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Der Pfarrer von Kirchfeld

Ludwig Anzengruber: Der Pfarrer von Kirchfeld - Kapitel 4
Quellenangabe
typedrama
booktitleDer Pfarrer von Kirchfeld
authorLudwig Anzengruber
firstpub1871
year1903
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart und Berlin
titleDer Pfarrer von Kirchfeld
created20050908
sendergerd.bouillon
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Zweiter Akt.

Dekoration: Der Garten des Pfarrhofes, den Hintergrund bildet das einstöckige Gebäude, an der Seite rechts läuft ein niederer Zaun hin, links vorne ist eine offene Laube mit Tisch und Stühlen.

Erste Scene.

An der rechten Seite des Tisches auf einem Stuhle, das Spinnrad vor sich, sitzt Brigitte, an der linken Annerl, vor sich auf dem Tische einen Sack mit Linsen, aus dem sie eine Handvoll nach der andern herausnimmt, klaubt und dann in ein sogenanntes »Schwingerl«, das ihr zu Füßen steht, hinabstreift.

Annerl (singt).
Lied.
Zwei kirschrote Backerln,
Zwei Aeugerln wie d'Stern,
A Naserl, a Göscherl,
Das z'samm' macht a Dern!
Und kimmt zu dem allen
A Schnurrbart dazua,
Und ins Maul a Pfeifa,
So is's halt a Bua.
(Jodler.)

Brigitte. Schau, was du für Lied'ln kannst.

Annerl. Vom letzten Einöder Kirtag hab' ich mir's g'merkt. Ich kann noch a narrischers.
(Singt.)
Mein' Schatz muß i g'raten,
Dös macht mich verzagt,
Weil er brinnrote Hosen
Fürs Vaterland tragt;
Er kann mich jetzt nimmer
Hoamsuchen, o Gott,
Derglengt ihn der Jodel,
Er stößet mir'n tot!
(Jodler.)

Brigitte. Das sein schon rare Schelmliedeln. Weißt 'leicht noch eins?

Annerl. Ah, da schau, wer schimpft, der kauft!
(Singt.)
Von Oetting der Lehrer
Und mänicher Mann,
Schimpft jeder auf d'Welt
Was 'r fürbringen kann,
Da hat der Gott Vater
'en Teufel sich b'stellt:
»Geh, hol mir dö Lumpen,
Dö schimpfen mein' Welt!«
(Jodler.)

Brigitte. Dö müssen a bissel a übermütigs G'sindel sein, die Buben von Einöd.

Annerl. Na, das sein so Lied'ln, mit dö s' die Derndln und sich untereinand' und alle Welt aufziehn. Auf'n Kirtag sein s' immer so ausg'lassen, weil's 's ganze Jahr hart abegeht, sonst is schon ausz'kämma mit ihnen.

Brigitte. Na und dir fall'n 'leicht dö Schnaderhüpfeln a ein, weil dir's jetzt d' ganze Wochen so hart abegeht!

Annerl (lacht). Ah na, mir fallen s' ein, weil i übermütig bin wie a verhätschelte Stadtmamsell. Die reichste Bäuerin im ganzen Land schind't sich im Vergleich zu mir und a Stadtfräul'n kann net schöner faulenz'n.

Brigitte. Na, ich werd' dir schon 'n Brotkorb höher hängen, wart nur, bis d' eing'schossen bist in d'Wirtschaft, dann werd' ich d'Stadtmamsell und d'reich Bäuerin spiel'n und du kannst dazuschau'n, wie d' alles in Ordnung haltst!

Annerl. Ich fürcht' mi net drauf! Kann's 'leicht eine schöner haben? Ich glaub', wenn ich 's ganze Land abg'loffen wär', so a Platzl hätt' ich nindascht 'troffen. Du bist die gute Stund' selber.

Brigitte. Na, na, na, bau nur nit z' stark auf mein' Gutheit.

Annerl. Ich bleib' dabei, du bist die gute Stund', wie s' die Glocken vom Turm gibt; wenn du ausbrummt hast, is auf a sechzig Minuten wieder a Fried'. Und dann der hochwürdige Herr, das is a Mann, um den z' sein is a wahre Freud'; ich glaub', bei dem müßt' der ärgste Sünder wieder a rechter Mensch werd'n!

Brigitte. Na, du machst dir's aber a z' nutz.

