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Der Pfadfinder oder Das Binnenmeer

James Fenimore Cooper: Der Pfadfinder oder Das Binnenmeer - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Pfadfinder
publisherHoffmann'sche Verlags Buchhandlung.
printrunNeue unveränderte Auflage
year1869
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141112
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Sechsundzwanzigstes Kapitel

Die Sorge liegt auf seinen blassen Wangen –
Ein schaffend Meer, jüngst noch vom Sturm umfangen,
Wo träg die Woge aus der Tiefe schleicht,
Bis auch der letzte Ton dem Schlummer weicht.

Dryden.

 

Männer, welche an kriegerische Scenen, wie wir sie beschrieben haben, gewöhnt sind, eignen sich gerade nicht besonders, auf dem Wahlplatze dem Einflusse zarterer Gefühle Raum zu geben. Demungeachtet weilte aber während der Begebnisse, welche wir zu berichten im Begriffe sind, mehr als ein Herz bei Mabel in dem Blockhause, und das wichtige Geschäft der Mahlzeit wollte sogar dem kühnsten Krieger nicht besonders behagen, da man wußte, daß der Sergeant dem Verscheiden nahe war.

Als Pfadfinder von dem Blockhause zurückkehrte, traf er auf Muir, welcher ihn bei Seite führte, um eine geheime Besprechung mit ihm zu halten. Das Benehmen des Quartiermeisters trug das Gepräge einer übergebührlichen Höflichkeit, welche fast immer der Arglist als Hülle dient; denn während Physiognomik und Phrenologie im besten Falle hinkende Wissenschaften sind, und vielleicht zu eben so vielen falschen als richtigen Folgerungen führen, so halten wir es für das untrügliche Zeichen einer unredlichen Absicht, offene Handlungen ausgenommen – wenn ein Gesicht immer lächelt, oder eine Zunge übermäßig glatt ist. Muir hatte im Allgemeinen viel von diesem Ausdruck an sich, obschon sich einige scheinbare Freimüthigkeit mit demselben verband, welche durch seine derbe schottische Stimme, seinen schottischen Accent und seine schottische Ausdrucksweise auf eine eigenthümliche Art gehoben wurde. Er verdankte seine Stellung in der That einer lang an den Tag gelegten Ergebenheit gegen Lundie und seine Familie; denn wenn auch der Major zu scharfblickend war, um sich von einem Manne täuschen zu lassen, der so weit an wirklichen Kenntnissen und Talenten unter ihm stand, so liegt es doch in der Natur der meisten Menschen, dem Schmeichler freigebige Zugeständnisse zu machen, selbst wenn sie seiner Aufrichtigkeit mißtrauen und seine Beweggründe vollkommen durchschauen. Bei der gegenwärtigen Gelegenheit versuchten zwei Männer gegenseitig ihre Gewandtheit, welche sich in den Grundzügen des Charakters so verschieden verhielten, als nur immer möglich. Pfadfinder war so einfach, als der Quartiermeister verschlagen, so aufrichtig, als der Andere falsch, und so unbefangen, als der Andere schleichend. Beide waren besonnen und berechnend, und Beide muthig, obgleich in verschiedener Art und in verschiedenem Grade, da sich Muir nie einer persönlichen Gefahr aussetzte, wenn er nicht seine eigenen Zwecke dabei hatte, während der Pfadfinder die Furcht unter die Vernunftschwächen zählte, oder als ein Gefühl betrachtete, welches nur zulässig sei, wenn etwas Gutes dabei herauskomme.

»Mein theuerster Freund,« begann Muir; »denn nach Eurem letzten Benehmen müßt Ihr uns Allen siebenundsiebenzigmal theurer sein, als Ihr uns je gewesen, da Ihr Euch in dieser kürzlichen Verhandlung so sehr hervorgethan habt – es ist zwar wahr, man wird Euch nicht zu einem Offizier machen, da diese Art von Bevorzugung nicht für Euren Stand paßt, und, wie ich vermuthe, auch nicht nach Eurem Wunsch ist; aber als Wegweiser, als Berather, als treuer Unterthan und erfahrener Schütze hat Euer Ruf so zu sagen seine Glanzhöhe erreicht. Ich zweifle, ob der Oberbefehlshaber so viel Ruhm von Amerika mit fortnehmen wird, als auf Euren Theil fällt. Ihr könnt nun ruhig Euer Haupt nieder legen und Euch für den Rest Eurer Tage gütlich thun. Heirathet, Mann – ohne Verzug, und bereitet Euch das schönste Glück; denn Ihr habt keine Gelegenheit, Euch nach noch mehr Ruhm umzusehen. Nehmt, um's Himmelswillen, Mabel Dunham an Euer Herz, und Ihr habt Beides, eine gute Braut, und einen guten Namen.«

