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Gutenberg > James Fenimore Cooper >

Der Pfadfinder oder Das Binnenmeer

James Fenimore Cooper: Der Pfadfinder oder Das Binnenmeer - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Pfadfinder
publisherHoffmann'sche Verlags Buchhandlung.
printrunNeue unveränderte Auflage
year1869
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141112
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Zweiundzwanzigstes Kapitel

– Mag ich ein Geist auch sein;
Dich zu betrügen oder dich zu schrecken
Ist meine Sendung nicht; – nein, deine Treue
Zu lohnen. –

Wordsworth.

 

Es möchte schwer zu sagen sein, wer sich am meisten freute, als Mabel aus ihrem Verstecke hervoreilte – ob unsere Heldin selbst, da sie in ihrem Besuch nicht Arrowhead, sondern dessen Weib erkannte, oder June, da sie bemerkte, ihr Rath sei befolgt und das Blockhaus von der Person, welche sie so ängstlich und fast hoffnungslos gesucht hatte, zum Zufluchtsort gewählt worden. Sie umarmten einander, und das unverdorbene Tuscaroraweib lachte in ihren süßen Tönen, als sie sich von der Gegenwart ihrer Freundin durch ihre Sinne überzeugen konnte.

»Blockhaus, gut,« sagte die junge Indianerin; »nicht kriegen Skalp.«

»Es ist in der That gut, June;« antwortete Mabel mit Schaudern, wobei sie zugleich die Augen verhüllte, als ob sie den Anblick des Schreckens vermeiden wolle, dessen Zeuge sie eben gewesen war. »Sag mir um Gotteswillen, ob du weißt, was aus meinem lieben Onkel geworden ist; ich habe in allen Richtungen nach ihm ausgesehen, ohne etwas von ihm entdecken zu können.«

»Nicht hier in Blockhaus?« fragte June mit einiger Neugier.

»Nein, er ist's leider nicht. Ich bin ganz allein in demselben, seit Jennie, das Weib, welches bei mir war, zu ihrem Manne hinauseilte, an dessen Seite sie ihre Unklugheit mit dem Leben büßte.«

»June wissen, June sehen: sehr schlimm: – Arrowhead nicht fühlen für irgend ein Weib; nicht fühlen für sein eigenes.«

»Ach, June, dein Leben ist doch wenigstens sicher!«

»Kann nicht wissen! Arrowhead tödten mich, wenn er Alles wissen.«

»Gott segne und schütze dich, June; er muß dich für deine Menschlichkeit segnen und schützen. Sage mir, was zu thun ist, und ob mein armer Onkel lebt?«

»Weiß nicht. Salzwasser hat Boot; kann sein, gegangen auf Fluß.«

»Das Boot ist noch am Ufer, aber weder mein Onkel noch der Quartiermeister ist irgendwo zu sehen.«

»Nicht todt, sonst June würde sehen. Versteckt! Roth Mann verstecken; keine Schande für Blaßgesicht.«

»Die Schande kümmert mich wenig, wohl aber, ob sie eine Gelegenheit zu einem Versteck gefunden haben. Euer Angriff war fürchterlich schnell, June!«

»Tuscarora!« erwiederte der Andere mit einem entzückten Lächeln über die Raschheit ihres Gatten. »Arrowhead großer Krieger!«

»Du bist zu gut und zu zart für solch' ein Leben, June; du kannst bei solchen Scenen nicht glücklich sein?«

June's Gesicht umwölkte sich, und es kam Mabel vor, als liege etwas von dem wilden Feuer eines Häuptlings in ihrem finstern Blick, als sie antwortete:

»Yengeese zu gierig, nehmen weg alle Jagdgründe; jagen sechs Volk von Morgen bis zu Nacht; schlecht König, schlechte Leute. Blaßgesicht sehr schlecht.«

Mabel wußte, daß viel Wahres in dieser Ansicht liege, obgleich sie zu unterrichtet war, um nicht einzusehen, daß der König in diesem wie in tausend andern Fällen wegen Handlungen getadelt wurde, von denen er wahrscheinlich gar nichts wußte. Sie fühlte daher die Gerechtigkeit des gemachten Vorwurfs zu sehr, um eine Erwiederung zu versuchen, und ihre Gedanken kehrten natürlich wieder zu ihrer Lage zurück.

»Und was muß ich thun, June?« fragte sie. »Es kann nicht lange anstehen, bis deine Leute dieses Gebäude angreifen.«

»Blockhaus gut – kriegen nicht Skalp.«

»Aber sie werden bald entdecken, daß hier keine Mannschaft liegt, wenn sie es nicht schon wissen. Du, du selbst hast mir die Anzahl der Leute namhaft gemacht, welche sich auf der Insel befanden, und ohne Zweifel hast du es von Arrowhead erfahren.«

»Arrowhead wissen,« antwortete June, indem sie, um die Zahl der Männer anzudeuten, sechs Finger erhob. »Alle rothen Männer wissen. Vier schon verloren Skalp; zwei noch sie haben.«

»Sprich nicht davon, June; der schreckliche Gedanke macht mir das Blut in den Adern starren. Deine Leute können nicht wissen, daß ich allein in dem Blockhaus bin, aber sie können denken, mein Onkel und der Quartiermeister seien bei mir, und werden Feuer um das Gebäude legen, um sie herauszutreiben. Man hat mir gesagt, daß Feuer das Gefährlichste für solche Plätze sei.«

»Nicht verbrennen Blockhaus,« sagte June ruhig.

