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Der philosophierende Vagabund

Ernst Clefeld: Der philosophierende Vagabund - Kapitel 12
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typeautobio
authorErnst Clefeld
titleDer philosophierende Vagabund
publisherVerlag von Robert Lutz
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Auf und Nieder.

1897-1904.

Der Alte vom Berge. – Mein Kassenstück. – Die kleine Theateragentur. – Kunstfahrten. – Dilettanten. – Der Bäckergeselle als Direktor. – Rezitationszuhörer. – Bräutigam. – Hausbesitzer in spe. – Das Ende der Herrlichkeit. – Tournee. – Wieder in Rußland. – Dramaturg. – Der verhängnisvolle Wolf in »Rotkäppchen«. – Gelegenheitsdichter. – Möbelhändler. – Versicherungsagent. – Teilungsdirektor. – Der Ueberfall.

Nach dem Tode ihrer heißgeliebten Schwester hatte Tante Resi noch eine schwere Leidenszeit durchzumachen. Dann fand sie im Elisabethinerkloster ein Plätzchen und hauchte in den Armen der frommen Schwestern ihr Gott geweihtes Leben aus. Ich dankte der Oberin aus vollstem Kerzen für die Liebe und Sorgfalt, durch die es der Armen, Schwergeprüften vergönnt war, den Rest ihrer Tage in seliger Ruhe und Abgeschiedenheit zu verbringen.

Ich vertiefte mich nun mit Eifer in Platos Schriften. Mein metaphysisches Bedürfnis unterdrückte alle niedrigen Begierden und Neigungen, die nur bei heftigen Gemütsbewegungen und dem Mangel geistiger Nahrung in den Vordergrund traten. Ich mied den Trunk wieder gänzlich. Ein Streit mit dem Bruder des Direktors, den er im Rausche vom Zaun gebrochen, riß mich wieder aus meinem Streben und zwang mich, ein Engagement nach Neu-Ruppin anzunehmen. Der Direktor war ein großer Schwindler, von dem ich mir in einem Monat nur mit Mühe und Not vierzig Mark herausholen konnte. Ohne Sachen fuhr ich wieder nach Berlin. Hier eilte ich vom Bahnhof schnurstracks zum »Alten vom Berge«.

Diesen charakteristischen Beinamen trug mein Freund, der alte Possen- und Gelegenheitsdichter Otto Mylius, der zugleich eine kleine Theateragentur führte. Er war der Sohn eines Pastors. Nachdem er einige Semester Medizin studiert, ging er aus Neigung zur Bühne. Sehr bald erkennend, daß die Bühne nicht sein eigentliches Feld sei, ließ er sich in Berlin nieder und schrieb mehrere Possen, die am ehemaligen Woltersdorf- und Luisenstädtschen Theater mit Glück aufgeführt wurden. Vermöge seines glänzenden Humors war er zum Possendichter geschaffen, leider hat er es versäumt, der Zeit zu folgen. Er war auch der Dichter des »Kornblumenliedes«, das sich zu Zeiten Wilhelms des Ersten großer Popularität erfreute. Mylius war ein seltenes Original. Dabei gutmütig bis zum Aeußersten. Lange Zeit lebte er mit seinen zwei Schwestern zusammen. Nachdem die eine gestorben, und die andere, für deren Tochter er späterhin wahrhaft väterlich sorgte, auf Staatskosten in ein Sanatorium geschafft worden war, erreichte sein sonderlicher Lebenswandel den Höhepunkt, was ihm den eben erwähnten Beinamen eintrug. Seine näheren Freunde nannten ihn auch »Onkel Otto«.

Der erste Weg jedes in Berlin angekommenen kleinen Komödianten war zum »Alten vom Berge«, bei dem er, wenn alle Stricke rissen, auf dem Sofa ein Nachtlager fand, weshalb sein bescheidenes Heim, das aus einem und nur selten aus zwei Zimmern bestand, unter uns die Bezeichnung »Hotel Mylius« führte. So manchen armen Teufel hat er oft wochenlang durchgefüttert.

Er kochte sich sein Essen in der Regel selbst. Wer bei ihm wohnte, mußte als Aequivalent das Mädchen für alles spielen, Eßwaren einholen, die Stube fegen usw. Nach dem Essen lief er, wie gehetzt, in seine nahegelegene Stammkneipe, die zeitweise zugleich von 12–2 Uhr »die Börse« der kleinen Schauspieler war. »Nun, Onkel Otto, gebt Ihr noch einen aus?« »Ein Seidel und einen kleinen!« bestellte Mylius. Gleich kam ein zweiter, dritter. Oder: »Habt Ihr nicht 20 Pfennig für mich übrig?« Er gab, worauf sogleich ein anderer rief: »Mir könnt Ihr auch bis morgen 50 Pfennig pumpen!«

Wenn es ihm zu bunt wurde, sprang er plötzlich auf und lief in seinem schwarzen Zylinder – ich sah ihn nie ohne diesen – die Hände um die Ohren schlagend, zur Türe hinaus.

Nach dem Nachmittagsschläfchen dichtete er. Gegen Abend fanden sich »die Brüder« bei ihm ein, wo jeder sein Herz ausschütten konnte. Es gab oft eine sehr bunte Versammlung. Man hätte ihn den Vater der armen Schauspieler nennen können. Erst um Mitternacht begann seine eigentliche Ausgehstunde. Allein, oder in Begleitung eines »Hotelgastes« wanderte er unter den Linden auf und ab, besuchte noch eine Stammkneipe und trat gegen 2 Uhr den Heimweg an.