»Ei, Quartiermeister, das ist ja ein ganz nagelneuer Rath aus Ihrem Munde. Man hat mir gesagt, ich hätte in Ihnen einen Nebenbuhler?«

»Den hattet Ihr, Mann, und zwar einen furchtbaren, kann ich Euch sagen – einen, der nie vergebens freite, und doch fünfmal freite. Lundie reibt mir immer vier unter die Nase, und ich weise den Angriff zurück, aber er hat keine Ahnung davon, daß die Wahrheit sogar seine Arithmetik übersteigt. Ja, ja, Ihr hattet einen Nebenbuhler, Pfadfinder; das ist aber jetzt nimmer der Fall. Ich wünsche Euch alles Glück zu Euren Fortschritten bei Mabel, und wenn der wackere Sergeant am Leben bliebe, so könntet Ihr Euch noch obendrein sicher darauf verlassen, daß ich bei ihm ein gutes Vorwort für Euch einlegen würde.«

»Ich erkenne Ihre Freundschaft, Quartiermeister, ich erkenne Ihre Freundschaft, obgleich ich Ihres Vorworts bei Sergeant Dunham, der mein langjähriger Freund ist, nicht bedarf. Ich glaube, wir dürfen die Sache als so sicher abgemacht betrachten, wie es nur immer in Kriegszeiten möglich ist; denn Mabel und ihr Vater stimmen ein, und das ganze Fünfundfünfzigste wird es nicht ändern können. Ach! der arme Vater wird es kaum erleben, seinen so lange gehegten Herzenswunsch erfüllt zu sehen.«

»Aber er hat den Trost, die Gewißheit desselben mit in die Ewigkeit zu nehmen. Oh, es ist eine große Beruhigung für den scheidenden Geist, Pfadfinder, mit der Ueberzeugung zu sterben, daß die zurückbleibenden Lieben gut versorgt sind. Alle meine Frauen haben auf ihrem Sterbebette pflichtlich dieses Gefühl ausgesprochen.«

»Alle Ihre Frauen haben wahrscheinlich diesen Trost gefühlt, Quartiermeister.«

»Pfui, Mann! Ich hätte Euch nicht für einen solchen Schalk gehalten. Nun, nun, Scherzworte bringen keinen Groll zwischen alte Freunde. Wenn ich Mabel nicht heirathen kann, so werdet Ihr mich doch nicht hindern wollen, sie zu achten und gut von ihr zu sprechen, und von Euch dazu, bei jeder thunlichen Gelegenheit und in allen Gesellschaften. Aber Pfadfinder, Ihr werdet wohl einsehen, daß ein armer Teufel, der eine solche Braut verliert, wahrscheinlich auch einiges Trostes bedarf?«

»Sehr wahrscheinlich, sehr wahrscheinlich, Quartiermeister« erwiederte der einfache Wegweiser. »Ich weiß, daß es mir selber äußerst schwer fiele, Mabels Verlust zu ertragen. Es mag wohl drückend auf Ihren Gefühlen lasten, uns verheirathet zu sehen. Aber der Tod des Sergeanten wird die Sache wahrscheinlich hinausschieben, und Sie haben dann Zeit, sich männlich darein zu finden.«

»Ich will dieses Gefühl bekämpfen, ja ich will es bekämpfen, obgleich mir das Herz dabei bricht; und Ihr könnt mir an die Hand gehen, Mann, wenn Ihr mir etwas zu thun gebt. Ihr begreifst, daß es mit dieser Expedition eine eigenthümliche Bewandtniß hat, denn ich bin hier, obgleich ein Offizier des Königs, so zu sagen nur ein Freiwilliger, während eine bloße Ordonnanz das Kommando geführt hat. Ich habe mich aus verschiedenen Gründen darein gefügt, obschon ich mit heißem Verlangen auf diesen Auftrag gehofft habe, während ihr als kühne Streiter für die Ehre des Landes und die Rechte des Königs –«

