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Der Pfadfinder oder Das Binnenmeer

James Fenimore Cooper: Der Pfadfinder oder Das Binnenmeer - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Pfadfinder
publisherHoffmann'sche Verlags Buchhandlung.
printrunNeue unveränderte Auflage
year1869
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141112
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Fünftes Kapitel

Hier der Tod und dort der Tod
Ueberall geschäftig droht.

Shelley.

 

Es war ein athemloser Augenblick. Die Flüchtigen konnten die Absichten ihrer Verfolger nur aus ihren Geberden und den Zeichen errathen, welche ihnen in der Wuth der getäuschten Erwartung entschlüpften. Daß eine Partie bereits auf ihrer eigenen Fährte zu Land zurückgekehrt war, war fast gewiß, und also der ganze Vortheil, welchen man von dem Kunstgriff mit dem Feuer erwartet hatte, verloren. Diese Betrachtung war jedoch im gegenwärtigen Augenblick von geringem Belang, da die Gesellschaft von Seite derer, welche in dem Wasser herunterkamen, mit augenblicklicher Entdeckung bedroht war. Alle diese Umstände traten wie durch Anschauung vor die Seele des Pfadfinders, welcher die Notwendigkeit einer schnellen Entscheidung erkannte und die Vorbereitungen zum Kampfe traf. Er winkte den beiden Indianern und Jaspern, näher zu kommen, und theilte ihnen flüsternd seine Ansichten mit.

»Wir müssen schlagfertig sein, wir müssen bereit sein,« sagte er. »Es sind nur drei von diesen skalplustigen Teufeln, und wir sind fünf, von denen vier als brave Krieger für solch' ein Scharmützel betrachtet werden können. Eau-douce, nehmt Ihr den Burschen, der wie der Tod bemalt ist, auf's Korn; dir, Chingachgook, gebe ich den Häuptling, und Ihr, Arrowhead, müßt Euer Auge auf den Jungen halten. Es darf kein Irrthum stattfinden; denn zwei Kugeln in den nämlichen Körper wären eine sündhafte Verschwendung, wenn man eine Person, wie des Sergeanten Tochter, in Gefahr weiß. Ich selbst will die Reserve bilden, wenn etwa so ein viertes Gewürm erschiene, oder eine eurer Hände sich als unsicher erprobte. Gebt aber nicht Feuer, bis ich es sage. Wir dürfen nur im äußersten Nothfall unsere Büchsen brauchen, da die übrigen Bösewichter den Knall hören würden. Jasper, Junge, wenn sich eine Bewegung hinter uns, vom Ufer her, hören läßt, so verlasse ich mich auf Euch, daß Ihr mit des Sergeanten Tochter den Kahn auslaufen laßt und in Gottes Namen, so schnell Ihr könnt, der Garnison zu treibet.«

Der Pfadfinder hatte kaum diese Anweisungen gegeben, als die Annäherung der Feinde das tiefste Stillschweigen nöthig machte.

Die Irokesen kamen langsam den Strom herunter und hielten sich in die Nähe des Gebüsches, welches über das Wasser herhing, indeß das Rauschen der Blätter und das Rasseln der Zweige es bald zur Gewißheit machte, daß ein zweiter Trupp sich längs dem Ufer hinbewegte und mit denen im Wasser gleichen Schritt und gleiche Richtung hielt. Da das von den Flüchtigen künstlich angelegte Gebüsch in einiger Entfernung von dem wahren Ufer lag, so wurden sich die beiden Haufen gerade an den gegenüber liegenden Punkten ansichtig. Sie hielten nun an, und es erfolgte eine Besprechung, welche so zu sagen über den Häuptern der Verborgenen weg geführt wurde. In der That wurden auch unsere Reisenden durch nichts geschützt, als durch die Zweige und Blätter ihrer Pflanzung, welche so biegsam waren, daß sie jedem Luftstrome nachgaben und von jedem mehr als gewöhnlichen Windstoß weggeblasen worden wären. Glücklicherweise führte die Gesichtslinie die Augen der Wilden, sowohl derer, die im Wasser standen, als derer, welche sich am Lande befanden, über das Gebüsch weg, dessen Blätter dicht genug schienen, um jeden Verdacht zu beseitigen. Vielleicht verhinderte blos die Kühnheit dieses Auswegs eine augenblickliche Entdeckung. Die Besprechung, welche nun stattfand, wurde mit Ernst, jedoch in gedämpftem Tone geführt, als ob die Sprechenden die Aufmerksamkeit irgend eines Lauschers vereiteln wollten. Sie geschah in einem Dialekt, welchen sowohl die beiden indianischen Krieger, als auch der Pfadfinder verstand, obschon Jaspern nur ein Theil des Gespräches deutlich wurde.

»Die Fährte ist durch das Wasser weggewaschen,« sagte Einer von unten, welcher dem künstlichen Versteck der Flüchtigen so nahe stand, daß man ihn mit dem Salmenspieß, welcher in Jaspers Kahne lag, hätte erreichen können. »Wasser hat sie so rein gewaschen, daß der Hund eines Yengeese ihr nicht zu folgen wüßte.«

»Die Bleichgesichter haben das Ufer in ihren Kähnen verlassen,« antwortete der Sprecher am Ufer.

»Es kann nicht sein. Die Büchsen unserer Krieger unten sind sicher.«

Der Pfadfinder warf Jaspern einen bedeutungsvollen Blick zu und biß die Zähne zusammen, um den Ton seines Athems zu unterdrücken.

»Laß meine jungen Leute um sich blicken, als ob ihre Augen Adler seien,« sagte der älteste Krieger unter denen, welche im Fluß wateten. – »Wir sind einen ganzen Mond auf dem Kriegspfad gewesen und haben nur einen Skalp gefunden. Es ist ein Mädchen unter ihnen, und einige unserer Tapfern brauchen Weiber.«

Glücklicher Weise gingen diese Worte für Mabel verloren: aber Jaspers Stirne furchte sich tiefer und sein Gesicht glühete.