Mylius nahm mich äußerst gastfreundlich auf. Die Not brachte mich auf den Gedanken, die damals gerade aktuelle »Anna-Simon-Affäre«, die sich bekanntlich in Sofia abgespielt, zu dramatisieren. Um auch meinem Freunde als Gegenleistung einen Verdienst zu verschaffen, schlug ich ihm eine Kompagniearbeit vor, worauf er mit Freuden einging. Jeder sollte die Hälfte der Tantiemen erhalten. Ich schrieb das Stück, er lieferte die Texte zu den Musikpiecen und half dem Humor auf die Beine. In wenigen Tagen war das Meisterwerk fertig, für das ich sofort in Herrn Direktor M..... einen sehr bereiten Abnehmer fand. Als letzte Frage, die mir indessen äußerst kitzlig schien, kam die Zensur noch in Betracht. Erst nach einer gründlichen Umarbeitung gelangte ich in den Besitz der heißersehnten Genehmigung. Nach einem langen Hin und Wider bot mir der Direktor nebst Streichung einer alten Schuld aus früheren Jahren für das Stück ein- für allemal 200 Mark. Ich sagte ja, nahm die nach Abzug des während der Umarbeitung und wochenlangen Ringens um die polizeiliche Genehmigung zum Leben gebrauchten Vorschusses noch übrigen 120 Mark, gab meinem Freunde die ihm gebührende Hälfte von 100 Mark und sah mich am Ende des heißen, aufregenden Kampfes im glücklichen Besitze von – 20 Mark. Freilich war die Arbeit mit dem erwähnten Betrage bezahlt. Nur die äußeren Umstände waren schuld, daß ich sozusagen mit leeren Händen ausging. Immerhin hätte ich, wie jeder andere, Anspruch auf Tantiemen gehabt, um so mehr als das Stück vor ausverkauften Häusern eine hohe Zahl von Aufführungen erreichte. Direktor M... war indessen noch mein bester Zahler.

Als Schauspieler hatte ich es meistenteils nur mit der Unredlichkeit kleiner, selbst in bedrängter Lage lebender Direktoren zu tun, nun lernte ich die Ausbeutungssysteme auf geschäftlichem Gebiete in allen Arten kennen, denen mein materielles Elend stets als wesentliche Unterlage diente. Nur von meinem idealen Streben erfüllt, habe ich in der törichten Hoffnung, einen pekuniären Erfolg als Mittel zum Zwecke erzielen zu können, durch eine ganz ansehnliche Zahl sogenannter Kassenstücke mein Scherflein zur Geschmacksverirrung des Publikums nach Kräften beigetragen, ohne etwas zu erzielen. Nach vollbrachter Arbeit war ich oft nicht imstande, die während derselben gemachten Schulden zu bezahlen. Ich sah mich nicht selten gezwungen, in der Umgegend zu spielen. O schreckliches Los, sich in der Umgegend Berlins als Schauspieler sein Brot verdienen zu müssen! Schrecklicher, wenn man noch froh sein muß, es sich da verdienen zu können.

Von einer Theateragentur dritten Ranges wird man auf einer Karte zum Besuche aufgefordert. Auf die Minute ist man da, ganz überrascht, schon jeden Stuhl besetzt zu finden. Flüsternd fragt man sich gegenseitig, was denn los sei. Jeder zuckt die Achsel, während das im Vorzimmer sitzende Faktotum sich in geheimnisvolles Schweigen hüllt: Das Engagement könnte hinter dem Rücken der Agentur abgeschlossen werden, wodurch diese um ihre Prozente käme. Nach oft stundenlangem Warten erscheint endlich der Herr Direktor. Gnädig mit dem Haupte nickend, stolziert er ins geheime Kabinett. Aber – ach! Der Herr Direktor hat seinen Bedarf schon anderswo gedeckt und sucht nur einen noch, der als Graf Trast studiert ist. Leise fluchend – ich schimpfte in der Regel laut – ziehen die andern von dannen, nachweinend dem letzten Groschen, den sie für die Fahrt geopfert. Ja, die Agentur muß sich die Kundschaft des Herrn Direktors zu erhalten suchen, der pro Stück 25–50 Pfennig bezahlt, die oft dem Mitgliede noch abgezogen werden.

Der erbärmlichste Stümper wird, wenn er nichts kostet, dem guten Schauspieler vorgezogen. Das Honorar beträgt 4–8 Mark pro Vorstellung. Jede Kunstfahrt nimmt 8–10 Stunden in Anspruch. Zieht man die Proben und das Lernen mit in Rechnung, was manchmal noch mehr Zeit erfordert, so ergibt sich ein Verdienst von 10–20 Pfennigen in der Stunde. Nach der Ankunft in Tripstril wandern die Heroinen und Tragöden mit Paketen und Schachteln bepackt durch die Straßen, wie die Kamele durch eine trostlose Wüste. Das kennt man schon nicht anders. Wenn aber der arme Teufel erst merkt, daß er selbst die paar Groschen, auf die sich tagelang sein ganzes Denken und Fühlen konzentrierte, nicht bekommen werde, wenn er erst durch den Vorhang guckt und guckt, ob nicht noch einer kommt und noch eine, durch deren Erscheinen ihm doch die Aussicht bleibt, seinen Hunger zu stillen! O grauenvolles Bild des Schmierenelends! Wo bleibt da die Lust zum Spielen? Wenn der Jammerlappen hochgeht, entrollt sich erst das wahre Bild des Jammers.

Oft sind die Direktoren dieser Kategorie aktive oder gewesene Handwerker, nur aus ihrer eigenen Regie hervorgegangene Koryphäen deutscher Schauspielkunst. Naturgemäß ist die Eitelkeit und Spielwut dieser Dilettanten um so größer. Freilich gibt es auch hier seltene Ausnahmen. Ich habe sehr befähigte Dilettanten kennen gelernt, deren Zuverlässigkeit besonders geschätzt werden muß, während der in solchen Verhältnissen auch moralisch verkommene Schauspieler sich kein Gewissen daraus macht, eine Vorstellung durch sein Nichterscheinen zu stören, wenn ihm von anderer Seite eine Mark mehr geboten wird. Diese Gewissenlosigkeit hängt allerdings mit der Handlungsweise der Direktoren zusammen. Von einem dieser Herren erzähle ich folgendes Geschichtchen.

