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Der Pfadfinder oder Das Binnenmeer

James Fenimore Cooper: Der Pfadfinder oder Das Binnenmeer - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Pfadfinder
publisherHoffmann'sche Verlags Buchhandlung.
printrunNeue unveränderte Auflage
year1869
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141112
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Vierundzwanzigstes Kapitel

So trinke meiner Thränen Flut –
Wär' Balsam meines Herzens Blut,
So möchte jeder Tropfen fließen.
Dein Leiden, Aermster, zu versüßen.

Moore.

 

Sergeant Dunhams Augen ließen nicht ab, der Gestalt seiner lieblichen Tochter zu folgen, sobald das Licht erschienen war. Darauf warf er seinen Blick nach der Thüre des Blockhauses, um sich zu überzeugen, daß sie gut verschlossen sei, denn man hatte ihn in dem untern Raum gelassen, weil es an den Mitteln fehlte, ihn in das erste Stockwerk zu bringen. Dann suchte er wieder Mabels Antlitz; denn mit dem raschen Hinschwinden des Lebens steigert sich die Macht der Liebe, und wir würdigen das am meisten, was, wie wir fühlen, uns auf immer entrissen werden soll.

»Gott sei gelobt! mein Kind, du wenigstens bist ihren mörderischen Büchsen entronnen;« sagte er mit einer Stimme, deren Kraft seine Schmerzen nicht zu steigern schien. »Erzählt mir den Verlauf dieser traurigen Geschichte, Pfadfinder.«

»Ach, Sergeant! sie ist ja traurig gewesen, wie Ihr sagt. Wir sind verrathen worden; man muß dem Feinde die Lage der Insel mitgetheilt haben, – das ist nach meiner Ansicht so gewiß, als daß wir noch im Besitz des Blockhauses sind. Aber –«

»Major Duncan hatte Recht,« unterbrach ihn Dunham, indem er seine Hand aus den Arm seines Freundes legte.

»Nicht in dem Sinne, wie Ihr meinet, Sergeant – nein, nicht aus diesem Gesichtspunkte: nimmermehr! Wenigstens nach meiner Ansicht nicht. Ich kenne die Schwäche der Natur – der menschlichen Natur, meine ich – und weiß, daß Keiner von uns sich seiner Gaben rühmen sollte, sei er nun ein Weißer oder eine Rothhaut; aber ich glaube nicht, daß ein treueres Herz an den Gränzen lebt, als Jasper Western.«

»Gott segne Euch, Gott segne Euch dafür, Pfadfinder!« rief Mabel aus ganzer Seele, indeß eine Flut von Thränen ihrem innern Kampfe Luft machte, der ebenso wechselnd als ungestüm war. »Oh, Gott segne Euch, Pfadfinder, er segne Euch! Der Brave darf nie den Braven verlassen – der Ehrliche muß dem Ehrlichen beistehen.«

Des Vaters Augen waren ängstlich auf das Gesicht seiner Tochter gerichtet, bis die Letztere ihr Antlitz mit dem Gewande verhüllte, um ihre Thränen zu verbergen; dann blickte er forschend in die harten Züge des Wegweisers. Diese zeigten nur den gewöhnlichen Ausdruck der Freimüthigkeit, Einfachheit und Biederkeit; und der Sergeant bat ihn, fortzufahren.

»Ihr wißt, wo der Serpent und ich Euch verlassen haben, Sergeant,« nahm Pfadfinder wieder auf, »ich brauche also nichts von dem zu sagen, was vorher geschah. Es ist nun zu spät, das Vergangene zu bereuen, doch glaube ich, daß es, wäre ich bei den Booten geblieben, nicht so gekommen wäre. Andere Leute mögen wohl auch gute Führer sein, – ich zweifle nicht daran, daß es so ist – aber die Natur theilt ihre Gaben verschieden aus, und so muß es bessere und schlechtere geben. Ich denke, der arme Gilbert, der meinen Platz einnahm, hat seinen Mißgriff büßen müssen?«

»Er fiel an meiner Seite,« antwortete der Sergeant mit leisem, traurigem Tone. »Wir haben in der That Alle für unsere Mißgriffe büßen müssen.«

»Nein, nein, Sergeant, ich hatte nicht die Absicht, ein Urtheil über Euch zu fällen, denn nie waren Leute besser geführt als die Eurigen bei dieser Unternehmung. Nie ist man einem Feinde schöner in die Flanken gefallen, und an der Art, wie Ihr Euer Boot gegen seine Haubitzen führtet, hätte selbst Lundie eine Lektion nehmen können.«

Das Auge des Sergeanten leuchtete und sein Gesicht trug sogar den Ausdruck eines militärischen Triumphes, welcher jedoch stets der bescheidenen Stellung, in welcher der alte Soldat thätig gewesen war, angemessen blieb.

»Es war nicht schlecht ausgeführt, mein Freund,« sagte er, »wir nahmen ihr hölzernes Bollwerk im Sturme.«

»Es war schön ausgeführt, Sergeant; obgleich ich fürchte, es komme am Ende drauf hinaus, daß diese Vagabunden ihre Haubitzen wieder kriegen. Nun, nun, – Muth gefaßt! Versucht, alles Unangenehme zu vergessen, und denkt nur an die angenehme Seite der Geschichte. Das ist die beste Philosophie, und die beste Religion obendrein. Wenn der Feind die Haubitzen wieder kriegt, so hat er nur das, was ihm vorhin gehörte; wir konnten's nicht ändern. Das Blockhaus aber haben sie noch nicht und sollen's auch nicht kriegen, wenn sie es nicht in der Dunkelheit anzünden. Nun, Sergeant, der Serpent und ich trennten uns ungefähr zehn Meilen weiter unten im Fluß, denn wir hielten es für's Klügste, auch einem freundlichen Lager uns nicht ohne die gewöhnliche Vorsicht zu nähern. Was aus Chingachgook geworden, weiß ich nicht, obgleich mir Mabel sagt, er sei nicht ferne, und ich zweifle nicht daran, daß der wackere Delaware seine Schuldigkeit thut, wenn er auch unsern Augen nicht sichtbar ist. Merkt Euch meine Worte, Sergeant – ehe diese Sache abgethan ist, werden wir in einem entscheidenden Augenblick und auf eine Weise von ihm hören, welche seiner Klugheit und der guten Meinung, welche man von ihm hat, angemessen ist. Ach, der Serpent ist in der That ein kluger und tugendhafter Häuptling, und manchem weißen Manne wären seine Gaben zu wünschen, obgleich man zugeben muß, daß seine Büchse nicht ganz so sicher ist, als der Hirschetödter. Als ich näher gegen die Insel kam, vermißte ich den Rauch, und dieses veranlaßte mich, auf der Hut zu sein; denn ich wußte, daß die Soldaten des Fünfundfünfzigsten nicht schlau genug sind, um dieses Zeichen zu verbergen, trotz dem, was man ihnen von der Gefährlichkeit desselben gesagt hat. Ich wurde vorsichtiger, bis ich jenen Scheinfischer zu Gesicht bekam, wie ich bereits Mabeln erzählt habe, wo dann das Ganze ihrer höllischen Künste so klar vor mir lag, als hätte ich's auf dem Papier. Ich brauche Euch nicht zu erzählen, Sergeant, daß ich zuerst an Mabel dachte, und daß ich, sobald ich auffand, sie sei im Blockhaus, hierher kam, um mit ihr zu leben oder zu sterben.«

