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Der Pfadfinder oder Das Binnenmeer

James Fenimore Cooper: Der Pfadfinder oder Das Binnenmeer - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Pfadfinder
publisherHoffmann'sche Verlags Buchhandlung.
printrunNeue unveränderte Auflage
year1869
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141112
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Drittes Kapitel

Eh' Pflug und Karst auf diesen Feldern galt,
Floß voll vom Rand des Stromes Welle,
Und durch den frischen weiten Wald
Erklang der Wasser Echo helle;
Der Waldstrom brauste, Bäche spielten,
Und in dem Schatten sprang die Quelle.

Bryant.

 

Die Wasser, welche in die Südseite des Ontario einmünden, sind bekanntlich im Allgemeinen schmal, träg und tief. Doch gibt es einige Ausnahmen von dieser Regel, denn manche jener Flüsse haben reißende Strömungen oder Stromschnellen, wie man sie in diesen Gegenden nennt, andere haben Fälle. Unter die letzteren gehörte der Fluß, auf welchem unsere Abenteurer ihre Reise fortsetzten. Der Oswego wird von dem Oneida und dem Onondago, welche beide von Seen herkommen, gebildet, und fließt etwa acht oder zehn Meilen durch ein wellenförmiges Land, bis er den Rand einer Art natürlicher Terrasse erreicht, von dem aus er zehn bis fünfzehn Fuß tief in eine andere Ebene hinabstürzt und durch dieselbe in der stillen und ruhigen Weise eines tiefen Gewässers hingleitet, bis er seinen Zoll an den weiten Behälter des Ontario entrichtet. Der Kahn, in welchem Cap und seine Gesellschaft vom Fort Stanwix, der letzten militärischen Station an dem Mohawk, hergekommen war, lag an der Seite des Flusses, und nahm die ganze Gesellschaft, mit Ausnahme des Pfadfinders, auf, welcher am Lande blieb, um das leichte Fahrzeug abzustoßen.

»Laßt den Stern vorantreiben, Jasper,« sagte der Mann der Wälder zu dem jungen Schiffer des See's, welcher Arrowheads Ruder ergriffen und selber die Stellung des Steuermanns eingenommen hatte, »laßt ihn mit der Strömung abwärts gehen. Wenn einige von diesen Teufeln, diesen Mingo's, unsere Fährte auswittern und bis zu dieser Stelle verfolgen, so werden sie zuerst die Spuren im Schlamm untersuchen, und bemerken sie, daß wir das Ufer mit stromaufwärts gerichteter Nase verlassen haben, so müssen sie natürlich zu der Vermuthung kommen, daß wir aufwärts gerudert seien.«

Dieser Anweisung wurde Folge geleistet. Pfadfinder, welcher sich in der Blüthe seiner Kraft und Thätigkeit befand, gab nun dem Kahn einen kräftigen Stoß, und sprang mit einer Leichtigkeit in den Bug desselben, die das Gleichgewicht des Fahrzeugs nicht im mindesten störte. Als sie die Mitte des Flusses, wo die Strömung am stärksten war, erreicht hatten, drehte sich das Boot und begann geräuschlos stromabwärts zu gleiten.

Das Fahrzeug, in welchem sich Cap und seine Nichte zu ihrer langen und abenteuerlichen Reise eingeschifft hatten, war eines von den Rindencanoe's, welche die Indianer verfertigen, und die wegen ihrer außerordentlichen Leichtigkeit, wie auch wegen der Geschwindigkeit, mit der sie fortgetrieben werden können, ungemein geeignet für eine Fahrt sind, bei welcher Sandbänke, Treibholz und ähnliche Störungen so oft in den Weg treten. Die zwei Männer, welche die ursprüngliche Gesellschaft ausmachten, hatten es ohne das Gepäck manche hundert Ellen weit geschleppt, und das Gewicht desselben hätte wohl durch die Kraft eines einzelnen Mannes gehoben werden mögen. Demungeachtet war es lang, für einen Kahn weit, und nur die geringere Festigkeit mochte in den Augen der Ungewohnten als ein Mangel erscheinen. An diesen Uebelstand war man jedoch nach ein paar Stunden gewöhnt, und Mabel wie ihr Onkel hatten sich so weit in seine Bewegungen zu finden gelernt, daß sie nun mit vollkommener Gemüthsruhe ihre Plätze festhielten. Auch wurden die Kräfte des Kahns durch das Gewicht der drei Wegweiser nicht über Gebühr besteuert, da der breite runde Bauch desselben hinreichend Wasser verdrängte, ohne das Schanddeck der Oberfläche des Stromes merklich näher zu bringen. Die Arbeit daran war zierlich, die Sparren klein und mit Lederwerk befestigt, und der ganze Bau, so unbedeutend und unsicher er dem Auge erscheinen mochte, im Stande, vielleicht noch einmal so viel Personen, als sich darin befanden, weiter zu bringen.