»Quartiermeister,« unterbrach ihn der Wegweiser, »Sie fielen zu früh in die Hände des Feindes, so daß Sie in diesem Betracht Ihr Gewissen leicht beruhigen können. Lassen Sie sich also rathen und sprechen Sie nichts mehr davon.«

»Das ist gerade auch meine Meinung, Pfadfinder; wir wollen Alle nichts mehr davon reden. Sergeant Dunham ist hors de combat

»Wie?« sagte der Wegweiser.

»Nun, der Sergeant kann nicht mehr kommandiren, und es würde kaum angehen, einen Korporal an die Spitze einer siegreichen Partie, wie diese, zustellen; denn Blumen, welche in einem Garten blühen, sterben auf einer Heide, und ich dachte eben daran, den Anspruch an diese Ehre für einen Mann, der Seiner Majestät Patent als Lieutenant hat, geltend zu machen. Was die Mannschaft anbelangt, so darf diese keinen Einwurf dagegen erheben, und was Euch betrifft, mein theurer Freund – Ihr habt schon so viel Ruhm geerntet, habt obendrein Mabel und das Bewußtsein, Eure Pflicht gethan zu haben, was noch das Kostbarste von Allem ist; ich hoffe daher, daß ich eher in Euch einen Verbündeten, als einen Gegner meines Planes finden werde.«

»Was den Befehl über die Soldaten des Fünfundfünfzigsten betrifft, Lieutenant, so glaube ich, daß Sie ein Recht an denselben haben, und Niemand hier wird etwas dagegen einwenden. Zwar sind Sie ein Kriegsgefangener gewesen, und Manche könnten es vielleicht nicht ertragen, einen Gefangenen an ihrer Spitze zu haben, der durch ihre Thaten befreit worden ist; doch hier wird sich wahrscheinlich Niemand Ihren Wünschen entgegenstellen.«

»Das ist's gerade, Pfadfinder: und wenn ich den Bericht von unserm Siege über die Boote, die Vertheidigung des Blockhauses, und die Hauptoperationen, mit Einschluß der Kapitulation, abfassen werde, so sollt Ihr finden, daß ich Eure Ansprüche und Verdienste nicht übergangen habe.«

»Still von meinen Ansprüchen und Verdiensten, Quartiermeister! Lundie weiß, was ich in dem Walde und was ich in einem Fort bin, und der General weiß es noch besser, als er. Kümmern Sie sich nicht um mich, und erzählen Sie Ihre Geschichte; nur lassen Sie dabei Mabels Vater Gerechtigkeit widerfahren, der in einem Sinne noch gegenwärtig der kommandirende Offizier ist.«

Muir drückte seine vollkommene Zufriedenheit mit dieser Verhandlung und seinen Entschluß aus, Allen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen; dann gingen Beide wieder zu der an dem Feuer versammelten Gruppe zurück. Hier begann der Quartiermeister das erste Mal, seit er Oswego verlassen hatte, einigermaßen seine Ansprüche auf die Würde geltend zu machen, welche eigentlich seinem Range zu gebühren schien. Er nahm den am Leben gebliebenen Korporal bei Seite, und erklärte demselben unumwunden, daß er ihn für die Zukunft als einen Offizier im Aktiven Dienst betrachten müsse, und diese Veränderung im Stande der Dinge seinen Untergebenen mittheilen solle. Dieser Dynastiewechsel wurde ohne die gewöhnlichen revolutionären Erscheinungen bewerkstelligt; denn da Alle des Lieutenants gesetzliche Ansprüche an das Kommando kannten, so fühlte sich Niemand geneigt, seinen Befehlen zu widersprechen. Lundie und der Quartiermeister hatten ursprünglich aus Gründen, die ihnen selbst am Besten bekannt waren, eine andere Verfügung getroffen, und jetzt betrachtete es der Letztere aus eigenen Gründen für zweckmäßig, von derselben abzugehen. Dieß mußte den Soldaten genügen, obgleich die tödtliche Verwundung des Sergeanten Dunham den Umstand hinreichend erklärt haben würde, wenn er einer Erklärung bedurft hätte.