Der Vater warf seinem Kinde einen zufriedenen Blick zu, und Mabel fühlte ein Herzweh, welches sie in einem solchen Augenblicke, wo sie gewünscht hätte, ihre ganze Sorge nur auf die Lage ihres Vaters zu verwenden, nicht für möglich gehalten hätte. Als Letzterer die Hand gegen sie ausstreckte, ergriff sie dieselbe und bedeckte sie mit Küssen. Dann kniete sie an seiner Seite nieder und weinte, als ob ihr das Herz brechen wollte.

»Mabel,« sagte er fest, »der Wille des Herrn geschehe. Es ist vergeblich, dich, oder mich selbst täuschen zu wollen; meine Stunde ist gekommen, und es ist mir ein Trost, wie ein Soldat zu sterben. Lundie wird mir Gerechtigkeit widerfahren lassen; denn unser Freund Pfadfinder wird ihm sagen, was geschehen und wie Alles so gekommen ist. Du wirst unser letztes Gespräch nicht vergessen haben?«

»Ach, Vater, auch meine Stunde ist wahrscheinlich gekommen!« rief Mabel, welcher in diesem Augenblicke der Tod als ein Bote des Trostes erschienen wäre; »ich habe keine Hoffnung, zu entkommen, und Pfadfinder würde besser thun, uns zu verlassen und mit den traurigen Neuigkeiten in die Garnison zurückzukehren, so lange es ihm noch möglich ist.«

»Mabel Dunham,« sagte Pfadfinder vorwurfsvoll, obgleich er mit Güte ihre Hand faßte, »ich habe das nicht verdient. Ich weiß, ich bin wild, roh, unbehülflich –«

»Pfadfinder!«

»Nun, nun, wir wollen es vergessen; Sie haben es nicht so gemeint, Sie könnten so etwas nicht denken. Es ist jetzt nutzlos, von Flucht zu reden, denn der Sergeant kann nicht von der Stelle, und das Blockhaus muß vertheidigt werden, koste es, was es wolle. Vielleicht erhält Lundie Nachricht von unserm Unglück und schickt uns Mannschaft, um die Belagerung aufzuheben.«

»Pfadfinder – Mabel!« sagte der Sergeant, welcher sich vor Schmerzen wand, bis ihm der kalte Schweiß auf der Stirne stand; »kommt Beide an meine Seite. Ihr versteht einander, hoffe ich?«

»Vater, sprecht nicht davon. Es ist Alles, wie Ihr es wünscht.«

»Gott sei Dank! Gib mir deine Hand, Mabel – hier, Pfadfinder, nehmt sie. Ich kann nicht mehr thun, als Euch das Mädchen auf diese Weise geben. Ich weiß, Ihr werdet ihr ein liebevoller Gatte sein. Verschiebt es nicht wegen meines Todes. Vor dem Eintritt des Winters wird ein Geistlicher in dem Fort eintreffen! laßt Euch dann zusammengeben. Mein Schwager, wenn er noch am Leben ist, wird sich nach dem Meere zurücksehnen, und dann wird das Kind keinen Beschützer haben. Mabel, dein Gatte ist mein Freund gewesen, das wird dir, hoffe ich, zu einigem Troste gereichen.«

»Ueberlaßt diese Sache mir, Sergeant,« warf Pfadfinder ein; »sie ist, wie Euer letzter Wunsch, wohlverwahrt in meinen Händen, und verlaßt Euch darauf, daß Alles gehen wird, wie es soll.«

»Es ist recht so; ich setze mein ganzes Vertrauen auf dich, treuer Freund, und ermächtige dich, in allen Stücken zu handeln, wie ich es thun würde. Mabel, Kind – reiche mir das Wasser – du wirst diese Nacht nie bereuen. Gott segne dich, meine Tochter! Gott segne dich und bewahre dich unter seinem heiligen Schutze!«

Diese zärtliche Sorge machte einen unaussprechlich tiefen Eindruck auf Mabels Gefühle, und es war ihr in diesem Augenblick, als ob ihre künftige Verbindung mit Pfadfinder eine Weihe empfangen hätte, welche keine kirchliche Ceremonie hätte erhöhen können. Aber doch lag eine Bergeslast auf ihrem Herzen, und sie würde den Tod für ein Glück gehalten haben. Es folgte nun eine kurze Pause, worauf der Sergeant in gebrochenen Sätzen kürzlich erzählte, wie es ihm gegangen, seit er sich vom Pfadfinder und dem Delawaren getrennt hatte. Der Wind war günstiger geworden, und statt, wie es im Anfang seine Absicht war, auf einer Insel zu lagern, hatte er sich entschlossen, weiter zu fahren, um schon in der Nacht die Station zu erreichen. Ihre Annäherung würde, wie er glaubte, nicht bemerkt, und ein Theil des Unglücks verhütet worden sein, wenn sie nicht an der Spitze einer benachbarten Insel auf den Grund gelaufen wären, wo ohne Zweifel der Lärm, welchen seine Leute beim Ausbringen des Bootes gemacht, ihre Nähe verrathen und den Feind in den Stand gesetzt hatte, sich zu ihrem Empfang vorzubereiten. Sie hatten ohne die mindeste Ahnung einer Gefahr gelandet, obschon sie das Fehlen einer Schildwache überraschte, und ihre Waffen in den Booten gelassen, um zuvor ihre Tornister und Mundvorräthe auszuschiffen. Das feindliche Feuer war so nahe, daß ungeachtet der Dunkelheit fast jeder Schuß tödtlich wurde. Alle waren gefallen, obgleich nachher zwei oder drei sich wieder erhoben und verschwanden. Vier oder fünf Soldaten blieben todt auf dem Platze, oder waren doch so verwundet, daß sie nur noch wenige Minuten lebten; doch eilte der Feind, aus einem unbekannten Grunde, nicht wie gewöhnlich herbei, um sich der Skalpe zu bemächtigen. Sergeant Dunham fiel mit den Andern. Mabels Stimme war zu der Zeit, als sie das Blockhaus verlassen hatte, zu seinen Ohren gedrungen, und dieser Ruf der Verzweiflung, der alle seine väterlichen Gefühle aufregte, hatte ihn in den Stand gesetzt, bis an die Thüre des Gebäudes zu kriechen, wo er sich auf die bereits erwähnte Weise an dem Gebälke aufrichtete.