Cap hatte einen niedrigen Quersitz in der Mitte des Kahnes und Big Serpent kauerte sich neben ihn auf die Kniee. Arrowhead und sein Weib saßen vor ihnen, da Ersterer seinen Platz hinten im Kahn verlassen hatte. Mabel hatte sich hinter ihrem Onkel halb auf ihr Gepäck zurückgelehnt, indeß der Pfadfinder und Eau-douce, der eine im Bug, der andere im Stern aufrecht standen, und langsam, fest und geräuschlos die Ruder bewegten. Die Unterhaltung wurde mit gedämpfter Stimme geführt; denn Alle fingen an die Notwendigkeit der Vorsicht zu fühlen, da sie sich nun den Außenwerken des Forts mehr näherten, und nicht mehr durch den Versteck des Waldes gedeckt waren.

Der Oswego war gerade auf dieser Strecke von tiefdunkler Farbe, nicht besonders breit, und der stille düstere Strom verfolgte seine Windungen unter überhängenden Bäumen, welche an manchen Stellen das Licht des Himmels fast ganz ausschlossen. Hie und da kreuzte ein halbgefallener Waldriese nahezu die Oberfläche und machte Vorsicht nöthig, indeß am Ufer Bäume von niedrigerem Wuchse Zweige und Blätter in das Wasser senkten. Das Gemälde, welches einer unserer Dichter so herrlich gezeichnet und wir als Epigraph diesem Kapitel vorangestellt haben, war hier verwirklicht. Die Erde gedüngt durch die vermoderte Vegetation von Jahrhunderten, der schwarze Lehmgrund, die Ufer des Stroms voll zum Ueberfließen, und der frische weite Wald – Alles erschien hier so lebenswarm, wie es Bryant für die Phantasie malte. Kurz, die ganze Scene war die einer reichen und wohlwollenden Natur, ehe sie der Mensch unterworfen – verschwenderisch, wild, vielversprechend, und auch in diesem rohesten Zustand nicht ohne den Reiz des Malerischen. Ich muß bemerken, daß der Zeitraum unserer Geschichte in das Jahr 175– fällt, in eine Zeit also, wo der Speculationsgeist abenteuerlicher Projektanten jenen Theil des westlichen New-Yorks noch nicht in die Gränzen der Civilisation gezogen hatte. In jener fernen Zeit gab es zwischen dem bewohnten Theil der Colonie New-York und den Gränzfestungen Canada's zwei große militärische Kommunikationskanäle, deren einer durch den Champlain- und Georgensee, der andere durch den Mohawk, den Wood-Creek, den Oneida und die oben genannten Flüsse vermittelt wurde. Längs dieser beiden Verbindungslinien waren militärische Posten aufgestellt. Diese fanden sich übrigens so spärlich, daß von dem letzten an dem Ursprung des Mohawks gelegenen Fort bis zum Ausfluß des Oswego sich eine unbesetzte Strecke von hundert Meilen ausdehnte, welche Cap und Mabel nun größtentheils unter Arrowheads Schutz zurückgelegt hatten.

»Ich wünschte mir wohl bisweilen die Zeit des Friedens wieder,« sagte der Pfadfinder, »wo man den Wald durchstreifen konnte, ohne es mit einem andern Feinde als den wilden Thieren und den Fischen zu thun zu haben. Ach, wie manchen Tag habe ich und der Serpent zwischen den Strömen bei Wildpret, Salmen und Forellen zugebracht, ohne an einen Mingo oder einen Skalp zu denken! Bisweilen wünsche ich, diese gesegneten Tage möchten wiederkehren, denn die Jagd auf mein eigenes Geschlecht gehört nicht zu meinen eigentlichen Gaben. Ich bin überzeugt, daß des Sergeanten Tochter mich nicht für einen solchen Elenden hält, der seine Lust an Menschenblut hat!«

Nach dieser Bemerkung, welche halb fragend gemacht wurde, blickte der Pfadfinder hinter sich; und obgleich selbst der parteiischste Freund seine sonnverbrannten, harten Züge kaum schön nennen konnte, so fand doch Mabel sein Lächeln, seinen gesunden Verstand und die Aufrichtigkeit, die aus seinem ehrlichen Gesicht leuchtete, sehr anziehend.

»Ich glaube nicht, daß mein Vater einen Mann, wie Ihr ihn bezeichnet, ausgeschickt hätte, seine Tochter durch die Wildniß zu geleiten,« antwortete das Mädchen, indem sie sein Lächeln, so freimüthig als es gegeben wurde, nur mit etwas mehr Anmuth erwiederte.