Annerl (stolz). Das will ich meinen.

Brigitte. Aber von weiten!

Annerl. Geh, du frotzelst mich.

Brigitte. Laufst etwa nit von wo d' stehst und hebst dich net vom Sitz, wenn d' sein' Stimm' oder nur sein' Tritt in der Näh' hörst?

Annerl (verlegen). Das is doch g'wiß net so, das hat dir auch nur g'träumt!

Hell (hinter der Scene von links). Brigitte!

Annerl (faßt hastig den Sack, rafft das »Schwingerl« vom Boden). Es weht schon die Abendluft, ich werd' unser Sach hineintrag'n. (Will gehen.)

Brigitte. Möchtst nit bleib'n!

Annerl (wendet sich). Was thun?

Brigitte. Mir aus'm Traum helfen, Annerl.

Zweite Scene.

Vorige. Hell (von links aus dem Garten, ein Buch unter dem Arme).

Hell. Ah, da seid ihr ja beide. Brigitte, da, trage das Buch auf mein Zimmer. (Gibt ihr dasselbe.)

Brigitte (nimmt das Buch und das Spinnrad auf und geht in das Haus ab).

Annerl (steht an dem Stuhle, den Brigitte verlassen hat, und blickt in die Scene links).

Hell. Nach was blickst du denn aus, Anne?

Annerl. Ich schau', wie die Sonn' untergeht.

Hell (tritt hinzu). Wir sehen das Tag für Tag und es bleibt doch schön.

Annerl. Recht schön!

Hell. An was denkst du? Du hast feuchte Augen.

Annerl. Ich weiß nit, ich war erst recht lustig – aber wie ich da so schau', fall'n mir auf einmal alle ein, die mir recht nah' gangen sein und jetzt die Sonn' nimmer untergehn sehn.

Hell. Unsere Heimgegangenen! Der Herr lasse sie ruhen in Frieden!

Annerl. Amen.

Hell. Die letzte meiner Familie, die ich zu beweinen hatte, war meine Schwester.

Annerl (sich zu ihm wendend). Die war g'wiß kreuzbrav!

Hell. Brav, klug und schön! Sie und die Mutter, beide lebten, als ich noch Student war, und das spornte nicht wenig meinen Fleiß; ich wollte ihnen alle Freude machen und ich dachte mir das so recht hübsch, wenn ich eine Pfarre bekäme, wie wir da immer beisammen leben und bleiben wollten. Eine Familie haben, ja nur ihr angehören, ist doch etwas Schönes.

Annerl. Nicht wahr? Oft hab' ich mir's schon gedacht, selbst im Himmel kommt erst die heilige Familie und dann die einschichtigen heiligen Männer und Jungfrau'n.

Hell (lächelnd). Meinst du?

Annerl (kleinlaut). Bin ich 'leicht fürwitzig?

Hell. Nein, Anne.

Annerl. Aber ich bin so viel an meiner Mutter g'hängt und mit ihr hab' ich auch mein' Vater selig in Erinnerung g'habt und so bin ich – wenn ich heut a rechtschaffnes Dirndl heiß – es niemanden schuldig als ihnen! Kinder, dö so zur Welt kommen, ohne daß's oft Vater und Mutter wissen, sein doch recht traurig dran; sie machen niemand so a herzliche Freud', wenn s' brav sein, und kein Herzleid, das s' ihnern Liebsten anthun könnten, bringt s' vom Bösen ab – und nachher wundert sich d'Welt, wenn s' keine rechten Leut' werd'n!

Hell. Das denkst du fromm und klug.

Annerl (sieht zu Boden). Wie d' mich aufg'nommen hast, hochwürdiger Herr, hast mich brav g'heißen, jetzt nennst mich klug – wann d' mir noch eins sagst, so hast mir alle guten Wort' geb'n, wie deiner Schwester selig.

Hell (faßt ihre Hand). Wie meiner Schwester? Ja, ganz recht, brav, klug und – schön. Regt sich doch die Eitelkeit ein wenig bei dir?

Annerl (hebt den Kopf). Na, ich bin g'wiß net eitel.

Hell. Ich habe doch eine kleine Eitelkeit an dir bemerkt.

Annerl. O mein Gott! Sag's, hochwürdiger Herr, ich werd's g'wiß nimmer blicken lassen.

