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Der Pfadfinder oder Das Binnenmeer

James Fenimore Cooper: Der Pfadfinder oder Das Binnenmeer - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Pfadfinder
publisherHoffmann'sche Verlags Buchhandlung.
printrunNeue unveränderte Auflage
year1869
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141112
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Einundzwanzigstes Kapitel

Vorbei ist Speisen nun und Trank;
Der Käs kommt wieder in den Schrank;
Die Näpf' und Pfannen – alle rein –
Schließt jetzt die Speisekammer ein.

Cotton.

 

Als Mabel ihre Gefährtin aufsuchte, däuchte es ihr sonderbar, daß die Andern so gefaßt waren, während sie selbst sich so bedruckt fühlte, als ob eine Verantwortlichkeit für Leben und Tod auf ihren Schultern lastete. Es mischte sich allerdings auch Mißtrauen gegen June in ihre Ahnungen; aber wenn sie der zärtlichen und natürlichen Weise des Indianermädchens, wie auch aller Beweise von Treue und Aufrichtigkeit gedachte, welche sie in ihrem Benehmen während des traulichen Verkehrs auf ihrer gemeinschaftlichen Reise an den Tag gelegt hatte, so verwarf sie diesen Gedanken mit dem Unwillen einer edeln Seele, welche nicht gerne Uebles von Andern glaubt. Sie sah jedoch, daß sie ihre Gefährten nicht zu größerer Wachsamkeit auffordern konnte, ohne sie in das Geheimniß ihres Gesprächs mit June einzuweihen: ferner, daß sie selbst genöthigt sei, zumal unter so bedeutungsvollen Verhältnissen, mit einer Umsicht und Bedachtsamkeit zu handeln, an welche sie nicht gewöhnt war.

Die Soldatenfrau erhielt die Weisung, das Nöthige in das Blockhaus zu bringen, und sich den Tag über nicht zu weit von demselben zu entfernen. Mabel erklärte ihr den Grund nicht, sondern sagte blos, daß sie auf ihrem Spaziergang durch die Insel einige Zeichen bemerkt habe, welche in ihr die Befürchtung erregt hätten, der Feind wisse mehr von der Lage der Insel, als man bisher geglaubt, und daß sie Beide wenigstens wohl daran thun würden, sich bei dem leichtesten Anlaß zu einem Rückzug in das Blockhaus bereit zu halten. Es war nicht schwer, die Besorgnisse dieser Person zu wecken, die, obgleich eine muthige Schottländerin, doch keinen Anstand nahm, auf Alles zu hören, was ihre Furcht vor den Grausamkeiten der Indianer befestigen konnte. Sobald Mabel sie genug erschreckt zu haben glaubte, um sie vorsichtig zu machen, ließ sie einige Winke über das Unpassende fallen, die Soldaten den Umfang ihrer eigenen Befürchtungen wissen zu lassen. Sie that dieß in der Absicht, Erörterungen und Fragen, welche sie in Verlegenheit bringen könnten, abzuschneiden, indem sie sich vornahm, die Vorsicht ihres Onkels, des Korporals und seiner Leute durch andere Mittel zu steigern.

