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Der Pfarrer von Kirchfeld

Ludwig Anzengruber: Der Pfarrer von Kirchfeld - Kapitel 6
Quellenangabe
typedrama
booktitleDer Pfarrer von Kirchfeld
authorLudwig Anzengruber
firstpub1871
year1903
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart und Berlin
titleDer Pfarrer von Kirchfeld
created20050908
sendergerd.bouillon
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Vierter Akt.

In der Tiefe Wald mit mächtigen Föhren, darüber Gebirge. Etwas weiter vorne rechts das Portal der Dorfkirche, die vom Dorfe abseits liegt, dessen letzte Hütten man links rückwärts noch gewahrt, von welchen über einen Bach ein breiter praktikabler Steg schief gegen den Vordergrund rechts führt. Links ganz vorne ein Baum, vor welchem eine Rasenbank. Morgendämmerung.

Erste Scene.

Hell (während der Vorhang aufgeht, sieht man denselben über den Steg schreiten, er kommt gedankenvoll nach links – aufatmend). Waldeinsamkeit! Hier erwarte ich den Tag, hier ist es still und ruhig ringsumher, hier will ich mein Inneres durchblättern wie ein Buch, in dem man nach verbot'nen Stellen fahndet! . . . Im Dorfe ist mir's schon zu lebendig, dort rüsten sie sich zu dem Ehrentage, dem Ehrentage der Brautleute und meinen, der den Schlußstein auf das lang schon wieder gewonnene Vertrauen der Gemeinde setzt. (Wendet sich.) Dort liegen die letzten Häuschen des Ortes im Morgengrau und jenes, vor dem ein Hügel Gerberlohe liegt, es ist das Wurzelsepps, aus ihm ist doch der alte Gerbersepp geworden. Kein Mißton quält mich mehr, ich habe wieder Herz und Hände frei. (Gegen das Dorf.) Da drinnen ist alles mit mir in Ordnung, (auf sein Herz) warum denn nicht auch hier? Was ist es denn, das in mir nun auch noch die Anerkennung meiner Obern fordert? Ehrsüchtig war ich sonst doch nie und dachte nie daran, erfüllte Pflicht mir lohnen zu lassen. Ein andere ist's, ein böser Gast ist bei mir eingekehrt – der Zweifel! Den Keim dazu, den legten Briefe meines Gönners, des Propstes aus Rom, in denen er mir sanft abrät, die Wege zu verfolgen, die ich bisher ging – und vollends großgezogen wurde er, als ich es sehen mußte, daß eben jenen Anerkennung und Auszeichnung ward, die nicht meine Wege gingen. Der Propst, er schreibt: bald würde alles klar, denn neue Meilenzeiger würden jetzt zu Rom gesetzt – geh' ich denn in der Irre, ohne es zu wissen? Das alles paßt zu dem, was jener Finsterberg mir sagte; macht denn heutzutage Aberwitz uns klug? Schlimm, schlimm, wenn ich an mir selber zweifeln müßte, und schlimmer, müßte ich's an andern –! Da – da – angesichts des schweigenden Waldes und der starrenden Berge, Hell, mach es dir klar, ob je ein Schritt, den du gethan, verstoßen hat gegen heil'ge Satzung. – Diese Föhren, diese Berge, an deren Fuße du jetzt der Sonne wartest, sie waren ja schon einmal – mondbeglänzt – die Zeugen jener Nacht, wo du vor dir selbst geflohen, wo du vor Schmerz verzagend dort in ihrem Schatten saßest – und – (Böllerschuß. Echo in den Bergen. Musik. Tusch noch in der Ferne.)

(Richtet sich empor.) Sie kommen – und die Berge haben geantwortet! (Hochzeitsmarsch kommt immer näher.) Sie gaben das Signal zurück: »Sie kommen!« Sie hallten's drängend siebenfach mir zu! Das heißt: laß die Bedenklichkeiten fahren; jetzt, wo du vor der That bei Tag und Nacht, zu jeder Stunde stehst, da sei bereit und lange zu, du darfst nicht auf den Lohn, den lahmen Boten, der immer hinter dem Geschehnen schreitet, warten, wenn du ihn wirklich dir verdienen willst, in einer Stund' der Rast mag er dich einholen und dir um so willkommner sein!

Zweite Scene.