Nach dieser einfachen Auseinandersetzung fühlte sich der Sergeant so schwach, daß er der Ruhe bedurfte, und seine Gefährten verhielten sich, während sie auf seine Pflege bedacht waren, eine Weile schweigend. Pfadfinder nahm diese Gelegenheit wahr, durch die Schießscharten und vom Dache aus Spähungen anzustellen, und untersuchte den Zustand der Büchsen, von denen sich ungefähr ein Dutzend im Gebäude befanden, da sich die Soldaten bei ihrem Ausfluge der Musketen des Regiments bedient hatten. Mabel jedoch verließ ihren Vater keinen Augenblick, und wenn sie aus seinem Athmen vermuthete, er schlafe, so fiel sie auf ihre Kniee nieder und betete.

Die halbe Stunde, welche folgte, verfloß in feierlicher Stille. Man hörte im oberen Stocke kaum den Moccasin des Pfadfinders, und wie er hin und wieder einen Büchsenschaft auf dem Boden aufstellte, denn er war geschäftig, sich die Ueberzeugung zu verschaffen, daß die Ladungen und Schlösser der Gewehre in Ordnung seien. Außer diesem ließ sich nichts, als das Athmen des Verwundeten vernehmen. Aber Dunham schlief nicht. Er war in jenem Zustande, wo die Welt plötzlich ihre Reize, ihre Täuschungen und ihre Macht verliert, und eine unbekannte Zukunft die Seele mit Ahnungen, Lichtblicken und ihrer ganzen Unendlichkeit erfüllt. Er war für einen Soldaten ein sittlicher Mann gewesen, hatte aber wenig über diesen allerwichtigsten Lebensabschnitt nachgedacht. Hätte der Schlachtenruf in seinem Ohre geklungen, so hätte das kriegerische Feuer bis zu seinem Ende ausdauern mögen; hier aber, in dem Schweigen des fast unbewohnten Blockhauses, ohne irgend einen belebenden Ton, ohne einen Ausruf, um erkünstelte Gefühle rege zu erhalten, ohne die Hoffnung eines zu erringenden Sieges – fingen die Dinge nun an, ihm in ihren wahren Farben zu erscheinen, und er lernte den Zustand des Daseins in seinem eigentlichen Werthe würdigen. Er würde Schätze für die Tröstungen der Religion gegeben haben, und doch wußte er nicht, wo er sie zu suchen habe. Er dachte an den Pfadfinder, aber er mißtraute den Kenntnissen desselben. Er dachte an Mabel, aber es schien ihm gegen die Ordnung der Natur zu sein, wenn der Erzeuger bei seinem Kinde einen solchen Beistand suchte. Dann fühlte er auch die volle Verantwortlichkeit eines Vaters, und es kamen ihm einige Gewissensbisse über die Art, mit welcher er sich seiner Pflichten gegen die arme Waise entledigt hatte. Während sich derartige Gedanken in seiner Seele umhertrieben und Mabel auf die leichteste Veränderung in seinem Athem achtete, vernahm Letztere ein leises Pochen an der Thüre. Sie dachte, es möchte von Chingachgook herrühren, stand auf, entfernte zwei Querbalken und fragte, den dritten in ihrer Hand, wer draußen sei. Die Stimme ihres Onkels antwortete und bat um augenblicklichen Einlaß. Ohne die mindeste weitere Zögerung drehte sie den dritten Riegel zurück und Cap trat ein. Er war kaum durch die Oeffnung geschlüpft, als Mabel die Thüre wieder so fest wie vorher verschloß, denn die Uebung hatte sie mit diesem Theile ihrer Obliegenheit vertraut gemacht.

Als der rauhe Seemann die Lage seines Schwagers erfuhr und sich selbst sowohl als Mabel gerettet sah, wurde er fast zu Thränen bewegt. Sein eigenes Erscheinen erklärte er dadurch, daß er sorgfältig bewacht worden sei, weil man glaubte, daß er und der Quartiermeister unter dem Einflusse der geistigen Getränke schliefen, welche man ihnen in der Absicht, sie bei dem bevorstehenden Geschäft ruhig zu erhalten, in Menge vorgesetzt hatte. Muir schlief oder schien zu schlafen, als Cap während der Unruhe des Angriffs sich in das Gebüsch flüchtete, wo er Pfadfinders Kahn fand und es ihm endlich gelang, das Blockhaus zu erreichen, von wo aus er seine Nichte zu Wasser zu entführen beabsichtigte. Es ist kaum nöthig, zu sagen, daß er seinen Plan änderte, als er sich von der Lage des Sergeanten und von der augenscheinlichen Sicherheit seines gegenwärtigen Aufenthalts überzeugte.

»Wenn es zum Schlimmsten kommt, Meister Pfadfinder,« sagte er, »so müssen wir eben die Flagge streichen, und das wird uns einen Anspruch auf Pardon geben. Wir sind es unserer Mannheit schuldig, uns so lange als thunlich zu halten; für uns selbst aber haben wir die Verpflichtung, die Flagge niederzuhalten, wenn es noch Zeit ist, anständige Bedingungen zu machen. Ich wünschte, Herr Muir sollte dasselbe thun, als wir von diesen Burschen, welche Ihr Landstreicher nennt, gefangen wurden – ja, sie heißen mit Recht so, denn elendere Landstreicher wandeln nicht auf der Erde –«

»Ihr habt ihren Charakter jetzt kennen gelernt?« unterbrach ihn Pfadfinder, welcher immer bereit war, ebenso gut in die Schmähungen gegen die Mingo's als in das Lob seiner Freunde einzustimmen. »Ja, wenn Ihr in die Hände der Delawaren gefallen wäret, so würdet Ihr wohl einen Unterschied gefunden haben.«

»Ach, mir schienen sie ganz von derselben Art zu sein, Hallunken hinten und vornen, natürlich Euern Freund, den Serpent, ausgenommen, der ein wahrer Gentleman von einem Indianer ist. Aber als diese Wilden ihren Ausfall auf uns machten, und den Korporal M'Nab und seine Leute wie die Hasen niederschossen, nahmen wir – der Quartiermeister und ich – unsere Zuflucht zu einer der Höhlen dieser Insel, von denen es viele unter den Felsen gibt – regelmäßige, geologische Unterhöhlungen durch das Wasser, wie der Lieutenant sagt – und da blieben wir eingestaut, wie zwei Belagerte in einem Schiffraum, bis uns der Mangel an Nahrung heraustrieb. Man kann sagen, die Nahrung sei das Fundament der Menschennatur. Ich verlangte von dem Quartiermeister, er solle Bedingungen machen, denn wir hätten uns auf dem Platze, so schlecht er auch war, ein oder zwei Stunden vertheidigen können; aber er lehnte es ab, weil diese Schurken doch nicht Wort halten würden, wenn man einen von ihnen verwundete, und so war also von Unterhandlungen keine Rede. Ich gab aus zwei Gründen meine Einwilligung zum Streichen; einmal, da man von uns sagen konnte, wir hätten bereits gestrichen, denn das Laufen nach unten wird schon im Allgemeinen für ein Aufgeben des Schiffes betrachtet, und dann hatten wir einen Feind in unserm Magen, dessen Angriffe furchtbarer waren, als der Feind auf dem Verdecke. Der Hunger ist ein v – r Umstand, wie Jeder zugeben wird, der sich achtundvierzig Stunden mit ihm getragen hat.«

