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Der Pfadfinder oder Das Binnenmeer

James Fenimore Cooper: Der Pfadfinder oder Das Binnenmeer - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Pfadfinder
publisherHoffmann'sche Verlags Buchhandlung.
printrunNeue unveränderte Auflage
year1869
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141112
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Neunundzwanzigstes Kapitel

Sie dreht sich neckisch, daß er sehe
Das süße Lächeln ihrer Wangen;
Doch spricht im Aug' ihm bitt'res Wehe;
– Da ist das Lächeln ihr vergangen.

Lalla Roakh.

 

Alle Ereignisse der letzten Tage waren zu aufregend gewesen, und hatten die Kräfte unserer Heldin zu sehr in Anspruch genommen, als daß sie sich der Hilflosigkeit des Grames hätte hingeben können. Sie trauerte um ihren Vater, und gelegentlich überlief sie ein Schauder, wenn sie sich Jennie's plötzlichen Tod und alle die schrecklichen Scenen, deren Zeuge sie gewesen, in's Gedächtniß zurückrief: im Ganzen aber war sie gefaßter und weniger nieder gedrückt, als dieß bei tiefem Schmerze gewöhnlich ist. Vielleicht half das übermächtige, betäubende Seelenleiden, welches die arme June beugte und sie beinahe vierundzwanzig Stunden besinnungslos nieder geworfen hatte, Mabeln ihre eigenen Gefühle besiegen, da sie sich zur Trösterin des armen Indianerweibes berufen glaubte; auch erwies sie ihr diesen Dienst in der ruhigen, besänftigenden und einnehmenden Weise, mit welcher ihr Geschlecht bei solchen Gelegenheiten seinen Einfluß geltend macht.

Der Morgen des dritten Tages war für die Abfahrt des Scud bestimmt. Jasper hatte seine Vorbereitungen getroffen, die verschiedenen beweglichen Gegenstände waren eingeschifft, und Mabel hatte von June Abschied genommen – ein schmerzliches und zärtliches Lebewohl. Mit einem Worte, Alles war bereit, und mit Ausnahme der Indianerin, Pfadfinders, Jaspers und unsrer Heldin, hatte die ganze Gesellschaft die Insel verlassen. Erstere war in's Gebüsch gegangen, um zu weinen, und die drei Letzteren näherten sich einer Stelle, wo drei Kähne lagen, von denen einer June's Eigenthum war, während die beiden übrigen die Bestimmung hatten, die Zurückgebliebenen dem Scud zuzuführen. Pfadfinder ging voraus; als er aber näher gegen das Ufer kam, forderte er, statt die Richtung nach den Booten einzuschlagen, seine Gefährten auf, ihm zu folgen, woraus er sie zu einem umgestürzten Baume führte, der am Rande der Lichtung und außer dem Gesichtskreise des Kutters lag. Hier ließ er sich nieder und hieß Mabel auf der einen und Jasper auf der andern Seite neben ihm Platz nehmen.

»Setzen Sie sich hieher, Mabel – und Ihr, Eau-douce, dahin,« begann er, sobald er seinen Sitz eingenommen hatte. »Mir liegt etwas schwer auf der Seele, und es ist jetzt Zeit, es abzuschütteln, wenn es anders möglich ist. Setzen Sie sich, Mabel, und lassen Sie mich mein Herz, wenn nicht mein Gewissen, erleichtern, so lange ich noch die Kraft habe, es zu thun.«

Es folgte nun eine Pause von zwei oder drei Minuten, und beide jungen Leute harrten verwundert dessen, was kommen sollte. Der Gedanke, daß Pfadfinder eine Last auf seinem Gewissen haben könne, schien Beiden gleich unwahrscheinlich.

»Mabel,« fuhr unser Held endlich fort, »wir müssen offen mit einander reden, ehe wir wieder mit Ihrem Onkel auf dem Scud zusammentreffen, wo Salzwasser seit dem letzten Spasse jede Nacht geschlafen hat, weil dieser, wie er sagt, der einzige Platz sei, wo ein Mann versichert sein dürfe, seine Haare auf dem Kopfe zu behalten. – Aber ach, was kümmern mich jetzt diese Thorheiten und albernen Worte! Ich versuche es, heiter und leichten Sinnes zu sein; aber die Kraft des Menschen kann das Wasser nicht stromaufwärts fließen machen. Mabel, Sie wissen, daß der Sergeant vor seinem Scheiden die Bestimmung getroffen hat, daß wir uns heirathen, bei einander leben und uns gegenseitig lieben sollen, so lange es dem Herren gefällt, uns auf Erden zu lassen: – ja, und auch nachher!«

Mabels Wangen hatten in der frischen Morgenluft wieder etwas von ihrem früheren rosigen Aussehen gewonnen; bei dieser unerwarteten Anrede aber erbleichten sie fast wieder wie zu der Stunde, wo der herbste Schmerz ihr Inneres erfaßt hatte. Doch blickte sie Pfadfinder mit freundlichem Ernste an und versuchte es, ein Lächeln zu erzwingen.

