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Der Pfadfinder oder Das Binnenmeer

James Fenimore Cooper: Der Pfadfinder oder Das Binnenmeer - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Pfadfinder
publisherHoffmann'sche Verlags Buchhandlung.
printrunNeue unveränderte Auflage
year1869
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141112
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Neunzehntes Kapitel

– Dies war die Stelle.
Ein heitrer Landsitz, wechselnder Umgebung voll.

Milton.

 

Mabel wartete am Ufer, und der Kahn war bald auf dem Wasser. Pfadfinder brachte seine Begleitung mit derselben Geschicklichkeit über die Brandung, wie er sie hergeführt hatte; und obgleich die Aufregung Mabels Wangen röthete und das Herz ihr oft wieder aus die Zunge zu hüpfen drohte, so erreichten sie doch die Seite des Scud, ohne auch nur im Mindesten von dem Gischt benetzt worden zu sein.

Der Ontario gleicht einem Manne von feurigem Temperamente, der plötzlich aufbraust, aber auch schnell sich wieder besänftigen läßt. Die Wellen hatten sich gelegt, und obgleich die Brandungen, so weit das Auge reichte, sich am Ufer brachen, so erschienen sie doch dem Auge nur als glänzende Streifen, welche kamen und gingen, wie die einzelnen Wellenringe, welche ein Steinwurf auf ruhigem Wasser hervorbringt. Die Kabel des Scud war kaum über dem Wasser sichtbar, und Jasper hatte bereits seine Segel gehißt, um, sobald der erwartete Wind vom Ufer her wehte, abfahren zu können.

Die Sonne ging eben unter, als das Hauptsegel klappte und der Vordersteven das Wasser zu trennen begann. Der Wind ging leicht aus Süden, und der Schnabel des Schiffes wurde in der Richtung gegen das südliche Ufer gehalten, da man die Absicht hatte, so schnell als möglich ostwärts zu kommen. Die nun folgende Nacht war ruhig, und man konnte sich eines tiefen, ungestörten Schlafes erfreuen.

Es erhoben sich nun einige Schwierigkeiten wegen des Kommando's des Schiffes, welche jedoch zuletzt durch freundliche Uebereinkunft ausgeglichen wurden. Da das Mißtrauen gegen Jasper noch lange nicht beseitigt war, so erhielt Cap die Oberaussicht, während es dem jungen Manne gestattet wurde, das Fahrzeug zu handhaben, wobei er jedoch immer der Kontrolle und der Einrede des alten Seemanns unterworfen war. Jasper ließ sich dieß gefallen, damit Mabel nicht länger den Gefahren ihrer gegenwärtigen Lage ausgesetzt bliebe: denn da der Kampf der Elemente nachgelassen hatte, so wußte er wohl, daß sie von dem Montcalm aufgesucht werden würden. Er war jedoch vorsichtig genug, seine Besorgnisse über diesen Punkt nicht laut werden zu lassen, da zufällig gerade die Mittel, welche ihm für das Entrinnen die geeigneten schienen, in den Augen Derer, welche die Macht hatten, seine Absichten zu vereiteln, neue Zweifel gegen die Ehrlichkeit seiner Gesinnungen zu wecken im Stande sein mochten. Mit andern Worten – Jasper glaubte, der höfliche, junge Franzose, welcher das feindliche Schiff befehligte, würde seinen Ankerplatz unter dem Fort am Niagara verlassen und, sobald sich der Wind gelegt hatte, wieder in den See stechen, um sich über das Schicksal des Scud Gewißheit zu verschaffen, wobei er sich wahrscheinlich in der Mitte zwischen beiden Ufern hielt, um eine weitere Aussicht zu gewinnen. Es schien daher Jasper am zweckmäßigsten, sich an eine oder die andere Küste anzuschließen, nicht nur um ein Zusammentreffen zu vermeiden, sondern auch um unbemerkt weiter zu kommen, da seine Segel und Spieren auf der Landschaft im Hintergrunde undeutlicher sich ausnehmen mußten. Er zog das südliche Ufer vor, weil es auf der Luvseite lag, und weil er glaubte, daß ihn der Feind hier am wenigsten erwarten werde, da es nothwendig in die Nähe der französischen Ansiedelungen und zu einem der stärksten Posten führte, welchen Frankreich in diesem Theile Amerika's besaß.

Von all' Diesem wußte jedoch Cap glücklicherweise nichts, und des Sergeanten Geist war zu sehr mit den Einzelnheiten seines Auftrags beschäftigt, als daß er in solche Spitzfindigkeiten eingegangen wäre, welche eigentlich außer seinem Bereiche lagen. Es wurde daher Nichts dagegen eingewendet, und ehe noch der Morgen anbrach, hatte sich Jasper augenscheinlich in aller Ruhe wieder sein früheres Ansehen verschafft, und er erließ, als ob Nichts vorgefallen sei, seine Befehle, welchen auch ohne Zögerung und Ränke Folge geleistet wurde.

Das Aufdämmern des Tages brachte Alles am Bord wieder auf das Verdeck, und nun untersuchte man, wie es bei Reisenden auf dem Wasser gewöhnlich ist, neugierig den sich erschließenden Horizont, wie die Bilder aus der Dunkelheit hervortraten und das werdende Licht das herrliche Rundgemälde mit immer helleren Tinten übergoß. Gegen Osten, Westen und Norden war nichts als Wasser sichtbar, welches unter den Strahlen der ausgehenden Sonne glitzerte; aber im Süden dehnte sich ein endloser Waldgürtel aus, welcher damals den Ontario mit seinem dunkeln Grün umfaßt hielt. Da zeigte sich plötzlich vorne eine Oeffnung und dann die festen Mauern eines schloßartigen Gebäudes, mit Außenwerken, Basteien, Blockhäusern und Pallisaden, welches von einem Vorgebirge herabblickte, das die Mündung eines breiten Stromes begränzte. Eben, als das Fort sichtbar wurde, erhob sich über demselben eine leichte Wolke, und man sah die weiße Flagge von Frankreich an einem hohen Wimpelstocke flattern.

Cap stieß einen Schrei aus, als er diesen unerfreulichen Anblick gewahrte, und warf schnell seinem Schwager einen argwöhnischen Blick zu.

»Da hängt das schmutzige Tischtuch in der Luft, so wahr ich Charles Cap heiße,« brummte Cap, »und wir halten uns an dieses ver– Ufer, als harrten dort unsere Weiber und Kinder auf die Rückkehr von einer Indienfahrt. Hört, Jasper! sucht Ihr eine Ladung Frösche, daß Ihr diesem Neu-Frankreich so nahe segelt?«

»Ich halte mich an's Land, Herr, weil ich hoffe, so an dem feindlichen Schiffe unentdeckt vorbeizukommen, denn ich glaube, es muß dort unten irgendwo in unserm Lee sein.«

»Ja, ja, das klingt nicht übel, und ich hoffe, es wird auf das herauskommen, was Ihr sagt. Es wird doch hier kein Unterschlepper sein?«

»Wir sind jetzt nicht am Luv-Ufer,« sagte Jasper lächelnd, »und ich denke, Ihr werdet zugeben, Meister Cap, daß ein starker Unterschlepper ein gutes Kabel ist. Wir Alle haben diesem Unterschlepper des See's unser Leben zu verdanken.«

»Französisches Gewäsche!« brummte Cap, ohne daß er sich darum kümmerte, ob er von Jasper gehört werde oder nicht. »Gebt mir einen guten ehrlichen Englisch-Yankee-Amerikanischen Schlepper über Bord und über das Wasser obendrein, wenn ich ja einen Schlepper haben muß, aber nichts von Eurer kriechenden Abtrift unter der Oberfläche, wo man weder Etwas sehen, noch fühlen kann. Ich darf sagen, daß, wenn man die Sache im rechten Licht betrachten wollte, unser gestriges Entkommen nichts als ein Pfiff war.«

»Wir haben jetzt wenigstens eine gute Gelegenheit, den feindlichen Posten am Niagara zu recognosciren, Bruder; denn für diesen muß ich das Fort halten,« warf der Sergeant ein. »Laßt uns beim Vorübersegeln ganz Auge sein, und nicht vergessen, daß wir fast im Angesicht des Feindes sind.«

Dieser Rath des Sergeanten bedurfte keiner weiteren Bekräftigung, denn das Interesse und die Neuheit eines von menschlichen Wesen bewohnten Platzes hatte für die Vorbeifahrenden einen hinlänglichen Reiz, um ihre gespannteste Aufmerksamkeit auf dieses Schauspiel einer weiten aber einsamen Natur zu lenken. Der Wind war jetzt stark genug, um den Scud mit beträchtlicher Schnelle durch das Wasser zu drängen, und Jasper lüpfte das Steuer, als das Fahrzeug durch die Strömung des Flusses fuhr, und luvte fast in der Mündung dieser großartigen Wasserstraße, oder dieses Stromes, wie man ihn sonst nennt, an. Ein fernes dumpfes, schweres Donnern kam zwischen den Gestaden herab, und verbreitete sich in den Strömungen der Luft wie die tieferen Töne einer ungeheuren Orgel; hin und wieder schien selbst die Erde zu erbeben.

»Das tönt wie die Brandung einer langen, ununterbrochenen Küste,« rief Cap, als ein ungewöhnlich tiefer Ton sein Ohr erreichte.

»Ja, das ist so eine Brandung, wie wir sie in dieser Weltgegend haben,« antwortete Pfadfinder. »Da ist kein Unterschlepper, Meister Cap, denn alles Wasser, welches dort an die Felsen schlägt, geht nicht wieder zurück. Es ist der alte Niagara, den ihr hört, oder dieser edle Strom hier, der über ein Gebirg hinunterstürzt.«

»Es wird doch Niemand die Unverschämtheit haben, behaupten zu wollen, daß dieser schöne, breite Fluß über jene Hügel hinabstürze?«

»Ja, das thut er, Meister Cap, das thut er, und aus keinem andern Grunde, als weil er keine Stiegen oder keinen Weg hat, um anders hinunter zu kommen. Das ist eine Natur, wie wir sie hier herum haben, obschon ich nicht sagen will, daß Ihr uns mit Eurem Meere nicht die Spitze bieten könntet. Ach, Mabel! was für eine glückliche Stunde wäre es, wenn wir an diesem Strome so zehn oder fünfzehn Meilen hinaufgehen und alle die Herrlichkeiten betrachten könnten, die Gott hier geschaffen hat.«

»Ihr habt demnach diese berühmten Fälle gesehen, Pfadfinder?« fragte Mabel lebhaft.

