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Der Pfadfinder oder Das Binnenmeer

James Fenimore Cooper: Der Pfadfinder oder Das Binnenmeer - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Pfadfinder
publisherHoffmann'sche Verlags Buchhandlung.
printrunNeue unveränderte Auflage
year1869
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141112
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Achtzehntes Kapitel

Sie muß geformt aus Seufzern sein und Thränen;
Sie muß bestehn aus Treue und Gehorsam;
Sie muß geschaffen sein aus Phantasien,
Aus Leidenschaften nur und aus Begier,
Aus Sehnen nur, aus Pflicht und aus Ergebung,
Aus Demuth und Geduld und Ungeduld,
Aus Reinheit nur, aus Prüfung und Verehrung.

Shakespeare.

 

Gegen Mittag hin brach sich der Sturm. Seine Wuth legte sich eben so schnell, als sie hervorgebrochen war. In weniger als zwei Stunden nach dem Abfallen des Windes war der glänzende Schaum auf der Oberfläche des See's verstoben, obgleich dieser noch immer sehr bewegt war; und in der doppelten Zeit zeigte die ganze Wassermasse das gewöhnliche unruhige Wogen, auf welches der Sturm keinen Einfluß mehr übt. Die Wellen schlugen noch ohne Unterlaß gegen das Ufer, und die Linie der Brandungen blieb, obgleich das Auffliegen des Gischtes nachgelassen hatte. Das Wogen der Fluthen war gemäßigter, und was noch von heftigerer Erregung zurückblieb, konnte als die Nachwirkung des gewichenen Sturmes betrachtet werden.

Da es nicht möglich war, bei dem leichten Gegenwinde, welcher aus Osten wehte, gegen die noch aufgeregten Wellen zu steuern, so wurde der Gedanke, an diesem Nachmittage sich noch auf den Weg zu machen, aufgegeben. Jasper, der nun ungehindert sein Kommando wieder aufgenommen hatte, beschäftigte sich mit den Ankern, welche nach einander gelichtet wurden. Die Ketschen, mit welchen sie verkattet waren, wurden aufgezogen und Alles in segelfertigen Stand gesetzt, um, so bald es das Wetter gestattete, abfahren zu können. Inzwischen ergingen sich Diejenigen, welche bei der Arbeit nicht betheiligt waren, in Belustigungen, wie ihre eigenthümliche Lage sie gerade gestattete.

Mabel ließ, wie es bei Leuten zu gehen pflegt, welche nicht an die Gränzen eines Schiffes gewöhnt sind, sehnsüchtige Blicke nach dem Ufer herübergleiten, und gar bald gab sie den Wunsch zu erkennen, daß man, wo möglich, landen möchte. Der Pfadfinder, welcher ihr nahe stand, versicherte, daß nichts leichter sei, als ihrem Anliegen zu entsprechen, da sie einen Rindenkahn auf dem Deck hätten, mittelst dessen sich die Durchfahrt durch die Brandung am besten bewerkstelligen lasse. Nach den gewöhnlichen Zweifeln und Bedenklichkeiten wurde der Sergeant aufgerufen, nach dessen Zustimmung sogleich die geeigneten Anstalten getroffen wurden, der Laune des Mädchens zu willfahren.

Die Gesellschaft, welche zu landen wünschte, bestand aus Sergeant Dunham, seiner Tochter und dem Pfadfinder. An die Bewegungen eines Kahns gewöhnt, nahm Mabel ihren Sitz mit großer Festigkeit in der Mitte, ihr Vater setzte sich in den Bug und der Wegweiser übernahm das Geschäft des Fährmannes, indem er das Ruder im Stern ergriff. Man bedurfte jedoch Desselben nur wenig, denn die Rollwogen warfen den Kahn oft mit einer Heftigkeit vorwärts, welche jede Anstrengung, die Bewegungen desselben zu leiten, fruchtlos machte. Bis sie das Ufer erreichten, bereute Mabel mehr als einmal ihre Verwegenheit; aber Pfadfinder ermuthigte sie und zeigte in der That so viel Selbstbeherrschung, Gelassenheit und persönliche Kraft, daß selbst ein Weib Anstand nehmen mußte, ihre Besorgniß einzugestehen. Unsere Heldin war nicht feigherzig, und während ihr die Fahrt durch eine Brandung als etwas ganz Neues vorkommen mochte, fühlte sie zugleich auch einen großen Theil der damit verbundenen wilden Lust. Bisweilen wollte ihr freilich der Muth entsinken, wenn diese Schaumblase von einem Boot auf dem obersten Kamme der schäumenden Brandung das Wasser nur wie eine streichende Schwalbe zu berühren schien; dann aber lachte sie wieder erröthend, wenn man das Element durchschnitten hatte und die Woge hinten zu weilen schien, als ob sie sich schäme, in diesem ungestümen Wettlauf besiegt worden zu sein. Diese Aufregung dauerte jedoch nur kurze Zeit; denn obgleich der Abstand zwischen dem Kutter und dem Lande beträchtlich mehr als eine Viertelmeile betrug, so wurde er doch in einigen Minuten zurückgelegt.

Als sie an's Land gestiegen waren, küßte der Sergeant seine Tochter zärtlich (denn er war so sehr Soldat, daß er sich in jeder Hinsicht auf dem Festlande heimischer fühlte, als auf dem Wasser), ergriff dann sein Gewehr und gab seine Absicht zu erkennen, sich eine Stunde auf der Jagd zu ergehen.

»Pfadfinder wird bei dir bleiben, Mädchen, und dir vielleicht Einiges von den Ueberlieferungen dieses Welttheils, oder von seinen Erfahrungen unter den Mingo's erzählen.«

Pfadfinder lachte, versprach für das Mädchen Sorge zu tragen, und in wenigen Minuten hatte der Vater eine Anhöhe erstiegen, wo er in dem Walde verschwand. Die Zurückgebliebenen schlugen eine andere Richtung ein und erreichten gleichfalls nach wenigen Minuten eine kleine kahle Spitze des Vorgebirges, wo sich dem Auge ein weites und ganz eigenthümliches Rundgemälde darbot. Mabel setzte sich auf die Trümmer eines umgestürzten Felsens, um auszuruhen und wieder zu Athem zu kommen, während ihr Gefährte, auf dessen Sehnen keinerlei körperliche Anstrengung einen Einfluß zu üben schien, ihr zur Seite stand und sich in seiner eigenthümlichen, nicht anmuthlosen Weise auf seine lange Büchse lehnte. So vergingen einige Minuten in Stillschweigen, während welcher insbesondere Mabel in Bewunderung des Anblicks verloren war.

Der Ort, auf dem sie sich befanden, lag hoch genug, um das weite Bereich des See's zu beherrschen, der sich endlos gegen Nordost erstreckte und, erglänzend unter den Strahlen der Nachmittagssonne, noch die Spuren der Bewegung trug, in welche der letzte Sturm ihn versetzt hatte. Das Land säumte seine Ränder mit einem ungeheuren Halbmonde, und verschwand gegen Südost und Norden in der Ferne. So weit das Auge reichte, erblickte es nichts als Wälder, und auch nicht eine Spur von Civilisation unterbrach die gleichförmige und hehre Größe der Natur. Der Sturm hatte den Scud über die Linie des Forts hinausgetrieben, mit welcher die Franzosen damals die englischen Besitzungen in Nordamerika zu umgürten bemüht waren: denn ihre Posten lagen, da sie den Verbindungskanälen der großen Seen folgten, an den Ufern des Niagara, indeß unsere Abenteurer sich um viele Stunden westlich von dieser berühmten Wasserstraße befanden. Der Kutter lag vor einem einzelnen Anker, außerhalb der Brandungen, und glich einem artigen, sorgfältig gearbeiteten Spielzeuge, welches eher für einen Glasschrank, als für den Kampf der Elemente, dem er eben erst ausgesetzt gewesen, bestimmt schien, während der Kahn auf dem schmalen Strande gerade außer dem Bereich der Wellen, die an dem Lande anschlugen, ruhte, und sich wie ein dunkler Punkt auf den Ufersteinchen ausnahm.