»Er hätte es nicht, nein, er hätte es nicht gethan. Der Sergeant ist ein Mann von Gefühl, und wir haben zusammen manchen Marsch gemacht und manchen Kampf ausgefochten – Schulter an Schulter, wie er es nennen würde – obgleich ich mir die Glieder immer frei gehalten habe, wenn ein Franzose oder Mingo in der Nähe war.«

»So seid Ihr also der junge Freund, von dem mein Vater so oft in seinen Briefen gesprochen hat?«

»Sein junger Freund – der Sergeant ist gegen mich um dreißig Jahre im Vortheil, ja, er ist dreißig Jahre älter als ich, und nun eben so lange mein Vorgesetzter.«

»In den Augen der Tochter wohl nicht, Freund Pfadfinder,« warf Cap ein, dessen Lebensgeister wieder rege zu werden begannen, als er Wasser um sich fließen sah. »Die dreißig Jahre, deren Ihr erwähnt, werden von den Augen eines neunzehnjährigen Mädchens selten als ein Vortheil betrachtet.«

Mabel erröthete, und während sie ihr Gesicht von den im Vordertheil des Kahnes befindlichen Personen abwenden wollte, begegnete sie dem bewundernden Blicke des jungen Mannes am Stern. Als letzte Zuflucht senkte sich nun ihr sanftes, blaues, ausdrucksvolles Auge gegen die Wasserfläche. Gerade in diesem Augenblick schwebte durch die Baumreihe ein matter, dumpfer Ton, getragen von einem leichten Luftstrome, welcher kaum ein Kräuseln auf dem Wasser hervorbrachte.

»Das klingt angenehm,« sagte Cap, und spitzte die Ohren gleich einem Hunde, der entferntes Bellen hört.

»Es ist nur ein Fluß, der eine halbe Meile unter uns über einige Felsen stürzt.«

»Ist ein Fall auf dem Strom?« fragte Mabel, indem sie noch höher erröthete.

,Der Teufel! Meister Pfadfinder, oder Ihr, Herr Eau-douce« (denn so begann Cap Jaspern in der vertraulichen Weise der Gränzleute zu nennen), konntet Ihr dem Kahn keinen besseren Strich geben und Euch näher an das Ufer halten? Diese Wasserfälle haben gewöhnlich Stromschnellen über sich, und eben so gut könnten wir uns dem Maelstrom Ein Meeresstrudel zwischen den Klippen Norwegens in der Nähe der Felseninsel Moskoe. als ihrem Saugen anvertrauen!«

»Verlaßt Euch auf uns, verlaßt Euch aufs uns, Freund Cap,« antwortete der Pfadfinder; »wir sind zwar Frischwasserschiffer, und ich darf mir nicht einmal auf dieses viel zu gut thun; aber wir kennen die Strömungen und die Wasserfälle, und während wir darüber gehen, werden wir uns Mühe geben, unserer Erziehung keine Unehre zu machen.«

»Darübergehen!« rief Cap. »Zum Teufel, Mensch, Ihr werdet's Euch doch nicht träumen lassen, über einen Wasserfall zu fahren in dieser Nußschale von Barke?«

»Gewiß, der Weg geht über die Fälle und es ist viel leichter, über diese wegzuschießen, als den Kahn auszuladen, und ihn sammt seinem Inhalt zu Land eine Meile Wegs herumzutragen.«

Mabel kehrte ihr erblaßtes Antlitz gegen den jungen Mann am Sterne des Kahnes, denn gerade jetzt hatte ein frischer Luftstrom das Getöse der Fälle auf's Neue zu ihren Ohren getragen. Der Ton konnte wirklich Schrecken erregen, da nunmehr seine Ursache bekannt war.

»Wir dachten, die Frauen und die beiden Indianer an's Land zu setzen,« bemerkte Jasper ruhig, »indeß wir drei weißen Männer, die wir an's Wasser gewöhnt sind, das Boot sicher darüber wegführen, denn wir sind schon oft über diese Fälle geschossen.«

»Und wir zählen auf Euern Beistand, Freund Seemann,« sagte der Pfadfinder, indem er Jaspern über die Achsel zuwinkte, denn Ihr seid des Wellensturzes gewohnt, und wenn nicht Einer auf die Ladung Acht hat, so möchten alle die feinen Sachen der Tochter des Sergeanten in der Flußwäsche zu Grunde gehen.«

