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Der Pfadfinder oder Das Binnenmeer

James Fenimore Cooper: Der Pfadfinder oder Das Binnenmeer - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Pfadfinder
publisherHoffmann'sche Verlags Buchhandlung.
printrunNeue unveränderte Auflage
year1869
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141112
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Fünfundzwanzigstes Kapitel

Die Nacht durchtobte heulend der Wind,
Der Regen floß in Strömen nieder:
Doch jetzt behaucht die Sonne lind
Den Forst, und Vögel singen Lieder .

Wordsworth.

 

Als das Licht wieder kehrte, stieg Pfadfinder mit Cap auf das Dach, um den Stand der Dinge auf der Insel zu überblicken. Dieser Theil des Blockhauses hatte rund herum Zinnen, welche den in der Mitte stehenden Personen einen beträchtlichen Schutz gewährten, und den Zweck hatten, die Schützen, welche hinter ihnen lagen und darüber weg feuerten, zu decken. Unter Benützung dieser schwachen Vertheidigungsmittel (denn sie waren nicht hoch, obgleich so weit sie gingen, hinreichend breit) gewannen die Beiden, die Verstecke ausgenommen, eine ziemlich weite Aussicht über die Insel und über die meisten Kanäle, die zu derselben führten.

Der Wind blies noch sehr steif aus Süden, und an vielen Stellen sah die Oberfläche des Stromes grün und zürnend aus, obgleich sie der Wind kaum kräftig genug peitschte, um die Wellen zum Schäumen zu bringen. Die Gestalt der kleinen Insel war fast oval, und der längste Durchmesser ging von Osten nach Westen. Wenn ein Fahrzeug sich in den Kanälen hielt, welche das Ufer umzogen, so konnte dasselbe, in Folge ihres verschiedenen Laufes und der Richtung des Windes, an den beiden Hauptseiten fast mit vollen Segeln vorbeikommen. Dieß waren die Umstände, welche Cap zuerst gewahrte und seinem Gefährten auseinandersetzte; denn die Hoffnung Beider beruhte nur auf der Möglichkeit eines Entsatzes von Oswego aus. Während sie in dieser Weise ängstlich um sich blickten, rief der Seemann auf einmal in seiner lustigen, herzlichen Manier –

»Segel! ho!«

Pfadfinder folgte schnell der Richtung von seines Gefährten Auge, und in der That – eben tauchte dort der Gegenstand auf, welchem des alten Matrosen Ausruf galt. Der hohe Standpunkt machte es Beiden möglich, über die Niederungen verschiedener anliegenden Inseln wegzusehen, und die Leinwand eines Schiffes glänzte durch das Gebüsch, welches ein mehr südwestlich gelegenes Eiland säumte. Das fremde Fahrzeug war unter niederem Segel, wie es die Seeleute nennen; aber die Gewalt des Windes war so groß, daß die weißen Umrisse desselben an den Ausschnitten des Gebüsches mit der Schnelligkeit eines Renners vorbeiflogen – ähnlich einer Wolke, die in der Luft vor dem Winde treibt.

»Das kann nicht Jasper sein,« sagte Pfadfinder nieder geschlagen, denn er erkannte in dem vorbeieilenden Gegenstande den Kutter seines Freundes nicht. »Nein, nein, der Bursche kommt zu spät, und jenes Schiff dort schicken die Franzosen ihren Freunden, den verfluchten Mingo's, zu Hilfe.«

»Dießmal habt Ihr Euch verrechnet, Freund Pfadfinder, wenn Ihr es auch nie vorher thatet,« erwiederte Cap in einer Weise, welche selbst unter den gegenwärtigen bedenklichen Umständen von ihrer Rechthaberei nichts verloren hatte. »Frischwasser oder Salzwasser – das ist der obere Theil von des Scuds großem Segel, denn seine Gilling ist schmäler als gewöhnlich ausgeschnitten; und dann könnt Ihr sehen, daß eine Schale um die Gaffel gelegt ist; es ist zwar gut ausgeführt, ich geb' es zu, aber doch ist eine Schale daran.«

»Ich bekenne, daß ich nichts hievon sehen kann,« antwortete Pfadfinder, dem die Ausdrücke seines Gefährten spanisch vorkamen.