Der artistische Leiter des Sommertheaters in Schmargendorf zankte sich einmal mit seiner Geliebten, wobei diese schrie: »In der Woche bäckt er und Sonntags is er Direktor.« Ich erkundigte mich nach seiner Adresse und klingelte am nächsten Tage an. Zwischen dem Chef meines Herrn Direktors und mir fand nun folgendes Gespräch statt: »Hier Bäckermeister Heinze. Wer dort?« »Schauspieler Clefeld. Herr Direktor Rieger-Rothmühl zu sprechen?« »Ach wat, Direktor! Der Mann is mein Jeselle und ick verbitte mir det Jeklingle! Schluß!« Später soll er sich einen Bäckerlehrling, der ihm 200 Mark geborgt, zum Associé erkoren haben.

Vergeblich griff ich auch zu meinem alten Rettungsanker, dem Rezitieren. Ich deckte mit der Einnahme nur knapp die Kosten. Was mir auf diesem Gebiete aktiv nicht gelingen wollte, schien passiv nicht ganz ausgeschlossen. Ein Schöngeist, der außer seinem natürlichen Talente von seinem Vater noch weit größere geerbt, lud mich ein, ihn zu besuchen. Als ich eines Morgens großen Hunger hatte, ging ich hin. Er las mir Ibsens »Brand« vor. Trotz meiner großen Verehrung Ibsens hätte ich ihm diesmal eine Schinkenstulle vorgezogen. Als er mit »Brand« zu Ende war, erbot er sich in edler Gastfreundschaft, mir »Die Walküre« vorzulesen. Ich erhob mich, sehr bedauernd, daß ein dringendes Geschäft mich zwinge, mir diesen Hochgenuß zu versagen. Er drückte mir ein Zehnmarkstück in die Hand. Wenn das meinen Verlust nicht decke, wäre er bereit, mir mehr zu geben. So unbescheiden war ich nicht. Mit Aschingers Speisekarte beschäftigt ließ ich mir »Die Walküre« versetzen und nach dieser den »Peer Gynt«. Es war glücklich zehn geworden. Ich staunte ihn fortwährend an, weniger ob seiner Kunst, als daß er keinen Hunger spüre. Ha, endlich doch! Er lud mich zum Abendessen, das ich mit dem Bewußtsein einnahm, es mir sauer verdient zu haben. Nach dem Essen sagte er, in die Seitentasche greifend, daß er noch etwas ganz Besonderes für mich habe, einen Genuß, den er mir bis zuletzt aufsparen wollte. Aha, eine Havanna, dachte ich. Die Feinschmeckermiene, mit der er diese Worte sprach, ließ mich auch ein ganz besonderes Kraut erwarten. Aber ach, es war was anderes, ganz was anderes, dessen Anblick mich in diesem Augenblicke schaudern machte: »Wenn wir Toten erwachen«, der neueste Ibsen, den ich noch kennen lernen müsse – unbedingt. Und da half kein Widerstreben. Als das letzte Wort gefallen, war ich wirklich schon halb tot. Erst in der frischen Morgenluft kam ich wieder zur Besinnung.