Unglücklicherweise hätte man in der ganzen brittischen Armee keinen unpassendern Mann für den Dienst, den es hier zu erfüllen galt, finden können, als den Korporal M'Nab, welchem das Kommando in Sergeant Dunhams Abwesenheit übertragen war. Er war zwar entschlossen, rasch mit den Einzelnheiten des militärischen Dienstes vertraut und an den Krieg gewöhnt, aber zugleich auch anmaßend gegen die in den Provinzen Gebornen, starrsinnig in Allem, was mit den engen Gränzen seines Berufs in Verbindung stand, und sehr geneigt, sich das brittische Reich als den Mittelpunkt alles Ausgezeichneten auf der Welt zu denken, wobei ihm Schottland als der Herd wenigstens aller moralischen Vorzüge dieses Reiches erschien. Kurz, er war, freilich nur in dem Maßstab seines Ranges, ein Inbegriff jener Eigenschaften, welche den nach den Kolonien gesendeten Dienern der Krone so eigenthümlich waren, daß sie sich dadurch leicht von den Eingebornen dieser Gegend unterscheiden ließen; – oder mit andern Worten, er betrachtete die Amerikaner als Geschöpfe, welche weit unter dem elterlichen Stamme stehen, und fand in allen ihren Ansichten, zumal wenn sie vom militärischen Dienst handelten, nichts als Unverdautes und Abgeschmacktes. Bratdock selbst konnte nicht abgeneigter sein, von einem Provinzialen einen Rath anzunehmen, als sein unbedeutender Nachahmer; und es war bekannt, daß er bei mehr als einer Gelegenheit gegen die Weisungen und Befehle zweier oder dreier Offiziere des Korps, welche zufällig in den Kolonien geboren waren, blos aus diesem einfachen Grunde Bedenklichkeiten erhoben hatte, wobei er jedoch mit ächt schottischer Schlauheit sich gegen die Strafen eines wirklichen Ungehorsams sicher zu stellen wußte. Mabel hätte daher zu Ausführung ihrer Absicht auf keinen Untauglicheren treffen können, und doch fühlte sie, daß sie keine Zeit verlieren dürfe, ihren Plan zur Verwirklichung zu bringen.

»Mein Vater hat Euch eine große Verantwortlichkeit aufgelegt, Korporal,« sagte sie, sobald sie M'Nab ein wenig von den Soldaten weggekriegt hatte; »denn wenn diese Insel in die Hände des Feindes fällt, so werden nicht nur wir gefangen, sondern wahrscheinlich geräth dann auch die übrige Mannschaft, welche mit meinem Vater ausgezogen ist, in Feindes Gewalt.«

»Es bedarf keiner Reise von Schottland bis hieher, um zu wissen, was man von diesen Dingen zu halten hat entgegnete M'Nab trocken.

»Ich zweifle nicht, daß Ihr das so gut wißt, als ich, Herr M'Nab; aber ich fürchte, ihr alten Soldaten möchtet, da ihr an Gefahren und Kampfgetümmel gewohnt seid, die Vorsicht ein wenig außer Acht lassen, welche in einer so eigenthümlichen Lage, als die unsrige ist, nöthig sein dürfte.«

»Man sagt, Schottland sei kein erobertes Land, Mädchen, aber ich denke, es muß sich doch ein bischen anders verhalten, da wir, seine Kinder, solche Schlafmützen sind, um uns ausheben zu lassen, wo wir es am wenigsten erwarten.«

»Nein, nein, guter Freund, Ihr mißkennt meine Absicht. Einmal denke ich überhaupt gar nicht an Schottland, sondern an diese Insel; und dann fällt es mir nicht ein, Eure Wachsamkeit zu bezweifeln, wenn Ihr die Beobachtung derselben einmal für nöthig erachtet. Aber ich fürchte sehr, es sei Gefahr vorhanden, gegen die Euch Euer Muth gleichgültig macht.«

»Mein Muth, Mistreß Dunham, ist ohne Zweifel von recht armseliger Beschaffenheit, da er nur ein schottischer Muth ist; der Eures Vaters ist der Muth eines Yankee, und wenn er unter uns wäre, so würden wir sicherlich andere Vorbereitungen zu sehen kriegen. Ja, wohl werden die Zeiten immer schlimmer, wenn die Fremden Offizierstellen erhalten und Hellebarden führen dürfen in einem schottischen Korps, 's ist daher auch kein Wunder, daß Schlachten verloren werden, und in den Feldzügen Alles drunter und drüber geht.«

Mabel war fast in Verzweiflung; aber die ruhige Warnung June's haftete noch zu lebhaft in ihrer Seele, um ihr zu gestatten, die Sache auszugeben. Sie änderte daher ihre Operationsweise, da sie noch immer die Hoffnung festhielt, die ganze Mannschaft zur Besetzung des Blockhauses zu vermögen, ohne genöthigt zu sein, die Quelle zu verrathen, aus der sie die Thatsachen, welche Wachsamkeit nöthig machten, geschöpft halte.