»Nicht? Nun, das nimmt mich Wunder, denn ich dachte, Eure Augen könnten Alles sehen. Was mich anbelangt, so ist mir nichts deutlicher, als diese Gilling und diese Schale, und ich muß sagen, mein ehrlicher Freund, daß ich an Eurer Stelle besorgen würde, mein Gesicht fange an abzunehmen.«

»Wenn das wirklich Jasper ist, so befürchte ich wenig mehr. Wir können dann das Blockhaus gegen die ganze Nation der Mingo's auf acht oder zehn Stunden halten, und wenn Eau-douce unsern Rückzug deckt, so verzweifle ich an nichts. Gott gebe, daß der Junge nicht längs dem Ufer auf den Strand läuft und in einen Hinterhalt fällt, wie es dem Sergeanten ergangen ist.«

»Ja, das ist der faule Fleck. Man hätte Signale verabreden und einen Ankergrund ausbojen sollen; – auch eine Quarantaine und ein Lazareth wären nützlich gewesen, wenn man diesen Mingo's einen Respekt vor dem Völkerrechte einflößen könnte. Wenn der Bursche, wie Ihr sagt, irgendwo in der Nachbarschaft dieser Insel anlegt, so können wir den Kutter als verloren betrachten. Aber, Meister Pfadfinder, müssen wir im Grunde diesen Jasper nicht eher für einen geheimen Verbündeten der Franzosen, als für unsern Freund halten? Ich kenne des Sergeanten Ansicht in dieser Beziehung, und muß sagen, diese ganze Geschichte sieht wie Verrath aus.«

»Wir werden es bald erfahren, Meister Cap, wir werden das bald erfahren, denn da kommt der Kutter in der That aus den Inseln heraus, und einige Minuten müssen die Sache in's Klare bringen. Es möchte übrigens gut sein, wenn wir dem Burschen ein Zeichen geben könnten, daß er auf der Hut sein soll. Es wäre nicht recht, ihn in die Falle laufen zu lassen, ohne ihm bemerklich zu machen, daß eine gelegt ist.«

Besorgniß und Ungewißheit hinderte jedoch Beide an dem Versuche, ein Signal zu geben. Es war auch in der That nicht leicht einzusehen, wie dieses geschehen könnte, denn der Scud kam schäumend durch den Kanal an der Luvseite der Insel herunter, mit einer Geschwindigkeit, welche zu Ausführung eines solchen Vorhabens kaum Zeit ließ. Auch war Niemand auf dem Verdecke sichtbar, dem man ein Zeichen zuwinken konnte; selbst das Steuer schien verlassen, obgleich der Kurs des Schiffes so stetig war, als es sich rasch vorwärts bewegte.

Cap blickte in schweigender Verwunderung auf ein so ungewohntes Schauspiel. Aber als der Scud näher kam, entdeckte sein geübtes Auge, daß das Ruder mittelst der Steuerreepe in Bewegung gesetzt wurde, obgleich die Person, welche es leitete, verborgen war. Da der Kutter Schutzbretter von einiger Höhe hatte, so ließ sich das Geheimniß leicht erklären, und es unterlag keinem Zweifel, daß die Mannschaft sich hinter denselben befand, um gegen die feindlichen Büchsen geschützt zu sein. Dieser Umstand ließ jedoch erkennen, daß nur wenige Leute am Bord sein konnten, und Pfadfinder nahm diese Auseinandersetzung seines Gefährten mit einem bedeutungsvollen Kopfschütteln hin.

»Das beweist, daß der Serpent Oswego nicht erreicht hat,« sagte er, »und daß wir von der Garnison keine Unterstützung erwarten dürfen. Ich hoffe, Lundie hat sich's nicht in den Kopf gesetzt, dem Jungen das Kommando zu nehmen, denn Jasper Western würde in einer solchen Klemme für ein ganzes Heer gelten. Wir Drei, Meister Cap, könnten den Krieg männlich durchführen; Ihr, als ein Seemann, müßtet den Verkehr mit dem Kutter unterhalten; Jasper kennt den See und weiß, was auf diesem zu thun ist, und ich habe Gaben, welche so gut, als die irgend eines Mingo sind, mag ich auch in anderer Beziehung sein, was ich will. Ich sage, wir sollten um Mabels willen einen mannhaften Kampf bestehen.«