»Ja, Mabel, ich habe sie gesehen, und war zu gleicher Zeit der Zeuge eines entsetzlichen Schauspiels. Der Serpent und ich lagen auf Kundschaft in der Nähe der dortigen Garnison, und er erzählte mir, daß die Ueberlieferungen seines Volkes von einem mächtigen Wasserfall in der Nachbarschaft berichteten, wobei er mich aufforderte, von der Marschlinie ein wenig abzuweichen, um dieses Weltwunder zu betrachten. Ich hatte wohl schon manches Wunderbare darüber von den Soldaten des sechzigsten Regiments gehört – denn dieses ist mein eigentliches Korps, und nicht das fünfundfünfzigste, zu welchem ich mich später so lange gehalten habe –: aber im ganzen Regiment waren so viele arge Aufschneider, daß ich kaum die Hälfte von dem, was sie sagten, glaubte. Nun – wir gingen, und obgleich wir erwarteten, durch unser Gehör geleitet zu werden, und etwas von dem Donner zu hören hofften, den wir heute vernahmen, so wurden wir doch getäuscht, denn die Natur sprach damals nicht in den gewaltigen Tönen dieses Morgens. So geht es in den Wäldern, Meister Cap; es gibt dort Augenblicke, wo Gott in seiner ganzen Macht einher zu gehen scheint, und dann ist wieder Alles so stille, als ob sich Sein Geist in Ruhe über der Erde gelagert hätte. Nun – wir kamen plötzlich an den Strom, nicht weit über dem Falle, und ein junger Delaware, der in unserer Gesellschaft war, fand einen Rindenkahn, welchen er in die Strömung bringen wollte, um eine Insel zu erreichen, die gerade im Mittelpunkt des Getümmels und der Verwirrung liegt. Wir suchten ihm seine Thorheit auszureden und stellten ihm die Vermessenheit vor, die Vorsehung versuchen und sich in eine Gefahr stürzen zu wollen, die zu gar keinem Ziele führte. Aber die jungen Leute unter den Delawaren sind wie die unter den Soldaten – wagehalsig und großthuerisch. Er beharrte trotz unserer Einsprache auf seinem Sinne, und so mußten wir den Burschen gehen lassen. Es scheint mir, Mabel, als ob alles wirklich Große und Gewaltige eine gewisse ruhige Majestät an sich habe, welche nichts mit der schaumigen und aussprudelnden Weise kleinerer Dinge gemein hat, und so war es auch mit den dortigen Stromschnellen. Sobald sie der Kahn erfaßt hatten, ging es abwärts, als ob er durch die Luft herabflöge, und keine Geschicklichkeit des jungen Delawaren vermochte der Strömung zu widerstehen. Er wehrte sich noch männlich um sein Leben und brauchte das Ruder bis zum letzten Augenblick, wie der Hirsch, der im Schwimmen die Hunde von sich wirft. Zuerst schoß er so schnell quer durch die Strömung, daß wir dachten, er werde den Sieg davontragen; aber er hatte sich in der Entfernung verrechnet, und als ihm die schreckliche Wahrheit klar wurde, so kehrte er den Schnabel stromaufwärts, und kämpfte auf eine Weise, welche furchtbar anzusehen war. Ich hätte Mitleid mit ihm haben müssen, und wenn er ein Mingo gewesen wäre. Einige Augenblicke waren seine Anstrengungen so wüthend, daß er wirklich der Gewalt des Wassers erfolgreich widerstand; aber die Natur hat ihre Gränzen, und ein unsicherer Ruderschlag warf ihn zurück; er verlor dann Fuß um Fuß, Zoll um Zoll sein Feld, bis er an die Stelle kam, wo der Strom grün und glatt aussieht, und sich wie in Millionen Wasserfäden über einen ungeheuren Felsen beugt. Da flog er wie ein Pfeil hinab, und verschwand, wobei der Bug des Kahns gerade noch so weit auftauchte, daß wir sehen konnten, was aus ihm geworden war. Ich traf einige Jahre nachher einen Mohawk, der unten vom Bette des Stromes aus die ganze Scene mit angesehen hatte, und er sagte mir, daß der Delaware mit Rudern in der Luft fortgemacht habe, bis er ihm in dem Wasserstaube der Fälle aus dem Gesicht entschwunden sei.«

»Und was wurde aus dem armen Unglücklichen?« fragte Mabel, welche an der kunstlosen Beredtsamkeit des Sprechers warmen Antheil genommen hatte.

»Er ging ohne Zweifel in die glücklichen Jagdgründe seines Volkes; denn obgleich er sich hier als einen Wagehals und Großthuer erwies, so war er doch auch gerecht und tapfer. Ja, er starb in der Thorheit dahin, aber der Manito der Rothhäute hat Mitleid mit seinen Geschöpfen, so gut als der Gott der Christen.«

In diesem Augenblick wurde eine Kanone von dem Blockhaus in der Nähe des Forts abgefeuert, und die Kugel, welche gerade keine von den schweren war, pfiff über den Mast des Kutters hin – eine Mahnung, sich nicht näher heran zu wagen. Jasper stand an dem Steuer und hielt zu gleicher Zeit lächelnd ab, als ob ihn die Rohheit dieser Begrüßung wenig kümmere. Der Scud war nun in der Strömung, und eine Drehung nach außen brachte ihn bald genug so weit leewärts, daß von einer Wiederholung des Schusses keine Gefahr zu befürchten stand, worauf er dann ruhig seinen Curs längs des Ufers fortsetzte. Als der Strom offen vor ihren Augen lag, überzeugte sich Jasper, daß der Montcalm sich nicht in demselben vor Anker befand, und ein Mann, der nach dem Top hinaufgeschickt wurde, kam mit der Nachricht zurück, daß sich am ganzen Horizont kein Segel blicken lasse. Man hatte nun gute Hoffnung, daß Jaspers Kunstgriff geglückt sei, und daß der französische Befehlshaber sie verfehlt habe, als er bei seinem Vorwärtssteuern auf die Mitte des See's abhielt.

Den ganzen Tag hing der Wind gegen Süden hin, und der Kutter setzte seinen Curs, ungefähr eine Stunde vom Lande ab, in dem vollkommen glatten Wasser fort, wobei er sechs oder acht Knoten in der Stunde segelte.

Obgleich die Scene ziemlich einförmig war, und nur aus einem ununterbrochenen Wäldersaume an dem Wasser bestand, so gewährte sie doch einiges Interesse und Vergnügen. Man kam an vielen Vorgebirgen vorbei, wobei der Kutter durch Buchten segelte, welche sich so tief in's Land hineinstreckten, daß man sie füglich Golfe nennen konnte; aber nirgends traf das Auge die Spuren der Civilisation. Hin und wieder gaben Flüsse, deren Zug man meilenweit in das Land hinein nach den Umrissen der Bäume verfolgen konnte, ihren Zoll an das große Becken des See's ab, und selbst die weiten Baien, die von Wäldern umzogen waren und mit dem Ontario nur durch schmale Straßen in Verbindung standen, kamen und verschwanden, ohne nur eine Spur menschlicher Ansiedelung zu zeigen.

Unter Allen am Bord blickte Pfadfinder mit dem ungetheiltesten Vergnügen auf dieses Schauspiel. Seine Augen hafteten an der endlosen Linie von Wäldern, und ungeachtet er sich in Mabels Nähe so wohl fühlte, indem er dem Klange ihrer lieblichen Stimme zuhorchte und ihr heiteres Lachen in seiner Seele widertönen ließ, so sehnte sich sein Herz doch mehr als einmal an diesem Tage, unter jenen hohen Bogen der Ahornbäume, der Eichen und Linden zu wandern, wo er seinen früheren Gewohnheiten gemäß allein ein dauerndes und wahres Vergnügen hoffen konnte. Cap betrachtete diesen Anblick mit andern Augen. Mehr als einmal drückte er sein Unbehagen aus, daß man hier keine Leuchtturme, Kirchthürme, Feuerwarten oder Rheden mit ihren Schiffen zu Gesicht bekomme. Er versicherte, daß auf der ganzen Welt keine derartige Küste mehr zu finden sei, und betheuerte allen Ernstes gegen den Sergeanten, welchen er beiseits nahm, daß aus dieser Gegend nie Etwas werden könne, weil die Häfen vernachlässigt seien, die Flüsse verlassen und nutzlos aussehen, und selbst der Wind einen Waldgeruch mit sich führe, welcher nicht zu Gunsten seiner Eigenschaften spreche.

Aber die Launen der verschiedenen Passagiere hielten den Scud nicht in seinem Laufe auf. Als die Sonne sank, war er bereits hundert Meilen auf dem Wege nach dem Oswego, wo der Sergeant einzulaufen sich für verpflichtet hielt, um etwaige weitere Mittheilungen von Seite Major Dunhams einzuholen. In Folge dessen fuhr Jasper fort, sich die ganze Nacht über am Ufer zu halten, und obgleich der Wind gegen Morgen nachzulassen begann, so hielt er doch noch so lange an, daß man den Kutter an einen Punkt bringen konnte, der, wie sie wußten, nur ein paar Stunden von dem Fort entfernt war. Hier blies der Wind leicht aus Norden, und der Scud wurde ein wenig vom Lande gehalten, um genug offene See zu gewinnen, wenn derselbe stärker blasen oder nach Osten umspringen sollte.

Mit der Morgendämmerung hatte der Kutter die Mündung des Oswego in der Entfernung von etwa zwei Meilen gut unter seinem Lee, und als eben vom Fort aus die Morgensalve abgefeuert wurde, gab Jasper Befehl, die Schoten abzuschacken und sich dem Hafen zu nähern. In diesem Augenblick lenkte ein Schrei von der Back aus Aller Augen auf einen Punkt an der Ostseite des Ausflusses, und dort, gerade außer der Schußweite des leichten Geschützes auf den Werken, lag mit so weit eingezogenen Segeln, um sich an der Stelle zu halten, der Montcalm, augenscheinlich ihre Ankunft erwartend.

Es war unmöglich, daran vorbei zu kommen, denn mit gefüllten Segeln konnte das französische Schiff den Scud in wenigen Minuten einholen, und die Umstände forderten einen schnellen Entschluß. Nach einer kurzen Berathung änderte der Sergeant wieder seinen Plan und beschloß nun, so schnell als möglich gegen die Station steuern zu lassen, nach welcher der Scud ursprünglich bestimmt war, wobei er hoffte, sein schnelles Fahrzeug werde den Feind so weit im Rücken lassen, daß derselbe über ihre Bewegungen keinen Aufschluß bekäme.

Der Kutter wurde in Folge dieses Entschlusses ohne Verzug windwärts gehalten, und Alles, was zur Beschleunigung seines Laufes dienen konnte, beigesetzt. Aus dem Fort wurden Kanonen gelöst, Flaggen ausgesteckt und die Wälle wimmelten wieder von Menschen – Lundie konnte jedoch seiner Partie statt aller Unterstützung nur seine Theilnahme bieten. Auch der Montcalm feuerte höhnend vier bis fünf Kanonen ab, zog einige französische Flaggen auf, und begann bald unter einer Wolke von Segeln seine Jagd.

Einige Stunden drängten sich die beiden Fahrzeuge so schnell als möglich durch das Wasser und machten gegen den Wind kurze Streckungen, augenscheinlich in der Absicht, den Hafen unter dem Lee zu behalten, das Eine, um wo möglich in den Hafen einzulaufen, das Andere, um den Feind bei diesem Versuch abzufangen.

Um Mittag befand sich der Rumpf des französischen Schiffes todt leewärts, denn die Ungleichheit des Segelns in dem Winde war sehr groß; auch lagen einige Inseln in der Nähe, hinter welchen, nach Jaspers Aussage, der Kutter seine weiteren Bewegungen wahrscheinlich verbergen konnte. Obgleich Cap, der Sergeant und insbesondere Lieutenant Muir, ihren Reden zufolge, noch einen starken Verdacht gegen den jungen Mann fühlten, und Frontenac nicht ferne war, so wurde doch sein Rath angenommen, denn die Zeit drängte, und der Quartiermeister bemerkte kluger Weise, daß Jasper seinen Verrath nicht vollführen könne, ohne offen in den feindlichen Hafen einzulaufen, ein Schritt, welchem sie jeder Zeit zuvorkommen könnten, zumalen der einzige bedeutende Kreuzer der Franzosen im gegenwärtigen Augenblick unter ihrem Lee liege und nicht in der Lage sei, ihnen einen unmittelbaren Nachtheil zuzufügen.

Da nun Jasper sich selbst überlassen war, zeigte er bald, was er wirklich zu leisten vermochte. Er segelte luvwärts um die Inseln, ging an ihnen vorbei, und hielt, als er wieder herauskam, breit ab, so daß hinter ihrem Kielwasser und in ihrem Lee nichts die Aussicht hinderte. Beim Niedergang der Sonne war der Kutter wieder vor der ersten der Inseln, welche am Ausgangspunkte des See's liegen, und ehe es dunkel wurde, segelte er durch die schmalen Kanäle, welche zu der langgesuchten Station führten. Um neun Uhr verlangte jedoch Cap, daß man Anker werfe, denn die Irrgänge der Inseln wurden so verwickelt und undeutlich, daß er bei jeder Oeffnung fürchtete, die Gesellschaft möchte, ehe sie sich's versehe, unter den Kanonen eines französischen Forts liegen. Jasper gab gerne seine Einwilligung, da es theilweise zu seiner Dienstvorschrift gehörte, der Station sich nur unter Umständen zu nähern, welche verhinderten, daß die Mannschaft eine genaue Kenntniß von der Lage derselben erhielt, damit nicht etwa ein Deserteur die kleine Garnison dem Feinde verrathen möchte.