Voriger. Der Hochzeitszug über den Steg. Voran die Musikanten, hinter ihnen Sepp mit einer Stange, worauf ein Blumenstrauß, dann Michel als Hochzeiter, zwischen zwei festlich geputzten Bauernburschen, Bauern hinterher, dann Annerl als Braut, zwischen zwei Kranzeljungfern, Bäuerinnen.

(Der Zug geht über die Bühne von links nach rechts und macht dann Halt, Hüteschwenken und Tusch der Musik begrüßt den Pfarrer.)

Michel (holt Annerl aus der Mitte der Kranzeljungfern). Grüß Gott z' tausendmal, hochwürdiger Herr! Da sein wir, zwar rechtschaffen müd', aber munter wie die Fisch'! Die Annerl war seither bei meiner Mutter in Einöd und ich hab' s' auch von da her einholen müssen. Ich kann net viel Wort machen, aber du weißt's eh'nder, wieviel ich alleweil auf dich g'halten hab', ich war a wilder, narrischer Bursch, du hast mich z'rechtbracht, und von dein'm Segen derhoff' ich mir jetzt auch 's Beste!

Annerl (blickt zu Boden). 's is recht schön, daß d' Wort g'halten hast, hochwürdiger Herr!

Michel. Na, dös hat sich von eh'nder verstanden: dös war no net da, daß der Pfarrer von Kirchfeld a Wörtl g'sagt hätt', bei dem's net blieben wär' wie beim Amen im Gebet.

Hell. Ihr seid vor der Sonne da!

Michel. Wir hab'n dich net warten lassen wöll'n und wir haben's wohl denken können, daß du schon am Platz sein wirst.

Hell (zu Annerl gewendet). Du siehst recht schmuck aus.

Annerl (blickt auf ihren Brautstaat, dann vertraulich). Dein goldig's Kreuzl mußt heut net bei mir suchen, Pfarr'. (Auf die Kranzeljungfern deutend.) Schau, die hab'n g'meint, ich soll's umnehmen und 'glaubt, es that dich beleidigen, wann ich's heut nit traget; aber nit wahr, ich hab' doch recht g'habt? Ich hab' mir denkt, es that sich net schicken. Ich hab's z' Haus recht gut aufg'hob'n, will's hoch in Ehren halten und nach mein' Ehrentag erst will ich's ganz versteckt unterm Mieder trag'n; und kommt dann – wie's Gott schickt – Herzload oder Herzensfreud', wo ich selber nit aus weiß, wo das Herz mir höher schlagt, und ich press' d'Händ' ans Mieder, da erinnert mich das Kreuzl g'wiß an dich – und denk' ich dann an dich bei dem, was ich thu', ob 'st freundlich schauest oder zuwider, so hab' ich sicher 's rechte Fleckel troffen und weiß, was ich thun oder lassen muß. Es soll mir ein rechter Segen werd'n.

Hell. Das walte Gott!

Michel (unruhig, drängend). Ich denk', wir gehn jetzt gleich vorauf in die Kirch'n.

Hell (tritt unwillkürlich einen Schritt von beiden zurück, dann gefaßt). Geht diesmal mir voran! Ich folge euch!

Michel. Kumm aber fein gleich nach!

Hell. Bald!

(Hochzeitsmarsch beginnt wieder, der Zug setzt sich in voriger Ordnung in Bewegung und geht von rechts im Bogen beim Pfarrer vorüber in die Kirche. – Sepp, der seinen Stock militärisch präsentiert, die Musikanten und etliche Bauern bleiben außen; wie die letzten Paare unter dem Portal verschwinden, schließt die Musik. – Das Orchester nimmt piano den Hochzeitsmarsch auf und spielt seine Motive unter der Rede des Hell, bis, wo angedeutet, die Orgel eintritt. – Die Zurückgebliebenen entfernen sich, Sepp an der Spitze, und scheinen sich lebhaft zu besprechen.)

Dritte Scene.

(Melodramatisch.)

