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Der Pfadfinder oder Das Binnenmeer

James Fenimore Cooper: Der Pfadfinder oder Das Binnenmeer - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Pfadfinder
publisherHoffmann'sche Verlags Buchhandlung.
printrunNeue unveränderte Auflage
year1869
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141112
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Fünfzehntes Kapitel

Wie heißt die Perle, die kein Gold erkauft,
Auf die gelehrter Stolz verachtend blickt,
Die nur der Arme und Verachtete
Sucht, und erhält, und ungesucht oft findet?
Sprich – und ich sage dir, was Wahrheit ist.

Cowper.

 

Das Zusammentreffen mit dem Indianer und seinem Weibe hatte für die Mehrzahl derer, welche Zeuge dieses Ereignisses waren, nichts Ueberraschendes. Aber Mabel und Alle, welche wußten, wie dieser Häuptling sich von Caps Gesellschaft getrennt hatte, unterhielten gleichzeitig argwöhnische Vermuthungen, die sich weit leichter fühlen, als verfolgen und durch irgend einen Schlüssel zur Gewißheit erheben ließen. Pfadfinder, der sich allein mit den Gefangenen – denn als solche konnten sie jetzt betrachtet werden – zu unterhalten vermochte, führte Arrowhead bei Seite, und besprach sich lange mit ihm über die Gründe, welche ihn veranlaßt hatten, sich seinem Auftrage zu entziehen, und über die Weise, wie er sich bisher beschäftigt hatte.

Der Tuscarora antwortete auf die an ihn gestellten Fragen mit der Ruhe eines Indianers. In Betreff seines Entweichens waren seine Entschuldigungen einfach und schienen hinreichend annehmbar. Als er gefunden hatte, daß die Gesellschaft in ihrem Verstecke entdeckt worden war, hatte er natürlich an seine eigene Sicherheit gedacht, welche er am besten in den Wäldern zu finden hoffte; denn er zweifelte nicht, daß Alle, welchen dieses nicht glückte, auf der Stelle getödtet werden würden. Mit einem Worte – er hatte Reißaus genommen, um sein Leben zu retten.

»Das ist gut,« erwiederte Pfadfinder, indem er sich das Ansehen gab, als ob er der Rechtfertigung des Andern Glauben beimesse; »mein Bruder hat sehr weise gehandelt. Aber sein Weib folgte ihm?«

»Folgen die Blaßgesichtsweiber ihren Männern nicht? Würde Pfadfinder nicht zurückgeblickt haben, um zu sehen, ob die, welche er liebte, komme?

Diese Berufung traf den Wegweiser gerade in der günstigsten Gemüthsstimmung, um ihre Kraft fühlbar zumachen: denn Mabel, ihre gewinnenden Eigenschaften und ihre Entschlossenheit waren bereits zu Bildern geworden, mit denen sich seine Gedanken vertrauter gemacht hatten. Obgleich der Tuscarora den Grund nicht errathen konnte, so sah er doch, daß seine Entschuldigung angenommen wurde, und erwartete mit ruhiger Würde die weitere Untersuchung.

»Das ist vernünftig und natürlich,« erwiederte Pfadfinder in englischer Sprache, denn er ging unwillkürlich von der einen in die andere über, wie es ihm gerade Gefühl und Gewohnheit gebot, »es ist natürlich, und mag sich wohl so verhalten. Wahrscheinlich würde ein Weib dem Manne folgen, dem sie Treue gelobt hat, denn Mann und Weib sind ein Fleisch. Mabel würde auch dem Sergeanten gefolgt sein, wenn er gegenwärtig gewesen wäre und sich auf diese Weise zurückgezogen hätte, und ich zweifle nicht im Mindesten, daß das warmherzige Mädchen mit ihrem Gatten gegangen wäre. Eure Worte sind ehrlich, Tuscarora« – er sprach dieses wieder in der Zunge des Letzteren – »Eure Worte sind ehrlich, annehmbar und billig. Aber warum ist mein Bruder so lange von dem Fort weggeblieben? Seine Freunde haben oft an ihn gedacht, aber ihn nicht wieder zu Gesicht bekommen.«

»Wenn die Damgais dem Bocke folgt, muß nicht der Bock der Gais folgen?« antwortete der Tuscarora lächelnd, und legte dabei den Finger bedeutungsvoll auf die Schulter des Fragers. »Arrowhead's Weib folgte Arrowhead; es war daher billig, daß Arrowhead seinem Weibe folgte. Sie verlor den Weg, und man zwang sie, in einem fremden Wigwam zu kochen.«

»Ich verstehe Euch, Tuscarora. Das Weib fiel in die Hände der Mingo's, und Ihr bliebt auf ihrer Fährte.«

»Pfadfinder kann einen Grund so leicht sehen, als er das Moos der Bäume sieht. Es ist so.«

»Seit wie lange habt Ihr das Weib wieder zurückerhalten, und in welcher Weise ist dieses geschehen?«

»Zwei Sonnen. Dew of June ließ nicht lange auf sich warten, als ihr Gatte ihr den Pfad zuflüsterte.«

»Gut, gut, alles Dieses scheint mir natürlich und der Ehe angemessen. Aber, Tuscarora, wie erhieltet Ihr diesen Kahn, und warum rudert Ihr dem S. Lorenzo zu, statt gegen die Garnison hin?«

»Arrowhead weiß sein Eigenthum von dem eines Andern zu unterscheiden. Der Kahn ist mein; ich fand ihn an dem Ufer, nahe an dem Fort.«

»Auch das klingt vernünftig: denn zu einem Kahn gehört ein Mensch, und ein Indianer gibt nicht viele Worte aus, wenn er sich Etwas aneignen will. Es ist aber doch nicht in der Ordnung, daß mir von dem Burschen und seinem Weib nichts gesehen haben, da doch der Kahn den Fluß vor uns verlassen haben muß.«

Dieser Gedanke, der dem Wegweiser plötzlich durch die Seele fuhr, wurde nun dem Indianer in der Form einer Frage vorgelegt.

