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Der Pfadfinder oder Das Binnenmeer

James Fenimore Cooper: Der Pfadfinder oder Das Binnenmeer - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Pfadfinder
publisherHoffmann'sche Verlags Buchhandlung.
printrunNeue unveränderte Auflage
year1869
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141112
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Vierzehntes Kapitel

Gerade solch' ein Mann, so schwach und geistlos,
So stumpf, so todt im Blick, so weinerlich,
Hob Priams Vorhang in der Schreckensnacht,
Um ihm zu sagen, daß halb Troja brenne.

Shakespeare.

 

Inzwischen ging Alles auf dem Schiffe seinen gewohnten Gang, Jasper schien mit seinem Fahrzeug auf den Landwind zu warten, indeß die Soldaten, welche an ein frühes Aufstehen gewöhnt waren, bis auf den letzten Mann ihre Schlafstätten in dem Hauptraume aufgesucht hatten. Nur die Schiffsleute, Muir und die beiden Weiber waren noch auf dem Verdeck. Der Quartiermeister bemühte sich, bei Mabel den Angenehmen zu spielen, während unsere Heldin selbst wenig auf seine Bemühungen achtete, welche sie theilweise der soldatischen Galanterie, theilweise vielleicht auch ihrem hübschen Gesichte zuschrieb, und sich an den Eigenthümlichkeiten eines Schauspiels und einer Lage erfreute, die ihr so viele Reize der Neuheit darboten.

Die Segel waren aufgehißt, aber noch regte sich kein Lüftchen und der See war so ruhig und eben, daß an dem Kutter nicht die mindeste Bewegung zu erkennen war. Die Flußströmung hatte ihn nicht ganz auf eine Viertelmeile vom Lande abgetrieben, und da lag er nun, wie festgenagelt, in der ganzen Schönheit seiner Form und seines Ebenmaßes. Der junge Jasper war auf der Schanze und stand nahe genug, um gelegentlich die stattfindende Unterhaltung zu vernehmen; doch wagte er es nicht, sich darein zu mischen, theils weil er seinen eigenen Ansprüchen zu sehr mißtraute, theils weil er von den Obliegenheiten seines Dienstes in Anspruch genommen war. Mabels schönes blaues Auge folgte seinen Bewegungen in neugieriger Erwartung, und betrachtete die kleinen Begebnisse auf dem Fahrzeug mit einer solchen Aufmerksamkeit, daß sie die Artigkeiten des Quartiermeisters, welche er mehr als einmal an sie richten mußte, bis sie gehört wurden, nur mit Gleichgültigkeit hinnahm. Endlich schwieg selbst Muir, und eine tiefe Stille herrschte auf dem Wasser. Da fiel plötzlich unter dem Fort eine Ruderschaufel in ein Boot, und der Ton war auf dem Kutter so vernehmlich, als ob er von seinem eigenen Verdeck ausgegangen sei. Dann kam ein Gemurmel, wie ein Seufzen der Nacht: das Flattern eines Segels, das Knarren des Mastes und das Schlagen des Klüvers. Diesen wohlbekannten Tönen folgte eine leichte Kielung des Kutters und das Blähen aller Segel.

»Da kommt der Wind, Anderson,« rief Jasper dem ältesten seiner Schiffsleute zu. »Nimm das Steuer.«

Dieser kurzen Anweisung wurde gehorcht, das Steuer gehoben und die Buge fielen ab. Nach einigen Minuten hörte man das Murmeln des Wassers unter dem Schnabel, und der Scud schoß in den See mit einer Geschwindigkeit von fünf Meilen in einer Stunde. Alles dieses geschah mit tiefem Schweigen, als Jasper auf's Neue den Befehl gab:

»Viert die Schoten ein wenig und haltet längs dem Lande hin.«

In diesem Augenblick erschienen die drei Männer aus der Nebenkajüte wieder auf der Schanze.