»Ihr habt sicherlich Recht, Korporal M'Nab,« bemerkte sie, »denn ich habe oft von den Helden Eures Vaterlandes erzählen hören, welche die Ersten in der ganzen civilisirten Welt waren, wenn das, was man mir sagte, wahr ist.«

»Habt Ihr die Geschichte von Schottland gelesen, Mistreß Dunham?« fragte der Korporal, und blickte das erste Mal mit einem Zuge in seinem harten, abstoßenden Gesichte, der wie Lächeln aussah, auf seine schöne Gefährtin.

»Ich habe Einiges davon gelesen, Korporal, aber noch viel mehr gehört. Die Dame, welche mich erzog, hatte schottisches Blut in ihren Adern, und that sich viel darauf zu Gute.«

»Ich stehe dafür, den Sergeant kümmert's wenig, bei dem Ruhm des Landes zu verweilen, in welchem sein Regiment ausgehoben wurde?«

»Mein Vater hat an andere Dinge zu denken, und das Wenige, was ich weiß, erfuhr ich von der erwähnten Dame.«

»Sie wird doch nicht vergessen haben, Euch von Wallace zu erzählen?«

»Von ihm habe ich ziemlich viel gelesen.«

»Und von Bruce, und dem Treffen von Bannockburn?«

»Von diesem auch, und von dem bei Culloden-muir.«

Die letztere dieser Schlachten war damals noch ein neues Ereigniß und fiel in das Bereich der eigenen Erlebnisse unserer Heldin, deren Erinnerungen darüber aber so verwirrt waren, daß sie kaum den Erfolg voraussehen konnte, welchen diese Anspielung bei ihrem Gefährten hervorbringen mochte. Sie wußte zwar, daß dort ein Sieg erfochten wurde, und hatte oft die Gäste ihrer Beschützerin mit Triumph desselben erwähnen hören; sie glaubte deßhalb, daß diese Gefühle in denen eines jeden brittischen Soldaten eine gleichgestimmte Saite treffen müßten. Unglücklicher Weise hatte aber der Korporal jenen ganzen unseligen Tag auf der Seite des Prätendenten gefochten, und als Spur eines deutschen Soldaten-Säbels im Dienste des Hauses Hannover eine tiefe Narbe auf seinem Gesicht zurückbehalten. Bei Mabels Anspielung vermeinte er, seine Wunde fange auf's Neue zu bluten an; und es ist gewiß, daß ihm das Blut in Strömen nach dem Gesichte schoß, als wolle es die alte Narbe durchbrechen.

»Ha! – hinweg!« rief er heftig, »hinweg mit Euren Culloden und Sherif Muirs; junges Weib; Ihr versteht Nichts von dieser ganzen Sache und werdet Euch nicht nur als klug, sondern auch als bescheiden erweisen, wenn Ihr von Eurem eigenen Lande und seinen vielen Fehlern sprecht. Ich zweifle nicht daran, daß König Georg einige loyale Unterthanen in den Kolonien hat, aber es wird lange anstehen, bis er etwas Gutes von ihnen sieht oder hört.«

Mabel war über die Heftigkeit des Korporals nicht wenig überrascht, da sie sich keine Idee davon machen konnte, wo ihn der Schuh drücke; aber sie war entschlossen, die Sache nicht auszugeben.

