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Der philosophierende Vagabund

Ernst Clefeld: Der philosophierende Vagabund - Kapitel 10
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typeautobio
authorErnst Clefeld
titleDer philosophierende Vagabund
publisherVerlag von Robert Lutz
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Ein kleiner Aufschwung.

1890-1893.

Tod meiner Tante. – Prozeß. – Ein Liebesverhältnis. – Regiekonflikte. – Mein Drama »Komödie«. – Gastierende Schauspieler. – Rezitationen. – Reisender für Keramik. – Mein Engagement in Lodz. – Die russische Zensur. – Ein Rezitationsabend in Pabianicze. – Die Wallfahrt nach Kevelaar. – Gotteslästerer. – Die Flucht aus Rußland.

Nicht freudlos war mein Dasein. Reichlich hatte mich die gütige Natur mit Gaben versehen, um den Dissonanzen meines widrigen Geschickes freundliche Akkorde zu entringen. An alle Schrecknisse des Lebens reichlich gewöhnt, konnten mich im Bewußtsein, sie überwinden zu können, diesbezügliche Phantasiegebilde nicht mehr erregen, wodurch ich fähig wurde, angesichts einer völlig unsicheren Zukunft, ja selbst der unausbleiblichen Not des nächsten Tages einen schönen Augenblick voll und ganz zu genießen. Mich in ihm mächtig ausbreitend, stärkte ich mich zugleich für die mir bevorstehenden schlimmen Stunden, und die in solchen Augenblicken durch den raschen Wechsel von Not und physischem Wohlbehagen erhöhte Empfänglichkeit ließ mich die reale Gegenwart und eine geträumte Zukunft zugleich genießen. Die Befriedigung der gewöhnlichsten Lebensbedürfnisse war mir schon ein Genuß, der zum Erzeuger solcher Stimmungen wurde: in der höchsten Not streckten mir abstrakte Helfer ihre Hände entgegen. Je nach Bedarf war ich empirischer Fatalist oder Weltverneiner. Wohl erfaßte mich manchmal eine solche Hoffnungslosigkeit, daß ich den Entschluß zum Selbstmord faßte. Dieser Zustand der höchsten Unfreiheit war mir der Uebergang zur Freiheit. Ich sah mich plötzlich in eine neue Welt versetzt, gleichsam als einen vom Tode Auferstandenen, dem die Aufgabe gestellt ist, sich in der ihm nun wie vom Himmel heruntergeschneiten Lage zurechtzufinden. Der Kampf an sich interessierte mich. Mir die Unempfindlichkeit im Tode vor Augen haltend, wurde es mir möglich, meine Empfänglichkeit für alle unangenehmen Eindrücke auf das geringste Maß zu reduzieren, für alle angenehmen aber aufs höchste zu steigern. Ich lebte nur dem Guten und Schönen.

Nach diesen unstäten Wanderungen kam ich nach B .... Ich hatte Glück. Ein mir bekannter Schauspieler M ...., der meine Fähigkeiten schätzte, fing eben Direktion an und engagierte mich. Wie so oft in meinem Leben spielte mir auch hier der Zufall einen tollen Streich. Meinem Direktor, einem Don Juan ersten Ranges, wurde von einem eifrigen Ohrenbläser hinterbracht, daß ich dabeistand, als ihm seine Ehehälfte mit ihren Möbeln durch die Hintertür ihres Wohnhauses ausrückte. Er glaubte offenbar, daß ich aus egoistischen Gründen ihr dabei behilflich war, während ich nur zufällig im Vorübergehen mit ihr gesprochen und meinem Erstaunen über ihre Handlungsweise Ausdruck gegeben hatte. Der Herr Direktor suchte einen Streit, um mich entlassen zu können. Während ich allabendlich den Vimar Knecht in Wildenbruchs »Das neue Gebot« spielte, sollte ich in einer Nachmittagsvorstellung als Wolf in Görners »Rotkäppchen« auftreten. Ich stellte sehr bescheiden vor, daß man den Darsteller jener ersten Charakterrolle billigerweise verschonen sollte, nachmittags als wildes Tier über die Bühne zu laufen: daß man mir durch das Bewußtsein meiner Bestimmung zu den niedrigsten darstellerischen Aufgaben die Lust zu einer der höchsten nehme und in erster Linie die Achtung vor dem Dichter des »Neuen Gebotes« in den Staub getreten werde. Es war in den Wind gesprochen. Entweder spielen oder hinaus! Ich ging und klagte meine Gage ein für die Dauer der Saison. – – – – – – – – – – – – Zu dieser Zeit erhielt ich die Nachricht von Tante Bettis Tod. Nur um mich noch glücklich zu sehen und ihre Schwester nicht hilflos zurückzulassen, mit ihr vereint zu sterben, ertrug sie mit wahrhaft himmlischer Geduld Armut, Elend, Kränkungen, Schmach und alle Lasten des Lebens, und ohne Erfüllung dieses einzigen Wunsches, der sie über neunzig Jahre alt werden ließ, der als letzter glimmender Funke den allen Lebensfreuden abgestorbenen Leib nur noch mühsam aufrecht erhielt, mußte sie hinüber! Wohl erfaßte auch sie, wenn Undank und Lästerung ihr die Krallen ins Herz schlugen, ein Abscheu vor dem Wesen der Welt. »O, ich möchte mich verkriechen,« sprach sie, »und nichts mehr sehen und hören,« aber bald brach aus ihrem umflorten Gemüte wie ein glänzender Sonnenstrahl wieder die Liebe. Auch ohne jedes Dogma, ohne jede Verheißung wäre ihr Leben ein treues Abbild der Tugend gewesen.