»Du kannst das nicht wissen, meine gute June, und ich habe kein Mittel, sie davon abzuhalten.«

»Nicht verbrennen Blockhaus. Blockhaus gut; kriegen nicht Skalp.«

»Aber sage mir, warum, June; ich fürchte, sie werden es dennoch anzünden.«

»Blockhaus naß – viel Regen – grün Holz – nicht leicht brennen. Roth Mann wissen das – schön Ding – dann es nicht verbrennen, zu sagen Yengeese, daß Irokesen gewesen hier. Vater kommen zurück, fehlen Blockhaus, nicht finden. Nein, nein; Indianer viel zu schlau; nicht berühren etwas.«

»Ich verstehe dich, June, und hoffe, deine Voraussetzung wird eintreffen; denn was meinen lieben Vater anbelangt, wenn er entrinnen sollte – aber vielleicht ist er schon todt, oder gefangen, June?«

»Nicht berühren Vater; nicht wissen, wohin er gegangen, Wasser haben keine Fährte – roth Mann nicht können folgen. Nicht verbrennen Blockhaus – Blockhaus gut; nicht kriegen Skalp.«

»Glaubst du, ich könne sicher hier bleiben, bis mein Vater zurückkehrt?«

»Nicht weiß, Tochter sagen am besten, wann Vater kommen zurück.«

Mabel wurde bange bei dem Blicke, welchen June's schwarzes Auge schoß, als sie diese Worte sprach; denn die schreckliche Vermuthung stieg in ihr auf, daß ihre Gefährtin die Absicht habe, einen Umstand auszufinden, welcher ihren Leuten von Nutzen sein könnte, indeß er zugleich zur Vernichtung ihres Vaters und seiner Mannschaft führen müßte. Sie war im Begriff, eine ausweichende Antwort zu geben, als auf einmal ein Stoß von außen an die Thüre ihre Gedanken aus die Gefahr zurückführte.

»Sie kommen!« rief sie aus, – »vielleicht, June, ist es mein Onkel oder der Quartiermeister. Ich kann sogar Herrn Muir nicht in einem Augenblick, wie dieser ist, ausschließen.«

»Warum nicht sehen? voller Schießloch, zu sehen.«

Mabel faßte den Wink auf, und ging zu einer der abwärts gerichteten Schießscharten, die sich in den Stämmen befanden, welche die Basis des vorspringenden Stockwerkes bildeten. Vorsichtig lüpfte sie den Block, welcher das kleine Loch bedeckte, und warf einen Blick auf das, was an der Thüre vorging. Das erblassende Gesicht des Mädchens sagte ihrer Gefährtin, daß einige von ihren eigenen Leuten unten seien.

»Roth Mann,« sagte June, indem sie warnend und zur Vorsicht auffordernd einen Finger erhob.

»Es sind ihrer Vier; sie sehen schrecklich in ihrer Malerei und mit ihren blutigen Siegeszeichen aus. Arrowhead ist unter ihnen.«

June hatte sich in eine Ecke begeben, wo einige vorräthige Büchsen lehnten, und bereits eine derselben in die Hand genommen, als der Name ihres Mannes ihre weiteren Bewegungen anzuhalten schien. Dieß währte jedoch nur einen Augenblick; dann ging sie geradezu auf die Schießscharte los, und war eben daran, die Mündung des Gewehrs durchzustecken, als das Gefühl eines natürlichen Widerwillens Mabel veranlaßte, ihren Arm zu fassen.

»Nein, nein, nein, June!« sagte sie: »beginne Nichts gegen deinen Gatten, und sollte es mich auch mein Leben kosten.«

»Nicht treffen Arrowhead,« erwiederte June, mit einem leichten Schauder, »nicht treffen roth Mann überhaupt. Nicht schießen auf sie, nur erschrecken.«

Mabel begriff nun June's Absicht, und widersetzte sich nicht länger. Letztere schob die Mündung des Gewehres durch die Schießscharten, wobei sie hinlänglich Geräusch veranlaßte, um Aufmerksamkeit zu erregen, und drückte ab. Das Gewehr war kaum entladen, als Mabel ihrer Freundin Vorwürfe für dieselbe Handlung machte, welche die Absicht hatte, ihr Dienste zu leisten.

»Du hast gesagt, daß du nicht feuern wollest,« sagte sie, »und hast jetzt vielleicht deinen eigenen Gatten getödtet.«

»Alles fortlaufen, ehe ich feuern,« erwiederte June lachend, ging dann zu einer andern Schießscharte, um die Bewegungen ihrer Freunde zu beobachten, und lachte noch herzlicher. »Sieh! suchen Versteck – jeder Krieger. Glauben, Salzwasser und Quartiermeister hier. Nehmen in Acht jetzt.«

»Gott sei gepriesen! Und nun, June, kann ich hoffen, meine Gedanken für eine kleine Weile zum Gebet zu sammeln, damit ich nicht wie Jennie sterben möge – auf Nichts bedacht, als auf das Leben und die Dinge dieser Welt.«

June legte die Büchse bei Seite, und setzte sich zu Mabeln auf die Kiste, auf welche Letztere in Folge der physischen Erschöpfung, einer natürlichen Wirkung der Freude sowohl, als des Kummers, niedergesunken war. Sie blickte fest in das Gesicht unserer Heldin, mit einem Ausdrucke, in welchem diese den des Ernstes und der Bekümmerniß zu finden glaubte.

»Arrowhead großer Krieger,« sagte das Tuscaroraweib, »Alle Mädchen des Stammes blicken viel auf ihn. Die Blaßgesichtsschönheit hat auch Augen?«

»June! – was sollen diese Worte – dieser Blick? Was willst du sagen?«

»Warum du so Angst, June schießen Arrowhead?«

»Wäre es nicht schrecklich gewesen, ein Weib ihren eigenen Gatten erschlagen zu sehen? Nein, June, lieber wäre ich selbst gestorben.«

»Ganz gewiß das Alles?«'

»Das war Alles, so wahr Gott lebt – und gewiß, das war genug. Nein, nein! es hat heute genug des Entsetzlichen gegeben; eine Handlung, wie diese, soll es nicht noch vermehren. Was für einen andern Grund konntest du vermuthen?«

»Nicht weiß. Armes Tuscaroramädchen sehr thöricht. Arrowhead großer Häuptling, und sehen Alles auf sich. Sprechen von Blaßgesichtsschönheit im Schlaf. Großer Häuptling lieben viele Weiber.«

»Kann ein Häuptling unter deinem Volk mehr als ein Weib besitzen, June?«

»Haben so viel, als er kann erhalten. Große Jäger oft heirathen. Arrowhead jetzt nur June haben; aber er sehen zu viel, sprechen zu viel von Blaßgesicht-Mädchen.«

Mabel wußte von diesem Umstand, der sie bereits während ihrer Reise nicht wenig beunruhigt hatte, aber es verletzte sie, diese Anspielung, wie es jetzt geschah, aus dem Munde von des Indianers Weibe zu vernehmen. Es war ihr zwar nicht unbekannt, daß Gewohnheiten und Ansichten in solchen Dingen einen großen Unterschied machen, aber zu der widerfahrenen Kränkung, die unfreiwillige Nebenbuhlerin eines Weibes zu sein, gesellte sich die Besorgnis, daß in ihrer gegenwärtigen Lage die Eifersucht eine zweideutige Gewährleistung für ihre persönliche Sicherheit sein dürfte. Ein festerer Blick auf June beruhigte sie jedoch wieder, denn es war leicht, in den Zügen dieses Naturkindes den Schmerz eines gebrochenen Herzens zu lesen, während auch nicht eine Spur des Hasses und des Verrathes darin zu erkennen war.