»Ich habe immer gehört, daß die Schotten zwei von den guten Eigenschaften eines Soldaten hätten,« sagte sie, »nämlich Muth und Umsicht, und ich bin überzeugt, daß Korporal M'Nab diesen Nationalruhm aufrecht erhalten wird.«

»Fragt Euren Vater, Mistreß Dunham. Er kennt den Korporal M'Nab, und wird nicht anstehen, Euch dessen Verdienste aus einander zu setzen. Wir sind mit einander im Feuer gestanden, und er ist mein Vorgesetzter, hat also eine Art amtliches Recht, seinen Untergebenen Zeugnisse zu ertheilen.«

»Mein Vater denkt gut von Euch, M'Nab, sonst würde er Euch nicht diese Insel sammt Allem, was darauf ist, seine Tochter mit eingeschlossen, übergeben haben. Auch weiß ich wohl, daß er unter Anderem viel auf Eure Klugheit baut. Er erwartet, daß man besonders auf das Blockhaus recht aufmerksam sei.«

»Wenn er die Ehre des Fünfundfünfzigsten hinter Holzstämmen zu vertheidigen wünscht, so hätte er das Kommando selbst behalten sollen; denn, offen gesprochen, es liegt nicht in des Schottländers Blut und Ansichten, sich aus dem Felde schlagen zu lassen, noch ehe er angegriffen wird. Wir haben gute Säbel und lieben es, mit dem Feinde Zehe an Zehe zu stehen. Diese amerikanische Art zu fechten, welche so sehr in Aufnahme kommt, wird den Ruhm von Seiner Majestät Armee vernichten, wenn sie auch nicht ihren Muth vernichtet.«

»Kein rechter Soldat verschmäht die Vorsicht. Selbst der Major Duncan, dem es an Tapferkeit Keiner zuvorthut, ist berühmt wegen seiner Sorgfalt für seine Leute.«

»Lundie hat seine Schwächen und vergißt den Säbel und die offenen Haiden in diesen Baum- und Büschengefechten. Aber, Mistreß Dunham, glaubt einem alten Soldaten, der bereits seine Fünfundfünfzig auf dem Rücken hat, wenn er Euch sagt, daß es keinen sicherern Weg gibt, den Feind zu ermuthigen, als wenn man ihn zu fürchten scheint, und daß es in diesem indianischen Kriegsleben keine Gefahr gibt, welche nicht die Einbildungen Eurer Amerikaner vermehrt oder erweitert hätte, bis sie zuletzt in jedem Busche einen Wilden sahen. Wir Schotten kommen aus einer nackten Gegend, brauchen diese Verstecke nicht und können auch keinen Geschmack daran finden; und so werdet Ihr sehen, Mistreß Dunham –«

Der Korporal machte einen Luftsprung, fiel vorwärts auf sein Gesicht und drehte sich dann aus den Rücken. All' Dieses geschah so plötzlich, daß Mabel kaum den scharfen Knall der Büchse, welche eine Kugel durch seinen Körper geschickt, gehört hatte. Kein Schreckensruf ertönte von den Lippen unsrer Heldin; sie zitterte nicht einmal, denn das Ereigniß war zu rasch, zu entsetzlich und zu unerwartet, als daß sie eine solche Schwäche zeigen konnte. Sie trat im Gegentheil hastig vorwärts, um dem Gefallenen beizuspringen. Es war noch so viel Leben in ihm, um aller Vorgänge bewußt zu sein. Sein Gesicht zeigte den wilden Blick eines Mannes, der durch den Tod plötzlich überrascht wird, und Mabel bildete sich in ruhigeren Augenblicken ein, es hätte den Ausdruck der späten Reue eines eigensinnigen und hartnäckigen Sünders getragen.

»Ihr müßt so schnell als möglich das Blockhaus zu erreichen suchen,« flüsterte M'Nab, als Mabel sich über ihn beugte, um die letzten Worte des Sterbenden aufzufangen.