Die Wilden brachen nun ihre Unterhaltung ab, und unsere Versteckten hörten die langsamen und vorsichtigen Bewegungen ihrer Feinde am Ufer, und das Rasseln des Gebüsches, welches sie auf ihrem Wege behutsam auf die Seite bogen. Sie waren augenscheinlich schon über den Versteck hinaus; aber das Häuflein im Wasser hielt noch an, und prüfte das Ufer mit Augen, welche auf ihren Kriegsfarben wie die Gluth aus Kohlen heraus funkelten. Nach einer Pause von zwei oder drei Minuten fingen auch sie an, stromabwärts zu gehen, obgleich nur Schritt für Schritt, wie Menschen, welche einen verlornen Gegenstand suchen.

In dieser Weise kamen sie an dem künstlichen Schirme vorbei, und der Pfadfinder verzog seinen Mund zu dem herzlichen aber lautlosen Lachen, welches Natur und Gewohnheit zu einer Eigenthümlichkeit dieses Mannes gemacht hatte. Sein Triumph war jedoch voreilig, denn der Letzte des abziehenden Häufleins warf gerade in diesem Moment einen Blick zurück, und hielt plötzlich an. Diese Bewegung und ein vorsichtiges Umschauen verrieth ihnen aus einmal zu ihrem größten Schrecken, daß einige vernachläßigte Büsche den Verdacht erregt hätten.

Es war vielleicht ein Glück für die Verborgenen, daß der Krieger, welcher diese erschreckenden Zeichen eines auftauchenden Verdachtes kundgab, ein Jüngling war, der erst Achtung erwerben mußte. Er wußte, wie wichtig Besonnenheit und Bescheidenheit für einen Menschen von seinen Jahren sei, und fürchtete mehr als Alles das Lächerliche und die Verachtung, die die Folgen eines falschen Lärmens waren. Ohne daher einen der Gefährten zurückzurufen, kehrte er wieder zurück, und während die Andern in dem Flusse weiter schritten, näherte er sich vorsichtig den Büschen, auf die er seine Blicke wie durch einen Zauber gebannt hielt. Einige von den Blättern, welche der Sonne am meisten ausgesetzt geblieben, waren verwelkt, und diese leichte Abweichung von den gewöhnlichen Gesetzen der Natur hatte das rasche Auge eines Indianers auf sich gezogen; denn die Sinne der Wilden werden durch die Uebung so scharf, daß ihnen zumal auf ihrem Kriegspfade, oft die anscheinend unbedeutendsten Dinge den Faden zu Verfolgung ihres Zieles geben.

Die scheinbare Geringfügigkeit der Beobachtung, welche er gemacht hatte, war ein weiterer Grund für den Jüngling, sie seinen Gefährten nicht mitzutheilen. Hatte sie ihn wirklich zu einer Entdeckung geleitet, so war sein Ruhm um so größer, wenn er desselben ungetheilt genoß; und war dieß nicht der Fall, so durfte er hoffen, dem Gelächter zu entgehen, welches die jungen Indianer so sehr scheuen. Hier drohte jedoch die Gefahr eines Hinterhalts und eines Ueberfalls, welche jeden, auch den feurigsten Krieger der Wälder zu einer langsamen und vorsichtigen Annäherung veranlaßt; und in Folge der aus den eben genannten Umstünden fließenden Zögerung waren die zwei Partien bereits fünfzig bis sechzig Ellen weiter abwärts gekommen, ehe der junge Wilde der Anpflanzung Pfadfinders so nahe gerückt war, daß er sie mit den Händen erreichen konnte.

Ungeachtet ihrer kritischen Lage hatte die ganze Gesellschaft in dem Verstecke ihre Augen fest auf das bewegte Gesicht des jungen Irokesen gerichtet, auf welchem sich der Kampf seiner Gefühle deutlich zeichnete. Das erste war die lebhafte Hoffnung, einen Erfolg zu erringen, wo einige der Erfahrensten seines Stammes bereits irre gegangen waren, und einen Ruhm zu erwerben, wie er selten einem Manne von seinem Alter, oder einem Muthigen auf dem ersten Kriegspfade zu Theil wird: dann folgten Zweifel, da die welken Blätter sich wieder zu erheben, und in den Strömungen der Luft aufzuleben schienen; und endlich ließ der Argwohn einer vorhandenen Gefahr die erregten Gefühle in seinen Zügen ihr beredtes Spiel treiben.

Die durch die Hitze hervorgebrachte Veränderung des Gebüsches, dessen Stämme im Wasser standen, war nur so leicht gewesen, daß der Irokese, als er wirklich die Hand an die Blätter legte, zu der Vermuthung kam, er habe sich getäuscht. Da aber Niemand bei einem strengen Verdacht die naheliegenden Mittel, seine Zweifel zu berichtigen, verabsäumt, so bog der junge Krieger vorsichtig die Zweige auf die Seite, und war mit einem Tritte in dem Versteck, wo die Gestalten der darin Befindlichen wie eben so viele athemlose Statuen seinen Blicken entgegentraten. Der dumpfe Ausruf, das leichte Zurückfahren und das glänzende Auge des Feindes wurden kaum gesehen und gehört, als sich der Arm Chingachgooks erhob, und der Tomahawk des Delawaren auf den nackten Schädel seines Gegners niedersank. Der Irokese erhob wüthend die Hände, stürzte rückwärts, und fiel an einer Stelle in's Wasser, wo der Strom den Körper wegführte, dessen Glieder noch im Todeskampfe zuckten. Der Delaware machte einen kräftigen, aber erfolglosen Versuch, seinen Arm zu ergreifen, in der Hoffnung, sich des Skalps zu bemächtigen; aber das blutgestreifte Wasser wirbelte stromabwärts, und führte seine bebende Last mit sich fort.

Alles dieses geschah in weniger als einer Minute, und erschien dem Auge so plötzlich und unerwartet, daß Leute, welche weniger an die Kriegsfahrten der Wälder gewöhnt waren, als der Pfadfinder und seine Genossen, nicht sogleich gewußt hätten, was beginnen.

