrift erledigt, was nach seiner Ansicht, der ich mich allerdings anschließe, nur eine unnütze stundenlange Zeitverschwendung gewesen wäre. Anstatt bis in die Xte Verdünnung sukzessive fortzuschreiten, nahm man z. B. eine halbe Unze destilliertes Wasser, gab den vorgeschriebenen Tropfen Opiumtinktur hinein, schüttelte diese Mischung kräftig und expedierte sie, anstatt einen Tropfen Opiumtinktur zu nehmen, darauf 99 Tropfen destillierten Wassers zu geben, davon wieder einen Tropfen zu nehmen, diesen wieder unter 99 Tropfen destillierten Wassers zu mischen u. s. f. bis in die z. B. vierzehnte Verdünnung. Noch komplizierter ist die Sache bei Verreibungen, weil jede Verreibung eine bestimmte Zeit in Anspruch nimmt.

Ich kann mich aus meiner Praxis auch nicht erinnern, nur einmal eine homöopathische Medizin nach Vorschrift zubereitet zu haben.

Eine direkt straffällige Handlung hingegen ist es, wenn in der Allopathie die vorgeschriebenen Bestandteile nur nach dem Augenmaß genommen werden. Das hat Doktor A..... nie geduldet. Dennoch geschah es häufig in seiner Abwesenheit. Selbst mit giftigen Substanzen wurde leichtfertig verfahren, indem die Assistenten, wenn das Tropffläschchen zufällig leer war, das Standfläschchen nahmen, bei dessen Gebrauch man die vorgeschriebene Tropfenzahl nicht vollständig in der Gewalt hat. Auch die Größe der Tropfen kann verschieden ausfallen, indem sie von der Beschaffenheit des Flaschenrandes abhängig ist. Und jeder bemühte sich förmlich, es dem anderen womöglich in dieser Kunst zuvorzutun. Worin liegt dieser Reiz? Lediglich im Verbot? Der ältere Praktikant nahm die zum »Wiener Trankl« erforderliche Menge von Manna und Sennesblättern stets nach dem Augenmaß, ermahnte mich aber, wenn ich ihn dabei ertappte, ihn hierin ja nicht nachzuahmen, weil mein Augenmaß noch nicht genug geschult sei. Nun tat ich es erst recht und hatte eine wahrhaft diebische Freude, wenn ich das »Trankl« de oculorum judicio zubereiten konnte.

Die Besoldung der Assistenten war damals eine äußerst geringe. Der MagisterIn Deutschland Provisor genannt. bekam freie Station und dreißig Gulden monatlich. Ich schlief mit ihm und noch einem Assistenten lange Zeit in einem Zimmer, in dem nur die drei Betten stehen konnten. Die Verpflegung war gut. Für mich wurden monatlich fünfundzwanzig Gulden Kostgeld gezahlt. Der undiplomierte Assistent bekam zwanzig Gulden. Außerdem war ein EustendantZur Aushilfe angestellter Student. in Stellung, der vormittags die Universität besuchte und erst von zwei Uhr ab in der Apotheke tätig war. Dafür erhielt er nebst freier Station, mit Ausschluß des Mittagsbrotes, zehn Gulden monatlich. Er war immerhin von zwei bis zehn Uhr im Geschäft. Geöffnet wurde um sechs Uhr morgens. Die Assistenten hatten einen Wochennachmittag und jeden zweiten Sonntag zu Ausgehtagen, die Praktikanten nur jeden zweiten Sonntag. Im Nachtdienst wechselten die Assistenten ab.

An meinen Ausgehtagen verkehrte ich mit einem siebenundzwanzigjährigen Buchhalter. Wir lernten uns im Gasthaus kennen, wo ich mich ihm, einen dauernden Verkehr nicht ahnend, als Assistent der Pharmazie vorstellte. Als er mich eines Abends in der Apotheke besuchte, war ich wie immer im Laboratorium beschäftigt, da ich zur Rezeptur noch nicht zugelassen wurde. Ich hatte Angst, der Doktor könne plötzlich hereinrufen: »Ernst, holen Sie mir eine Droschke!« Wie wäre ich vor meinem Freunde dagestanden! Ich schützte endlich einen Gang vor und brachte ihn an die nächste Ecke. Meine Aufregung bemerkend, wußte er doch nicht, auf welches Konto er sie setzen sollte. Ich aber nahm mir vor, in Zukunft auch solche Lügen zu vermeiden.