»Ihr habt wohl nicht die Absicht, Junge, unsern Nachbarn, den Franzosen, allzunahe zu kommen,« bemerkte Muir, welcher die Gelegenheit ergriff, ein Gespräch anzufangen. »Nun, gut! Ich ziehe Eure Klugheit nicht im Mindesten in Zweifel, denn ich liebe die Canadier so wenig, als Ihr sie wahrscheinlich liebt.«

»Ich halte am Ufer wegen des Windes, Herr Muir. Der Landwind ist immer in der Nähe des Strandes am frischesten, vorausgesetzt, daß man nicht nahe genug kommt, um die Bäume im Lee zu haben. Wir haben die Mexiko-Bai zu kreuzen, und diese wird uns bei dem gegenwärtigen Kurse gerade genug offene See geben.«

»Es ist mir recht lieb, daß es nicht die Bai von Mexiko ist,« warf Cap ein, »denn diese ist ein Theil der Welt, den ich in einem von Euren Binnenschiffen lieber nicht besuchen möchte. Hat Euer Kutter ein Luvsteuer, Meister Eau-douce?«

»Er geht leicht nach dem Steuer, Meister Cap, aber er sieht so gern als ein anderes Fahrzeug nach dem Winde, wenn er einmal in lebhafter Bewegung ist.«

»Ich hoffe, Ihr habt doch solche Dinge, die man Reffe heißt, obgleich Ihr kaum eine Gelegenheit haben könnt, sie zu benützen.«

Mabels leuchtendes Auge entdeckte das Lächeln, das einen Augenblick Jaspers schönes Gesicht überflog, obschon Niemand anders diesen vorübergehenden Ausdruck der Ueberraschung und Verachtung bemerkte.

»Wir haben Reffe, und es gibt oft Gelegenheit, sie zu benützen,« erwiederte der junge Mann mit Ruhe. »Ehe wir einlaufen, wird sich's schicken, Euch die Art, wie wir sie gebrauchen, zu zeigen; denn im Osten braut das Wetter etwas, und selbst auf dem Meere kann der Wind nicht schneller umspringen, als er auf dem Ontario-See seinen Kehrum macht.«

»Nun, Ihr sprecht wie Einer, der es nicht besser versteht. Ich habe den Wind auf dem atlantischen Meer wie ein Kutschenrad sich drehen sehen, in einer Weise, daß die Segel stundenlang bebten, und das Schiff vollkommen bewegungslos stand, weil es nicht wußte, wohin es sich drehen solle.«

»Wir haben hier freilich keine so plötzlichen Wechsel,« erwiederte Jasper sanft, »obgleich wir glauben, daß wir manchen unerwarteten Veränderungen des Windes ausgesetzt sind. Ich hoffe übrigens, daß wir diesen Landwind bis zu den ersten Inseln behalten werden, und dann wird die Gefahr, von einem Frontenac'schen Lugaus-Boote gesehen und verfolgt zu werden, weniger groß sein.«

»Meint Ihr, die Franzosen halten Spione hier außen auf dem See, Jasper?« fragte der Pfadfinder.

»Wir wissen, daß es so ist. Letzten Montag Nachts war sogar einer vor Oswego. Ein Rindenkahn kam bis an die östliche Spitze und setzte einen Indianer und einen Offizier an's Land. Wenn Ihr damals, wie gewöhnlich, außen gewesen wäret, so hätten wir, wenn nicht Beide, doch gewiß Einen aufgreifen können.«

Es war zu dunkel, um die Röthe zu bemerken, welche die Farbe auf den sonneverbrannten Zügen des Wegweisers vertiefte, denn er war sich bewußt, daß er damals in dem Fort sich aufgehalten hatte, um auf Mabels süße Stimme zu hören, als sie ihrem Vater Balladen vorsang, und ihr in das Auge zu schauen, das für ihn Zauberstrahlen schoß. Rechtschaffenheit im Denken und Handeln war eine charakteristische Eigenschaft in der Seele dieses außerordentlichen Mannes, und obgleich er fühlte, daß eine Art von Schmach seiner bei dieser Gelegenheit stattgehabten Trägheit anklebe, so wäre ihm doch der Versuch, seine Nachlässigkeit zu bemänteln oder in Abrede zu ziehen, am allerletzten eingefallen.

»Ich gebe es zu, Jasper, ich gebe es zu,« sagte er bescheiden. »Wäre ich in jener Nacht außen gewesen – und ich kann mich keines zureichenden Grundes erinnern, warum ich es nicht war – so möchte es wirklich so gegangen sein, wie Ihr sagt.«

»Das war an jenem Abend, Pfadfinder, den Ihr bei uns zubrachtet,« bemerkte Mabel unschuldig; »und gewiß ist ein Mann, der so viele Zeit in den Wäldern und im Angesicht des Feindes verlebt, zu entschuldigen, wenn er einige Stunden einem alten Freund und seiner Tochter widmet.«