»Onkel!« sagte Mabel mit trauriger Stimme und bittender Geberde, »mein armer Vater ist schwer, schwer verwundet?«

»Du hast Recht, Magnet; du hast Recht; ich will mich zu ihm setzen, und mein Bestes thun, ihn zu trösten. Sind die Balken gut vorgelegt, Mädchen? denn bei einer solchen Gelegenheit muß der Geist ruhig und ungestört sein.«

»Ich glaube, wir sind vor Allem sicher, nur nicht vor diesem schweren Schlage des Schicksals.«

»Gut also, Magnet; gehe in den obern Stock hinaus, und versuche es, dich zu sammeln, indeß der Pfadfinder über dem Verdecke sich umtreibt, und von den Mastbaumkreuzen seinen Lug-aus nimmt. Dein Vater will mir etwas anvertrauen, und es wird gut sein, wenn du uns allein lassest. Das sind feierliche Scenen, und so unerfahrene Leute, wie ich, haben es nicht gerne, daß man Alles hört, was sie sagen.«

Obgleich Mabel nie der Gedanke gekommen war, daß ihr Onkel an der Seite eines Sterbebettes von den Tröstungen der Religion Gebrauch machen würde, so glaubte sie doch, daß er irgend einen besondern Grund zu dieser Bitte habe, welcher ihr unbekannt sei, und fügte sich deßhalb darein. Pfadfinder hatte bereits das Dach bestiegen, um sich in der Gegend umzusehen, und die beiden Schwäger blieben allein. Cap setzte sich an die Seite der Sergeanten, und sann ernstlich über die wichtige Pflicht nach, welche er zu erfüllen hatte. Einige Minuten herrschte tiefes Schweigen, während welcher Zeit der Seemann den Entwurf seiner beabsichtigten Rede überdachte.

»Ich muß sagen, Sergeant Dunham,« begann Cap endlich in seiner eigenthümlichen Weise, »daß in diesem unglücklichen Zuge eine schlechte Führung stattgefunden hat, und da wir nun Gelegenheit haben, die Wahrheit – und nichts als die Wahrheit – auszusprechen, so halte ich es für meine Pflicht, dieses unumwunden zu thun. Mit einem Wort, Sergeant – über diesen Punkt kann es nicht wohl zwei Meinungen geben; denn obgleich ich nur ein Seemann und kein Soldat bin, so kann ich doch selbst mehrere Fehler entdecken, deren Auffindung gerade keiner besondern Vorstudien bedarf.«

»Was willst du damit, Bruder Cap? erwiederte der Andere mit schwacher Stimme. »Was geschehen ist, ist geschehen; und es ist jetzt zu spät, es zu ändern.«

»Sehr wahr, Bruder Dunham; aber nicht, es zu bereuen; das Gute Buch sagt uns, daß die Reue nie zu spät kommt, und ich habe immer gehört, ein Augenblick, wie der gegenwärtige, sei der kostbarste zu einem solchen Geschäft. Wenn du etwas auf deiner Seele hast, Sergeant, so gib es los, denn du weißt, daß du dich einem Freund anvertraust. Du bist meiner Schwester Mann gewesen, und die arme kleine Magnet ist meiner Schwester Tochter; magst du nun am Leben bleiben, oder sterben, so werde ich dich immer wie einen Bruder betrachten. Es ist Jammerschade, daß du nicht mit den Booten liegen bliebst, und einen Kahn zum Recognosciren vorausschicktest, in welchem Fall du deine Leute gerettet und diesen Unfall von unsern Häuptern abgewendet haben würdest. Nun, Sergeant, wir sind Alle sterblich – das ist ohne Zweifel einiger Trost, und wenn du auch vorangehst, so kommt doch die Reihe bald an uns. Ja, das muß dir zum Troste gereichen.«

»Ich weiß das Alles, Bruder Cap, und hoffe, ich bin vorbereitet, das Schicksal eines Soldaten zu erfüllen; – aber die arme Mabel –«

»Ja, ja, das treibt schwer vor Anker, ich weiß es; aber du Möchtest sie doch nicht mitnehmen, wenn du auch könntest, Sergeant; und so ist es besser, sich die Trennung so leicht als möglich zu machen. Mabel ist ein gutes Mädchen, wie ehedem ihre Mutter; sie war meine Schwester, und ich will dafür sorgen, daß ihre Tochter einen braven Mann bekommt, wenn wir mit dem Leben und unsern Skalpen davonkommen; denn ich denke, daß es Niemand darum zu thun sein würde, in eine Familie, welche keine Skalpe hat, zu heirathen.«

»Bruder, mein Kind ist versprochen; sie wird das Weib des Pfadfinders werden.«

»Nun, Bruder Dunham, Jeder hat seine besonderen Begriffe und Lebensansichten, und der Handel kann, wie mir vorkommt, Mabel nichts weniger als angenehm sein. Ich habe nichts gegen das Alter des Mannes einzuwenden, denn ich gehöre nicht zu Denjenigen, welche es für nöthig halten, daß man ein Knabe sei, um ein Mädchen glücklich zu machen, sondern halte im Allgemeinen einen Fünfziger für den geeignetsten Ehemann; aber es darf kein Umstand zwischen den Partien stattfinden, der sie unglücklich machen könnte. Im Ehestande sind Umstände des Teufels, und es kommt mir fast als ein solcher vor, daß der Pfadfinder nicht so viele Kenntnisse hat, als meine Nichte. Du hast nur wenig von dem Mädchen gesehen, Sergeant, und bist mit dem Umfang ihres Wissens nicht bekannt; aber sie soll ihn einmal auskramen, sie soll ihn dir durch und durch zeigen, und du wirst mir beistimmen, daß nur wenige Schulmeister mit ihr Luv halten können.«

»Sie ist ein gutes Kind, ein liebes, gutes Kind,« flüsterte der Sergeant mit thränenfeuchtem Auge; »und es ist mein Mißgeschick, daß ich nur so wenig von ihr gesehen habe.«

»Sie ist in der That ein gutes Mädchen, und weiß viel zu viel für den armen Pfadfinder, der zwar in seiner Weise ein ganz vernünftiger und erfahrener Mann ist, aber von der Hauptsache nicht weiter versteht, als du von der sphärischen Trigonometrie, Sergeant.«