»Es ist kein Augenblick zu verlieren,« sagte Jasper mit ernster, aber gedämpfter Stimme, indem er das Gebüsch auf die Seite drückte. »Thut, was ich thue, Meister Cap, wenn Ihr Eure Nichte gerettet wissen wollt; und Sie, Mabel, legen Sie sich der Länge nach in dem Kahne nieder.«

Er hatte diese Worte kaum gesprochen, als er den Bug des leichten Bootes ergriff, es, im Wasser watend, längs dem Ufer hinschleppte, wobei Cap ihn am Stern unterstützte – sich so nahe als möglich an das Ufer hielt, um von den Wilden nicht bemerkt zu werden, und die obere Wendung des Flusses zu gewinnen suchte, welche die Gesellschaft mit Sicherheit vor dem Feind verbergen mochte. Des Pfadfinders Kahn lag zunächst am Lande, und mußte deßhalb zuletzt das Ufer verlassen. Der Delaware sprang an's Land, und verlor sich in den Wald, da er es für seine Aufgabe hielt, den Feind in dieser Gegend zu überwachen, indeß Arrowhead seinen weißen Gefährten beim Flottmachen des Kahnes unterstützte – um Jaspern folgen zu können. Alles dieses war das Werk eines Augenblicks; als aber Pfadfinder die Strömung an der Flußmündung erreicht hatte, fühlte er plötzlich ein Leichterwerden des Gewichtes, welches er führte, und bei einem Rückblick entdeckte er, daß der Tuscarora mit seinem Weib ihn verlassen hatte. Der Gedanke an Verrath blitzte in seiner Seele auf; aber es war keine Zeit, anzuhalten. Der Klageruf, der sich weiter unten im Fluß erhob, verkündete, daß der weggeschwemmte Körper des jungen Indianers bei seinen Freunden angelangt war. Der Knall einer Flinte folgte, und nun sah der Wegweiser, daß Jasper, nachdem er die Flußbeugung umrudert hatte, den Strom quer durchschnitt und Beide, Jasper aufrecht stehend im Stern des Kahnes, und Cup am Bug sitzend, das leichte Fahrzeug mit kräftigen Ruderschlägen vorwärts trieben. Ein Blick, ein Gedanke, ein Auskunftsmittel erfolgte rasch auf einander in der Seele eines Mannes, der so sehr an die Wechselfälle des Grenzkriegs gewöhnt war. Er sprang schnell in das Hintertheil seines Kahnes, drängte ihn mit einem kräftigen Stoß in die Strömung, und fing gleichfalls an, den Strom so weit unten zu kreuzen, daß seine Person eine Zielscheibe für den Feind abgeben mochte, indem er wohl wußte, daß ihr eifriges Verlangen, sich einer Kopfhaut zu versichern, alle anderen Gefühle überwältigen würde.

»Haltet Euch über der Strömung, Jasper,« rief der hochherzige Führer, indem er das Wasser mit langen, festen und kräftigen Ruderschlägen peitschte, »haltet Euch wohl über der Strömung, und treibt gegen das Erlengebüsch auf der andern Seite zu. Bewahret vor Allem des Sergeanten Tochter, und überlaßt diese Schufte von Mingo's mir und dem Serpent.

Jasper schwenkte sein Ruder zum Zeichen, daß er ihn verstanden habe, und nun ertönte Schuß auf Schuß in rascher Folge, davon jeder auf den einzelnen Mann in dem nächsten Kahne gerichtet war.

»Ha, entladet nur eure Büchsen, ihr Dummköpfe,« sagte der Pfadfinder, der in der Einsamkeit der Wälder, in welcher er so viele Zeit zubrachte, die Gewohnheit angenommen hatte, mit sich selber zu sprechen, »feuert nur eure Büchsen ab auf ein unsicheres Ziel, und laßt mir Zeit, auf dem Fluß eine Elle um die andere zwischen uns zu gewinnen. Ich will euch nicht schmähen, wie ein Delaware oder ein Mohikan, denn meine Gaben sind die eines weißen Mannes und nicht die eines Indianers, und das Prahlen im Kampf ist nicht die Sache eines christlichen Kriegers; aber ich kann hier ganz allein mir selbst sagen, daß ihr wenig besser seid, als die Leute aus den Städten, welche auf die Rothkehlchen in den Obstgärten schießen. Nun, das war gut gemeint« – er zog seinen Kopf zurück, da eine Flintenkugel eine Haarlocke von seinen Schläfen abgerissen hatte – »aber das Blei, das um einen Zoll fehlt, ist eben so nutzlos, als das, welches stets im Flintenlauf bleibt. Brav gethan, Jasper! Des Sergeanten süßes Kind muß gerettet werden, und wenn wir Alle unsere Kopfhäute darüber verlieren sollten.«

Mittlerweile war der Pfadfinder in die Mitte des Flusses und fast an die Seite seiner Feinde gerudert, indeß der andere Kahn, von Caps und Jaspers kräftigen Armen getrieben, der ihnen bezeichneten Stelle am jenseitigen Ufer nahe gekommen war. Der alte Seemann spielte nun seine Rolle männlich, denn er war auf seinem eigenen Element, liebte seine Nichte aufrichtig, hatte eine besondere Verehrung gegen seine eigene Person, und war des Feuers nicht ungewohnt, obgleich seine Erfahrung sich auf eine ganz andere Art des Kriegführens bezog. Einige Ruderstreiche brachten den Kahn in das Gebüsch; Mabel eilte mit Jasper an's Land, und für den Augenblick waren alle drei Flüchtlinge gerettet.

Nicht so verhielt es sich mit dem Pfadfinder. Seine muthige Selbstausopferung hatte ihn in eine ungemein gefährliche Lage gebracht, die sich noch dadurch verschlimmerte, daß, als er gerade zunächst dem Feinde vorbei trieb, der am Lande befindliche Haufen am Ufer herunter glitt, und sich mit seinen in dem Wasser stehenden Freunden vereinigte. Der Oswego war an dieser Stelle ungefähr eine Kabellänge breit, und der in der Mitte befindliche Kahn nur ungefähr hundert Ellen oder eine Zielweite von den Büchsen entfernt, welche ohne Unterlaß gegen denselben abgefeuert wurden.