»Sehr wahr, mein ausgezeichneter Freund,« entgegnete sie; »das war der Wunsch meines armen Vaters, und ich fühle die tiefe Ueberzeugung, daß ein ganzes, Eurem Glücke und Eurem Wohlbehagen geweihtes Leben kaum im Stande ist, Euch für Alles, was Ihr an uns gethan habt, zu belohnen.«

»Ich fürchte, Mabel, daß Mann und Weib durch ein kräftigeres Band an einander geknüpft sein müssen, als durch solche Gefühle. Sie haben nichts, oder doch nichts von irgend einem Belang für mich gethan, und doch neigt sich mein ganzes Herz zu Ihnen; es dünkt mir daher wahrscheinlich, daß diese Zuneigung von etwas Anderem herkommt, als von dem Schutze der Skalpe und dem Geleite durch die Wälder.«

Mabels Wangen fingen wieder an zu glühen, und obgleich sie sich alle Mühe gab, zu lächeln, so war doch in ihrer Antwort ein leichtes Beben der Stimme nicht zu verkennen.

»Wäre es nicht besser, wenn wir diese Unterhaltung aufschöben, Pfadfinder?« sagte sie; »wir sind nicht allein, und es heißt, es sei nichts Unangenehmeres für einen Dritten, als Familienangelegenheiten besprechen zu hören, welche für ihn kein Interesse haben.«

»Gerade, weil wir nicht allein sind, oder vielmehr, weil Jasper bei uns ist, Mabel, möchte ich diese Sache zur Sprache bringen. Der Sergeant glaubte, daß ich ein geeigneter Lebensgefährte für Sie sein dürfte, und obgleich ich meine Bedenklichkeiten dabei hatte – ja, ja, ich hatte viele Bedenklichkeiten – ließ ich mich doch zuletzt bereden, und die Dinge nahmen die Ihnen bekannte Wendung. Als Sie aber Ihrem Vater versprachen, mich zu heirathen, Mabel, und Sie mir so bescheiden, so anmuthig Ihre Hand gaben, war ein Umstand, wie es Ihr Onkel nennt, vorhanden, von dem Sie nichts wußten, und ich halte es für billig, Ihnen denselben mitzutheilen, ehe die Sachen ganz in's Reine gebracht sind. Ich habe mich oft mit einem mageren Hirsch für meine Mahlzeit begnügt, wenn ich kein gutes Wildpret haben konnte, aber es ist natürlich, daß man nicht nach dem Schlechtesten greift, wenn das Beste zu finden ist.«

»Ihr sprecht in einer Weise, Pfadfinder, welche ich nicht verstehen kann. Wenn diese Unterhaltung wirklich so nothwendig ist, so hoffe ich doch, daß Ihr Euch deutlicher ausdrückt.«

»Gut also. – Mabel, ich habe mir Gedanken darüber gemacht, daß Sie, als Sie sich in die Wünsche des Sergeanten fügten, wahrscheinlich die Natur von Jasper Westerns Gefühlen gegen Sie nicht kannten?«

»Pfadfinder!«

Mabels Wangen erbleichten nun zur Blässe des Todes und erglühten wieder purpurn; ihr ganzer Körper bebte. Pfadfinder hatte jedoch zu sehr seinen Zweck im Auge, um diesen schnellen Wechsel zu bemerken, und Eau-douce bedeckte sein Gesicht mit den Händen.