Nun war es fast, als hätte mich mein Geschick zu einer kleinen Abwechselung als Medium für Verrückte ausersehen. Ein Bekannter teilte mir mit, daß seine Frau eine sehr vorteilhafte Heirat für mich wisse. Eine reiche Witwe, freilich schon ziemlich bei Jahren, wäre vielleicht nicht abgeneigt, mir ihre Hand zu reichen. Freunde und Bekannte gratulierten mir zu diesem Glücksfall, meine Zusage für selbstverständlich nehmend, so daß ich gar nicht mehr zu widersprechen wagte, um nicht als einer dazustehen, dem trotz Fortunas höchster Gunst doch nicht zu helfen wäre. Ich beschwichtigte meine Bedenken und den nicht geringen Widerwillen gegen eine solche Geldheirat durch die Hoffnung, auf diesem Wege mein so lange beabsichtigtes Streben noch am ehesten realisieren zu können. In der Erwägung, daß diese Frau nach der ihr schon gegebenen Schilderung meiner Lage sich doch entschließen könnte, mir ihre Hand zu reichen, sah ich mich auch bestimmt, ihr einen Grad hochherziger Gesinnung zuzuschreiben, der Häßlichkeit und Alter in den Schatten stellen muhte. Ich glaubte, daß sie einen armen Menschen in seinem Streben fördern wolle: ich sah ein liebes, gutes Menschenantlitz, aus dessen Auge Herz und Geist sofort zu meinem Herzen sprechen würden. In einem Kaffeehause wurde ich der mir Auserkorenen, die zu diesem Zwecke nach Berlin gekommen, von ihren Freundinnen vorgestellt. Wo waren meine Illusionen! Aus starren, welken Zügen sprach keine Spur von Nächstenliebe; nur die Selbstsucht grinste mir entgegen, und ein kleiner, dicker, kugelrunder Körper ergänzte den konträren Gegensatz des von mir entworfenen Bildes. Als während eines langen Schweigens kleine Katzenaugen durch eine goldene Brille scheu zu mir herüberblickten, fühlte ich mich wie versteinert. Und ich hatte keine Lust, auf meine alten Tage zur Statue zu werden. Sie schien auch meinen Blick nicht zu vertragen. Bald neigte sie ihr Köpfchen seitwärts. Medusa schämte sich ihrer Frühlingsgefühle, die mit Ausschluß jeder edleren Regung im Busen der Sechzigjährigen das Verlangen nach einem verhältnismäßig noch jungen Manne reiften. Sie fühlte, daß ihre Regung mächtiger als ihr Geiz: es erfaßte sie ein Grauen, daß sie sich entschließen könnte, ihr selbst ein Glied von ihrem Götzen Reichtum aufzuopfern. Schaudernd dachte ich an die mir vom heiligen Ehestande auferlegten Pflichten, an meine Unfähigkeit, sie auf vorhandener Unterlage erfüllen zu können, und unermüdlich war wieder meine »ewig bewegliche, immer neue Göttin Phantasie«, ein Bild zu entwerfen, vor dem der Teufel selbst die Flucht ergriffen hätte. Ich hielt stand; ich war gezwungen, standzuhalten. Man hatte mich schon unterstützt, um entsprechend auftreten zu können. Wenn sie auch meine Armut kannte: Der Bräutigam der reichen Witwe mußte in der Lage sein, anfänglich wenigstens, den Kavalier zu spielen,– er brauchte so viel Eau de fleur, um den Geruch der Armut zu verbergen. Was hätte meine Gönnerin, die nur mein Glück im Auge hatte, wohl gesagt, wenn ich die Flinte gleich ins Korn geworfen hätte! Als sie allein zurückgeblieben, schilderte sie ihre Jugendzeit in weichen Flötentönen, und nicht ohne Rührung blieb ich, als sie mit leisem Schluchzen erzählte, daß sie als Kind vor Hunger die Milch der Katze ausgetrunken. Ich sagte mir, daß eine so freudenlose Kindheit auf ihr Gemüt nicht ohne Einfluß bleiben konnte und sie in Ansehung des Zufalls, dem sie ihren Reichtum zu verdanken hatte, Befriedigung darin erblicke, mich in gleicher Weise meiner Armut zu entheben. Ich war völlig umgestimmt. Ein großer Irrtum hatte diese Umwandlung vollzogen. Nur auf dem seltenen Grunde reichster Herzensfülle wird der Emporkömmling sich der Armut nicht verschließen. Der Umschwung seiner Verhältnisse ohne jene Unterlage wird ihn nur noch mehr verhärten. Er kannte einst die Armut so genau, daß die Erinnerung an die Bekanntschaft schon sein Entsetzen wachruft. Dem Elend gegenüberstehend, wird die Vergangenheit lebendig, die im Verhältnisse zu seinem jetzigen Glänze ihm noch schrecklicher erscheint. Deshalb trifft es auch so selten zu, daß der Emporkömmling demjenigen hilft, mit dem er einst ein großes Elend durchgemacht. Wenn er sich auch dem Reichen gegenüber mit seiner einstigen Lage brüstet, so will er doch nicht gleichsam in persona von der Vergangenheit gemahnt sein. Das gibt schon seine Eitelkeit nicht zu. Es ist mir auch nicht entgangen, daß diese Frau, sobald sie auf ihr Einst zu sprechen kam, sich nie in meiner Nähe ganz frei und sicher fühlte; sie traute nie dem armen Teufel ganz, als ob seine Gegenwart dieses Einst heraufbeschwören könnte. Alle hin und wieder auftauchenden Zweifel und düsteren Reflexionen verscheuchte aber die Hoffnung auf freie Mußestunden. In der Absicht, mir ihre Freundschaft zu erringen, spielte ich die höchst lächerliche Figur eines Liebhabers. Es war im Oberstübchen nicht mehr ganz richtig. Täglich kam ich mit einem Blumensträuße an. Neckisch nahm ihn die Alte entgegen, die im Gefühle wieder erwachter Jugend auch manchmal vor dem Spiegel ein kleines Tänzchen riskierte. Ich blieb fest. Froh, wenn ich nicht zu reden brauchte, gab ich mich beim Kaffeeklatsche als andächtiger Zuhörer, bis ich mein Bräutchen ins Theater führte. Dann soupierten wir zusammen. Erst gegen zwei Uhr morgens, nachdem ich meine süße Last nach Hause transportiert, war mein Tagewerk vollbracht, von dem ich mich in vollster Würdigung der überstandenen Strapazen nun aber auch erholen mußte. Mit Genugtuung auf einen kleinen Schritt nach vorwärts blickend und voll Entsetzen an des nächsten Tages gleichen Inhalt denkend, trank ich ein Gläschen nach dem anderen, bis ich so gegen sechs nach Hause wankte. Im Hintergrunde wankten Kant und Plato. Gegen zwei erhob ich mich wie ein zur Tortur Verdammter, um dann mit einem Sträußchen in der Hand mein Tagewerk von neuem zu beginnen. Der Lohn für meine Zärtlichkeiten ließ nicht lange auf sich warten. Bald überraschte mich mein Täubchen mit der Nachricht, daß sie ein Haus gekauft. Ich und Hausbesitzer! Es fiel meinem Hirn nicht leicht, diese beiden Begriffe zu verknüpfen. Mich quälte die Befürchtung, daß ich mit meiner Frau hinsichtlich der Hausverwaltung in manchem Punkte nicht ganz harmonieren würde. Ich sah auch schon das ganze Hinterhaus an meine Freunde vermietet und überlegte meinen Beistand bei ihrem Ausrücken, falls die Alte herzlos genug sein sollte, die Bezahlung der Miete zu verlangen. Ich war schon jetzt nicht mehr imstande, ihr etwas recht zu machen. Je näher die entscheidungsvolle Stunde rückte, desto mehr fand sie an mir auszusetzen. Der zukünftige Hausbesitzer brauchte noch manche Unterweisung. Dagegen hatte ich nichts einzuwenden, wenn sie es unter vier Augen tat; sie aber liebte es, mich coram publico zurechtzustutzen und mir hauptsächlich in der Straßenbahn ihre Standpauken zu halten, die mir schon mehr wie ein Apell an etwa noch anwesende Heiratskandidaten klangen, sich einer armen reichen Witwe und tief beklagenswerten Braut zu erbarmen. Zum allgemeinen Jokus saß ich da mit dem Brandmal auf der Stirne, daß Hopfen und Malz an mir verloren. Ich ertrug es in Geduld, schon meiner lieben, guten Gönnerin wegen. Als sie mir aber einmal in später Nachtstunde auf dem Heimwege sagte, daß sie es erst ein Vierteljahr, in dem ich bei ihr wohnen solle, mit mir probieren wolle, war mein Geduldsfaden gerissen. »Und wenn Sie bis zum Halse in Millionen stecken, müßte ich doch bestens danken.« Stechende Blicke trafen mich durch die goldene Brille. Mir schauderte vor diesem Leckerbissen der Ichneumonen: ich bewunderte des indischen Gauklers Kunstfertigkeit, Naja zu zähmen.