»Pfadfinder weiß, daß ein Krieger Scham haben kann. Der Vater würde mich nach seiner Tochter gefragt haben, und ich konnte sie ihm nicht geben. Ich schickte Dew of June nach dem Kahne aus, und Niemand redete das Weib an. Ein Tuscaroraweib wagt es nicht, mit fremden Männern zu sprechen.«

Alles dieses war annehmbar, auch dem Charakter und den Gewohnheiten der Indianer gemäß. Wie gewöhnlich, hatte Arrowhead die Hälfte seiner Belohnung zum Voraus erhalten, als er den Mohawk verließ, und es war ein Beweis von dem Bewußtsein gegenseitiger Rechte, welches oft eben so bezeichnend für die Moral der Wilden, als die der Christen ist, daß er es nicht wagte, den Rest anzusprechen. In den Augen eines so rechtlichen Mannes, wie der Pfadfinder war, hatte Arrowhead sich mit Zartheit und Schicklichkeit benommen, obgleich es mit seinem eigenen freimüthigen Wesen besser im Einklang gewesen wäre, zu dem Vater zu gehen und bei der einfachen Wahrheit zu bleiben; da er jedoch an die Weise der Indianer gewöhnt war, so sah er nichts Auffallendes in dem Benehmen des Andern.

»Das geht wie Wasser, welches den Berg herunter kommt, Arrowhead,« antwortete er nach einer kurzen Ueberlegung, »und die Wahrheit muß ich anerkennen. Es war die Gabe einer Rothhaut, auf diese Weise zu handeln, obgleich ich nicht glaube, daß es die Gabe eines Blaßgesichts wäre. Ihr wolltet wohl den Gram nicht sehen, den der Vater um das Mädchen empfand?«

Arrowhead machte eine ruhige Verbeugung, als ob er dieß zugestehen wolle.

»Mein Bruder wird mir noch Eines sagen,« fuhr Pfadfinder fort, »und es wird keine Wolke mehr zwischen seinem Wigwam und dem festen Hause der Yengeese stehen. Wenn er noch dieses Bischen Nebel mit dem Hauche seines Mundes wegblasen kann, so werden seine Freunde auf ihn sehen, wie er bei seinem eigenen Feuer sitzt, und er kann auf sie sehen, wie sie ihre Waffen weglegen, und vergessen, daß sie Krieger sind. Warum war die Spitze von Arrowheads Kahn gegen den S. Lorenzo zugekehrt, wo er doch nur Feinde finden wird?«

»Warum blickt der Pfadfinder und seine Freunde auf denselben Weg?« fragte Tuscarora ruhig. »Ein Tuscarora kann in dieselbe Richtung, wie ein Yengeese, schauen.«

»Warum, Arrowhead? Um die Wahrheit zu gestehen, wir sind auf's Kundschaften aus, wie – das zu Schiff geschehen kann, – oder mit andern Worten, wir sind im Dienste des Königs, und haben ein Recht, hier zu sein, obgleich wir vielleicht kein Recht haben, zu sagen, warum wir hier sind.«

»Arrowhead sah den großen Kahn, und er liebt es, in das Gesicht von Eau-douce zu sehen. Er ging am Abend gegen die Sonne, um seinen Wigwam zu suchen; da er aber fand, daß der junge Seemann einen andern Weg gehen wolle, so kehrte er um, um in dieselbe Richtung zu schauen. Eau-douce und Arrowhead waren bei einander auf der letzten Fährte.«

»Das mag Alles wahr sein, Tuscarora, und Ihr seid willkommen. Ihr sollt von unserm Wildpret essen, und dann müssen wir uns trennen. Die untergehende Sonne ist hinter uns, und wir Beide bewegen uns schnell. Mein Bruder wird sich zu weit von dem entfernen, was er sucht, wenn er nicht umkehrt.«

Pfadfinder kehrte nun zu den Uebrigen zurück, und berichtete das Ergebniß seiner Untersuchung. Er schien selbst zu glauben, daß Arrowheads Erzählung wahr sein könne, obgleich er zugestand, daß die Klugheit Vorsicht gegen einen Menschen fordere, der ihm mißfiel. Seine Zuhörer jedoch waren, mit Ausnahme Jaspers, wenig geneigt, seinen Erklärungen Glauben zu schenken.

»Dieser Kerl muß sogleich in Eisen gelegt werden, Bruder Dunham,« sagte Cap, als Pfadfinder seine Erzählung beendet hatte; »er muß dem Profos übergeben werden, wenn es einen solchen Beamten auf dem frischen Wasser gibt. Man muß ein Kriegsgericht über ihn halten lassen, sobald wir den Hafen erreichen.«

»Ich denke, es ist das Klügste, den Burschen festzuhalten,« antwortete der Sergeant. »Aber Eisen ist unnöthig, so lang er auf dem Kutter bleibt. Morgen soll die Sache untersucht werden.«

Man forderte nun Arrowhead vor und verkündete ihm die Entscheidung. Der Indianer hörte ernst zu und machte keine Einwürfe; im Gegentheil unterwarf er sich mit der ruhigen und zurückhaltenden Würde, mit der die amerikanischen Ureingebornen sich in ihr Schicksal zu ergeben pflegte«, und blieb als ein aufmerksamer, aber ruhiger Beobachter dessen, was vorging, seitwärts stehen. Jasper ließ des Kutters Segel in den Wind, und der Scud nahm seinen Curs wieder auf.

Es kam nun die Stunde heran, wo die Wachen ausgestellt wurden und man sich wie gewöhnlich zur Ruhe begab. Der größte Theil der Mannschaft ging nach unten, und nur Cap, der Sergeant, Jasper und zwei Matrosen blieben auf dem Verdeck. Auch Arrowhead mit seinem Weibe blieb; Jener stand luvwärts in stolzer Abgemessenheit, indeß Letztere in ihrer Haltung und Hingebung die demüthige Unterwürfigkeit äußerte, welche das Weib eines Indianers charakterisirt.