»Wir sind hier sehr fern von menschlichen Wohnungen!« rief Mabel, als sich nach einem langen und sinnenden Blick auf diese Scene die Haupteigenthümlichkeiten derselben ihrer geschäftigen und glühenden Phantasie bemächtigt hatten. »Das heißt in der That an der Gränze sein.

»Gebt es wohl ansprechendere Scenen, als diese, in der Nähe des Meeres und in der Umgebung großer Städte?« fragte Pfadfinder mit so viel Wärme, als er nur auszudrücken vermochte.

»Ich will das nicht sagen. Man erinnert sich dort mehr an seinen Nebenmenschen, als hier, aber vielleicht auch weniger an Gott.«

»Ja, Mabel; das sind ganz meine Gefühle. Ich weiß zwar wohl, daß ich nur ein armer, unwissender Jäger bin. Aber Gott ist mir in dieser meiner Heimath so nahe, als dem König in seinem Palast.«

»Wer kann daran zweifeln?« erwiederte Mabel, indem sie ihren Blick von der Aussicht weg auf die harten aber ehrlichen Züge ihres Gefährten richtete, da der kräftige Ausdruck seiner Worte sie überrascht hatte. »Man fühlt, glaube ich, die Nähe Gottes mehr an einer solchen Stelle, als wenn der Geist durch das Gewühl der Städte zerstreut wird.«

»Sie sagen da Alles, was ich sagen könnte, Mabel, aber in einer so viel einfacheren Sprache, daß ich erröthen muß, wenn ich das, was ich bei solchen Anlässen fühle, Andern mittheilen möchte. Ich habe vor dem Kriege die Küsten dieses See's durchstreift, um Felle zu erbeuten, und bin schon einmal hier gewesen – nicht gerade auf dieser Stelle, denn wir landeten dort, wo Sie die dürre Eiche über der Gruppe von Schierlingstannen sehen –«

»Wie, Pfadfinder? Ihr könnt Euch aller dieser Einzelnheiten so genau erinnern?«

»Sie sind unsere Straßen und Häuser, unsere Kirchen und Paläste. Ob ich mich ihrer erinnere? – in der That! Ich machte einmal dem Big Serpent den Vorschlag, mit ihm nach sechs Monaten Mittags um zwölf Uhr an dem Fuße einer gewissen Fichte zusammenzutreffen, obschon damals Jeder an dreihundert Meilen von der Stelle entfernt war. Der Baum stand, und steht noch, wenn nicht das Gericht der Vorsehung auch ihn getroffen hat, in der Mitte des Waldes, fünfzig Meilen von der nächsten Ansiedlung, aber in einer Gegend, wo es ungewöhnlich viele Biber gibt.«

»Und traft Ihr ihn zur Stunde an Ort und Stelle?«

»Geht die Sonne auf und nieder? Als ich bei dem Baum anlangte, fand ich den Serpent mit zerrissenen Beinkleidern und schmutzigen Moccasins an dem Stamme lehnend. Der Delaware war in einen Sumpf gekommen, und hatte nicht wenig Noth gehabt, seinen Weg wieder herauszufinden; aber er hielt Ort und Zeit so genau ein, wie die Sonne, welche über die östlichen Berge am Morgen herauskommt, und Abends hinter den westlichen untergeht. Chingachgook kennt keine Furcht, mag sich's um einen Freund oder einen Feind handeln; er hält Jedem Wort.«

»Und wo ist der Delaware jetzt? Warum ist er heute nicht bei uns?«

»Er spürt die Mingofährte auf, was ich eigentlich auch thun sollte und aus einer großen menschlichen Schwäche unterlassen habe.«

»Ihr scheint über alle menschlichen Schwächen weit erhaben zu sein, Pfadfinder. Ich habe noch nie einen Mann getroffen, der den Schwachheiten der Natur so wenig unterworfen zu sein schien.«

»Wenn Sie damit Gesundheit und Kraft meinen, Mabel, so hat mich die Vorsehung allerdings gütig behandelt, obgleich ich denke, daß frische Luft, das Jagdleben, rührige Kundschaftsmärsche, Wälderkost und der Schlaf eines guten Gewissens den Doktor immer ferne halten können. Im Grunde bin ich aber doch ein Mensch; ja, und ich fühle, daß ich es bisweilen recht sehr bin.«

Mabel blickte ihn überrascht an, und wir würden nur den Charakter ihres Geschlechtes etwas näher bezeichnen, wenn wir hinzufügten, daß ihr schönes Antlitz dabei einen ziemlichen Antheil Neugierde ausdrückte, obgleich ihre Zunge rücksichtsvoller war.

»Es liegt etwas Bezauberndes in diesem Eurem wilden Leben, Pfadfinder,« rief sie aus, und die Glut der Begeisterung lagerte sich auf ihren Wangen. »Ich finde, daß ich schnell zu einem Gränzmädchen werde, und fange an, dieses großartige Schweigen der Wälder zu lieben. Die Städte erscheinen mir schaal, und da mein Vater den Rest seiner Tage wahrscheinlich da zubringen will, wo er so lange gelebt hat, so kann ich mich wohl in das Gefühl finden, daß ich bei ihm glücklich sein werde, ohne nach dem Meeresufer zurückkehren zu wollen.«

»Die Wälder schweigen für Den nie, der ihre Stimmen versteht, Mabel. Ich habe sie Tage lang allein durchwandert, ohne einen Mangel an Gesellschaft zu fühlen; und wenn man ihre Sprache zu deuten weiß, so fehlt es auch nicht an verständiger und belehrender Unterhaltung.«

»Ich glaube, Ihr seid glücklicher, Pfadfinder, wenn Ihr allem seid, als im Gewühle Eurer Mitmenschen.«

»Ich will das nicht sagen, ich will das nicht gerade sagen. Ich habe eine Zeit gekannt, wo ich glaubte, daß mir Gott in meinen Wäldern genug sei, und wo ich um nichts flehte, als um Seinen Schutz und Seine Gnade. Jetzt haben aber andere Gefühle die Oberhand gewonnen, und ich denke, man muß der Natur ihren Lauf lassen. Alle andern Geschöpfe paaren sich, Mabel, und es ist die Einrichtung getroffen, daß der Mensch ein Gleiches thue.«

»Und habt Ihr nie daran gedacht, Euch ein Weib zu suchen, Pfadfinder, und Euer Geschick mit ihr zu theilen?« fragte das Mädchen mit der offenen Einfalt, welche am besten die Reinheit und Arglosigkeit des Herzens bezeichnet, und mit dem Gefühl der Theilnahme, welches dem weiblichen Geschlecht angeboren ist. »Mir scheint, es fehlt Euch nichts, als ein Herd, zu dem Ihr von Euren Wanderungen heimkehren könnt, um das Glück Eures Lebens vollständig zu machen. Wenn ich ein Mann wäre, so würde es meine größte Lust sein, nach Gefallen durch diese Wälder zu streifen und über diesen prächtigen See zu segeln.«

»Ich verstehe Sie, Mabel, und Gott segne sie, daß Sie an die Wohlfahrt so geringer Leute, wie wir sind, denken. Es ist wahr, wir haben unsere Vergnügungen, so gut als unsere Gaben; aber wir möchten gerne noch glücklicher sein. Ja, ich glaube, wir könnten noch glücklicher sein.«

»Glücklicher? – und wie das, Pfadfinder? In dieser reinen Luft, mit diesen kühlen, schattigen Wäldern, durch die Ihr wandert; diesem lieblichen See, auf dem Ihr segelt; dazu noch ein reines Gewissen und der Ueberfluß an allen leiblichen Bedürfnissen müssen da die Menschen nicht so vollkommen glücklich sein, als es nur überhaupt bei ihrer Gebrechlichkeit möglich ist?«