Als ad acta gelegter Bräutigam spielte ich meinen Freunden gegenüber keine glänzende Rolle, während meine Gönnerin, die es so herzlich gut gemeint, nicht sehr erfreut darüber war, die bei dieser Angelegenheit am meisten in Mitleidenschaft Gezogene gewesen zu sein.

Ich hatte meine Kräfte überschätzt und flößte meine Zuversicht auch anderen ein. Nur um mein Möglichstes getan zu haben, machte ich noch den Versuch, mich mit der alten Koketten zu versöhnen, im Grunde meines Heizens wünschend, daß sie sich nicht dazu herbeiläßt. Sie tat mir den Gefallen. Ein Alp wich nun von meiner Brust. Die Narrenposse war zu Ende. Nein, das wäre nie der Weg gewesen, zu Kant und Plato zu gelangen.

Nach einiger Zeit las ich in verschiedenen Zeitungen die Heiratsgesuche einer älteren Witwe. Alle Angaben paßten genau auf meine Gewesene, weshalb ich einen meiner Freunde veranlaßte, scheinbar darauf zu reagieren. Sie war es wirklich. Mit voller Namensunterschrift hatte sie ein Rendezvous für den nächsten Tag bestimmt. Ich verzichtete auf den Triumph, dort zu erscheinen. Ich stand mit meiner Armut bald wieder auf vertrautem Fuße und fand nach mehreren Wochen Engagement bei einer Schauspieltournee. Meine nach und nach auftauchende Vermutung, daß die aus drei Teilnehmern bestehende Direktion ein Spielerkonsortium sei, das unter dem Deckmantel eines Theaterunternehmens sich auf einer Tournee Gimpel fangen wolle, wurde mir bald bestätigt. Ich reiste sofort nach Berlin. Hier schickte mich ein Agent zu der bereits im Gange befindlichen »Sandrock-Tournee« unter Direktor Zeller, die ihren Weg nach Rußland nahm. Ich mußte in Köln eintreffen. Mein erster Weg war in den Dom. Mächtig wirkte dessen schmucklose Majestät auf mich ein. Die feierliche Stille stimmte mich zu einem heißen Gebete für meine verstorbenen Lieben.

Für mich selbst habe ich, soweit ich mich erinnern kann, seit meiner Kindheit nicht gebetet.

Ganz anders war mir beim Eintritt in die Peter-Paulskirche in Petersburg. Der schreiende Prunk konnte mich nicht erheben. Ein unheimliches Grauen durchlief mich. Ich hätte hier nicht beten können. Mir war es, als hörte ich aus der gegenüberliegenden Festung die Flüche politischer Verbrecher hinunterdonnern in die Zarengrüfte. Ich stimmte ein » Te deum« an, als ich wieder das blaue Himmelsdach erblickte.

Erst lange nach meiner Ankunft in Rußland erfuhr ich, daß uns die Tournee auch nach Lodz führen werde, woraus mich einst Sibiriens Schreckbild zu schneller Flucht getrieben. Je näher wir dieser Stadt gerückt, desto schrecklicher ward mir zumute. Endlich vertraute ich mich dem Direktor an, der mir den Trost gab, daß die Sache wohl schon längst vergessen und schlimmstenfalls mit einem dem Polizeimeister in die Hand gedrückten Hundertrubelschein zu erledigen wäre. Das hätte meine Ersparnisse schon bei weitem überstiegen. Mir blieb nichts übrig, als ruhig abzuwarten. Nach einem ungefähr achttägigen Aufenthalte in dieser Stadt nahm jedoch die Tournee politischer Unruhen wegen ein plötzliches Ende. Als ich deutschen Boden unter den Füßen hatte, entschädigte mich für den durch die kürzere Dauer des Engagements erlittenen Verlust das Gefühl einer doch relativen Freiheit. Ich war froh, dem mir verhaßten Rußland wieder einmal glücklich entronnen zu sein.

Schon während dieser Tournee war ich mit dem Direktor F... in H ..., der hauptsächlich einen Dramaturgen suchte, in Unterhandlungen getreten. Allen Geschäftsbriefen waren als Postskript die Grüße des mir bekannten Oberregisseurs und Bureauchefs beigefügt, weshalb ich annahm, daß ich das endlich perfekt gewordene Engagement hauptsächlich seiner Fürsprache zu verdanken hätte. Diese Vermutung sprach ich beim Eintreffen dem Direktor gegenüber aus, der mich zu meinem Erstaunen auf deren gerades Gegenteil hinwies. Der Oberregisseur sei nichts weniger als mein Freund, weshalb er es mir anheimstelle, meinen eigenen Weg zu gehen. Ganz im Vertrauen teilte er mir sogar mit, daß er mich an dessen Stelle setzen wolle: er gab mir zu verstehen, daß es ihm darum zu tun sei, jenen loszuwerden: es war in meine Hand gegeben, ihn auf geschickte Weise zu entfernen. Dazu war ich nicht der Mann. Ich gönnte ihm von Herzen seine Stellung, wenn er mir nur das Leben gönnte. Er hat mir leid getan: es drängte mich, ihm mein Inneres zu offenbaren: er sollte überzeugt sein, daß er mich nicht zu fürchten habe. Mich nach sich selbst abschätzend, war er jedoch nicht fähig, mir sein Vertrauen zu schenken. Nach meiner Achillesferse spähend, legte et mir einen Fallstrick nach dem andern, denen ich noch immer glücklich zu entgehen wußte. Später durchschaute ich erst sein Verhältnis zum Direktor. Der Mitwisser und Förderer der Machinationen, deren F... bedurfte, um sich vom armen Teufel zum reichen Manne emporzuschwingen, war ihm sehr unbequem geworden: er wollte ihn auf gute Art entfernen. Mit des Experimentierers Feuereifer griff er nun nach mir, um mich als Mittel zur Lösung dieser lästigen Verbindung zu gebrauchen.