Jetzt überfiel unsre Heldin das volle Bewußtsein ihrer Lage und der Notwendigkeit des Handelns. Sie warf einen schnellen Blick auf den Körper zu ihren Füßen, und als sie sah, daß der Athem entschwunden war, ergriff sie die Flucht. In wenigen Minuten gelangte sie zu dem Blockhause, und wie sie durch die Thüre eintreten wollte, wurde ihr dieselbe durch Jennie, die Soldatenfrau, welche im blinden Schrecken nur an ihre eigene Sicherheit dachte, mit Gewalt vor dem Gesichte zugeschlagen. Während Mabel sie einzulassen bat, vernahm man den Knall von fünf oder sechs Büchsen, und der dadurch veranlaßte neue Schrecken verhinderte das innen befindliche Weib, die Querhölzer schnell wegzunehmen, welche sie so geschickt vorgelegt hatte. Nach der Zögerung einer Minute jedoch fand Mabel, daß die widerstrebende Thür ihrem anhaltenden Drucke nachgab, woraus sie ihren schlanken Körper durch die Oeffnung zwängte, sobald sie weit genug war, um den Durchgang zu gestatten. Mittlerweile hatte das stürmische Klopfen ihres Herzens nachgelassen, und Mabel gewann nun wieder die nöthige Selbstbeherrschung, um besonnen zu handeln. Anstatt den fast krampfhaften Anstrengungen ihrer Gefährtin, die Thüre wieder zu schließen, nachzugeben, hielt sie dieselbe so lange offen, um sich zu überzeugen, daß Niemand von ihrer Partei zu sehen sei, der gegenwärtig zu dem Blockhause seine Zuflucht zu nehmen beabsichtigte, und gestattete erst dann das Verriegeln der Pforte. Ihre Anordnungen und Handlungen wurden jetzt ruhiger und besonnener. Sie legte nur einen einzigen Querbalken vor, und gab Jennie die Weisung, auch diesen wegzunehmen, wenn es die Sicherheit eines Freundes fordere. Dann stieg sie die Leiter hinauf in den oberen Raum, von wo aus sie durch eine Schießscharte die Insel so weit überblicken konnte, als es das umgebende Gebüsch gestattete. Sie ermahnte ihre Gefährtin unten, fest und besonnen zu sein, und untersuchte nun die Umgebungen, so gut es ihre Lage zuließ.

Zu ihrer großen Ueberraschung konnte Mabel auf der ganzen Insel keine lebende Seele, weder Freund noch Feind, entdecken. Weder ein Franzose, noch ein Indianer war sichtbar, obgleich eine kleine, wirbelnde, weiße Wolke, welche vor dem Winde hertrieb, ihr sagte, in welcher Gegend sie sie zu suchen habe. Die Schüsse waren aus der Richtung der Insel hergekommen, wo June zuerst erschienen war, obgleich Mabel nicht ermitteln konnte, ob der Feind noch auf jener Insel sei oder bereits auf der ihrigen gelandet habe. Sie ging nun zu der Schießscharte, welche die Richtung, in welcher M'Nab lag, beherrschte; aber ihr Blut erstarrte, als sie die drei Soldaten, augenscheinlich entseelt, an seiner Seite liegen sah. Sie hatten sich bei dem ersten Lärm auf einen Punkt zusammengezogen und waren fast gleichzeitig von dem unsichtbaren Feinde, welchen der Korporal mit so viel Verachtung betrachtete, niedergeschossen worden.

Weder Cap noch der Lieutenant Muir waren zu sehen. Mit klopfendem Herzen untersuchte Mabel jede Oeffnung zwischen den Bäumen, und bestieg sogar den obersten Stock oder das Dach des Blockhauses, wo sich ihr, so weit es die Gebüsche erlaubten, eine freie Aussicht über die ganze Insel darbot: aber mit keinem bessern Erfolg. Sie hatte erwartet, den Körper ihres Onkels wie die der Soldaten im Grase liegen zu sehen, aber es zeigte sich Nichts. Als sie ihre Augen nach der Gegend richtete, wo das Boot lag, fand sie es noch am Ufer befestigt, woraus sie dann folgerte, daß Muir durch irgend einen Zufall verhindert worden, seinen Rückzug dorthin zu bewerkstelligen. Kurz, auf der ganzen Insel herrschte Grabesruhe, und die Körper der erschlagenen Soldaten trugen dazu bei, die Scene so schrecklich zu machen, als sie außerordentlich war.