»Ich habe mit dem Jungen gesprochen, und wenn ich seine Träume, seine Gefühle und seine Wünsche mit den meinigen vergleiche, so fürchte ich, wir denken über Sie zu gleich, als daß wir Beide glücklich sein könnten.«

»Pfadfinder, Ihr vergeßt – Ihr solltet Euch erinnern, daß wir verlobt sind,« sagte Mabel hastig und mit so leiser Stimme, daß von Seiten der Zuhörer große Aufmerksamkeit erfordert wurde, um ihre Worte zu verstehen. In der That waren auch die paar letzten Sylben dem Wegweiser völlig entgangen, und er gab dieß zu verstehen durch sein gewöhnliches: »Wie?«

»Ihr vergeßt, daß wir uns heirathen sollen, und solche Anspielungen sind eben so ungeeignet, als schmerzlich.«

»Alles was recht ist, ist geeignet, Mabel; und Alles ist recht, was zu einer billigen Ausgleichung und zu einem offenen Verständniß führt, obgleich es, wie mir meine eigene Erfahrung sagt, schmerzlich genug ist, wie Sie sich ausdrücken. Nun, Mabel, wenn Sie gewußt hätten, daß Jasper in solcher Weise an Sie denkt, so hätten Sie vielleicht nie eingewilligt, einen so alten und unansehnlichen Mann, wie ich bin, zu heirathen?«

»Warum diese grausame Prüfung, Pfadfinder? Wozu kann das Alles führen? Jasper denkt nicht an so etwas; er sagt nichts, er fühlt nichts.«

»Mabel!« entfuhr es den Lippen des Jünglings auf eine Weise, welche die unbezwingliche Natur seiner Gefühle verrieth, obgleich er keine Sylbe weiter hinzufügte.

Mabel bedeckte ihr Antlitz mit den Händen, und die Beiden saßen da wie ein paar Schuldige, die plötzlich auf einem Verbrechen ertappt wurden, bei welchem es sich um das ganze Glück eines gemeinschaftlichen Gönners handelte. In diesem Augenblick war Jasper vielleicht selbst geneigt, seine Leidenschaft in Abrede zu ziehen, da er weit entfernt war, seinem Freunde einen Gram bereiten zu wollen, während für Mabel die unverholene Mittheilung einer Thatsache, die sie eher im Stillen gehofft, als geglaubt hatte, so unerwartet kam, daß sich auf einen Augenblick ihre Sinne verwirrten und sie nicht wußte, ob sie weinen oder sich freuen sollte. Doch mußte sie zuerst sprechen, da Jasper nicht im Stande war, etwas hervorzubringen, was unredlich oder für seinen Freund schmerzlich erscheinen konnte.

»Pfadfinder,« sagte sie, »Ihr sprecht rauh. Weßhalb erwähnt Ihr solcher Dinge?«

»Nun, Mabel, wenn ich rauh spreche, so wissen Sie wohl, daß ich von Natur sowohl, als auch, wie ich fürchte, aus Gewohnheit ein halber Wilder bin.« Als er dieß sagte, suchte er in seiner gewöhnlichen lautlosen Weise zu lachen, aber es gelang nicht, und der Versuch gestaltete sich zu einem seltsamen Mißton, der ihn fast zu ersticken drohte. »Ja, ich muß wohl wild sein; ich will nicht unternehmen, es in Abrede zu ziehen.«

»Theuerster Pfadfinder! mein bester, fast mein einziger Freund, Ihr könnt und werdet nicht glauben, daß ich etwas der Art zu sagen beabsichtigte!« unterbrach ihn Mabel, indem ihr die Eile, womit sie ihre unbeabsichtigte Kränkung wieder gut machen wollte, fast den Athem versagte. »Wenn Muth, Treue, Adel der Seele und des Charakters, Festigkeit der Grundsätze und hundert andere ausgezeichnete Eigenschaften einem Manne Achtung, Verehrung und Liebe gewinnen können, so steht Ihr mit Euern Ansprüchen keinem andern menschlichen Wesen nach.«

»Was für zarte und bezaubernde Stimmen sie haben, Jasper!« nahm der Wegweiser, nun mit einem offenen und natürlichen Lachen, wieder auf. »Ja, die Natur scheint sie geschaffen zu haben, uns in die Ohren zu singen, wenn die Melodien der Wälder schweigen. Aber wir müssen zu einem vollen Verständniß kommen, – ja, das müssen wir. Ich frage Sie noch einmal, Mabel – wenn Sie gewußt hätten, daß Jasper Western Sie eben so sehr liebt, wie ich, oder vielleicht noch mehr, obgleich dieses kaum möglich ist – daß er mit Ihnen und von Ihnen in seinen Träumen spricht – daß er sich vorstellt, Alles was schön und gut und tugendhaft ist, gleiche Mabel Dunham – daß er glaubt, nie ein Glück gekannt zu haben, ehe er Sie gesehen – daß er den Boden küssen möchte, den Ihr Fuß betreten – daß er alle Freuden seines Berufes vergißt, um an Sie zu denken, mit Entzücken Ihre Schönheit zu bewundern und auf Ihre Stimme zu horchen – würden Sie dann eingewilligt haben, mich zu heirathen?«