»Du wirst mich nicht verrathen, June?« sagte Mabel mit einem Händedruck, indem sie sich dem Zuge eines edlen Vertrauens hingab. »Du wirst Keine deines eigenen Geschlechts dem Tomahawk preisgeben?«

»Kein Tomahawk berühren dich. Arrowhead es nicht gestatten. Wenn June muß haben Schwesterweib, liebt sie, zu haben dich.« »Nein, June; meine Religion und meine Gefühle, beide verbieten es. Und zudem, wenn es mir überhaupt möglich wäre, das Weib eines Indianers zu werden, so möchte ich nie in einem Wigwam dich von deinem Platze verdrängen.«

June antwortete nur mit einem frohen und dankbaren Blicke. Sie wußte, daß wenige, vielleicht kein Indianermädchen aus dem Kreise von Arrowheads Bekanntschaft sich mit ihr an körperlichen Reizen vergleichen ließ, und obgleich ihr Mann sich konnte einfallen lassen, ein ganzes Dutzend Weiber zu nehmen, so kannte sie doch außer Mabel Keine, deren Einfluß sie wirklich gefürchtet hätte. Sie nahm jedoch an der Schönheit, dem gewinnenden Benehmen, der Güte und der weiblichen Zartheit unserer Heldin so lebhaften Antheil, daß derselbe, wenn die Eifersucht ihrer Gefühle erkalten wollte, nur neue Stärke erhielt und sogar zu einer Haupttriebfeder wurde, welche die Indianerin veranlaßte, sich so großer Gefahr auszusetzen, um ihre muthmaßliche Nebenbuhlerin gegen die Folgen des Angriffes zu sichern, der, wie sie wohl wußte, im Schilde geführt wurde. Mit einem Wort – June hatte mit dem Scharfblick eines Weibes die Liebe ihres Gatten zu Mabel entdeckt. Aber statt sich den Qualen der Eifersucht, die ihren Haß gegen die Nebenbuhlerin erregt haben würde, hinzugeben, wie es vielleicht ein Weib, das weniger an die Unterwürfigkeit gegen die Rechte des Mannes gewöhnt gewesen, gethan haben würde, durchforschte sie die Blicke und den Charakter der Blaßgesichtschönheit; und da sie mit Nichts zusammentraf, was ihre eigenen Gefühle zurückstieß, wohl aber mit Allem, was dieselben ansprach, so gewann sie eine Bewunderung und Liebe zu dem weißen Mädchen, welche, wenn schon verschiedener Natur, doch nicht weniger stark, als die zu ihrem Gatten war. Arrowhead selbst hatte sie ausgesendet, Mabel vor der nahenden Gefahr zu warnen, obgleich er nicht wußte, daß sein Weib sich gegenwärtig auf der Insel, in dem Bereich der Angreifenden befand, und mit dem Gegenstand ihrer vereinten Sorgfalt in der Citadelle verschanzt war. Er glaubte im Gegentheil, wie June angedeutet hatte, daß Cap und Muir sich mit Mabel in dem Blockhaus aufhielten, und daß der Versuch, ihn und seine Kameraden zurückzutreiben, von diesen Männern ausgegangen sei.

»June traurig, Lily –« denn so nannte die Indianerin in ihrer poetischen Sprache unsere Heldin; »June traurig, Lily nicht heirathen Arrowhead. Sein Wigwam groß, und ein großer Häuptling muß haben Weiber genug, zu füllen ihn.«

»Ich danke dir, June, für diesen Vorzug, der mit der Denkweise der weißen Weiber nicht im Einklang steht,« erwiederte Mabel lächelnd, ungeachtet der furchtbaren Lage, in welcher sie sich befand. »Aber ich werde vielleicht überhaupt nie heirathen.«

»Muß haben gut Ehmann,« sagte June. »Heirathen Eau-douce, wenn nicht lieber Arrowhead.«

»June, das ist kein geeignetes Gespräch für ein Mädchen, welches kaum weiß, ob es in der nächsten Stunde noch leben wird oder nicht. Ach, wenn es nur möglich wäre, irgend einen Wink von dem Leben und der Sicherheit meines Onkels zu bekommen!«

»June gehen sehen.«

»Kannst du? – willst du? – Kannst du dich mit Sicherheit auf der Insel sehen lassen? Ist deine Anwesenheit den Kriegern bekannt, und würde es ihnen gefallen, ein Weib mit ihnen auf dem Kriegspfade zu finden?«

Alles Dieses fragte Mabel in rascher Aufeinanderfolge, da sie fürchtete, die Antwort möchte nicht ausfallen, wie sie wünschte. Sie hielt es für etwas Ungewöhnliches, daß June an dem Zuge Theil genommen hatte, und dachte sich daher, so unwahrscheinlich dieß auch sein mochte, das Weib wäre heimlich in ihrem Kahne den Irokesen gefolgt und denselben vorausgeeilt, blos um ihr jene Mittheilung zu machen, welche wahrscheinlich ihr Leben gerettet hatte. June suchte und fand in ihrer unvollkommenen Ausdrucksweise Mittel, diesen Irrthum zu beseitigen.