Der Scud wurde in eine kleine, etwas abgelegene Bai gebracht, wo er selbst am Tage nur schwer aufzufinden gewesen wäre, und also die Nacht über vollständig gesichert war, obschon Alles, mit Ausnahme einer einzelnen Schildwache auf dem Verdeck, sich zur Ruhe begab. Cap war durch die Anstrengung der letzten achtundvierzig Stunden so abgemattet, daß er in einen langen und tiefen Schlaf fiel, und erst mit dem Grauen des Tages wieder erwachte. Er hatte jedoch seine Augen kaum geöffnet, als ihm sein seemännischer Instinkt zu erkennen gab, daß das Fahrzeug sich wieder durch die Inseln wand, ohne daß Jemand Anders als Jasper und der Pilot auf dem Verdecke war, die Schildwache ausgenommen, welche nicht das Mindeste gegen diese Bewegungen einzuwenden hatte, da sie allen Grund zu haben glaubte, sie für eben so regelmäßig als nothwendig zu halten.

»Was soll das, Meister Western?« fragte Cap mit Heftigkeit. »Wollt Ihr uns endlich nach Frontenac hinüberbringen, während wir Alle unten schlafen, wie andere Seeleute, welche auf den Ruf der Schildwache warten?«

»Mein Befehl lautet so, Meister Cap. Major Duncan hat befohlen, ich solle mich der Station nie anders nähern, als wenn die Mannschaft im untern Raume ist, denn er wünscht nicht, daß es mehr Lootsen in diesem Wasser gebe, als der König braucht.«

»Hu – hu –! ein sauberes Geschäft, wenn ich da unter diesen Büschen und Felsen mit nur einem Mann auf dem Verdeck hätte hinunter fahren sollen. Der beste Yorker Matrose wüßte nichts auf einem solchen Kanale zu machen.«

»Ich habe immer gedacht, Herr,« sagte Jasper lächelnd, »Ihr hättet besser gethan, den Kutter so lange meinen Händen zu überlassen, bis er glücklich an den Ort seiner Bestimmung gelangt wäre.«

»Wir würden es gethan haben, Jasper; wir würden es gethan haben, wenn nicht ein Indiz eingetreten wäre. Solche Indizien oder Umstände sind gar ernstlicher Natur, und kein vernünftiger Mann wird darüber wegsehen.«

»Nun, Herr! ich hoffe, es hat jetzt ein Ende damit. Wir haben nicht ganz mehr eine Stunde zu fahren, wenn der Wind so fortmacht, und dann werdet Ihr gegen alle nur erdenklichen Umstände gesichert sein.«

»Hum!«

Cap mußte sich beruhigen, und da Alles um ihn her das Ansehen hatte, als ob es Jasper ehrlich meine, so gab er sich um so leichter darein. Es wäre auch in der That für den empfindlichsten Indizien-Witterer schwer gewesen, sich einzubilden, daß der Scud in der Nachbarschaft eines so lange bestehenden und an der Gränze so wohl bekannten Hafens, wie Frontenac war, sich befinde. Die Inseln waren wohl nicht gerade buchstäblich Tausend an der Zahl, aber immerhin doch so viele und unbedeutende, unter denen freilich hin und wieder eine von größeren Umfang sich befand, daß man nicht an ein Zählen derselben denken durfte. Jasper hatte die Straße, welche man den Hauptkanal nennen konnte, verlassen, und wand sich unter einem guten, steifen Winde und günstiger Strömung durch die Pässe, welche bisweilen so enge wurden, daß der Raum kaum hinreichte, um die Spieren des Scud klar vor den Bäumen vorbeizubringen, während er ein andermal durch kleine Baien schoß, und sich dann wieder zwischen Felsen, Wäldern und Büschen verlor. Das Wasser war so durchsichtig, daß man keines Senkblei's bedurfte, und da es so ziemlich eine gleiche Tiefe hatte, so konnte man ohne besondere Gefahr durchkommen, obgleich der an das Meer gewöhnte Cap wegen des Anstoßens beständig in Fieberangst lag.

»Ich geb' es auf, ich geb' es auf, Pfadfinder!« rief der alte Seemann endlich aus, als das kleine Fahrzeug aus dem zwanzigsten dieser schmalen Durchlässe, durch welche es mit so viel Kühnheit geführt worden war, glücklich auftauchte. »Das heißt der Natur der Seemannskunst Trotz bieten, und alle ihre Gesetze und Regeln zum T–l schicken.«

»Nein, nein, Salzwasser! Das ist die Vollendung der Kunst, Ihr seht, daß Jasper nie strauchelt, sondern wie ein Hund mit guter Nase, den Kopf aufrecht, dahinschießt, als ob er Alles durch den Geruch erkenne. Ich setze mein Leben zum Pfand, daß uns der Junge zuletzt an den rechten Ort bringt, wie er es auch schon von Anfang an gethan haben würde, wenn man ihn hätte machen lassen.«

»Kein Lootse, kein Senkblei, keine Backen, keine Bojen, keine Leuchtthürme, keine –«

»Fährte,« unterbrach ihn Pfadfinder; »denn das ist für mich das Wunderbarste bei der ganzen Sache. Wasser hinterläßt keine Fährte, wie Jedermann weiß; und doch geht Jasper hier so kühn vorwärts, als hätte er die Abdrücke der Moccasins aus den Blättern so deutlich vor Augen, als wir die Sonne am Himmel sehen können.«

»Gott v– mich, wenn ich glaube, daß überhaupt nur ein Kompaß da ist.«

»Legt bei, um den Klüver nieder zu halten,« rief Jasper, der zu den Bemerkungen seines Kunstverwandten nur lächelte. »Halt nieder – das Steuer an Backbord – hart Backbord – so – recht so – gemach da mit dem Steuer – leicht berührt – nun schnell an's Land, Junge – nein, aufwärts; da sind Einige von unsern Leuten, die es aufnehmen können.«

Alles dieß ging mit einer Geschwindigkeit vor sich, daß die Zuschauer kaum Zeit hatten, die verschiedenen Schwenkungen zu bemerken, bis der Scud in den Wind geworfen war, und das große Segel killte; dann fiel er unter Beihilfe des Ruders ein wenig ab, und legte sich der Länge nach an eine natürliche Felsenkaje, wo er alsbald durch gute, an's Ufer laufende Taue befestigt wurde. Mit einem Wort, die Station war erreicht, und die Soldaten des Fünfundfünfzigsten wurden von den auf sie harrenden Kameraden mit der Freude begrüßt, welche eine Ablösung gewöhnlich mit sich bringt.

Mabel sprang mit einem Entzücken, welchem sie unbekümmert den Lauf ließ, an's Ufer, und ihr Vater hieß seine Leute mit einer Freudigkeit folgen, welche zeigte, wie müde er des Kutters geworden war. Die Station, denn so wurde dieser Ort gewöhnlich von den Soldaten des fünfundfünfzigsten Regiments genannt, war auch in der That geeignet, bei Leuten, welche so lange in einem Fahrzeug von dem Umfang des Scud eingesperrt gewesen waren, freudige Hoffnungen zu erregen. Keine der Inseln war hoch, obgleich alle weit genug aus dem Wasser hervorragten, um vollkommen gesund und sicher zu sein. Jede hatte mehr oder weniger Bäume, die größere Zahl war aber in jenen Zeiten noch mit Urwald bedeckt. Die von den Truppen für ihren Zweck ausgewählte war klein (sie umfaßte ungefähr zwanzig Morgen Landes), und durch irgend einen Zufall der Wildniß vielleicht schon Jahrhunderte vor dem Zeitraum unserer Erzählung theilweise ihrer Bäume beraubt worden, so daß beinahe die Hälfte derselben aus Grasgrund bestand. Nach der Vermuthung des Offiziers, welcher diese Stelle für einen militärischen Posten ausgesucht, hatte eine sprudelnde Quelle in der Nähe frühe die Aufmerksamkeit der Indianer auf sich gezogen, welche bei Gelegenheit ihrer Jagden und des Salmenfanges die Insel häufig besuchten, ein Umstand, durch den der Nachwuchs niedergehalten und den Gräsern Zeit gelassen wurde, sich einzuwurzeln und die Herrschaft über den Boden zu gewinnen. Mochte übrigens die Ursache sein, welche sie wollte, die Wirkung war, daß diese Insel ein weit schöneres Ansehen als die meisten benachbarten hatte, und gewissermaßen ein Gepräge von Civilisation trug, welches man damals in diesen ausgedehnten Gegenden so sehr vermißte.

Die Ufer der Station-Insel waren ganz von Gebüsch umfaßt, und man hatte Sorge getragen, es zu erhalten, da es dem Zwecke eines Schirms entsprach, der die Personen und Gegenstände im Innern verbarg. Durch diesen Schutz sowohl, als auch durch mehrere Baumdickichte und verschiedenes Unterholz begünstigt, hatte man sechs oder acht niedrige Hütten errichtet, die dem Offizier und seiner Mannschaft zu Wohnungen dienten und zu Aufbewahrung der Küchen-, Spital- und anderer Vorräthe benützt wurden. Diese Hütten waren, wie gewöhnlich, aus Baumstämmen gebaut und mit Rinde bedeckt, wozu das Material von abgelegeneren Orten beigeführt worden war, damit die Spuren menschlicher Arbeit nicht die Aufmerksamkeit auf sich ziehen möchten; und da sie nur einige Monate bewohnt gewesen, so waren sie so behaglich, als derartige Wohnungen nur immer sein konnten.

Am östlichen Ende der Insel befand sich eine dichtbewaldete Halbinsel, mit so verwachsenem Unterholz, daß man, so lange die Blätter an den Zweigen waren, nicht durchzusehen vermochte. In der Nähe des schmalen Streifens, der dieses Gehölze mit der übrigen Insel verband, lag ein kleines Blockhaus, welches einigermaßen in wehrhaften Stand versetzt worden war. Die Stämme waren schußfest, vierkantig und mit einer Sorgfalt zusammengefügt, daß kein Punkt unbeschützt blieb. Die Fenster hatten die Gestalt von Schießscharten; die Thüre war klein und schwer, und das Dach wie der übrige Theil des Gebäudes aus behauenem Stammholz, welches man, um den Regen abzuhalten, mit Rinde bedeckt hatte. Der untere Raum enthielt, wie gewöhnlich, die Vorräthe und Lebensmittel, von welchen die Mannschaft den Abgang ihres Bedarfs ersetzte; der zweite Stock diente sowohl zu einer Wohnung als zu einer Citadelle, und das niedrigste oberste Gelaß war in zwei oder drei Dachkammerchen abgetheilt, in denen für zehn oder fünfzehn Personen Lager ausgeschlagen werden konnten. Alle diese Einrichtungen waren außerordentlich einfach und wohlfeil; aber sie reichten hin, die Soldaten gegen die Wirkungen eines unerwarteten Ueberfalls zu schützen. Da das ganze Gebäude noch lange nicht die Höhe von vierzig Fuß hatte, so war es bis zum Giebel durch die Wipfel der Bäume bedeckt und konnte nur von Denen, welche sich im Innern der Insel befanden, gesehen werden; ebenso bot sich in dieser Richtung von den obern Schießscharten eine freie Aussicht dar, obgleich auch hier mehr oder weniger Gebüsch vorhanden war, welches die untern Theile des hölzernen Thurmes verbarg.

Da man bei Errichtung dieses Blockhauses nur die Vertheidigung im Auge gehabt hatte, so war dafür gesorgt worden, daß es nahe genug bei einer Aushöhlung des Tuffgesteins erbaut wurde, welches die oberste feste Schichte der Insel ausmachte, damit man sich aus dieser Cisterne für den Fall einer Belagerung das wesentlichste Bedürfniß – das Wasser – durch Herablassen von Schöpfeimern verschaffen konnte. Um dieses Geschäft zu erleichtern und die Basis des Gebäudes von oben bestreichen zu können, sprangen wie es bei Blockhäusern gewöhnlich ist, die obern Stockwerk um mehrere Fuß über die untern vor, wobei in die hervorragenden Balkenlagen Oeffnungen gehauen waren, welche die Dienste von Schießlöchern und Fallthüren verrichten konnten, gewöhnlich aber mit Holzstücken bedeckt wurden. Die Verbindung zwischen den verschiedenen Stockwerken wurde durch Leitern vermittelt. Wenn wir noch hinzufügen, daß solche Blockhäuser in den Garnisonen und Ansiedelungen für den Fall eines Angriffs als Citadellen, in welche man sich zurückziehen konnte, dienten, so wird der Leser sich eine hinreichend genaue Vorstellung von den Anordnungen machen können, welche wir ihm hier vorzuführen beabsichtigten.