»Um Gottes willen, Mistreß Mabel,« rief das Weib von unten, denn obgleich diese ihre Furcht zu wenig zu beherrschen vermochte, um zu schweigen, so übte doch die feinere Bildung unserer Heldin, mehr noch als die Stellung ihres Vaters in dem Regiment, einen Einfluß auf die Weise der Anrede: »um des großen Gottes willen! Mistreß Mabel, sagen Sie mir, ob noch Einer von unsern Freunden am Leben ist? Es ist mir, als höre ich ein Stöhnen, welches immer schwächer und schwächer wird, und ich fürchte, es seien Alle erschlagen worden!«

Mabel erinnerte sich nun, daß Einer der Soldaten Jennie's Gatte war, und zitterte vor den unmittelbaren Folgen, wenn sie den Tod ihres Mannes so plötzlich erfahren würde. Zudem gab ihr das Stöhnen noch einige Hoffnung, obgleich sie fürchtete, es möchte von ihrem Onkel, den sie nirgends erblicken konnte, herrühren.

»Wir sind unter seiner heiligen Obhut, Jennie,« antwortete sie, »Wir müssen auf die Vorsehung bauen, und dürfen keines von den Mitteln verabsäumen, welche sie uns wohlwollend zu unserem Schutze bietet.

»Habt aus die Thüre Acht, und öffnet sie in keinem Fall ohne meine Anweisung.«

»O, sagen Sie mir, Mistreß Mabel, ob Sie nicht Sandy irgendwo sehen? Wenn ich ihn nur könnte wissen lassen, daß ich in Sicherheit bin: der gute Mann wäre ruhiger, mag er nun frei oder gefangen sein.«

Sandy war Jennie's Gatte, und lag todt hingestreckt in der Richtung der Schießscharte, durch welche Mabel eben blickte.

»Sie sagen mir nicht, ob Sie Sandy sehen können?« erwiderte das Weib ungeduldig ob Mabels Schweigen.

»Einige von unsern Leuten sind um M'Nab's Leiche versammelt,« war die Antwort; denn es schien Mabel ein Frevel, unter so schrecklichen Umständen geradezu eine Lüge zu sagen.

»Ist Sandy unter ihnen?« fragte die Frau mit einer erschreckenden Heftigkeit.

»Er wird sicherlich dabei sein, denn ich sehe Einen, Zwei, Drei, Vier, und Alle in den Scharlachröcken unseres Regiments.«

»Sandy!« rief das Weib halb wahnsinnig; »warum sorgst du nicht für dich, Sandy? Komm sogleich hieher Mann, und Theile das Schicksal deines Weibes in Wohl und Wehe. Das ist kein Augenblick für deine einfältige Disciplin und deine großthuerischen Begriffe von Ehre. Sandy! Sandy!«

Mabel hörte den Balken zurückschieben und die Thüre in ihren Angeln knarren. Erwartung, um nicht zu sagen Schrecken, fesselte sie an die Schießscharte, und bald gewahrte sie Jennie, wie sie durch das Gebüsch rauschte und dieser Gruppe des Todes zueilte. Ein Augenblick reichte hin, zu diesem unseligen Ort zu gelangen. Der Schlag geschah aber zu plötzlich und unerwartet, so daß die Aermste in ihrem Schrecken das Ganze seines Gewichts nicht zu fassen schien. Ein wilder, halb wahnsinniger Gedanke an Täuschung verwirrte ihre Sinne, und sie bildete sich ein, daß die Männer mit ihrer Angst ein Spiel trieben. Sie ergriff die Hand ihres Gatten – sie war noch warm –, und meinte ein verhaltenes Lächeln aus seinen Lippen zucken zu sehen.