»Jedes Geschöpf hat seine Gaben, Mabel, und auch die Menschen haben die ihrigen,« antwortete der Wegweiser mit einem verstohlenen Blick auf seine schöne Gefährtin, deren Wangen erglühten und deren Augen leuchteten unter dem Feuer der Gefühle, welches die Neuheit ihrer ergreifenden Lage anfachte – »und Alles muß ihnen gehorchen. Sehen Sie jene Taube, die gerade gegen das Ufer sich hinunter läßt, dort in einer Linie mit dem umgestürzten Kastanienbaum?«

»Gewiß, denn es ist ja das einzige lebendige Geschöpf, welches sich außer uns in dieser weiten Einsamkeit blicken läßt.«

»Nicht doch, Mabel, nicht doch; die Vorsehung schafft kein Leben, um es ganz allein hinzubringen. Da fliegt gerade ihr Männchen aus; es hat auf einer andern Seite des Ufers Nahrung gesucht; aber es wird nicht lange von seiner Gefährtin getrennt bleiben.«

»Ich verstehe Euch, Pfadfinder;« erwiederte Mabel mit süßem Lächeln, obgleich sie dabei so ruhig blieb, als ob sie mit ihrem Vater spräche. »Aber ein Jäger kann auch in dieser wilden Gegend eine Gefährtin finden. Die indianischen Mädchen sind, soviel ich weiß, zärtlich und treu, denn so war wenigstens das Weib Arrowheads, obgleich ihr Gatte weit öfter die Stirne runzelte, als lächelte.«

»Das würde nimmermehr angehen, und nie etwas Gutes dabei herauskommen. Art darf nicht von Art, und Land nicht vom Lande lassen, wenn Einer sein Glück finden will. Wenn ich freilich Jemand, wie Sie, treffen könnte, die einen Jäger zu heirathen sich entschlösse, und meine Unwissenheit und Rauheit nicht verspottete, dann würden mir sicher alle Mühen der Vergangenheit nur wie das Spielen des jungen Hirsches und meine künftigen Tage im Glanze der Sonne erscheinen.«

»Jemand wie ich? Ein Mädchen von meinen Jahren und meiner Unbesonnenheit möchte kaum eine passende Gefährtin für den kühnsten Kundschafter und den sichersten Jäger an den Gränzen abgeben.«

»Ach, ich fürchte, Mabel, ich habe zu viel von den Gaben der Rothhäute mit der Natur eines Blaßgesichts verbunden! Ein solcher Mann sollte sich wohl ein Weib aus einem indianischen Dorfe suchen.«

»Gewiß, Pfadfinder, – gewiß! es ist nicht Euer Ernst, ein so unwissendes, simples, eitles und unerfahrenes Geschöpf, wie ich bin, zum Weibe zu nehmen?«

Mabel würde noch hinzugesetzt haben, »und ein so junges;« aber ein instinktartiges Zartgefühl unterdrückte diese Worte.

»Und warum nicht, Mabel? Wenn Sie unwissend sind, was die Gränzbräuche betrifft, so kennen Sie mehr angenehme Geschichtchen von dem Stadtleben, als wir Alle miteinander. Was Sie unter simpel verstehen, weiß ich nicht; wenn es aber ›schön‹ bedeutet, ach! dann fürchte ich, daß es kein Fehler in meinen Augen ist. Eitel sind Sie nicht, wie man aus der Art, mit der Sie meinen müßigen Erzählungen von Fährten und Kundschaftszügen zuhören, bemerken kann; und was die Erfahrung anbelangt, so kommt diese mit den Jahren. Außerdem fürchte ich, Mabel, daß die Männer über solche Sachen wenig nachdenken, wenn sie ein Weib nehmen wollen; wenigstens geht es mir so.«

»Pfadfinder, Eure Worte – Eure Blicke: – sicherlich, alles Dieses ist nur Tändelei, nur Scherz von Euch?«

»Mir ist es immer angenehm, in Ihrer Nähe zu sein, Mabel, und ich würde in dieser gesegneten Nacht weit gesünder schlafen, als ich die ganze vergangene Woche über gethan habe, wenn ich denken könnte, daß Sie an solchen Unterhaltungen ebensoviel Vergnügen fänden, als ich.«

Wir wollen nicht sagen, daß Mabel Dunham sich nicht schon vornweg für den Liebling des Wegweisers gehalten hätte; denn das hatte ihr schneller weiblicher Scharfsinn bald entdeckt und vielleicht auch gelegentlich bemerkt, daß in seine Achtung und Freundschuft sich zugleich auch Etwas von der männlichen Zärtlichkeit mische, welche das stärkere Geschlecht, wenn seine Sitten nicht ganz verwildert sind, dem zärteren hin und wieder zu zeigen geneigt ist. Aber der Gedanke einer ernstlichen Werbung war nie in ihrer Seele aufgetaucht. Nunmehr aber traf sie eine Ahnung der Wahrheit, die vielleicht weniger durch die Worte, als vielmehr durch das ganze Benehmen ihres Gefährten geweckt wurde.

Als Mabel mit Ernst in das faltige, ehrliche Gesicht des Wegweisers blickte, gewannen ihre Züge den Ausdruck der Sorge und der Bekümmerniß; dann begann sie wieder in einer so gewinnenden Weise zu sprechen, daß Pfadfinder, obgleich ihre Worte die Absicht hatten, ihn zurückzuweisen, nur noch mächtiger durch sie angezogen wurde.

»Ihr und ich sollten einander verstehen, Pfadfinder,« sagte sie mit aufrichtigem Ernste, »und es sollte sich keine Wolke zwischen uns legen. Ihr seid zu aufrichtig und offen, als daß ich Euch nicht auch mit Aufrichtigkeit und Offenheit entgegen kommen sollte. Gewiß, gewiß – Ihr habt mit allem Dem nichts sagen wollen; es hat keine andere Verbindung mit Euren Gefühlen, als die der Freundschaft, welche ein Mann von Eurem Wissen und Charakter für ein Mädchen, wie ich, natürlicherweise fühlen kann.«

»Ich glaube, 's ist Alles natürlich, Mabel; ja, das glaub' ich. Der Sergeant sagt mir, er hätte solche Gefühle gegen Ihre Mutter gehegt; und ich denke, ich habe auch etwas der Art bei den jungen Leuten gesehen, welche ich von Zeit zu Zeit durch die Wildniß geleitete. Ja, ja; ich darf sagen, 's ist Alles natürlich genug; deßhalb kommt es auch so leicht, und es wird Einem sowohl dabei um's Herz.«

»Pfadfinder, Eure Worte machen mich unruhig. Sprecht deutlicher, oder laßt uns den Gegenstand für immer abbrechen. Ich glaube nicht, – ich kann nicht glauben, daß – daß Ihr mir wolltet zu verstehen geben –« die Zunge des Mädchens stotterte, und die jungfräuliche Scham gestattete ihr nicht, das, was sie so gerne noch gesagt hätte, zu vollenden. Sie sammelte jedoch ihren Muth wieder, und entschloß sich, so bald und so unumwunden als möglich der Sache auf den Grund zu gehen. Sie fuhr daher nach einer kurzen Zögerung fort:

– »Ich meine, Pfadfinder, Ihr wollt mir doch nicht zu verstehen geben, daß Ihr mich im Ernste zu Eurem Weibe haben möchtet?«

»Freilich, Mabel, das ist's; das ist's eben, und Sie haben die Sache in ein weit helleres Licht gestellt, als ich mit meinen Waldgaben und meiner Gränzweise je fähig gewesen wäre. Der Sergeant und ich haben den Handel unter der Bedingung abgemacht, daß Sie damit einverstanden seien, und er meint, daß dieses wahrscheinlich der Fall sein werde, wenn ich gleich zweifle, ob ich die Eigenschaften besitze, einem Mädchen zu gefallen, welches den besten Gatten in ganz Amerika verdient.«

Mabels Gesicht ging von dem Ausdruck des Unbehagens zu dem des Staunens, und dann, in noch rascherer Folge, zu dem des Schmerzes über.