Cap war verwirrt. Der Gedanke, über die Fälle zu fahren, erschien seinen Augen vielleicht ernsthafter, als er denen, welche mit der Führung eines Bootes gänzlich unbekannt waren, vorkommen mochte; denn er kannte die Macht des Elements und die Rathlosigkeit des Menschen, wenn er der Wuth desselben ausgesetzt ist. Sein Stolz empörte sich aber gegen den Gedanken, das Boot zu verlassen, als er sah, mit welcher Festigkeit und Ruhe die Andern darauf bestanden, den Weg auf die bezeichnete Weise fortzusetzen. Ungeachtet dieses Gefühls und seiner sowohl angebornen als erworbenen Festigkeit in Gefahren, würde er übrigens seinen Posten wahrscheinlich dennoch verlassen haben, wenn seine Phantasie nicht von den Bildern der auf Skalpe lauernden Indianer so ganz hingerissen gewesen wäre, daß er den Kahn gewissermaßen als ein Asyl betrachtete.

»Was fängt man aber mit Magnet an?« fragte er, als die Zuneigung zu seiner Nichte neue Gewissensscrupel in ihm aussteigen ließ. »Wir können sie doch nicht an's Land setzen, wenn Indianer in der Nähe sind?«

»Nein, kein Mingo wird sich dem Trageweg nähern; denn dies ist ein Ort, der zu offen ist für ihre Teufeleien,« antwortete Pfadfinder zuversichtlich. »Natur ist Natur, und es gehört zur Natur des Indianers, sich da finden zu lassen, wo er am wenigsten erwartet wird. Auf besuchten Pfaden hat man ihn nicht zu fürchten, denn er wünscht immer unvorbereitet zu überfallen, und die Schufte machen sich's zur Ehrensache, ihre Gegner auf einem oder dem andern Wege zu täuschen. Streich ein, Eau-douce; wir wollen des Sergeanten Tochter am Ende jenes Baumstrunkes landen, auf dem sie trockenen Fußes das Ufer erreichen kann.«

Die Einlenkung geschah, und in wenigen Minuten hatte die ganze Gesellschaft, mit Ausnahme des Pfadfinders und der beiden Seeleute, den Kahn verlassen. Ungeachtet des Stolzes auf sein Gewerbe würde jedoch Cap freudig gefolgt sein, wenn er sich nicht gescheut hätte, in Gegenwart der beiden Frischwasserschiffer eine so unzweideutige Schwäche an den Tag zu legen.

»Ich rufe Alle zu Zeugen an,« sagte er, als die Gelandeten sich zum Abzuge anschickten, »daß ich diese ganze Sache für weiter nichts ansehe, als für eine Kahnfahrt in den Wäldern. Es gilt keine Seemannskunst beim Hinunterstürzen über einen Wasserfall, und es ist eine Heldenthat, die der unerfahrenste Schlingel so gut wie der älteste Matrose bestehen kann.«

»Nein, nein, Ihr habt nicht nöthig, die Oswegofälle zu verachten, denn wenn sie schon keine Niagara's, oder Genesee's, oder Cahoo's, oder Glenns, oder sonstige Fälle Canada's sind, so sind sie doch immer stark genug für einen Neuling. Laßt des Sergeanten Tochter auf jenen Felsen stehen, und sie wird sehen, wie wir unwissende Hinterwäldler über eine Schwierigkeit hingehen, unter der wir nicht wegkommen können. Nun, Eau-douce, feste Hand und sicheres Auge, denn Alles liegt auf Euch, da, wie ich sehe, Meister Cap für nichts weiter, als für einen Passagier zu rechnen ist.«

Als er geendet hatte, verließ der Kahn das Ufer. Mabel erreichte mit schnellem und zitterndem Schritte den ihr bezeichneten Felsen und sprach mit ihrer Begleiterin über die Gefahr, in welche ihr Onkel sich so unnöthiger Weise begeben hatte, indeß ihr Blick unverwandt auf der behenden und kräftigen Gestalt von Eau-douce ruhete, welcher aufrecht in dem Stern des leichten Bootes stand und die Bewegungen desselben leitete. Als sie jedoch die Stelle erreicht hatte, wo sich ihr die Aussicht über den Wasserfall öffnete, stieß sie einen unwillkürlichen aber unterdrückten Schrei aus und bedeckte sich die Augen. Im nächsten Augenblick ließ sie aber die Hände wieder sinken, und nun stand das hingerissene Mädchen unbeweglich wie eine Statue, und beobachtete mit verhaltenem Athem, was vorging. Die zwei Indianer setzten sich theilnahmlos auf einen Baumstamm, kaum gegen den Strom hinblickend, indeß Arrowheads Weib sich Mabel näherte und auf die Bewegungen des Kahns mit demselben Interesse zu achten schien, mit welchem die Blicke der Kinder den Sprüngen eines Gauklers folgen.