»Ach, Bruder Cap, wäre der Pfadfinder bei uns in den Booten gewesen, so hätte es wahrscheinlich nicht diesen traurigen Ausgang genommen.«

»Das ist wohl möglich, denn sein ärgster Feind muß ihm nachsagen, daß er ein guter Wegweiser ist. Aber, Sergeant, die Wahrheit zu sagen, du hast diese Expedition ziemlich auf die leichte Achsel genommen. Du hättest vor dem Hafen bleiben und ein Recognoscirboot ausschicken sollen, wie ich dir vorhin gesagt habe. Das ist eine Sache, die du bereuen solltest; und ich sage es dir, weil man in einem solchen Falle die Wahrheit sprechen muß.«

»Meine Verirrungen sind mir theuer zu stehen gekommen, Bruder; und ich fürchte, die arme Mabel wird es auszubeuten haben. Doch ich glaube, daß uns das Unglück nicht begegnet wäre, wenn nicht Verrath die Hand im Spiele gehabt hätte. Ich fürchte, Bruder, es ist ein Streich von Eau-douce.«

»Das ist auch meine Ansicht, denn dieses Frischwasser-Leben muß früher oder später die Sittlichkeit eines Jeden untergraben. Lieutenant Muir und ich haben viel über diesen Gegenstand gesprochen, während wir da draußen in einem Stückchen Höhle lagen, und wir kamen Beide zu dem Schluß, daß nur Jaspers Verrätherei uns Alle in diese höllische Klemme gebracht hat. Doch, Sergeant, es ist besser, du sammelst deinen Geist und denkst an andere Gegenstände, denn wenn ein Fahrzeug im Begriff ist, in einen fremden Hafen einzufahren, so ist es klüger, an den Ankergrund drinnen zu denken, als sich durch Betrachtung aller Begegnisse während der Reise stören zu lassen. Solche Dinge aufzuzeichnen, ist das Logbuch ausdrücklich vorhanden, und was in diesem steht, bildet die Spalten, welche für oder gegen uns sprechen. – Nun, Pfadfinder, was gibt's? Ist etwas gegen uns in dem Wind, daß Ihr die Leiter herunter kommt, wie ein Indianer in dem Kielwasser eines Skalps?«

Der Wegweiser winkte mit dem Finger, zu schweigen, und bedeutete Cap, daß er die Leiter hinauf steigen und seinen Platz an der Seite des Sergeanten Mabel einräumen solle.

»Wir müssen klug, aber auch zugleich kühn sein;« sagte er leise. »Dieses Gewürm macht Ernst mit seiner Absicht, das Blockhaus anzuzünden, denn sie wissen, daß jetzt nichts mehr zu gewinnen ist, wenn sie es stehen lassen. Ich hörte die Stimme des Landstreichers Arrowhead unter ihnen, der sie antrieb, ihre Teufelei noch in dieser Nacht auszuführen. Wir müssen rührig sein, Salzwasser, und thätig dazu. Zum Glück sind vier oder fünf Tonnen mit Wasser in dem Blockhaus, und das ist schon etwas bei einer Belagerung. Auch mußte ich mich sehr verrechnen, wenn wir nicht noch einigen Vortheil aus dem Umstand ernten könnten, daß der ehrliche Bursche, der Serpent, in Freiheit ist.«

Cap ließ sich nicht zweimal auffordern, sondern schlich sich weg, und war bald mit Pfadfinder in dem obern Raume, indem Mabel seine Stelle an dem ärmlichen Lager ihres Vaters einnahm. Pfadfinder öffnete, nachdem er das Licht so weit verborgen hatte, daß es ihn keinem verrätherischen Schuß aussetzen konnte, eine Schießscharte, und hielt, da er eine Aufforderung erwartete, sein Gesicht an die Oeffnung, um sogleich antworten zu können. Die nun folgende Stille wurde endlich durch Muirs Stimme unterbrochen.

»Meister Pfadfinder,« rief der Schotte, »ein Freund fordert Euch zu einer Besprechung auf. Kommt ohne Scheu an eine der Oeffnungen, denn Ihr habt nichts zu fürchten, so lang Ihr mit einem Offizier des Fünfundfünfzigsten verhandelt.«

»Was begehren Sie, Quartiermeister? was wollen Sie? Ich kenne das Fünfundfünfzigste und glaube, daß es ein braves Regiment ist, obgleich ich es mit dem Sechzigsten lieber zu thun habe, und am allerliebsten mit den Delawaren. Aber was verlangen Sie von mir, Quartiermeister? Es muß eine dringende Botschaft sein, welche Sie zu dieser Stunde der Nacht unter die Schießscharten eines Blockhauses bringt, in dessen Innerem, wie Sie wissen, der Hirschetödter ist.«

»O, ich weiß gewiß, daß Ihr einem Freude kein Leides thun werdet, und das ist meine Beruhigung. Ihr seid ein Mann von Verstand, und habt Euch durch Eure Tapferkeit einen zu großen Namen an der Gränze erworben, als daß Ihr es für nöthig halten könntet, ihn durch Tollkühnheit in Ehren zu erhalten. Ihr werdet wohl einsehen, mein guter Freund, daß man, wenn Widerstand unmöglich ist, durch eine freiwillige Unterwerfung eben so viel Achtung gewinnen kann, als durch ein hartnäckiges, gegen alle Kriegsregeln laufendes Ausharren. Der Feind ist zu stark für uns, mein wackerer Kamerad, und ich komme, Euch zu rathen, das Blockhaus, unter der Bedingung, als Kriegsgefangener behandelt zu werden, zu übergeben.«

»Ich danke Ihnen für diesen Rath, Quartiermeister, der um so annehmlicher ist, da er nichts kostet; aber ich glaube, es gehört nicht zu meinen Gaben, einen solchen Platz aufzugeben, so lange Proviant und Wasser da ist.«

»Gut, ich würde der Letzte sein, Pfadfinder, der gegen ein solches muthiges Vorhaben etwas zu erinnern hätte, wenn ich die Möglichkeit einer Ausführung einsehen könnte. Aber Ihr werdet wissen, daß Meister Cap gefallen ist.«

»Ah, bewahre,« gröhlte die in Frage stehende Person durch eine andere Schießscharte; »er ist so wenig gefallen, Lieutenant, daß er vielmehr zu der Höhe dieser Befestigung gestiegen ist, und hat nicht im Sinn, seinen Kopf weder in die Hände solcher Barbiere zu geben, so lange er es ändern kann. Ich betrachte dieses Blockhaus als einen Umstand, und denke nicht daran, ihn von mir zu werfen.«