Diese ganze Zeit über beschäftigte sich Kapitän Sanglier nur mit seinem Frühstück, und zeigte dabei die Ergebung des Philosophen, die Ruhe eines alten Soldaten, die Freimüthigkeit und Kenntnisse eines Franzosen und die Gefräßigkeit eines Straußes. Dieser Mann befand sich schon an dreißig Jahre in den Kolonien, und hatte Frankreich in ungefähr derselben Stellung bei der Armee verlassen, welche Muir bei dem Fünfundfünfzigsten einnahm. Eine eiserne Körperbeschaffenheit, vollkommene Abstumpfung der Gefühle, eine gewisse Gewandtheit, mit den Wilden umzugehen, und ein unbeugsamer Muth, hatten ihn früh dem Oberbefehlshaber als einen Mann bezeichnet, der sich als ein geschickter Leiter der militärischen Operationen unter den alliirten Indianern verwenden ließ. In dieser Eigenschaft hatte er sich den Titel eines Kapitäns erworben, und mit dieser Rangeserhöhung sich zugleich einen Theil der Sitten und Ansichten seiner Verbündeten mit jener Leichtigkeit und Gefügigkeit angeeignet, welche in diesem Theil der Welt als Eigenthümlichkeiten seiner Landsleute betrachtet werden. Er hatte oft die Indianerhorden in ihren Raubzügen angeführt, und sein Benehmen entfaltete bei solchen Gelegenheiten gerade entgegengesetzte Ergebnisse, indem er das Elend solcher Kriegsfahrten erleichterte und es zugleich wieder durch die ausgedehnteren Pläne und größeren Hilfsquellen der Civilisation vermehrte. Mit andern Worten – er entwarf Unternehmungen, deren Wichtigkeit und Folgen die gewöhnliche Politik der Indianer weit überragten, und schritt dann ein, um die selbstgeschaffenen Uebel zu mindern. Kurz, er war ein Abenteurer, welchen die Umstände in eine Lage geworfen hatten, wo die rauhen Eigenschaften von Leuten seiner Klasse sich im Guten wie im Schlimmen entwickeln konnten; und er war nicht der Mann, das Glück durch unzeitige Gewissenhaftigkeit, etwa die Folge früherer Eindrücke – zu verscherzen, oder mit der Gunst desselben zu spielen, indem er unnöthiger Weise durch muthwillige Grausamkeit seinen Groll herausforderte. Doch da sein Name unvermeidlich mit vielen von seinen Horden begangenen Ausschweifungen in Verbindung gebracht wurde, so betrachtete man ihn allgemein in den amerikanischen Provinzen als einen Elenden, der seine Lust am Blutvergießen habe, und sein größtes Glück in den Qualen der Hilflosen und Unschuldigen finde; und der Name Sanglier Eber, welchen er sich beigelegt hatte, oder Kieselherz, wie man ihn gewöhnlich an den Gränzen nannte, war den Weibern und Kindern dieser Gegend so furchtbar geworden, wie später die von Butler und Brandt.