Hell. Neulich, als du mein Zimmer in Ordnung brachtest, lag auf meinem Sekretär ein Kreuzchen mit einer Kette; du hattest es in die Hand genommen – ich habe deine Gedanken wohl erraten, wenn ich meine, daß du es für dein Leben gern gehabt hättest.

Annerl (leise). Ja, hochwürdiger Herr, weil – weil alle Dirndln da um Kirchfeld solchene Kreuzeln trag'n.

Hell. Ich wollte dir eine Freude machen, ich habe das Kreuzchen zu mir gesteckt (zieht es aus der Tasche), ich will es dir schenken.

Annerl. Mir? Was du gut bist – aber das Kreuzel is ja schwer Gold.

Hell. Du sollst eben nicht denken, daß es von Gold, als vielmehr, daß es ein Kreuz ist.

Annerl. Ich denk' auch nur dran deswegen, weil du mir's schenken willst.

Hell. Nimm nur! (gibt es ihr.) Es ist ein Geschmeide meiner verstorbenen Mutter.

Annerl (erschreckt). Von deiner Mutter selig? Na, da behalt's nur, das bin ich nit wert.

Hell. Ich wüßte niemanden, in dessen Händen ich es lieber sehen würde, als in den deinen.

Annerl (verwirrt und erratend). Du mußt mir aber doch recht gut sein, weil d' mir das Kreuzel gönnst?

Hell. Das kannst du noch fragen, Anne?

Annerl (sinkt mit ihrem Gesichte auf seine Hände, schluchzend). O du mein Gott und Herr!

Hell. Was ist dir, Anne?

Annerl (erhebt sich). Nichts, gar nichts!

Hell. Ich habe es dieser Tage gedacht: wenn mir nun meine Schwester am Leben geblieben wäre, wer weiß, wäre sie noch bei mir? Ein braver Mann hätte sie vielleicht von mir weg in sein Haus geführt – und da dachte ich denn auch an dich, ich dachte mir, da du dich einmal zu dienen entschlossen hast, da dir hier nichts abgehen wird, daß du bei mir bleiben wirst, daß du mich nicht verlassen wirst!

Annerl (gibt ihm die Hand). Mein Lebtag net! (Kleine Pause, sie zieht ihre Hand aus der seinen.) Gute Nacht, Hochwürden!

Hell. Gute Nacht!

Annerl (zurückkehrend). Und darf ich das Kreuzel offen tragen vor ganz Kirchfeld?

Hell. Gewiß! Warum fragst du?

Annerl. Ich hab' nur g'fragt, daß ich weiß, was dir recht ist! Nach allem andern frag' ich nimmer! Recht, recht gute Nacht! (Ab.)

Hell. Gute Nacht, Annerl

Dritte Scene.

Hell (allein).

Sei mir gegrüßt, du heiliger Hauch des lange verlorenen Familienlebens, das wieder mit diesem Kinde in mein Haus gezogen ist! Wieder, wie einst in den Tagen, wo ich eifrig über meinen Studien saß, wird eine helle freundliche Stimme an mein Ohr schlagen, wieder, wenn ich das Auge von meinen Büchern hebe, werde ich in ein frisches, heiteres Antlitz blicken – und wieder werde ich wissen: ich bin nicht allein, ich muß auf der Hut sein vor mir selbst, muß jedes Fleckchen, das vielleicht dem Entfernteren unbemerkbar ist, aber in der Nähe doch übel auffällt, sorgfältig in all meinem Denken und Handeln löschen – und jenes Leben, das immer auf andere vorab Rücksicht nimmt, muß mir wieder zur zweiten Natur werden und nur wer so lebt, versteht dich, du Gott der Liebe! Und nur der, der ein Herz in den engen Grenzen seines Hauses recht erfaßt und verstehen lernt, der weiß sie alle zu fassen, alle zu verstehen, die Herzen, die in der weiten Welt pochen und hämmern, denn was auch die Welt an ihnen gesündigt, aus der Hand des Schöpfers sind sie doch gleichgeartet hervorgegangen – eine schwache zitternde Magnetnadel, über die die Ströme des Lebens hinziehen und sie vielfach ablenken, die sich aber doch nicht irre machen läßt und ihren Norden sucht . . . die ewige Liebe!

Vierte Scene.

Hell. Wurzlsepp (schwingt sich über den Zaun).

Hell (durch das Geräusch aufmerksam gemacht, wendet sich). Wer ist da?