»Mein Vater!« rief sie, »mein lieber Vater hatte den Gedanken, daß ich Euer Weib werden sollte, Pfadfinder?«

»Ja, den hatte er, Mabel; den hatte er in der That. Er glaubte sogar, diese Sache dürfte Ihnen angenehm sein, und hat mich so lange ermuthigt, bis ich glaubte, es sei wahr.«

»Aber Ihr, – Ihr kümmert Euch gewiß wenig darum, ob diese sonderbare Hoffnung je in Erfüllung gehen wird oder nicht?«

»Wie?«

»Ich meine, Pfadfinder, daß Ihr von dieser Angelegenheit mehr wegen meines Vaters als um eines andern Grundes willen mit mir gesprochen habt, und daß Eure Gefühle keineswegs dabei betheiligt sind, mag nun meine Antwort ausfallen, wie sie will?«

Der Kundschafter blickte mit Ernst in Mabels schönes Antlitz, welches unter der Glut ihrer Gefühle erröthete, und man konnte den Ausdruck der Bewunderung, welche sich in jedem Zuge seines sprechenden Gesichtes verrieth, unmöglich verkennen.

»Ich habe mich oft glücklich gefühlt, Mabel, wenn ich in der Fülle der Gesundheit und Kraft auf einer ertragreichen Jagd durch die Wälder streifte und die reine Luft der Berge athmete. Ich weiß aber jetzt, daß dieses noch gar nichts heißen will in Vergleichung mit der Wonne, welche mir das Bewußtsein geben würde, daß Sie besser von mir als von den meisten Andern denken.«

»Besser von Euch? – In der That, Pfadfinder, ich denke besser von Euch, als von den Meisten, vielleicht als von allen Andern; denn Eure Wahrheitsliebe, Ehrlichkeit, Einfachheit, Gerechtigkeit und Tapferkeit findet kaum ihres Gleichen auf Erden.«

»Ach, Mabel, wie süß und ermuthigend klingen diese Worte aus Ihrem Munde, und der Sergeant hat im Grunde doch nicht so ganz Unrecht gehabt, als ich fürchtete.«

»Nein, Pfadfinder; ich beschwöre Euch bei Allem, was heilig ist, laßt in einer Sache von so großer Wichtigkeit kein Mißverständniß zwischen uns Platz greifen. Wenn ich Euch auch schätze, achte – nein, sogar verehre, fast so sehr, wie ich meinen theuern Vater verehre, so ist es doch nicht möglich, daß ich je Euer Weib werde – daß ich – –«

Der Wechsel in den Zügen ihres Gefährten war so plötzlich und auffallend, daß Mabel in dem Augenblick, als sie die Wirkung ihrer Aeußerungen in Pfadfinders Gesichte las, ungeachtet des sehnlichen Wunsches einer Verständigung, ihre Worte unterbrach und, weil sie ihm nicht wehe thun wollte, stille schwieg. Es folgte nun eine lange Pause. Der Schatten getäuschter Hoffnung, der sich über die rauhen Züge des Jägers gelagert hatte, wurde immer dunkler, so daß Mabel fast Angst und Furcht empfand, während das Gefühl des Erstickens bei dem Pfadfinder so mächtig wurde, daß er nach seiner Kehle griff, wie Einer, der gegen körperliches Leiden Hilfe sucht. Das krampfhafte Arbeiten seiner Finger erfüllte das beunruhigte Mädchen mit wahrer Todesangst.

»Nein, Pfadfinder,« fuhr Mabel hastig fort, sobald sie wieder über ihre Stimme gebieten konnte – »ich habe vielleicht mehr gesagt, als ich sagen wollte; denn auf dieser Welt sind alle Dinge möglich, und Weiber, sagt man, sind in ihren Entschließungen nicht immer am festesten. Ich wollte Euch nur zu verstehen geben, daß Ihr und ich wahrscheinlich nie von einander würden denken können, wie Mann und Weib von einander denken soll.«

»Ich denke nicht – ich werde nie wieder in dieser Weise an Sie denken, Mabel,« keuchte der Pfadfinder aus der zum Ersticken gepreßten Brust. »Nein, nein – ich werde nie, weder an Sie, noch an Jemand Anders wieder in dieser Weise denken.«

»Pfadfinder, lieber Pfadfinder, versteht mich wohl! Legt nicht mehr Sinn in meine Worte, als ich selbst hineinlege. Eine derartige Heirath wäre unklug, vielleicht unnatürlich!«

»Ja, unnatürlich – gegen die Natur; ich habe das auch dem Sergeanten gesagt, aber er wollte es besser wissen.«

»Pfadfinder! O das ist schlimmer, als ich mir einbilden konnte. Nehmt meine Hand, vortrefflicher Pfadfinder, und laßt mich daraus erkennen, daß Ihr mich nicht haßt. Um Gotteswillen, seht mich nur wieder freundlich an.«

»Sie hassen, Mabel? Sie freundlich ansehen? Wehe mir!«

»Nein, gebt mir Eure Hand, Eure kühne, treue und männliche Hand – beide, beide, Pfadfinder! denn es wird mir nicht wohl, bis ich gewiß weiß, daß wir wieder Freunde sind, und daß Alles nur ein Mißverständniß war.«

»Mabel,« sagte der Wegweiser, indem er einen langen und sinnenden Blick auf das Antlitz des edeln, heftigen Mädchens warf, welches seine harten, sonnverbrannten Hände zwischen ihren Fingern hielt, und dazu in seiner eigenthümlichen, lautlosen Weise lachte, obgleich in jeder Linie seines Gesichtes, das keiner Täuschung fähig zu schein schien, der Ausdruck des Schmerzes hervortrat, da die entgegengesetzten Gefühle sich auf demselben bekämpften – »Mabel! der Sergeant hatte Unrecht.«

Die verhaltenen Gefühle waren nun nicht mehr zurückzudrängen, und Thränen rollten über die Wangen des Kundschafters wie Regengüsse. Seine Finger arbeiteten wieder krampfhaft an seiner Kehle, und seine Brust hob sich, wie unter einer schweren Last, welche sie unter verzweifelten Anstrengungen abwerfen wollte.

»Pfadfinder! Pfadfinder!« rief Mabel laut; »Alles, nur das nicht! Sprecht mit mir, Pfadfinder, lächelt wieder; sagt mir nur ein einziges freundliches Wörtchen, zum Beweise, daß Ihr mir vergeben habt.«

»Der Sergeant hatte Unrecht,« rief der Wegweiser, indem er mitten in seinem Seelenkampf ein Lachen aufschlug, daß seine Gefährtin vor dieser unnatürlichen Mischung von Beängstigung und Heiterkeit zurückbebte. »Ich wußt' es; ich wußt' es, und habe es vorausgesagt; ja, der Sergeant hatte doch Unrecht, wie ich deutlich einsehe.«

»Wir können Freunde sein, ohne daß wir gerade Eheleute sind,« fuhr Mabel fort, welche sich in einem fast eben so verwirrten Zustand befand, wie ihr Gefährte, und kaum wußte, was sie sagte. »Wir können immer Freunde sein, und wollen es auch stets bleiben.«

»Ich dachte mir's immer, daß der Sergeant in einem Irrthum befangen sei,« fuhr Pfadfinder fort, als er mit gewaltiger Anstrengung wieder Herr seiner Bewegungen geworden war, »denn ich bildete mir nie ein, daß meine Gaben von der Art seien, um mir die Neigung eines Stadtmädchens gewinnen zu können. Er hätte besser gethan, wenn er unterlassen hätte, mir das Gegentheil aufzuschwatzen, und es wäre vielleicht auch besser gewesen, wenn Sie weniger gefällig und zutraulich gewesen wären; ja, gewiß! das wäre es.«