Am Tage ihres Begräbnisses mußte ich in der Umgegend von Berlin den Baransky in »Verlorene Ehre« für ein Honorar von sechs Mark spielen.


Nachdem ich auf Grund mehrerer Urteile von Bühnenautoritäten jenen Prozeß in erster Instanz gewonnen hatte, bestimmte mich in der Berufungsinstanz mein eigener Anwalt, der zufällig zugleich der Anwalt des Theaterbesitzers war, bei dem M... als Pächter spielte, zu einem Vergleiche, in dem mir die Hälfte des in Frage stehenden Betrages zugesprochen wurde. Der Gegenanwalt gab mir vor Gericht eine Anzahlung von 20 Mark. Als ich nachmittags in seinem Bureau erschien, um mir den Rest von ca. 80 Mark zu holen, erhielt ich den Bescheid, daß ich nach Abzug der mich zur Hälfte treffenden Prozeßkosten nichts mehr zu fordern hätte. Um ein solches Resultat zu erzielen, hatte ich zur Wahrnehmung des Termins die Reise aus meinem Sommerengagement in Landsberg a. W. gemacht. Mir blieb nichts übrig als der Verdruß über das erlittene Unrecht und die gewonnene Erkenntnis, daß Recht und Gerechtigkeit im Hirn des Armen meist nur fruchtlose Begriffe sind, deren Realität durch Erfahrung kennen zu lernen ihm ungefähr mit derselben Wahrscheinlichkeit bevorsteht wie ein höherer Lotteriegewinn. Mir sollte die glänzende Genugtuung werden, in einem ähnlichen Falle bald darauf einem armen Menschenkinde zu einem solchen Lotteriegewinne verhelfen zu können.

Nach einer in Landsberg a. W. unter Direktor Schich durchgemachten Pleite kam ich als Regisseur an das Viktoria-Theater in Halle a. S., das von dem bekannten Direktor Emil Schönerstädt geleitet wurde. Er hatte die schwere Aufgabe, die durch seine Vorgänger heruntergebrachte Bühne wieder in die Höhe zu bringen, was ihm trotz der größten Anstrengungen nicht gelingen wollte, da ihm die finanzielle Unterlage fehlte, um das vorhandene Vorurteil des Publikums durch eine zähe Ausdauer überwinden zu können. R ...., der Inhaber des Theateretablissements, dessen Frequenz von der des Theaters abhängig war, hatte auf diesen Direktor seine letzte Hoffnung gesetzt, durch deren Fehlschlagen er dem Untergange von Tag zu Tag näherrückte. Der äußerst nervöse Mann geriet durch diesen Umstand in eine hochgradige Erregung, die von dem infolge der unpünktlichen Gagezahlung ebenfalls außer Rand und Band geratenen Komödiantenvölkchen auf die Spitze getrieben wurde. Mit scharf geladenem Revolver lief er hinter den »Kanaillen« her, um sie niederzuknallen. Sobald sein Zorn vorüber war, fühlte er das dringendste Bedürfnis, mit dem vorher beinahe Niedergeknallten wieder gemütlich anzustoßen. Schließlich erfolgte der Zusammenbruch. Ich hätte in dieser Stadt buchstäblich verhungern müssen, wenn mir nicht mein jüngster Bruder wieder beigestanden wäre. Besonders in späteren Jahren bei schon fast gebrochener Widerstandsfähigkeit des Körpers ist mir dieser edle Mann, der selbst für eine zahlreiche Familie zu sorgen hat, unzählige Male zum Retter geworden. Er half mir schneller als ich mich bei ihm bedankte: ich konnte stets auf die Minute das Erscheinen des Briefträgers bestimmen. Wo wäre ich ohne ihn? Ich würde längst nicht mehr unter den Lebenden weilen.