»Ihr werdet unten einen Platz für Euer Weib finden, Arrowhead, wo meine Tochter für ihre Bedürfnisse Sorge tragen wird,« sagte der Sergeant mit Güte, als er gerade im Begriff war, das Deck zu verlassen, »und dort ist ein Segel, auf dem Ihr selbst schlafen könnt.«

»Ich danke meinem Vater. Die Tuscarora's sind nicht arm. Das Weib wird nach meinen Decken im Kahne sehen.«

»Wie Ihr wollt, mein Freund; wir halten es für nöthig, Euch zurückzuhalten, aber nicht, Euch einzusperren oder übel zu behandeln. Schickt Euer Weib nach den Decken in den Kahn, und Ihr selbst könnt ihr folgen und uns die Ruder überliefern. Da es einige schläfrige Köpfe in dem Scud geben könnte, Eau-douce,« fügte der Sergeant leise bei, »so wird es wohl gut sein, sich der Ruder zu versichern.«

Jasper nickte Beifall, und Arrowhead und sein Weib, von denen man sich keines Widerstandes versah, gehorchten stillschweigend der Anweisung. Als Beide in dem Kahn beschäftigt waren, hörte man einige Ausdrücke scharfen Tadels aus dem Munde des Indianers gegen sein Weib, welche diese mit unterwürfiger Ruhe hinnahm und den begangenen Fehler dadurch zu verbessern suchte, daß sie die Decke, welche sie ergriffen hatte, bei Seite legte und nach einer andern suchte, die mehr nach dem Sinne ihres Tyrannen war.

»Kommt, reicht mir die Hand, Arrowhead,« sagte der Sergeant, der auf dem Schanddeck stand und die Bewegungen der Beiden beobachtete, welche für die Ungeduld eines schläfrigen Mannes viel zu langsam waren; »es wird spät und wir Soldaten werden bei Zeiten geweckt – da heißt es, früh in's Bett und früh wieder heraus.«

»Arrowhead kommt,« war die Antwort, als der Tuscarora vorwärts in den Bug seines Kahnes trat.

Ein Schnitt mit seinem scharfen Messer trennte das Tau, an welchem das Boot lag: der Kutter schoß vorwärts, und ließ die leichte Blase von Barke fast unbeweglich hinter sich. Dieses Manöver war mit einer solchen Schnelligkeit und Geschicklichkeit ausgeführt worden, daß der Kahn auf der Leeseite des Scud war, ehe der Sergeant die List bemerkte, und schon in dem Kielwasser schwamm, ehe er es seinen Gefährten mittheilen konnte.

»Hart am Lee!« rief Jasper, und stach mit eigener Hand die Klüverschote auf, worauf der Kutter schnell gegen den Wind fuhr und alle Segel hängen ließ, oder, wie die Seeleute sagen, in des Windes Auge lief, bis das leichte Fahrzeug hundert Fuß windwärts von seiner früheren Lage sich befand.

So schnell und sicher diese Bewegung ausgeführt wurde, so war sie doch nicht schneller und geschickter als die des Tuscarora. Mit einer Einsicht, die seine Vertrautheit mit Fahrzeugen bekundete, hatte er das Ruder ergriffen und flog, von seinem Weibe unterstützt, auf dem Wasser dahin. Er schlug seine Richtung nach Südwesten ein, in einer Linie also, welche ihn zugleich gegen den Wind und gegen das Ufer führte, und ihn so weit von dem Kutter luvwärts brachte, daß dadurch die Gefahr des Zusammenstoßens mit dem großen Fahrzeuge vermieden wurde, wenn letzteres seinen zweiten Gang ausführte. Da der Scud schnell gegen den Wind geschossen war und mit Gewalt vorangetrieben hatte, so wurde es für Jaspern nöthig, abzufallen, ehe das Fahrzeug seinen Weg ganz verlor, und das Steuer wurde kaum zwei Minuten nieder gehalten, als das lebhafte kleine Schiff back vorwärts lag, und so schnell abfiel, daß die Segel sich für den entgegengesetzten Gang füllen konnten.

»Er wird entrinnen!« sagte Jasper, als er einen Blick auf die wechselnden Stellungen und Bewegungen des Kutters und des Kahnes warf. – »Der schlaue Schurke rudert windwärts todt, und der Scud kann ihn nimmer überholen.«

»Ihr habt einen Kahn!« rief der Sergeant, welcher auf der Verfolgung mit der Heftigkeit eines Knaben beharrte, »wir wollen ihn in's Wasser lassen, und die Jagd fortsetzen!«

»Es wird vergeblich sein. Wenn Pfadfinder auf dem Verdeck gewesen wäre, so hätte es vielleicht gehen mögen; doch damit ist's jetzt vorbei. Bis der Kahn im Wasser ist, gehen drei oder vier Minuten herum, und diese Zeit ist genügend für Arrowheads Zweck.«

Cap und der Sergeant sahen die Wahrheit davon ein, die übrigens auch einem in derartigen Dingen ganz Unerfahrenen hätte einleuchten müssen. Das Ufer war kaum eine halbe Meile entfernt, und der Kahn schoß bereits in dessen Schatten, in einer Weise, die deutlich erkennen ließ, daß er das Land erreicht haben werde, ehe noch seine Verfolger die Hälfte dieser Entfernung zurücklegen konnten. Man hätte dann allerdings sich des Kahnes bemächtigen können; er wäre aber eine nutzlose Prise gewesen, da Arrowhead in den Wäldern wahrscheinlich eher das andere Ufer unentdeckt erreichen konnte, als wenn er sich mit dem Nachen wieder auf den See wagte, obgleich bei Ersterem die körperliche Anstrengung größer sein mochte. Das Steuer des Scuds wurde, zwar nur ungerne, wieder aufgenommen; der Kutter drehte sich auf seiner Kielung und kam bei dem andern Gang fast instinktartig wieder in seinen Curs. Alles dieses wurde von Jaspern mit der größten Stille vollführt; seine Gehilfen wußten, was Noth that, und unterstützten ihn mit einer fast mechanischen Nachahmung. Während diese Bewegungen gemacht wurden, nahm Cap den Sergeanten an dem Knopfe, führte ihn gegen die Kajütenthüre, wo er außer dem Bereiche des Horchens war, und begann seinen Gedanken-Vorrath abzuladen.