Mabel hätte diese Frage nicht beantworten können, selbst wenn sie gewollt hätte; aber obgleich sie ihr Gesicht mit ihren Händen verhüllte, so war doch die Glut des Blutstromes zwischen ihren Fingern sichtbar, und selbst diese schienen an dem Roth Theil zu nehmen. Die Natur behauptete jedoch ihre Macht; denn einen Augenblick lang warf das bestürzte, fast erschreckte Mädchen einen verstohlenen Blick auf Jasper, als ob sie Pfadfinders Erzählung von der Art der Gefühle des jungen Mannes mißtraute, und dieser Blick schloß ihr die ganze Wahrheit auf; sie verbarg schnell das Gesicht wieder, als ob sie es für immer der Beobachtung entziehen wolle.

»Nehmen Sie sich Zeit, nachzudenken,« fuhr der Wegweiser fort, »denn es ist eine ernste Sache, einen Mann zum Gatten anzunehmen, wenn die Gedanken und Wünsche auf einen Andern gerichtet sind. Jasper und ich haben über diesen Gegenstand offen, wie zwei alte Freunde, gesprochen, und obgleich ich stets wußte, daß wir die meisten Dinge so ziemlich mit gleichen Augen betrachten, so wäre es doch mir nie eingefallen, daß unsere Gedanken über einen Gegenstand so gar die gleichen wären, bis wir uns gegenseitig unsere Gefühle über Sie mittheilten. Jasper gesteht ein, daß er Sie von der Zeit an, als er Sie das erste Mal erblickte, für das süßeste und gewinnendste Wesen hielt, welches er je getroffen, daß der Ton Ihrer Stimme wie das Brausen der Wasser in seinen Ohren klinge, daß ihm seine Segel wie Ihre im Winde flatternden Gewänder vorkämen, daß er Ihr Lächeln in seinen Träumen sehe, und daß er wieder und wieder erschreckt aufführe, weil es ihm dünkte, es wolle Sie Jemand mit Gewalt dem Scud entführen, wohin seine Einbildungskraft Ihren Aufenthalt verlegt hatte. Ja, der Junge hat sogar zugestanden, daß ihm oft die Thränen in's Auge getreten seien, wenn er dachte, daß Sie Ihre Tage wahrscheinlich mit einem Andern und nicht mit ihm hinbringen würden.«

»Jasper?«

»Es ist feierliche Wahrheit, Mabel, und es ist recht, daß Sie sie erfahren. Nun stehen Sie auf und wählen Sie zwischen uns Beiden. Ich glaube, Jasper liebt Sie eben so sehr als ich. – Er wollte mich zwar bereden, daß seine Liebe heißer sei; ich kann dieß aber nicht zugeben, weil es unmöglich ist; ich glaube aber, daß der Junge Sie von ganzem Herzen und von ganzer Seele liebt, und er hat daher das Recht, gehört zu werden. Der Sergeant hat mich zu Ihrem Beschützer, nicht zu Ihrem Tyrannen bestellt. Ich habe ihm versprochen, daß ich Ihnen Vater und Gatte sein wolle, und es scheint mir, daß kein gefühlvoller Vater seinem Kinde dieses kleine Vorrecht versagen würde. Stehen Sie daher auf, Mabel, und sprechen Sie Ihre Gedanken so unverholen aus, als ob ich der Sergeant selbst wäre, der nichts Anderes als Ihr Bestes beabsichtigt.«

Mabel ließ die Hände sinken, erhob sich, und stand, Angesicht gegen Angesicht, ihren beiden Freiern gegenüber, obgleich eine fieberische Glut ihre Wangen bedeckte – eher eine Wirkung der Aufregung, als der Scham.

»Was wollt Ihr von mir, Pfadfinder?« fragte sie; »habe ich nicht bereits meinem armen Vater versprochen, ganz nach Euren Wünschen zu handeln?«