»Warum willst du dein Leben so thöricht wegwerfen, Sandy?« rief sie, indem sie ihn am Arme zerrte. Ihr werdet Alle von diesen verfluchten Indianern ermordet werden, wenn Ihr Euch nicht wie wackere Soldaten in's Blockhaus begebt! Fort! Fort! verliert nicht die kostbaren Augenblicke.«

In ihrer verzweifelten Anstrengung zerrte das Weib den Körper ihres Gatten so, daß der Kopf sich vollständig drehte, und nun enthüllten ihr ein kleines Loch in der Schläfe (die Wirkung einer eingedrungenen Büchsenkugel) und einige Tropfen Blut, welche über die Haut rieselten, den Grund von ihres Mannes Schweigen. Als die schreckliche Wahrheit in ihrer ganzen Ausdehnung Jennie's Seele durchfuhr, schlug sie die Hände zusammen, stieß einen Schreckensruf aus, der alle benachbarten Inseln durchdrang, und stürzte der Länge nach auf den Körper des Gefallenen. So schrecklich, so durchbohrend und herzergreifend aber auch dieser Angstruf sein mochte, – er war Wohllaut gegen das Geschrei, welches ihm so rasch folgte, daß sich die Töne fast mit einander vermengten. Der schreckliche Kriegsruf erscholl aus den Verstecken der Insel, und etliche und zwanzig Wilde mit ihren fürchterlichen Kriegsfarben und andern Abzeichen stürzten wüthend hervor, um sich der ersehnten Skalpe zu versichern. Arrowhead war an der Spitze; sein Tomahawk zerschmetterte das Gehirn der bewußtlosen Jennie, und ihr bluttriefendes Haupthaar hing kaum zwei Minuten, nachdem sie das Blockhaus verlassen hatte, als Siegeszeichen an dem Gürtel ihres Mörders. Seine Gefährten waren nicht minder thätig, und M'Nab mit seinen Soldaten zeigte nicht länger den ruhigen Anblick schlummernder Menschen. Man ließ sie in ihrem Blute liegen, – unzweideutig verstümmelte Leichen.

Alles dieses geschah in viel kürzerer Zeit, als zu dessen Erzählung erfordert wurde, und Mabel war Augenzeuge davon. Sie stand wie gefesselt an einer Stelle, und blickte, wie durch Zauber gebannt, auf die ganze schreckliche Scene, ohne auch nur einen Augenblick an sich selbst oder ihre eigene Gefahr zu denken. Als sie jedoch bemerkte, daß der Ort, wo die Männer gefallen waren, von Wilden wimmelte, welche über den Erfolg ihres Ueberfalls frohlockten, fiel ihr auf einmal ein, daß Jennie die Thüre des Blockhauses offen gelassen hatte. Ihr Herz schlug heftig, denn jene Thüre stand als der einzige Schirm zwischen ihr und dem unmittelbaren Tode, und zu der Leiter eilend, war sie im Begriff, hinunter zu steigen, um sich wegen des Eingangs sicher zu stellen. Ihr Fuß hatte jedoch den Boden des zweiten Stocks noch nicht ganz erreicht, als sie die Thüre in ihren Angeln knarren hörte. Sie hielt sich für verloren. Auf ihre Kniee sinkend, bemühte sich das erschreckte, aber doch muthige Mädchen, sich zum Tode zu bereiten und ihre Gedanken zu Gott zu erheben. Die Liebe zum Leben war jedoch kräftiger als ihr Gebetsdrang, und während sie ihre Lippen bewegte, lauschten die argwöhnischen Sinne auf jeden Ton von unten. Als sie hörte, daß die Querbalken, die auf Zapfen liefen, vor die Thüre gelegt und in die Klammern eingehängt wurden, und zwar nicht nur einer, wie sie, in der Absicht, ihrem Onkel den Einlaß zu erleichtern, selbst befohlen hatte, sondern alle drei – da sprang sie wieder auf ihre Füße: alle geistlichen Betrachtungen verschwanden unter der Bedrängniß der Zeitlichkeit, und es schien, als ob alle ihre Seelenkräfte sich in dem Sinn des Gehörs concentrirt hätten.

