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Der Pfadfinder oder Das Binnenmeer

James Fenimore Cooper: Der Pfadfinder oder Das Binnenmeer - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Pfadfinder
publisherHoffmann'sche Verlags Buchhandlung.
printrunNeue unveränderte Auflage
year1869
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141112
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Sechzehntes Kapitel

Glorreicher Spiegel, der in Windes Stillen,
Wie in dem sanftsten Hauch, der Allmacht Hand
Uns zeigt, in raschem Weh'n, in Sturmes Brüllen;
Am eis'gen Pol, an Lydiens heißem Strand
So dunkelwogend; Bild, so endlos groß,
Der Ewigkeit; dich wählt zum Throne
Die Gottheit; selbst dein tiefer schlammiger Schooß
Schafft Ungeheuer: dein ist jede Zone;
Und du rollst furchtbar hin, allein und bodenlos.

Byron.

 

Mit dem fortschreitenden Tag erschienen nach und nach Alle, welche sich auf dem Schiff befanden und nicht ihrer Freiheit beraubt waren, auf dem Verdecke. Die Wogen gingen noch nicht besonders hoch, woraus man schloß, daß der Kutter noch unter dem Lee der Inseln liege; aber es war Allen, welche den See kannten, klar, daß sie einen der schweren Herbststürme, welche zu dieser Jahreszeit in jener Gegend nicht selten sind, durchzumachen haben würden. Man sah nirgends Land, und der Horizont bot nach allen Seiten nichts als jene düstere Leere, welche der Aussicht auf weiten Wasserflächen den Charakter einer geheimnißvollen Erhabenheit aufdrückt. Die Deiningen, oder wie man es am Lande nennt, die Wogen, waren kurz und kräuselnd, und brachen sich nothwendiger Weise früher als die längeren Wellen des Oceans; während das Element selbst, statt die schöne Farbe zu zeigen, welche mit den tiefen Tinten des südlichen Himmels wetteifert, grün und zürnend aussah, obgleich ihm der Glanz mangelte, den es sonst den Strahlen der Sonne verdankt.

Die Soldaten hatten an diesem Anblick bald genug, und es verschwand Einer nach dem Andern, so daß außer den Matrosen zuletzt nur noch der Sergeant, Cap, Pfadfinder, der Quartiermeister und Mabel auf dem Verdecke waren. Es lagerte sich ein Schatten um das Auge der Letzteren, da sie den wirklichen Stand der Dinge erfahren und es vergebens versucht hatte, die Zurückgabe des Kommando's an Jasper zu erwirken. Auch den Pfadfinder schien die Ruhe und Ueberlegung einer Nacht in seiner Ueberzeugung von der Schuldlosigkeit des jungen Mannes befestigt zu haben, so daß er gleichfalls mit Wärme, obschon mit demselben ungünstigen Erfolg, zu Gunsten seines Freundes sprach.

So vergingen einige Stunden, wobei der Wind allmälig immer heftiger wurde und der See sich hob, bis die Bewegung des Kutters auch Mabel und den Quartiermeister zum Rückzug veranlaßte. Cap vierte öfters, und es war nun klar, daß der Scud in die breiteren und tieferen Gegenden des See's trieb, wobei die Wogen mit einer solchen Wuth auf ihn einstürmten, daß sich nur ein Fahrzeug von besserer Form und stärkerem Bau lange gegen sie halten und Widerstand leisten konnte. Doch Cap machte sich nichts aus all' Diesem; denn wie der Jagdhund beim Schmettern des Hornes die Ohren spitzt, oder das Kriegsroß beim Wirbeln der Trommeln scharrt und schnaubt, so wurden bei dem Anblick dieser ganzen Scene alle Lebensgeister des Mannes rege, und statt der zanksüchtigen, hochmüthigen und absprechenden Tadelsucht, die an jeder Kleinigkeit krittelte und unwesentliche Dinge übertrieb, begann er die Eigenschaften des kühnen und erfahrenen Seemannes, der er in der That war, zu entwickeln. Die Matrosen hegten bald Achtung vor seiner Geschicklichkeit, und obgleich sie sich über das Verschwinden ihres früheren Befehlshabers und des Lootsen, dessen Grund ihnen nicht mitgetheilt worden war, wunderten, so zollten sie doch gerne ihrem neuen Gebieter unbedingten Gehorsam.

»Dieses bischen Frischwasser, Bruder Dunham, hat im Grunde doch einiges Leben, wie ich merke,« rief Cap gegen Mittag, und rieb vor lauter Vergnügen die Hände, weil er nun wieder einmal seine Kraft gegen die der Elemente versuchen konnte. »Der Wind scheint eine ehrliche, altmodische Kühlte zu sein, und die Wellen haben eine wunderliche Ähnlichkeit mit denen des Golfstromes. Ich liebe das, Sergeant; ich liebe das, und werde Euern See achten lernen, wenn er noch so vierundzwanzig Stunden in der angefangenen Weise fortmacht.«

»Land ho!« rief der Mann, der in der Back aufgestellt war.