»Wenn ich dächte, daß ein Irrthum von meiner Seite, wie unabsichtlich er auch sein mochte, trügerische Hoffnungen in Euch erweckt habe, Pfadfinder, so könnte ich mir nimmer vergeben; denn glaubt mir, ich möchte lieber Alles über mich ergehen lassen, als Euch leiden sehen.«

»Das ist's eben, Mabel; das ist's eben. Diese Worte und Gedanken, die Sie mit so weicher Stimme und auf eine Weise aussprechen, wie ich sie in den Wäldern noch nie gehört habe, haben all' dieses Unheil angerichtet. Es wird mir aber jetzt klarer, und ich fange an, den Unterschied zwischen uns besser zu erkennen. Ich will mir Mühe geben, meine Gedanken zu zügeln, und wieder hinausgehen in die Wälder, um dem Wilde und dem Feinde aufzulauern. Ach, Mabel! ich bin wahrlich auf einer ganz falschen Fährte gewesen, seit ich das erste Mal mit Ihnen zusammentraf.«

»Aber Ihr werdet nun wieder auf der rechten wandeln. Bald habt Ihr dieses Alles vergessen, und blickt auf mich, als auf eine Freundin, die Euch ihr Leben verdankt.«

»Das mag vielleicht die Weise der Städter sein; aber ich zweifle, ob dieß in den Wäldern eben so natürlich ist. Wenn bei uns das Auge einen lieblichen Anblick trifft, so haftet es lang darauf, und wenn ihn die Seele aufrichtig und auf eine schickliche Weise lieb gewinnt, so mag sie sich nicht mehr davon trennen.«

»Aber Eure Liebe zu mir ist weder ein schickliches Gefühl, noch mein Anblick ein lieblicher. Ihr werdet Alles das vergessen, wenn Ihr zu ernsterer Besinnung kommt und auf einmal einseht, daß ich durchaus nicht zu Eurem Weibe passe.«

»Das habe ich auch zu dem Sergeanten gesagt, aber er wollte es besser wissen. Ich wußte wohl, daß Sie zu jung und zu schön sind für einen Mann, der bereits in den mittleren Jahren steht und selbst als Jüngling nie besonders liebenswürdig ausgesehen hat. Dann sind auch Ihre Wege nicht die meinigen gewesen, und die Hütte eines Jägers würde wohl keine schickliche Wohnung für ein Mädchen sein, welches so zu sagen unter Häuptlingen erzogen wurde. Freilich, wenn ich jünger und schöner wäre, etwa wie Jasper Eau-douce –«

»Nichts von Jasper Eau-douce,« unterbrach ihn Mabel ungeduldig; »wir können von etwas Anderem sprechen.«

»Jasper ist ein tüchtiger Bursche, Mabel, ja, und ein hübscher dazu,« erwiederte der arglose Wegweiser mit einem ernsten Blick auf das Mädchen, als ob er ihren Worten nicht traue, da sie sich so geringschätzig über seinen Freund äußerte. »Wäre ich nur halb so schön, als Jasper Western, so würden meine Besorgnisse in dieser Angelegenheit nicht halb so groß und auch wahrscheinlich weniger begründet gewesen sein.«

»Wir wollen nicht von Jasper Western reden,« wiederholte Mabel, bis zur Stirne erröthend; »er mag wohl gut genug für einen Sturm sein, oder auf dem See, aber er ist nicht gut genug, hier den Gegenstand unseres Gespräches zu bilden.«

»Ich fürchte, Mabel, er ist besser, als der Mann, welcher einmal Ihr Gatte sein wird. Zwar sagt der Sergeant, daß aus dieser Sache nie Etwas werden könne; aber er hat einmal Unrecht gehabt, und so mag dieß wohl auch zum zweitenmal der Fall sein.«

»Und wer wird denn wahrscheinlich mein Gatte werden, Pfadfinder? Ihr sprecht da von Etwas, was mich kaum weniger befremdet, als das, was eben zwischen uns vorgegangen ist.«

»Ich weiß, es ist natürlich, daß Gleiches das Gleiche sucht, und daß solche, welche viel mit Offiziersfrauen umgegangen sind, gern selbst Offiziersfrauen werden möchten. Aber, Mabel, ich weiß auch, daß ich mich unverholen gegen Sie aussprechen darf, und hoffe, daß Sie mir meine Worte nicht übel nehmen; denn da es mir nun bekannt ist, wie schmerzlich derartige Täuschungen auf unserer Seele lasten, so möchte ich nicht einmal über das Haupt eines Mingo einen solchen Kummer bringen. Aber das Glück findet sich in einem Offizierszelte nicht häufiger, als in dem eines gemeinen Soldaten, und wenn auch die Wohnungen der Offiziere verführerischer aussehen, als die übrigen Baracken, so fühlt sich doch oft ein Ehepaar innerhalb der Thüren der ersteren recht unglücklich.«

»Ich zweifle nicht im Mindesten daran, Pfadfinder, und beruhte die Entscheidung auf mir, so würde ich Euch lieber zu irgend einer Hütte in die Wälder folgen und Euer Schicksal, möchte es nun gut oder schlimm sein, mit Euch theilen, ehe ich das Innere der Wohnung irgend eines mir bekannten Offiziers in der Absicht beträte, als die Frau ihres Bewohners dort zu bleiben.«

»Lundie hofft oder glaubt, es werde sich wohl anders machen.«

»Was kümmere ich mich um Lundie? Er ist Major vom Fünfundfünfzigsten, und mag seine Leute ›Rechts um‹ und ›Marsch‹ machen lassen, so lange es ihm beliebt; er kann mich nicht zwingen, irgend Einen, sei er nun der Erste oder der Letzte seines Regiments, zu heirathen. Doch, was kann Euch von Lundie's Wünschen über diesen Gegenstand bekannt sein?«

»Ich habe es aus Lundie's eigenem Munde. Der Sergeant sagte ihm, daß er mich zu seinem Schwiegersohne haben möchte, und der Major, mein alter und treuer Freund, sprach mit mir über die Sache. Er machte mir unumwunden Vorstellungen, ob es nicht edelmüthiger von mir wäre, zu Gunsten eines Offiziers zurückzutreten, als wenn ich mir Mühe gäbe, Sie in das Schicksal eines Jägers mit zu verflechten. Ich gab zu, daß er Recht haben möge – ja, ich that das; als er mir aber sagte, daß er unter dem Offizier den Quartiermeister meine, so wollte ich nichts mehr von seinen Vorschlägen wissen. Nein, nein, Mabel, ich kenne Davy Muir genau, und wenn er Sie auch zu einer Lady machen kann, so kann er Sie doch nie zu einer glücklichen Frau und sich selbst zu einem Ehrenmanne machen. Das ist so meine ehrliche Meinung, ja, ja; denn ich sehe nun deutlich, daß der Sergeant Unrecht gehabt hat.«

»Mein Vater hat sehr Unrecht gehabt, wenn er Etwas sagte oder that, was Euch Kummer machte, Pfadfinder: und meine Achtung gegen Euch ist so groß und meine Freundschaft so aufrichtig, daß ich, wäre es nicht um Eines willen – ich will damit sagen, daß Niemand den Einfluß des Lieutenants Muir auf mich zu fürchten hat – lieber bis zu meinem Todestage bleiben würde, wie ich bin, ehe ich um den Preis meiner Hand durch den Quartiermeister eine vornehme Frau werden möchte.«

»Ich glaube nicht, daß Sie Etwas sagen, was Sie nicht fühlen?« erwiederte Pfadfinder mit Ernst.