Mancher könnte fragen, was wohl den siebenundzwanzigjährigen Mann an mich gefesselt. Er liebte es, belehrend auf mich einzuwirken. Die Schwäche, sich mir gegenüber in seinen geistigen Vorzügen, in seiner auf eine reichliche Erfahrung gegründeten Ueberlegenheit zu sonnen, war aber sehr verzeihlich, da sie mir großen Vorteil brachte. Gar manche Lebensregel hatte ich diesem Umgang zu verdanken.


Es war Fasching. Die Assistenten und der ältere neunzehnjährige Praktikant überboten sich gegenseitig in Schilderungen der sich in Schwenders Kolosseum darbietenden Seligkeiten. Meine Neugierde stellte die Begierde nach den dort aufgespeicherten Genüssen in den Schatten. Als mein Vormund dem Doktor mit dem Kostgelde noch zwanzig Gulden Taschengeld für mich einsandte, und mir dieser das Geld auf einmal in die Hand gab, war auch das Signal gegeben: Auf zum Schwender! In vollster Würdigung meiner Sehnsucht nach den Amorsälen bot mir der Herr Magister nach Schluß der Apotheke die Möglichkeit zu einem heimlichen Verduften.

Mein Eintritt in die Amorsäle war zeitlich kaum getrennt von einer gründlichen Enttäuschung. Ich sah mich um und bemühte mich vergebens, nur die geringste Anwartschaft auf die versprochene Seligkeit zu finden. Aus allen Nischen grinste mir das entlarvte Antlitz des Gemeinen entgegen. Ich konnte den Geschmack der Assistenten nicht begreifen. Wie zur Bekräftigung des ersten Eindrucks sah ich dem tollen Treiben zu, in der Absicht, sehr bald aus diesem Dunstkreis zu verschwinden. Es war gerade Damenwahl. Ein junges Mädchen trat auf mich zu, um mich zum Tanze aufzufordern. Ich dankte. Als sie mit dem Ausdruck gekränkter Weiblichkeit die Bitte, ihr doch keinen Korb zu geben, wiederholte, zwang ich mich, ihr zu willfahren. Nach wenigen Takten erfaßte mich ein Schwindel, kalter Schweiß trat auf die Stirne, ich glaubte mich dem Ende nahe. Von den Tanzenden hin- und hergestoßen, wankte ich auf einen Stuhl.

Aengstlich um mich bemüht und mir mit ihrem Tuche den Schweiß von der Stirne wischend, sprach mir das Mädchen freundlich zu. Mir rollten die Tränen aus den Augen. Ich schrieb den Fall dem von mir einst getriebenen Laster zu, dessen Folgen mir die Assistenten in den furchtbarsten Farben geschildert hatten: ich sah mein junges Leben verloren. »Komm, Kleiner,« sprach das Mädchen zärtlich, »wir setzen uns an jenen Tisch, dort trinkst du hübsch ein Gläschen Kognak, dann wirst du dich bald erholen.« Ihr Mitgefühl tat mir wohl; ich hatte das Bedürfnis nach der Nähe eines Herzens. Fast mütterlich sprach sie fortwährend auf mich ein. Als ich an Zutrauen gewann, fing sie an, ihr fürsorgliches Wesen in das der Liebenden umzuwandeln. Die anschwellende Zärtlichkeit schien ihrem Herzen stets neue Wünsche zu entpressen. Alle Zwischenstufen, vom ersten Händedruck bis zum Kusse wurden analogerweise vom Gläschen Kognak bis zur Flasche Wein, vom Butterbrötchen bis zur Austernschüssel ausgefüllt. In meinem Innern fand der konträre Vorgang statt. Jede Steigerung ihres Appetits brachte meine Gefühle dem Gefrierpunkt näher. Der erste Händedruck tat mir wohl, der Kuß war mir schon widerwärtig. Der Eintritt dieser Veränderung war auch aufs dringendste geboten: meine Kasse reichte eben hin, um die Zeche zu bezahlen. Nach meinem Kassenschwund war auch das Dämchen plötzlich verschwunden. Ich sah mich nicht mehr nach ihr um: sie hatte mir doch noch das Sperrsechserl für den Hausmeister gelassen.