Cap eilte vorwärts; und wirklich war durch den Nebelregen in der Entfernung einer halben Meile Land sichtbar, auf welches der Scud lostrieb. Zuerst wollte der alte Seemann Befehl geben, beizulegen und vom Ufer abzuvieren; aber der besonnene Soldat hielt ihn zurück.

»Wenn wir etwas näher kommen,« sagte der Sergeant, »so erkennen vielleicht Einige die Gegend. Die meisten von uns kennen das amerikanische Ufer an diesem Theile des See's, und wir werden dadurch über unsere Stellung in's Klare kommen.«

»Sehr wahr, sehr wahr. Wahrscheinlich wird dieses der Fall sein, und wir wollen darauf anhalten. Was ist das dort, ein wenig vor unserm Luvbug? Es sieht wie ein niedriges Vorgebirge aus!«

»Die Garnison, beim Jupiter!« rief der Andere, dessen geübtes Auge die Umrisse des Forts früher erkannte, als das weniger scharfe seines Verwandten.

Der Sergeant hatte sich nicht geirrt. Es war wirklich das Fort, obgleich es in dem feinen Regen nur dunkel und unbestimmt, wie im Düster des Abends oder im Morgennebel erschien. Die niedrigen, grünen Rasenwälle, die düstern Pallisaden, die im Regen noch dunkler erschienen, die Dächer einiger Häuser, die hohe einsame Wimpelstange, deren Flaggenfälle mit einer Stetigkeit dem Zuge des Windes folgten, daß sie wie unbewegliche, krumme Linien in der Luft erschienen – Alles dieses wurde nach und nach sichtbar, obgleich sich keine Spur des Lebens entdecken ließ. Selbst die Schildwache war untergetreten, und man glaubte zuerst, daß kein Auge die Annäherung des eigenen Schiffes entdecken würde. Aber die unablässige Wachsamkeit einer Gränzgarnison schlummerte nicht, und wahrscheinlich machte einer der Ausluger die interessante Entdeckung. Bald erschienen einige Männer auf den höhern Standorten, und in Kurzem wimmelten alle Wälle in der Nähe des See's von menschlichen Wesen.

Es war eine der Scenen, deren Großartigkeit noch insbesondere durch den Reiz des Malerischen gehoben wird. Das Wüthen des Sturmes war so anhaltend, daß man sich zu der Vermuthung geneigt fühlen konnte, es gehöre zu dem beständigen Charakter dieser Gegend. Das Brüllen des Windes tobte in Einem fort, und das empörte Wasser begleitete diese gewaltigen, dumpfen Töne mit seinem gischenden Schaum, der drohenden Brandung und den steigenden Wogen. Der leichte Regen ließ dem Auge Alles wie in einem dünnen Nebel erscheinen, welcher die Bilder sanfter machte und einen geheimnißvollen Schleier darüber warf, während die erhebenden Gefühle, welche ein Seesturm leicht zu erregen im Stande ist, die milderen Eindrücke des Augenblicks steigerten. Der dunkle, unabsehbare Wald erhob sich großartig düster und ergreifend aus dem Nebelgrau, während die einsamen eigenthümlichen und malerischen Bilder des Lebens, welche man bei und in dem Fort entdecken konnte, dem Auge einen Ruhepunkt boten, wenn die schrofferen Züge der Natur es erdrücken wollten.

»Sie sehen uns,« sagte der Sergeant, »und glauben, wir seien wegen des Sturmes zurückgekehrt, der uns zu weit leewärts von unserm Hafen getrieben hat. Ja, dort ist Major Duncan selbst auf dem nördlichen Bollwerk. Ich kenne ihn an seiner Höhe und den Offizieren, die ihn umgeben.«

»Sergeant, es wäre wohl der Mühe werth, sich ein wenig auslachen zu lassen, wenn wir in den Fluß kommen und einen sichern Ankerplatz gewinnen könnten. Wir würden bei dieser Gelegenheit auch den Meister Eau-douce an's Land setzen, und das Boot reinigen.«

»Allerdings; aber so wenig ich auch von der Schifffahrt verstehe, so weiß ich doch, daß sich das nicht thun läßt. Nichts, was auf dem See segelt, kann sich windwärts gegen diese Kühlte wenden, und hier außen ist bei einem Wetter, wie dieses, kein Ankerplatz.«