Den größten Vortheil für eine militärische Besatzung gewährte jedoch die Lage der Insel. Es war nicht leicht, sie mitten aus zwanzig anderen herauszufinden, zumal da Fahrzeuge ganz nahe vorbeikommen konnten, ohne daß man dieselbe nach den Blicken, welche die offenen Stellen zuließen, für etwas mehr, als für ein Stück von einer andern gehalten hätte. In der That waren auch die Kanäle zwischen den benachbarten Inseln so schmal, daß es, selbst wenn man zur genauen Ermittelung der Wahrheit einen Standort im Mittelpunkt derselben gewählt hätte, schwer gewesen wäre, zu sagen, welche Theile des Landes verbunden, und welche getrennt seien. Besonders war die kleine Bucht, deren sich Jasper als eines Hafens bediente, so von Gebüsch überwölbt und von Inseln eingeschlossen, daß selbst das Schiffsvolk des Kutters, als einmal gelegentlich seine Segel niedergelassen waren, nach der Rückkehr von einem kurzen Fischzuge den Scud in den benachbarten Kanälen vier Stunden lang suchen mußte. Kurz, der Ort war wunderbar geeignet für seine gegenwärtigen Zwecke, wobei noch die natürlichen Vortheile, welche er bot, mit so viel Scharfsinn verbessert worden waren, als Sparsamkeit und die beschränkten Mittel eines Gränzpostens nur immer gestatten mochten.

Die Stunde, welche der Ankunft des Scud folgte, war voll heftiger Aufregung. Die Mannschaft, welche bisher im Besitz des Postens war, hatte nichts Bemerkenswerthes ausgerichtet und sehnte sich, ihrer Abgeschlossenheit müde, nach Oswego zurück. Der Sergeant und der abzulösende Offizier waren kaum mit den unbedeutenden Förmlichkeiten der Uebergabe zu Ende, als Letzterer mit seiner ganzen Mannschaft an den Bord des Scud eilte, worauf Jasper, der wohl gerne einen Tag auf dieser Insel zugebracht hätte, die Weisung erhielt, unter Segel zu gehen, da der Wind eine rasche Fahrt stromaufwärts und über den See in Aussicht stellte. Vor der Abreise hielten jedoch Lieutenant Muir, Cap und der Sergeant mit dem abgelösten Fähndrich eine geheime Besprechung, in welcher dem Letzteren der Verdacht mitgetheilt wurde, welcher sich gegen die Treue des jungen Schiffers erhoben hatte. Der Offizier versprach gehörige Vorsicht, schiffte sich ein, und in weniger als drei Stunden nach seiner Ankunft war der Kutter wieder in Bewegung.

Mabel hatte von einer der Hütten Besitz genommen, und traf mit weiblicher Gewandtheit und Fertigkeit nicht nur für ihre eigene, sondern auch für ihres Vaters Bequemlichkeit die Anordnungen, welche die Umstände gestatteten. Zur Erleichterung der Mühe wurde in einer benachbarten Hütte eigens ein Speisetisch für die ganze Mannschaft errichtet, welchen die Soldatenfrau beschickte. Die Wohnung des Sergeanten, die beste auf der ganzen Insel, blieb also von den gewöhnlichen Obliegenheiten der Haushaltung befreit, und Mabel konnte daher so sehr ihrem eigenen Geschmack die Zügel lassen, daß sie das erste Mal seit ihrer Ankunft an der Gränze mit einem gewissen Stolze auf ihre häusliche Einrichtung blickte. Sobald sie sich dieser wichtigen Pflichten entledigt hatte, streifte sie auf der Insel umher, und schlug einen Pfad ein, der durch einen schönen Baumgang zu der einzigen Stelle führte, welche nicht mit Gebüsch bedeckt war. Hier stand sie, den Blick auf das durchsichtige Wasser gerichtet, welches mit einer fast unbewegten Fläche zu ihren Füßen lag, und sann über die Neuheit der Lage nach, in welche sie versetzt war. Eine freudige und tiefe Erregung überflog ihre Seele, als sie sich der Scenen erinnerte, die sie erst jüngst durchlebt hatte, und sich in Vermuthungen über jene erging, welche noch im Schooße der Zukunft schlummerten.

»Sie sind ein schönes Geräthe an einer schönen Stelle, Mistreß Mabel,« sagte David Muir, der plötzlich an ihrer Seite erschien, »und ich möchte nicht darauf wetten, daß Sie nicht das Anmuthigste von Beiden sind.«

»Ich will nicht sagen, Herr Muir, daß Komplimente, welche mir gelten, so ganz unwillkommen seien, denn man würde mir vielleicht doch keinen Glauben schenken,« antwortete Mabel; »aber ich möchte Ihnen bemerklich machen, daß, wenn Sie sich herablassen wollten, mir anderartige Bemerkungen mitzutheilen, dieß mich zu dem Glauben veranlassen würde, Sie trauten mir hinlängliche Fähigkeiten zu, solche zu verstehen.«

»Ach Ihr Geist, schöne Mabel, ist so blank, wie der Lauf einer Soldaten-Muskete, und Ihre Unterhaltung ist nur zu klug und weise für einen armen Teufel, der seit vier Jahren hier oben an den Gränzen Birkenzweige kaut, statt derselben in einer Anwendung theilhaftig zu werden, welche die Eigenschaften hat, das Wissen zu befördern. Aber ich denke, es thut Ihnen nicht leid, meine Dame, daß Sie Ihren schönen Fuß wieder einmal auf festen Boden setzen können?«

»Es scheint mir so, seit zwei Stunden, Herr Muir; aber der Scud sieht, wie er da durch diese Oeffnungen der Bäume segelt, so hübsch aus, daß ich beinahe bedauern möchte, nicht mehr zu seinen Passagieren zu gehören.«

Mabel hörte auf zu sprechen und schwenkte ihr Taschentuch, um den Gruß Jaspers zu erwiedern, welcher mit unverwandten Augen nach ihr zurückblickte, bis die weißen Segel des Kutters um eine Spitze bogen, in deren grünem Blättersaume sie sich beinahe ganz verloren.

»Da gehen sie hin, und ich will nicht sagen, Freude möge sie begleiten; aber möchten sie doch glücklich wieder zurückkommen, denn ohne sie wären wir in Gefahr den Winter auf dieser Insel zubringen zu müssen, wenn uns statt dessen nicht ein Aufenthalt in dem Schloß zu Quebec blüht. Jener Jasper Eau-douce ist eine Art Landstreicher, und es gehen in der Garnison Gerüchte über ihn, die ich nicht ohne Herzeleid hören kann. Ihr würdiger Vater und Ihr fast eben so würdiger Onkel, haben nicht die beste Meinung von ihm.«

»Es thut mir leid, so Etwas zu hören, Herr Muir: doch zweifle ich nicht, daß die Zeit alles Mißtrauen beseitigen wird.« »Wenn die Zeit nur das Meinige beseitigen würde,« erwiederte der Quartiermeister mit einschmeichelndem Tone, »so wollte ich keinen General beneiden. Ich glaube, wenn ich in der Lage wäre, mich vom Dienst zurückziehen zu können, so würde der Sergeant in meine Schuhe treten.«

»Wenn mein Vater würdig ist, in Ihre Schuhe zu treten, Herr Muir,« erwiederte das Mädchen mit boshaftem Muthwillen, »so bin ich überzeugt, daß die Befähigungen gegenseitig, und Sie in jeder Hinsicht würdig sind, in die seinigen zu treten.«

»Der Teufel steckt in dem Mädchen! – Sie wollen mich doch nicht zu dem Rang eines Unteroffiziers zurücksetzen, Mabel?«

»Gewiß nicht, Herr! denn ich habe gar nicht an die Armee gedacht, als Sie von Ihrem Rückzug sprachen. Meine Gedanken waren selbstsüchtiger, und es schwebte mir gerade vor, wie sehr Sie mich durch Ihre Erfahrung und Ihre Weisheit an meinen lieben Vater erinnern, und wie sehr Sie geeignet wären, seinen Platz in einer Familie einzunehmen.«

»Als ein Bräutigam in derselben, schöne Mabel, aber nicht als Vater oder natürliches Haupt. Ich sehe, wie es mit Ihnen steht, und liebe Ihre schnellen und witzsprühenden Erwiederungen. Ich liebe den Geist bei jungen Frauenzimmern, wenn es nur nicht der Geist des Zankes ist. – Dieser Pfadfinder ist ein außerordentlicher Mann, Mabel, wenn man die Wahrheit von ihm sagen will.«

»Man muß die Wahrheit oder gar nichts von ihm sagen. Pfadfinder ist mein Freund – ein mir sehr werther Freund, Herr Muir, und man darf ihm in meiner Gegenwart nie etwas Uebles nachreden, ohne daß ich Einsprache dagegen thun werde.«

»Ich versichere Sie, Mabel, daß ich ihm nichts Uebles nachreden will; aber zu gleicher Zeit muß ich doch bezweifeln, ob sich viel Gutes zu seinen Gunsten sagen läßt.«

»Er weiß wenigstens mit der Büchse gut umzugehen,« erwiederte Mabel lächelnd; »das werden Sie ihm doch nicht in Abrede ziehen können?«

»Was seine Thaten in dieser Beziehung anbelangt, so mögen Sie ihn so hoch stellen, als Ihnen beliebt; aber er ist so ungebildet als ein Mohawk.«

»Er versteht vielleicht nichts von dem Lateinischen; aber die Sprache der Irokesen kennt er besser, als die meisten Weißen, und diese ist jedenfalls in unserm Erdwinkel die nützlichere von beiden.«

»Wenn Lundie selbst mich aufforderte, ihm zu sagen, ob ich Ihre Person oder Ihren Witz mehr bewundere, meine schöne, spöttische Mabel, so wüßte ich nicht, was ich antworten sollte. Meine Bewunderung ist so sehr zwischen beiden getheilt, daß ich bald der einen, bald dem andern die Palme zuerkennen muß. Ach, die verstorbene Mistreß Muir war auch ein solches Musterbild.«

»Sie sprechen von der zuletzt verstorbenen Mistreß Muir, Herr?« fragte Mabel mit einem unschuldigen Blick aus ihren Gefährten.

»Ach, das ist eine von Pfadfinders Lästerungen. Gewiß hat der Bursche es versucht, Sie zu überreden, daß ich schon mehr als einmal verheirathet gewesen sei?«

»In diesem Falle wäre seine Mühe vergebens gewesen, Herr; denn Jedermann weiß, daß Sie das Unglück hatten, schon vier Frauen zu verlieren.«

»Nur drei, so wahr mein Name David Muir ist. Die vierte ist reiner Scandal, oder vielmehr noch in petto, wie man in Rom sagt, schöne Mabel; und das bedeutet in Liebesangelegenheiten so viel, als im Herzen.«

»Nun, ich bin froh, daß ich nicht diese vierte Person in petto oder in etwas Anderem bin, denn es wäre mir nicht angenehm, ein Scandal zu sein.«

»Haben Sie deßhalb keine Furcht, meine bezaubernde Mabel, denn wenn Sie die Vierte sind, werden alle Andern vergessen sein, und Ihre wundervollen Reize und Verdienste würden Sie auf einmal zur Ersten erheben. Sie dürfen nicht fürchten, in irgend Etwas die Vierte zu sein.«

»Es liegt ein Trost in dieser Versicherung, Herr Muir,« sagte Mabel lachend, »was es auch sonst mit den andern Versicherungen für eine Bewandtniß haben mag; denn ich gestehe, daß ich lieber eine Schönheit des vierten Ranges, als die vierte Frau eines Mannes sein möchte.«

Mit diesen Worten entfernte sie sich, und überließ es dem Quartiermeister, über seinen Erfolg nachzudenken.