»Das müssen wir und das wollen wir,« erwiederte Cap mit Herzlichkeit, denn er hatte, da er nun wieder das Licht der Sonne sah, mehr Zuversicht wegen der Sicherheit seines Skalps. »Ich betrachte die Ankunft des Scuds als einen Umstand, und die Möglichkeit, daß dieser verhenkerte Eau-douce ehrlich ist, für einen zweiten. Jasper ist, wie Ihr seht, ein kluger, junger Bursche, denn er hält sich in einer guten Landweite, und scheint entschlossen, vorher die Verhältnisse auf der Insel zu recognosciren, ehe er anzulegen wagt.«

»Ich hab' es! ich hab' es!« rief Pfadfinder freudig. »Da liegt der Kahn des Serpent auf dem Decke des Kutters; der Häuptling ist am Bord, und hat ohne Zweifel einen treuen Bericht über unsere Lage erstattet: denn ein Delaware, ungleich dem Mingo, erzählt gewiß eine Geschichte richtig, oder schweigt lieber still.«

Der Leser hat bereits Pfadfinders Neigung bemerkt, von den Delawaren gut und von den Mingo's übel zu denken. Für die Wahrheitsliebe der Ersteren hatte er die höchste Achtung, während er die Letzteren nicht anders betrachtete, als die verständigeren und einsichtsvolleren Klassen dieses Landes beinahe allgemein gewisse Schmierer zu betrachten anfangen, welche sich bekanntlich so sehr an's Lügen gewöhnt haben, daß sie keine Wahrheit mehr herausbringen können, auch wenn sie sich ernstlich alle Mühe dazu geben.

»Möglich, daß der Kahn nicht zu dem Kutter gehört,« sagte der krittliche Seemann; »aber Eau-douce hatte auch einen am Bord, als wir aussegelten.«

»Sehr wahr, Freund Cap, aber wenn Ihr Eure Segel und Masten an den Gillingen und Schalen erkennt, so läßt mich mein Gränzmannswissen die Kähne und Fährten unterscheiden. Wenn Ihr an einem Segel neues Tuch seht, so sehe ich an einem Kahne frische Rinde. Das ist das Boot des Serpent, und dieser wackere Bursche ist der Garnison zugerudert, so bald er sah, daß das Blockhaus eingeschlossen sei; er traf dann den Scud, erzählte die ganze Geschichte, und brachte den Kutter mit hieher, um zu sehen, was zu thun sei. Gott gebe, daß Jasper Western noch am Bord ist.«

»Ja, ja, es könnte nicht schaden; denn Verräther oder loyal, der Bursche weiß mit einem Sturm umzuspringen, ich muß das zugeben.«

»Und mit den Wasserfällen!« sagte Pfadfinder und stieß seinen Gefährten mit dem Ellenbogen an, wobei er in seiner stillen Weise herzlich lachte. »Wir müssen dem Jungen Gerechtigkeit widerfahren lassen, und sollte er uns Alle eigenhändig skalpiren.«

Der Scud war nun so nahe, daß Cap die Erwiederung schuldig blieb. Die Scene war im gegenwärtigen Augenblick so eigenthümlich, daß sie eine besondere Schilderung verdient, welche dazu dienen mag, dem Leser einen klaren Begriff von dem Gemälde, das wir ihm zeichnen wollen, beizubringen.

Der Wind blies immer noch sehr heftig. Viele von den kleinen Bäumen beugten ihre Gipfel fast bis zur Erde, während das Sausen des Sturmes durch die Aeste der Waldung dem Rollen ferner Wagen glich.

Die Luft war mit Blättern angefüllt, die in dieser späten Jahreszeit sich leicht von den Zweigen lösten, und wie Schaaren von Vögeln von einer Insel zur andern flogen. Im Uebrigen war Alles still wie das Grab. Daß die Wilden noch auf der Insel weilten, ließ sich aus den Kähnen entnehmen, welche mit den Booten des Fünfundfünfzigsten in der kleinen, als Hafen dienenden Bucht lagen, obgleich kein anderes Zeichen ihre Gegenwart verrieth. Zwar wurden sie durch plötzliche und unvorhergesehene Rückkunft des Kutters auf's Aeußerste überrascht; aber ihre gewohnte Vorsicht auf einem Kriegspfad war so allgemein und gewissermaßen instinktmäßig, daß aus das erste Warnungszeichen ein Jeder nach seinem Versteck eilte, wie der Fuchs nach seinem Bau. Dieselbe Stille herrschte in dem Blockhause; denn obgleich Pfadfinder und Cap die Aussicht nach der Wasserstraße beherrschten, so nahmen sie doch die nöthige Vorsicht wahr, sich verborgen zu halten. Noch merkwürdiger war die ungewohnte Erscheinung, daß sich am Bord des Scud keine Spur von lebendigen Wesen blicken ließ. Da die Indianer Zeugen seiner scheinbar nicht geleiteten Bewegungen waren, so faßte ein Gefühl des Entsetzens unter ihnen Fuß; und einige der Kühnsten fingen an, über den Ausgang eines Unternehmens besorgt zu werden, welches unter so günstigen Anzeichen begonnen hatte. Selbst Arrowhead, der doch an den Verkehr mit den Weißen auf beiden Seiten des See's gewöhnt war, erblickte etwas Unheilverkündendes in der Erscheinung dieses unbemannten Schiffes, und wäre in diesem Augenblick wohl gerne wieder auf dem Festlande gewesen.