Arrowhead, obgleich ein Häuptling, war bei seinem eigenen Volk in Ungnade gefallen, und handelte im gegenwärtigen Augenblick in vollkommenem Einverständniß mit den Irokesen. Er hatte allerdings einen Wigwam, war aber selten in demselben, und während er Freundschaft für die Engländer heuchelte, in deren Dienste er scheinbar den Sommer hinbrachte, war er in Wirklichkeit für die Franzosen thätig, wobei ihn sein Weib auf vielen seiner Wanderungen, die er meistens im Kahne machte, begleitete. Mit einem Wort, ihre Gegenwart war kein Geheimniß, da ihr Gatte selten ohne sie auszog. June theilte von diesen Verhältnissen Mabel genug mit, um sie zu dem Wunsche zu ermuthigen, ihre Freundin möchte hinausgehen, und sich über ihres Onkels Schicksal Gewißheit verschaffen; sie waren aber auch bald darüber im Reinen, daß die Indianerin im nächsten günstigen Augenblick das Blockhaus zu diesem Zwecke verlassen solle.

Sie untersuchten zuerst von den verschiedenen Schießscharten auf die Insel, so gut es die Lage des Blockhauses gestattete, und fanden, daß die Sieger sich zu einem Gelage vorbereiteten, in welcher Absicht sie die Proviantvorräthe der Engländer zusammen getragen und die Hütten geplündert hatten. Die meisten Vorräthe waren in dem Blockhaus: aber auch außen war noch genug zu finden, um die Indianer für einen Angriff zu belohnen, der mit einer so geringen Gefahr begleitet war. Ein Theil derselben hatte bereits die todten Körper auf die Seite geschafft, und Mabel sah, daß ihre Waffen in der Nähe des zum Mahle bestimmten Ortes aufgeschichtet waren. June deutete ihr durch ein Zeichen an, daß die Leichen in das Dickicht gebracht worden seien, um entweder begraben zu werden oder aus dem Gesicht geschafft zu sein. Nichts von den mehr augenfälligen Gegenständen auf der Insel war verändert, da die Sieger den Sergeanten bei seiner Zurückkunft in einen Hinterhalt zu locken wünschten. June machte ihrer Gefährtin einen Mann auf einem Baum bemerklich, der, wie sie sagte, ein Lug-aus sei, um in Zeiten von der Annäherung eines Bootes Nachricht zu ertheilen, obgleich die Abreise des Sergeanten erst so kürzlich geschehen war, daß nur ein unerwartetes Ereigniß eine so baldige Rückkehr desselben erwarten ließ. Es hatte nicht den Anschein, als ob man einen unmittelbaren Angriff auf das Blockhaus beabsichtige; wohl aber waren, wie June sagte, die Anzeichen vorhanden, daß es die Indianer bis zur Zurückkunft der Partie des Sergeanten im Auge behalten würden, damit nicht die Spuren eines Angriffs Pfadfinders geübten Augen einen warnenden Wink geben möchten. Des Bootes hatten sie sich jedoch versichert und es in dasselbe Gebüsch gebracht, wo die Kähne der Indianer verborgen lagen.

June theilte nun ihrer Freundin die Absicht mit, sich zu den Ihrigen zu begeben, da der Augenblick ungemein günstig war, das Blockhaus zu verlassen. Mabel fühlte einiges Mißtrauen, als sie die Leiter hinunterstiegen; aber im nächsten Augenblicke schämte sie sich dieses Gefühls, weil es unbillig gegen ihre Gefährtin und ihrer selbst unwürdig war: und als sie den Boden erreicht hatten, war das Vertrauen wieder hergestellt. Die Aufriegelung geschah mit der größten Vorsicht, und als der letzte Querbalken weggenommen werden sollte, stellte sich June so nahe als möglich an die Stelle, wo die Thüre aufgehen mußte. Dieser war kaum gelüpft und die Thüre so weit geöffnet, daß man sich durchdrängen konnte, als June hinausschlüpfte, woraus Mabel unter hörbarem Herzklopfen und mit fast krampfartiger Hast den Riegel wieder vorschob. Jetzt erst fühlte sie sich wieder sicher und die beiden andern Balken wurden mit mehr Ruhe und Ueberlegung vorgelegt. Als nun die Thüre fest geschlossen war, stieg sie wieder in den ersten Stock hinaus, wo sie allein einen Blick aus das, was außen vorging, werfen konnte.

Lange, schmerzlich trübe Stunden vergingen, ohne daß Mabel etwas von June erfuhr. Sie hörte das durchdringende Geschrei der Wilden, denn der Branntwein führte sie bereits über die Grenzen der Vorsicht; bisweilen warf sie durch die Schießscharten einen Blick auf die tollen Orgien, und immer riefen ihr Töne und Auftritte, welche wohl das Blut einer Jeden, die nicht erst kürzlich Zeuge noch schrecklicherer Ereignisse gewesen, zum Erstarren zu bringen vermocht hätten, die Nähe ihrer Feinde in's Gedächtniß. Gegen Mittag kam es ihr vor, als sähe sie einen Weißen auf der Insel, obgleich sein Anzug und sein wildes Aussehen ihn zuerst als einen neu angekommenen Indianer erscheinen ließ. Ein Blick aus sein Gesicht jedoch, obgleich es dunkel und von der Sonne gebräunt war, ließ ihr keinen Zweifel mehr, daß ihre Vermuthung richtig sei: eine erhebende Erscheinung in ihrer Lage, da sie nun einen Mann ihrer eigenen Farbe nahe wußte, dessen Beistand sie in der äußersten Noth anrufen könnte. Ach, Mabel wußte nur wenig, wie gering der Einfluß der Weißen auf ihre wilden Verbündeten war, wenn diese einmal Blut gekostet hatten, oder wie wenig Erstere überhaupt geneigt waren, den Grausamkeiten der Indianer Einhalt zu thun.

Der Tag kam Mabel wie ein Monat vor, und die einzigen, rascher entschwindenden Augenblicke waren die im Gebet zugebrachten Minuten. Sie nahm von Zeit zu Zeit zu diesem Troste ihre Zuflucht, und fühlte sich jedesmal daraus fester, ruhiger und ergebener. Die Vermuthung June's wurde ihr immer wahrscheinlicher, und sie fing an zu glauben, daß das Blockhaus bis zur Rückkehr ihres Vaters unbelästigt bleiben würde, um denselben in einen Hinterhalt zu locken, wodurch ihre Besorgniß vor unmittelbarer Gefahr sich minderte. Aber die Zukunft gab ihr wenig Grund zur Hoffnung und ihre Gedanken beschäftigten sich bereits mit der Wahrscheinlichkeit der Gefangenschaft. In solchen Augenblicken nahm Arrowhead und seine anstößige Bewunderung einen großen Theil des Hintergrundes ein; denn unsere Heldin wußte wohl, daß die Indianer gewöhnlich diejenigen Gefangenen, welche sie nicht erschlugen, mit in ihre Dörfer nahmen, um sie ihren Familien einzuverleiben, und daß oft Fälle vorgekommen waren, in welchen Personen ihres Geschlechts den Rest ihres Lebens in den Wigwams ihrer Eroberer zubringen mußten. Dieß waren die Gedanken, welche ihr bei ihren brünstigen Gebeten ohne Unterlaß vorschwebten.