Mabel war zu einer so freimüthigen Benützung ihrer weiblichen Vertheidigungsmittel veranlaßt worden – einmal, weil ihr Verehrer in der letzten Zeit sich aus eine Weise benommen hatte, daß sie die Nothwendigkeit einer runden und ernstlichen Abfertigung fühlte, und dann durch seine Sticheleien gegen Jasper und den Pfadfinder. Obgleich raschen Geistes, war sie von Natur nicht vorlaut, und nur bei der gegenwärtigen Gelegenheit hielt sie sich durch die Umstände zu einer mehr als gewöhnlichen Entschiedenheit aufgefordert. Als sie daher ihren Gesellschafter verlassen hatte, hoffte sie endlich der Aufmerksamkeiten enthoben zu sein, welche ihr eben so übel angebracht schienen, als sie ihr unangenehm waren.

David Muir aber dachte anders. An Körbe gewöhnt und in der Tugend der Beharrlichkeit geübt, sah er keinen Grund, zu verzweifeln, obgleich die halbdrohende, halbzufriedene Weise, mit welcher er bei dem Rückzuge des Mädchens mit dem Kopfe nickte, so unheilvolle als entschiedene Entwürfe verrathen mochte. Während er so mit sich selbst zu Raths ging, näherte sich der Pfadfinder und kam unbemerkt bis auf einige Fuß auf ihn zu.

»'s wird nicht gelingen, Quartiermeister; 's wird nicht gelingen;« begann Letzterer mit seinem tonlosen Lachen; »sie ist jung und lebhaft, und nur ein rascher Fuß kann sie einholen. Man sagt mir, Sie seien ihr Anbeter, obgleich Sie ihr nicht nachgehen.«

»Und ich höre dasselbe von Euch, Mann, obgleich die Anmaßung so stark wäre, daß ich sie kaum für wahr halten kann.«

»Ich fürchte, Sie haben Recht; ja, ja, – ich fürchte, Sie haben Recht: wenn ich überlege, was ich bin, wie wenig ich weiß und wie roh mein Leben gewesen ist, so habe ich ein geringes Vertrauen auf meine Ansprüche, nur einen Augenblick an ein so gut erzogenes, heiteres, frohsinniges und zartes Mädchen denken zu dürfen.«

»Ihr vergeßt das ›schön‹;« unterbrach ihn Muir auf eine etwas rohe Weise.

»Ja, schön ist sie auch, fürchte ich,« erwiederte der bescheidene und anspruchslose Wegweiser. »Ich hätte die Schönheit bei ihren übrigen Eigenschaften mit berühren sollen; denn das junge Reh, das eben erst hüpfen lernt, hat in den Augen eines Jägers nicht mehr Anmuth, als Mabel in den meinigen. Ich fürchte in der That, daß alle Gedanken an sie, welche ich in mir beherberge, eitel und anmaßend sind.«

»Wenn Ihr vielleicht aus natürlicher Bescheidenheit das von Euch selbst glaubt, mein Freund, so halte ich es für meine Pflicht, um unserer alten Kameradschaft willen Euch zu sagen –«

»Quartiermeister,« unterbrach ihn der Andere mit einem durchdringenden Blicke, »Sie und ich haben lange mit einander hinter den Wällen des Forts gelebt, aber sehr wenig draußen in den Wäldern, oder im Angesichte des Feindes.«

»Garnison oder Zelt – beides gilt, wie Ihr wißt, Pfadfinder, für einen Theil des Feldzuges. Zudem fordert mein Beruf, daß ich mich mehr in der Nähe der Magazine aufhalte, obschon dieß ganz gegen meine Neigung ist, wie Ihr wohl denken könnt, da Ihr selber die Glut des Kampfes in Euren Adern fühlt. Aber wenn Ihr gehört hättet, was Mabel eben von Euch sagte, so würdet Ihr keinen Augenblick mehr daran denken, Euch dieser über alle Vergleichung frechen und widerspenstigen Dirne angenehm machen zu wollen.«

Pfadfinder blickte den Lieutenant mit Ernst an, denn es war unmöglich, daß er nicht ein Interesse an Mabels Aeußerungen hätte fühlen sollen; aber er hatte zu viel angeborne Zartheit und wahren Edelmuth, um zu fragen, was Andere von ihm sagten. Muir war jedoch durch diese Selbstverläugnung und Selbstachtung nicht zu überwältigen, denn da er es mit einem Manne von großer Wahrheitsliebe und Einfalt zu thun zu haben glaubte, so beschloß er, auf seine Leichtgläubigkeit einzuwirken, und auf diese Weise sich von seinem Nebenbuhler zu befreien. Er verfolgte daher den Gegenstand, sobald er bemerkte, daß die Selbstverläugnung seines Gefährten stärker sei als seine Neugierde.

»Ihr müßt ihre Ansicht erfahren, Pfadfinder,« fuhr er fort, »und ich glaube, Jedermann sollte hören, was seine Freunde und Bekannte von ihm sagen. Ich will es Euch daher, um Euch meine Achtung gegen Euren Charakter und Eure Gefühle zu beweisen, in so kurzen Worten, als möglich, mittheilen. Ihr wißt, daß Mabel mit ihren Augen ein schlimmes und boshaftes Spiel treibt, wenn sie im Sinne hat, den Gefühlen eines Mannes zuzusetzen.«

»Mir schienen ihre Augen immer gewinnend und sanft, Lieutenant Muir, obgleich ich zugeben will, daß sie bisweilen lachen. Ja, ich habe sie lachen sehen, und zwar recht herzlich und mit aufrichtigem Wohlwollen.«

»Wohl, das war es aber gerade. Ihre Augen lachten, so zu sagen aus aller Macht, und mitten in ihrem Muthwillen brach sie in einen Ausruf aus – ich hoffe, es wird doch Eure Empfindlichkeit nicht verletzen, Pfadfinder?«

»Ich will das nicht sagen, Quartiermeister; ich kann das nicht versprechen. Es liegt mir an Mabels Meinung von mir mehr, als an der der meisten Andern.«

»Dann werde ich Euch nichts sagen, sondern die Sache bei mir behalten. Und warum sollte auch Jemand einem Andern erzählen, was seine Freunde über ihn sagen, zumal wenn Etwas zu sagen ist, was ihm nicht angenehm sein möchte, zu hören. Ich werde dem, was ich bereits mittheilte, kein Wort mehr zufügen.«

»Ich kann Sie nicht zum Reden zwingen, wenn Sie es nicht gerne thun wollen, Quartiermeister, und vielleicht ist es besser für mich, Mabels Aeußerungen nicht zu kennen, da Sie zu glauben scheinen, daß sie nicht zu meinen Gunsten seien. Ach! wenn wir sein könnten, was wir gerne möchten, statt daß wir nur sind, was wir sind, so würde wohl ein großer Unterschied in unsern Charakteren, unserm Wissen und in unserm äußern Erscheinen stattfinden. Wir können immer roh, plump, unwissend, und doch glücklich sein, wenn wir es nur nicht wissen; aber es ist hart, unsre Gebrechen im stärksten Lichte sehen zu müssen, wenn wir gerade am wenigsten von ihnen hören möchten.«

»Das ist eben das Rationale, wie die Franzosen sagen, an der Sache; und das sagte ich auch Mabel, als sie weglief und mich allein ließ. Ihr habt wohl gesehen, wie sie auf und davon ging, als Ihr Euch nähertet?«

»Das war leicht bemerklich,« sagte Pfadfinder mit einem schweren Athemzuge, und umfaßte seinen Büchsenlauf, als ob er seine Finger in das Eisen graben wollte.

»Es war mehr als bemerklich – es war augenfällig; das ist das rechte Wort, und man würde nach stundenlangem Suchen kein besseres in dem Wörterbuchs finden. Ja, Ihr sollt es erfahren, Pfadfinder, denn ich kann Euch vernünftigerweise die Gunst nicht verweigern, es Euch wissen zu lassen. So hört denn – das ungezogene Ding hüpfte lieber auf diese Weise davon, als daß sie angehört hätte, was ich zu Eurer Rechtfertigung sagen wollte.«

»Und was hätten Sie über mich sagen können, Quartiermeister?«

»Ei, Ihr müßt mich verstehen, mein Freund; ich hing von den Umständen ab und konnte mich nicht unklugerweise in Allgemeinheiten einlassen, aber ich bereitete mich vor, dem Einzelnen so zu sagen durch Einzelnheiten zu begegnen. Wenn sie Euch für einen wilden Menschen, einen halben Indianer, für so eine Art Transformation hielt, so konnte ich ihr, wie Ihr wißt, sagen, daß dieses von dem wilden und halbindianischen Gränzleben herkomme, welches Ihr führt, wodurch denn alle ihre Einwürfe auf einmal zum Schweigen gebracht worden wären, oder es hätte so eine Art Mißverständniß mit der Vorsehung stattfinden müssen.«

»Und Ihr habt ihr das wirklich gesagt, Quartiermeister?«

»Ich kann nicht gerade auf die Worte schwören, aber die Idee war vorherrschend in meiner Seele, wie Ihr Euch denken könnt. Das Mädchen war ungeduldig und wollte nicht die Hälfte von dem hören, was ich zu sagen hatte, sondern sprang fort, wie Ihr mit Euren eigenen Augen gesehen habt, Pfadfinder, als ob sie mit ihren Ansichten vollkommen im Reinen sei und nichts mehr zu hören brauche. Ich fürchte, sie ist zu einem bestimmten Entschluß gekommen.«

»Ich fürchte das auch, Quartiermeister; und Allem nach ist ihr Vater irriger Meinung. Ja, ja, der Sergeant ist in einem traurigen Irrthum befangen.«

»Nun, Mann! – was braucht Ihr da zu jammern und den guten Ruf, den Ihr Euch durch so viele mühevolle Jahre erworben habt, zu Schanden zu machen. Nehmt Eure Büchse, die Ihr so gut zu brauchen wißt, auf die Schulter, und fort mit Euch in die Wälder; denn es lebt kein weibliches Geschöpf, welches auch nur das Herzeleid einer Minute werth wäre, wie ich aus eigener Erfahrung weiß. Ich gebe Euch das Wort eines Mannes, welcher dieses Geschlecht kennt und zwei Weiber gehabt hat, daß die Weiber überhaupt eine Art Geschöpfe sind, die wir uns ganz anders vorstellen, als sie in der That sind. Nun, wenn Ihr Mabel demüthigen wollt, so habt Ihr hier eine so herrliche Gelegenheit, als sie ein zurückgewiesener Liebhaber nur immer wünschen kann.«

»Es wäre mein letzter Wunsch, Lieutenant, Mabel zu demüthigen.«

»Nun, Ihr werdet am Ende doch noch so weit kommen; denn es liegt in der menschlichen Natur, denen Unlust zu bereiten, welche uns Unlust bereitet haben. Aber eine bessere Gelegenheit hat sich noch nie dargeboten, die Liebe Eurer Freunde zu gewinnen, als in dem gegenwärtigen Augenblicke, und dieß ist das sicherste Mittel, die Feinde so weit zu bringen, daß sie uns beneiden.«

»Quartiermeister, Mabel ist nicht meine Feindin, und wenn sie es auch wäre, so würde ich doch zuletzt wünschen, ihr einen unangenehmen Augenblick zu verursachen.«

»Ihr sagt so, Pfadfinder, Ihr sagt so – und ich glaube auch, daß Ihr so denkt; aber Vernunft und Natur sind gegen Euch, wie Ihr zuletzt selbst noch finden werdet. Ihr kennt ja das Sprüchwort: ›Liebst du mich, so liebst du auch all' das Meinige,‹ und das bedeutet rückwärts gelesen: ›Liebst du das Meinige nicht, so liebst du auch mich nicht.‹ Nun hört, was Ihr zu thun die Macht habt. Ihr wißt, daß wir hier auf einem äußerst unsichern Posten und so zu sagen fast in dem Rachen des Löwen sind?«

»Sie verstehen unter dem Löwen die Franzosen, und unter seinem Rachen diese Insel, Lieutenant?«

»Nur bildlich, mein Freund; denn die Franzosen sind keine Löwen und dieses Eiland kein Rachen, wenn es sich uns nicht etwa als das Rachenbein (Kinnbacken) eines Esels erweisen sollte, was ich sehr befürchte.«

Hier überließ sich der Quartiermeister einem höhnischen Lachen, welches nicht gerade eine besondere Achtung und Bewunderung gegen die Klugheit seines Freundes Lundie ausdrückte, der diesen Ort für seine Operationen ausgewählt hatte.