Mittlerweile bewegte sich der Kutter rasch vorwärts. Er segelte durch den mittleren Kanal, bald vor den Windstößen sich beugend, bald wieder aufrecht, wie ein Philosoph, welcher, nieder gedrückt von den Stürmen des Lebens, seine freie Haltung wieder gewinnt, sobald sie verschwinden – und trennte die schäumenden Wogen unter seinen Bugen. Obgleich er unter sehr kurzem Segel ging, war doch seine Geschwindigkeit ansehnlich, und es verflossen kaum zehn Minuten von der Zeit an, als seine Leinwand zum ersten Mal durch die entfernten Bäume und Gebüsche glänzte, bis zu dem Augenblick, wo er unter dem Blockhause anlangte. Cap und Pfadfinder beugten sich, als der Scud unter ihrem Horste vorbeizog, vorwärts, um besser auf das Verdeck sehen zu können, als zu ihrem beiderseitigen großen Vergnügen Jasper aufsprang und einen dreifachen herzlichen Freudenruf erschallen ließ. Ohne auf irgend eine Gefahr Rücksicht zu nehmen, schwang sich Cap auf die hölzerne Brüstung und erwiederte den Gruß – Ruf um Ruf. Zum Glück rettete ihn die Klugheit des Feindes; denn die Indianer lagen noch ruhig, ohne eine Büchse abzufeuern. Auf der andern Seite behielt Pfadfinder mehr den nützlichen Theil des Kriegszuges im Auge, ohne dem blos dramatischen irgend eine Aufmerksamkeit zu schenken. Sobald er seinen Freund Jasper erblickte, rief er ihm mit einer Stentorstimme zu:

»Steht uns bei, Junge, und der Tag wird unser sein. Nehmt jene Büsche ein wenig auf's Korn, und Ihr werdet die Hallunken wie die Rebhühner aufjagen.«

Ein Theil hievon erreichte Jaspers Ohr, aber das Meiste wurde auf den Schwingen des Windes leewärts getragen. Der Scud hatte während dieser Worte vorbeigetrieben, und im nächsten Augenblick verbarg ihn die Waldung, in welcher das Blockhaus theilweise versteckt lag.

Nun folgten zwei beängstigende Minuten: aber nach diesem kurzen Zeitraume glänzten die Segel wieder durch die Bäume, da Jasper geviert, das Segel gedreht, und unter dem Lee der Insel zu dem andern Gang ausgeholt hatte. Der Wind war, wie bereits bemerkt wurde, frei genug, um ein solches Manöver zuzulassen, und der Kutter, der die Strömung unter seinem Leebug hatte, wurde zu seinem Curse auf eine Weise aufgerichtet, daß man wohl sehen konnte, er werde ohne Schwierigkeit wieder windwärts von der Insel kommen. Diese ganze Schwenkung wurde mit der größten Leichtigkeit ausgeführt und keine Schoote berührt; die Segel setzten sich von selbst, und nur das Ruder leitete die wunderbare Maschine.

Dieß Alles schien des Recognoscirens wegen zu geschehen. Als jedoch der Scud seinen Gang um die ganze Insel herum gemacht, und in dem Kanale, in welchem er zuerst sich der Insel genähert, seine Luvlage wieder eingenommen hatte, wurde das Steuer nieder gelassen und durch den Wind gewendet. Der Ton des schlagenden, großen Segels, so dicht es auch gerefft war, glich dem Schuß einer Kanone, so daß Cap Angst bekam, die Nahten möchten sich lösen.