»Nicht in einem solchen Augenblicke, nicht in einer solchen Sache, und am allerwenigsten gegen Euch. Nein, Lieutenant Muir soll sich seine Weiber suchen, wo er will – mein Name wenigstens wird nie auf seiner Liste stehen.«

»Ich danke Ihnen, Mabel, ich danke Ihnen dafür; denn wenn schon für mich die Hoffnung entschwunden ist, so könnte ich doch nie glücklich sein, wenn Sie den Quartiermeister nähmen. Ich fürchtete, sein Rang möchte für Etwas angeschlagen werden – und ich kenne diesen Mann. Es ist nicht die Eifersucht, welche mich in dieser Weise sprechen läßt, sondern die reine Wahrheit, denn ich kenne den Mann. Ja, wenn Ihre Neigung auf einen verdienstvollen jungen Manne fiele, so einen, wie Jasper Western zum Beispiel –«

»Warum kommt Ihr mir immer mit diesem Jasper Eau-douce, Pfadfinder? Er steht in keiner Beziehung zu unserer Freundschaft; laßt uns daher von Euch sprechen und von der Weise, wie Ihr den Winter hinzubringen beabsichtigt.«

»Ach! – Ich bin nur wenig werth, Mabel, wenn es nicht etwa einer Fährte oder einer Büchse gilt; und jetzt um so weniger, seit ich des Sergeanten Mißgriff entdeckt habe, 's ist daher nicht nöthig, von mir zu sprechen. Es ist mir recht angenehm gewesen, so lange in Ihrer Nähe zu sein und mir dabei ein bischen einzubilden, daß der Sergeant Recht habe; das ist aber nun Alles vorbei. Ich will mit Jaspern den See hinabgehen, und dann wird es genug Beschäftigung für uns geben, um unnütze Gedanken fern zu halten.«

»Und Ihr werdet dieß vergessen – mich vergessen? Nein, nicht mich vergessen, Pfadfinder; aber Ihr werdet Eure früheren Beschäftigungen wieder aufnehmen und aufhören, ein Mädchen für bedeutend genug zu halten, Euren Frieden zu stören.«

»Ich wußte früher nie Etwas von solchen Dingen, Mabel; aber die Mädchen haben doch eine größere Bedeutung im Leben, als ich früher glauben konnte. Ja, ehe ich Sie kannte, schlief das neugeborne Kind nicht süßer, als dieß bei mir gewöhnlich der Fall war; mein Haupt lag kaum auf einer Wurzel, einem Stein oder vielleicht auf einem Felle, so war den Sinnen Alles entschwunden, wenn nicht etwa die Beschäftigung des Tages in meine Träume überging; und so lag ich, bis der Zeitpunkt des Erwachens kam, und eben so gewiß, als die Schwalbe mit ihren Schwingen das Licht begrüßt, war ich in dem gewünschten Augenblick auf den Beinen. Alles das schien eine Gabe zu sein, und ich konnte selbst mitten in einem Mingolager darauf rechnen: denn ich habe mich meiner Zeit selbst bis in die Dörfer dieser Vagabunden gewagt.«

»Alles Dieses wird wieder kommen, Pfadfinder; denn ein so wackerer und biederer Mann wird nimmermehr sein Glück an einen bloßen Wahn wegwerfen Ihr werdet wieder von Euren Jagden träumen, von dem Hirsch, den Ihr erlegt, und dem Biber, den Ihr gefangen habt.«

»Ach, Mabel! ich wünsche nie wieder zu träumen. Ehe ich Sie kannte, gewährte es mir eine gewisse Lust, in meinen Phantasien den Hunden zu folgen und der Fährte der Irokesen nachzustreichen – ja, meine Gedanken führten mich in Scharmützel und Hinterhalte, und ich fand darin das meinen Gaben entsprechende Behagen. Aber all' das hat seinen Reiz verloren, seit ich mit Ihnen bekannt geworden bin. Von solchen rohen Dingen kommt nichts mehr in meinen Träumen vor. So dünkte mich in der letzten Nacht, welche wir in der Garnison zubrachten, ich hätte eine Hütte in einem Lustwäldchen von Zuckerahorn, und an dem Fuße eines jeden Baumes stand eine Mabel Dunham, indeß die Vögel auf den Zweigen statt ihrer natürlichen Weisen Liedchen sangen, daß selbst der Hirsch horchend stille hielt. Ich versuchte es, ein Schmalthier zu schießen, aber der Hirschetödter gab nicht Feuer, und die Kreatur lachte mir so vergnügt in's Gesicht, wie ein junges Mädchen in ihrer Heiterkeit zu thun pflegt, und dann hüpfte sie fort, wobei sie nach mir zurücksah, als erwarte sie, daß ich ihr folgen werde.«

»Nichts mehr davon, Pfadfinder! Wir wollen nicht mehr über diese Dinge reden,« sagte Mabel, indem sie die Thränen von ihren Augen wischte, denn die einfache und die ernste Weise, mit welcher dieser rauhe Waldbewohner verrieth, wie tiefe Wurzeln seine Gefühle getrieben hatten, überwältigte fast ihr edles Herz. »Wir wollen uns jetzt nach meinem Vater umsehen; er kann nicht weit weg sein, denn ich hörte den Knall seiner Flinte ganz in der Nähe.«

»Der Sergeant hatte Unrecht, – ja, er hatte Unrecht, und es wird nichts nützen, die Taube mit dem Wolfe paaren zu wollen.«

»Hier kommt mein lieber Vater,« unterbrach ihn Mabel. »Wir müssen heiter und zufrieden aussehen, Pfadfinder, wie es sich für gute Freunde ziemt, und unsere Geheimnisse für uns behalten.«

Es folgte nun eine Pause; dann hörte man ganz nahe den Fuß des Sergeanten die trockenen Zweige zertreten, bis endlich seine Gestalt seitwärts an dem Gebüsche des Unterholzes sichtbar wurde. Als der alte Soldat auf dem freien Platze anlangte, betrachtete er prüfend seine Tochter und ihren Gefährten, und sprach in guter Laune:

»Mabel, Kind, du bist jung und leicht auf den Beinen. Sieh nach dem Vogel, den ich geschossen habe, und der gerade dort bei dem Dickicht der jungen Schierlingstanne am Ufer niederfiel. Du brauchst dir dann nicht die Mühe zu geben, wieder den Hügel heraufzukommen; denn da Jasper durch seine Zeichen uns die Absicht zu erkennen gibt, sich auf den Weg zu machen, so können wir nach ein paar Minuten am Gestade zusammentreffen.«

Mabel gehorchte und sprang mit den leichten Schritten der Jugend und Gesundheit den Hügel hinab. Aber ungeachtet der Leichtigkeit ihres Trittes, war doch das Herz des Mädchens schwer, und sobald das Dickicht sie der Beobachtung entzog, warf sie sich an dem Fuße eines Baumes nieder und weinte, als ob ihr das Herz brechen wollte. Der Sergeant betrachtete sie, bis sie verschwunden war, mit dem Stolze eines Vaters, und kehrte sich dann mit einem so freundlichen und vertraulichen Lächeln, als ihm seine Gewohnheit gegen irgend Jemand gestatten mochte, zu dem Wegweiser.

»Sie hat die Leichtigkeit und Rührigkeit ihrer Mutter und Etwas von der Kraft ihres Vaters,« sprach er. »Ihre Mutter war, glaube ich, nicht ganz so schön; aber die Dunhams hielt man immer für hübsch, mochten es Männer oder Weiber sein. Nun, Pfadfinder, ich zweifle nicht, daß Ihr die Gelegenheit nicht entschlüpfen ließt, und mit dem Mädchen offen gesprochen habt? Weiber lieben in solchen Dingen die Freimüthigkeit.«

»Ich glaube, Mabel und ich verstehen einander wenigstens, Sergeant,« erwiederte der Andere, und schaute nach der entgegengesetzten Richtung, um dem Blicke des Soldaten auszuweichen.