»Der Ort ist so gut gewählt, als nur irgend einer, auf den ich meinen Fuß gesetzt habe,« sagte Pfadfinder, und blickte um sich, wie man ein Gemälde zu betrachten pflegt. »Ich will das nicht in Abrede ziehen. Lundie ist ein großer Krieger in einer kleinen Weise, und sein Vater war auf dieselbe Art ein großer Laird. Ich bin auf seinen Gütern geboren und folgte dem Major so lange, daß ich Alles verehre, was er spricht und thut; das ist eben meine schwache Seite, wie Ihr wohl wißt, Pfadfinder. Nun, mögen die Leute diesen Posten für den eines Esels oder den eines Salomons halten, jedenfalls ist seine Lage eine sehr bedenkliche, wie man aus Lundie's Vorsichtsmaßregeln und Einschärfungen deutlich erkennen kann. Es liegen auf diesen Tausend-Inseln und in den Wäldern Wilde, welche nach dem Orte unseres Aufenthalts spähen, wie Lundie aus sichern Mittheilungen wohl weiß, und es wäre der größte Dienst, den Ihr dem Fünfundfünfzigsten zu leisten vermöchtet, wenn Ihr eine Fährte auffinden und ihnen eine falsche Witterung beibringen könntet. Unglückseligerweise bildet sich Sergeant Dunham ein, daß die Gefahr stromaufwärts zu befürchten sei, weil Frontenac über uns liegt, indeß uns doch die Erfahrung lehrt, daß die Indianer stets von einer Seite kommen, die am meisten mit einer vernünftigen Berechnung im Widerspruch steht, so daß wir sie also eher von unten herauf erwarten dürfen. Nehmt daher Euern Kahn und fahrt stromabwärts durch diese Inseln, damit wir doch Kunde erhalten, wenn sich uns von dieser Seite irgend eine Gefahr näherte. Wenn Ihr Euch dann auf einige Meilen in dem See umsehen würdet, zumal auf der Yorker Seite, so würden Eure Berichte wohl die genauesten und deßhalb auch die werthvollsten sein.«

»Der Big Serpent liegt in dieser Richtung auf der Spähe, und da er die Station genau kennt, so wird er uns ohne Zweifel zeitlich genug Nachricht geben, wenn man uns von dieser Seite aus zu umgehen wünscht.«

»Es ist aber im Grunde doch nur ein Indianer, Pfadfinder, und dieß ist eine Angelegenheit, welche die Kenntniß eines weißen Mannes fordert. Lundie wird dem Manne ewig dankbar sein, welcher dazu beiträgt, daß man sich aus dieser kleinen Unternehmung mit fliegenden Fahnen herauswickeln kann. Um Euch die Wahrheit zu sagen, mein Freund, er fühlt es, daß er die Sache nie hätte versuchen sollen; aber er hat zu viel von des alten Lairds Starrköpfigkeit an sich, um seinen Irrthum einzugestehen, obschon dieser so augenfällig ist, als der Morgenstern.«

Der Quartiermeister fuhr fort, seinem Gefährten zuzureden, um ihn zu einem unverzüglichen Aufbruch von den Inseln zu veranlassen, wobei er sich solcher Gründe bediente, wie sie ihm der Augenblick darbot; gelegenheitlich widersprach er sich auch, und brachte nicht selten ein Motiv zum Vorschein, dem er im nächsten Augenblick gerade das entgegengesetzte folgen ließ. So einfach auch der Pfadfinder war, so entgingen ihm doch diese Brüche in des Lieutenants Philosophie nicht, obgleich er nicht entfernt vermuthete, daß sie in dem Wunsche ihren Grund hatten, die Küste von einem Anbeter Mabels zu säubern. Er setzte schlechten Gründen gute entgegen, widerstand jeder Versuchung, welche er nicht mit seinem Pflichtgefühl in Einklang bringen konnte, und war so taub als gewöhnlich gegen jede lockende Einflüsterung, die vor seinem Rechtlichkeitssinne nicht zu bestehen vermochte. Er hatte allerdings von Muirs geheimen Beweggründen keine Ahnung, war aber auch eben so weit entfernt, sich durch dessen Sophistereien blenden zu lassen, und das Ergebniß lief daraus hinaus, daß sich Beide nach einer langen Zwiesprache unüberzeugt und mit gegenseitigem Mißtrauen trennten, obschon der Argwohn des Wegweisers, wie Alles, was mit diesem Manne in Verbindung stand, das Gepräge seines aufrichtigen, uneigennützigen und edlen Charakters trug.

Eine Besprechung, welche später zwischen dem Sergeanten Dunham und dem Lieutenant stattfand, war erfolgreicher. Nach Beendigung derselben erhielt die Mannschaft geheime Befehle; das Blockhaus und die Hütten wurden besetzt, und wer an die Bewegungen der Soldaten gewöhnt war, konnte leicht entdecken, daß ein Ausflug im Werke war. In der That kam auch der Sergeant, als die Sonne eben untergieng, von dem sogenannten Hafen, wo er beschäftigt gewesen, mit Cap und Pfadfinder in seine Hütte, und als er sich an den Tisch, welchen Mabel für ihn zierlich beschickt, gesetzt hatte, begann er den Vorrath seines Wissens auszukramen.

»Du wirst wahrscheinlich hier von einigem Nutzen sein, mein Kind,« fing der alte Soldat an, »wie dieses gut und zu rechter Zeit angerichtete Nachtessen bezeugen kann, und ich glaube, daß du, wenn der geeignete Augenblick kommt, dich als den Abkömmling Derer beweisen wirst, welche wissen, wie man den Feind in's Auge fassen muß.«

»Ihr erwartet doch nicht, lieber Vater, daß ich die Johanna von Arc spielen und die Mannschaft in's Treffen führen soll?«

»Wen spielen, Kind? Habt Ihr je Etwas von der Person gehört, von welcher Mabel spricht, Pfadfinder?«

»Nein, Sergeant: wie sollte ich das? ich bin unwissend und ohne Erziehung, und es ist mir ein zu großes Vergnügen, auf ihre Stimme zu horchen und ihre Worte in mich aufzunehmen, als daß ich mich um andere Personen kümmern sollte.«

»Ich kenne sie,« sagte Cap, »sie segelte im letzten Krieg mit Kapernbriefen von Morlaix aus, und war ein guter Kreuzer.«

Mabel erröthete, daß sie unachtsam eine Anspielung gemacht hatte, welche über ihres Vaters Belesenheit ging; und vielleicht auch, von ihres Onkels Ueberklugheit gar nicht zu sprechen, ein bischen ob Pfadfinders schlichtem und doch sinnreichem Ernste, obgleich sie nicht umhin konnte, über den Letztern zu lächeln.

»Nun, Vater, ich hoffe nicht, daß man mich zu der schlagfertigen Mannschaft rechnet, und daß ich die Insel vertheidigen helfen soll?«

»Und doch haben in diesem Welttheile die Weiber oft solche Dinge gethan, Mädchen, wie dir unser Freund hier, der Pfadfinder, erzählen kann. Damit es dich aber nicht überrascht, wenn du uns bei deinem morgigen Erwachen nicht mehr siehst, so muß ich dir nur sagen, daß wir diese Nacht noch abzuziehen gedenken.«

»Wie, Vater? und Ihr wollt mich und Jennie allein auf dieser Insel lassen?«

»Nicht doch, meine Tochter! Wir handeln nicht so unmilitärisch. Wir werden den Lieutenant Muir, Bruder Cap, Korporal M'Nab und drei Soldaten hier lassen, aus denen in unserer Abwesenheit die Garnison bestehen wird. Jennie wird bei dir in dieser Hütte wohnen, und Bruder Cap meine Stelle einnehmen.«

»Und Herr Muir?« fragte Mabel, ohne selber zu wissen, was sie sagte, obgleich sie voraussah, daß diese Anordnung sie wieder neuen Zudringlichkeiten aussetzen werde.

»Ei, er kann dir den Hof machen, wenn du das gerne hast, Mädchen, denn er ist ein verliebter Jüngling, und da er schon vier Weiber geliefert hat, so kann er es nicht erwarten, durch die Wahl einer fünften zu zeigen, wie er ihr Andenken ehrt.«

»Der Quartiermeister sagte mir,« versetzte Pfadfinder unschuldig, »daß das Gemüth eines Mannes, wenn es durch so viele Verluste durcheggt sei, auf keine zweckmäßigere Weise besänftigt werde, als wenn man den Boden auf's Neue aufpflüge, damit keine Spur der Vergangenheit mehr zurückbleibe.«

»Ja, das ist gerade der Unterschied zwischen Pflügen und Eggen,« erwiederte der Sergeant mit höhnischem Lächeln. »Doch er mag gegen Mabel sein Herz ausleeren, und dann wird seine Freierei ein Ende haben. Ich weiß recht wohl, daß meine Tochter nie das Weib des Lieutenant Muir werden wird.«

Er sagte Dieß in einer Weise, welche mit der Erklärung gleichbedeutend war, daß die fragliche Person nie der Gatte seiner Tochter werden solle. Mabel erröthete, zitterte, und ein halbes Lachen vermochte das Unbehaglichkeitsgefühl, welches sie ergriff, nicht zu verhehlen. Als sie sich jedoch wieder gefaßt hatte, sprach sie mit einer heiteren Stimme, welche ihren innern Kampf vollständig verbarg:

»Aber Vater, wir würden wohl besser thun, zu warten, bis sich Herr Muir erklärt, ob ihn Eure Tochter haben wolle, oder vielmehr, daß er Eure Tochter haben wolle, damit man uns nicht, wie in der Fabel, die sauren Trauben in's Gesicht werfe.«

»Was ist das für eine Fabel, Mabel?« fragte hastig der Pfadfinder, der von dem Unterricht, welcher den Weißen gewöhnlich ertheilt wird, nicht besonders viel genossen hatte; »erzählen Sie uns das in Ihrer angenehmen Weise, denn sicherlich hat es der Sergeant noch nie gehört.«

Mabel erzählte die bekannte Fabel, und zwar, wie ihr Verehrer gewünscht hatte, in ihrer eigenen angenehmen Weise, wobei dieser seine Augen unverwandt auf ihr Antlitz heftete, während ein Lächeln seine ehrlichen Züge überflog.

»Das sieht dem Fuchse gleich,« rief Pfadfinder, als sie zu Ende war; »ja, und auch einem Mingo – schlau und grausam, das ist die Weise dieser beiden schleichenden Thiere. Was die Trauben anbelangt, so sind sie sauer genug in dieser Gegend, selbst für diejenigen, welche sie kriegen können, obgleich ich sagen darf, daß es Zeiten und Orte gibt, wo sie für die, welche keine bekommen, noch saurer sind. So möchte ich glauben, daß mein Skalp in den Augen eines Mingo sehr sauer ist.«

»Die sauren Trauben werden an einem andern Wege wachsen, Kind, und wahrscheinlich wird Herr Muir sich darüber zu beschweren haben. Du möchtest wohl diesen Mann nie heirathen, Mabel?«

»Gewiß nicht,« fiel Cap ein, – »so einen Burschen, der im Grunde doch nur ein halber Soldat ist. Die Geschichte mit diesen Trauben da ist in der That ein Umstand.«

»Ich denke überhaupt gar nicht an's Heirathen, lieber Vater und lieber Onkel, und wenn es Euch beliebt, so wollen wir lieber weniger davon reden. Wenn ich aber überhaupt an's Heirathen dächte, so glaube ich kaum, daß meine Wahl auf einen Mann fallen würde, der es bereits mit drei oder vier Weibern versucht hat.«

Der Sergeant nickte dem Wegweiser zu, als wolle er sagen – du siehst, wie die Sachen stehen – und wechselte dann aus Rücksicht für die Gefühle seiner Tochter den Gegenstand der Unterhaltung.