»Seine Majestät gibt gute Leinwand, das muß man ihr lassen,« brummte der alte Seemann; »auch muß man dem Jungen zugestehen, daß er sein Boot wie ein befahrener Bursche handhabt. Gott v– mich, Meister Pfadfinder, wenn ich, trotz Allem, was man darüber sagen mag, glaube, daß dieser verhenkerte Meister Eau-douce sein Gewerbe auf diesem Fetzen Frischwasser gelernt hat!«

»Ei freilich lernte er's hier. Er hat nie das Meer gesehen, und ist zu seinem Beruf nirgends anders, als hier auf dem Ontario herangebildet worden. Ich habe oft gesagt, daß er eine natürliche Gabe für Schooner und Schaluppen habe, und respektire ihn auch um deßwillen. Was Verrath, Lügen und alle die Laster eines schweren Herzens anbelangt, Freund Cap, so ist Jasper davon so frei, wie der tugendhafteste Krieger unter den Delawaren; und wenn Ihr ein Verlangen tragt, einen ächten, ehrlichen Mann zu sehen, so müßt Ihr ihn unter diesem Stamme suchen.«

»Da kommt er herum,« rief der vergnügte Cap, als der Scud sich wieder zu dem ursprünglichen Gang anschickte: »und nun werden wir sehen, was der Junge beabsichtigt; er kann doch nicht immer in diesen Kanälen hin- und herfahren wollen, wie ein Mädchen bei einem Jahrmarktstanz.«

Der Scud hielt jetzt so weit ab, daß die beiden Beobachter aus dem Blockhaus einen Augenblick fürchteten, Jasper wolle landen; und die Wilden betrachteten den Kutter aus ihren Verstecken mit einer Art Lust, wie sie wohl der geduckte Tiger fühlen mag, wenn er das Opfer harmlos seinem Lager sich nähern sieht. Aber Jasper hatte nicht diese Absicht. Vertraut mit dem Ufer, und bekannt mit der Tiefe des Wassers an jeder Stelle der Insel, wußte er wohl, daß der Scud ohne Gefährde an's Ufer laufen könne: deßhalb wagte er sich furchtlos so nahe, daß er beim Fahren durch die kleine Bai die zwei Boote der Soldaten von den Tauen losriß, sie in den Kanal hinausdrängte und mit sich fortzog. Da jedoch alle Kähne an den beiden Booten Dunhams befestigt waren, so wurden die Wilden durch diesen kühnen und erfolgreichen Versuch auf einmal aller Mittel beraubt, die Insel anders als durch Schwimmen zu verlassen. Auch schienen sie diesen wichtigen Umstand im Augenblick einzusehen; sie erhoben sich insgesammt, erfüllten die Luft mit ihrem Geschrei, und unterhielten ein unschädliches Büchsenfeuer. Während dieses unbedachtsamen Beginnens wurden zwei Büchsen von ihren Gegnern abgefeuert. Eine Kugel kam von dem Giebel des Blockhauses, und ein Irokese fiel, durch das Hirn getroffen, rücklings nieder. Die andere kam vom Scud aus. Sie war aus dem Gewehre des Delawaren, aber weniger sicher, als die seines Freundes, da sie den Feind nicht erschlug, sondern nur auf Lebenszeit lähmte. Die Mannschaft des Scud jubelte, und die Wilden verschwanden wieder bis auf den letzten Mann, als ob sie die Erde eingeschluckt hätte.

»Das war des Serpents Stimme,« sagte Pfadfinder, als die zweite Büchse abgefeuert wurde. »Ich kenne diesen Knall so gut, als ich den des Hirschetödters kenne; 's ist ein guter Lauf, obgleich nicht sicherer Tod. Nun, nun, mit Chingachgook und Jasper auf dem Wasser, und Euch und mir in dem Blockhaus, Freund Cap – da müßte es sonderbar zugehen, wenn wir diese Mingostrolche nicht lehrten, wie man mit Verstand ficht.«