Mit echt kindlicher Liebe ist er bemüht, von unserer alten Mutter, die bei ihm ist und mir auch so manche Ersparnis geopfert hat, jede Sorge fernzuhalten.

Meinen älteren Bruder zwangen große Verluste, das Geschäft des Vaters aufzugeben. Er mußte lange ringen, bis es ihm gelang, sich als Beamter eine Stellung zu gründen.


Im nächsten Winter kam ich als Regisseur an das Stadttheater in R...

Nach jener gewaltsamen Aufrüttelung und der darauf folgenden sinnlosen Verschwendung seiner erwachten Gefühle war Eros wieder in tiefen Schlaf verfallen, aus dem ihn abermals das schmachtende Liebesstöhnen einer Frau ermunterte. Täglich erhielt ich ein zartes rosenfarbiges Briefchen, voll der heißesten Liebesschwüre. Schon unser erstes Zusammentreffen brachte die gewünschte Einheit, der nur meine durch Not, eine aufreibende Tätigkeit und die lange Pause wieder geschwächte Manneskraft, hauptsächlich aber der Gegenstand meiner Liebe selbst nicht den nötigen Halt zu geben vermochte. Nicht denselben stürmischen Beifall, den sie dem Schauspieler zollte, konnte der Mann sich erringen. Das leidenschaftliche Spiel des ersteren ließ sie Wunderdinge von letzterem erwarten. Um so schrecklicher war die Enttäuschung. Diese voll zum Ausdruck bringend, ging sie von dannen ohne einen Funken der Ausdauer und Tatkraft jener ersten siegreichen Heldin, die nicht zurückgeschreckt wäre, wenn es gegolten hätte, die Lethargie einer halben Leiche in libidinem umzusetzen. Die durch meinen Widerstand anwachsende Leidenschaft, die Zärtlichkeit und Tränen jener Tausendkünstlerin unterstützten meine Phantasie, deren Hilfe ich zur Erzeugung der erforderlichen Stimmung stets bedurfte, da mir die nackte Wirklichkeit nie genügen konnte. Ich glaubte wenigstens an ihre Liebe. Das Auftreten dieses Weibes hingegen strafte ihre brieflichen Versicherungen Lügen. Ich konnte keinen Pfad finden, über das Manko der gebotenen Reize hinwegzukommen, so daß mich im ersehnten Augenblicke wieder nichts als Unlust und Ekel erfüllten. Ich wurde sofort als unfähig entlassen und mit meiner Rolle der jugendliche Held und Liebhaber betraut, der ihren Ansprüchen völlig zu genügen schien. Wenn ich mich über ihre Ungnade auch ohne Schwierigkeiten hinwegsetzen konnte, so quälte mich doch das Bewußtsein meiner ihr gezeigten Schwäche, deren Hauptgrund sie nicht kannte und die nun durch die Schamlosigkeit dieses Weibes bald zur Ursache einer mir von seiten der Kollegen zuteil gewordenen schimpflichen Demütigung wurde. Während ich Regie führte, begegnete ich fortwährend höhnischen Blicken, bei jeder meiner Anordnungen war ich der Gegenstand eines unzweideutig frivolen Gelächters. Sie hatte das Ergebnis unseres Zusammenseins ihrem neuen Liebhaber erzählt, der es als Mitglied einer zur Veranstaltung nächtlicher Orgien gebildeten Clique, welcher mehrere Schauspielmitglieder und jene Frau mit ihrer Freundin angehörten, zum Besten gab. Ich schrieb ihr einen Brief, worin ich meinen empörten Gefühlen keinen Zwang auferlegte. Sie sann auf Rache. Als ich eines Tages in meinen Papieren kramte, fiel es mir auf, von ihren vielen Liebesbriefen nicht einen einzigen vorzufinden. Während ich im »Kätchen von Heilbronn« den Theobald spielte, waren mir die Schlüssel aus meiner Straßenhose gestohlen worden. Nach der Beschreibung der Wirtin konnte der Täter nur ein Schauspieler sein, der augenblicklich seiner Militärpflicht genügte. Als ich es ihm auf den Kopf zusagte, fehlte ihm der Mut zu leugnen. Sie hatte ihn dazu angestiftet. Nebst manchem fettem Bissen stand ihm noch offenbar ein süßer Lohn in Aussicht. Die Rache konnte nicht vollzogen werden, solange ich noch Briefe von ihr besaß, und von Glück durfte ich sagen, daß dieser Coup nicht vollständig gelungen war. Der Dieb hatte eine kleine Schublade übersehen, in der noch zwei ihrer sie am meisten belastenden Briefe lagen. Ich sprach über das Mißlingen mein lebhaftes Bedauern aus, zugleich die kategorische Forderung stellend, mich fortan in Ruhe zu lassen.