»Höre, Bruder Dunham,« sagte er mit einer geheimnißvollen Miene, »das ist ein Gegenstand, der reifliche Ueberlegung und viele Umsicht fordert.«

»Das Leben eines Soldaten besteht aus steter Ueberlegung und Umsicht, Bruder Cap. Würden wir sie an dieser Gränze außer Acht lassen, so könnten uns bei dem ersten besten Nicken die Hirnhäute vom Kopf genommen werden.«

»Aber ich betrachte Arrowheads Habhaftwerdung als ein Indiz, und ich möchte hinzusetzen, sein Entweichen als ein zweites. Dieser Jasper Frischwasser mag sich in Acht nehmen.«

»Beides sind in der That Indizien, wie du's nennst, Schwager, aber sie führen zu verschiedenen Resultaten. Es ist ein Indiz gegen den Burschen, daß der Indianer entschlüpfte, und eines für ihn, daß er vorher festgenommen wurde.«

»Ja, ja, aber zwei Indizien heben sich gegenseitig nicht auf, wie zwei Verneinungen. Wenn du dem Rathe eines alten Seemannes folgen willst, Sergeant, so darfst du keinen Augenblick verlieren, um die nöthigen Schritte für die Sicherheit des Schiffes und seiner Bemannung zu thun. Der Kutter gleitet nun in einer Geschwindigkeit von sechs Knoten durch das Wasser, und da die Entfernungen auf diesem Stückchen Weiher da nur gering sind, so können wir uns vor Anbruch des Morgens in einem französischen Hafen, und, ehe es Nacht wird, in einem französischen Gefängnisse befinden.«

»Das wäre wohl möglich, aber wozu räthst du mir, Schwager?«

»Nach meiner Meinung sollte man diesen Meister Frischwasser auf der Stelle in den Arrest schicken. Laß ihn in den untern Raum bringen, gib ihm eine Wache, und übertrage das Kommando des Kutters mir. Zu all' diesem hast du die Vollmacht, da das Fahrzeug zu der Armee gehört, und du der kommandirende Offizier der gegenwärtigen Truppen bist.«

Sergeant Dunham überlegte mehr als eine Stunde die Thunlichkeit dieses Vorschlages, denn obgleich er rasch in seinen Handlungen war, wenn er sich einmal zu Etwas entschlossen hatte, so pflegte er doch nichts zu übereilen und die Klugheit nie außer Acht zu lassen.

Da er die polizeiliche Aufsicht über die Personen in der Garnison hatte, so war er mit den Charakteren derselben genau bekannt geworden, und hatte seit langer Zeit eine gute Meinung von Jasper. Aber jenes schleichende Gift, der Argwohn, hatte Zutritt zu seiner Seele gefunden: die List und die Ränke der Franzosen wurden so sehr gefürchtet, daß es kein Wunder war, wenn, zumal in Folge der vorangegangenen Warnung des Kommandanten, die Erinnerung an ein jahrelanges gutes Betragen durch den Einfluß eines so scharfen und gegründet scheinenden Verdachts verwischt wurde. In dieser Verlegenheit zog der Sergeant den Quartiermeister zu Rath, dessen Ansicht, da er sein Vorgesetzter war, Dunham zu respektiren hatte, obgleich er bei dem gegenwärtigen Streifzug unabhängig von dessen Befehlen war. Es ist ein unglücklicher Umstand, wenn man in zweifelhaften Fällen einen Mann zu Rathe zieht, der sich bei dem Fragenden in Gunst setzen will, denn man darf fast mit Gewißheit darauf rechnen, daß der gefragte Theil versuchen wird, in die Weise einzugehen, welche dem Andern am angenehmsten ist. In dem gegenwärtigen Falle war es ein weiterer unglücklicher Umstand für eine vorurtheilsfreie Betrachtung der Sache, daß nicht der Sergeant selbst, sondern Cap, die Verhältnisse auseinander setzte; denn der eifrige alte Seemann ließ seinen Zuhörer deutlich genug merken, auf welche Seite er den Quartiermeister zu lenken wünschte. Lieutenant Muir war viel zu klug, um den Onkel und den Vater des Mädchens, welches er zu gewinnen hoffte und erwartete, zu beleidigen, wenn ihm der Fall auch wirklich zweifelhaft vorgekommen wäre? aber bei der Art, wie ihm die Sache vorgelegt wurde, war er ernstlich geneigt, es für zweckmäßig zu halten, die Führung des Scud einstweilen, als eine Vorsichtsmaßregel gegen Verrath, in Caps Hände zu legen. Diese Ansicht entschied über den Sergeanten, welcher ohne Verzug die nöthigen Maßregeln treffen ließ.

Ohne in weitere Erörterungen einzugehen, gab Sergeant Dunham Jaspern die einfache Erklärung, daß er es für seine Pflicht halte, ihm vor der Hand das Kommando des Kutters zu entziehen, und es seinem Schwager zu übertragen. Ein natürlicher unwillkürlicher Ausbruch der Ueberraschung, welcher dem jungen Manne entfuhr, wurde mit der ruhigen Erinnerung erwiedert, daß der Militärdienst oft ein Geheimhalten der Gründe fordere: das gegenwärtige Verfahren – wurde ihm weiter erklärt – gehöre unter diese Reihe, und die getroffene Anordnung sei unvermeidlich gewesen. Obgleich Jaspers Erstaunen ungemindert blieb, denn der Sergeant hatte absichtlich jede Anspielung auf seinen Verdacht umgangen – so war doch der junge Mann an militärischen Gehorsam gewöhnt; er verhielt sich ruhig, und forderte noch selbst die kleine Rudermannschaft auf, für die Zukunft Caps Befehlen zu gehorchen, bis die Sache eine andere Wendung nehmen würde. Als man ihm jedoch sagte, die Verhältnisse forderten es, daß nicht nur er, sondern auch sein erster Gehilfe, der wegen seiner langen Vertrautheit mit dem See gewöhnlich der Lootse genannt wurde, in dem untern Raume bleiben müsse, trat eine Veränderung in seinen Gesichtszügen und seinem Benehmen ein, welche ein tiefes schmerzliches Gefühl bezeichnete, obgleich Jasper es so sehr zu beherrschen wußte, daß selbst der argwöhnische Cap im Zweifel blieb, was er davon denken solle. Wie natürlich, blieben aber, da ein Mißtrauen einmal vorhanden war, auch die schlimmsten Deutungen über die Sache nicht aus.