Die ganze Zeit über war der Scud in Bewegung. Sobald Jasper das Ende der Insel erreicht hatte, ließ er seine Prisen in den Wind treiben, bis sie auf einem Punkte, eine halbe Meile leewärts, auf den Strand liefen. Er vierte sodann, und kam, gegen die Strömung anlegend, wieder durch den andern Gang. Die auf dem Giebel des Blockhauses konnten nun bemerken, daß etwas auf dem Verdecke des Scud in Thätigkeit war, und zu ihrem großen Vergnügen wurde, als der Kutter in gleicher Linie mit der Hauptbucht und an die Stelle kam, wo die Feinde am gehäuftesten lagen, die Haubitze, welche seine einzige Bewaffnung ausmachte, demaskirt, und ein Kartätschenfeuer zischte in die Gebüsche. Ein Flug Wachteln hätte sich nicht schneller erheben können, als dieser unerwartete Eisenhagel die Irokesen aufjagte; da fiel wieder ein Wilder durch eine Kugel aus dem Hirschetödter, indeß ein Anderer in Folge einer Heimsuchung aus Chingachgooks Büchse davonhinkte. Sie hatten jedoch im Augenblick wieder neue Verstecke, und jeder Theil schien sich zur Erneuerung des Kampfes in einer andern Weise vorzubereiten. Aber die Erscheinung June's, die eine weiße Flagge trug und von dem französischen Offizier und Muir begleitet wurde, brachte alle Hände zur Ruhe, und war der Vorläufer einer weiteren Unterhandlung.

Diese wurde so nahe unter dem Blockhause abgehalten, daß Alle, welche sich in keinem Verstecke befanden, der Gnade von Pfadfinders nie fehlender Büchse gänzlich preisgegeben waren. Jasper legte den Kutter quer vor Anker, und auch die Haubitze war auf die Unterhändler gerichtet, so daß die Belagerten und ihre Freunde, mit Ausnahme des Mannes, welcher den Zündstock hielt, keinen Anstand nehmen durften, sich offen zu zeigen. Chingachgook allein blieb versteckt, jedoch mehr aus Gewohnheit, als aus Mißtrauen.

»Ihr habt gesiegt, Pfadfinder,« rief der Quartiermeister aus, »und Kapitän Sanglier kommt selbst, um Friedensvorschläge zu machen. Ihr werdet einem tapfern Feinde einen ehrenvollen Rückzug nicht verweigern, weil er brav gekämpft und seinem Könige und seinem Lande so viel Ehre gemacht hat, als er konnte. Ihr seid selbst ein so loyaler Unterthan, um Loyalität und Treue mit einem harten Urtheil heimzusuchen. Ich bin von Seiten des Feindes bevollmächtigt, die Räumung der Insel, Austausch der Gefangenen und Rückerstattung der Skalpe anzubieten. Da keine Bagage und Artillerie vorhanden ist, so kann man kaum mehr verlangen.«

Da das Gespräch wegen des Windes sowohl, als der Entfernung halber sehr laut geführt werden mußte, so konnten die Worte des Sprechers sowohl auf dem Blockhause, als auf dem Kutter verstanden werden.

»Was sagt Ihr dazu, Jasper?« rief Pfadfinder. »Ihr hört den Vorschlag; sollen wir diese Landstreicher gehen lassen, oder wollen wir sie zeichnen, wie man die Schafe in den Ansiedelungen zeichnet, daß wir sie später wieder erkennen können?«

»Wie geht es Mabel Dunham?« fragte der junge Mann mit einem Stirnrunzeln auf seinem schönen Gesichte, welches selbst denen auf dem Blockhause nicht entging. »Wenn ein Haar ihres Hauptes berührt worden ist, so soll es mir der ganze Stamm der Irokesen büßen.«

»Nein, nein, sie ist wohlbehalten im Erdgeschoß und pflegt einen sterbenden Vater, wie es ihrem Geschlechte ziemt. Wegen der Verwundung des Sergeanten dürfen wir keinen Groll hegen, denn sie ist die Folge eines rechtmäßigen Krieges, und was Mabel anbelangt –«

»Sie ist hier!« rief das Mädchen selbst, welche das Dach erstiegen hatte, als sie vernahm, welche Wendung die Dinge genommen hatten. »Sie ist hier! und im Namen des Gottes, den wir Alle gemeinschaftlich anbeten, im Namen unserer heiligen Religion – laßt kein Blutvergießen mehr stattfinden. Es ist schon genug Blut geflossen; und wenn diese Männer gehen wollen, Pfadfinder – wenn sie im Frieden abziehen wollen, Jasper – oh, so haltet keinen von ihnen zurück. Mein armer Vater nähert sich seinem Ende, und es wäre besser, wenn er seinen letzten Hauch im Frieden mit der Welt ausathmen könnte. Geht, geht, Franzosen und Indianer; wir sind nicht länger eure Feinde, und werden keinem von euch ein Leides zufügen.«