»Ich weiß es, ich sehe es, Sergeant; und so lieblich auch dieser Anblick für Euch Landratten sein mag, so müssen wir ihm doch den Rücken kehren. Was mich anbelangt, so fühl ich mich nie wohler, als wenn ich gewiß bin, daß in einem rechten Unwetter das Land weit hinter mir liegt.«

Der Scud war nun so nahe gekommen, daß es unumgänglich nöthig wurde, seinen Schnabel wieder vom Lande abzuwenden, wozu denn auch die geeigneten Befehle gegeben wurden. Das untere Stagsegel wurde vorwärts losgemacht, die Gaffel herabgelassen, das Steuer aufgestellt, und das leichte Fahrzeug, das wie eine Ente mit dem Element zu spielen schien, fiel ein wenig ab, drückte schnell von vorn um, folgte dem Ruder, und flog bald, todt vor der Kühlte, über die Spitzen der Wellen hin. Während es diese schnelle Flucht machte, verschwanden, obgleich das Land am Backbord noch sichtbar war, das Fort und die ängstlichen Zuschauergruppen auf den Wällen bald in dem Nebel. Nun folgten die nöthigen Schwenkungen, um das Vordertheil des Kutters in die Richtung des Windes zu bringen, worauf er ermattet den schwierigen Weg gegen das Nordufer wieder aufnahm.

Stunden vergingen nun, ohne daß eine weitere Veränderung vorgenommen wurde. Die Macht des Windes steigerte sich so sehr, daß endlich selbst der eigensinnige Cap zugeben mußte, es wehe nun eine tüchtige Kühlte. Gegen Sonnenuntergang vierte der Scud wieder, um in der Dunkelheit der Nacht nicht an das Nordufer getrieben zu werden, und gegen Mitternacht glaubte der dermalige Schiffsmeister, welcher sich durch sein indirektes Ausforschen der Matrosen einige allgemeine Kenntnisse über die Größe und die Gestalt des See's erworben hatte, daß er sich ungefähr in der Mitte zwischen beiden Ufern befinde. Die Höhe und Länge der Wellen machte diese Vermuthung wahrscheinlich, und wir müssen noch beifügen, daß Cap zu dieser Zeit eine Achtung vor dem Frischwasser zu fühlen anfing, welche er vierundzwanzig Stunden früher als eine Unmöglichkeit verlacht haben würde. Eben, als der Tag zu grauen begann, wurde die Wuth des Windes so heftig, daß der Seemann sich nicht mehr gegen sie zu halten vermochte, denn die Wogen fielen in solchen Massen über das Verdeck des kleinen Fahrzeugs, daß sie dasselbe in seinem Innersten erschütterten und, ungeachtet seiner Behendigkeit, unter ihrem Gewicht zu begraben drohten. Die Matrosen des Scud versicherten, daß sie früher nie einen solchen Sturm auf dem See durchgemacht hätten, was auch richtig war, denn Jasper würde, bei seiner genauen Kenntniß aller Flüsse, Vorgebirge und Hafen, den Kutter lange vorher an's Ufer gefühlt und auf einen sichern Ankergrund gebracht haben. Aber Cap verschmähte es noch immer, den jungen Schiffer, der sich fortwährend im untern Raum befand, um Rath zu fragen, und war entschlossen, wie ein Seemann auf dem großen Weltmeer zu handeln.

Um ein Uhr Morgens wurde das untere Stagsegel wieder an den Scud gelegt, der obere Theil des Hauptsegels niedergelassen und der Kutter vor den Wind gebracht. Obgleich nun die Oberfläche der Leinwand dem Winde nur einen Streifen darbot, so machte doch das kleine Fahrzeug seinem edeln Namen Ehre, denn es flog in der That acht Stunden lang wie eine Wolke dahin, beinahe mit derselben Geschwindigkeit, mit welcher die Möven, augenscheinlich in Furcht, in den kochenden Kessel des See's herunterzufallen, über ihm wegschossen. Das Aufdämmern des Tages brachte wenig Veränderung. Der Horizont blieb auf den kleinen, bereits beschriebenen Nebelkreis beschränkt, in welchem die Elemente in chaotischer Verwirrung zu toben schienen. Während dieser Zeit verhielten sich die Matrosen und Passagiere des Kutters in gezwungener Unthätigkeit. Jasper und der Lootse blieben unten; als aber die Bewegung des Fahrzeugs leichter wurde, so kamen fast alle Uebrigen auf das Verdeck. Das Frühstück wurde schweigend eingenommen, und Jeder blickte dem Andern in's Auge, als ob sie sich in dieser stummen Weise fragen wollten, wohin dieser Kampf der Elemente wohl noch führen werde. Cap erhielt sich jedoch vollkommen seine Fassung; sein Auge strahlte, sein Tritt wurde fester und seine ganze Haltung zuversichtlicher, als der Sturm zunahm und größere Anforderungen an seine Geschicklichkeit und seinen Muth machte. Er stand mit gekreuzten Armen und mit seemännischem Instinkt seinen Körper wiegend auf der Back, indeß seine Augen auf die Spitzen der Wellen achteten, die sich brachen und an dem taumelnden Kutter vorbeischossen, wobei sie in ihrer raschen Bewegung selbst wie zum Himmel steigende Wolken erschienen. In diesem erhabenen Augenblick gab einer der Matrosen den unerwarteten Ruf: ein Segel!«