»Um so besser. Es gibt Leute, welche glauben, daß ein bischen Zweifel und Ungewißheit der Liebe noch mehr Leben gebe; ich halte es aber mit der Offenheit und denke, sie führt weit eher zu einem Verständniß. War Mabel überrascht?«

»Ich fürchte, ja – Sergeant, ich fürchte, sie war nur allzu sehr überrascht, – ja, das fürchte ich.«

»Gut, gut! Ueberraschungen in der Liebe sind, was die Hinterhalte im Krieg, und eben so zulässig, obgleich die Ueberraschung eines Weibes nicht so leicht zu erkennen ist, als die eines Feindes. Mabel lief nicht davon, mein Freund – nicht wahr?«

»Nein, Sergeant; Mabel versuchte nicht auszuweichen; das kann ich mit gutem Gewissen sagen.«

»Ich hoffe, daß das Mädchen doch nicht allzuwillig gewesen ist? Ihre Mutter that wenigstens einen Monat lang spröde und zimpferlich. Aber die Freimütigkeit ist im Grunde doch der beste Empfehlungsbrief für Mann und Weib.«

»Ja, das ist sie, das ist sie; aber ein gesundes Urtheil auch.«

»Ach, nach dem darf man bei einem jungen Geschöpf von zwanzig Jahren nicht allzuviel fragen; aber es kommt mit der Erfahrung. Ein Mißgriff von Euch oder mir zum Beispiel, dürfte freilich nicht so leicht übersehen werden; aber bei einem Mädchen von Mabels Alter darf man nicht die Fliegen seihen, man möchte sonst ein Kameel zu schlucken bekommen.«

Der Leser möge nicht vergessen, daß Sergeant Dunham nicht eben ein Schriftkundiger war.

Die Muskeln in dem Gesicht des Zuhörers zuckten, als der Sergeant seinen Gefühlen in dieser Weise den Lauf ließ, obgleich Ersterer nun wieder einen Theil jenes Stoicismus erlangt hatte, welcher ein hervorstechender Zug in seinem Charakter und wahrscheinlich eine Folge seines langen Umgangs mit den Indianern war. Seine Augen erhoben und senkten sich, und einmal schoß ein Strahl über seine harten Züge, als ob er im Begriff sei, seinem eigenthümlichen Lachen Raum zu geben. Aber dieser Anflug von Heiterkeit, wenn wirklich ein solcher vorhanden war, verlor sich schnell in einen Blick der Bekümmerniß. Diese ungewöhnliche Mischung eines wilden und schmerzlichen Seelenkampfes mit der natürlichen einfachen Heiterkeit hatte Mabel am meisten erschreckt. Wenn während der mitgetheilten Unterredung die Bilder des Glückes und der frohen Laune in einem Gemüthe auftauchten, welches in seiner Einfalt und Natürlichkeit beinahe kindlich erschien, so fühlte sich das Mädchen oft zu der Annahme versucht, daß das Herz ihres Verehrers nur leicht berührt sei; dieser Eindruck verwischte sich aber bald, als sie die schmerzlichen und tiefen Erregungen bemerkte, welche das Innerste seiner Seele zu zerschneiden schienen. Pfadfinder war in dieser Beziehung wirklich ein bloßes Kind. Unerfahren in der Weise der Welt, fiel es ihm nicht ein, irgend einen Gedanken zu verhehlen: sein Gemüth nahm jeden Eindruck auf und gab ihn zurück mit der Schmiegsamkeit und Rückhaltlosigkeit dieser Lebensperiode. Ein Kind konnte seine launige Einbildungskraft kaum mit einer größeren Leichtigkeit einer vorübergehenden Erregung hingeben, als dieser Mann, welcher so einfach in seinen Gefühlen, so ernst, so gelassen und männlich, und so streng in Allem war, was sein gewöhnliches Treiben berührte.

»Ihr habt Recht, Sergeant,« antwortete der Pfadfinder; »ein Mißgriff von Eurer Seite ist schon eine ernstere Sache.«

»Ihr werdet Mabel zuletzt doch aufrichtig und ehrlich finden; laßt Ihr nur ein wenig Zeit.«

»Ach, Sergeant!«

»Ein Mann von Euren Verdiensten würde auf einen Stein Eindruck machen, wenn Ihr ihm Zeit ließt, Pfadfinder.«

»Sergeant Dunham, wir sind alte Kriegskameraden, – das heißt, wie man den Krieg eben hier in den Wäldern führt, – und wir haben uns gegenseitig so viel Liebes erwiesen, daß wir wohl aufrichtig gegen einander sein können. – Was hat Euch denn veranlaßt, zu glauben, daß Mabel einen so rohen Burschen, wie ich bin, gerne haben könne?«

»Was? – ach, eine Menge von Gründen, und dazu recht gute, mein Freund. Vielleicht die Liebesbeweise, von denen Ihr eben spracht, und die Kämpfe, die wir mit einander bestanden; und dann seid Ihr mein geschworner und geprüfter Freund.«

»Alles Dieses klingt ganz gut, so weit es Euch und mich betrifft; aber es steht in keiner Berührung mit Eurer hübschen Tochter. Sie denkt vielleicht, daß gerade diese Kämpfe das etwas schmuckere Aussehen, welches ich einmal gehabt haben mag, verheerten; und ich bin nicht darüber im Reinen, ob des Vaters Freundschaft besonders geeignet ist, einem Anbeter die Liebe eines jungen Mädchens zu verschaffen. Gleich und gleich gesellt sich, sag' ich Euch, Sergeant; und meine Gaben sind nicht ganz Mabel Dunhams Gaben.«

»Das sind wieder einige von Euren alten überbescheidenen Scrupeln, Pfadfinder, die Euch bei dem Mädchen nicht weiter bringen werden. Weiber vertrauen den Männern nicht, wenn diese sich selbst nicht vertrauen, und halten sich an Diejenigen, welche gegen Nichts ein Mißtrauen haben. Ich gebe zwar zu, die Bescheidenheit ist eine Kardinaltugend für einen Rekruten oder für einen jungen Lieutenant, der eben zum Regiment gekommen ist, denn sie hält ihn ab, einen Unteroffizier auszuzanken, ehe er weiß, ob er einen Grund dazu hat; auch weiß ich nicht gewiß, ob sie nicht auch bei einem Kriegskommissär oder einem Pfarrer am Orte wäre; aber sie ist des Teufels, wenn sie von einem wirklichen Soldaten oder einem Liebhaber Besitz nimmt. Ihr dürft so wenig als möglich mit ihr zu thun haben, wenn Ihr ein Weiberherz gewinnen wollt. Was Euren Grundsatz, daß sich nur das Gleiche gefalle, anbelangt, so ist er in solchen Dingen so unrichtig, als nur immer möglich. Wenn Gleiches das Gleiche liebte, so würden die Weiber einander lieben, und dasselbe müßte auch bei den Männern der Fall sein. Nein, nein; Gleiches liebt Ungleiches –« der Sergeant hatte nämlich seine Schule nur in der Kaserne und dem Lager gemacht – »und Ihr habt in dieser Hinsicht von Mabel nichts zu fürchten. Betrachtet einmal den Lieutenant Muir; der Mann hat schon fünf Weiber gehabt, wie ich höre, und es steckt nicht mehr Bescheidenheit in ihm, als in einer neunschwänzigen Katze.«

»Lieutenant Muir wird nie der Gatte von Mabel Dunham sein, wenn er auch seine Federn noch so gut fliegen läßt.«

»Das ist eine vernünftige Bemerkung von Euch, Pfadfinder; denn ich bin damit im Reinen, daß Ihr mein Schwiegersohn werden sollt. Wenn ich selbst ein Offizier wäre, so möchte vielleicht Herr Muir einige Aussicht haben. Aber die Zeit hat eine Thüre zwischen mich und mein Kind gestellt, und ich wünschte nicht, daß es auch noch die eines Offizierszeltes sein soll.«

»Sergeant, wir müssen Mabel ihrer Neigung folgen lassen. Sie ist jung und leichten Herzens, und Gott verhüte, daß irgend ein Wunsch von mir auch nur das Gewicht einer Feder auf ihr immer heiteres Gemüth lege, oder das Glück ihrer Fröhlichkeit nur einen Augenblick verstimme.«

»Habt Ihr frei mit dem Mädchen gesprochen?« fragte der Sergeant rasch und etwas rauh.