Sepp (eine kurze Pfeife schmauchend, kommt vor). Guten Abend!

Hell. Du, Sepp!!!

Sepp (immer demütig, bis die ändernde Anmerkung kommt). Ich hab's ja g'wußt, daß d' mich doch kennst, wenn ich auch in kein' Kirchen komm!

Hell. Was führt dich noch so spät hierher?

Sepp. Ich bin eigentlich schon lang da – seit nachmittag schleich' ich da um'n Pfarrhof und seit einer Viertelstund' lieg' ich da hinterm Zaun.

Hell. Du horchtest, spioniertest? Pfui!

Sepp. Aus Zeitlang!

Hell (gelassen). Wenn ich das gelten lasse, was weiter führt dich dann zu mir?

Sepp. Nichts – nichts – nur bedanken will ich mich, weil ich mich da hinterm Zaun so gut unterhalten hab'!

Hell. Du hast dich auf krummen Wegen, mit hinterlistigen Worten an mich herangeschlichen . . . Sepp, du hast nichts Gutes im Sinn.

Sepp (auflachend). Haha! Du bist schlau!

Hell. Als Freund der offenen That und der offenen Rede fasse ich dich denn gerade an, wo ich dich treffe und frage dich: Warum beobachtest du mein Thun und Lassen heimlich und versteckt? Was kommst du wie ein Dieb in der Nacht in mein Haus?

Sepp (gehässig). Weil ich dein Feind bin!

Hell. Mein Feind? Du irrst!

Sepp. Ich weiß recht gut, wen ich mein' – und ich sag' dir's ja, daß ich dich mein'!

Hell. Mein Feind! So habe ich denn einen Feind? Ich hätte das nicht gedacht! Was für Ursache habe ich dir je gegeben, mein Feind zu sein? – Sepp, du thust unrecht, auch dann unrecht, wenn du – wie ich fürchte – nur der Feind des Kleides bist, das ich trage.

Sepp. Drüber woll'n wir nit streiten, du tragst es ja einmal doch das G'wand.

Hell. Das Kleid macht nicht den Mann – und nicht darauf kommt es an im Leben, was wir sind, sondern wie wir es sind.

Sepp. Das glaub' ich selber! Mit dem G'wand aber mußt du das sein, was ich mein' und so bin ich schon recht! (Mit Schadenfreude.) Ja, Pfarrer, du mußt's sein – mußt, wenn d' gleich nit wolltest – mußt, ob dir's jetzt 's Herz abdrucken will, oder ob du in Boden 'neinstampfst . . . du mußt!

Hell. Mensch, was liegt auf dem Grunde deiner Seele? Woher dieser gehässige, feindselige Jubel?

Sepp. Weil mich's freut. Ein' von euch da zu sehn, wo ich vor zwanzig Jahren mich g'wunden hab' wie ein Wurm. Damals bin ich auf die Knie g'leg'n vorm Pfarrer und hab' gesagt: Herr! Das Derndl is mir in d'Seel' g'wachsen, wann's a a Lutherische is; unser Herrgott, der mir 's Herz in d'Brust geb'n hat, wird wissen, wie das hat g'schehn können. Gebts mich z'samm' mit ihr! Die Höll' hat er ledig auf mich loslassen – 's ganze Dorf aufg'hetzt wider mich – und mein' eigene Mutter von mir abg'red't – na, und wie die kommen is und g 'sagt hat: »Sepp, thu's um mein' Seel'nruh net!« da hab' ich's sein lassen. Freilich hat 's Herz in mir aufg'schrien: »So is's Gotts Will net, daß der Mensch elend sein soll!« – aber ich hab' ihm g'sagt, es soll still sein, und seit der Zeit hat's nindascht mehr dreing'red't. Recht stad is's in mir word'n, ich hab' mein G'werk auf'n Nagel g'hängt, bin da 'nauskraxelt auf die Berg', recht hoch, wo's a so still und kalt is und bloß, daß ich mein' Gedanken auskomm', hab' i mir a Arbeit g'macht und Wurzel und Kräuter g'sammelt und so is aus'm Gerber der Wurzelsepp word'n; – mein' Mutter hat den Jammer mit ang'schaut, helfen hat s' net könna, das hat s' g'wußt; sie hat g'wart' und g'wart', ob ich nit amol doch mit ein' freundlichen G'sicht hoamkomm' vom Gebirg. »Lachst denn gar nimmer, Sepp?« so hat s' g'fragt in die erst' Wochen a paarmal, dann mit der Zeit all' Tag und so fragt s' noch heut – nach zwanzig Jahr'n – sie hat sich hintersinnt. (Fährt sich mit dem Aermel über die Augen, dann heftig.) Weg'n mir 'leicht? Ich denk', das alles g'hört auf ein' andern sein Konto! Seit damals bin ich in keiner Kirch'n mehr g'wes'n und mein' Mutter – die erst aus Angst um mich und dann von selb'n z' Haus blieb'n is – geht a in keine und so sein wir a recht ordentliche Familie word'n! Freilich, a Müh' kost's schon, bis's einer so weit bringt, aber ich hab's so weit 'bracht, und jetzt, jetzt probier's du auch, Pfarrer!