Als ich dem Direktor ein nach seinen Angaben in einigen Tagen angefertigtes Stück überreichte, das seinen vollsten Beifall fand, war ich in jeder Hinsicht obenauf. Er zeichnete mich überall aus und erging sich über mich in den glänzendsten Lobreden. Einen solchen Menschen hätte er noch nie gehabt.

An einem heißen Sommertage wurde dieses Stück zum eisten Male aufgeführt. Das Haus war selbstverständlich leer. Aehnlich ging es mir mit allen übrigen Stücken. Als hätte der Herr Oberregisseur eifrig die Wetterprognose studiert, erlebten sie ihre Premiere an durch Glühhitze theaterfeindlichen Tagen, oder er mußte es so einzurichten, daß nach dem Durchfall eines mit großer Reklame angekündigten Stückes von einem anderen Verfasser ohne Sang und Klang eines von mir herauskam. Der Zusammenhang des Eintritts heißer Witterung mit meinen Premieren verschaffte mir bei den Kollegen den Spitznamen »Laubfrosch«, während der abergläubische Direktor mich als » persona piacularis« nur noch mit scheuen Blicken maß. Plötzlich war er mit seinem Oberregisseur wieder ein Herz und eine Seele. Im Vergleiche mit meiner bekundeten Tölpelhaftigkeit zeigten sich seines Getreuen Vorzüge in einem nur noch stärkeren Lichte. Was ich nie hätte fertigbringen können, war jenem nur ein Kinderspiel. Es kostete ihm einen Griff, mir das Genick zu brechen. Und das war ein erprobter Kunstgriff, der, wie die Erfahrung zeigt, bei allen Henkersknechten der Bühne in gar großem Ansehen steht und sich bei mir nun schon zum zweitenmal bewährte. Nach einer achtmonatigen Tätigkeit als Schauspieler, Regisseur und Dramaturg, als welcher ich nebst einigen Umarbeitungen sechs neue Stücke von 5–6 Akten geschrieben, gab man mir in Görners »Rotkäppchen« abermals die Rolle des Wolfs. Nach Zurückweisung derselben erhielt ich folgende Zuschrift:

»Nachdem Sie sich geweigert haben, die Rolle des Wolfs in »Rotkäppchen« zu spielen, haben Sie den mit mir abgeschlossenen Vertrag gebrochen und teile ich Ihnen hierdurch mit, daß Sie aus dem Verbande meines Theaters definitiv entlassen sind.«

Meine Eröffnung, daß ich in gleicher Angelegenheit einen Prozeß in erster Instanz gewonnen hatte, blieb auf den Direktor nicht ohne Eindruck. Schon schien der Umstand, durch einen Zufall über seines Matadors mißglückten Schelmenstreich triumphieren zu können, die Strahlen seiner Gunst, die ohne Ansehung der in Gebrauch gezogenen Mittel stets nur den Obsiegenden beglückte, abermals auf mich zu werfen, als ich von meinem Freunde folgende Zeilen erhielt: »Laß die ganze Bande schießen. Ernstl, und komme zu mir!« Einen mageren Vergleich selbst vorschlagen, die Sachen packen und abreisen war das Werk eines Augenblicks. Hinterher machte ich mir Vorwürfe, da sich der Direktor, um allen Unannehmlichkeiten zu entgehen, gar bald entschlossen hätte, mir die Gage für den Rest der Saison zu zahlen. Aber ich wußte mich zu trösten. So und nicht anders konnte ich handeln. Was war mir der materielle Verlust im Bewußtsein des Motivs, das mich geleitet! Es war mir klar, zwar wider die gesunde Vernunft, aber meinem innersten Wesen gemäß gehandelt zu haben.

Ich war wieder in Berlin. Bei einem Bekannten fiel mir Rousseaus »Emil« in die Hände, den ich mit größtem Eifer las. Ich spielte da und dort und schrieb auf Bestellung mehrere Einakter.

Zu dieser Zeit lernte ich einen eifrigen Nietzscheaner kennen, durch den ich die erste oberflächliche Bekanntschaft mit Nietzsche machte, wobei es auch geblieben ist, da seine Lehre, abgesehen von den inneren Widersprüchen, meiner später gewonnenen philosophischen Einsicht schnurstracks zuwiderlief. Für seinen Wiederkunftsgedanken und das Sinnlichkeitsideal des Uebermenschen, »als Richtungswerte der Emporbildung des Selbst,« fand ich einen meiner intelligiblen Maxime adäquaten, ungleich höheren Ersatz in der Idee der Freiheit.

Auf meine Anregung gründete der erwähnte noch scheinbar in guten Verhältnissen lebende Nietzscheaner ein literarisches Bureau, das wir gemeinschaftlich betreiben wollten. Nach der ersten Annonce kam er morgens ins Bureau gestürzt, in der sicheren Erwartung, daß die Besteller von Gelegenheitsdichtungen sich bereits totdrücken würden. Der erwartete Goldregen trat nicht ein. Nach vierzehn Tagen pfiff unser Unternehmen auf dem letzten Loche: nach einem Monat hatte es das Zeitliche gesegnet.