»Weder du, Bruder Cap, noch Mabel,« fing er an, »keines von Beiden, darf eine gesetzliche Autorität über die kleine Garnison, welche ich auf der Insel zurücklasse, ausüben, obschon Ihr zu einem Rath oder einem sonstigen Einfluß berechtigt seid. Streng genommen wird Korporal M'Nab der kommandirende Offizier sein, und ich habe mir Mühe gegeben, ihm die Würde und Wichtigkeit seines Amtes begreiflich zu machen, damit er dem Einflusse des höher gestellten Lieutenants Muir nicht zu viel Spielraum lasse; denn da dieser ein Freiwilliger ist, so hat er kein Recht, sich in den Dienst zu mischen. Ich wünsche, daß du den Korporal unterstützest, Bruder Cap, denn wenn der Quartiermeister einmal die Dienstregeln dieser Expedition durchbrochen hat, so möchte er eben so gut mir als dem M'Nab befehlen wollen.«

»Besonders, wenn ihn in deiner Abwesenheit Mabel triftig kappt. Es versteht sich von selbst, Sergeant, daß du Alles, was flott ist, meiner Sorge überlassest? Aus Mißverständnissen zwischen den Befehlshabern auf dem Wasser und dem Land sind oft die verkehrtesten Verwirrungen hervorgegangen.«

»In einer Beziehung, ja, Bruder, obgleich im Allgemeinen der Korporal Oberbefehlshaber ist. Die Geschichte erzählt uns in der That, daß eine Trennung des Kommando's zu Schwierigkeiten führt, und ich möchte diese Gefahr vermeiden. Der Korporal muß den Befehl führen: aber du kannst ihm freimüthig deinen Rath mittheilen, besonders in allen Angelegenheiten, welche auf die Boote Bezug haben, von denen ich Euch eines zurücklassen werde, um für den Nothfall unsren Rückzug zu sichern. Ich kenne den Korporal, er ist ein tapferer Mann und ein guter Soldat, auf den man sich verlassen kann, wenn die Santa-Cruz von ihm fern gehalten werden kann. Aber dann ist er ein Schotte, und wird dem Einflusse des Quartiermeisters nachgeben, gegen den ihr Beide, du und Mabel, auf der Hut sein müßt.«

»Aber warum laßt Ihr uns zurück, lieber Vater? Ich bin so weit mit Euch gereist, um für Eure Bequemlichkeit zu sorgen; warum sollte ich nicht noch weiter mit Euch gehen?«

»Du bist ein gutes Mädchen, Mabel, und schlägst ganz in die Art der Dunhams. Aber du mußt hier bleiben. Wir werden morgen, noch ehe der Tag graut, die Insel verlassen, um nicht von Späheraugen entdeckt zu werden, wenn wir aus unserm Versteck herauskommen, und nehmen die zwei größten Boote mit uns. Es bleibt Euch also noch das dritte, und ein Rindenkahn. Wir sind im Begriff, uns in dem Kanal, dessen sich die Franzosen bedienen, umzusehen, und wollen uns etwa eine Woche lang auf die Lauer legen, um die Vorrathsboote, welche vielleicht durchfahren, und hauptsächlich mit werthvollen indianischen Gütern beladen sind, auf ihrem Wege nach Frontenac abzufangen.«

»Hast du auch deine Papiere genau angesehen, Bruder?« fragte Cap ängstlich. »Es ist dir zweifelsohne bekannt, daß das Wegnehmen eines Schiffs auf offener See als Seeräuberei angesehen wird, wenn dein Boot sich nicht durch einen regelmäßigen Caperbrief als ein auf Staats- oder Privatkosten bewaffneter Kreuzer ausweisen kann.«

»Ich habe die Ehre, von meinem Obristen zum Sergeanten des Fünfundfünfzigsten ernannt worden zu sein,« versetzte der Andere und richtete sich mit Würde aus, »und das muß selbst dem König von Frankreich genug sein. Wo nicht, so habe ich Major Duncans schriftliche Befehle.«

»Keine Papiere also für einen concessionirten Caperzug?«

»Diese müssen hinreichen, Bruder, da ich keine andern habe. Es ist für Seiner Majestät Interessen in diesem Theile der Welt von der größten Wichtigkeit, daß die in Frage stehenden Boote weggenommen und nach Oswego geführt werden. Sie enthalten die Bettücher, Büchsen, Zierrathe, die Munition, kurz alle jene Vorräthe, mit welchen die Franzosen ihre verwünschten wilden Verbündeten bestechen, ihre Heillosigkeiten auszuführen, und unsre heilige Religion mit ihren Vorschriften, die Gesetze der Humanität und Alles, was dem Menschen hehr und theuer ist, zu verhöhnen. Wenn wir ihnen diese Hilfsmittel abschneiden, so werden wir ihre Pläne verwirren und Zeit gewinnen; denn sie können in diesem Herbst nicht wieder neue Zufuhr über das Meer her erhalten.«

»Aber Vater, bedient sich Seine Majestät nicht auch der Indianer?« fragte Mabel mit einiger Neugierde.

»Gewiß, Mädchen, und König Georg hat ein Recht, sich ihrer zu bedienen – Gott segne ihn! Es ist etwas ganz Anderes, ob ein Engländer oder ein Franzose einen Wilden benützt, wie Jedermann einsehen kann.«

»Das ist klar genug, Bruder Dunham; aber was die Schiffspapiere betrifft, so will mir das doch nicht recht einleuchten.«

»Meine Ernennung zum Sergeanten durch einen Englischen Obristen muß jedem Franzosen als Vollmacht gelten; und was noch mehr ist, sie wird es auch.«

»Aber ich sehe nicht ein, Vater, warum sich die Franzosen nicht eben so gut der Wilden im Krieg bedienen sollen, als die Engländer?«

»Tausend alle Welt! Mädchen – doch du bist vielleicht nicht fähig, das zu begreifen. Erstlich ist ein Engländer von Natur menschlich und bedächtlich, während der Franzose von Natur wild und furchtsam ist.«

»Und du kannst hinzusetzen, Bruder, daß er von Morgens bis in die Nacht tanzt, wenn man es zuläßt.«

»Sehr wahr,« erwiederte der Sergeant ernsthaft.

»Aber Vater, ich sehe nicht ein, daß all' Dieses die Sache ändert. Wenn es an einem Franzosen verwerflich ist, daß er die Wilden durch Bestechung zum Kampfe gegen seine Feinde veranlaßt, so muß das, wie ich meine, bei einem Engländer eben so Unrecht sein. Ihr werdet mir beistimmen, Pfadfinder?«

»Vernünftiger Weise allerdings; und ich bin nie unter Denen gewesen, die ein Geschrei gegen die Franzosen erhoben, weil sie das Nämliche thun, was wir selbst auch thun. Aber es ist schlimmer, sich mit einem Mingo einzulassen, als sich mit einem Delawaren zu verbünden. Wären von diesem gerechten Stamme noch Indianer übrig, so würde ich es für keine Sünde halten, sie gegen den Feind zu schicken.«

»Und doch skalpiren und tödten sie Jung und Alt, Weiber und Kinder.«

»Sie haben ihre Gaben, Mabel, und sind nicht zu tadeln, wenn sie ihnen folgen. Natur ist Natur, obgleich sie die verschiedenen Stämme in verschiedener Weise kundgeben. Ich für meinen Theil bin ein Weißer, und bestrebe mich, die Gefühle eines Weißen festzuhalten.«

»Ich kann dieß Alles nicht verstehen,« versetzte Mabel. »Was für König Georg Recht ist, sollte, wie es mir scheint, auch bei König Louis Recht sein.«

»Des Königs von Frankreich wirklicher Name ist Caput,« bemerkte Cap, wobei er den Mund voll Wildpret hatte. »Ich führte einmal einen großen Gelehrten als Passagier auf dem Schiff, der erzählte mir, daß diese dreizehnten, vierzehnten und fünfzehnten Louis lauter Aufschneider wären, und eigentlich Caput hießen, was im Französischen Kopf bedeutet; er wollte damit sagen, daß man sie an den Fuß der Leiter stellen sollte, bis sie bereit wären, an dem Stricke des Henkers in die Höhe zu steigen.«

»Nun, der sieht ganz so aus, als sei die Skalplust auch eine von seinen natürlichen Gaben,« bemerkte der Pfadfinder mit jenem Ausdruck von Ueberraschung, mit welchem man einen neuen Gedanken aufnimmt, »und ich werde um so weniger Gewissensbisse fühlen, wenn ich gegen die Heiden kämpfe, obgleich ich nicht sagen kann, daß ich je in dieser Beziehung etwas Namhaftes empfunden habe.«

Alle Theile, mit Ausnahme Mabels, schienen, durch den Gang, welchen die Unterhaltung genommen hatte, zufrieden gestellt, und Niemand hielt es für nöthig, den Gegenstand weiter zu verfolgen. Die drei Männer glichen in dieser Hinsicht freilich der großen Masse ihrer Mitgeschöpfe, welche gewöhnlich mit ebenso wenig Sachkenntniß als Gerechtigkeit über einen Charakter aburtheilen, so daß wir es nicht für nöthig gehalten haben würden, dieses Gespräch anzuführen, hingen nicht einzelne Thatsachen desselben mit unserer Erzählung zusammen und trügen nicht die entwickelten Ansichten und Meinungen ganz das Gepräge der Charaktere.

Als das Nachtessen zu Ende war, entließ der Sergeant seine Gäste, und hielt dann noch ein langes und vertrauliches Gespräch mit seiner Tochter. Er war wenig geeignet, zarteren Regungen Raum zu geben: aber die Neuheit seiner gegenwärtigen Lage erweckte Gefühle in seiner Seele, von denen er früher nichts erfahren hatte. Der Soldat oder der Seemann denkt, so lange er unter der unmittelbaren Aufsicht seines Obern handelt, wenig an die Gefahren, denen er sich aussetzen muß; sobald er aber die Verantwortlichkeit eines Befehlshabers fühlt, so beginnen alle Zufälligkeiten seines Unternehmens sich mit den Wechselfällen des Erfolgs und des Fehlschlagens in seinem Geiste zu vergesellschaften. Während er weniger, und vielleicht nur dann, wo dieselbe hauptsächlich in Betrachtung kommt, an seine eigene Gefahr denkt, hat er lebendigere allgemeine Vorstellungen von der Bedeutsamkeit eines Wagnisses, und steht mehr unter dem Einfluß von Gefühlen, welche aus dem Zweifel entspringen. Dieß war nun Sergeant Dunhams Fall: statt vorwärts zu blicken und die Siege als sicher zu betrachten, fing er an, seinem umsichtigen Charakter zufolge auch die Möglichkeit zu bedenken, daß er vielleicht auf immer von seinem Kinde scheide.

Nie zuvor war ihm Mabel so schön vorgekommen, als in dieser Nacht. Möglich, daß sie früher nie vor ihrem Vater so viel gewinnende Eigenschaften entwickelt hatte; denn Sorge um seinetwillen beengte ihre Brust, und dann trafen ihre Gefühle auf eine ungewöhnliche Ermuthigung von Seite derer, welche in der ernsteren Brust des Veteranen geweckt waren. Sie hatte sich in der Gegenwart ihres Vaters nie recht behaglich gefühlt, da die große Ueberlegenheit ihrer Erziehung eine Kluft zwischen Beiden geschaffen hatte, die durch die militärische Strenge seines Benehmens – eine Folge des langen und genauen Umgangs mit Leuten, welche nur durch eine unermüdete Handhabung der Disciplin in Unterwürfigkeit erhalten werden konnten – noch erweitert worden war. Bei der gegenwärtigen Gelegenheit jedoch, als Vater und Tochter allein beisammen waren, wurde ihr Gespräch vertraulicher als gewöhnlich, bis endlich das Mädchen zu ihrer großen Wonne bemerkte, daß es allmälig mehr den Ausdruck einer Herzlichkeit annahm, nach welcher sie sich seit ihrer Ankunft stets in stiller Sehnsucht vergeblich verzehrt hatte.