Hell (allein, hat den Ellbogen an den Baumstamm gestützt und den Kopf in die Hand gesenkt, aufseufzend). Es wird mir doch schwerer, als ich dachte – vor den Altar zu treten, das entscheidende, ewig bindende Wort ihr abzufordern! (Voll Leidenschaft.) O, wenn sie stammelte – wenn sie es nicht über die Lippen brächte – (Erschreckt.) Was dann? Was denn dann, Thor – bringt dir anderer Verlust Gewinn? Pfui, bist du noch nicht dein Meister geworden? Jetzt rasch hin vor den Altar, das sei deine Strafe – ohne Zaudern, ohne Ueberlegung – ohne Zucken deiner Wimper – ohne Zittern deiner Hände. (Macht eine energische Bewegung gegen die Kirche, die Orgel ertönt.) Ich komme! (Hält stille.) Laß noch ein wenig die kühle Morgenluft dir die heiße Stirne fächeln – laß diesen Sturm in deinem Innern erst vorübergehen – laß es ruhig werden in dir – mach dir klar, was du mußt, damit du es auch vermagst! Denk dich Aug' in Aug' vor ihr – denk dir, wie du ihr ehrliches Ja hörst – denk dir, wie du ihre Hand faßt und in die eines andern legst. (Schlägt die Hände vors Gesicht.) O du vermagst es nicht! (Läßt die Hände darauf sinken.) Du vermagst es nicht, ohne zu zeigen, wie dich's im Innersten erschüttert – und du willst noch von Entsagung jenen ehrlichen Seelen reden, die dich für stärker, für besser hielten, als du bist! (Auffahrend.) Du mußt es können!

(Choral mit Orgel.)

Die Stimmen der Gemeinde! Sie mahnen mich! (Die Hand am Herzen.) Was ziehst du dich zusammen, kindisch Herz, um nur für ein Bild Raum zu lassen, (nach der Kirche) wo doch die alle dort in dir ein Fleckchen wollen, das sie beherbergt? O, werde wieder weit, wie ich dich brauche, wie du es immer warst gewesen. wenn es sonst ein Opfer galt, und so wie sonst, wenn es gebracht ist, dann magst du höher schlagen! Nicht in ihr Auge will ich blicken, unverwandt auf die Gemeinde will ich schauen! War doch kein Opfer noch umsonst! O laß dich ganz von Opferfreudigkeit durchdringen, blick über alles auf ins Land der Zukunft und grüße mit vernarbten Wunden die Brüder jener Tage, denen dieses Kleid nicht mehr den Kampf zwischen Schande und Entsagung zur Pflicht macht! – O, wär't ihr jetzt zugegen, ihr, die ihr mir jede Anerkennung weigert – bei dieser Stunde, in der ich mich aus tausend Qualen gerungen – nun solltet ihr mir doch sagen müssen, was ich ja einzig nur zu hören wünsche: Daß ich gethan, was man von mir erwartet!

( Voller Accord, mit dem Orgel und Choral verstummt.)

Hell (stark). Ich komme! (Rasch ab in die Kirche.)

Vierte Scene.

Ueber den Steg, von wo sie früher abgegangen, Sepp, Bauern, der Schulmeister von Altötting, der eine Tasche an einem Riemen um den Hals trägt, in ihrer Mitte.

Schulmeister (noch hinter der Scene). Nur keine Gewalt, ich verwarne euch!

Sepp (indem er ruckweise den Schulmeister auf die Scene stößt). Komm nur, fürcht dich net, 's geschieht dir nix!

Schulmeister. Ich mache die ganze Gemeinde dafür verantwortlich, wie mir mitgespielt wird.

Einige Bauern. Aber Sepp, was hast denn mit'n Schulmeister?

Sepp. Seids nur stad, es kommt gleich! Schon seit gestern siech ich den Lump' da im Dorf bald ums Pfarrhaus und d'Kirch' herumschleichen, bald bei alte Betschwester und Brüder aus- und einschliefen; da hab' ich mir gleich denkt, der führt sicher was gegen 'nen Pfarr' im Schild und – na, er soll euch's nur selber sag'n, was er bringt!

Schulmeister. Gut – gut – das will ich – aber das bitt' ich dich, verirrte Gemeinde, unterbreche mich nicht und bedenke, ich bin hier in höherem Auftrage!

Sepp. Red nit so lange herum, ich weiß schon was d' bringst, du müßt' es nit Weibern auf'bunden hab'n.

Schulmeister. Geliebte, das Reich Antichrists ist nahe . . .

Sepp. Red nit vom jüngsten Tag – bleib bei der Stangen – red vom Pfarrer.