»Wenn das die Stimme eines Lebenden ist,« erwiederte Muir, »so freut es mich, sie zu vernehmen; denn wir Alle glaubten, der Mann, welchem sie gehört, sei in der letzten schrecklichen Verwirrung gefallen. Aber, Meister Pfadfinder, obgleich Ihr Euch der Gesellschaft Eures Freundes Cap erfreut, was, wie ich aus Erfahrung weiß, großes Vergnügen gewährt, da ich zwei Tage und zwei Nächte mit ihm in einer Höhle unter der Erde zubrachte, so haben wir doch den Sergeanten Dunham verloren, welcher mit allen Tapfern gefallen ist, die er in der letzten Expedition anführte. Lundie wollte es so haben, obschon es vernünftiger und passender gewesen wäre, einem wirklichen Offizier das Kommando zu übertragen. Dunham war aber demungeachtet ein braver Soldat; Ehre seinem Andenken! Kurz, wir haben Alle unser Bestes gethan, und mehr läßt sich selbst zu Gunsten des Prinzen Eugen, des Herzogs von Marlborough, oder gar des großen Grafen von Stair, nicht sagen.«

»Sie sind wieder irrig daran, Quartiermeister, Sie sind wieder irrig daran,« antwortete Pfadfinder, indem er, um der Stärke seiner Vertheidigungsmittel mehr Achtung zu verschaffen, zu einer List seine Zuflucht nahm. »Der Sergeant ist gleichfalls wohlbehalten im Blockhaus, und daher so zu sagen die ganze Familie bei einander.«

»Gut – es freut mich, das zu hören, denn wir hatten den Sergeanten zuverlässig zu den Erschlagenen gezählt. Aber wenn die schöne Mabel noch in dem Blockhaus ist, so laßt sie nur um des Himmels willen keinen Augenblick mehr darin bleiben, denn der Feind ist im Begriff, das Gebäude der Feuerprobe zu unterwerfen. Ihr kennt die Macht dieses fürchterlichen Elementes, und werdet mehr als der verständige, erfahrene Krieger, für welchen man Euch allgemein betrachtet, handeln, wenn Ihr einen Platz, welchen Ihr nicht vertheidigen könnt, aufgebt, als wenn Ihr den Untergang auf Euch selbst und Euere Gefährten herabzieht.«

»Ich kenne die Macht des Feuers, wie Sie es nennen, Quartiermeister, und brauche mir nicht erst sagen zu lassen, daß es sich auch noch zu etwas Anderem, als zum Kochen des Mittagessens benützen läßt. Ich zweifle jedoch nicht, daß Sie auch etwas von der Macht des Hirschetödters gehört haben, und der Mann, welcher es wagt, einen Reißbündel an diese Balken zu legen, soll etwas davon zu kosten kriegen. Was die Pfeile anbelangt, so gehört es nicht zu ihren Gaben, dieses Gebäude in Brand zu stecken, denn wir haben keine Schindeln auf unserm Dach, sondern gute, kernige Klötze und grüne Rinde, außerdem Wasser die Fülle. Auch ist das Dach so flach, daß wir darauf herumgehen können, wie Sie wohl wissen, Quartiermeister, und so hat es also von dieser Seite keine Gefahr, so lange das Wasser ausreicht. Ich bin friedlich genug, wenn man mich zufrieden läßt; wer es aber versucht, dieses Blockhaus über meinem Kopfe anzuzünden, der soll finden, daß sich das Feuer in seinem Blute kühlen wird.«

»Das sind unnütze und romanhafte Reden, Pfadfinder, und Ihr werdet sie selbst nicht festhalten, wenn Ihr über die Wirklichkeit nachdenkt. Ich hoffe, Ihr werdet gegen die Loyalität und den Muth des Fünfundfünfzigsten Nichts einzuwenden haben, und ich bin überzeugt, daß ein Kriegsrath sich unverzüglich zu einer Uebergabe entschließen würde. Nein, nein, Pfadfinder, Tollkühnheit ist der Tapferkeit eines Wallace und Bruce nicht ähnlicher, als Albany am Hudson der alten Stadt Edinburgh.«

»Da ein Jeder von uns mit sich im Reinen zu sein scheint, so sind weitere Worte fruchtlos. Wenn dieses Gewürm in Ihrer Nähe Lust hat, sein höllisches Werk auszuführen, so soll es einmal anfangen. Sie können Holz, und ich Pulver verbrennen. Wenn ich ein Indianer am Pfahl wäre, so glaube ich, ich könnte eben so gut, wie die Uebrigen, prahlen; aber meine Natur und meine Gaben sind die eines Weißen, und ich halte es daher lieber mit Handlungen, als mit Worten. Sie haben nun für einen Offizier in des Königs Dienst genug gesagt; und sollten wir auch Alle von den Flammen verzehrt werden, so wird Niemand von uns Ihnen einen Groll nachtragen.«

»Pfadfinder, Ihr werdet doch Mabel, die schöne Mabel Dunham nicht einem solchen Unglück aussetzen wollen?«

»Mabel Dunham ist an der Seite ihres verwundeten Vaters, und Gott wird für die Sicherheit eines frommen Kindes Sorge tragen. Kein Haar soll von ihrem Haupte fallen, so lange mir mein Arm und mein Auge treu bleibt. Mögen Sie immer auf die Mingo's Ihr Vertrauen setzen, Herr Muir, ich wenigstens thue es nicht. Sie haben dort einen schurkischen Tuscarora in Ihrer Gesellschaft, der Bosheit und Verschlagenheit genug besitzt, die Ehre eines jeden Stammes, zu dem er sich hält, zu vernichten, obgleich er, wie ich fürchte, die Mingo's hinlänglich verderbt gefunden hat. Doch kein Wort mehr; mag jede Partie nun von ihren Mitteln und Gaben Gebrauch machen.«

Während des ganzen Gesprächs hatte der Pfadfinder seinen Körper gedeckt gehalten, damit ihn kein verrätherischer Schuß durch die Schießscharte treffe, und nun gab er Cap die Weisung, auf das Dach zu steigen, um zur Begegnung des ersten Angriffs bereit zu sein. Obgleich der Letztere so ziemlich an Eile gewöhnt war, so fand er doch wenigstens schon zehn flammende Pfeile in der Rinde stecken, indeß die Luft von den gellenden Tönen des feindlichen Kriegsgeschrei's erfüllt wurde. Darauf folgte ein rasches Büchsenfeuer, und die Kugeln knatterten gegen die Holzstämme, so daß es deutlich war, der Kampf habe in der That allen Ernstes begonnen.

Dieß waren jedoch Töne, welche weder Pfadfinder noch Cap erschreckten, und Mabel war zu sehr in ihren Kummer vertieft, um Unruhe zu fühlen. Auch war sie verständig genug, die Natur der Vertheidigungsmittel zu verstehen und ihre Wichtigkeit zu würdigen. In dem Sergeanten jedoch weckte dieser Lärm wieder neues Leben, und mit Wehmuth bemerkte in diesem Augenblick sein Kind, daß das gebrochene Auge abermals zu leuchten begann und das Blut in die erblaßten Wangen zurückkehrte, als er diesen Aufruhr vernahm. Mabel bemerkte jetzt zum ersten Mal, daß sein Geist anfing, irre zu werden.