»Dann wünsche ich Folgendes: Hier stehe ich, ein Mann der Wälder und von wenig Wissen, obgleich ich fürchte, daß mein Ehrgeiz vielleicht meine Verdienste übersteigt, und ich will mir Mühe geben, beiden Theilen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Für's Erste ist es hinsichtlich unserer Gesinnungen für Sie zugestanden, daß wir Beide Sie mit gleicher Innigkeit lieben; Jasper meint zwar, daß seine Gefühle die tieferen sein müßten, aber ich kann das als ehrlicher Mann nicht zugeben, weil es mir vorkommt, als könne es unmöglich wahr sein, sonst würde ich mich frei und offen darüber aussprechen. In dieser Beziehung, Mabel, wären also unsere beiderseitigen Verhältnisse die gleichen. Was mich anbelangt, so steht es mir als dem Aeltesten zuerst zu, das Bischen, was zu meinen Gunsten spricht, eben so gut als das Gegentheil vorzubringen. An der ganzen Gränze, glaube ich, gibt es Keinen, welcher mich als Jäger übertrifft. Wenn also Wildpret und Bärenfleisch, oder selbst Vögel und Fische in unserer Hütte selten sein sollten, so müßte die Schuld davon wahrscheinlich eher der Natur und der Vorsehung zugeschrieben werden, als mir. Kurz, es kommt mir vor, daß das Weib, welches mir folgt, sich nie über Mangel an Nahrung zu beklagen haben wird. Aber ich bin schrecklich unwissend! Es ist zwar wahr, ich spreche mehrere Sprachen, wie sie eben sind, aber ich bin weit entfernt, auch nur in meiner eigenen gründlich bewandert zu sein. Dann bin ich älter als Sie, Mabel, und der Umstand, daß ich so lange der Kamerad Ihres Vaters gewesen, mag gerade kein großes Verdienst in Ihren Augen sein. Auch wollte ich, ich wäre hübscher: aber wir sind eben, wie uns die Natur gemacht hat, und, besondere Anlässe ausgenommen, sollte sich der Mensch am allerletzten über sein Aussehen beklagen. Wenn ich nun Alles, Alter, Aussehen, Kenntnisse und Gewohnheiten in Betracht ziehe, Mabel, so sagt mir mein Gewissen, daß ich durchaus nicht für Sie passe, wenn ich nicht etwa gar Ihrer ganz unwürdig bin, und ich würde zur Stunde meine Hoffnung schwinden lassen, wenn nicht etwas in meinem Herzen klopfte, was sich schwer loswerden läßt!«

»Pfadfinder! edler, großmüthiger Pfadfinder!« rief unsere Heldin, indem sie seine Hand faßte und mit einer Art heiliger Verehrung küßte: »Ihr thut Euch selbst Unrecht – Ihr vergeßt meines armen Vaters und Eures Versprechens – Ihr kennt mich nicht!«

»Nun – da ist Jasper,« fuhr der Wegweiser fort, ohne sich durch die Liebkosungen des Mädchens von seinem Vorsatze abbringen zu lassen: »bei ihm ist der Fall anders. Hinsichtlich der Versorgung und der Liebe findet kein großer Unterschied zwischen uns Statt, denn der Junge ist mäßig, fleißig und sorgsam. Auch ist er sehr unterrichtet, kann französisch, liest viele Bücher, darunter auch einige, die Sie, wie ich weiß, selbst gerne lesen, und kann Sie allezeit verstehen, was vielleicht mehr ist, als ich von mir selbst sagen kann.«

»Wozu dieß Alles,« unterbrach ihn Mabel ungeduldig – »warum sprecht Ihr jetzt, warum sprecht Ihr überhaupt davon?«

»Dann hat der Junge eine Art, seine Gedanken auszudrücken, in der ich es, wie ich fürchte, ihm nie gleich thun kann. Wenn es etwas auf Erden gibt, was meine Zunge kühn und beredt machen kann, Mabel, so sind Sie es, und doch hat Jasper bei unsern letzten Gesprächen auch in diesem Punkte mich übertroffen, so daß ich mich vor mir selbst schämen muß. Er sagte mir, wie einfach, wie redlich und gütig Sie wären, und wie wenig Sie der Eitelkeiten der Welt achteten; denn obgleich Sie die Gattin von mehr als einem Offizier werden könnten, wie er meint, so hielten Sie doch fest an Ihrem Gefühle, und zögen es vor, sich selbst und der Natur treu zu bleiben, als nach dem Rang einer Obristenfrau zu trachten. Er hat mir in der That das Blut ordentlich warm gemacht, als er von Ihrer Schönheit sprach, auf die Sie gar nicht einmal zu sehen schienen, und wie Sie so natürlich und anmuthsvoll gleich einem jungen Reh dahin schritten, ohne es selbst zu wissen; dann von der Richtigkeit und Gerechtigkeit Ihrer Gedanken und der Wärme und dem Edelmuth Ihres Herzens –«

»Jasper!« unterbrach ihn Mabel, und ließ nun ihren Gefühlen, die um so unbezwinglicher zum Ausbruch kamen, je länger sie nieder gedrückt worden waren, den Zügel schießen; sie fiel in die offenen Arme des jungen Mannes und weinte wie ein Kind, und fast eben so hilflos an seiner Brust. – »Jasper! Jasper! warum habt Ihr mir das verborgen?«