Die mir von jener Clique auf der Probe bezeigte Mißachtung war jedoch auf unbeteiligte Mitglieder nicht ohne Einfluß geblieben. Fortwährend geriet ich mit der komischen Alten wegen mangelhaften Lernens ihrer Rollen in Streit, der eines Tages besonders heftig wurde und dem Direktor den willkommenen Anlaß gab, sich der wenig brauchbaren Schauspielerin und ihres untalentierten Sohnes auf eine bequeme Art zu entledigen. Ich machte mir Vorwürfe, da sie allem Anscheine nach an Gedächtnisschwäche litt und mit bestem Willen nicht mehr lernen konnte, welche Erkenntnis ein minder schroffes Auftreten meinerseits hätte bewirken müssen. Man verlange aber nur von einem abgehetzten, durch nächtliches Rollenstudium überreizten, für das Gelingen der Vorstellung verantwortlichen Regisseur, daß er bei der Probe auch noch alle möglichen Rücksichten nehme. Pflichterfüllung und auf geistige Schwächen reagierende Menschlichkeit lassen sich hier nicht vereinigen. Die sofortige Entlassung schien dem Herrn Direktor jedoch noch keine hinreichende Sühne: er hielt es für angebracht, sie und ihren an dem Vorfalle gänzlich unbeteiligten Sohn auch noch durch Nichtauszahlung der bereits verdienten halben Monatsgage zu bestrafen. Die Frau verklagte den Direktor, der mich als Zeugen vorschlug. In der genauen Kenntnis der den Komödiantenplebs leitenden Triebfedern, als Erzeuger knechtischer Unterwürfigkeit und freudiger Bereitwilligkeit zu allen von einer hohen Direktion oft nur durch einen Blick befohlenen Gemeinheiten und zu den niedrigsten Schergendiensten, wozu sich in diesem Falle nach seiner Annahme auch noch die Rachsucht gesellte, mußte er auf Grund meiner Zeugenaussage den Ausgang des Prozesses als zu seinen Gunsten gesichert betrachten. Nur im letzten Augenblicke schien er meinen Absichten und Gefühlen nicht recht trauen zu wollen. Mir mit scheuem Seitenblicke die Sand auf die Schulter legend, sprach er salbungsvoll die Worte: »Gehen Sie mit Gott!« Mir war es, als hätte er den Satz noch nicht vollendet, als schwebte noch etwas im Untergründe seiner Seele, wovor er selbst ein Grauen hatte, als ob er befürchtete, daß ich der von meinem Scharfsinn gegebenen Ergänzung des Geleitworts vielleicht doch nicht gehorchen könnte, es klang mir ganz, als ob er sagen wollte: »Gehen Sie mit Gott – – einen Meineid schwören!« Ich konnte ihm diesen kleinen Gefallen nicht erweisen; ich brachte vielmehr meine Empörung über seine Handlungsweise zum Ausdruck. Die Klägerin kam zu ihrem Rechte. Am Tage der Urteilszustellung begegnete ich dem Direktor auf der Straße. Drohend machte er mir den Vorwurf, eine falsche Aussage gemacht zu haben. Was mein Hirn in diesem Augenblicke an zutreffenden Bezeichnungen auftreiben konnte, schleuderte ich ihm ins Gesicht, und meine Rolle für denselben Abend vor die Füße.