So lange es Tag blieb, war die Lage unserer Heldin schon hinreichend beruhigend; als aber die Schatten des Abends allmälig die Insel umfingen, wurde sie fürchterlich. Da die Wilden sich des ganzen Branntweinvorraths der Engländer bemächtigt hatten, so steigerte sich ihre Erregung nachgerade bis zur Wuth und ihr Lärmen und Toben gab ihnen das Ansehen, als ob sie von bösen Geistern besessen seien. Alle Bemühungen ihres französischen Führers, sie im Zaume zu halten, waren fruchtlos, weßhalb dieser sich auch klüglich nach einem Bivouak auf einer benachbarten Insel zurückgezogen hatte, um sich gegen seine so sehr zu Ausschweifungen geneigten Freunde sicher zu stellen. Ehe jedoch dieser Offizier seine Stelle verließ, war es ihm, unter Gefährdung seines eigenen Lebens, gelungen, das Feuer auszulöschen und die gewöhnlichen Mittel, es wieder anzuzünden, auf die Seite zu schaffen. Er hatte diese Vorsichtsmaßregel angewandt, damit die Indianer das Blockhaus nicht verbrennen sollten, dessen Erhaltung zu Erreichung seiner künftigen Plane nöthig war. Eben so gerne hätte er auch alle Waffen entfernt, was sich aber nicht ausführen ließ, da die Krieger ihre Messer und Tomahawks mit der Beharrlichkeit von Männern festhielten, welche es für eine Ehrensache erachteten, sie nicht aus der Hand zu lassen, so lange sie noch die Fähigkeit, sie zu führen, besaßen; auch wäre die Entfernung der Büchsen, so lange man ihnen die Waffen ließ, welche bei solchen Gelegenheiten gewöhnlich gebraucht wurden, ein vergebliches Unternehmen gewesen. Das Auslöschen des Feuers bewährte sich als die klügste Maßregel; denn der Offizier hatte sich kaum zurückgezogen, als einer der Krieger den Vorschlag machte, das Blockhaus anzuzünden. Arrowhead hatte sich gleichfalls von der betrunkenen Rotte entfernt, sobald er bemerkte, daß sie ihrer Sinne nicht mehr mächtig sei und eine Hütte aufgesucht, wo er sich aus das Stroh warf, um die Ruhe zu suchen, welche ihm zwei Nächte der Schlaflosigkeit und Thätigkeit nöthig gemacht hatten. Es war daher Niemand unter den Indianern, der für Mabel Sorge getragen hätte, wenn sie überhaupt etwas von ihrer Anwesenheit wußten; und der Vorschlag des Trunkenbolds wurde von acht bis zehn so betrunkenen und viehischen Kerlen mit gellendem Freudengeschrei aufgenommen.

Ein fürchterlicher Augenblick für Mabel! Die Indianer bekümmerten sich in ihrem gegenwärtigen Zustande wenig um die Büchsen, welche sich noch im Blockhause befinden mochten. Die dunkle Erinnerung, welche ihnen noch von den lebenden Wesen, die sich darin aufhielten, geblieben war, diente als ein weiterer Sporn für ihr Vorhaben, und da sie von dem Getränk erst aufgeregt, nicht betäubt waren, so näherten sie sich dem Gebäude mit dem Geheul und den Sprüngen losgelassener Teufel. Zuerst versuchten sie es mit der Thüre, indem sie in Masse gegen sie ansprengten; aber die Festigkeit derselben (sie war ganz aus Baumstämmen) mußte ihre Bemühung, und wären ihrer Hundert gewesen, vereiteln. Mabel wußte das freilich nicht und ihr Herz wollte sich stets durch einen Hilferuf Luft machen, wenn sie die heftigen Stöße bei jeder neuen Anstrengung vernahm. Endlich jedoch, als sie fand, daß die Thüre allen Angriffen widerstand, ohne erschüttert zu werden oder nachzugeben, und nur durch das leichte Knarren in ihren schweren Angeln verrieth, daß sie ein von der Wand getrennter Theil sei, belebte sich ihr Muth wieder und sie ergriff den ersten günstigen Augenblick, um durch die Oeffnung hinunter zu sehen und wo möglich den Umfang der vorhandenen Gefahr kennen zu lernen. Ein Schweigen, welches sie sich nicht zu erklären vermochte, steigerte ihre Neugierde, denn nichts ist für die, welche sich der Nähe einer großen Gefahr bewußt sind, beunruhigender, als die Unmöglichkeit, ihren Gang zu verfolgen.