Das Mißlingen dieser Sache tat unserm guten Einvernehmen keinen Abbruch. Der Kantianer harmonierte prächtig mit dem Nietzscheaner, der ersteren als Erbauer von Luftschlössern noch weit übertraf. Phantastische Unternehmungen hatten sein Vermögen verschlungen, weshalb er seine herrschaftliche Wohnung aufgeben mußte. In ähnlicher Lage befand sich sein Schwager, so daß nun die glänzende Einrichtung beider zum Verkaufe bereitstand. Als dazu wesentlich geeignete Person hatte man mich ausersehen: man hatte mein Talent entdeckt: ich wurde Möbelhändler. In einem in Berlin W. gemieteten Laden verkaufte ich Möbel mit ganz ungewohntem Glücke, während ich mir im Hinterraume über den »Schematismus der reinen Verstandesbegriffe« lange vergeblich den Kopf zerbrach. Mit Schopenhauers »Satz vom Grunde«, zu dem ich leider erst jetzt gegriffen, hatte ich in der Philosophie den ersten sicheren Halt gewonnen. Nach zwei Monaten erreichte meine Seligkeit ihr Ende. Schweren Herzens half ich die von mir als Bett benutzte Chaiselongue, an die sich mancher schöne Traum, die Erinnerung hoffnungsreicher Stunden knüpfte, als letztes Stück auf den Wagen laden.

Was nun? Mir blieb keine große Wahl. Ich wurde Agent für Volksversicherung. Wenn jemand lacht: ich lache mit. Es flößte mir nur Achtung ein, wenn mir die Tür vor der Nase zugeschlagen wurde, als eine Kundgebung der Freiheit, auf die ich eben ein Attentat verüben wollte. Die große Ueberredungskunst, die mir allein den fremden Willen gefügig machen konnte, erschien mir bald wie eine fortgesetzte, nur auf Schleichwegen erzielte Ueberrumpelung der Gesinnung meines Nächsten. Die Dummheit, sonst meine erklärte Feindin, wurde mir zur zuverlässigen Genossin. Als mir nach einigen Tagen meiner Tätigkeit ein junges schönes Mädchen, aus dessen hellen blauen Augen Menschlichkeit und Milde sprachen, kurzerhand den Weg gezeigt, den Meister Zimmermann gelassen, hingen im nächsten Augenblicke Amt und Titel schon am Nagel. Es machte auf mich ganz den Eindruck, als hätte sie nur dem Gebote der Menschlichkeit gehorcht, sich einer Plage der Menschheit zu erwehren.

Guter Rat war mir jetzt teuer. Was gab es noch für einen Beruf, in dem ich mein Glück nicht versucht? Was war ich nicht schon alles? Apotheker, Schauspieler, Abiturient. Schmierenkomödiant, Souffleur, Ingenieurassistent, Adressenschreiber, Rezitator, Bänkelsänger, Schmierendirektor, Reisender, Sensationsschriftsteller, Rezitationszuhörer, Heiratsaspirant, Regisseur, Dramaturg, Gelegenheitsdichter, Möbelhändler, Versicherungsagent, Philosoph, Nichts – – – ha, Teilungsdirektor, Räuberhauptmann!

Das war doch sicherlich noch etwas: das mußte selbst der idealen Forderung genügen. Der Theaterlokalbesitzer eines Kurortes in der märkischen Schweiz machte mir nämlich den Vorschlag, bei ihm während der Sommermonate Vorstellungen zu geben. Bald war die Bande zusammengetrommelt, ein wahres Pandämonium, in dem ein Quodlibet von Teufeleien mir die Flötentöne der Hölle gründlich beibrachte.

Um Geld anzuschaffen, lief ich mit der Abonnementsliste von Haus zu Haus und verteilte das Erträgnis, auf die Ehrlichkeit der Mitglieder vertrauend. Zwei Gesangstücke waren angekündigt. Das eingetretene Regenwetter brachte das erste volle Haus. Im letzten Augenblicke Absage des Pianisten, eines Einwohners des Ortes: es sei ihm jetzt erst eingefallen, daß er sich für diesen Abend einem Verein verpflichtet. Und das Publikum war schon versammelt. Mir standen meine drei Haare zu Berge. Durch den glücklichsten Zufall wurde es mir noch möglich, Ersatz zu finden und dadurch einen teuflischen Plan zu zerstören, der mir ein schmähliches Ende bereitet hätte. Ein Kollege, der als solcher selbst an der Teilung des Abonnementsgeldes partizipierte, stand heimlich mit einem anderen Lokalbesitzer in Unterhandlung. Bei einem Ausfall der Vorstellung würden viele an diesem Plane beteiligte Abonnenten ihr Geld zurückverlangt haben, welchem Verlangen ich nicht mehr hätte nachkommen können. Tableau!

Ich muß nebstbei erwähnen, daß ich für die Geschäftsführung, die mit allerlei Auslagen verknüpft ist, zuerst einen halben und später einen Teil bekam. Um Abstecher auszumachen, Mitglieder zu besorgen und Geld anzuschaffen, war ich fast immer unterwegs. Außerdem war ich als Regisseur und Schauspieler sehr beschäftigt. Der stellvertretende Regisseur hat einen halben Teil als Gratifikation erhalten.

Eines Tages schickte ich einen Anfänger zum Vorverkäufer. Vergebens warteten wir auf seine Rückkehr, um die Probe abhalten zu können. Und das zweite volle Haus stand in Aussicht. Ich fuhr nach dem Bahnhof, um ihn für diesen Tag noch festzuhalten, falls er durchbrennen wolle. Ich traf ihn nicht. Es war vier Uhr geworden. Als wir ratlos durch die Straßen irrten, gewahrten wir plötzlich unser Kerlchen, angeheitert und kreuzfidel am Arme eines in der Nähe hausenden professionierten Schmierenhäuptlings, der ihn unter allerlei Versprechungen entführen wollte, um uns zu ruinieren und dann mit seinem Thespiskarren in die Stadt einziehen zu können.