Schulmeister. Geliebte! Hört nicht auf diesen Ketzer, hört auf mich! Das Reich des Antichrist ist nahe und die gläubigen Scharen müssen sich zum Kampfe gegen ihn rüsten; überall hat er sich eingeschlichen, er hat hohe Würden im Lande an sich gerissen und setzt sich selbst vor den Augen des verblendeten Volkes auf die Kanzel! Aber die wahrhafte Frömmigkeit erblickt ihn unter jeder Larve und so hat sie ihn denn auch unter euch erkannt.

Bauern. Unter uns?!

Schulmeister. Unter euch! Und führt ihn darum aus eurer Mitte hinweg, damit er fürder eure Seelen nicht verderbe. Hier in dieser Tasche bringe ich die Formel, die ihn hinwegbannt – ja, Geliebte, ich kann sagen: ich stecke den Antichrist eurer Gemeinde in die Tasche! Der Wolf wird von der Herde hinweggejagt und der Hirte kehrt wieder!

Sepp. Verstehts ös dem sein Vorbeterdeutsch? Einfach in unsrer Sprach' heißt's: unsern Pfarrer jagen s' fort und ein' andern setzen s' uns her, der euch wieder 's Raufen und Saufen um 'n Beichtgroschen derlaubt!

Bauern. Was, der Pfarrer soll fort?

Schulmeister. So ist es.

Junge Burschen (auf ihn eindringend). Dös gibt's net!

Sepp (indem er den Schulmeister scheinbar gegen die Eindringenden deckt und ihm dabei heimlich Püffe erteilt). Halt, laßts 'n gehn, er steht unter mein' Schutz!

Ein alter Bauer. Wir hab'n's allweil denkt, dös kann so in derer Dicken nöt furtgehn – 's Konsisturi!

Mehrere alte Bauern (gedehnt, unisono ). Ja – 's Konsisturi!

Schulmeister. Es wurde zuerkannt, dekretiert und ausgeführt, und mich beauftragte insbesondere ein Befehl des edlen Grafen von Finsterberg, dem Exkommunikanten zu intimieren, daß er vorab seiner Pfarre verlustig, jeglicher priesterlicher Funktion von Stunde ab unfähig und verbunden sei, sich sofort dem Konsistorialgerichte zu stellen, wo ihn für alle seine aufgehäuften Sünden die Sühne und Buße erwartet, welche – wie wir gläubig hoffen wollen – seiner Seele zum Heile gereichen möge!

Junge Bursche. Das lassen wir nit zu! (Dringen wie oben auf den Schulmeister ein.)

Sepp (benimmt sich wie oben). Fürcht dich net, ich lass' dir nix g'schehn!

Der alte Bauer. Ja ja, wir hab'n's ja eh'nder allweil g'sagt – 's Konsisturi.

Mehrere alte Bauern (wie oben). Ja – 's Konsisturi!

Sepp. Und glaubst, das lassen wir so hingehn, und soll's allesamt eins sein, wen s' uns da in die G'meind' setzen, wir soll'n den weglassen, der uns in d'Seel' g'wachsen is? Ich rat' dir' s gut, gib dein' Taschen heraus, dein' Papierwisch verbrennen wir und die Aschen kannst wieder mitnehmen, und wann d' 'leicht nicht nachlassen und wieder kummen willst, is's uns a Ehr'. (Klopft ihm auf die Achsel.) So oft der Stockfisch kommt, soll bei uns Aschermittwoch sein!

Schulmeister. Ketzer, wag das nicht!

Junge Bursche (eindringend). Gib dös G'schrift heraus!

Sepp (wie früher). Laßts ihn gehn, ich perschwartier'n schon, daß er's mutwillig hergibt!

Schulmeister. Ich mache die ganze Gemeinde für den projektierten Frevel verantwortlich!!!

Sepp (langt nach dem Riemen der Tasche). Gib her!

Der alte Bauer (faßt den Riemen von der andern Seite). Halt aus, Sepp, bring kein Unglück über die ganze Gmoan, bedenk – 's Konsisturi!

Mehrere alte Bauern (wie oben). Ja, 's Konsisturi!

Sepp (zerrt den Schulmeister an sich). Ich gib net nach!

Junge Bursche (fassen an der Seite, wo Sepp den Riemen hält, gleichfalls an). Gib die Taschen! Heraus damit!