Dieser Vorfall war weniger meinem Leichtsinn als meiner trostlosen Gemütsverfassung zuzuschreiben. Ich hätte mich in jenem Augenblicke, wo ich mein Leben verloren glaubte, jedem Menschen angeschlossen: ich fühlte mich so tief unglücklich, daß ich auf Grund des mir selbst innewohnenden Mitleids es für unmöglich hielt, daß mir ein Mensch in solcher Lage sein Mitgefühl versagen könne. Sie allmählich wohl durchschauend, hatte ich doch nicht die Kraft, ihr etwas abzuschlagen: mir war's, als müßte ich mir ein Herz erzwingen. Diese Erfahrung war indessen nicht zu teuer erkauft. Ich hatte seit diesem Abend eine solche Abneigung gegen die Demi-Monde, daß ich in meinem ganzen Leben für sie nichts mehr übrig hatte.

In den nächsten Tagen überfiel mich eine tiefe Schwermut: wie im Traume ging ich umher, mich nach einem Herzen sehnend, an dem ich weinen könnte. Dieser Zustand war schon durch eine von mir noch unerkannte Krankheit bedingt. In meiner Not war ich nicht unempfänglich für die Liebesblicke eines Dienstmädchens, dessen heiße Sinnlichkeit mich bald in seine Arme zwang. Es war ein neuer Mißerfolg. Während das Mädchen denselben auf Rechnung meiner Jugend zu setzen schien, maß ich ihn wieder meiner Vergangenheit bei, mich bereits in den Gedanken ergebend, daß mir diese Freuden für immer verschlossen seien.

Auch in meinem Berufe machte sich mir die Vergangenheit fühlbar. So oft ich mit Geld zu tun hatte, errötete ich auffallend. Wie Majas Schleier das Wesen der Dinge, so hatte einst mein durch eine verkehrte Erziehung bedingter Zustand meinen wahren Charakter verhüllt. Um mich wieder zurechtzufinden, bedurfte es eines mächtigen Anstoßes, der mich aus jenem Taumel rüttelnd zum Lichte der Erkenntnis führen konnte. Der Anblick des Leidens meines Vaters hat mir diesen Anstoß gegeben. Mein nun so mächtiger Abscheu vor einem Diebstahle erzeugte, durch die mein Gemüt belastende Reue unterstützt, die Befürchtung, daß man mir einen solchen zutrauen könnte. Dieses Gefühl brachte mein schon geschwächtes Nervensystem durch Erröten zum Ausdruck. Es war die Furcht vor dem Erröten selbst, die mich erröten machte. Als dies nicht ohne Eindruck auf meine Umgebung blieb, stieg meine Unruhe aufs höchste. Ich verfolgte eine dadurch möglicherweise hervorgerufene, mit meiner Gesinnung völlig divergierende Meinung bis in die äußersten Konsequenzen, unter deren Vorstellung ich namenlose Qualen litt.

Mein immer stärkeres körperliches Unbehagen, besonders aber das heiße Verlangen, meinen Chef wenigstens indirekt auf den pathologischen Grund meines Errötens hinzuweisen, veranlaßte mich, ihm zu klagen, daß ich krank sei und mir das Blut zu Kopfe steige. »Ach, Unsinn, Sie und krank! Sie sehen aus wie ein Blasengel,« war seine Antwort.