Aber auch Dummheit und Launenhaftigkeit der Mitglieder erschwerte ihnen und mir das Dasein. Wir nahmen unser Mittagessen gemeinsam ein. Als es eines Sonntags Entenbraten gab, erklärte die erste Liebhaberin, abends nicht spielen zu können, wenn sie nicht gleich mehreren Mitgliedern eine Entenkeule bekäme. In der Küche war keine mehr vorhanden und von den Entenkeulenbesitzern dachte kein einziger daran, ihr die seinige abzutreten. Ich sprach ihr freundlich zu, ohne einen Erfolg zu erzielen. Schon konnte ich mich kaum mehr halten, als die Wirtsleute so freundlich waren, durch eine frisch gebratene Ente die Vorstellung und mithin das Unternehmen zu retten.

Um noch einige Einnahmen zu erzielen, dramatisierte ich, mit drei Kollegen in einer Stube hausend, die damals gerade aktuelle Draga-Affäre. Als die zur Darstellung der Draga bestimmte, schon ganz im Charakter ihrer Rolle lebende Entenkeulenliebhaberin mit allerlei seltsamen Prätensionen an mich herantrat, gab ich ihr kurzweg den Laufpaß. Es wurde mir nicht leicht, Ersatz zu schaffen. Die neue Liebhaberin glaubte zu bemerken, daß ihr Bräutigam mit einem jungen Manne in einem »erotisch betonten« Verkehr stehe, welche Wahrnehmung ihr genügte, um am nächsten Tage mit dem Frühzuge zu verduften. Um Begleitung zu haben, nahm sie gleich die ihr schon befreundete zweite Liebhaberin mit. Nun sahen wir gründlich fest. Der Himmel sandte uns aber nochmals Ersatz, und mit dem Eintritt der längeren Abende hoben sich auch die Geschäfte.

Das Trauerspiel hinter den Kulissen war jedoch noch nicht zu Ende: seinem Helden stand noch ein heißer Kampf bevor.

Um den Wagen zu sparen, machte ich an einem Sonntag den Vorschlag, in der mondhellen Nacht den vom Theaterlokal bis zu unserer Wohnung drei Kilometer weiten Weg zu Fuße zurückzulegen. An der Chaussee angelangt, rief die mit einem Kollegen Arm in Arm gehende erste Heldin und Liebhaberin plötzlich: »Hier stellt mir einer ein Bein, hier stellt mir einer ein Bein!« Ihr exaltiertes Wesen kennend, ermahnte ich sie, keinen Lärm zu machen. Zwei auf der anderen Seite der Straße stehende Herren bestätigten mir aber, daß auch ihre Damen von demselben Menschen belästigt worden seien. Ich trat auf ihn zu, ihm eine fernere Belästigung der Dame untersagend. In demselben Augenblicke erhielt ich einen Schlag ins Auge, daß ich zu Boden fiel. Sofort raffte ich mich auf und stellte, von ihm aufs neue angegriffen, meinen Mann. Die Kollegen rissen aus. Es ist schon mehr ein Wettrennen gewesen. Nur meine erste Heldin, ein Riesenweib, wich nicht vom Platze. »Elende Feiglinge,« brüllte sie, den Schirm schwingend und entschlossen, dreinzuschlagen, den fliehenden Kollegen nach. Schon hoffte ich auf kräftige Unterstützung, als ihrem Ausruf der Entrüstung bald ein noch stärkerer des Entsetzens folgte. »Ha, mein Gebiß,« schrie sie: sie hatte in der Hitze des Gefechtes ihr Gebiß verloren. Nun konnte ich auf meiner Heldin Beistand nicht mehr rechnen. Ihres Gebisses Schicksal ging ihr näher als das meiner Knochen. Endlich fand sie es. Im Jubel über das gefundene Kleinod stürmte auch sie von dannen, mich den Armen meines Gegners überlassend, in dessen Hintergrunde als Reserve noch zwei handfeste Kerle standen. Nach einem heißen Kampfe, in dem ich einem jungen kräftigen Manne gegenüber den kürzeren gezogen, trat auch ich mit dick angeschwollenem Auge den Heimweg an. In der Mitte der Chaussee holte ich meine Heldin ein mit ihrem Ritter, der sie vorhin im Stich gelassen. Als wir den Hergang der Begebenheit diskutierend langsam des Weges gingen, stand plötzlich wieder jener Kerl vor mir, dem seine Begleiter folgten. »Du hast mir meine Weste zerrissen,« schrie er; »Geld her – oder es geht aufs Ganze!« Und ich hatte die am nächsten Tage zu verteilende Sonntagseinnahme von ungefähr hundert Mark in der Tasche. Heimlich meinen Haustorschlüssel ziehend, stellte ich mich mit der Behauptung, daß ich nichts bei mir habe, aufs Aeußerste gefaßt, ihm gegenüber. »Hier, hier nehmen Sie, was ich besitze,« rief ängstlich mein Kollege, alle Taschen lüftend und ihm 1,80 Mark gebend. Diesem Umstand hatte ich es zu verdanken, daß ich nicht zum Krüppel geschlagen wurde. Der Ortsgendarm nahm sich der Sache an und eruierte als Angreifer den bei einem Kaufmann in dieser kleinen Stadt angestellten Kutscher, der in Frankfurt a. O. zu einem Jahre Gefängnis verurteilt worden ist. Vor dem Zeugeneide nach meinem Vorleben befragt, wurde es mir nicht leicht, sagen zu müssen, daß ich vor zwanzig Jahren zu zehn Mark Geldstrafe, eventuell zwei Tagen Gefängnis, verurteilt worden war.

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