Das Zusammentreffen zwischen Pfadfinder und Sanglier hatte einige Aehnlichkeit mit der berühmten Zusammenkunft Wellingtons und Blüchers, welche so oft und so bezeichnend erzählt worden ist. Es fand bei dem Feuer Statt, und beide Theile betrachteten sich eine Weile, ohne zu sprechen. Jeder fühlte, daß er in dem Andern einen furchtbaren Feind hatte, und zugleich, daß – obschon sie sich gegenseitig mit der männlichen Freimüthigkeit von Kriegern behandeln mußten, ein großer Unterschied zwischen ihren Charakteren und Interessen obwaltete. Der Eine diente um Geld und Beförderung, der Andere, weil ihn sein Schicksal in die Wälder geschleudert hatte, und weil sein Geburtsland seines Armes und seiner Erfahrung bedurfte. Der Wunsch, sich über seine gegenwärtige Lage zu erheben, trübte Pfadfinders Ruhe nicht; auch hatte er nie einen ehrgeizigen Gedanken, im gewöhnlichen Sinne des Worts, gehegt, bis er mit Mabel bekannt wurde. Seit dieser Zeit aber hatte ihm allerdings sein geringes Selbstvertrauen, Verehrung für seine Geliebte, und der Wunsch, ihr eine bessere Stellung zu verschaffen, manche unbehagliche Augenblicke gemacht; doch die Geradheit und Einfachheit seines Charakters gewährte ihm bald die erforderliche Beruhigung; und er begann zu fühlen, daß das Weib, welches keinen Anstand nahm, ihn zum Gatten zu wählen, auch kein Bedenken tragen würde, sein Loos, so gering es auch sein mochte, zu theilen. Er achtete Sanglier als einen tapferen Krieger, und besaß viel zu viel von jener Freisinnigkeit, welche das Ergebniß durch Erfahrung erworbenen Wissens ist, um nur die Hälfte von dem zu glauben, was er zum Nachtheile seines Gegners gehört hatte; denn gewöhnlich sind Diejenigen, welche am wenigsten von einer Sache verstehen, die befangensten und unduldsamsten Beurtheiler derselben. Doch konnte er die Selbstsucht des Franzosen, seine kaltblütigen Berechnungen und die Beweise nicht billigen, mit welcher er seiner »weißen Gaben« vergessen und die rein »rothen« sich angeeignet hatte. Aus der andern Seite war Pfadfinder dem Kapitän Sanglier ein Räthsel, da Letzterer die Beweggründe des Andern nicht zu begreifen vermochte. Er hatte oft von der Geradheit, Gerechtigkeit und Wahrheitsliebe des Wegweisers gehört, und diese hatten ihn schon zu großen Irrthümer verleitet, nach demselben Grundsatze, nach welchem ein freimüthiger und offener Diplomat sein Geheimniß weit besser bewahren soll, als der listige und verschlossene.

Als sich die beiden Helden auf die erwähnte Weise betrachtet hatten, berührte Monsieur Sanier seine Mütze, denn das wilde Gränzleben hatte die feineren Sitten seiner Jugend und den Anstrich von Bonhomie, welche den Franzosen angeboren scheint, nicht ganz zerstört.

» Monsieur le Pfadfinder,« sagte er mit sehr entschiedenem Tone, obgleich mit freundlichem Lächeln; » un militaire ehren Ie courage et la loyauté. Sie sprechen Irokesisch?«

»Ja, ich verstehe die Sprache dieses Gewürms, und kann damit fortkommen, wenn sich eine Gelegenheit dazu bietet,« erwiederte der wahrheitliebende Wegweiser, »obgleich mir weder die Sprache noch der Stamm behagt. Wo Sie immer auf Mingoblut stoßen, Meister Kieselherz, finden Sie einen Schurken. Nun, ich habe Sie oft gesehen, zwar nur in der Schlacht, aber ich muß gestehen – immer im Vordertreffen. Sie müssen die meisten unsrer Kugeln aus eigener Anschauung kennen?«

»Nie, Herr, Ihre eigene; une balle aus Ihrer verehrten Hand sein sicherer Tod. Sie tödten meine besten Krieger auf einer Insel.«

»Das kann sein, das kann sein; obgleich ich sagen darf, daß sie sich, wenn man's genauer betrachtet, als die größten Schurken ausweisen werden. Nehmen Sie mir's nicht übel, Herr Kieselherz, Sie halten sich zu einer verzweifelt schlechten Gesellschaft.«

»Ja, Herr,« antwortete der Franzose, welcher etwas Artiges erwiedern wollte, und da er den Andern nur schwer verstehen konnte, seine Worte für ein Kompliment gehalten hatte; »Sie sein zu gütig. Aber un brave immer comme ça. Was das bedeuten? ha! was dieß jeune homme, thun?«

Die Hand und das Auge Kapitän Sangliers leitete den Blick Pfadfinders auf die entgegengesetzte Seite des Feuers, wo Jasper in diesem Augenblicke von zwei Soldaten gepackt wurde, welche ihm aus Muirs Befehl die Hände banden.