Als das Boot in der Strömung war, sank Pfadfinder auf die Kniee und fuhr fort zu rudern. Er that es doch nur langsam und in einer Weise, welche die Bemühungen seines Gefährten nicht beeinträchtigte. Letzterer stand noch aufrecht, und da er sein Auge auf irgend einen Gegenstand jenseits des Falles gerichtet hielt, so war es augenscheinlich, daß er sorgfältig die für ihre Passage geeignetste Stelle ausspähte.

»Mehr West, Junge! mehr West,« brummte Pfadfinder; »da wo Ihr den Wasserschaum seht. Bringt den Gipfel der todten Eiche in eine Linie mit dem Stamm der dürren Schierlingstanne.«

Eau-douce gab keine Antwort; denn der Kahn war in der Mitte des Flusses, mit dem Schnabel gegen den Fall gekehrt, und fing nun an, seine Bewegungen zu beschleunigen, da die Gewalt der Strömung sich mehrte. In diesem Augenblicke würde Cap mit Freuden aus alle ruhmvollen Ansprüche, die er bei dieser Unternehmung erwerben konnte, verzichtet haben, wenn er nur mit heiler Haut hätte das Ufer erringen können. Er hörte das Geräusch des Wassers wie ein entferntes Donnern, welches immer lauter und deutlicher wurde, und vor sich sah er eine Linie den Wald durchschneiden, in welcher das erzürnte grüne Element sich zu weiten und zu leuchten schien, als ob es eben im Begriff sei, die Elemente seines Zusammenhangs zu zerstören.

»Hinunter mit Eurem Steuer, hinunter mit Eurem Steuer, Mensch!« rief er aus, unfähig seine Beängstigung länger zu unterdrücken, als der Kahn auf den Rand des Falles losglitt.

»Ha ha, hinunter geht es, sicher genug,« antwortete Pfadfinder, indem er einen Augenblick mit seinem stillen, muntern Lachen hinter sich blickte, »hinunter gehen wir, sicherlich! Lüpf' den Stern, Junge, besser auf mit dem Stern!«

Das Uebrige ging mit der Schnelligkeit des Windes. Eau-douce gab mit dem Ruder den erforderlichen Schwung, der Kahn schoß in das Fahrwasser, und auf einige Augenblicke war es Cap, als sei er in einen Kochkessel gestoßen. Er fühlte die Kahnspitze sich biegen, sah das wildbewegte, schaumige Wasser in tollem Wogen an seiner Seite tanzen und bemerkte, daß das leichte Fahrzeug, in welchem er schwamm, wie eine Nußschale umhergestoßen wurde. Dann entdeckte er zu seiner eben so großen Freude als Ueberraschung, daß es unter Jaspers sicherm Ruderschlage quer durch das ruhige Wasserbecken glitt, welches sich unter dem Falle befand.

Der Pfadfinder fuhr fort zu lachen, erhob sich von seinen Knieen, brachte eine zinnerne Kanne nebst einem Hornlöffel hervor und fing an, bedächtig das Wasser, welches während ihrer Ueberfahrt in den Kahn gedrungen war, zu messen.

»Vierzehn Löffel voll, Eau-douce; vierzehn wohlgemessene Löffel voll. Ihr müßt zugeben, daß ich Euch mit blos zehn habe übersetzen sehen.«

»Meister Cap lehnte so hart gegen den Strom,« entgegnete Jasper ernst, »daß ich Mühe hatte, dem Kahn die gehörige Richtung zu geben.«

»Es mag sein, es mag sein; und ich zweifle nicht, daß es wirklich so ist, weil Ihr es sagt. Aber ich weiß, daß Ihr sonst blos mit zehnen überfahrt.«

Cap machte sich durch ein erschütterndes Räuspern Luft, griff nach seinem Zopf, als ob er sich versichern wollte, daß sich derselbe noch wohlbehalten an seiner Stelle befinde, und blickte dann zurück, um die Gefahr zu ermessen, welche er eben erstanden hatte; denn daß sie vorüber war, wurde ihm schnell klar. Die größte Wassermasse des Stromes hatte einen senkrechten Fall von ungefähr zehn bis zwölf Fuß; aber mehr gegen die Mitte hin wurde die Gewalt der Strömung so mächtig, daß das Wasser unter einem Winkel von ungefähr fünfundvierzig Graden abstieß und daselbst eine schmale Passage über den Felsen eröffnete. Der Kahn war über diesen kitzlichen Weg mitten durch zerbrochene Felsenstücke, die Strudel und die Stöße des empörten Elementes, welche jeden Unkundigen die unvermeidliche Zerstörung eines so zerbrechlichen Fahrzeugs besorgen ließen, gegangen. Seine große Leichtigkeit hatte die Ueberfahrt begünstigt; denn getragen vom Kamme des Wassers, und geleitet von einem festen Auge und einem kräftigen Arm tanzte er mit der Leichtigkeit einer Feder von einer Schaumspitze zur andern, so daß kaum seine blanke Seite benetzt wurde. Es waren einige Felsblöcke zu vermeiden, welche eine äußerst genaue Führung forderten; das übrige geschah durch die Gewalt der Strömung. Der Leser halte diese Schilderung nicht für bloße Fiktion, denn der Verfasser versichert, einen Zweiunddreißigpfünder gesehen zu haben, der glücklich über dieselben Fälle geführt worden ist.