Sobald Jasper und der Lootse im untern Raume waren, erhielt die Schildwache an der Lucke geheimen Befehl, auf Beide sorgfältig Acht zu geben, Keinem zu erlauben, wieder auf das Verdeck zu kommen, ohne vorher dem dermaligen Befehlshaber des Kutters Nachricht gegeben zu haben, und dann darauf zu bestehen, daß sie so bald als möglich wieder in ihren Raum zurückkehrten. Es bedurfte jedoch dieser Vorsichtsmaßregeln nicht, da Jasper und sein Gehilfe sich ruhig auf ihre Streu warfen und sie in dieser Nacht nicht wieder verließen.

»Und nun, Sergeant,« sagte Cap, sobald er sich als den Herrn des Verdecks sah, »wirst du die Güte haben, mir die Curse und Entfernungen anzugeben, damit ich sehe, ob der Schnabel des Schiffes in der rechten Richtung ist.«

»Ich weiß nichts von Beiden, Bruder Cap,« erwiederte Dunham, den diese Frage nicht wenig in Verlegenheit setzte. »Wir müssen eben so bald als möglich die Station auf den Tausend-Inseln erreichen, wo wir landen, die dortige Mannschaft ablösen und weitere Instruktionen für unsere Schritte erhalten sollen. Das steht, fast Wort für Wort, in dem geschriebenen Befehl.«

»Aber du kannst doch eine Karte beibringen, auf der die Höhen und Entfernungen verzeichnet sind, damit ich mich über den Weg in's Klare setze?«

»Ich glaube nicht, daß Jasper etwas der Art bei sich hat.«

»Keine Karte, Sergeant Dunham?«

»Nein, nicht die Spur davon. Unsere Schiffe befahren diesen See, ohne sich je der Karten zu bedienen.«

»Den Teufel auch! – Das müssen ja wahre Yahs sein. Glaubst du denn, Sergeant Dunham, ich könne eine Insel aus Tausenden heraus finden, ohne ihren Namen und ihre Lage zu wissen? – Ja, nicht einmal den Curs und die Entfernung?«

»Der Name, Bruder Cap, braucht dich nicht gerade anzufechten, denn keine von diesen Tausenden hat einen, und so kann in dieser Hinsicht kein Mißgriff Statt finden. Was die Lage betrifft, so kann ich von dieser nichts sagen, da ich nie dort gewesen bin; doch glaube ich, daß sie nicht von besonderem Belang ist, wenn wir nur den Ort ausfindig machen. Vielleicht kann aber einer von den Matrosen auf dem Verdeck uns den Weg angeben.«

»Halt, Sergeant – halt einen Augenblick, wenn's gefällig ist, Sergeant Dunham. Wenn ich das Kommando über diesen Kutter führen soll, so muß dieß – mit deinem Wohlnehmen – geschehen, ohne daß man mit dem Koch oder Kajütenjungen rathschlägt. Ein Schiffsmeister ist ein Schiffsmeister und muß seiner eigenen Einsicht folgen, wenn sie auch noch so unrichtig ist. Ich denke, du kennst den Dienst gut genug, um einzusehen, daß es besser ist, wenn ein Kommandant einen unrichtigen Weg, als wenn er gar keinen geht. Jedenfalls könnte der Lord Ober-Admiral nicht einmal ein Boot mit Würde kommandiren, wollte er den Bootsmann alle Augenblicke um Rath fragen, wenn er an's Ufer zu gehen wünschte. Nein, Herr! Wenn ich sinke, so sinke ich; – aber, Gott v –, wenn ich nicht nach Schiffsart und mit Würde hinunter gehen will.«

»Aber, Bruder Cap, ich wünsche nirgends anders hinunter zu gehen, als zu der Station an den Tausend-Inseln, wohin uns unsere Pflicht ruft.«

»Wohl, wohl, Sergeant! aber ehe ich bei einem Matrosen vom Vordermast, oder irgend einem andern, als bei einem Deck-Offizier, Rath einhole, ich meine einen direkten, unverholenen Rath, will ich lieber um das ganze Tausend herumgehen und eine nach der andern untersuchen, bis wir den rechten Hafen treffen. Aber es gibt so eine Art, Etwas heraus zu kriegen, ohne daß man seine Unwissenheit zu Tage bringt, und ich will es schon so einleiten, daß ich aus diesen Matrosen Alles herauslocke, was sie wissen, indem ich sie zugleich glauben mache, daß ich sie mit den Vorräthen meine Erfahrung überschütte. Wir müssen uns auf dem Meere manchmal des Sehrohrs bedienen, wenn weit und breit nichts zu sehen ist, und das Loth auswerfen, wenn wir noch lange nicht auf den Grund kommen. Ich denke, es ist dir von der Armee her bekannt, Sergeant, daß man Dinge, welche man zu wissen wünscht, am Besten erfährt, wenn man sich das Ansehen gibt, daß man sie bereits vorher genau kenne. In meinen jüngeren Jahren machte ich zwei Reisen mit einem Manne, welcher sein Schiff durch eine solche Art von Belehrung, die manchmal nicht übel ist, ziemlich gut führte.«

»Ich weiß, daß wir gegenwärtig in der rechten Richtung steuern,« erwiederte der Sergeant, »aber nach einigen Stunden werden wir an ein Vorgebirg kommen, wo wir Acht geben müssen.«

»Ich will den Mann an dem Steuer anpumpen, und du wirst sehen, daß er in wenigen Minuten trocken liegen wird.«

Cap und der Sergeant begaben sich nun zu dem Steuermann, wobei Ersterer die Sicherheit und Ruhe eines Mannes, der sich seiner eigenen Ueberlegenheit bewußt ist, zur Schau trug.