Eau-douce's Antwort war nicht sehr verständlich, und auch die nun folgende flüsternde Zwiesprache nicht besonders zusammenhängend; aber die Sprache der Liebe versteht sich leicht. Die nächste Stunde entschwand den Beiden wie sonst einige Minuten, so weit nämlich die Berechnung der Zeit in Betracht kommt; und als Mabel sich wieder faßte und sich besann, daß es auch noch andere Leute gebe, maß bereits ihr Onkel das Deck des Schiffes mit ungeduldigen Schritten, und wunderte sich, warum Jasper den günstigen Wind zu benützen säume. Zuerst gedachte sie jedoch des Mannes, der wahrscheinlich diese unerwartete Aeußerung ihrer wahren Gefühle am schmerzlichsten empfand.

»Jasper!« rief sie im Tone des plötzlich auftauchenden Schuldbewußtseins – »der Pfadfinder!«

Eau-douce erzitterte – nicht aus unmännlicher Furcht, wohl aber in der schmerzlichen Ueberzeugung, seinen Freund tief gekränkt zu haben, und sah nach allen Richtungen aus, ihn zu erblicken. Aber Pfadfinder hatte sich mit einem Zartgefühl, welches dem Takte und der Bildung eines Hofmannes Ehre gemacht hätte, zurückgezogen. Die beiden Liebenden saßen noch einige Minuten beisammen, und harrten seiner Rückkehr, ohne zu wissen, was sie unter so bezeichnenden und eigenthümlichen Umständen am geeignetsten thun könnten. Endlich sahen sie ihren Freund langsam und nachdenklich auf sie zukommen.

»Ich weiß nun, was Ihr unter dem Sprechen ohne Zunge und dem Hören ohne Ohren verstandet, Jasper,« sagte er, als er dem Baume nahe genug war, um verstanden zu werden. »Ja, ja, ich weiß es jetzt; und es ist eine sehr angenehme Art von Unterredung, wenn man sie mit Mabel Dunham halten kann. Ach! ich habe es ja dem Sergeanten gesagt, daß ich nicht für sie passe – daß ich zu alt, zu unwissend und zu wild sei; aber er wollte es anders wissen.«

Jasper und Mabel saßen da, Miltons Gemälde von unsern Stamm-Eltern ähnlich, als das Bewußtsein der Sünde zuerst sein Bleigewicht auf ihre Seelen legte. Sie sprachen nicht, sie bewegten sich nicht einmal, obgleich Beide sich in diesem Augenblick einbildeten, sie könnten sich von ihrem eben erst gefundenen Glücke trennen, um den Seelenfrieden ihres Freundes wieder herzustellen. Jasper war blaß wie der Tod; Mabeln hatte aber die jungfräuliche Scham das Blut auf die Wangen getrieben, die in einem Rothe strahlten, welches sich kaum mit dem ihrer heitersten und glücklichsten Stunden vergleichen ließ. Da das Gefühl, welches bei ihrem Geschlechte stets die Gewißheit der erwiederte Liebe begleitet, seinen weichen und zarten Schatten über ihr Antlitz warf, so erschien sie ungemein liebenswürdig. Pfadfinder blickte sie mit einer Innigkeit an, die er nicht zu verbergen suchte, und brach dann mit einem wilden Entzücken in sein gewohntes Lachen aus, wie wohl Leute von geringer Bildung ihre Lustigkeit auszudrücken pflegen. Diese augenblickliche Heiterkeit erstarb aber schnell in dem Schmerze des Bewußtseins, daß dieses herrliche junge Wesen ihm für immer verloren sei. Es bedurfte einer vollen Minute, bis sich der einfache, edle Mann von dieser erschütternden Ueberzeugung erholte; dann gewann er seine frühere würdevolle Haltung wieder, und sprach mit Ernst, ja beinahe mit Feierlichkeit:

»Es war mir immer bekannt, Mabel, daß die Menschen ihre Gaben haben, obschon ich vergaß, daß es nicht zu den meinigen gehöre, den Jungen, Schönen und Unterrichteten zu gefallen. Ich hoffe, daß der Mißgriff keine allzu schwere Sünde gewesen ist, und wenn er es war, so bin ich wahrlich schmerzlich genug dafür gestraft worden. Ich weiß, was Sie sagen wollen, Mabel, aber es ist nicht nöthig. Ich fühle es ganz, und das ist so gut, als ob ich es ganz hörte. Ich habe eine bittere Stunde gehabt, Mabel; ich habe eine sehr bittere Stunde gehabt, Junge –«