Der Ontario hatte so viel von dem wilden und einsamen Charakter der Wälder, daß man kaum hoffen durfte, auf seinem Wasser mit einem Schiff zusammenzutreffen. Der Scud selbst erschien denen, welche er trug, wie ein einzelner Wanderer in der Wildniß, und dieses Zusammentreffen glich dem zweier einsamer Jäger unter dem breiten Blättergewölbe, welches damals so viele Millionen Morgen des amerikanischen Festlandes bedeckte. Der eigenthümliche Wetterstand diente dazu, das Romantische und fast Uebernatürliche dieser Begegnung zu steigern. Cap allein war an derartige Erscheinungen mehr gewöhnt; aber doch bebten auch seine eisernen Nerven unter den Gefühlen, welche die wilden Züge dieser Scene erweckten.

Das fremde Schiff befand sich ungefähr zwei Kabellängen vor dem Scud, stand mit seinen Bügen quer gegen den Wind, und steuerte in einem Curse, daß der Letztere wahrscheinlich in einer Entfernung von einigen Ellen daran vorbeikommen mußte. Es war vollständig aufgetakelt und in der stürmischen Nebelluft konnte selbst das geübteste Auge keine Unvollkommenheit in seinem Bau und seiner Takelage erkennen. Die einzige losgemachte Leinwand war das dicht gereffte große Marssegel, und zwei kleine untere Stagsegel, das eine vorn, das andere hinten. Doch die Gewalt des Windes drängte das Fahrzeug so heftig, daß es sich fast bis an seine Deckbalkenenden umbeugte, wenn es nicht durch das Steigen der Wellen unter seinem Lee aufgerichtet wurde. Die Spieren waren Alle an ihrer Stelle, und an der Bewegung, welche mit einer Geschwindigkeit von vier Knoten in der Stunde von Statten ging, konnte man erkennen, daß es ein wenig frei steuerte.

»Der Bursche muß seine Stellung gut kennen,« sagte Cap, als der Kutter mit einer Geschwindigkeit, welche beinahe der des Sturmes glich, auf das Schiff zuflog, »denn er steht so kühn gegen Süden an, daß er dort sicher einen Hafen oder Ankerplatz zu finden weiß. Kein vernünftiger Mensch würde in dieser Weise frei davon fahren, ohne genau zu wissen, wohin er will; es müßte denn sein, daß ihn der Sturm, einer Wolke gleich, vor sich herjagte, wie dieß bei uns der Fall ist.«

»Wir haben einen Lauf gemacht, vor dem man allen Respekt haben muß, Kapitän,« erwiederte der Mann, an welchen die vorige Bemerkung gerichtet war. »Dieß ist das französische Königsschiff Lee-my Calm (Ie Montcalm), und segelte nach dem Niagara, wo sein Eigner eine Garnison und einen Hafen hat. Wir haben einen respektablen Lauf gemacht.«

»Ach, hol' ihn der Henker! Wie ein ächter Franzose rennt er augenblicklich dem Hafen zu, so bald er einen englischen Kiel sieht.«

»Es möchte für uns gut sein, wenn wir ihm folgen könnten,« erwiederte der Mann mit zaghaftem Kopfschütteln, »denn wir kommen hier oben am Ende des See's in eine Bai, und es ist zweifelhaft, ob wir je wieder aus ihr herauskommen.«

»Pah, pah, Mann! Wir haben die offene See vor und einen guten englischen Boden unter uns. Wir sind keine Johnny Crapauds, um uns wegen eines Windstoßes hinter eine Bergspitze oder ein Fort zu verstecken. Vergeßt Euer Steuer nicht, Herr!«

Dieser Befehl wurde wegen des drohenden Näherrückens des feindlichen Schiffes gegeben. Der Scud schoß nun gerade auf die Keel-Kinnback des Franzosen zu, und da die Entfernung zwischen den beiden Fahrzeugen sich bis auf hundert Ellen vermindert hatte, so war es einen Augenblick zweifelhaft, ob Raum genug vorhanden sei, um an einander vorbei zu kommen.

»An Backbord, an Backbord das Ruder, und hinten vorbei!« rief Cap.