»Leichte Kompagnien vor!« flüsterte er. »Grenadiere, Feuer! Wagen sie es, uns in unserm Fort anzugreifen? Warum gibt die Artillerie nicht Feuer auf sie?«

In diesem Augenblick ließ sich der dumpfe Knall eines schweren Geschützes durch die Nacht vernehmen. Man hörte das Krachen des zersplitterten Holzes, als eine schwere Kugel die Stämme des obern Raumes zerriß, und das ganze Blockhaus erbebte unter der Gewalt einer Bombe, welche in das Werk gedrungen war. Der Pfadfinder entging kaum diesem schrecklichen Geschoß; aber als es platzte, konnte Mabel einen Ruf des Schreckens nicht unterdrücken, da sie alles Lebende und Leblose über ihrem Haupte für zerstört hielt. Um ihr Entsetzen zu vermehren, rief ihr Vater mit wüthender Stimme: »Zum Angriff!«

»Mabel,« rief Pfadfinder durch die Fallthüre herunter, »das ist ächte Mingo-Arbeit; – mehr Lärm als Schaden. Die Landstreicher haben sich der Haubitze, welche wir den Franzosen abnahmen, bemächtigt, und sie gegen das Blockhaus abgefeuert. Zum Glück haben sie jetzt die einzige Bombe, welche wir hatten, verschossen, und es ist nun nichts Derartiges mehr zu fürchten. Es ist dadurch zwar einige Verwirrung in die Vorräthe dieses Stockwerks gekommen, aber Niemand ist verletzt. Ihr Onkel ist noch auf dem Dache, und was mich anbelangt, so bin ich schon zu oft im Kugelregen gestanden, um mich durch so ein Ding, wie eine Haubitze, einschüchtern zu lassen, und dazu noch in den Händen von Indianern.«

Mabel flüsterte ihren Dank, und versuchte es, ihre ganze Aufmerksamkeit auf ihren Vater zu verwenden, der immer aufstehen wollte, und nur durch seine Schwäche davon abgehalten wurde. Während der schrecklichen Minuten, welche nun folgten, war sie so sehr mit der Pflege des Kranken beschäftigt, daß sie kaum des Geschrei's, das rund herum tobte, achtete. Der Aufruhr war in der That so groß, daß, hätten ihre Gedanken nicht eine andere Richtung genommen, wahrscheinlich eher Verwirrung des Verstandes, als Entsetzen die Folge gewesen wäre.

Cap entwickelte eine bewunderungswürdige Besonnenheit. Er hatte allerdings einen großen und immer sich steigernden Respekt vor der Macht der Wilden und der Majestät des Frischwassers; aber alle seine Befürchtungen vor den Ersteren gingen mehr von der Scheu, skalpirt und gemartert zu werden, als von einer unmännlichen Todesfurcht aus; da er nun, wenn auch nicht auf dem Verdeck eines Schiffes, so doch auf dem Verdeck eines Hauses stand, und wußte, daß ein Entern nicht zu besorgen war, so bewegte er sich mit einer Furchtlosigkeit und einer tollkühnen Gefährdung seiner Person hin und her, welche der Pfadfinder, wenn er sie bemerkt Hätte, zuerst getadelt haben würde. Statt der Gewohnheit des Indianerkriegs gemäß seinen Körper gedeckt zu halten, zeigte er sich an jeder Stelle des Daches, und goß rechts und links mit jener Beharrlichkeit und Unbesorgtheit Wasser aus, mit welcher ein Segelsetzer seine Kunst in einer Seeschlacht ausgeübt hätte. Seine Erscheinung war eine der Ursachen des außerordentlichen Geschrei's unter den Angreifenden, welche, nicht daran gewöhnt, ihre Feinde so unbekümmert zu sehen, ihre Zungen gegen ihn schießen ließen, wie eine Meute Hunde, welche den Fuchs im Auge haben. Er schien jedoch ein durch Zauber geschütztes Leben zu besitzen, denn obgleich die Kugeln von allen Seiten um ihn pfiffen, und seine Kleider verschiedene Male durchbohrten, so konnte ihm doch keine die Haut ritzen. Als die Bombe weiter unten durch die Balken drang, ließ der alte Seemann seinen Eimer fallen, schwenkte seinen Hut und ließ drei Hurrahs erschallen, während welches heroischen Aktes das gefährliche Geschoß platzte. Diese charakteristische That rettete wahrscheinlich sein Leben; denn von diesem Augenblick an ließen die Indianer nach, auf ihn zu feuern oder ihre flammenden Pfeile nach dem Blockhause zu schießen, da sie gleichzeitig und übereinstimmend die Ueberzeugung gewannen, daß das ›Salzwasser‹ toll sei; und es war ein eigenthümlicher Zug ihrer Großmuth, daß sie nie Hand an Jene legten, deren Verstand sie verwirrt glaubten.

Pfadfinders Benehmen war sehr verschieden. Was er that, geschah mit der genauesten Berechnung – eine Folge langjähriger Erfahrung und gewohnter Besonnenheit. Er hielt sich sorgfältig aus den Linien der Schießscharten, und der Ort, welchen er zu seinem Lug-aus gewühlt hatte, war keiner Gefahr ausgesetzt. Man wußte von diesem berühmten Wegweiser, daß er oft, wo nichts mehr zu hoffen war, einen glücklichen Ausweg gefunden hatte: daß er schon einmal am Pfahle stand, und die Grausamkeit und Hohnworte des wilden indianischen Witzes ohne einen Klagelaut erduldete; Erzählungen von seinen Thaten, von seiner Besonnenheit und seiner Kühnheit waren an der ganzen weiten Gränze, wo nur immer Menschen wohnten und Menschen kämpften, im Umlauf. Aber bei dieser Gelegenheit hätte Einer, der seine Geschichte und seinen Charakter nicht kannte, der außerordentlichen Vorsicht und der großen Aufmerksamkeit auf seine Selbsterhaltung einen unwürdigen Beweggrund unterschieben können. Ein solcher Richter hätte jedoch den Mann nicht verstanden. Der Pfadfinder dachte an Mabel und an die wahrscheinlichen Folgen, welchen das arme Mädchen ausgesetzt wäre, wenn ihm selbst ein Unfall begegnete; aber dieser Gedanke – statt seine gewohnte Klugheit zu ändern, schärfte eher seine geistigen Kräfte. Er war in der That einer von Denen, welche die Furcht so wenig kennen, daß sie gar nicht daran denken, was Andere von ihrem Benehmen urtheilen mögen. Aber wenn er in Augenblicken der Gefahr mit der Klugheit der Schlange handelte, so that er es auch mit der Einfalt eines Kindes.