»Eine Stunde?« wieder holte Mabel, als der Wegweiser sich dieses Wortes zum ersten Mal bediente, und das verrätherische Blut, welches ihrem Herzen zuzuströmen angefangen hatte, flutete wieder ungestüm gegen ihre Schläfe; »gewiß, es kann keine Stunde gewesen sein, Pfadfinder?«

»Eine Stunde?« rief Jasper gleichzeitig; nein, nein, mein würdiger Freund; es sind noch keine zehn Minuten, seit Ihr uns verlassen habt!«

»Nun, es mag so sein, obgleich es mir wie ein Tag vorkam. Ich fange übrigens an zu glauben, daß der Glückliche seine Zeit nach Minuten, und der Elende nach Monaten zählt. Doch, reden wir nichts mehr davon; es ist nun Alles vorbei, und viele Worte darüber machen Euch nicht glücklicher, während sie mir nur sagen, was ich verloren habe, und wahrscheinlich auch, wie sehr ich verdiente, es zu verlieren. Nein, nein, Mabel, Sie brauchen mich nicht zu unterbrechen; ich gebe Alles zu, und Ihre Gegenrede, so gut sie auch gemeint sein mag, wird meinen Sinn nicht ändern. Nun, Jasper, sie ist die Eure, und obgleich es mich schwer ankommt, daran zu denken, so will ich doch glauben, daß Ihr sie glücklicher machen werdet, als ich es vermocht hätte, denn Eure Gaben sind besser dazu geeignet, obgleich ich, so weit ich mich kenne, mir alle Mühe gegeben haben würde, das Gleiche zu thun. Ich hätte wohl besser gethan, dem Sergeanten nicht zu glauben, und mich an das halten sollen, was mir Mabel am See sagte; denn Vernunft und Urtheilskraft mußten mir sagen, daß sie Recht hatte; aber es ist so angenehm, das zu denken, was wir wünschen, und man läßt sich so leicht beschwatzen, wenn man sich selbst gern überreden möchte. Aber ich habe es schon gesagt, was nützt all' das Gerede? Es ist zwar wahr, Mabel schien einzuwilligen, aber sie that es ja nur ihrem Vater zu Gefallen – und weil sie sich wegen der Wilden fürchtete –«

»Pfadfinder!«

»Ich verstehe Sie, Mabel; aber ich habe Sie nicht kränken wollen – gewiß nicht. Bisweilen ist's mir, als möchte ich gerne in Eurer Nachbarschaft leben, damit ich Euer Glück mit ansehen könnte; es ist aber im Grunde doch besser, wenn ich das Fünfundfünfzigste ganz verlasse, und zum Sechzigsten zurückkehre, welches so zu sagen mein angebornes ist. Vielleicht wäre es auch besser gewesen, wenn ich es nie verlassen hätte, obgleich man meiner Dienste in dieser Gegend mehr benöthigt war, und ich Einige vom Fünfundfünfzigsten aus früheren Jahren kannte – den Sergeant Dunham zum Beispiel, da er vordem bei einem andern Corps stand. Doch, Jasper, es reut mich nicht, Euch kennen gelernt zu haben –«

»Und mich, Pfadfinder?« unterbrach ihn Mabel ungestüm: »bereut Ihr es, mich gekannt zu haben? Wenn ich das glauben müßte, so könnte ich nimmer zum Frieden mit mir selbst kommen.«

»Sie, Mabel?« erwiederte der Wegweiser, indem er die Hand unserer Heldin ergriff, und ihr mit argloser Einfalt und inniger Liebe in's Antlitz blickte – »wie könnte es mir leid thun, daß ein Strahl der Sonne das Dunkel eines freudelosen Tages einen Augenblick erleuchtete? Ich schmeichle mir nicht, daß ich in der nächsten Zeit so leichten Herzens dahin wandern, oder so gesund schlafen kann, wie ich es sonst gewohnt war; aber ich werde mich stets erinnern, wie nahe mir ein unverdientes Glück stand. Weit entfernt, Ihnen Vorwürfe zu machen, Mabel, tadle ich vielmehr nur mich selbst, weil ich eitel genug war, auch nur einen Augenblick an die Möglichkeit zu denken, daß ich einem so holden Wesen gefallen könne; denn gewiß, Sie haben mir Alles gesagt, als wir auf der Anhöhe am See darüber sprachen, und ich hätte Ihnen damals glauben sollen. Es ist ja auch ganz natürlich, daß junge Mädchen ihre Neigungen besser kennen, als die Väter. Ach – 's ist jetzt im Reinen – und mir bleibt nichts mehr übrig, als Euch Lebewohl zu sagen, damit Ihr abreisen könnt. Ich denke, Meister Cap wird ungeduldig sein, und es ist zu befürchten, daß er an's Ufer kommt, um sich nach uns Allen umzusehen.«

»Lebewohl zu sagen?« rief Mabel.