Endlich machte sich mir ein örtliches Leiden bemerkbar,Ich fühlte mich schon lange krank, wußte aber nicht, was mir fehlte. und ich vertraute mich dem älteren Praktikanten an, der mir den Rat gab, mich an einen Arzt zu wenden. Durch die mir verordneten äußeren Mittel wurde mein Zustand nicht wesentlich gehoben; ich ging zu einem andern Arzt, der ein Bougie in Anwendung brachte und mir, da ich mich immer matter fühlte, zur Einsendung an meinen Vormund ein Attest ausstellte. Von diesem wurde mein Chef unterrichtet, der mich nun für einen Don Juan ersten Ranges hielt, worin er vielleicht durch den Umstand bestärkt wurde, daß das Dienstmädchen meinen ihr geschenkten, der ganzen Umgebung bekannten Ring auf dem Finger trug. »Glauben Sie denn, daß Sie bei mir in einem Bordell sind?« brüllte mich der Doktor an und schickte mich nach einer kurzen Unterhandlung mit meinem Vormund in die Heimat.

»Sie stecken in keiner guten Haut,« waren dessen erste Worte bei meiner Ankunft. »Zu Hause kann ich Sie nicht lassen: vor Ihnen ist kein Weib mehr sicher: gehen Sie nur zu den Tanten!« Begreiflicherweise konnten auch diese kein besonderes Wohlgefallen an meinem ihnen geschilderten Zustande haben, obwohl doch noch ein gewisser Zweifel an demselben mit ihrem inneren Mißbehagen kämpfte. Der Arzt kam und untersuchte mich oberflächlich. »Dem Kerl fehlt ja nichts,« sagte er, »der Bengel ist kerngesund.«Diese falsche Diagnose war das Resultat der oberflächlichsten Untersuchung.

Mein Vormund schüttelte den Kopf über das Attest des Wiener Arztes, den man für einen Scharlatan erklärte. Die Tanten frohlockten über die Gesundheit ihres Lieblings und die von ihnen richtig gehegte Voraussicht, während nur ich selbst dieser Diagnose nicht beizustimmen vermochte. Ich klagte oft, daß ich krank sei, ohne Glauben zu finden. Ich wurde frühzeitig für einen Hypochonder erklärt, und da ich selbst nicht anzugeben wußte, worüber ich zu klagen habe, begann ich schließlich auch selbst an meine Hypochondrie zu glauben und mich ganz ruhig in mein Schicksal zu fügen.

In einem nahegelegenen Landstädtchen fand ich meine dritte Lehrstelle. M ... war ein vorzüglicher Apotheker, aber auch einer der größten Pedanten.

Jeden zweiten Sonntag hatte ich von 2-7 Uhr meine Ausgangsstunden und jeden Sonntagvormittag eine Stunde Kirchzeit. M ... verfolgte mich, um sich zu überzeugen, ob ich auch in die Kirche gehe. Weil das nicht der Fall war, fand schon am ersten Sonntag das erste Zerwürfnis statt.

Das Auskochen der Beeren usw. geschah im Hofe. Er saß nicht selten an der Dachluke, um uns von da aus überschauen zu können. Blieb in irgendeiner Flasche ein Restchen, so mußte es in ein kleines Fläschchen geleert werden. Dieses wurde verkorkt und verbunden mit gummierter Signatur in den Keller gestellt. Oft mußte es schon in der nächsten Viertelstunde wieder hervorgeholt werden.

Es gibt einen scharf fixierten Grenzpunkt zwischen Gewissenhaftigkeit und Pedanterie. Man muß zum Apotheker ebenso prädestiniert sein, wie zum Priester.