Pfadfinder war zu ehrlich, um nicht die unumwundene Wahrheit zu antworten, und doch zu ehrenhaft, um Mabel zu verrathen und sie dem Unwillen eines Vaters auszusetzen, von dem er wußte, daß er sehr streng in seinem Zorn war.

»Wir haben uns offen ausgesprochen,« sagte er; »und obgleich Mabel ein Mädchen ist, welches Jeder gerne ansieht, so finde ich dabei doch wenig, Sergeant, was mich besser von mir selbst denken ließe.«

»Das Mädchen hat sich doch nicht unterstanden, Euch zurückzuweisen – ihres Vaters besten Freund zurückzuweisen?«

Pfadfinder wandte sein Gesicht ab, um den Blick der Bekümmerniß zu verbergen, die, wie er fühlte, seine Züge umdüsterte, fuhr jedoch mit ruhiger, männlicher Stimme fort:

»Mabel ist zu gut, um irgend Jemanden zurückzuweisen, oder selbst nur gegen einen Hund harte Worte zu gebrauchen. Ich habe meinen Antrag nicht so gestellt, daß er geradezu zurückgewiesen werden konnte, Sergeant.«

»Und habt Ihr erwartet, daß meine Tochter nur so in Eure Arme fliegen sollte, ehe Ihr Euch vollkommen erklärt habt? Sie wäre nicht ihrer Mutter Kind gewesen, wenn sie das gethan hätte, und ich glaube, auch nicht das meinige. Die Dunhams lieben die Offenheit so gut als des Königs Majestät, aber sie werfen sich nicht weg. Laßt mich die Sache für Euch abmachen, Pfadfinder, und sie wird sich nicht unnöthig in die Länge ziehen. Ich will diesen Abend noch selbst mit dem Mädchen reden, und Euer Name soll den Hauptgegenstand des Gespräches bilden.«

»Ich wünschte, Ihr thätet's lieber nicht, Sergeant. Ueberlaßt die Sache Mabel und mir, und ich denke, daß zuletzt noch Alles recht werden soll. Junge Mädchen sind wie scheue Vögel, und lieben es nicht sehr, übereilt oder hart angegangen zu werden. Ueberlaßt mir und Mabel die Sache.«

»Nun, meinetwegen, aber nur unter einer Bedingung, mein Freund. Ihr müßt mir nämlich mit Eurem Ehrenwort versprechen, daß Ihr bei der nächsten schicklichen Gelegenheit offen und ohne gezierte Worte mit Mabel redet.«

»Ich will sie fragen, Sergeant – ja, ich will sie fragen; aber Ihr müßt mir versprechen, daß Ihr Euch nicht in unsere Angelegenheiten mischen wollt. Ich verspreche Euch dann, Mabel zu fragen, ob sie mich heirathen will, selbst auf die Gefahr hin, daß sie mir in's Gesicht lacht.«

Sergeant Dunham gab gerne das verlangte Versprechen, denn er hatte sich vollständig in die Ueberzeugung hineingearbeitet, daß der Mann, den er so sehr achtete und schätzte, auch seiner Tochter annehmbar erscheinen müsse. Er hatte selbst auch eine Frau, die viel jünger als er war, geheirathet, und sah daher nichts Unpassendes in der Altersungleichheit des muthmaßlichen Paares. Auch stand Mabels Erziehung so hoch über der seinigen, daß er den Unterschied nicht gewahrte, welcher wirklich in dieser Beziehung zwischen Vater und Kind obwaltete, denn es ist einer der unangenehmsten Züge in dem Verkehr zwischen Kenntniß und Unwissenheit, Geschmack und Einfalt, Bildung und Rohheit, daß die bessern Eigenschaften oft nothwendig dem Urtheile Derer unterworfen sind, welche sich von dem Vorhandensein derselben durchaus keinen Begriff machen können. Die Folge davon war, daß Sergeant Dunham nichts weniger als geeignet sein konnte, die Gesinnung seiner Tochter zu würdigen, oder sich eine wahrscheinliche Vermuthung zu bilden, welche Richtung jene Gefühle einschlagen könnten, die öfter von augenblicklichen Eindrücken und der Gewalt der Leidenschaft abhängen, als von der Vernunft. Der würdige Krieger hatte jedoch die Aussichten Pfadfinders nicht so ganz unrichtig beurtheilt, als es auf den ersten Augenblick scheinen mochte. Er kannte die bewährten Eigenschaften des Mannes, seine Treue, seine Rechtschaffenheit, seinen Muth, seine Selbstaufopferung, seine Uneigennützigkeit zu genau, und die Annahme war daher nicht so ganz unvernünftig, daß solche hervorragenden Züge einen tiefen Eindruck auf das weibliche Herz üben müßten, sobald sich nur eine Gelegenheit zu ihrer Entfaltung bot. Der Vater irrte also hauptsachlich nur darin, daß er sich einbildete, die Tochter müsse so zu sagen aus innerer Anschauung bereits kennen, was er durch Jahre langen Umgang als bewährt erfunden hatte.

Als der Pfadfinder und sein kriegerischer Freund den Hügel hinab gegen das Seeufer stiegen, wurde die Unterhaltung noch immer weiter geführt. Letzterer fuhr fort, dem Ersteren einzureden, daß seine Schüchternheit allein einem vollständigen Erfolge bei Mabel in dem Wege stehe, und daß es nur der Ausdauer bedürfe, um zum Ziele zu kommen. Pfadfinder war von Natur zu bescheiden, und durch das Gespräch mit Mabel auf eine zwar schonende, aber zu unumwundene Weise entmuthigt worden, um all' dem, was er hörte, Glauben zu schenken. Der Vater hatte aber so viele annehmlich scheinende Gründe bei der Hand, und der Gedanke, Mabel doch noch besitzen zu können, enthielt so viel Anziehendes, daß es den Leser nicht überraschen darf, wenn er hört, daß dieser Sohn der Natur Mabels Benehmen doch nicht ganz in dem Lichte betrachten zu müssen glaubte, wie er es zu thun geneigt gewesen war. Er glaubte allerdings nicht Alles, was ihm der Sergeant sagte; aber er fing an, zu vermuthen, daß jungfräuliche Scheu und Unbekanntschaft mit ihren eigenen Gefühlen Mabel veranlaßt hätte, sich auf die obenerwähnte Weise auszusprechen.

»Der Quartiermeister ist nicht ihr Liebling,« antwortete Pfadfinder auf eine von den Bemerkungen seines Gefährten. »Mabel wird ihn nie anders, denn als einen Mann betrachten, der bereits vier oder fünf Weiber gehabt hat.«

»Und das ist mehr, als ihm gebührt. Ein Mann mag allenfalls zweimal heirathen, ohne gegen die Moral und Ehrbarkeit anzustoßen: aber viermal ist ja etwas Ungeheures.«

»Ich sollte das Heirathen zum ersten Mal schon für einen Umstand oder ein Indiz halten, wie es Meister Cap nennt,« warf Pfadfinder mit seinem ruhigen Lachen ein, da seine Lebensgeister wieder etwas von ihrer Frische gewonnen hatten.

»Das ist's auch in der That, und dazu ein recht feierlicher Umstand. Wenn nicht Mabel Euer Weib werden sollte, so würde ich Euch rathen, lieber gar nicht zu heirathen. Doch da ist das Mädchen selbst, und da gilt jetzt Schweigen als Losung.«

»Ach, Sergeant, ich fürchte, Ihr seid im Irrthum.«

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