»Lebewohl?« wieder holte Jasper; – »es wird doch nicht Eure Absicht sein, uns zu verlassen?«

»Es ist das Beste, Mabel; es ist gewiß das Beste, Eau-douce, und auch das Klügste. Wenn ich blos meinen Gefühlen folgen wollte, so könnte ich in Eurer Gesellschaft leben und sterben; wenn ich aber der Vernunft Gehör gebe, so muß ich Euch hier verlassen. Ihr geht nach Oswego zurück und laßt Euch, sobald Ihr dort ankommt, zusammengeben! denn Alles das ist bereits mit Meister Cap abgemacht, der sich wieder nach dem Meere sehnt; er weiß, was geschehen muß. Ich für meinen Theil aber will wieder in meine Wälder und zu meinem Schöpfer zurückkehren. Kommen Sie, Mabel,« fuhr der Pfadfinder fort, indem er sich erhob und unserer Heldin mit ernstem Anstand näher trat – »Küssen Sie mich; Jasper wird mir diesen Kuß nicht mißgönnen, denn es gilt den Abschied.«

»O Pfadfinder!« rief Mabel, warf sich in die Arme des Wegweisers und küßte seine Wangen wieder und wieder mit einer Unbefangenheit und Wärme, welche sie nicht an den Tag gelegt hatte, als sie an Jaspers Brust ruhte. »Gott segne Euch, theuerster Pfadfinder. Ihr werdet uns später besuchen? Wir werden Euch wieder sehen? Wenn Ihr alt seid, so werdet Ihr zu unserer Wohnung kommen, und ich darf dann Eure Tochter sein?«

»Ja, das ist's,« erwiederte der Wegweiser, nach Luft schnappend; »ich will es versuchen, die Sache in diesem Licht zu betrachten. Sie sind geeigneter, meine Tochter, als mein Weib zu sein – ja, so ist es. Lebt wohl, Jasper! Wir wollen nun zu dem Kahn gehen; es ist Zeit, daß Ihr an Bord kommt.«

Pfadfinder ging ernst und ruhig voraus, dem Ufer zu. Sobald sie den Kahn erreicht hatten, faßte er noch einmal Mabels Hände, hielt sie auf Armes Länge von sich, und blickte ihr aufmerksam in's Antlitz, bis die ungebetenen Thränen aus seinen Augen quollen und über seine rauhen Wangen in Strömen nieder floßen.

»Segnet mich, Pfadfinder,« sagte Mabel, indem sie ehrfurchtsvoll sich auf die Knie nieder ließ; »segnet mich wenigstens, ehe wir scheiden!«

Der einfache, hochherzige Mann that, wie sie wünschte, half ihr in den Kahn und riß sich dann mit schwerem Herzen los. Ehe er sich jedoch zurückzog, nahm er noch Jaspern ein wenig auf die Seite und sprach Folgendes:

»Euer Herz ist gut und Ihr seid von Natur edel, Jasper; aber wir sind beide rauh und wild in Vergleichung mit diesem holden Geschöpfe. Gebt auf sie Acht, und laßt ihren zarten Charakter nie die Rauheit der männlichen Natur fühlen. Ihr werdet sie bald auskennen, und der Herr, der in gleicher Weise über dem See und den Wäldern thront, der mit Lächeln auf die Tugend und mit Zürnen auf das Laster blickt, erhalte Euch glücklich und des Glückes würdig!«

Pfadfinder winkte seinem Freund zum Abschied und blieb, auf seine Büchse gelehnt, stehen, bis der Kahn die Seite des Scud erreicht hatte. Mabel weinte, als ob ihr das Herz brechen wollte, und verwendete kein Auge von der offenen Stelle des Baumgangs, wo die Gestalt des Pfadfinders sichtbar war, bis der Kutter um eine Spitze beugte, welche die Aussicht nach der Insel schloß. Bei diesem letzten Blicke war die sehnige Figur dieses außerordentlichen Mannes so bewegungslos, wie eine Statue, an diesem einsamen Orte als Denkstein der kürzlich hier vorgefallenen Ereignisse aufgestellt.

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