Mabel fand, daß zwei oder drei Irokesen die Asche durchsucht und einige glimmende Kohlen gefunden hatten, welche sie zu einer Flamme anzublasen suchten. Das Interesse, mit welchem sie ihr Geschäft betrieben, die Hoffnung des Gelingens ihrer verderblichen Absicht und die Macht der Gewohnheit setzten sie in den Stand, umsichtig und vereint zu handeln, so lange sie ihren grausamen Zweck im Auge behielten. Ein Weißer würde an dem Versuch verzweifelt sein, aus der Asche gelegene Fünkchen zu einem Feuer anzublasen; aber diesen Kindern des Waldes standen manche Mittel zu Gebote, von denen die Civilisation nichts weiß. Mit Hülfe einiger trockenen Blätter, welche allein sie zu finden wußten, brachten sie endlich eine Flamme zu Stande und versicherten sich des gewonnenen Vortheils, indem sie dieselbe durch einige leichte Holzstücke unterhielten. Als Mabel sich über die Schießscharte beugte, häuften die Indianer gerade Gesträuch an der Thür auf, und da sie stehen blieb, um die weiteren Schritte derselben zu beobachten, bemerkte sie, wie die Zweige Feuer fingen und die Flamme von Ast zu Ast flog, bis der ganze Stoß prasselte und sich in glänzender Lohe verzehrte. Die Indianer erhoben nun ein gellendes Triumphgeschrei und kehrten zu ihren Gefährten zurück, überzeugt, daß das Werk der Zerstörung seinen Anfang genommen habe. Mabel blickte fortwährend hinunter, kaum fähig, sich von der Stelle zu bewegen – so mächtig war der Antheil, den sie an dem Fortschreiten des Feuers nahm. Als jedoch der Holzstoß durchaus in Glut stand, hoben sich die Flammen so weit, daß sie ihr die Augen sengten und sie zum Rückzuge zwangen. Sie hatte kaum die entgegengesetzte Seite des Raumes, zu der sie sich in ihrer Angst geflüchtet, erreicht, als durch die Oeffnung der Schießscharte, welche sie zu schließen vergessen, ein Feuerstrahl heraufschoß und das unscheinbare Gemach mit Mabel und ihrer Trostlosigkeit beleuchtete. Unsere Heldin mußte nun natürlich denken, ihre letzte Stunde sei gekommen, denn die Thüre, der einzige Weg zur Flucht, war mit höllischem Scharfsinn durch das brennende Gestrüpp verrammt worden; und zum letzten Mal (wie sie glaubte) richtete sie ihr Gebet an ihren Schöpfer. Ihre Augen waren geschlossen und ihr Geist schien mehr als eine Minute abwesend; aber die Interessen der Welt kämpften noch zu heftig in ihrer Seele, um ganz unterdrückt werden zu können, und als sie unwillkürlich die Augen aufschlug, wurde sie nicht mehr durch den Flammenstrom geblendet, obgleich das Holz rund um die kleine Oeffnung glostete und das Feuer unter dem Einfluß eines aufgesaugten Luftstoßes langsam aufflackerte. Eine Tonne mit Wasser stand in einer Ecke, und Mabel griff mehr instinktartig, als mit voller Besinnung nach einem Gefäß, füllte es und goß es mit zitternder Hand über das Holz, wodurch es ihr gelang, an dieser Stelle die Flamme zu löschen. Sie konnte wegen des Rauches einige Minuten lang nicht hinunter sehen; als ihr aber dieß möglich wurde, klopfte ihr Herz hoch auf vor Freude und Hoffnung, denn der brennende Holzstoß war übereinander gestürzt und zerstreut, und über die Holzstämme der Thür war Wasser gegossen worden, so daß sie wohl noch rauchten, aber nicht brannten.

»Wer ist da?« rief Mabel durch die Oeffnung hinunter. »Welche freundliche Hand hat mir die gütige Vorsehung zum Beistand gesendet?«

Man hörte unten einen leichten Fußtritt und einige schwache Schläge an die Thüre, welche kaum die Angeln ertönen ließen.

»Wer begehrt Einlaß? Seid Ihr es, lieber, theurer Onkel?«

»Salzwasser nicht hier. Sanct Lorenzo süß Wasser,« war die Antwort. »Oeffne schnell, müssen hinein.«

Mabels Tritt war nie leichter und ihre Bewegungen nie schneller und natürlicher, als wie sie die Leiter hinunterstieg und die Balken von der Thür nahm; doch trug ihr ganzes Benehmen das Gepräge des Ernstes und der Hast. Die ganze Zeit dachte sie nur an ihre Flucht, und sie öffnete die Thüre mit einer Eile, welche keine Vorsicht gestattete. Ihr erster Gedanke war, in's Freie zu eilen, damit sie nur aus dem Blockhause käme, aber June verhinderte diesen Versuch und legte, sobald sie eingetreten war, wieder ruhig die Riegel vor, ehe sie auf Mabels Bemühungen, sie zu umarmen, achtete.

»Gott segne dich! Gott segne dich, June!« rief unsre Heldin mit Feuer. »Die Vorsehung hat dich mir als Schutzengel gesendet!«

»Nicht umfassen so fest,« antwortete das Tuscaroraweib. »Blaßgesichtsweib ganz weinen oder ganz lachen. Laß June schließen Thüre.«

Mabel kam ein wenig zur Besinnung und in wenig Minuten befanden sich die Beiden wieder in dem obern Raume. Sie saßen Hand in Hand beisammen, und die Gefühle des Mißtrauens und der Eifersucht waren auf der einen Seite durch das Bewußtsein empfangener, auf der andern durch die Erinnerung an erwiesene Gunst zum Schweigen gebracht.

»Nun sage mir, June,« begann Mabel, sobald die Umarmungen ausgetauscht waren, »hast du etwas von meinem armen Onkel gesehen oder gehört?«

»Nicht weiß. Niemand sehen ihn, Niemand hören ihn, Niemand wissen etwas. Salzwasser in Fluß laufen, denk' ich, denn ich nicht finden ihn. Ich schauen und schauen und schauen, aber nicht sehen sie; nicht Einen, nicht Andern, nicht wo.«

»Gott sei gelobt! Sie müssen entkommen sein, obgleich wir nicht wissen, wie. Es kam mir vor, als ob ich einen Franzosen auf der Insel gesehen hätte, June?«

»Ja; französisch Kapitän kommen, aber auch wieder fort sein. Viel Indianer auf der Insel.«

»Oh! June, June, gibt es kein Mittel, meinen lieben Vater aus den Händen seiner Feinde zu retten?«

»Nicht weiß! denk, daß Krieger warten im Hinterhalt, und Yengeese müssen verlieren Skalp.«

»Gewiß, gewiß, June, kannst du, die du so viel für die Tochter gethan hast, mir nicht verweigern, auch dem Vater zu helfen?«

»Nicht kennen Vater, nicht lieben Vater. June helfen eigenem Volk, helfen Arrowhead – Mann lieben Skalp.«

»June, nimmer kann ich das von dir glauben. Nein, ich kann, ich will nicht glauben, daß du unsere Leute ermordet sehen möchtest.«

June richtete ihr dunkles Auge ruhig auf Mabel, und einen Moment wurde ihr Blick ernst, obgleich er bald wieder den Ausdruck einer schwermüthigen Theilnahme gewann.