Wollte man sagen, daß Cap erstaunt gewesen sei, so würde man nicht halb seine Gefühle ausdrücken. Er war mit Ehrfurcht erfüllt, denn der gewaltige Respekt, den die meisten Seeleute vor Felsen haben, kam noch seiner Bewunderung für die Kühnheit zu Hilfe, mit welcher dieses Manöver ausgeführt worden war. Er war jedoch nicht geneigt, alle seine Empfindungen an den Tag zu legen, um nicht zu viel zu Gunsten der Frischwasser- und Binnenschifffahrt einzuräumen. Auch klärte er seine Kehle nicht eher durch das obengenannte Räuspern, als bis seine Zunge sich wieder in dem gewöhnlichen Zuge der Ueberlegenheit befand.

»Ich habe nichts gegen Eure Kenntniß der Stromfahrt einzuwenden, Meister Eau-douce (denn diese Benennung hielt er gläubig für Jaspers Zunamen), und Allem nach ist die Kenntniß des Fahrwassers an einem solchen Platze die Hauptsache. Ich habe es mit Schaluppenführern zu thun gehabt, die hier auch hätten herunterfahren können, wenn sie das Fahrwasser gekannt hätten.«

»Es ist nicht genug, das Fahrwasser zu kennen, Freund Seemann,« sagte Pfadfinder; »es braucht Kraft und Geschicklichkeit, den Kahn aufrecht zu halten, und ihn klar von den Felsen abzusteuern. Es ist außer Eau-douce in der ganzen Gegend kein Bootsmann, der den Oswegofall mit Sicherheit zu passiren im Stande wäre, obschon hin und wieder Einer durchgetappt ist. Ich kann's auch nicht, wenn nicht mit Gottes Hilfe: und man braucht Jaspers Hand und Jaspers Auge, wenn man die Fahrt trocken und sicher machen will. Vierzehn Löffel voll sind im Grunde auch nicht viel, obgleich ich gewünscht hätte, es wären nur zehn gewesen, weil des Sergeanten Tochter zugesehen hat.«

»Und doch kanntet Ihr die Führung des Kahns, und sagtet ihm, wie er leiten und streichen solle.«

»Menschliche Schwachheit, Meister Seemann; 's ist Etwas von der Weißhaut-Natur. Wäre der Serpent in diesem Boote gewesen, so würde er kein Wort gesprochen und keinem Gedanken Laut gegeben haben. Ein Indianer weiß, wie er seine Zunge zu meistern hat, aber wir weißes Volk bilden uns immer ein, wir seien klüger als unsere Kameraden. Ich bin zwar willens, mich von dieser Schwäche zu kuriren, aber es braucht Zeit, ein Unkraut auszurotten, das schon mehr als dreißig Jahre gewuchert hat.«

»Ich halte wenig, oder, aufrichtig zu reden, gar nichts von der ganzen Geschichte. Es handelt sich bei einem Wegschießen unter der Londoner Brücke nur um eine kleine Schaumwäsche, und Hunderte von Menschen, ja selbst die empfindlichsten vornehmen Damen thun es täglich. Selbst des Königs Majestät hat in höchsteigener Person die Fahrt gemacht.«

»Wohl, wir brauchen keine vornehmen Damen oder Königliche Majestäten (Gott segne sie) für unsern Kahn, wenn er über diese Fälle geht, denn eine Bootsbreite auf irgend eine Weise gefehlt, möchte leicht aus ihnen ersäufte Leichname machen. Eau-douce, wir werden des Sergeanten Schwager wohl noch über den Niagara führen müssen, um ihm zu zeigen, was wir Gränzleute zu leisten vermögen.«

»Zum Teufel, Meister Pfadfinder, Ihr seid gegenwärtig sehr spaßhaft. Sicher ist es unmöglich, in einem Birkenkahn über jenen mächtigen Wassersturz zu setzen.«

»Ihr seid in Eurem Leben nie in einem größern Irrthum gewesen, Meister Cap. Nichts ist leichter als dies, und ich habe manchen Kahn mit meinen eigenen Augen hinunter rutschen sehen. Wenn wir Beide leben, so hoffe ich, Euch von der Wahrheit zu überzeugen. Ich, für meinen Theil, denke, das größte Schiff, das je auf dem Ocean gesegelt hat, müßte da hinunter geführt werden, sobald es einmal in den Stromschnellen ist.«

Cap bemerkte den Wink nicht, welchen der Pfadfinder mit Eau-douce wechselte, und blieb eine Weile still; denn in der That, er hatte nie an die Möglichkeit gedacht, den Niagara hinunterzukommen, so sehr sie auch jedem Andern in die Augen springen mußte, während doch, wenn man die Sache beim Licht betrachtet, die Schwierigkeit eigentlich nur in dem Hinaufkommen liegt.