Man sah die Schiffsmannschaft des Franzosen sich windwärts versammeln und einige Musketen anlegen, als ob sie der Mannschaft des Scud befehlen wolle, sich fern zu halten. Auch wurden noch andere Geberden bemerkt, aber der See war zu wild und drohend, um irgend eine feindselige Demonstration zuzulassen. Aus den Mündungen der zwei oder drei leichten Kanonen am Borde des Schiffs tropfte Wasser, und Niemand dachte daran, sich ihrer in diesem Sturme bedienen zu wollen, Die schwarzen Seiten des Fahrzeugs glänzten, wenn sie aus einer Welle auftauchten, und schienen zu zürnen, während der Wind durch das Takelwerk heulte und in den tausend Tauen eines Schiffes herumorgelte, so daß man davor nicht einmal das auf den französischen Schiffen gewöhnliche Rufen und Schreien vernehmen konnte.

»Mag er sich heiser schreien,« grollte Cap. »Wir haben jetzt kein Wetter, in dem man sich Geheimnisse zuflüstern kann. An Backbord das Ruder, Herr!«

Der Mann am Steuer gehorchte, und der nächste Wogenguß trieb den Scud so nahe gegen die Windvierung des Schiffes hinab, daß selbst der alte Seemann einen Schritt zurückprallte und erwartete, daß, sobald die Wellen den Schnabel wieder in die Höhe brächten, die vordersten Büge gerade in die Planken des Gegners treiben müßten. Dieß geschah jedoch nicht; denn als der Kutter sich wieder aus seiner geduckten Stellung, die der eines lauernden Panthers vor dem Sprunge glich, aufrichtete, schoß er vorwärts und im nächsten Augenblick an dem Stern des feindlichen Schiffes vorüber, wobei er gerade noch dessen Spenkerspier-Ende mit seiner eigenen unteren Rah klärte.

Der junge Franzose, welcher den Montcalm befehligte, sprang auf den Hackebord, lupfte mit jenem zierlichen Anstand, der auch den niedrigsten Handlungen seiner Landsleute eine gewisse Feinheit verleiht, seine Mütze, und winkte einen lächelnden Gruß, als der Scud vorüber schoß. Es lag, da die Umstände keine andern Mittheilungen gestatteten, eine gewisse Leutseligkeit und feine Bildung in diesem Akt der Höflichkeit, die aber bei Cap verloren ging; denn mit dem seinem Leute-Schlag eigenen Instinkt schüttelte er drohend seine Faust und brummte vor sich hin:

»Ja, ja, es ist ein v–s Glück für Euch, daß wir kein schweres Geschütz hier an Bord haben, sonst wollte ich Euch Etwas zusenden, was Euch neue Kajütenfenster nöthig machen dürfte. Er will uns zum Besten haben, Sergeant.«

»Er war höflich, Bruder Cap,« erwiederte der Andere, indem er seine Hand sinken ließ, da sein Soldatenstolz ihn veranlaßt hatte, die militärische Begrüßung zu erwiedern; »er war höflich, und das ist so viel, als man von einem Franzosen erwarten kann. Was er damit wirklich meinte, kann wohl Niemand sagen.«

»Er setzt sich gewiß nicht umsonst bei diesem Wetter der See aus. Je nun, lassen wir ihn einlaufen, wenn er kann, indeß wir, wie muthige englische Matrosen, uns auf dem Wasser halten wollen.«

Das klang wohl schön; aber Cap blickte doch neidisch auf den glänzenden schwarzen Rumpf des Montcalm, sein flatterndes Segel und die verschwimmenden Spierenkreuzungen, bis sich sein Bild immer mehr und mehr verwischte und zuletzt wie ein wesenloser Schatten in dem Nebel verschwand. Cap wäre gerne seinem Fahrwasser gefolgt, wenn er es hätte wagen dürfen: denn die Aussicht auf eine zweite Sturmnacht mitten auf dem wilden Wasser, welches rund um ihn her tobte, hatte in der That wenig Tröstliches für ihn. Sein seemännischer Stolz gestattete ihm jedoch nicht, eine Unbehaglichkeit kund zu geben, und die seiner Obhut Anvertrauten verließen sich auf seine Kenntnisse und Geschicklichkeit mit dem blinden und unbedingten Vertrauen, welches bei Unkundigen so gewöhnlich ist.