Am nächsten Tage war ich in Berlin. Während des darauffolgenden Winterengagements in Z... wurde mein Trauerspiel unter dem Titel »Komödie« mit so großem Erfolge aufgeführt, daß ich in dieser Stadt einen Verleger fand, der es drucken und versenden ließ. Die ganze Errungenschaft beschränkte sich auf eine günstige Kritik in Brockhaus' literarischen Blättern und ein aufmunterndes Schreiben von dem bekannten Schriftsteller Doktor W. Henzen.

In diesem Engagement wurde mir ein bekannter Hofschauspieler, der als Doktor Stockmann in Ibsens »Volksfeind« gastierte, zum Verhängnis. Ich führte die Regie. Zur Vorprobe waren mir nur am vorhergegangenen Tage die Nachmittagsstunden von 3–6 gegeben, worauf noch ein anstrengender Abstecher unternommen wurde. Es ist wohl natürlich, daß infolge dieser mangelhaften Vorbereitung und der durch den Abstecher eingetretenen Abspannung bei der Hauptprobe dieses so schweren Stückes kaum jemand wußte, wo er zu stehen hatte. Trotzdem ich auch noch von der fast über Nacht gelernten Rolle des Bürgermeisters sehr in Anspruch genommen war, wurden mir von selten des Gastes, der keine meiner Entschuldigungen gelten ließ, die heftigsten Vorwürfe gemacht. Es kam zu einem Wortgefecht, wobei der Direktor, als der wahrhaft Schuldige, da er mir keine Zeit für die nötigen Vorproben gegeben, die Partei des Gastes ergriff. Am nächsten Tage nahm ich zum Triumph meiner Gegner die Entlassung.

Glücklicherweise gehören solche Gäste zu den Ausnahmen, der im Schauspielerstande am meisten ausgeprägte Dünkel hingegen auch hier zur Regel. Ordentlich befreiend wirkte es auf mich, hin und wieder einsichtsvolle Künstler und Künstlerinnen, wie Jaffé, Port, Anna Schramm usw. kennen zu lernen, welche den armen Teufeln, die ihnen nur zur Folie dienen, um sich die Tasche füllen zu können, mit Güte, Freundlichkeit und Nachsicht entgegenkamen und gewiß zugeben müssen, auf diesem Wege die größte Bereitwilligkeit und Arbeitsfreudigkeit gefunden zu haben.

Auch jetzt wurde mir eine glänzende Genugtuung, die mich für das erlittene Unrecht reichlich entschädigte. Was mir das Geschick mit der einen Hand nahm, gab es mir mit der andern doppelt wieder. Ich veranstaltete einen Rezitationsabend, an dem ich Homer und Cicero in den Ursprachen und die vom Rektor des Gymnasiums dieser Stadt ins Deutsche übertragene erste Philippika des Demosthenes zum Vortrage brachte. Obgleich meine Darbietungen durch eine körperliche Indisposition und damit wieder verknüpfte Aufregung merklich beeinträchtigt wurden, machten dieselben auf die gebildeten Kreise doch einen solchen Eindruck, daß mir von nun an Tor und Tür offenstanden. Ich hielt in allen besseren Vereinen humoristische Vorträge, wozu ich auch von zwei Kommerzienräten der Umgegend für ein verhältnismäßig glänzendes Honorar verpflichtet wurde. Ich verdiente in einem Monat fast das Doppelte meiner Schauspielergage und atmete, fern von den Kabalen des Bühnenlebens, erleichtert auf im Gefühle der Freiheit.