Hell (ergriffen). Du bist unglücklich! Sepp, du magst in der Absicht gekommen sein, mich zu beleidigen; ich weiß von diesem Augenblicke an von nichts, als daß du unglücklich bist.

Sepp (heftig). Ich brauch' dein Mitleid net!

Hell. Biete ich dir denn Mitleid allein? Sollte dir, dir allein unter Tausenden, der Trost so ganz ferne liegen, den ich dir bieten kann? O, wecke in dir nur ein Fünkchen Vertrauen! Glaube nur das, daß ich auch jenen gerne dienen will, die sich meine Feinde nennen!

Sepp. Haha, was ziehst denn so sanfte Saiten auf? – Gott bewahr' mich, daß ich je ein' Dienst von dir erbetteln müßt'! So weich du jetzt auch thust, wo du mich fangen willst – du würdest mir's doch eintränken, du würdest mir's doch nit vergessen, wo ich dich heut nacht g'habt hab'!

Hell. Rede offen, deute nicht immer an! Wo hast du mich denn heute, wo ich nicht schon gestern zu haben war? Um was bin ich über Nacht schlechter geworden in deinen Augen? Ich verstehe dich nicht.

Sepp (wild). Laugn'st vielleicht, daß du der Dirn – der Ann' gut bist!

Hell (sieht erschreckt auf Sepp).

Sepp (kleine Pause). Du kannst's laugnen; aber du wirst's schon g'spür'n!

Hell (erregt). Ich stehe deiner Verunglimpfung, solange sie mich – mich allein – betrifft, aber dies ehrliche Mädchen laß aus dem Spiel, es erfaßt mich ein heiliger Zorn –

Sepp (einfallend). Is mir auch lieber, wenn d' herumschreist, dein sanfter Diskurs taugt mir schon lang nit – nur weck d'Nachbarsleut' nit, 's Dorf wird's noch zeitlich g'nug erfahr'n!

Hell. Keiner denkt im Dorfe wie du!

Sepp. Das mag sein, aber sie werd'n bald alle denken wie ich; ich fürcht' mich nit drauf, ich darf nur sagen, daß du der Ann' gut bist und sie glauben's, ohne daß s' weiter fragen, 's sein ja lauter gute Christen, ihr habt s' ja mehr 'n Satan, als unsern Herrgott fürchten g'lernt und so glaub'n s' auch eher 's Böse als 's Gute von ihr'n Nebenmenschen! Und wird mich 'leicht eins von euch Lug'n strafen? Die Anne, die mit ihr'n goldigen Kreuzel durchs Dorf statzt, g'wiß net und du, kannst du's? Dir klingt die Stimm' von dem Dirndl im Ohr wie der helle G'sang von an Waldvögerl, du schaust von deine Bücher auf nach ihrem frischen G'sichterl, du schenkst ihr das Kreuzl von deiner Mutter selig und gleichwohl du's nit haben kannst, das Dirndl, gönnst du's doch kein' andern! Du willst's halten und nit fassen für dein Lebtag! Und dö Dirn soll dir gleichgültig sein?

Hell (gepreßt). Ich habe nichts mehr zu sagen – bist du zu Ende?