In dieser verzweifelten Lage that die Festigkeit und Geschicklichkeit des Pfadfinders gute Dienste. Er wußte, daß seine Sicherheit nur von einer fortdauernden Bewegung abhing; denn ein feststehender Gegenstand wäre in dieser Entfernung fast mit jedem Schusse getroffen worden. Bewegung allein war aber nicht zureichend; denn seine Feinde, die gewöhnt waren, den Hirsch im Sprunge zu tödten, wußten wahrscheinlich ihr Ziel so wohl zu nehmen, daß sie ihn getroffen haben würden, wenn die Bewegung eine gleichförmige war. Er sah sich daher veranlaßt, den Kurs des Kahnes zu wechseln und schoß einen Augenblick mit der Schnelligkeit des Pfeiles stromabwärts: im nächsten hielt er in dieser Richtung an, und schnitt schnell in den Strom ein. Glücklicherweise konnten die Irokesen ihre Gewehre im Wasser nicht wieder laden, und das Gebüsch, welches überall das Ufer säumte, machte es schwierig, den Flüchtling im Gesicht zu behalten, wenn sie an's Land stiegen. Unter dem Schutze dieser Umstände, und da die Feinde alle ihre Gewehre auf ihn abgefeuert hatten, hatte Pfadfinder schnell, sowohl abwärts als in die Quere, eine sichernde Entfernung gewonnen, als plötzlich eine neue, wenn auch nicht unerwartete Gefahr auftauchte.

Diese bestand in der Erscheinung des Haufens, welcher weiter unten im Hinterhalt gelegen hatte, um den Strom zu bewachen, und dessen die Wilden in dem oben ausgeführten kurzen Gespräch Erwähnung gethan. Die Zahl desselben betrug nicht weniger als zehn, und da ihnen alle Vortheile ihres blutigen Gewerbes bekannt waren, so hatten sie sich an einer Stelle aufgestellt, wo das Wasser zwischen den Felsen und über die Untiefen brandete; Stellen, die man in der Sprache dieser Gegend Stromengen nennt. Der Pfadfinder sah wohl, daß er, wenn er in diese Enge einliefe, auf den Punkt zugetrieben würde, wo die Irokesen sich aufgestellt hatten; denn die Strömung war unwiderstehlich, die Felsen gestatteten keinen andern sichern Durchgang, und so waren Tod oder Gefangenschaft die einzigen wahrscheinlichen Resultate eines solchen Versuches. Er strengte daher alle seine Kräfte an, um das westliche Ufer zu erreichen, da sich die Feinde Alle auf der Ostseite des Flusses befanden. Aber ein solches Unternehmen überstieg die Kraft eines einzelnen Menschen, und ein Versuch, die Strömung zu überwinden, würde die Bewegung des Kahnes auf einmal so weit vermindert haben, daß dadurch einem sicheren Zielen Raum gegeben worden wäre. In dieser Noth kam der Wegweiser mit seiner gewohnten schnellen Besonnenheit zu einem Entschluß, für welchen er alsbald seine Vorbereitungen traf. Anstatt sich zu bemühen, das Fahrwasser zu gewinnen, steuerte er gegen die seichteste Stelle des Stroms, und als er diese erreicht hatte, ergriff er seine Büchse und sein Bündel, sprang in's Wasser und fing an von Felsen zu Felsen zu waten, wobei er seine Richtung, gegen das westliche Ufer einschlug. Der Kahn wirbelte in der wüthenden Strömung, rollte über einige schlüpfrige Steine, füllte und leerte sich wieder, und erreichte endlich das Ufer, einige Ellen von der Stelle entfernt, wo die Indianer sich aufgestellt hatten.

Indeß war der Pfadfinder noch lange nicht außer Gefahr. In den ersten Minuten erhielt die Bewunderung seiner Schnelligkeit und seines Muthes, dieser bei den Indianern so hoch geachteten Tugenden, seine Verfolger regungslos. Aber der Durst nach Rache und die Gier nach dem so hoch gepriesenen Siegeszeichen überwältigten bald dieses vorübergehende Gefühl und weckten sie aus ihrer Erstarrung. Büchse um Büchse krachte, und die Kugeln sausten um des Flüchtlings Haupt, daß er sie durch das Brausen des Wassers hören konnte. Aber er schritt fort, gleich Einem, der ein durch Zauberkraft geschütztes Leben trägt, und obwohl das grobe Gewand des Gränzmannes mehr als Einmal durchlöchert ward, so wurde doch nicht einmal seine Haut gestreift.

Da der Pfadfinder einige Mal genöthigt war, bis unter die Arme im Wasser zu waten, wobei er seine Büchse sammt dem Schießbedarf über die wüthende Strömung erhob, so wurde er von der Anstrengung bald ermüdet, und er war erfreut, an einem großen Steine oder vielmehr einem kleinen Felsen, welcher so hoch über den Fluß hervorragte, daß seine obere Fläche trocken war, Halt machen zu können. Aus diesen Stein legte er sein Pulverhorn und stellte sich selbst hinter denselben, so daß sein Körper theilweise gedeckt wurde. Das westliche Ufer war nur noch fünfzig Fuß entfernt, aber die ruhige, schnelle, dunkle Strömung, die zwischen durchschoß, verschaffte ihm die Ueberzeugung, daß er hier werde schwimmen müssen.

Die Indianer, welche nur eine Weile ihr Feuer aussetzten, versammelten sich um den gestrandeten Kahn; und da sie dabei die Ruder fanden, so schickten sie sich an über den Fluß zu setzen.

»Pfadfinder!« rief eine Stimme aus dem Gebüsche des westlichen Ufers an der Stelle, welche der angeredeten Person am nächsten war.