»Lily, Yengeese Mädchen?« fragte sie fragweise.

»Gewiß, und als ein Yengeesemädchen möchte ich meine Landsleute von der Schlachtbank retten.«

»Sehr gut, wenn können. June nicht Yengeese, June Tuscarora – haben Tuscarora-Mann – Tuscarora-Herz – Tuscarora-Gefühl – ganz und gar Tuscarora. Lily wird nicht gehen, und sagen Franzosen, daß ihr Vater wird kommen, zu gewinnen Sieg?«

»Vielleicht nicht,« erwiederte Mabel und drückte die Hand gegen das wirre Gehirn; »vielleicht nicht; aber du dienst mir, hilfst mir, hast mich gerettet, June! Warum hast du das gethan, wenn du nur wie eine Tuscarora fühlst?«

»Nicht allein fühlen wie Tuscarora, fühlen als Mädchen, fühlen als Weib. Lieben schöne Lily und in Busen tragen.«

Mabel zerfloß in Thränen und drückte das liebevolle Geschöpf an ihr Herz. Es dauerte eine Minute, bis sie weiter sprechen konnte; dann fuhr sie aber mit mehr Ruhe und Zusammenhang fort:

»Laß mich das Schlimmste wissen, June,« sagte sie. »Heute Nacht thun sich deine Leute gütlich, was haben sie auf morgen vor?«

»Weiß nicht; fürchten, zu sehen Arrowhead; fürchten zu fragen; glauben, verstecken, bis Yengeese kommen zurück.«

»Werden sie keinen neuen Versuch gegen das Blockhaus machen? Du hast gesehen, wie fürchterlich sie sein können, wenn sie wollen.«

»Zu viel Rum. Arrowhead schlafen, oder nicht wagen. Französisch Kapitän sein weg, oder nicht wagen. Alles gehen zu Schlafen, nun.«

»Und du glaubst, daß ich wenigstens für diese Nacht sicher bin?«

»Zu viel Rum. Wenn Lily wie June, könnte thun viel für ihr Volk.«

»Ich bin wie du, June, wenn der Wunsch, meinen Landsleuten zu dienen, mich einem so muthigen Mädchen gleichstellen kann.«

»Nein, nein, nein,« murmelte June leise vor sich hin; »nicht haben Herz, und wenn haben, June nicht lassen dich. June's Mutter einmal gefangen, und Krieger sein trunken; Mutter Alle tomahawken. So Rothhautweiber thun, wenn Leute in Gefahr und brauchen Skalp.«

»Du hast Recht,« erwiederte Mabel mit Schaudern, indem sie unwillkürlich June's Hand fallen ließ. »So etwas könnte ich nicht thun. Ich habe weder die Kraft, noch den Muth, noch den Willen, meine Hände in Blut zu tauchen.«

»Denken das auch; – dann bleiben, wo du sein – Blockhaus gut – nicht kriegen Skalp.«

»Du glaubst also, daß ich hier sicher sein werde, wenigstens bis mein Vater und seine Leute zurückkehren?«

»Wissen das. Nicht dürfen anrühren Blockhaus morgen. Horch! Alles nun still – trinken Rum, bis Kopf fallen nieder, und schlafen wie Klotz.«

»Könnte ich nicht entkommen? Sind nicht einige Kähne an der Insel? – Könnte ich nicht einen davon nehmen und meinem Vater entgegen gehen, um ihm mitzutheilen, was hier vorgegangen ist?«

»Wissen, wie zu rudern?« fragte June mit einem verstohlenen Blick auf Mabel.

»Nicht so gut, als du vielleicht; aber gut genug, um vor Tagesanbruch deinen Leuten aus dem Gesichte zu sein.«

»Was thun dann? – Nicht können rudern sechs – zehn – acht Meilen!«

»Ich weiß das nicht; ich würde viel können, um meinem Vater, dem wackern Pfadfinder und den Uebrigen einen Wink von der Gefahr zu geben, in der sie sich befinden.«

»Lieben Pfadfinder?«

»Wer ihn kennt, liebt ihn; – auch du müßtest ihn lieben, wenn du sein Herz kennen würdest.«

»Nicht ihn lieben, gar nicht. Zu gute Büchse – zu gut Auge – zu viel schießen Irokesen und June's Volk. Kriegen müssen sein Skalp, wenn können.«

»Und ich muß ihn retten, wenn ich kann, June. In dieser Beziehung also sind wir Gegnerinnen. Ich will, so lange sie noch schlafen, einen Kahn aufsuchen, und die Insel verlassen.«

»Nicht können – June dürfen nicht lassen dich. Rufen Arrowhead.«

»June, du wirst mich nicht verrathen; du kannst mich nicht preisgeben, nach Allem, was du schon für mich gethan hast!«

»Gerade so,« erwiederte June, indem sie die Hand rückwärts bewegte, und mit einer Wärme und einem Ernste sprach, die Mabel nie zuvor an ihr bemerkt hatte. »Rufen Arrowhead mit lauter Stimme. Ein Ruf von Weib wecken Krieger auf. June nicht lassen Lily helfen Feind – nicht lassen Indianer verletzen Lily.«

»Ich verstehe dich, June, und fühle das Natürliche und Gerechte deiner Gefühle; und im Grund ist es doch besser, daß ich hier bleibe, denn ich habe sehr wahrscheinlich meine Kräfte überschätzt. Aber sage mir nur noch Eines: – wenn mein Onkel in der Nacht kommt und um Einlaß bittet, so wirst du mich doch die Thüre des Blockhauses öffnen lassen, daß er herein kann?«

»Gewiß – er gefangen hier, und June lieben Gefangenen mehr als Skalp; Skalp gut für Ehre, Gefangener gut für Gefühl. Aber Salzwasser so gut verborgen; er selbst nicht wissen, wo er sein.«