In Wien kam ich an Wochentagen doch noch häufig auf die Straße, da mich mein Chef bald da-, bald dorthin schickte: hier wurde ich wie ein Gefangener gehalten. Kein Wunder also, daß ich nicht wußte, was ich beginnen sollte, um meine freien Stunden gehörig auszunützen. Ich nahm an meinem zweiten Ausgehtage einen Schlitten und fuhr mit einem Gerichtsschreiber, dessen Bekanntschaft ich in der Apotheke gemacht, aufs Land. Wie glücklich war ich, diesem verhaßten Zwange für einige Stunden entronnen zu sein! Sah ich doch endlich wieder den blauen Himmel, Berge und Wälder, war es mir doch vergönnt, statt der von Aether, Chloroform und Teufelsdreck verpesteten Atmosphäre die freie Gottesluft zu atmen. Bei der herrlichsten Wintersonne ließen wir uns in einem Garten nieder, wo uns ein allerliebstes Bauernmädchen den Wein kredenzte. Als ich wieder im Schlitten saß, war ich in der traurigen Lage, den Mond nicht mehr von einer Käsescheibe unterscheiden zu können. Wie ich ins Bett kam, weiß ich nicht. Nachts erwachte ich. Ach, schon wieder dieser Teufelsdreck! Doch nein! Es war – – Der Gedanke an meinen Chef verschlimmerte noch meinen Zustand. Was wird er sagen, der kein Fliegendenkmal auf dem Tiegel der Laussalbe duldet! Am nächsten Tage traf mich nur ein Blick der tiefsten Verachtung. Ich fühlte, daß noch irgendein Gedanke im Hintergrunde schlummerte: er war mit sich nur noch nicht einig. Im dringendsten Bedürfnis nach frischer Luft ging ich in den Abendstunden vor der Apotheke auf und ab. Nun war das Maß meiner Sünden voll. Wie einen Verbrecher transportierte er mich ins Haus, berichtete dieses crimen laesac majestatis sofort meinem Vormund, den ich nach einem kurzen, zur Erledigung des dringenden Geschäftes aber hinreichenden Aufenthalte in diesem Landstädtchen bald wieder in meiner Heimat begrüßen konnte.Ich muß jedoch gerecht sein! mein Chef war ein ausgezeichneter Lehrer. Er hatte mir einigen theoretischen Unterricht gegeben und mich in wenigen Stunden mit seltener Gründlichkeit in das Studium der Chemie eingeführt, sodaß ich später das Cirocinium ohne weitere Beihilfe ablegen konnte.

Wohin nun mit diesem Tunichtgut, diesem Don Juan und Missetäter, der durch seine heillosen Allotria die Grundfesten der ehrsamen Apothekerzunft zu zerstören drohte und sogar eine höchst appetitliche Landapotheke in üblen Geruch zu bringen wagte? Wohin mit diesem Bösewicht? Wo eine vierte Lehrstelle finden? Der Anwalt meiner Mutter erbarmte sich meiner und brachte mich bei seinem Bruder unter, welcher gerade in meiner Vaterstadt eine neue Apotheke errichtete und sich bereit erklärte, es mit mir zu versuchen. Mein neuer Chef vereinigte in sich alle für den Apotheker erforderlichen Eigenschaften. Er wußte die Mitte zu halten, er hatte jenen obenbezeichneten Grenzpunkt gefunden.

Ich wohnte bei meinen Tanten und gab ihm durch treue Pflichterfüllung sehr bald Gelegenheit zur Ueberzeugung, daß ich doch besser sei, als mein Ruf.

Zu dieser Zeit gastierte am Stadttheater eine siebzehnjährige äußerst begabte Anfängerin, Olga von Precheisen, die spätere Hofschauspielerin und Gattin Lewinskys. Als Gretchen und Luise übte sie auf mich eine geradezu faszinierende Wirkung aus. Nach dem Theater harrte ich in dem Gasthause, in welchem die Schauspieler verkehrten, pochenden Herzens auf ihre Ankunft. Sie wußte nicht, daß dort in der bescheidenen Ecke ihr vielleicht aufrichtigster Bewunderer saß: sie ahnte nicht, daß ihr mich bezaubernder Eindruck in meine Seele jenen unheilvollen Funken warf, der meine ohnehin schon gefährdete Zukunft gänzlich zerstören sollte.