»Was wollt Ihr, Jasper?«

»Seid guten Muths; – Es sind Freunde bei der Hand, und kein Mingo soll über den Fluß setzen, ohne für seine Kühnheit zu büßen. Würdet Ihr nicht besser thun, Eure Büchse auf dem Felsen zu lassen und herüber zu schwimmen, ehe die Schurken sich Flott machen können?«

»Ein braver Jäger läßt nie sein Gewehr im Stich, so lange er Pulver in seinem Horn und eine Kugel in der Tasche hat. Ich habe heute den Drücker noch nicht berührt, und könnte den Gedanken nicht ertragen, mit diesem Gewürm zusammen gekommen zu sein, ohne ihm eine Erinnerung an meinen Namen zurückzulassen. Ein bischen Wasser wird meinen Beinen nicht schaden, und ich sehe jenen Lumpenkerl, den Arrowhead, unter den Strolchen; ich möchte Dem wohl einen Lohn, den er so redlich verdient hat, zusenden. Ihr habt doch hoffentlich nicht des Sergeanten Tochter mit herunter und in die Schußweite ihrer Kugeln gebracht, Jasper?«

»Sie ist in Sicherheit, wenigstens für den Augenblick, obgleich Alles davon abhängt, daß wir den Fluß zwischen uns und dem Feinde erhalten. Sie müssen jetzt unsere Schwäche kennen, und wenn sie übersetzen sollten, so zweifle ich nicht, daß ein Theil davon auf der andern Seite bleiben wird.«

»Diese Kahnfahrt betrifft Euere Gaben näher, als die meinigen, Junge, obgleich ich mein Ruder handhaben werde, wie der beste Mingo, der je einen Salm erlegte. Wenn sie unterhalb der Stromenge kreuzen, warum sollten wir nicht eben so gut oberhalb desselben über das ruhige Wasser setzen, und sie durch das Hin und Her, wie im Wolfspiel zum Besten haben können?«

»Weil sie, wie ich gesagt habe, eine Partie auf dem andern Ufer lassen werden; und dann, Pfadfinder, möchtet Ihr Mabel den Büchsen der Irokesen bloßgeben?«

»Des Sergeanten Tochter muß gerettet werden,« entgegnete der Wegweiser mit ruhiger Energie. »Ihr habt Recht, Jasper; sie hat nicht die Gabe, ihren Muth dadurch zu bewähren, daß sie ihr süßes Gesicht und ihren zarten Körper einer Mingobüchse aussetzt. Was können wir thun? Wir müssen eben, wenn es möglich ist, das Uebersetzen ein oder zwei Stunden verhindern, und dann in der Dunkelheit unser Letztes versuchen.«

»Ich stimme euch bei, Pfadfinder, wenn es bewerkstelligt werden kann. Aber sind wir auch stark genug für dieses Vorhaben?«

»Der Herr ist mit uns, Junge – der Herr ist mit uns; und es ist unvernünftig, zu glauben, daß eine Person, wie des Sergeanten Tochter in einer solchen Verlegenheit so ganz von der Vorsehung sollte verlassen werden. Es ist, wie ich gewiß weiß, kein Boot zwischen den Fällen und der Garnison, als unsere beiden Kähne, und ich denke, es wird über die Gaben einer Rothhaut gehen, Angesichts zweier Büchsen, wie die Eurige und die meinige, über den Fluß zu setzen. Ich will nicht prahlen, Jasper, aber man weiß in allen Gränzorten wohl, daß der Hirschetödter selten fehlt.«

»Eure Geschicklichkeit ist nahe und fern bekannt, Pfadfinder, aber eine Büchse braucht Zeit, um geladen zu werden; auch seid Ihr nicht an dem Lande und durch einen guten Versteck geschützt, von dem aus Ihr Euch Eurer gewohnten Vortheile bedienen könntet. Wenn Ihr unsern Kahn hättet, getrautet Ihr Euch wohl, mit trockenem Gewehr das Ufer zu erreichen?«

»Kann ein Adler fliegen?« erwiederte der Andere mit seinem gewohnten Lachen, indem er im Sprechen rückwärts blickte. »Aber es würde unklug sein, Euch selbst auf dem Wasser auszusetzen, denn diese Spitzbuben fangen wieder an, sich an ihr Pulver und ihre Kugeln zu erinnern.«

»Es kann auch, ohne daß ich mich in Gefahr begebe, geschehen. Meister Cap ist nach dem Kahn hinaufgegangen, und wird den Zweig eines Baumes in den Fluß werfen, um die Strömung zu untersuchen, welche von jener obern Stelle in der Richtung Eures Felsen lauft. Seht, da kommt er schon, wenn er gut anlangt, so dürft Ihr nur den Arm ausstrecken, und der Kahn wird folgen. Jedenfalls wird ihn, wenn Er an Euch vorbeigehen sollte, der Wirbel da unten wieder heraufbringen, so daß ich ihn wohl erreichen kann.«

Während Jasper noch sprach, kam der schwimmende Zweig näher. Er beschleunigte seine Geschwindigkeit mit der zunehmenden Schnelle der Strömung und schwebte schnell abwärts auf den Pfadfinder zu, welcher ihn rasch ergriff und als ein Erfolg versprechendes Zeichen in die Höhe hielt. Cap verstand das Signal und überließ den Kahn mit einer Behutsamkeit und Umsicht, zu deren Beobachtung die Gewohnheit den Seemann geeignet gemacht hatte, dem Strome. Er schwamm in derselben Richtung, wie der Zweig, und in einer Minute wurde er von dem Pfadfinder angehalten.

»Das ist mit der Einsicht eines Gränzmannes ausgeführt, Jasper,« sagte der Wegweiser lachend. »Doch Eure Gaben eignen sich für das Wasser, wie die meinigen für die Wälder. Nun laßt diese schuftigen Mingo's ihre Hahnen spannen und auslegen, denn dieß ist das letzte Mal, daß sie im Stande sind, auf einen Mann außerhalb eines Versteckes zu zielen.«

»Schiebt den Kahn gegen das Ufer, legt gegen die Strömung ein, und springt hinein, wenn er abstößt. Man hat wenig Vortheil, wenn man sich der Gefahr aussetzt.«

»Ich liebe es, Gesicht gegen Gesicht wie ein Mann meinen Feinden gegenüber zu stehen, wenn sie mir hierin das Beispiel geben,« erwiederte der Pfadfinder stolz. »Ich bin keine geboren Rothhaut, und es gehört mehr zu den Gaben eines weißen Mannes, offen zu fechten, als in einem Hinterhalt zu liegen.«

»Und Mabel?«

»Richtig, Junge, Ihr habt Recht: des Sergeanten Tochter muß gerettet werden, und eine thörichte Aussetzung, wie Ihr sagt, ziemt blos Knaben. Glaubt Ihr, daß Ihr auf Eurem Standort den Kahn auffangen könnt?«

»Daran ist kein Zweifel, wenn Ihr ihm einen kräftigen Stoß gebt.«

Pfadfinder wandte die erforderliche Kraft an; die leichte Barke schoß quer über den trennenden Raum, und als sie gegen das Land kam, wurde sie von Jaspern ergriffen. Da die beiden Freunde nun den Kahn zu sichern und die geeignete Stellung in einem Versteck zu nehmen hatten, so blieb ihnen nur ein Augenblick, um sich die Hände zu drücken, was mit einer Herzlichkeit geschah, als ob sie sich nach langer Trennung wieder zum ersten Mal gesehen hätten.