Der alte Bauer. Aber Buama, seids doch g'scheit, denkts –

Mehrere alte Bauern (wie früher, gleichfalls an der Seite, wo der alte Bauer den Riemen hält, anfassend). 's Konsisturi!

Schulmeister (verschwindend unter dem Knäuel, der an der Tasche zerrt). Zu Hilfe! Zu Hilfe!

A tempo.

Fünfte Scene.

Vorige. (Aus der Kirche.) Hell, hinter ihm Michel und Annerl und alle (die früher dahin abgegangen).

Hell (im Heraustreten). Wer ruft um Hilfe?

Schulmeister (durch das Erscheinen Hells frei geworden, jedoch ist seine Tasche in den Händen Sepps geblieben). Ich habe mir diese kleine Freiheit genommen.

Sepp (fast grob zu Hell). O, daß d' auch grad kommen mußt, wärst in der Kirch' blieb'n, du hätt'st von all dem nix z' wissen braucht und a nix davon erfahr'n!

Hell (ganz vorkommend zum Schulmeister). Was habt Ihr?

Schulmeister. Eine kleine Botschaft, die man mich hier nicht bestellen lassen will, ich bitte in aller Demut, hochwürdiger Herr, verschaffen Sie mir meine Tasche wieder, damit ich meinem Auftrag nachkommen kann.

Sepp. Thu's nit, Pfarrer, thu's nit, glaub mir, die G'schicht geht dich gar nix an, sie betrifft uns, uns ganz allein!

Junge Bursche. Der Sepp hat recht!

Schulmeister. Dem erlaub' ich mir in Demut zu widersprechen; die Tasche, die man mir genommen hat, enthält ein kleines Dekret für Euer Hochwürden selbst.

Hell. Für mich? – Sepp, gib dem Manne sogleich die Tasche zurück!

Sepp (die Tasche an sich ziehend). Nein – nein – ewig net!

Schulmeister (zuckt die Achseln). Hochwürden, unter solchen Umständen muß ich jede Verantwortung einer Zustellungsverzögerung von mir weisen und ich halte mich meines Auftrages damit entledigt, daß ich es Euer Hochwürden überlasse, dem Widerspenstigen selbst die Tasche abzufordern. (Geht mit hämischer Verbeugung ab.)

Hell (zu Sepp). Nun, sei nicht kindisch, Sepp, öffne die Tasche und gib mir deren Inhalt.

Sepp (sieht ihn erschreckt an). Ich – ich – sollt' dir das – nein, nein. (Will die Tasche den Umstehenden aufdrängen, die sich aber weigernd zurückziehen.) Da – da, nehmts einer, gebts es dem Pfarrer.

Hell (ungeduldig). Sepp, ich denke, ich hätte doch etwas Gehorsam um dich verdient, mach ein Ende, gib das Verlangte, ich will's.

Sepp. Wann du mir so kommst, so muß ich freilich – (Will die Tasche öffnen, kann es aber nicht. Zu den Umstehenden.) Nestelts mir einer die Taschen auf, mir zittern die Händ'. (Es geschieht, zu Hell.) O, wenn d' mich auf die steile Wand stellest und sagest: stürz dich kopfüber hinunter, wär' mir gleich auch so lieb g'wesen, aber daß d' siehst, ich folg' dir. (Er überreicht ihm das Dekret mit zitternden Händen und abgewandtem Gesicht.) Da hast!

Hell (ernst werdend). Was ist's denn, das dich so ergreift? Sei nicht thöricht. Weißt du denn, was diese Schrift enthält? Es wird nichts von so hoher Bedeutung sein!

Sepp (ausbrechend). Nein, nein – nichts – gar nichts, als daß sie dich verfluchen, daß sie dich fortjagen, daß du kein Geistlicher mehr sein darfst und daß du dich beim geistlichen Gericht verantworten sollst.

Hell (erstarrt). Unmöglich!! (Oeffnet langsam das Siegel und dann das Dekret. In der umstehenden Gruppe höchste Bewegung.) Alles wahr! (Sinkt, den Kopf in die Hände gestützt, auf der Rasenbank zusammen.)

Annerl. Jesus! (Stürzt zu seinen Füßen.)

(Sepp und Michel treten rasch heran.)