Es vergingen nun einige Stunden, und die Finsterniß begann wieder die Gefahren des Scud zu vermehren. Doch hatte ein Nachlassen der Kühlte Cap veranlaßt, wieder einmal in den Wind umzulenken, und der Kutter lag die ganze Nacht über, wie früher, bei, wobei er jedoch stets nach vorn trieb und gelegenheitlich vierte, um vom Lande abzuhalten. Wir wollen übrigens nicht bei den Ereignissen dieser Nacht verweilen, da sie so ziemlich dieselben waren, wie bei andern Kühlten; – ein Schwanken des Schiffes, ein Gischen des Wassers, ein Spritzen des Schaumes und Erschütterungen, welche das von den Wellen hin und hergestoßene Fahrzeug zu Vernichten drohten: das unablässige Heulen des Windes und die Schrecken erregende Abtrift. Letztere war am gefährlichsten; denn obgleich der Scud außerordentlich gut Luv unter seinem Segel hielt, und durchaus keinen Windfang hatte, so war er doch so leicht, daß ihn die steigenden Wogen bisweilen in reißender Schnelle in ihr Lee hinabzuwaschen schienen.

Während dieser Nacht überließ sich Cap einige Stunden einem gesunden Schlaf. Der Morgen dämmerte eben auf, als er sich an der Schulter ergriffen fühlte: wie er sich aufrichtete, sah er den Pfadfinder an seiner Seite stehen. Während des Sturmes hatte sich der Wegweiser wenig auf dem Verdecke gezeigt, denn seine natürliche Bescheidenheit belehrte ihn, daß die Leitung des Schiffes nur in den Bereich der Seeleute gehöre, und er war geneigt, den Führern des Scud dasselbe Vertrauen zu schenken, welches er von denen, die ihm durch die Wälder folgten, erwartete. Jetzt aber hielt er eine Einmischung für gerechtfertigt, und vollführte diese in seiner eigenthümlichen, ehrlichen Weise.

»Der Schlaf ist süß, Meister Cap,« sagte er, als dessen Augen sich geöffnet hatten und er sich in seine Lage zu finden begann: – »der Schlaf ist süß, wie ich aus eigener Erfahrung weiß; aber das Leben ist noch süßer. Seht um Euch, und sagt mir, ob das nicht ein Augenblick ist, wo ein Befehlshaber auf seinen Beinen sein muß.«

»Wie, wie – Meister Pfadfinder?« brummte Cap in den ersten Augenblicken des wiederkehrenden Bewußtseins. »Habt Ihr Euch auch auf die Seite der Murrenden geschlagen? Auf dem Lande bewunderte ich Eure Klugheit, die Euch über die gefährlichsten Untiefen ohne Kompaß wegführte; und seit wir auf dem Wasser sind, hat mir Eure Mäßigung und Ergebung ebensowohl gefallen, als die Zuversicht, mit der Ihr auf Euerm eigenen Boden auftratet. Ich hätte eine solche Aufforderung von Euch am wenigsten erwartet.«

»Was mich anbelangt, Meister Cap, so fühle ich, daß ich meine Gaben habe, welche, wie ich glaube, denen eines Andern nicht in's Gehege kommen werden. Mit Mabel Dunham mag es aber ein anderer Fall sein, 's ist wahr, sie hat auch ihre Gaben; sie sind aber nicht so rauh wie die unsrigen, sondern sanft und weiblich, wie sie sein müssen. Ich spreche daher mehr um ihrer als um meinetwillen.«

»Ja, ja – ich fange an, zu begreifen. Das Mädchen ist ein gutes Kind, mein werther Freund; aber sie ist die Tochter eines Soldaten und die Nichte eines Seemanns, und sollte daher in einem Sturme nicht zu furchtsam oder zu zärtlich sein. Läßt sie Furcht blicken?«

»Nein, nicht doch. Mabel ist zwar ein Weib, aber vernünftig und schweigsam. Ich habe sie nicht ein Wort über unser Handeln äußern hören, obgleich ich glaube, Meister Cap, daß es ihr lieber wäre, wenn Jasper wieder seine frühere Stelle einnähme und Alles in den alten Zustand versetzt würde. Das ist so die menschliche Natur.«

»Das will ich ohne Schwur glauben – 's ist so ganz nach der Art der Mädchen, und zumal der Dunhams. Alles ist besser als ein alter Onkel, und Jedermann weiß mehr, als ein alter Seemann. Das ist menschliche Natur, Meister Pfadfinder, und hol' mich der –, wenn ich der Mann bin, der, sei es am Back- oder Steuerbord, um der ganzen Menschennatur willen, die in einem solchen zwanzigjährigen Naseweis steckt, auch nur einen Faden ab- oder angiere; – ja, auch nicht um Aller willen,« (er dämpfte hiebei seine Stimme ein wenig) »welche in Seiner Majestät fünfundfünfzigsten Regiment zu Fuß auf die Parade ziehen. Ich habe mich nicht vierzig Jahre auf dem Meer umgetrieben, um hier auf diesem Fetzen Frischwasser zu lernen, was Menschennatur ist. – Wie diese Kühlte anhält! Sie bläst in diesem Augenblick so kräftig, als ob Boreas selber seine Schläuche quetschte. Und was ist das Alles auf der Leeseite?« (er rieb die Augen) »Land! so wahr ich Cap heiße, – und dazu Hochland!«

Der Pfadfinder gab keine unmittelbare Antwort, betrachtete aber mit Kopfschütteln und ängstlicher Sorge den Gesichtsausdruck seines Gefährten.