»Nun, Jasper, wir werden sehen, ob einer von diesen Mingo's über den Oswego setzen kann, wenn ihm der Hirschetödter die Zähne weist. Ihr seid zwar vielleicht gewandter in der Führung des Ruders, als in dem Gebrauch der Büchse, aber Ihr habt ein tapferes Herz und eine sichere Hand, und das sind schon Dinge, die bei einem Kampf in Betracht kommen.«

»Mabel wird mich zwischen ihr und ihren Feinden finden,« sagte Jasper ruhig.

»Ja, ja, des Sergeanten Tochter muß beschützt werden. Ich liebe Euch, Junge, um Eurer selbst willen; aber ich liebe Euch noch viel mehr, weil Ihr so auf den Schutz dieses schwachen Geschöpfs bedacht seid, in einem Augenblick, wo es Eurer ganzen Mannheit bedarf. Seht, Jasper, drei von diesen Schurken sind eben in den Kahn gestiegen. Sie müssen glauben, wir seien geflohen, sonst würden sie so Etwas sicher nicht im Angesicht des Hirschetödters gewagt haben.«

Die Irokesen schienen sich nun zu einer Kreuzung des Stromes anzuschicken; denn da der Pfadfinder und seine Freunde sich sorgfältig versteckt hielten, so fingen ihre Feinde an zu glauben, daß sie die Flucht ergriffen hätten. Diesen Ausweg würden auch wohl die meisten Weißen eingeschlagen haben; aber Mabel war unter dem Schutze von Leuten, welche zu sehr den Krieg in den Wäldern kannten, um die Vertheidigung des einzigen Uebergangspunktes, der ihre Sicherheit gefährden konnte, zu vernachlässigen.

Wie der Pfadfinder gesagt hatte, waren drei Krieger in dem Kahn, von denen zwei auf den Knieen im Anschlag lagen, um jeden Augenblick ihrer tödtlichen Waffe ein Ziel geben zu können: der dritte stand aufrecht in dem Stern und lenkte das Ruder. In dieser Weise verließen sie das Ufer, nachdem sie, ehe sie in den Kahn traten, ihn vorsichtig stromaufwärts gehalten hatten, um in das vergleichungsweise stille Wasser oberhalb der Stromenge zu kommen. Man konnte auf den ersten Blick sehen, daß der Wilde, welcher das Boot führte, seine Sache gut verstand, denn unter seinem langen und sicheren Ruderschlag flog das leichte Fahrzeug mit der Leichtigkeit einer Feder in der Luft über die glänzende Fläche.

»Soll ich Feuer geben?« fragte Jasper flüsternd, und zitternd vor Begierde, den Kampf zu beginnen.

»Noch nicht, Junge, noch nicht.« Es sind ihrer Drei, und wenn Meister Cap dort weiß, wie er die Schlüsselbüchsen, die in seinem Gürtel stecken, zu gebrauchen hat, so können wir sie immer an's Land kommen lassen. Wir werden dann den Kahn wieder kriegen.«

»Aber Mabel?«

»Fürchtet Nichts für des Sergeanten Tochter. Sie ist ja, wie Ihr sagt, sicher in dem hohlen Baum, dessen Oeffnung Ihr klugerweise durch die Brombeerstaude verborget. Wenn es wahr ist, was Ihr mir über diese Weise, wie Ihr ihre Fährte verdeckt habt, erzähltet, so könnte das süße Geschöpf wohl einen Monat dort liegen, und alle Mingo's auslachen.«

Wir sind dessen nie gewiß und ich wünschte, wir hätten sie unserem eigenen Versteck näher gebracht.«

»Warum, Eau-douce?« um ihren niedlichen kleinen Kopf und ihr klopfendes Herz den fliegenden Kugeln auszusetzen? Nein, nein, sie bleibt besser, wo sie ist, weil sie dort sicherer ist.«

»Wir sind dessen nicht gewiß. Wir hielten uns auch für sicher hinter dem Gebüsch, und doch habt Ihr selbst gesehen, daß wir entdeckt wurden –«

»Und der junge Teufel von Mingo seine Neugierde büßen mußte, wie es mir alle diese Schufte thun sollen –«

Der Pfadfinder unterbrach seine Worte, denn in diesem Augenblick schlug der Knall einer Büchse an sein Ohr. Der Indianer im Sterne des Kahnes sprang hoch in die Luft und fiel mit dem Ruder in der Hand in's Wasser. Ein leichtes Rauchwölkchen wirbelte aus einem der Gebüsche auf dem östlichen Ufer in die Höhe, und verlor sich bald in der Atmosphäre.