Als der Sommer herankam, machte mir mein Verleger den Vorschlag, für eine keramische Zeitschrift Abonnenten zu sammeln. Ich fühlte mich schon wieder als Held eines neuen Schicksalsdramas. Der Uebergang schien mir nur äußerst unvermittelt. Reisender! Von der Dramatik zur Keramik, von Poesie zum Porzellan! Im Ueberspringen dieser Riesenkluft sah ich jedoch den Ausdruck einer Heldenstück und Größe der Gesinnung, mit der sich kein Römer hätte messen können. Ich griff zu in der Hoffnung, mir auf diesem Wege durch Sparsamkeit die Mittel zu ernstem wissenschaftlichem Streben erringen zu können. Der Knüppel lag aber auch hier beim Kunde. Die neue Zeitschrift konnte mit den dieses Gebiet bereits überschwemmenden bewährten Erscheinungen nicht konkurrieren. Nur durch Versprechungen, daß die Zeitschrift bald auf der Höhe stehen werde, gelang es mir, das untere Fabrikpersonal zum Abonnement zu bestimmen. Von den Ingenieuren auf die vorhandenen Mängel aufmerksam gemacht, hielt ich es für meine Pflicht, dem Chef reinen Wein einzuschenken, worüber die ihm befreundeten Herausgeber nicht erbaut waren. Da ich aber mit zwei nebenbei zu vertreibenden kaufmännischen Werken einen großen Absatz erzielte, gelang es mir, die von jenen einem mangelhaften Vertriebe beigemessene Schuld des Mißerfolges wieder auf die Mängel der Zeitschrift abzuwälzen. Dennoch sollte ich diese nicht fallen lassen. Sobald ich jedoch in eine Fabrikgegend kam, in welcher ausschließlich der Vertrieb der Keramik in Frage kam, war manchmal das Geschäft wie abgeschnitten. Ich war auch nicht Kaufmann genug, um die an guten Tagen erhaltenen zahlreichen Bestellungen der anderen Werke auf die schlechten Tage zu verteilen. Dem stand schon meine Freude, den Chef durch eine gute Tageslosung erfreuen zu können, entgegen. Als mir aber auf offener Karte wegen nicht genügenden Absatzes Vorwürfe gemacht wurden, reichte ich meine Kündigung ein. Es hat mir an Privatklugheit gefehlt; mein Pflichtgefühl stand mir auch hier im Wege. Wäre ich weniger gewissenhaft gewesen, so hätte ich mir in einem Jahre ganz ansehnliche Mittel erwerben können.

Ich bekam Engagement nach Lodz zu Direktor A. Rosenthal. »In Polen laufen die Wölfe umher,« sagte zu mir ein alter Schauspieler vor meiner Abreise. Ich sollte die Wahrheit dieser Worte im vollen Umfange erfahren. Das erste unheimliche Gefühl war das der geraubten Freiheit. Als auf der Grenzstation Alexandrowo der Gendarm die Tür hinter mir zuschlug, war es mir schon, als säße ich hinter Schloß und Riegel. Kurz vor Mitternacht kam ich in Lodz an und stieg im Hotel Manteuffel ab.

Am nächsten Morgen machte ich meinem Talentpächter die obligate Visite und besah mir die Stadt. Ein großes Dorf mit dem Treiben einer Weltstadt. Die Jagd nach Mammon! Es konnte mir da nicht gefallen.

Ich wandte mich an die Zettelträgerin, die den Mitgliedern Wohnungen besorgen mußte. Sie wußte nur noch ein einziges Zimmer in einem der entlegensten Stadtteile. Nach einer langen Wanderung zwischen Planken und Zäunen stand ich vor einem alten einsam stehenden Sause: dem Kunkelhause.

Meine Begleiterin, die mich oft sinnend und verlegen ansah und etwas auf dem Herzen zu haben schien, rückte endlich mit der Sprache heraus. Diese Gegend sei nicht ganz sicher, es vergehe fast kein Tag, ohne daß ein Mord geschehe, es werde nachts auch viel geschossen. Sie sage es nur, daß ich beileibe nicht erschrecke, wenn ich spät nach Hause komme und etwa um mich schießen höre, und hier, gerade vor dem Kaufe, sei vorgestern in der Abendstunde einem Herrn so en passant mit einem Taschenmesser die Gurgel durchschnitten morden.

In diesem Hause wohnte ich vier Monate. Ich hörte nachts auch sehr oft schießen, doch ich gewöhnte mich daran. Sei es nun, daß mich die Herren Spitzbuben von der Bühne her als Kollegen kannten und schätzten: ich trat zu jeder Stunde unbewaffnet den Heimweg an, ohne durch Kugeln, Taschenmesser und Dolche nur im geringsten inkommodiert zu werden.

Das Interesse des Publikums konzentrierte sich fast ganz auf die allerdings gut vertretene Operette. Einer Aufführung des »Bettelstudent« wohnte ich als Zuschauer bei. In den Logen sahen die schönen Frauen. Purpur ergoß sich auf ihre Wangen und seliges Entzücken strahlte aus ihren süßen Märchenaugen, als ihnen von der Bühne herab ihr Loblied ertönte. Sie schwammen in Wonne, ich schwamm mit, und es drängte mich hinzugehen von Ohr zu Ohr und ganz leise hineinzuflüstern: Es ist wahr, wahr: »Die Polin hat von allen Reizen die exquisitesten vereint– –«

Mein Engagement fand auch hier kein schönes Ende. Vorfälle, deren Schilderung zu weit führen würde, entzogen mir die Neigung des Direktors. Er glaubte mich in jeder Weise zurücksetzen zu dürfen. Außerdem war ich in Rußland. Das machte auf mich wenig Eindruck. Ich hätte auf dem Krater des Kliutschi noch den Mut besessen, kein Unrecht zu erdulden. Ich warf ihm die Rollen vor die Füße und ging.