»Land, so wahr als dieses der Scud ist!« wiederholte Cap. »Ein Leger-Wall, und noch dazu in der Entfernung von einer Stunde, mit einer so schönen Linie von Brandungen, als man nur eine an dem Ufer von ganz Long-Island finden kann!«

»Und ist das ermuthigend oder niederschlagend?« fragte der Pfadfinder.

»Ah! ermuthigend – niederschlagend! – 's ist keines von Beiden. Nein, nein! ich kann nichts Ermuthigendes daran sehen, und einen Seemann darf nichts niederschlagen. Es schlägt Euch wohl auch nichts nieder in den Wäldern, mein Freund?«

»Ich will das nicht sagen, – ich will das nicht sagen. Wenn die Gefahr groß ist, so habe ich die Gabe, sie zu sehen, zu erkennen, und den Versuch zu ihrer Vermeidung zu machen, sonst würde wohl mein Skalp schon längst in dem Wigwam eines Mingo trocknen. Auf diesem See aber kann ich keine Spur sehen, und muß mich daher unterwerfen, obgleich ich meine, wir sollten uns daran erinnern, daß eine Person wie Mabel Dunham an Bord ist. Doch da kommt ihr Vater, und wird ohne Zweifel um sein Kind besorgt sein.«

»Wir sind da, glaube ich, in einer bedenklichen Lage, Bruder Cap, so viel ich von den beiden Matrosen am Backbord entnehmen kann,« sagte der Sergeant, als er bei den Beiden angelangt war. »Sie sagen mir, der Kutter könne kein Segel mehr führen, und die Abtrift sei so stark, daß sie uns in einer oder zwei Stunden an's Ufer werfen werde. Ich hoffe, daß ihre Furcht sie täuscht.«

Cap antwortete nicht, sondern blickte nur mit einem kläglichen Gesicht gegen das Land, worauf er jedoch mit dem Ausdruck der Entrüstung sich gegen den Wind kehrte, als ob er gerne mit dem Wetter Händel angefangen hätte.

»Es möchte wohl gut sein, Bruder,« fuhr der Sergeant fort, »nach Jasper zu schicken, um mit ihm über das, was geschehen muß, zu berathen. Hier sind keine Franzosen zu fürchten; und möglicher Weise wird uns der Junge doch vor dem Ertrinken retten.«

»Ja, ja, diese verwünschten Indizien haben uns in all' dieses Ungemach geführt. Doch laßt den Burschen kommen, laßt ihn kommen. Einige gut angebrachte Fragen werden ihm wohl die Wahrheit entlocken, – ich stehe dafür.«

So bald die Zustimmung des starrköpfigen Cap erlangt war, wurde nach Jasper geschickt. Der junge Mann erschien sogleich und trug in seiner Miene, wie auch seinem ganzen Aeußern den Ausdruck eines gekränkten und gedemüthigten Gefühls, welchen jedoch einige der Beobachter als die Befangenheit der überführten Schuld betrachteten. Sobald er auf dem Verdeck angelangt war, warf er einen schnellen ängstlichen Blick um sich, als ob er neugierig sei, die Lage des Kutters kennen zu lernen, und dieser Blick schien hinreichend zu sein, ihm die ganze Gefahr derselben zu enthüllen. Zuerst blickte er nach Seemannsweise gegen den Wind und sah sich dann rings am Horizont um, bis sein Auge auf dem leewärts gelegenen Hochlande haften blieb, von wo aus ihm auf einmal die traurige Wahrheit in lebendigen Zügen vor's Auge trat.

»Ich habe nach Euch geschickt, Meister Jasper,« sagte Cap, indem er die Arme kreuzte, und mit der ganzen Backbord-Würde seinen Körper wiegte, »um Etwas über den Hafen in unsrem Lee zu erfahren, denn wir denken, Ihr werdet Euren Unwillen nicht so weit treiben, daß Ihr uns Alle ersäuft sehen möchtet, zumal die Weiber. Auch denke ich, Ihr werdet Manns genug sein, uns den Kutter auf ein sicheres Lager bringen zu helfen, bis dieses Bischen Kühlte zu blasen nachgelassen hat.«

»Ich wollte lieber zu Grunde gehen, als daß Mabel Dunham ein Leides geschehen sollte,« antwortete der Jüngling mit ruhigem Ernste.