Nach beendigter Lehrzeit unterzog ich mich der Assistentenprüfung, dem sogenannten Tirocinium, mit ausgezeichnetem Erfolge. Alles war darüber höchst erstaunt, da man das Gegenteil erwartet hatte. Von dem Tage an genoß ich das volle Vertrauen meines Chefs und wurde zur selbständigen Rezeptur zugelassen. Ich wurde dazu nicht nach und nach herangezogen, sondern mit einem Schlage. Das war ein Fehler. Bis zum Tirocinium durfte ich nicht ein Rezept ausfertigen. Auch Doktor A. in Wien verfolgte hierin ein sehr falsches Prinzip. Er ließ die Praktikanten im letzten Lehrjahre nur pauperes expedieren. Das war dann lediglich ihre Sache. Ein anderes Rezept durften sie nicht anrühren. Als ob das Leben der Armen minderwertiger wäre! Dem jungen Menschen wird dadurch gleichsam eingeimpft, zwischen Arm und Reich, wenn es auf eine Vergiftung ankommt, den größten Unterschied zu machen.

Am ersten Wochenmarkte nach dieser Prüfung erhielt mein Chef die obligate Visitationsvisite von seiten des Medizinalrates. Ich wurde in der Apotheke allein gelassen und sah plötzlich die ganze Tafel voll von Rezepten und eine Menge Menschen vor mir, welche auf deren Erledigung warteten. Diese plötzlich an mich herangetretene Forderung einer Leistung, welche schon dem geübten Expedienten zu schaffen macht, versetzte mich in eine gewisse Aufregung. Ein Rezept lautete: mixtura oleosa, uncias tres, tinctura opii, guttas tres. Da das Tropffläschchen leer war, nahm ich, mich an mehrere Vorbilder haltend, das kleine Standfläschchen, um aus demselben drei Tropfen in die Mixtur zu geben, wofür aber mindestens fünf hineinfielen. Anstatt hinauszugehen und die Mixtur einfach auszugießen, hielt ich mich wieder an meine Vorbilder. Ich erinnerte mich zugleich, selbst schon das doppelte Quantum auf einmal genommen zu haben, und expedierte die Medizin. An der Türe drehte sich die Frau, der das Rezept gehörte, um und sagte: »Hoffentlich wird es was nützen; das Kind wird erst ein Jahr und kann nicht schlafen.« Allgütiger Himmel! Mir wurde es schwarz vor den Augen! Alle Leute starrten mich an, was mich ganz kopflos machte. Endlich ermannte ich mich und lief durchs Laboratorium auf die Straße: die Frau war nirgends mehr zu sehen. In völliger Apathie, mit dem festen Vorsatze, mir bei einem schlimmen Ausgange das Leben zu nehmen, erledigte ich die übrigen Rezepte. Als mein Chef zurückkam, bat ich ihn, mich nach Hause gehen zu lassen, da ich mich unwohl fühle. Ich eilte zu den Tanten, um ihnen meine Not zu klagen. Sie fielen nieder vor dem Kruzifix, ich vor dem Muttergottesbilde. Nach einer grauenvollen Nacht stand ich am nächsten Tage wieder auf meinem Platze. Die Frau erschien. »Wie geht's dem Kinde?« »Ausgezeichnet! So gut hat es bisher noch nie geschlafen. Geben Sie mir nur gleich dieselbe Medizin noch einmal.« Diesem Wunsche kam ich allerdings nicht nach, wohl aber von nun an pünktlich und peinlich meiner Pflicht; mir diente dieser Fall zur steten Warnung. So oft ich später als Darsteller des Doktor Klaus die zweite Szene zwischen Lubowsky und dem »toten Bauer« sah, erinnerte ich mich desselben mit stiller Wehmut.

Ich trat in Steyr bei Apotheker Brittinger mit einem Monatsgehalt von zwanzig Gulden in Kondition. Da ich mich mit viel größerem Eifer in Schillers »Räuber« als in die Pharmakopoe vertiefte, und mich mein Chef bald nach meinem Antritte überraschte, als ich heftig agierend vor dem Rezeptiertische »Verraten! Verraten!!« rezitierte, gab er mir den herablassenden Rat, nur schleunigst zum Theater zu gehen, da ich zum Apothekerstande doch nie und nimmer brauchbar wäre. Ich ließ mir das nicht zweimal sagen; ich reichte meine Kündigung ein und war von diesem Tage an wie umgewandelt. So groß war mein Verlangen nach Licht, Luft und Freiheit. Als mein Chef Ersatz hatte, packte ich meine Sachen und reiste nach Wien.

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