»Das ist eine gesunde Luft, Junge,« bemerkte Cap, als ob es nur so nebenher geschehe, und in einer Weise, wie die Oberen am Borde eines Schiffes sich bisweilen zu einem begünstigten Untergebenen herabzulassen pflegen. »Ihr habt sie wohl alle Nacht vom Lande her in dieser Weise?«

»In dieser Jahreszeit wohl, Herr!« erwiederte der Mann, indem er aus Achtung vor seinem neuen Befehlshaber und dem Verwandten des Sergeanten Dunham an den Hut griff.

»Ich denke, es wird bei den Tausend-Inseln gerade so sein? Der Wind wird wohl die gleiche Richtung halten, obgleich wir dann auf jeder Seite Land haben werden?«

»Wenn wir weiter nach Osten kommen, wird der Wind wahrscheinlich umspringen, denn dort haben wir keinen eigentlichen Landwind.«

»Ja, ja; so ist's mit Eurem Frischwasser. Es hat immer eine Tücke, die der Natur entgegen ist. Zwar da unten an den westindischen Inseln darf man eben so gut auf den Landwind als auf den Seewind rechnen; es wäre daher in dieser Beziehung kein Unterschied, obgleich es in der Ordnung wäre, wenn es hier oben auf dem Fleckchen Frischwasser sich anders verhielte. Ihr kennt demnach Alles um die genannten Tausend-Inseln herum?«

»Gott segne Euch, Meister Cap, Niemand weiß Alles, oder auch nur Etwas über diese Inseln. Sie bringen den ältesten Schiffer auf dem See in Verwirrung, und wir machen nicht einmal einen Anspruch darauf, ihre Namen zu kennen. Ja, die meisten von ihnen haben so wenig einen Namen, als ein Kind, das vor der Taufe stirbt.«

»Seid Ihr ein römischer Katholik?« fragte Cap scharf.

»Weder Das, noch etwas Anderes, Ich bin ein Generalisier in Religionssachen, und werde nie beunruhigen, was mich nicht beunruhigt.«

»Hm! ein Generalisirer; das ist ohne Zweifel eine von den neuen Sekten, welche das Land bedrängen,« brummte Dunham, dessen Großvater ein New-Jersey-Quäker und dessen Vater ein Presbyterianer gewesen war, indeß er selbst, nach seinem Eintritt in das Heer, sich der Kirche von England angeschlossen hatte.

»Ich vermuthe, John,« nahm Cap wieder auf, »doch ich glaube, Euer Name ist Jack?«

»Nein, Herr! ich heiße Robert.«

»Nun also. Robert – es ist fast dasselbe, Jack oder Bob; wir brauchen diese zwei Namen ohne Unterschied. Ich sage, Bob, ist es ein guter Haltegrund da unten an der Station, zu der wir gehen sollen?«

»Gott segne Euch, Herr! ich weiß davon nicht mehr, als einer von den Mohawkern, oder ein Soldat vom Fünfundfünfzigsten.« »Habt Ihr dort nie geankert?«

»Nie, Herr; Meister Eau-douce legt immer selber am Ufer an.«

»Aber wenn Ihr auf die Stadt zulauft; so werft Ihr doch ohne Zweifel das Loth aus; auch müßt Ihr, wie gewöhnlich, getalgt haben.«

»Talg? und noch dazu eine Stadt? Gott sei bei Euch, Meister Cap! – da ist so wenig eine Stadt, als auf Eurem Kinn, und nicht halb so viel Talg.«

Der Sergeant lächelte sauertöpfisch, aber sein Schwager bemerkte diesen Witz nicht.

»Kein Kirchthurm, kein Leuchtthurm, kein Fort? Ha, es wird doch wenigstens so Etwas um den Weg sein, was Ihr Garnison nennt?«

»Fragt den Sergeanten Dunham, Herr, wenn Ihr das zu wissen wünscht. Die ganze Garnison ist am Bord des Scud.«

»Welchen Kanal haltet Ihr für den geeignetsten zum Einlaufen, Bob? den, welchen Ihr das letzte Mal fuhret, oder, oder, oder – ja, oder den andern?«

»Ich kann das nicht sagen, denn ich weiß von keinem etwas.«

»Wie, Ihr habt doch nicht an dem Steuer geschlafen, Bursche? Habt Ihr das?«

»Nicht am Steuer, Herr, aber unten in meiner Coje, unter der Fockgaffel. Eau-douce schickte die Soldaten und Alles hinunter, den Lootsen ausgenommen, und wir wußten von dem Weg nicht mehr, als ob wir nie über denselben gekommen wären. So hat er es immer gehalten, wir mochten gehen oder kommen, und ich könnte Euch um's Leben nicht etwas von dem Kanal oder dem Curs sagen, nachdem wir einmal glücklich an den Inseln angelangt waren. Niemand weiß davon, als Jasper und der Lootse.«

»Da hast du wieder ein Indiz, Sergeant,« sagte Cap, indem er seinen Schwager etwas bei Seite führte. »Es ist Niemand am Bord, bei dem etwas herauszupumpen wäre, denn schon bei dem ersten Zug zeigt sich die Trockenheit ihrer Ignoranz. Wie zum Teufel soll ich nun den Weg zu der Station finden, nach welcher unser Auftrag geht?«

»Deine Frage, Bruder Cap, ist wahrhaft leichter gestellt, als beantwortet. Läßt sich denn dieß durch die Schifffahrtskunst nicht heraus bringen? Ich glaubte, das sei für Euch Salzwasserschiffer eine Kleinigkeit. Ich habe auch in der That oft gelesen, wie sie Inseln entdeckten.«

»Das hat ganz seine Richtigkeit, Bruder; und diese Entdeckung würde die größte von allen sein, da es sich dabei nicht um die Entdeckung einer einzigen Insel, sondern einer aus Tausenden heraus handelt. Ich könnte wohl, so alt ich auch bin, eine einzelne Nadel auf diesem Verdeck auffinden, aber ich zweifle, ob ich sie aus einem Heuschober heraus kriegte.«