Unterdessen hatte die Gesellschaft die Stelle erreicht, wo Jasper seinen eigenen Kahn gelassen und im Gebüsch versteckt hatte. Sie schifften sich hier auf's Neue ein; Cap, Jasper und die Nichte in dem einen, Pfadfinder, Arrowhead und das Weib des Letzteren in dem andern Boote. Der Mohikan war bereits zu Land an den Ufern des Flusses weiter gegangen, indem er vorsichtig und mit der Gewandtheit seines Volkes auf die Zeichen eines Feindes achtete.

Mabels Wangen fingen erst wieder an zu blühen, als der Kahn sich in der Strömung befand, auf welcher er sanft, nur gelegentlich von Jaspers Ruder angetrieben, abwärts glitt. Sie hatte den Uebergang über den Wasserfall mit einem Schrecken angesehen, der ihre Zunge gebunden hielt. Doch war ihre Furcht nicht so groß gewesen, daß sie der Bewunderung Eintrag gethan hätte, welche sie der Festigkeit des Jünglings, der die Bewegungen leitete, zollen mußte. In der That wären auch die Gefühle eines weit weniger empfänglichen Mädchens durch die besonnene und brave Haltung, mit welcher er das Wagestück ausführte, erweckt worden. Er war aufrecht geblieben, ohngeachtet des Sturzes, und diejenigen, welche sich am Ufer befanden, vermochten deutlich zu unterscheiden, daß nur durch die zeitige Anwendung seiner Kraft und Gewandtheit der Kahn den nöthigen Schwung bekam, um von einem Felsen klar abzufahren, über welchen das sprudelnde Wasser sich in Strahlen brach, und bald das braune Gestein sichtbar werden ließ, bald es mit einem durchsichtigen Wogenguß überschüttete, als ob ein künstliches Triebwerk dieses Spiel des Elements veranlaßte. Die Zunge vermag nicht immer auszudrücken, was das Auge schaut; aber Mabel sah, selbst in jenem Augenblicke des Schreckens genug, um ihrem Geiste für immer die Bilder des herabstürzenden Kahns und des unbewegten Steuermanns einzuprägen. Sie duldete diese verrätherischen Gefühle, welche das Weib so eng an den Mann ketten, und denen sich noch der Eindruck der Sicherheit, welche ihr sein Schutz versprach, beimischte. Sie fühlte sich in der zerbrechlichen Barke, in welcher sie sich befand, das erste Mal wieder, seit sie Fort Stanwix verlassen hatte, so recht leicht und behaglich. Der andere Kahn ruderte ganz nahe an dem ihrigen, und da der Pfadfinder gerade ihr gegenüber saß, so fand vorzugsweise zwischen ihnen Beiden die Unterredung statt. Jasper sprach selten, wenn er nicht angeredet wurde, und verwandte fortwährend eine Sorgfalt auf die Führung seines Bootes, welche wohl Jedem, der an seine sonstige zuversichtliche und sorglose Weise gewöhnt war, hätte auffallen müssen, wenn ein solcher Beobachter gegenwärtig gewesen wäre.

»Wir kennen zu gut die Gaben der Frauen, um daran zu denken, des Sergeanten Tochter über die Fälle zu führen,« sagte der Pfadfinder mit einem Blick auf Mabel zu dem Onkel, »obgleich ich manche ihres Geschlechts in diesen Gegenden gekannt habe, welche sich wenig aus einer solchen Fahrt machen würde.«

»Mabel ist zaghaft wie ihre Mutter,« entgegnete Cap, »und Ihr thatet wohl, Freund, ihrer Schwäche zu schonen. Ihr werdet Euch erinnern, daß das Kind nie auf der See gewesen ist.«

»Nein, nein, das war leicht zu entdecken; doch bei Eurer eigenen Furchtlosigkeit hätte wohl Jeder sehen können, wie wenig Ihr Euch aus der Sache machtet. Ich fuhr einmal mit einem ungeschickten Burschen hinunter, der aus dem Kahn sprang, gerade als er den Saum berührte, und Ihr mögt urtheilen, was für eine Zeit er dazu gewählt hatte.«