June lachte dabei in mädchenhafter lustiger Weise, denn sie war mit Scenen der Gewalt zu vertraut, um die Eindrücke derselben so tief zu Herzen zu nehmen, daß sie ihr Naturell geändert hätten. Es folgte nun eine lange und lebhafte Unterhaltung, in welcher sich Mabel bemühte, ihre gegenwärtige Lage genauer kennen zu lernen, und sich der schwachen Hoffnung hingab, es möchten sich einige der Thatsachen, welche sie auf diesem Wege erfuhr, zu ihrem Vortheil wenden lassen. June beantwortete ihre Fragen einfach, aber mit einer Vorsicht, welche zeigte, daß sie recht gut zwischen dem, was unwesentlich war, und zwischen dem, was die Sicherheit oder die weiteren Schritte ihrer Freunde gefährden konnte, zu unterscheiden wisse. Unsere Heldin war unfähig, ihre Gefährtin in eine Falle zu locken: ein Versuch, dessen Ausführung übrigens, selbst wenn sie sich einer solchen Niedrigkeit hätte schuldig machen wollen, auf die größten Schwierigkeiten stoßen mußte. June jedoch hatte nur bei dem, was sie enthüllen wollte, vorsichtig zu unterscheiden; und wir fassen das Wesentliche ihrer Mittheilung in dem Folgenden zusammen.

Arrowhead stand schon lange mit den Franzosen in Verbindung, obgleich dieses die erste Gelegenheit war, bei der er seine Maske ganz ablegte. Da er, zumal bei dem Pfadfinder, Spuren des Mißtrauens bemerkt hatte, so wagte er sich nicht mehr unter die Engländer, und mit indianischer Prahlerei wollte er nun lieber seine Verrätherei zur Schau tragen, als sie verbergen. Er hatte den Kriegerhaufen bei dem Angriff auf die Insel unter der Oberaussicht des bereits erwähnten Franzosen angeführt; aber June lehnte es ab, Auskunft darüber zu geben, ob er auch das Mittel zu Entdeckung der Lage dieses Platzes geworden sei, den man den Blicken des Feindes so sehr entzogen gewähnt, obgleich sie zugestand, daß sie und ihr Gatte von der Abreise des Scud an den Kutter im Auge behalten hätten, bis sie von demselben überholt und genommen worden seien. Die Franzosen hatten erst in der neuesten Zeit genaue Mittheilungen über die wahre Lage der Station erhalten, und Mabel fühlte einen Stich durch's Herz, als sie aus den versteckten Anspielungen der Indianerin entnehmen zu müssen glaubte, daß diese Mittheilung von einem unter Duncan of Lundie stehenden Blaßgesicht herrühre. Dieß war jedoch eher angedeutet als ausgesprochen, und sobald Mabel Zeit hatte, über die Worte ihrer Gefährtin nachzudenken und sich zu erinnern, wie kurz und abgemessen sie in ihrer Ausdrucksweise war, gab sie der Hoffnung wieder Raum, daß sie dieselbe unrecht verstanden habe, und daß Jasper Western sich als vollkommen gerechtfertigt aus dieser Sache ziehen werde.

June nahm keinen Anstand, zu bekennen, daß sie auf die Insel gesandt worden sei, um über die Anzahl und das Treiben Derer, welche darauf geblieben waren, genaue Nachricht einzuziehen, obgleich sie auch in ihrer naiven Weise verrieth, daß sie hauptsächlich durch den Wunsch, Mabeln zu dienen, veranlaßt worden sei, sich zu diesem Geschäft brauchen zu lassen. In Folge ihrer und anderweitiger Mittheilungen kannte der Feind die Macht, welche gegen ihn ausgebracht werden konnte, genau; auch wußten sie, mit wie viel Mannschaft und in welcher Absicht Sergeant Dunham ausgezogen war, obgleich es ihnen unbekannt blieb, an welcher Stelle er die französischen Boote zu treffen hoffte. Es wäre ein angenehmer Anblick gewesen, Zeuge zu sein des lebhaften Verlangens sowohl, mit welchem diese beiden redlichen Mädchen sich über Alles, was für ihre Freunde von Folgen sein mochte, Gewißheit zu verschaffen suchten; als auch der natürlichen Zartheit, mit welcher Jede sich hütete, die Andere zu ungeeigneten Enthüllungen zu drängen, – der augenfälligen Vorsicht endlich, womit es Jede vermied, etwas zu sagen, was ihrem Volke nachtheilig werden konnte. In Beziehung ihrer Persönlichkeit herrschte vollkommenes Vertrauen: was ihre eigenen Leute anbelangte, treues Halten an den Ihrigen. June war eben so ängstlich begierig, zu erfahren, wo der Sergeant hingegangen sei, und wann er zurückkehren werde, als Mabel in Betreff anderer Punkte; aber sie enthielt sich mit einem Zartgefühl, welches dem civilisirtesten Volke Ehre gemacht hätte, jeder Frage, und versuchte auch keinen andern Weg, welcher mittelbar einen Aufschluß über diese ihr so wichtige Angelegenheit herbeizuführen vermochte, obgleich sie mit fast athemloser Aufmerksamkeit horchte, wenn Mabel in ihrer eigenen Erzählung einen Umstand berührte, welcher möglicherweise hätte ein Licht über die Sache werfen können.

In dieser Weise entschwanden ihnen die Stunden unbeachtet, denn Beide waren zu sehr betheiligt, um an Ruhe zu denken. Doch forderte gegen Morgen die Natur ihre Rechte, und Mabel ließ sich überreden, sich auf eines der für die Soldaten bestimmten Strohlager zu legen, wo sie bald in einen tiefen Schlaf verfiel. June nahm an ihrer Seite Platz. Aus der ganzen Insel herrschte eine Ruhe, als ob der Bereich des Waldes nie durch menschlichen Fußtritt gestört worden sei.

Als Mabel erwachte, strömte das Licht der Sonne durch die Schießscharten, und sie fand, daß der Tag bereits beträchtlich vorgerückt sei. June lag noch neben ihr, und schlief so sanft, als ob sie – ich will nicht sagen ›auf Daunen‹, da die höhere Kultur unserer Tage eine solche Vergleichung verschmäht – sondern auf einer französischen Matraze ruhe, und so tief, als ob sie die Sorge gar nicht kenne. Demungeachtet weckten Mabels Bewegungen die an Wachsamkeit gewöhnte Indianerin bald, und Beide verschafften sich nun mittelst der bekannten Oeffnungen einen Ueberblick über das, was um sie vorging.

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