Meine Anhänger billigten die Absicht, einen Rezitationsabend zu veranstalten, der als solcher für diese Stadt noch etwas neues war. Ich sah nur die gewaltige Klippe nicht, die ich vorher zu überwinden hatte: Die Zensur!

Ein früher angesehener, wegen verschiedener Vergehen seines Amtes entsetzter Advokat sollte in den nächsten Tagen nach Warschau reisen und mir bei dieser Gelegenheit die Zensur der vorzutragenden Piecen erwirken. Nachdem ich ihm das die Vortragsstücke enthaltende Buch und fünf Rubel als Vorschuß gegeben hatte, harrte ich vergebens auf seine Ankunft, bis ich ihn eines Tages zufällig auf der Straße traf. Er widersprach mir nicht, als ich ihm auf den Kopf zusagte, daß er gar nicht in Warschau gewesen sei: er hatte die fünf Rubel verklopft und das Buch in einer Schnapskneipe versetzt. Mit Empfehlungen an den Sekretär des Generalgouverneurs und an einen einflußreichen Redakteur reiste ich nun selbst nach Warschau. Ich ließ mein in deutscher Sprache verfaßtes Gesuch in einem Korrespondenzbureau ins Russische übersetzen, wofür ich einen Rubel bezahlte, und reichte es mit einem Achtzigkopekenstempel versehen vormittags ein. Nachmittags erhielt ich es durchstrichen zurück mit der Begründung, daß ein in meiner deutschen Vorlage zum Zwecke einer beschleunigten Erledigung gebrauchtes Wort in russischer Sprache respektswidrig klinge. Auch der Stempel war nicht mehr zu verwenden. Ich ließ mir für einen zweiten Rubel ein neues Gesuch anfertigen, das mir am nächsten Morgen abermals durchstrichen zurückgegeben wurde. Der Sekretär wies mich an einen Schreiber der Zensurbehörde. »Bezahlen?« fragte mich dieser mit entsprechender Fingerbewegung. Die Kenntnis dieses Wortes, das ihm die Quintessenz der deutschen Sprache zu sein schien, genügte ihm vollständig. Ich halte für die Hauptworte der polnischen Sprache, deren Kenntnis mir genügte: Bibo (Bier) und – ich will für die Orthographie nicht einstehen – dai mi busziska (gieb mir ein Küßchen).

Ich zahlte für das Gesuch zwei Rubel und war glücklich, endlich ein den Vorschriften entsprechendes in Händen zu haben. Ich freute mich zu früh. Der Schreiber hatte aus Versehen einen auf der anderen Seite schon beschriebenen Bogen genommen. Dienstfertig schnitt der Bureaudiener die unbrauchbare Hälfte ab und klebte einen neuen halben Bogen an, wofür ich ihm fünfzig Kopeken gab. Der Gummi machte aber Flecke; das Gesuch war nicht mehr zu gebrauchen. Also wiederum ein neues! Heiliger Florian! Ich kontrollierte im Geiste den Inhalt meiner Börse, da ich auf den Rat des Redakteurs ja noch mit einem Zensor kneipen gehen sollte. Das Geld war knapp, ich zahlte für das neue Gesuch noch einen Rubel, reichte es ein, bat den Redakteur, sich für mich zu verwenden und reiste nach Lodz zurück. Alle meine Bemühungen, die Sache von dort aus zu erledigen, blieben erfolglos. Endlich versprach mir ein mit den Verhältnissen vertrauter Mann, der geschäftlich nach Warschau reiste, die Erledigung zu erwirken. Sehnsuchtsvoll erwartete ich auf dem Bahnhof seine Rückkehr. Statt der Genehmigung brachte er mir mein Buch zurück: es müßten zwei gleichlautende Exemplare eingereicht werden. Und das sagte man mir erst jetzt, nach ungefähr drei Wochen! Ich schrieb die Vortragsstücke ab und reiste nochmals selbst nach Warschau, wo ich auf der Zensur fast übernachten mußte. Nur meiner zähen Ausdauer hatte ich die Erledigung zu verdanken. Die Herren sahen schließlich ein, daß von mir nichts zu holen war, und fertigten mich endlich ab, nur um den Quälgeist loszuwerden.