»Was wurde aus dem armen Kerl?« fragte Cap, welcher nicht wußte, wie er des Andern Weise zu nehmen hatte, denn sie war so trocken und einfach, daß ein Mensch, der nur ein bischen weniger stumpf, als der alte Seemann war, ihre Aufrichtigkeit verdächtig gefunden hätte. »Wer diese Stelle passirt hat, weiß, wie es ihm zu Muthe sein mochte.«

»Es war ein armer Kerl, wie Ihr sagt, und ein armer Gränzmann dazu, obgleich er es nur that, um uns unwissenden Leuten seine Geschicklichkeit zu zeigen. Was aus ihm wurde? Ei er ging köpflings die Fälle hinunter, wie es bei einem Landhaus oder Fort auch gegangen wäre« –

»Wenn sie aus einem Kahn springen würden,« unterbrach ihn Jasper lächelnd, obgleich er sichtlich weit geneigter war, als sein Freund, die Fahrt über die Wasserfälle in Vergessenheit zu bringen.

»Der Junge hat Recht,« erwiederte Pfadfinder mit einem Lachen gegen Mabel, weicher er sich so weit genähert hatte, daß die Kähne sich hart berührten; »er hat sicher Recht. Aber Sie haben uns noch nicht gesagt, was Sie von dem Satze halten, den wir da gemacht haben!«

»Er war gefährlich und kühn,« sagte Mabel, »und als ich zusah, hätte ich wohl gewünscht, daß er nicht versucht worden wäre, obschon ich jetzt, da er vorüber ist, die Kühnheit und Festigkeit, mit der er gemacht wurde, bewundern muß.«

»Glauben Sie übrigens ja nicht, daß wir es thaten, um uns in den Augen eines Frauenzimmers hervorzuheben. Es mag zwar jungen Leuten angenehm sein, durch Handlungen, welche kühn und lobenswerth erscheinen, sich bei Andern in eine gute Meinung zu setzen, aber weder Eau-douce noch ich selbst bin von dieser Sorte. Meine Natur, obgleich vielleicht Serpent ein besseres Zeugniß ablegen könnte, hat sich hierin nicht geändert; sie ist eine gerade Natur und würde nicht geeignet sein, mich zu einer derartigen, ungebührlichen Eitelkeit zu verleiten. Was den Jasper anbelangt, so würde er über die Oswego-Fälle lieber ohne einen Zuschauer gehen, als vor hundert Augenpaaren. Ich kenne den Jungen aus langer Kameradschaft, und bin sicher, daß er kein Prahler und eitler Großthuer ist.«

Mabel blickte den Kundschafter mit einem Lächeln an, welches Veranlassung gab, die Kähne noch eine Weile länger beisammen zu halten; denn der Anblick von Jugend und Schönheit war so selten an dieser entfernten Gränze, daß die eben getadelten und unterdrückten Gefühle dieses Wanderers in den Wäldern durch die blühende Liebenswürdigkeit des Mädchens empfindlich berührt wurden.

»Wir hielten es für's Beste,« fuhr Pfadfinder fort, »und es war auch das Beste. Hätten wir den Kahn zu Land weiter gebracht, so wäre viel Zeit verloren gegangen, und nichts ist so kostbar, als Zeit, wenn man sich vor den Mingo's in Acht zu nehmen hat.«

»Aber wir können nur wenig mehr zu fürchten haben. Die Kähne fahren schnell, und zwei Stunden werden uns, wie Ihr gesagt habt, nach dem Fort bringen.«

»Es muß ein schlauer Irokese sein, der Ihnen auch nur ein Haar Ihres Hauptes beschädigen will; denn hier haben sich Alle dem Sergeanten, und die Meisten, denke ich, gegen Sie selbst verpflichtet, jedes Ungemach von Ihnen ferne zu halten. Ha! Eau-douce, was ist das an dem Fluß? dort, an der untern Umbiegung, unterhalb des Gebüsches – was steht dort an dem Felsen?«

»'s ist Big Serpent, Pfadfinder; er macht uns Zeichen, die ich nicht verstehe.«

»'s ist der Serpent, so wahr ich ein Weißer bin, und er wünscht, daß wir uns mehr seinem Ufer nähern. Es ist Unheil um den Weg, sonst würde ein Mann von seiner Bedächtigkeit und Festigkeit nie diese Störung veranlassen. Doch Muth! Wir sind Männer, und müssen uns bei einer Teufelei benehmen, wie es unserer Farbe und unserem Berufe ziemt. Ah! ich hab' nie etwas Gutes aus dem Großthun kommen sehen; und hier, gerade da ich mich unserer Sicherheit rühme, kommt die Gefahr, die mich Lügen straft.«

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