»Die Schiffer auf diesem See haben aber doch eine Methode, die Plätze zu finden, welche sie zu besuchen wünschen.«

»Wenn ich dich recht verstanden habe, Sergeant, so liegt diese Station, oder dieses Blockhaus besonders verborgen?«

»So ist's in der That; man hat die größte Sorgfalt angewendet, daß der Feind keine Kunde von ihrer Lage erhalte.«

»Und du erwartest von mir, daß ich, ein Fremder auf diesem See, jenen Platz auffinden soll ohne Karte, Curs, Entfernung, Länge, Breite, Tiefe – ja, ich will v – sein, nicht einmal mit dem Talg? Meinst du denn, ein Matrose brauche blos seiner Nase nachzugehen, wie einer von Pfadfinders Hunden?«

»Nun, Schwager, vielleicht kannst du doch von dem jungen Mann am Steuer noch etwas durch Fragen herausbringen. Ich kann kaum glauben, daß er so unwissend ist, als er sich anstellt.«

»Hm! das sieht wieder einem Indiz ähnlich. In dem ganzen Falle häufen sich die Indizien nachgerade so sehr, daß man kaum weiß, wie man der Wahrheit auf den Sprung kommen soll. Wir werden aber bald sehen, wie es mit dem Wissen dieses Burschen beschaffen ist.«

Cap und der Sergeant kehrten nun zu dem Steuer zurück, und Ersterer nahm seine Fragen wieder auf.

»Kennt Ihr vielleicht die Länge und Breite der besprochenen Insel, Junge?«

»Was, Herr?«

»Nun die Länge oder Breite – eines, oder beide; ich mache mir zwar nichts daraus, denn ich frage blos, um zu sehen, wie man die jungen Leute hier auf diesem Frischwasserstreifen erzieht.«

»Ich mache mir auch nichts aus solchen Dingen, Herr, und weiß daher zufällig nicht, was Ihr meint.«

»Nicht was ich meine? – Wie? Ihr wißt nicht, was Breite ist?«

»Nein, Herr!« erwiederte der Steuermann zögernd, – »obgleich ich glaube, daß es Französisch von den obern Seen ist.«

»Hu – hu – hu – uh!« stöhnte Cap mit einem schweren Athemzuge, gleich dem Tone einer zerbrochenen Orgelpfeife; »Breite Französisch von den obern Seen! Hört, junger Mann, wißt Ihr, was Länge bedeutet?«

»Ich glaube, ich weiß das, Herr; – fünf Fuß, sechs Zoll, die regelmäßige Höhe für einen Soldaten in des Königs Dienst.«

»Das ist eine Höhe nach dem Meßstock, eine, die für dich paßt, Sergeant. – Ihr habt doch hoffentlich einige Kenntnisse von Graden, Minuten und Sekunden?«

»Ja, Herr; unter Grad versteht man einen Vorgesetzten, und Minuten und Sekunden bedeuten die langen und kurzen Loglinien. Wir wissen diese Dinge so gut, als das Salzwasservolk.«

»Ich will v – sein, Bruder Dunham, wenn ich denke, daß selbst der Glaube über diesen See weghelfen kann, so viel man auch davon spricht, daß er Berge zu versetzen vermöge. So viel ist wenigstens gewiß, daß hier das Amt nicht den Verstand gibt. Nun, mein Bursch, Ihr versteht Euch vielleicht auf das Azimuth, das Messen der Entfernungen, und wie man die Punkte des Kompasses in gehöriger Ordnung benennt?«

»Was das Erste anbelangt, so weiß ich nichts davon. Die Entfernungen kennen wir Alle wohl, da wir sie von einer Landspitze zur andern messen, und wegen des Kompasses – da werde ich keinem Admiral von Seiner Majestät Flotte den Rücken kehren. Nord, Nord zu Ost, Nordnordost, Nordost zu Nord, Nordost: Nordost zu Ost, Ost Nord Ost, Ost zu Nord, Ost –«

»Nun, das geht, das geht. Ihr werdet den Wind ganz herumbringen, wenn Ihr auf diese Weise weiter segelt. Ich sehe deutlich, Sergeant,« sagte er, indem er den Steuermann verließ, mit gedämpfter Stimme, »daß wir von diesem Burschen nichts zu hoffen haben. Ich will noch zwei Stunden auf diesem Gang halten und dann anholen und das Loth auswerfen. Wir müssen uns dann eben nach den Umständen richten.«

Der Sergeant, der gewissermaßen, um mich eines selbstgeschaffenen Wortes zu bedienen, ein Idiosyncranist war, hatte nichts dagegen einzuwenden, und da der Wind, wie gewöhnlich bei fortschreitender Nacht, leichter wurde, und sich der Fahrt keine unmittelbaren Hindernisse in den Weg legten, so machte sich Dunham auf dem Verdeck aus einem Segel ein Lager, und verfiel bald in den festen Schlaf eines Soldaten. Cap fuhr fort, auf dem Deck auf und ab zu gehen, denn er war ein Mann, dessen eiserner Körper jeder Ermüdung Trotz bot: er schloß die ganze Nacht kein Auge.

Als Sergeant Dunham erwachte, war es heller Tag. Da er sich aber erhob und umherblickte, entfuhr ihm ein Ausruf der Ueberraschung, der kräftiger tönte, als es bei einem Mann, der so oft veranlaßt wurde, sich hören zu lassen, gewöhnlich war. Er fand das Wetter ganz verändert; die Aussicht war durch einen treibenden Nebel verhüllt, welcher den sichtbaren Horizont auf einen Kreis, der im Durchmesser etwa eine Meile haben mochte, beschränkte. Der See tobte in schäumenden Wellen, während der Scud einen Beilieger machte. Eine kurze Besprechung mit seinem Schwager gab ihm Aufschluß über diesen plötzlichen Wechsel.