Lustige Jagdmusik.

Sechste Scene.

Vorige. Ueber den Steg zieht Finsterberg mit Jagdgefolge, das den Hintergrund füllt, der Schulmeister ist an des Grafen Seite.

Finsterberg (schreitet, ohne von den Anwesenden Notiz zu nehmen, so daß er mit dem Rücken gegen Hell zu stehen kommt, im Gespräche mit dem Schulmeister vor). Also Er hat seinen Auftrag ausgerichtet, Schulmeister?

Schulmeister. Zu dienen, Excellenzherr; wenn Sie einen gnädigen Blick über dero hochwohlgeborene Achsel zu werfen geruhten, würde Sie der Augenschein davon überzeugen.

Finsterberg. Gut. Er hat doch meinen besonderen Auftrag nicht vergessen und einer gewissen Trauung nicht vorgegriffen, und dieselbe den letzten Akt der Priesterlaufbahn des Exkommunikanten sein lassen?

Schulmeister. Ich habe mich allerunterthänigst nicht vorzugreifen unterstanden.

Finsterberg (wendet sich etwas gegen Hell, höhnisch). Gut, dieser letzte Akt war ja eine edle Handlung und man soll uns nicht nachsagen, daß wir eine edle Handlung gehindert hätten. (wendet sich wieder ab.) Nun auf zur Jagd! Ich werde heute keinen Fehlschuß thun, ich habe eine sichere Hand!

( Jagdmusik, unter welcher Finsterberg samt Gefolge wieder und zwar hinter der Kirche abzieht, Schulmeister mit ab.)

Siebente Scene.

Vorige ohne Finsterberg, Schulmeister und Gefolge.

Hell. (Kleine Pause. Hebt langsam das Haupt). Dieses Opfer – umsonst – und verhöhnt! (Steht langsam, aber stramm sich in die Höhe richtend auf.) Vorbei alles! (Zur Gruppe Wurzelsepp, Michel, Annerl, die ihn zunächst umgibt, plötzlich wie ganz abspringend.) Was erzählte man doch kürzlich von dem Kaplan Cyrill?

Sepp (sieht ihn verwundert an). Meinst den Kaplan von St. Egydi, den man ertrunken aus'n Bach 'zogen hat? Mein Gott, da reden die Leut' viel; die ein' sag'n, er wär' selber ins Wasser 'gangen, die andern, er wär' verunglückt!

Hell. Auch er sollte sich verantworten; die Wege über die Gebirge sind jetzt gefahrvoll, die Frühlingsluft ist lau, da gehen die Lawinen nieder, das Gestein verbröckelt . . . Ihr seid treue Seelen, wenn ihr hören solltet, daß ein Mann, den sein Weg durchs Gebirg' geführt, tot aufgefunden wurde, so sagts nicht wieder – um der »Sache« willen –, daß ihr ihn kennt!

Annerl (fällt sprachlos weinend dem Michel um den Hals).

Michel. Annerl, du bist ein grundg'scheit's Weib, verschreck dich net, sei kuraschiert, dös mußt du auf gleich bringen. (Geht mit Wurzelsepp zurück. Beide entfernen sich mit den Bauern nach dem Hintergrunde. Hell, in Gedanken versunken, und Annerl im Vordergrunde.)

Annerl (fährt sich mit der Schürze über die Augen und tritt dann entschlossen auf Hell zu). Hell – hochwürdiger Herr!

Hell (wendet den Kopf). Du, Anne?

Annerl. Laß mit dir reden! Ich bitt' dich um Himmels willen, hör auf mich! Du hast vom Kaplan Cyrill a Wörtl fallen lassen – himmlischer Vater, willst du's bei dem End' anfassen?

Hell. Laß mich, Anne, frage nicht! Ich stehe niemandem mehr Rede, als dem dort oben!

Annerl. O, nur so, nur so red nit! (Mit steigender Erregung.) Du darfst's nit, Pfarrer, du mußt das Deine tragen, bei dem, was in derer Stund' zentnerschwer auf mir liegt, du mußt! Du weißt, ich hab's auf mich g'nommen, weil ich um dich alles, alles ertragen hätt', nur kein' Fleck auf deiner Ehr'! Ich schau' nit um, ob noch a Weib mir gleich und so stark wär' als ich; ich hab' jetzt nur dich vor Augen, du mußt der bleiben, der du gewesen bist, der Mann, dem keiner gleich is, zu dem ich aufschau'n kann in meiner Not wie zu ein' Schutzheiligen, und was mir Gott noch als Prüfung oder die Welt aus Bosheit zulegt, ich will's geduldig und aufrecht erwarten, nur von dir, von dir darf mir nix dazu kommen, nur an dir darf ich nit irr' werd'n, da brechet ich drunter z'samm'!