»Was soll das heißen, he?« rief der Wegweiser, indem er vorwärts eilte und die zwei Untergebenen mit unwiderstehlicher Muskelkraft zurück drückte. »Wer wagt es, so mit Jaspern umzugehen? Und wer erkühnt sich, das vor meinen Augen zu thun?«

»Es geschieht auf meinen Befehl, Pfadfinder,« antwortete der Quartiermeister; »und ich werde es verantworten. Ihr werdet Euch doch nicht herausnehmen, die Gesetzlichkeit der Befehle, welche ein königlicher Offizier des Königs Soldaten gibt, zu bestreiten?«

»Ich bestreite die Worte des Königs, wenn ich sie aus seinem eigenen Mund habe, so bald sie behaupten, daß Jasper eine solche Behandlung verdiene. Hat nicht der Junge eben die Skalpe von uns Allen gerettet? uns aus der Noth gerissen und uns zum Siege verholfen? Nein, nein, Lieutenant; wenn das der erste Gebrauch ist, welchen Sie von ihrem Ansehen machen wollen, so werde ich ein für allemal mich dagegen stemmen.«

»Das riecht ein wenig nach Insubordination,« antwortete Muir; »aber wir lassen uns viel von Pfadfinder gefallen. Es ist wahr, daß uns Jasper in dieser Angelegenheit zu dienen schien; wir dürfen aber die Vergangenheit nicht außer Acht lassen. Hat ihn nicht Major Duncan selbst dem Sergeanten Dunham als verdächtig bezeichnet, ehe wir die Garnison verließen? Haben wir nicht genug mit unsern eigenen Augen gesehen, um überzeugt sein zu dürfen, daß wir verrathen wurden? und ist es nicht natürlich, und fast nothwendig, diesen jungen Menschen für den Verräther zu halten? Ach, Pfadfinder, Ihr werdet nie ein großer Staatsmann, oder ein großer Feldherr werden, wenn Ihr so sehr dem Schein vertraut. Du lieber Himmel! die Heuchelei ist ein noch gewöhnlicheres Laster, als der Neid, der doch der Krebsschaden der menschlichen Natur ist.«

Kapitän Sanglier zuckte die Achsel; dann blickte er ernst von Jasper auf den Quartiermeister, und von dem Quartiermeister wieder auf Jasper zurück.

»Ich bekümmere mich wenig um Ihren Neid, oder Ihre Heuchelei, oder um Ihre ganze menschliche Natur,« erwiederte Pfadfinder. »Jasper Eau-douce ist mein Freund; Jasper Eau-douce ist ein muthiger Bursche, ein ehrlicher Bursche und ein loyaler Bursche; und Niemand vom Fünfundfünfzigsten soll Hand an ihn legen, so lange ich es verhindern kann – es sei denn auf Lundie's eigenen Befehl. Sie mögen meinetwegen Macht über Ihre Soldaten haben; aber Sie haben keine über Jasper oder mich, Herr Muir.«

» Bon!« rief Sanglier in einem Tone, an dessen Energie die Kehle und die Nase in gleicher Weise Theil nahm.

»Wollt Ihr der Vernunft kein Gehör geben, Pfadfinder? Bedenkt doch unsere Vermuthungen und unsern Argwohn; auch habe ich noch ein weiteres Indiz bereit, das alle andern vermehrt und erschwert. Betrachtet einmal dieses Stückchen Segeltuch; dieses fand Mabel Dunham, und noch obendrein an einem Baumast auf unserer Insel, kaum eine Stunde, ehe der Feind seinen Angriff machte. Wenn Ihr Euch nun die Mühe nehmen wollt, die Länge des Scudwimpels zu betrachten, so werdet Ihr selbst sagen müssen, daß dieser Streifen davon abgeschnitten ist. Ein umständlicherer, augenscheinlicherer Beweis ist nie geliefert worden.«

» Ma foi, c'est un peu trop, ceci,« murmelte Sanglier zwischen den Zähnen.