»Halt, halt, Magnet,« warf Cap ein; »das klingt vielleicht religiös, oder wie ein Komödienbuch, aber es klingt nicht wie gesunder Menschenverstand. Der Feind ist bereit, die Flagge zu streichen; Jasper hat, wahrscheinlich mit Springen auf den Kabeln, quer geankert, um eine Lage geben zu können; Pfadfinders Auge und Hand sind so treu, wie die Magnetnadel, und wir werden Prisengeld, Kopfgeld und Ehre obendrein gewinnen, wenn du dich die nächste halbe Stunde nicht in unsere Angelegenheiten mischest.«

»Ei,« sagte Pfadfinder, »ich halte mich zu Mabel. Es ist für unsern Zweck und für den Dienst des Königs genug Blut geflossen; und was die Ehre anbelangt, so wollen wir sie an junge Fähndriche und Rekruten überlassen, denn diese können sie besser brauchen, als besonnene, eifrige, christliche Männer. Die Ehre liegt im Rechthandeln, und nur schlechte Thaten vermögen Einen zu entehren: ich halte es aber für schlecht, Einem, und wäre es auch nur ein Mingo, das Leben zu nehmen, ohne irgend einen nützlichen Zweck; ja, ja – und ich halte es für Recht, alle Zeit auf die Stimme der Vernunft zu achten. So lassen Sie uns also hören, Lieutenant Muir, was Ihre Freunde, die Franzosen und Indianer, für sich vorzubringen haben?«

»Meine Freunde?« sagte Muir mit Unwillen. »Ihr werdet doch nicht des Königs Feinde meine Freunde nennen wollen, Pfadfinder, weil das Geschick des Krieges mich in Ihre Hände geworfen hat? Die größten Krieger der alten und der neuen Zeit sind schon Kriegsgefangene gewesen, und da könnt Ihr Meister Cap fragen, ob wir nicht alles Menschenmögliche aufboten, um diesem Ungemach zu entfliehen.«

»Ja, ja,« antwortete Cap trocken; »entfliehen ist das geeignete Wort. Wir eilten nach unten, und verbargen uns so klug, daß wir noch zu dieser Stunde in der Höhle sitzen könnten, wäre uns nicht der Brodkorb zu hoch gehangen. Sie haben sich bei dieser Gelegenheit so geschickt wie ein Fuchs eingegraben, und zum Teufel, mich nimmt's nur Wunder, wie Sie das Nest so auf der Stelle zu finden wußten.«

»Und folgtet Ihr mir nicht auf dem Fuße? Es gibt im Menschenleben Augenblicke, wo die Vernunft zum Instinkt hinansteigt –«

»Und die Menschen in Höhlen hinabsteigen,« unterbrach ihn Cap mit einem polternden Lachen, in welches Pfadfinder auf seine ruhige Weise einstimmte. Auch Jasper, obgleich noch voll Bekümmerniß wegen Mabels, konnte sich eines Lächelns nicht erwehren. »Man sagt, der Teufel könne kein Matrose werden, wenn er nicht in die Höhe sieht, und nun scheint mir's, er wäre auch zum Soldaten verdorben, wenn er nicht nach unten schaute.«