»Ich wußte es – ich wußte es!« rief der Pfadfinder, indem er Jaspern freundlich auf die Schulter klopfte. »Der Junge ist so treu, wie der beste Compaß, der je an der Gränze war oder irgend Jemandem von einer blinden Fährte half. Es ist eine Todsünde, etwas Anderes zu glauben.«

»Hum!« rief Cap, »zumalen die Weiber! Als ob die in einer besonderen Gefahr wären. Doch es macht nichts, junger Mensch; wir werden einander verstehen; wenn wir wie ein paar ehrliche Seeleute mit einander reden. Kennt Ihr irgend einen Hafen unter unsrem Lee?«

»Nein. Es ist eine weite Bucht an diesem Ende des See's; sie ist aber uns Allen unbekannt und die Einfahrt schwierig.«

»Und diese Küste im Lee – sie hat nichts besonderes Einladendes, denke ich?«

»Es ist eine Wildniß, die auf der einen Seite bis zur Mündung des Niagara und auf der andern zum Fort Frontenac reicht. Ich habe mir sagen lassen, daß nördlich und westlich tausend Meilen weit nichts als Wälder und Prairien sind.«

»Gott sei Dank! Dann können doch keine Franzosen da sein. Sind auf dem Lande dort vielleicht viele Wilde um den Weg?«

»Man findet in allen Richtungen Indianer, obgleich sie nirgends sehr zahlreich sind. Man kann zufällig auf eine Partie an irgend einem Punkte des Ufers stoßen, aber auch Monate lang wandern, ohne einen Einzigen zu sehen.«

»Nun, was diese Blaustrümpfe anbelangt, so müssen wir es eben nehmen wie's kommt. Aber um offen mit Euch zu reden, Meister Western, wenn dieser kleine, unangenehme Vorfall mit den Franzosen nicht dazwischen gekommen wäre! was würdet Ihr jetzt mit dem Kutter anfangen?«

»Ich bin ein viel jüngerer Schiffer als Ihr, Meister Cap,« sagte Jasper bescheiden, »und also kaum geeignet, hier eine Meinung zu äußern.«

»Ja, ja – wir wissen das wohl. In einem gewöhnlichen Fall vielleicht nicht. Aber das ist ein ungewöhnlicher Fall, ein Umstand, und dieses Stückchen Frischwasser hat so zu sagen seine Eigenthümlichkeiten. Ihr mögt also, wenn man es beim Licht betrachtet, wohl geeignet sein, hier Eure Ansichten auszusprechen, und wenn es gegen Euern Vater wäre. In jedem Falle könnt Ihr sprechen, und ich kann Eure Meinung meiner Erfahrung gemäß beurtheilen.«

»Ich denke, Herr, daß der Kutter, ehe noch zwei Stunden vorüber sind, vor Anker gebracht werden sollte.«

»Vor Anker? – doch nicht hier außen auf dem See?«

»Nein, Herr, aber dort drinnen, in der Nähe des Landes.«

»Ihr wollt mir doch nicht weiß machen, Meister Eau-douce, daß Ihr bei einer solchen Kühlte an einem Legerwall ankern würdet?«

»Wenn ich mein Schiff retten wollte, so würde ich nichts Anderes thun.«

»Hu, hu – u! Das ist ein verteufeltes Frischwasser. Hört, junger Mensch, ich bin ein seefahrendes Thier gewesen, als Knabe und Mann, einundvierzig Jahre lang, und nie habe ich von so Etwas gehört; auch wollte ich lieber alles Tauwerk über Bord werfen, ehe ich mich eines solchen Schuljungenstreiches schuldig machen würde.«

»Wir handeln so hier auf dem See, wenn wir hart gedrängt werden,« erwiederte Jasper bescheiden. »Vielleicht könnten wir etwas Besseres thun, wenn man es uns gelehrt hätte.«

»Das möchte in der That der Fall sein! Nein, Niemand wird mich veranlassen, eine solche Sünde gegen meine Erziehung zu begehen. Ich könnte ja nie wieder mein Gesicht innerhalb Sandy Hook zeigen, wenn ich mir einen solchen Schülerstreich hätte zu Schulden kommen lassen. Da hat sogar der Pfadfinder mehr Seemannskost in seinem Leib. Ihr könnt wieder hinunter gehen, Meister Eau-douce.«

Jasper verbeugte sich ruhig und schied. Als er jedoch die Leiter hinunterstieg, warf er, wie die Zuschauer bemerkten, zögernd einen ängstlichen Blick gegen den Horizont windwärts, und gegen das Gestade im Lee, worauf er mit dem Ausdrucke schweren Kummers in jedem Zuge seines Gesichtes verschwand.

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