»Das ist Serpent's Zischen!« rief der Pfadfinder, frohlockend. »Ein kühneres und treueres Herz hat nie in der Brust eines Delawaren geschlagen. Es ist mir zwar Leid, daß er sich in die Sache gemischt hat; aber er konnte unsere Lage nicht kennen, er konnte nicht wissen, wie wir stehen.«

Kaum hatte der Kahn seinen Führer verloren, so wurde er von den Schnellen der Stromenge ergriffen. Gänzlich hilflos blickten die zwei in demselben befindlichen Indianer verwirrt um sich, vermochten es jedoch nicht, der Macht des Elementes Widerstand entgegenzusetzen. Es war vielleicht ein Glück für Chingachgook, daß die Aufmerksamkeit der meisten Irokesen von der Lage ihrer Freunde im Boot in Anspruch genommen wurde, sonst möchte ihm wohl das Entkommen zum mindesten schwer, wo nicht gar unmöglich geworden sein. Aber man bemerkte unter den Feinden keine weitere Bewegung, als die des Verbergens in irgend einem Versteck. Jedes Auge war fest auf die beiden im Kahn befindlichen Abenteurer gerichtet. In kürzerer Zeit, als nöthig ist, um diese Begebenheiten zu erzählen, wurde das Boot in den Wirbel der Stromenge geschleudert, wobei die Wilden sich auf den Boden desselben ausgestreckt hatten, da dieß das einzige Mittel war, das Gleichgewicht zu erhalten. Aber auch dieser Ausweg schlug ihnen fehl, denn ein Stoß an einen Felsen stürzte das kleine Fahrzeug um, und beide Krieger wurden in den Fluß geschleudert. Das Wasser ist an solchen Engen selten tief, mit Ausnahme einzelner Stellen, wo es sich Kanäle ausgewaschen hat. Es blieb ihnen deßhalb von diesem Unfall wenig zu besorgen, obgleich ihre Waffen dabei verloren gingen. Sie waren nun genöthigt, sich mit dem möglichsten Vortheil gegen das freundliche Ufer, bald schwimmend, bald watend, wie es die Umstände erforderten, zurückzuziehen. Der Kahn selbst blieb an einem Felsen in der Mitte des Stromes hängen, wodurch er für den Augenblick beiden Parteien gleich nutzlos wurde.

.Jetzt ist's an uns, Pfadfinder,« sagte Jasper; als die beiden Irokesen, während sie durch die seichteste Stelle der Stromschnellen wateten, ihre Körper am meisten aussetzten. »Der obere Bursche ist mein; Ihr könnt den untern nehmen!«

Der junge Mann war durch alle Einzelheiten dieser beunruhigenden Scene so aufgeregt worden, daß, ehe er noch ausgesprochen hatte, die Kugel aus seinem Rohre flog, – aber sie war augenscheinlich vergeudet, denn die beiden Flüchtlinge erhoben voll Geringschätzung ihre Arme. Der Pfadfinder feuerte nicht.

»Nein, nein, Eau-douce,« erwiederte er, »ich vergieße kein Blut ohne Grund, und meine Kugel ist wohl gepflastert und sorgfältig aufgesetzt für den Augenblick, wo ich ihrer bedarf. Ich liebe keinen Mingo, was man daraus sehen kann, daß ich mich so viel in der Gesellschaft der Delawaren, ihrer natürlichen Todfeinde, umtreibe. Ich will aber nie meinen Drücker gegen einen solchen Schuft brauchen, wenn es nicht auf der Hand liegt, daß sein Tod zu irgend einem guten Ziele führen wird. Der Hirsch sprang niemals, den meine Hand leichtfertig fällte, und wenn man viel allein mit Gott in den Wäldern lebt, so lernt man die Gerechtigkeit solcher Ansichten empfinden. Ein Leben ist hinreichend für unsere gegenwärtigen Bedürfnisse, und es wird jetzt Gelegenheit geben; den Hirschetödter zur Vertheidigung des Serpent zu brauchen, der eine höchst verwegene That begangen, indem er diese überhandnehmenden Teufel so deutlich wissen ließ, daß er in ihrer Nachbarschaft sei. So wahr ich ein armer Sünder bin, da schleicht sich gerade einer von diesen Strolchen an dem Ufer hin, wie ein Junge in der Garnison hinter einen gefallenen Baum, wenn er auf ein Eichhörnchen schießen will!«

Da der Pfadfinder, während er sprach, mit seinen Fingern zeigte, so konnte Jaspers schnelles Auge den Gegenstand, auf den sie gerichtet waren, rasch ausfinden. Es war einer der jungen Krieger des Feindes, der vor Begierde brannte, sich auszuzeichnen, und sich von seiner Partie weg, gegen den Versteck hin, in welchem Chingachgook verborgen lag, gestohlen hatte; und da der Letztere durch die scheinbare Apathie seiner Feinde getäuscht und überhaupt mit weiteren Vorkehrungen für seine Sicherheit beschäftigt war, so hatte der Irokese augenscheinlich eine Stellung genommen, welche ihm den Delawaren zu Gesicht brachte. Man konnte dieß aus seinen Vorkehrungen, Feuer zu geben, erkennen, denn Chingachgook selbst war denen auf dem westlichen Ufer des Flusses nicht sichtbar. Die Stromenge befand sich an einer Krümmung des Oswego, und der Bogen des östlichen Ufers bildete eine so tiefe Einbiegung, daß Chingachgook in gerader Linie seinen Feinden ganz nahe war, obgleich er zu Lande mehrere hundert Fuß von ihnen entfernt stand. Aus diesem Grunde war auch die Entfernung beider Parteien gegen Jaspers und Pfadfinders Stellung so ziemlich die gleiche, und mochte nicht viel weniger als zweihundert Ellen betragen.

»Der Serpent muß um den Weg sein,« sagte der Pfadfinder, welcher keinen Augenblick sein Auge von dem jungen Krieger abwandte. »Er sieht sich auf eine sonderbare Weise vor, wenn er einem solchen blutdürftigen Mingoteufel gestattet, so nahe zu kommen.«

»Seht,« unterbrach ihn Jasper, »da ist der Körper des Indianers, welchen der Delaware erschoß. Er wurde an einen Felsen getrieben, und die Strömung hat den Kopf und das Gesicht aus dem Wasser gedrängt.«

»Ganz wahrscheinlich, Junge; ganz wahrscheinlich. Menschennatur ist wenig besser als ein Stamm Treibholz, wenn das Leben, das in ihrer Brust geathmet hat, gewichen ist. Dieser Irokese wird Niemanden mehr ein Leides thun; aber jener schleichende Wilde steht im Begriff, sich des Skalps meines besten und erprobtesten Freundes –«

Der Pfadfinder unterbrach sich plötzlich selbst und erhob seine Büchse, eine Waffe von ungewöhnlicher Länge, mit bewunderungswürdiger Genauigkeit und feuerte in dem Augenblick, wo sie die nöthige Höhe erreicht hatte. Der Irokese auf dem entgegengesetzten Ufer zielte eben, als ihn der verhängnißvolle Bote aus dem Laufe des Hirschetödters ereilte. Seine Büchse entlud sich allerdings, aber mit der Mündung in die Luft, indeß der Mann selbst in das Gebüsch stürzte, gewiß verwundet, wo nicht getödtet.