Nun mußte ich mir noch die Unterschrift des Polizeimeisters für Programm und Annonce mit Hilfe des Polizeisekretärs erwirken, der mir als Dolmetsch zur Seite stand und sich für diese Bemühung im Restaurant auf meine Rechnung eine Flasche Kognak für vier Rubel entnahm. Diese kostbare Neigung veranlaßte mich einer auf dem Programm vorgenommenen kleinen Aenderung wegen allein vor den Polizeimeister zu treten. Als er mich nicht gleich verstehen konnte, zerriß er Programm und Annonce und warf mir die Stücke vor die Füße. Heiliger Nepomuk! Das konnte er doch nicht von mir gelernt haben. Ich war nun auf dem alten Standpunkt. Den freundlichen Bemühungen eines Redakteurs gelang es endlich, mir den Vortragsabend zu ermöglichen. Der glänzende pekuniäre Erfolg ermutigte mich, in dem nahegelegenen Pabianicze einen zweiten Abend zu veranstalten. War mir doch darum zu tun, die so schwer errungene Zensur gehörig auszunutzen. Auch dort war es gut besucht, und als meine Darbietungen großen Beifall fanden, entschloß ich mich nach erschöpftem humoristischem Programm auf den Wunsch einer schönen jungen Frau zur Zugabe meines Lieblingsgedichtes: »Die Wallfahrt nach Kevelaar«. Ich hatte kaum begonnen, als es mich wie ein Blitz durchzuckte, wessen ich mich unterfangen und wo ich mich befinde. In einem erzkatholischen polnischen Neste, wo man plündert, mordet, raubt und in den nächsten Schnapsladen tritt, um vor dem Marienbilde, das dort mit einer ewigen Lampe in jeder Ecke hängt, die Sünden wegzubeten. Ich schwankte hin und her, ob es nicht besser wäre, den Vortrag abzubrechen. Das zeigte mir auch viele Schattenseiten. Ich raffte mich entschlossen auf und rezitierte das Gedicht mit so tiefer Innigkeit wie noch nie. Kaum war das letzte Wort gefallen, als schon ein kleiner dicker Herr mit glattrasiertem Gesichte vor mir stand und mich mit den Worten anfuhr: »Haben Sie das Gedicht zensiert. Sie Gotteslästerer?« Heiliger Sebastian! Es ist der katholische Pfaffe gewesen. Selbst die alte zänkische Wirtin empfand Mitleid mit mir. Das sei ein gefährlicher Herr, sagte sie, indem sie mir den Rat gab, schleunigst zu verschwinden. Denn nichts erheischt in Rußland so strenge Sühne wie Majestätsbeleidigung und Gotteslästerung. Ein Wort an den Bürgermeister, einen gewesenen Unteroffizier, der kein Wort Deutsch vorstand, hätte genügt, um mich in einem unterirdischen Gewölbe des Magistratsgebäudes, eines früheren Klosters, verschwinden zu lassen. Ich sah mich schon in Sibirien. Hinaus, hinaus aus dem Lande, wo der Kosak seine bleierne, die Zensur ihre geistige Knute schwingt! Glücklicherweise war mein Paß visiert. Ich fuhr per Extrapost nach Lodz und mit dem Kurierzug zur Grenze. Als ich mich dort im Restaurationsraume aufhielt, rief jemand meinen Schauspielernamen. Instinktiv habe ich mich nicht gemeldet. Das war mein Glück. Im Passe stand nur mein Familienname. Beim Einsteigen erhielten alle Passagiere ihre Pässe zurück, nur ich nicht. Hierbleiben, hieß es, zur Feststellung der Identität. Heiliger Nikolaus! Ich stellte mich natürlich so, als wüßte ich nicht, um was sich's handle. Ein Beamter kam nach dem anderen auf mich zu, mich nach dem Namen fragend. Ich nannte permanent meinen Familiennamen. Als das erste Signal ertönte, schlug ich einen Heidenlärm. Was man eigentlich von mir wolle? Ich müsse abends in Berlin sein. Das wirkte. Ein höherer Beamter gab den Wink, mich fahren zu lassen. Auf der ersten deutschen Station riß ich das Fenster auf und brüllte hinaus: »Verfluchte Polakei!« Zwei anwesende Polen wollten mich lynchen, aber es war noch ein handfester deutscher Schlosser zugegen, der mir trefflich sekundierte.

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