Dieser Ausbruch von Heiterkeit, obgleich Muir nichts besonders Belustigendes darin fand, trug viel dazu bei, den Frieden aufrecht zu erhalten. Cap bildete sich ein, er habe einen ungewöhnlichen guten Witz gemacht, und war daher geneigt, in der Hauptsache nachzugeben, so lange seine Gefährten ihn auf dem Glauben ließen, daß sie ihn für einen witzigen Kopf hielten. Nach einer kurzen Berathung wurden die Wilden insgesammt ohne Waffen hundert Ellen von dem Blockhause und in der Linie der Geschützpforten des Scud versammelt, indeß Pfadfinder zu der Thüre seiner Veste hinunterstieg und die Bedingungen festsetzte, unter welchen der Feind endlich die Insel räumen solle. In Anbetracht der Verhältnisse waren diese für beide Theile vortheilhaft. Die Indianer mußten, Vorsorge halber, alle ihre Waffen, selbst ihre Messer und Tomahawks ausliefern, weil sie an Zahl immer noch um das Vierfache überlegen waren. Der französische Offizier, Monsieur Sanglier, wie man ihn gewöhnlich nannte und er sich selbst zu nennen pflegte, machte Einwendungen gegen diesen Akt, welcher wahrscheinlich mehr als irgend ein anderer Theil des ganzen Verfahrens ein übles Licht auf sein Kommando werfen konnte; aber Pfadfinder, der Zeuge einiger Indianergemetzel gewesen war, wußte wohl, wie wenig Verpflichtungen geachtet wurden, wenn sie mit dem Vortheil in Widerspruch geriethen, und blieb, was die Wilden anlangte, unerbittlich. Der zweite Punkt war fast von gleicher Wichtigkeit; er enthielt die Bestimmung, daß Kapitän Sanglier die Gefangenen ausliefere, die in der Höhle, zu welcher Cap und Muir ihre Zuflucht genommen hatten, bewacht wurden. Als diese Leute zum Vorschein kamen, erwiesen sich vier von ihnen als unverletzt; sie waren nur nieder gefallen, um ihr Leben durch einen in dem Indianerkriege gewöhnlichen Kunstgriff zu retten; von den Uebrigen waren zwei so leicht verwundet, daß sie wohl zum Dienst verwendet werden konnten. Da sie ihre Musketen mit sich brachten, so ließ dieser Zuwachs an Macht Pfadfinder wieder um ein Gutes leichter athmen; denn nachdem er die Waffen des Feindes im Blockhause gesammelt hatte, gab er diesen Leuten die Weisung, das Gebäude zu besetzen; und stellte eine regelmäßige Schildwache vor die Thüre. Die übrigen Soldaten waren todt, da die schwer Verwundeten sogleich erschlagen wurden, um ihre heißbegehrten Skalpe nehmen zu können.

Sobald Jasper den Inhalt des Vertrags erfahren hatte, und die Präliminarien so weit vorgeschritten waren, daß er es wagen konnte, sich zu entfernen, lichtete er die Anker und segelte zu der Stelle hinunter, wo die Boote auf den Strand gelaufen waren, nahm sie wieder in's Schlepptau, und brachte sie mit wenigen Streckungen in den Kanal leewärts. Hier wurden die Wilden sogleich eingeschifft, worauf Jasper die Kähne zum dritten Mal in's Tau nahm, vor dem Winde her lief, und sie etwa eine Meile unter dem Lee der Insel in Freiheit setzte. Die Indianer hatten für jedes Boot nur ein Ruder erhalten, da der junge Schiffer wohl wußte, daß sie, wenn sie sich vor dem Winde zu halten vermochten, schon im Laufe des Morgens das Ufer von Canada erreichen konnten.

Blos Kapitän Sanglier, Arrowhead und June blieben zurück, nachdem über den Rest ihrer Partie diese Verfügung getroffen worden war. Der Erstere hatte mit Lieutenant Muir, welcher in seinen Augen allein die mit einer Offiziersstelle verbundenen Befähigungen besaß, gewisse Papiere zu ordnen und zu unterzeichnen, und der Letztere zog es aus nur ihm bekannten Gründen vor, sich seinen abziehenden Freunden, den Irokesen, nicht anzuschließen. Man hatte für die Abfahrt dieser Drei die nöthigen Kähne zurückbehalten.

Während der Scud mit den Booten im Schlepptau abwärts segelte, waren Cap und Pfadfinder nebst andern geeigneten Helfern mit der Zurichtung eines Frühstücks beschäftigt, da die Meisten schon vierundzwanzig Stunden nichts genossen hatten. Der kurze Zeitraum, welcher bis zur Rückkehr des Kutters verfloß, wurde nur wenig durch Gespräche unterbrochen, obgleich Pfadfinder Muße genug fand, den Sergeanten zu besuchen, Mabel einige freundliche Worte zu sagen und verschiedene Anweisungen zu geben, welche ihm den Hingang des Sterbenden zu erleichtern schienen. Was Mabel anbelangte, so bestand er darauf, daß sie einige Erfrischung zu sich nähme, und da nun kein weiterer Grund mehr vorhanden war, die Schildwache an dem Blockhaus stehen zu lassen, ließ er sie abziehen, damit die Tochter ungehindert ihres Vaters warten konnte. Nachdem diese Vorkehrungen getroffen waren, kehrte unser Held wieder zu dem Feuer zurück, um welches der ganze Rest der Gesellschaft, Jasper mit eingeschlossen, versammelt saß.

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