»Dieses schleichende Gewürm wollte es nicht besser,« brummte der Pfadfinder, indem er sein Gewehr sinken ließ und wieder neu zu laden anfing. »Chingachgook und ich haben von Jugend auf in Compagnie gefochten, am Horican, am Mohawk, am Ontario, und an allen andern blutigen Pässen zwischen unserm und dem französischen Gebiete, und so ein thörichter Schuft glaubt, ich werde dabei stehen und zusehen, wenn mein bester Freund in einem Hinterhalt erlegt wird!«

»Wir haben dem Serpent einen so guten Dienst gethan, als er uns. Diese Schufte sind eingeschüchtert und werden in ihre Verstecke zurückgehen, zumal wenn sie finden, daß wir sie über den Fluß hinüber erreichen können.«

»Der Schuß ist von keiner besondern Bedeutung, Jasper; er will nichts besagen. Fragt Einen von dem Sechszigsten, und er wird Euch erzählen, was der Hirschetödter thun kann, und was er gethan hat, selbst wenn die Kugeln wie Hagelsteine uns um die Köpfe sausten. Nein, dieser ist von keiner großen Bedeutung, und der gedankenlose Herumstreicher ist selber Schuld daran.«

»Ist das ein Hund oder ein Hirsch, was auf unser Ufer zuschwimmt?« Der Pfadfinder fuhr auf, denn es war gewiß, daß irgend ein Gegenstand oberhalb der Stromenge über den Fluß setzte, aber immer mehr durch die Gewalt der Strömung der ersteren zugetrieben wurde. Ein zweiter Blick überzeugte beide Beobachter, daß es ein Mensch und zwar ein Indianer war, obgleich er im Anfang so tief im Wasser stak, daß man noch zweifeln mußte. Die Freunde fürchteten eine Kriegslist, und richteten deßhalb die schärfste Aufmerksamkeit auf die Bewegungen des Fremden.

»Er stößt etwas im Schwimmen vor sich hin, und sein Kopf' gleicht einem treibenden Busch,« sagte Jasper.

»'s ist eine indianische Teufelei, Junge, aber christliche Ehrlichkeit wird alle ihre Künste umgehen.«

Als der Mann sich langsam näherte, begannen die Beobachter die Richtigkeit ihrer ersten Eindrücke zu bezweifeln, und erst als er zwei Drittheile des Stromes zurückgelegt hatte, wurde ihnen die Wahrheit völlig klar.

»Der Big Serpent, so wahr ich lebe,« rief Pfadfinder, indem er auf seinen Gefährten blickte, und dabei vor Wonne über den glücklichen Kunstgriff lachte, bis ihm die Thränen in die Augen traten. »Er hat Gesträuch um seinen Kopf gebunden, um ihn zu verbergen, und das Pulverhorn an die Spitze gehängt. Die Flinte liegt auf dem Stückchen Stamm, das er vor sich hertreibt und er kommt herüber, um sich mit seinen Freunden zu vereinigen. Ach! die Zeiten, die Zeiten, wo er und ich solche Schwänke gemacht haben, recht unter den Zähnen der nach Blut tobenden Mingo's, bei der großen Durchfahrt um den Ty herum!«

»Es kann genau betrachtet, doch nicht der Serpent sein, Pfadfinder; ich kann keinen Zug entdecken, dessen ich mich erinnere.«

»Was Zug! wer sieht auf die Züge bei einem Indianer? – Nein, nein Junge, seine Malerei ist es, die spricht, und nur ein Delaware würde diese Farben tragen. Dieß sind seine Farben, Jasper, gerade wie Euer Fahrzeug auf dem See das Georgenkreuz trägt, und die Franzosen ihre Tafeltücher in dem Winde flattern lassen mit all' ihren Flecken von Fischgräten und Wildpretstücken. Ihr seht doch das Auge, Junge, und es ist das Auge eines Häuptlings. Wer, Eau-douce, so ungestüm es im Kampfe und so glänzend es unter den Blättern blickt« – hier legte der Pfadfinder seinen Finger leicht, aber mit Nachdruck aus den Arm seines Gefährten, »so habe ich es doch gesehen, wie es Thränen gleich dem Regen vergoß. Es ist eine Seele und ein Herz unter dieser rothen Haut, verlaßt Euch draus, obgleich diese Seele und dieses Herz Gaben haben, die von den unsrigen verschieden sind.«

»Niemand, der den Häuptling kennt, hat daran gezweifelt.« »Ich aber weiß es,« wiederholte der Andere stolz, »denn ich war in Freud und Leid sein Gefährte, und habe in dem einen ihn als einen Mann gefunden, wir schwer es auch getroffen hatte, und in der andern als einen Häuptling, welcher weiß, daß selbst die Weiber seines Stammes anständig sind in ihrer Fröhlichkeit. Doch still! Es gleicht zu sehr den Leuten von den Ansiedelungen, schmeichelnde Reden in das Ohr eines Andern zu gießen, und der Serpent hat scharfe Sinne. Er weiß, daß ich ihn liebe, und daß ich gut von ihm spreche hinter seinem Rücken; aber ein Delaware trägt Bescheidenheit in seiner innersten Natur, obgleich er prahlen wird wie ein Sünder, wenn er an einen Pfahl gebunden ist.«

Der Serpent hatte nun das Ufer gerade Angesichts seiner Kameraden erreicht, mit deren Stellung er schon, ehe er das östliche Ufer verließ, bekannt gewesen sein mußte. Als er sich aus dem Wasser erhob, schüttelte er sich wie ein Hund und rief in seiner gewohnten Weise – »Hugh!«

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