Sepp. Nein, mir hat's noch nit die Red' verschlag'n! – Weißt, ganz gleich hätt's ma sein können, ob du die Dirn gern oder ungern siehst, aber du warst ja im Land als ein Ausbund von Frummheit verschrieen – ich hab' an dich so wenig 'glaubt, wie an ein andern, und die Kirchfelder hab'n mir's übel genommen. Wahr is's, du bist der Best' g'wes'n, den s' noch in Kirchfeld g'sehn hab'n, vielleicht im ganzen Land! Du hast a wahr's Christentum in d'Gmeind' bracht, du hast ohne Schlüssel die Dorfschenk unter Tag g'sperrt, du hast den Raufteufeln auf die Tanzböd'n die Arm 'bunden, die ärgsten Lumpen haben sich g'schämt, dir und der G'meind' a Schand' z' machen und haben a öften vorm Lockteufel »kehrt euch« g'macht, du hast die Schul' brav g'halten, ja du hast die Kirchfelder dahin 'bracht durch dein Wort und durch dein' Red', daß selb'n drüber zu denken und reden ang'fangt hab'n, ich red' nix von dein' Beispiel, ich red' nix von deine Wohlthaten für die arm' Leut', ich red' nix, wie du manchem Bauer an d'Hand 'gangen, daß er mit seiner Wirtschaft vom Fleck kämma is, und keins hat g'wußt, woher d' nimmst! Soweit warst du der Erst' und der Letzt'! Aber glaubst, deswegen haben die Kirchfelder aufg'hört, die frühern zu sein? Die Lumpen sein dir aufsässig und passen dir schon lang, ob s' dir nix abg'winnen können; die dir Dank schuldig sein, die schamen sich, daß s' dich braucht hab'n und machten's gern wett, und den Frummsten bist du 'leicht noch z' streng! Kenn du die Bagasch, wie ich sie kenn'! Jetzt aber bist du da, wo ich's den Kirchfeldern unter die Nasen reiben kann, daß du nit besser bist als ein anderer, und jetzt derleb ich's, daß all das, was d' so mühselig aufbaut hast, dir über'n Kopf z'samm'purzelt, wie a Kartenhaus!

Hell. Nein, nein, nein!

Sepp. Ich bin nit so dumm, wie ich ausschau'! Und ich kenn' mich aus! Hilft dir alles nix, die Dirn is dein Unglück! Ich weiß, du planst dir jetzt tausend Ausweg, wie d' sie bei dir halten könntest – aber du hast nur zwei Weg' und die führ'n dich dorthin, wohin ich dir g'sagt hab', und die kann ich dir nennen! Du kannst die Dirn entweder in Unehr'n halten, dann bist du den Kirchfeldern ihr Mann nimmer, oder du kannst s' mit Herzleid fortziehn lassen, dann is dir Kirchfeld und die ganze Welt nix mehr! Du hast dein ganzes G'werk alleinig aufrecht g'halten und ob dir jetzt die andern 's G'mäuer auseinand 'werfen, ob du selber die Hand' z'ruckziehst – es fallt z'samm'! Und es fallt z'samm', sag' ich dir!! Entweder in Unehr'n halten, oder mit Herzleid fahr'n lassen, kein' dritten Weg hast net! Siehst, Pfarrer, da hab' ich dich und hab' dich so sicher, daß ich dich nit einmal z' halten brauch'. Und jetzt – b'hüt dich Gott! (Schwingt sich über den Zaun.)

Hell (ist auf einen Stuhl gesunken und hat den Kopf auf die Tischplatte gesenkt – kleine Pause – dann sich ermannend, steht er langsam auf). Und keinen dritten Weg, keinen dritten?! (Geht gegen das Haus.) O, diese Nacht wird kein Ende nehmen! (Plötzlich innehaltend.) Wie alles in mir tobt und wallt, wie mir das Blut gegen Herz und Hirn strömt! Nein! (Stürzt zu einem Fenster und pocht.) Brigitte, Brigitte!

Brigitte (erscheint am Fenster). Hochwürden!

Hell. Schnell meinen Rock, meinen Hut! Dann kannst du das Thor schließen, ich komme erst mit Morgen wieder!

Brigitte. Um Gottes will'n, is 'leicht eins im Sterben?

Hell (mit abwehrender Bewegung). Nein!

Brigitte. Aber, hochwürdiger Herr, du wirst doch nit jetzt in der Nacht spazier'n gehn? Denk das G'red' im Dorf, wenn dich 'leicht doch wer sieht!

Hell (mit wiedergewonnener Ruhe). Nun, Alte, dann hat er einen schwachen, aber ehrlichen Mann gesehen, der sich selbst aus dem Wege geht!

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