Hell (bewegt). Anne!

Annerl. O, schau nit so ung'wiß, als ob d' noch nicht wußtest, was d' thun sollst. Solang Kirchfelder leben, die dich kennt hab'n, wird von dir alleweil die Red' sein als von ein' guten, braven, rechtschaffenen Mann, der so vorang'leucht' hat, daß man ihm getrost Tritt für Tritt hat nachgehn können, bis zum letzten – bis zum letzten! Da is's freilich aus, da verschnürt's dann ein' jeden d'Red' und wo man's auch erzählt, die G'schicht vom braven Pfarrer, auf'n Feld, unter'n freien Himmel oder vom Ofenwinkel in der Spinnstub'n, da wird's auf amal ganz stad werd'n; von dö Alten wird keiner weiter frag'n, die haben's nur do noch einmal mit erlebt, daß ein rechtschaffener Mann zu Grund geht und verdirbt, aber die Jungen werd'n fragen, die woll'n, daß d'G'schicht ein' Ausgang und ein' rechten hat. Für dö, dö noch vertrauensvoll in die Welt gucken, taugt die Erfahrung nicht; soll ich den Ausgang 'leicht dazulüg'n, Pfarrer, dös hast uns nit g'lernt, und wie soll'ns hernach 'mal die Alten im Ort ihren Kindern erzählen die G'schicht vom braven Pfarrer von Kirchfeld?

Hell. Die nach uns kommen, die sollen Achtung uns bewahren können, die sollen nicht die Wege rings voll Steine finden, die wir ihnen heut schon ebnen können – die sollen uns nicht faule Knechte schelten – ich halte aus – ich harre aus! Anne, sag, sag einst auch deinen Kindern, nicht bis ans Ende seines Glückes, bis zum letzten Hauche war er sich selbst getreu und hat festgehalten an dem Rechten und dem Wahren. O, du hast die rechte Saite angeschlagen! (Lächelnd.) Du bist klug.

Annerl (in bäuerischer Freude die Zähne zusammenbeißend und die Hände geballt vor sich gestreckt, fast jauchzend). Und schön und brav, wie dein' Schwester! So hast schon einmal g'sagt: O, jetzt ist alles gut; wenn deine Augen so leuchten, wenn du dich aufricht'st in deiner ganzen Höhen, da bist wieder der alte! (Bei diesem Ausbruch des Jubels drängen sich alle aus dem Hintergrunde teilnehmend herzu.)

Michel. Sie hat's richtig z'weg'n 'bracht!

Sepp. Du bleibst also bei uns, du gehst net fort?

Hell. Ich gehe! Ich gehe hin, wie Luther einst nach Worms. Ich trete meine Strafe an und warte still, was nächste Zeiten bringen, vielleicht ruft eine freie Kirche im Vaterlande mich, ihren treuen Sohn, zurück aus der Verbannung, wo nicht, so will ich dort an Stelle durch eiserne Beharrlichkeit, die sich nicht schrecken noch kirren läßt, sie ahnen lassen, daß denn doch die Ideen, die die Zeit auf ihre Fahnen schreibt, mächtiger sind, als eines Menschen Wille! Kinder, obwohl sie euch gesagt, ich sei kein Priester mehr, so drängt's mich doch, mit einer priesterlichen Handlung von euch zu scheiden – nehmt keiner dran ein Aergernis – denn wahrlich, ich greife damit nicht in ihre Rechte, denn längst verlernten sie das Wort, das ich nun zu euch von ganzem Herzen spreche: Ich segne euch!

Gruppe: Hell in der Mitte, alles kniet, Michel und Annerl zu beiden Seiten; Wurzelsepp, der sein Haupt in den Händen birgt, etwas zur Seite.

Sonnenaufgang, in der Ferne Jagdfanfare, das Orchester fällt mit Schlußaccord ein.

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