»Was schwatzen Sie mir da von Wimpeln und Signalen, wenn ich das Herz kenne!« fuhr Pfadfinder fort. »Jasper hat die Gabe der Ehrlichkeit, und die ist zu selten, um damit sein Spiel treiben zu dürfen, wie mit dem Gewissen eines Mingo's. Nein, nein; die Hände weg, oder wir werden sehen, wer sich am wackersten im Kampfe hält – Sie und Ihre Leute vom Fünfundfünfzigsten, oder der Serpent hier, der Hirschetödter und Jasper mit seinen Bootsleuten. Lieutenant Muir, Sie überschützen Ihre Macht eben so sehr, als Sie Jaspers Treue zu gering achten.«

» Tres-bon!«

»Nun, wenn ich offen sprechen muß, Pfadfinder, so muß ich's eben thun. Kapitän Sanglier hier und der brave Tuscarora da haben mir mitgetheilt, daß dieser unglückselige Jüngling der Verräther ist. Nach einem solchen Zeugniß könnt Ihr mein Recht, ihn zu bestrafen, eben so wenig länger bestreiten, als die Nothwendigkeit dieser Handlung.«

» Scélèrat,« brummte der Franzose.

»Kapitän Sanglier ist ein wackerer Soldat, und wird nichts gegen das Benehmen eines ehrlichen Schiffers zu sagen wissen,« warf Jasper ein. »Ist ein Verräther hier, Kapitän Kieselherz?«

»Ja,« fügte Muir bei, »er soll sich aussprechen, da Ihr selbst wünscht, unglücklicher Jüngling, daß die Wahrheit bekannt werde; und ich kann Euch nur wünschen, daß Ihr mit dem Leben davon kommen möchtet, wenn ein Kriegsgericht über Eure Verbrechen aburtheilt. Wie ist es, Kapitän? Sehen Sie einen Verräther unter uns, oder nicht?«

» Oui – ja, Herr – bien sûre

»Zuviel lügen!« rief Arrowhead mit einer Donnerstimme, indem er in hastiger Bewegung mit seinem Handrücken Muirs Brust berührte. »Wo meine Krieger? – wo Yengeese Skalp? Zuviel lügen!«

Es fehlte Muir weder an persönlichem Muth, noch an einem gewissen persönlichen Ehrgefühl. Er nahm die Berührung des Tuscarora, welche nur die unwillkürliche Folge einer raschen Geberde war, irrigerweise für einen Schlag: denn das Gewissen erwachte in ihm plötzlich, und mit einem Schritte zurück streckte er die Hand nach einem Gewehr aus. Sein Gesicht war bleich vor Wuth und seine Züge drückten die volle Ansicht seines Innern aus. Aber Arrowhead war schneller, als er. Der Tuscarora warf einen wilden Blick um sich, griff dann in seinen Gürtel, zog ein verborgenes Messer aus demselben hervor, und hatte es in einem Augenblick bis an's Heft in den Körper des Quartiermeisters begraben. Sanglier nahm, als Muir zu seinen Füßen nieder stürzte, und ihm mit dem stieren Blicke des überraschten Todes in's Gesicht starrte eine Prise Schnupftaback, und sagte mit ruhiger Stimme: –

»Voilà l'affaire finie; mais,« er zuckte die Achsel, » ce 'nest qu' un scélèrat de moins.«

Die That war zu rasch geschehen, um verhindert werden zu können, und als Arrowhead mit einem gellenden Schrei in das Gebüsch enteilte, waren die Weißen zu bestürzt, um ihm zu folgen. Nur Chingachgook war gefaßter, und die Büsche hatten sich kaum hinter dem Körper des Tuscarora geschlossen, als der des Delawaren ihm in rascher Verfolgung nachrauschte.

Jasper sprach geläufig französisch, und die Worte, wie das Benehmen Sangliers waren ihm daher aufgefallen.

»Sprechen Sie, Monsieur,« sagte er englisch, »bin ich ein Verräther?«

» Le voila,« antwortete der kaltblütige Franzose, »das is unser éspion – unser agent – unser Freund – mafoic'était, un grand scélèrat voici.«

Bei diesen Worten beugte sich Sanglier über den todten Körper, und griff mit der Hand in die Tasche des Quartiermeisters, aus welcher er eine Börse zog. Als er den Inhalt derselben auf die Erde leerte, rollten mehrere Doppel-Louisd'ors gegen die Soldaten hin, welche nicht säumten, sie auszulesen. Dann warf der Glücksritter die Börse verächtlich weg, wendete sich zu der Suppe, welche er mit so großer Sorgfalt bereitet hatte, und da er sie nach seinem Geschmack fand, so begann er sein Frühstück mit einer Gleichgültigkeit, um welche ihn der stoischste indianische Krieger hätte beneiden können.

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