»Die Mutter war also ungefähr von meiner Größe?« fragte Mabel, als sie ihres Vaters Hände in den ihrigen hielt, und ihm mit thränenfeuchtem Auge in's Gesicht blickte. »Ich glaubte, sie wäre größer gewesen?«

»Das ist die Weise der meisten Kinder, welche gewöhnt wurden, an ihre Eltern mit Achtung zu denken, so daß sie zuletzt diese für größer und ehrfurchtgebietender halten, als sie wirklich sind. Deine Mutter, Mabel, war dir an Größe so ähnlich, als nur ein Frauenzimmer dem andern sein kann.«

»Und ihre Augen, Vater?«

»Ihre Augen waren auch wie die Deinigen, Kind – blau, sanft, einladend, obgleich kaum so lachend.«

»Die meinen werden nie wieder lachen, theuerster Vater, wenn Ihr bei diesem Ausfluge nicht Sorge für Euch tragt.«

»Ich danke dir, Mabel – hem – ich danke dir, Kind; aber ich muß meiner Pflicht nachkommen. Ich hätte dich wohl gerne anständig verheirathet sehen mögen, ehe wir Oswego verließen; es würde mir viel leichter um's Herz sein.«

»Verheirathet? – an wen, Vater?«

»Du kennst den Mann, den ich von dir geliebt wünsche. Du kannst zwar manche munterere und schöner gekleidete Männer treffen, aber keinen mit einem treueren Herzen und einer edleren Seele.«

»Keinen, Vater?«

»Ich kenne Keinen. In dieser Hinsicht wenigstens hat Pfadfinder nicht viele seines Gleichen.«

»Aber ich brauche überhaupt nicht zu Heirathen. Ihr seid ein einzelner Mann, und ich kann bei Euch bleiben und für Eure Bedürfnisse sorgen.«

»Gott segne dich, Mabel! Ich weiß, du würdest das thun, und ich will nicht sagen, daß du Unrecht habest, denn ich glaube nicht, daß dieß der Fall ist. Es ist mir aber doch, als ob etwas Anderes noch besser wäre.«

»Was kann es Besseres geben, als seine Eltern zu ehren?«

»Es ist ebenso gut, den Gatten zu ehren, mein liebes Kind.«

»Aber ich habe keinen Gatten, Vater.«

»Dann nimm einen, sobald es möglich, damit du einen Gatten zu ehren habest. Ich kann nicht immer leben, und wenn mich die Schicksale des Krieges nicht wegraffen, so macht in Kurzem die Natur ihre Rechte an mich geltend. Du bist jung und kannst noch lange leben; daher bedarfst du eines männlichen Beschützers, der dich sicher durch's Leben geleiten und im Alter für dich Sorge tragen kann, wie du es nun für mich thun willst.«

»Und glaubt Ihr,« sagte Mabel, indem sie die sehnigen Finger ihres Vaters mit ihren kleinen Händen umfaßte und auf sie niederblickte, als wären sie Gegenstände von äußerster Wichtigkeit, obgleich sich ihre Lippen zu einem leichten Lächeln verzogen, als ihnen die Worte entglitten. – »Und glaubt Ihr, Vater, daß der Pfadfinder hiezu geeignet wäre? Ist er nicht in zehn bis zwölf Jahren so alt als Ihr jetzt seid?«

»Was liegt daran? Er hat ein Leben voll Mäßigkeit und Thätigkeit gelebt, und man muß mehr die Leibesbeschaffenheit, als die Jahre in Anschlag bringen, Mädchen. Kennst du Einen, der geeigneter wäre, dein Beschützer zu sein?«

Mabel kannte Keinen – wenigstens Keinen, welcher das Verlangen ausgedrückt hätte, ihr wirklich ein Solcher zu werden, was sonst auch immer ihre Hoffnungen und Wünsche sein mochten.

»Nein, Vater, wir sprechen nur von dem Pfadfinder,« antwortete sie ausweichend. »Wenn er jünger wäre, so käme es mir natürlicher vor, ihn als meinen Gatten zu denken.«

»Ich sage dir, Kind, daß Alles hängt von der Leibesbeschaffenheit ab; Pfadfinder ist jünger, als die Hälfte unserer Subalternoffiziere.«

»Gewiß ist er jünger als einer – als der Lieutenant Muir.«

Mabels Lachen war heiter und frohsinnig, weil sie in diesem Augenblick keine Sorge fühlte.

»Das ist er – jugendlich genug, um sein Enkel zu sein; und auch jünger an Jahren. Gott verhüte, daß du je eine Offiziersfrau werden solltest, wenigstens nicht eher, als bis du eines Offiziers Tochter bist.«

»Das wird kaum zu befürchten sein, wenn ich Pfadfinder heirathe,« entgegnete das Mädchen, und blickte dem Sergeanten wieder schelmisch in's Gesicht.

»Vielleicht nicht durch des Königs Bestallung, obgleich der Mann jetzt schon der Freund und Gefährte von Generalen ist. Ich denke, ich könnte glücklich sterben, wenn du sein Weib wärest.«

»Vater!«

»Es ist traurig, in den Kampf zu gehen, wenn das Bewußtsein, eine Tochter schutzlos zurückzulassen, auf dem Herzen lastet.«

»Ich wollte die ganze Welt darum geben, Euch von dieser Last zu befreien, lieber Vater.«

»Du könntest es thun,« versetzte der Sergeant, mit einem zärtlichen Blicke auf sein Kind, »obgleich ich dir dadurch keine Last aufbürden möchte.«

Seine Stimme war tief und bebend, und Mabel hatte nie vorher einen solchen innigen Ausdruck der Liebe an ihrem Vater bemerkt. Der gewohnte Ernst des Mannes lieh seiner Aufregung ein Interesse, dessen sie unter andern Umständen entbehrt haben würde, und das Herz der Tochter sehnte sich, das Gemüth des Vaters zu beruhigen.

»Vater, sprecht deutlich!« rief sie fast convulsivisch.

»Nein, Mabel, es möchte nicht Recht sein; deine Wünsche könnten mit den meinigen in Widerspruch kommen.«

»Ich habe keine Wünsche – weiß nicht, was Ihr meint. Wollt Ihr von meiner künftigen Heirath sprechen?«

»Wenn ich dich mit dem Pfadfinder verbunden sehen könnte – wenn ich wüßte, daß du gelobt hättest, sein Weib zu werden, so würde ich glauben, daß ich glücklich stürbe, möchte mein Schicksal sein, welches es wollte. Aber ich will dir keine Verpflichtung auferlegen, Kind, und dich nicht zu Etwas drängen, was dich gereuen könnte. Küsse mich, Mabel, und geh' zu Bette.«

Hätte Sergeant Dunham von Mabeln das Versprechen, nach welchem er wirklich so sehr verlangte, gefordert, so würde er wahrscheinlich auf einen Widerstand getroffen haben, den er schwer zu überwinden vermocht hätte: da er aber der Natur ihren Gang ließ, so gewann er einen mächtigen Verbündeten, und das warmherzige, edle Mädchen war bereit, der kindlichen Zärtlichkeit mehr zuzugestehen, als durch Drohungen von ihr erlangt worden wäre. In diesem ergreifenden Augenblick dachte sie nur an ihren Vater, der im Begriff war, sie vielleicht auf immer zu verlassen, und die ganze glühende Liebe für ihn, welche vielleicht eben so sehr durch die Einbildungskraft, als durch etwas Anderes genährt, aber durch den abgemessenen Verkehr der letzten vierzehn Tage ein wenig zurückgedrängt worden war, kehrte mit einer Kraft wieder, welche durch ihr reines und tiefes Gefühl noch erhöht wurde. Ihr Vater schien ihr Alles in Allem, und ihn glücklich zu machen, war sie bereit, jedes Opfer zu bringen. Ein peinlicher, schneller, fast wilder Gedankenstrahl durchkreuzte das Gehirn des Mädchens und ihr Entschluß wankte; als sie sich aber bemühte, den Anlässen der freundlichen Hoffnung, auf welche er sich gründete, nachzuspüren, so fand sie nichts, was seine Haltbarkeit unterstützen konnte. Ihre Gedanken kehrten daher, da sie als Weib gewöhnt war, ihre glühendsten Gefühle zu unterdrücken, wieder zu ihrem Vater und zu den Segnungen zurück, welche dem Kinde, das den Willen seiner Eltern erfüllt, verheißen sind.«

»Vater,« sagte sie gefaßt und fast mit heiliger Ruhe, »Gott segnet eine gehorsame Tochter.«

»Ja, das thut er, Mabel; das Gute Buch ist uns Bürge dafür.«

»Ich will den Mann heirathen, den Ihr mir bestimmt.

»Nein, nein, Mabel! du mußt selbst wählen.«

»Ich habe keine Wahl – das heißt, Niemand hat mich zu einer Wahl aufgefordert, als Pfadfinder und Herr Muir, und zwischen diesen wird keines von uns Beiden im Anstand bleiben. Nein, Vater, ich will den nehmen, welchen Ihr wählt.«

»Du kennst bereits meine Wahl, liebes Kind; Niemand kann dich so glücklich machen, als der brave, edle Wegweiser.«

»Gut also; – wenn er es wünscht, wenn er mich wieder fragt – denn Ihr werdet doch nicht wünschen, daß ich mich selbst antrage, oder daß es Jemand in meinem Namen thun soll?« Das Blut stahl sich während des Sprechens wieder über Mabels bleiche Wangen, da die ergreifenden und edeln Entschließungen den Strom des Lebens nach dem Herzen gedrängt hatten; – »nein, Niemand darf ihm Etwas davon sagen; aber wenn er mich wieder aussucht, wenn ich ihm dann Alles sage, was ein ehrliches Mädchen dem Manne, den sie heirathen will, sagen muß, und er mich dann noch zu seinem Weibe nehmen will, so will ich die Seinige werden.«

»Segen über dich, Mabel, Gottes reicher Segen über dich; Er möge dich belohnen, wie eine fromme Tochter belohnt zu werden verdient.«

»Ja, Vater, beruhigt Euch; geht mit leichtem Herzen und vertraut auf Gott. Für mich dürft Ihr keine weitere Sorge mehr haben. Nächsten Frühling – ich muß ein wenig Zeit haben, Vater – nächsten Frühling will ich Pfadfinder heirathen, wenn dieser wackere Jäger mich dann noch begehrt.«

»Mabel, er liebt dich, wie ich deine Mutter liebte. Ich habe ihn wie ein Kind weinen sehen, wenn er mit mir von seinen Gefühlen gegen dich sprach.«

»Ja, ich glaube es; ich habe genug gesehen, um überzeugt sein zu können, daß er besser von mir denkt, als ich verdiene; und gewiß, es lebt kein Mann, gegen den ich eine größere Verehrung hege, als gegen Pfadfinder – Euch selbst nicht ausgenommen, lieber Vater.«

»So muß es sein, liebes Kind, und deine Verbindung wird gesegnet sein. Darf ich es nicht Pfadfindern mittheilen?«

»Es wäre besser, Ihr thätet's nicht, Vater. Er soll von selbst kommen; er soll ganz natürlich kommen, denn der Mann muß das Weib suchen und nicht das Weib den Mann.« Das Lächeln, welches Mabels Züge überstrahlte, war – wie es selbst ihrem Vater däuchte – das eines Engels, obgleich ein geübterer Blick unter dieser heitern Hülle etwas Wildes und Unnatürliches hätte entdecken können. »Nein, nein – wir müssen der Sache ihren Lauf lassen, Vater; Ihr habt mein feierliches Versprechen.«

»Das ist hinreichend, das ist hinreichend, Mabel; – Nun küsse mich. Gott segne und beschütze dich, Mädchen! Du bist eine gute Tochter.«

Mabel warf sich in ihres Vaters Arme – es war das erste Mal in ihrem Leben – und schluchzte an seinem Busen wie ein Kind. Das Herz des ernsten Soldaten schmolz, und Beider Thränen mischten sich. Aber Sergeant Dunham riß sich bald los, als schäme er sich, drängte seine Tochter sanft von sich, bot ihr gute Nacht und suchte sein Lager auf. Mabel ging schluchzend in die ärmliche, für ihre Aufnahme zubereitete Ecke, und in wenigen Minuten wurde die Ruhe der Hütte nur noch durch die schweren Athemzüge des Veteranen unterbrochen.

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