Die Gedanken sind in einem so furchtbaren Augenblick nicht unthätig. Zuerst bildete sich Mabel ein, ihr Onkel sei in das Blockhaus getreten, und war im Begriff, die Leiter hinunter zu steigen und sich in seine Arme zu werfen; dann hielt sie aber der Gedanke wieder zurück, es könnte ein Indianer sein, welcher die Thür gegen Eindringlinge verschlossen habe, um mit Muße plündern zu können. Die tiefe Stille unten hatte nichts mit den kühnen, rastlosen Bewegungen Caps gemein, und schien eher auf einen Kunstgriff des Feindes zu deuten. War es ein Freund, so konnte es nur ihr Onkel oder der Quartiermeister sein, denn die schreckliche Ueberzeugung stellte sich nun unserer Heldin dar, daß die ganze Gesellschaft nur noch aus ihr und diesen Zweien bestünde, wenn überhaupt Letztere noch am Leben waren. Diese Betrachtung hielt Mabel im Schach, und es herrschte volle zwei Minuten ein athemloses Schweigen in dem Gebäude. Während dieser Zeit stand das Mädchen an dem Fuße der obern Leiter, indeß die Fallthüre, welche zu der untern führte, auf der entgegengesetzten Seite sich im Boden befand. Mabel war an ihren Platz festgebannt, denn jeden Augenblick fürchtete sie das schreckliche Gesicht eines Wilden durch die Oeffnung auftauchen zu sehen. Ihre Angst steigerte sich bald so sehr, daß sie sich schon nach einem Winkel, wo sie sich verbergen konnte, umsah, denn jede Verzögerung der Katastrophe, die ihr mit allen Schrecken vor der Seele stand, und war es auch nur die eines Augenblicks, gewährte ihr einigen Trost. Der Raum enthielt einige Fässer, und Mabel kroch hinter zwei derselben, wobei sie das Auge gegen jede Oeffnung brachte, durch welche sie nach der Fallthüre sehen konnte. Sie versuchte auf's Neue zu beten, aber der Augenblick war zu schrecklich, als daß sie hierin hätte Erleichterung finden können. Auch kam es ihr vor, als hörte sie ein leichtes Rascheln, wie wenn Jemand sich bemühe, mit der äußersten Vorsicht, die sich eben in ihrem Uebermaße verrathen mußte, die untere Leitung heraufzusteigen; dann folgte ein Knarren, das, wie sie gewiß wußte, von einer der Leitersprossen herrührte, da dieser Laut sich sogar unter ihrem leichten Gewicht zu erkennen gegeben hatte. Dieß war einer der Momente, wo man Jahre durchlebt. Leben, Tod, Ewigkeit und die schrecklichsten körperlichen Martern traten in kühnen Zügen aus der Flachheit des gewöhnlichen Lebens hervor, und man hätte Mabel in diesem Augenblick für ein schönes, bleiches Abbild ihrer selbst, für eine Statue ohne Bewegung und Leben halten können. Aber trotz dieser anscheinenden Erstarrung hatte es doch in ihrem kurzen Leben nie eine Zeit gegeben, wo sie besser gehört, deutlicher gesehen und lebhafter gefühlt hätte. Noch war in der Fallthüre nichts sichtbar; aber ihre Ohren, welche durch die Aufregung ihrer Gefühle außerordentlich geschärft waren, vernahmen deutlich, daß Jemand nur einige Zolle unter der Oeffnung im Boden sich befand. Bald wurde dieß auch dem Auge deutlich, indem das schwarze Haar eines Indianers so langsam in der Fallthüre auftauchte, daß man die Bewegungen des Kopfes mit dem Minutenzeiger einer Uhr vergleichen konnte; dann kamen die dunkle Haut und die wilden Züge, bis das Ganze des braunen Gesichtes sich über den Boden erhoben hatte.

Das menschliche Antlitz erscheint in einer theilweisen Verhüllung selten zu seinem Vortheil, und Mabels Einbildungskraft steigerte noch ihre Schrecken bei dem Anblick der schwarzen rollenden Augen und des wilden Ausdrucks, welchen das Gesicht des Indianers so zu sagen Zoll für Zoll enthüllte; aber als der ganze Kopf sich über die Flur erhoben hatte, versicherte ein zweiter und schärferer Blick unsre Heldin, daß sie das zarte, geängstigte und doch schöne Antlitz June's vor sich sah.

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