Caps Bericht zufolge hatte sich der Wind gegen Mitternacht, und als er gerade beizulegen und das Loth auszuwerfen gedachte, weil vor ihm einige Inseln aufzutauchen begannen – gelegt, und sich in ein todtes Wetter verwandelt. Gegen ein Uhr fing er an aus Nordost zu wehen und führte einen Nebelregen mit sich; worauf Cap gegen Nord und West seewärts anlag, da er wußte, daß die Küste von New-York auf der entgegengesetzten Seite sich befand. Gegen halb zwei Uhr beschlug er die obern Klüver, raffte das Hauptsegel und nahm das Bonnet von dem Klüver. Um zwei Uhr mußte er hinten reffen, und um halb drei ein Schunerreff an das Segel legen und einen Beilieger machen.

»Ich kann's nicht anders sagen, Sergeant, das Boot hält sich gut,« fügte der alte Seemann bei, »aber er bläst Zweiundvierzig-Pfünder. Ich hätte mir's nicht gedacht, daß es solche Luftströmungen hier auf diesem Fetzchen Frischwasser gäbe; doch das kümmert mich so wenig als ein Strümpfchen Garn, denn Euer See erhält dadurch doch ein mehr natürliches Aussehen, und« – er spuckte mit Ekel einen Schaumguß, welcher gerade sein Gesicht benetzt hatte, aus dem Munde – »und wenn dieses v – e Wasser so einen angenehmen Salzgeschmack hätte, so könnte man sich recht behaglich darauf fühlen.«

»Wie lange bist du in dieser Richtung vorwärts gefahren, Bruder Cap?« fragte der vorsichtige Krieger – »und mit welcher Geschwindigkeit gehen wir jetzt durch das Wasser?«

»Nun, so etwa zwei oder drei Stunden. In den zwei ersten flog das Schiff wie ein Pferd. Wir haben nun schöne offene See, denn, um die Wahrheit zu gestehen, ich fand an der Nachbarschaft der genannten Inseln wenig Geschmack, obgleich sie windwärts lagen, nahm daher selbst das Steuer und machte mich eine oder zwei Meilen davon weg. Ich wette, sie sind jetzt ziemlich leewärts von uns; – ich sage leewärts, denn wenn man auch wünschen mag, von einer oder auch einem halben Dutzend Inseln windwärts zu sein, so ist es doch, wenn einmal von Tausenden die Rede ist, besser, sich von ihnen fern zu halten, um so schnell als möglich unter ihr Lee zu gleiten. Nein, nein; dort drüben sind sie im Nebeldunst, und mögen da meinetwegen liegen bleiben.«

»Da das Nordufer nur fünf bis sechs Meilen von uns liegt, Bruder, und mir bekannt ist, daß sich dort eine weite Bucht befindet, möchte es da nicht gut sein, Einige von dem Schiffsvolk über unsere Lage zu Rathe zu ziehen, wenn wir nicht lieber Jasper Eau-douce heraufrufen und ihn darum angehen wollen, uns wieder nach dem Oswego zurückzuführen? Wir können jetzt unmöglich die Station erreichen, da wir den Wind gerade in unsern Zähnen haben.«

»Ein Seemann hat mehrere wichtige Gründe gegen alle deine Vorschläge, Sergeant. Einmal würde ein Zugeständniß der Unwissenheit von Seiten eines Kommandanten alle Subordination aufheben. Nichts davon, Bruder; ich verstehe dein Kopfschütteln: aber nichts stört die Disciplin mehr, als das Bekenntniß, daß man sich nicht zu rathen wisse. Ich habe einmal einen Schiffsmeister gekannt, der lieber eine Woche auf einem falschen Curs blieb, als daß er einen Mißgriff zugestanden hätte, und es war überraschend, wie sehr er sich dadurch in der Meinung seiner Leute hob, gerade weil sie ihn nicht begreifen konnten.«

»Das mag sich auf dem Salzwasser thun lassen, Bruder Cap, aber schwerlich auf diesem See. Ehe ich mein Kommando an Canada's Ufer scheitern lasse, halte ich es für meine Pflicht, Jasper aus seinem Verhaft herauszunehmen –«

»Und in Frontenac an's Land zu gehen. Nein, Sergeant; der Scud ist in guten Händen, und kann jetzt Etwas von Seemannskunst erfahren. Wir haben schöne offene See, und nur ein Verrückter würde in einer Kühlte, wie diese, daran denken, sich einer Küste zu nähern. Ich werde jede Wache vieren, und dann werden wir gegen alle Gefahr sicher sein, das Abtreiben ausgenommen, was jedoch in einem so leichten und niedrigen Fahrzeug wie dieses, ohne Windfang, von keinem Belang sein kann. Ueberlaß nur mir die ganze Sache, Sergeant, und ich stehe mit meiner Ehre dafür, daß Alles gut gehen wird.«

Sergeant Dunham mußte, wohl oder übel, nachgeben. Er hatte ein großes Vertrauen zu der seemännischen Geschicklichkeit seines Verwandten und hoffte, er werde sich bei dem Kutter Mühe geben, diese gute Meinung noch zu erhöhen. Auf der andern Seite war er, da der Verdacht, wie die Sorge, immer größer wird, je mehr man ihm Nahrung läßt – so besorgt wegen Verraths, daß er jedem Andern, als Jasper, gerne das Schicksal der ganzen Gesellschaft in die Hände gegeben haben würde. Er hatte übrigens, um die Wahrheit zu gestehen, noch einen weitern Grund. Der Auftrag, welcher ihm anvertraut war, hätte eigentlich einem Offizier überlassen werden sollen, und der Umstand, daß Major Duncan das Kommando einem untergeordneten Sergeanten gegeben, hatte unter den Subalternoffizieren eine große Unzufriedenheit erregt. Wenn er nun zurückkehrte, ohne den Ort seiner Bestimmung erreicht zu haben, so mußte dadurch ein Schatten auf ihn fallen, der sich nicht so bald verwischt haben würde, und die unausbleibliche Folge dieser Maßregel war, daß ihm der Befehl abgenommen, und ein Offizier an seine Stelle gesetzt wurde.

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