Während der ersten zehn Minuten des Angriffs erhob Pfadfinder nie den Schaft seiner Büchse von dem Boden, als wenn er seine Stellung wechselte; denn er wußte wohl, daß die feindlichen Kugeln gegen die dicken Holzstämme des Werks vergeblich abgeschossen waren; und da er bei Wegnahme der Haubitze mit thätig gewesen, so konnte er der festen Ueberzeugung leben, daß die Wilden keine andere Bombe besäßen, als diejenige, welche in dem genommenen Mörser sich befunden hatte. Es war daher kein Grund vorhanden, das Feuer der Angreifenden zu fürchten, wenn nicht zufällig eine Kugel durch die Oeffnung einer Schießscharte flog. Dieß kam ein oder zwei Mal vor, aber die Kugeln waren unter einem Winkel eingedrungen, welcher sie unschädlich machte, so lange sich die Indianer in der Nähe des Blockhauses hielten, und wenn sie aus größerer Entfernung abgeschossen wurden, so war kaum die Möglichkeit vorhanden, daß von Hunderten eine die Oeffnung träfe. Als aber Pfadfinder den Ton eines Moccasintrittes und das Rasseln von Gestrüpp an dem Fuße des Gebäudes vernahm, so wurde es ihm klar, daß der Versuch, Feuer an die Balken zu legen, erneuert werden solle. Er rief daher Cap vom Dache, wo in der That keine Gefahr mehr zu befürchten war, und forderte ihn auf, sich mit seinem Wasser an einer Oeffnung, welche unmittelbar über der bedrohten Stelle lag, bereit zu halten.

Ein Mann von weniger Erfahrung, als unser Held, möchte wohl zu hastig einen so gefährlichen Versuch zu vereiteln gesucht und zu früh zu den Hilfsmitteln, welche ihm zu Gebote standen, seine Zuflucht genommen haben, aber nicht so Pfadfinder. Seine Absicht war nicht blos, das Feuer zu löschen, welches ihm wenig Besorgniß einflößte, sondern vielmehr, dem Feinde ein Lehre zu geben, die ihn für den Rest der Nacht vorsichtig machen sollte. Um das letztere Vorhaben auszuführen, wurde es nöthig, zu warten, bis das Licht des beabsichtigten Brandes ihm ein Ziel zeigte: denn er wußte wohl, daß dann eine kleine Probe seiner Geschicklichkeit zureichen würde. Er ließ daher die Irokesen unangefochten dürres Gestrüppe sammeln, es am Blockhaus aufhäufen, anzünden, und sie wieder in ihre Verstecke zurückkehren. Cap sollte blos ein volles Wasserfaß unmittelbar zu der Oeffnung über der bedrohten Stelle rollen, um im geeigneten Augenblicke für den Gebrauch bereit zu sein. Dieser Augenblick war aber, nach Pfadfinders Ansicht, nicht früher vorhanden, als bis die Flamme das benachbarte Gebüsch beleuchtete, und dem raschen und geübten Auge des Wegweisers Zeit gelassen hatte, die Gestalt von drei oder vier lauernden Wilden zu entdecken, welche mit der kalten Gleichgültigkeit von Menschen, die gewöhnt sind, theilnahmlos auf das menschliche Elend zu blicken, auf die Fortschritte des Brandes achteten. Jetzt erst sprach er.

»Seid Ihr bereit, Freund Cap?« fragte er. »Die Hitze fängt an, durch die Spalten zu dringen, und obgleich diese grünen Stämme nicht die feuerfangende Natur eines reizbaren Menschen haben, so mögen sie doch am Ende auslodern, wenn man sie allzusehr herausfordert. Seid Ihr mit dem Faß bereit? Gebt Acht, daß Ihr es in die rechte Lage bringt, und daß das Wasser nicht unnöthig verwendet wird.«

»Alles bereit!« antwortete Cap in dem Tone, mit welchem der Matrose auf dem Schiffe eine solche Aufforderung zu erwiedern pflegt.

»Dann wartet, bis ich Euch weitere Weisung gebe. Man darf so wenig zu hastig in einem gefährlichen Augenblick sein, als tollkühn in einer Schlacht. Wartet, bis ich's Euch sage.«

Während der Pfadfinder diese Anweisungen gab, machte er seine eigenen Vorbereitungen, denn er sah, daß der Augenblick des Handelns gekommen sei. Der Hirschetödter wurde vorsichtig gehoben, angelegt und abgefeuert. Das Ganze dauerte ungefähr eine halbe Minute, und nachdem er die Büchse wieder hereingenommen hatte, brachte der Schütze seine Augen an die Schießscharte.

»Eines von diesem Gewürm weniger,« brummte Pfadfinder in den Bart. »Ich habe diesen Landstreicher schon früher gesehen, und ich kenne ihn als einen schonungslosen Teufel. Nun, nun, der Mensch hat nach seinen Gaben gehandelt. Noch einen von diesen Schuften, und das wird gut thun für diese Nacht. Wenn das Tageslicht kommt, werden wir heißere Arbeit kriegen.«

Mittlerweile wurde eine andere Büchse bereit gehalten, und als Pfadfinder zu sprechen aufgehört hatte, fiel ein zweiter Wilder.

Das war in der That hinreichend; denn die ganze Rotte, welche sich in das Gebüsch um das Blockhaus herum verkrochen, hatte nicht Lust, eine dritte Heimsuchung von derselben Hand abzuwarten, und da Keiner wissen konnte, wer dem Auge des Schützen ausgesetzt war, so hüpften sie aus ihren Verstecken und flüchteten sich nach verschiedenen Richtungen, um ihre Haut in Sicherheit zu bringen.

»Jetzt gießt aus, Meister Cap,« sagte Pfadfinder, »ich habe diesen Blaustrümpfen ein Denkzeichen gegeben; sie werden uns in dieser Nacht kein Feuer mehr anzünden.«

»Achtung!« schrie Cap, indem er das Faß mit einer Sorgfalt ausschüttete, daß die Flammen auf einmal und vollständig erloschen.

So endete dieser sonderbare Kampf, und der Rest der Nacht verfloß in Ruhe. Pfadfinder und Cap wachten abwechselnd, obgleich man von Keinem sagen konnte, daß er wirklich schliefe. Auch schien der Schlaf in der That kein Bedürfniß für sie zu sein, da Beide an langes Wachen gewöhnt waren, und es gab Zeiten, wo der Erstere buchstäblich gegen die Anforderungen des Hungers und Durstes unempfindlich, und gegen die Wirkungen der Ermüdung ganz abgestumpft schien.

Mabel wachte an ihres Vaters Lager, und begann zu fühlen, wie oft unser zeitliches Glück nur von Dingen abhängt, welche in der Einbildung bestehen. Bisher hatte sie eigentlich ohne Vater gelebt, da ihre Verbindung mit ihm eher eine geistige, als eine wirkliche zu nennen war. Jetzt aber, da sie ihn verlieren sollte, betrachtete sie den Augenblick seines Todes als den Abschnitt, welcher ihr die Welt zur Oede machte, und all' ihr irdisches Glück zerstörte.

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