»Nein, nein, ich bin, seit ich in das Fort zurückgekommen, fast nichts als müßig gewesen,« erwiederte der Andere mit einem Seufzer, »und es ist gut, daß der Junge davon spricht. Der Müßige bedarf des Tadels, ja er bedarf des Tadels.«

»Tadel, Pfadfinder? Ich habe nie im Traum daran gedacht, Euch etwas Unangenehmes sagen zu wollen, und am wenigsten fällt es mir bei, Euch zu tadeln, weil ein Spion und ein oder zwei Indianer uns entwischt sind. Ueberhaupt halte ich, da ich nun weiß, wo Ihr wart. Eure Abwesenheit für die natürlichste Sache von der Welt.«

»Thut nichts, Jasper, thut nichts, daß Ihr mir es gesagt habt, denn ich hab's verdient. Wir sind Alle Menschen und thun Alle Unrecht.«

»Das ist unfreundlich, Pfadfinder.«

»Gebt mir Eure Hand, Junge, gebt mir Eure Hand. Nicht Ihr habt mir diese Lehre gegeben, sondern mein Gewissen.«

»Gut, gut!« unterbrach Cap. »Dieser letztere Gegenstand ist nun zur Zufriedenheit aller Theile beigelegt. Ihr werdet uns aber vielleicht sagen, wie es zuging, daß man Kunde von Spionen, die erst kürzlich in unserer Nähe waren, erhielt. Dieß sieht einem Indiz zum Erstaunen ähnlich.«

Als der Seemann diese letzte Aeußerung laut werden ließ, drückte er seinen Fuß leicht auf den des Sergeanten, stieß den Wegweiser mit dem Ellenbogen an, und blinzelte zu gleicher Zeit mit den Augen, obgleich dieses Zeichen in der Dunkelheit verloren ging.

»Es wurde bekannt, weil der Sergeant am andern Tag ihre Fährte fand, welche aus der Spur eines Soldatenstiefels und der eines Moccasins bestand. Zudem hat einer unserer Jäger am andern Morgen den Kahn gegen Frontenac rudern sehen.«

»Leitete die Spur in die Nähe der Garnison, Jasper?« fragte Pfadfinder in dem sanften und demüthigen Tone eines getadelten Schulknaben; »leitete die Fährte in die Nähe der Garnison, Junge?«

»Wir glaubten das nicht zu finden, obgleich sie natürlicherweise auch nicht über den Fluß führte. Man verfolgte sie bis zur östlichen Spitze an der Mündung des Flusses hinab, wo man sehen konnte, was in dem Hafen geschah. So viel wir jedoch zu entdecken vermochten, kreuzte sie den Fluß nicht.«

»Und warum begabt Ihr Euch nicht auf den Weg, Meister Jasper,« fragte Cap, »um auf sie Jagd zu machen? Wir hatten am Dienstag Morgen guten Wind, bei dem der Kutter wohl hätte neun Knoten ablaufen können.«

»Das mag auf dem Ocean angehen, Meister Cap,« warf Pfadfinder ein, »aber hier ließe sich das nicht machen. Das Wasser hinterläßt keine Fährte, und einen Indianer oder einen Franzosen mag der Teufel verfolgen.«

»Was braucht's einer Fährte, wenn man den Gegenstand, auf den man Jagd macht, von dem Verdeck aus sehen kann, wie dieß, nach Jaspers Aeußerung, mit dem Kahne der Fall war? Bei einem guten brittischen Kiele in seinem Fahrwasser hätte es nichts zu sagen, wenn es ihrer Zwanzig von Euren Mingo's und Franzosen wären. Ich wette, Meister Eau-douce, daß wir, wenn Ihr mir an jenem Dienstag Morgen Etwas von der Sache gesagt hättet, diese Blaustrümpfe überholt haben würden.«

»Ich glaube wohl, Meister Cap, daß der Rath eines alten Seemanns, wie Ihr seid, einem so jungen Schiffer, wie ich bin, nicht hätte schaden mögen, aber die Jagd auf einen Rindenkahn ist eine lange und hoffnungslose.«

»Ihr hättet ihm nur hart zusetzen und ihn an's Ufertreiben dürfen.«

»An's Ufer, Meister Cap? Ihr kennt die Schifffahrt auf unserem See nicht im Mindesten, wenn Ihr es für eine Kleinigkeit haltet, einen Rindenkahn an's Ufer zu treiben. Wenn sich diese Wasserblasen gedrängt fühlen, so rudern sie recht in des Windes Auge, und ehe Ihr's Euch verseht, so befindet Ihr Euch eine Meile oder zwei todt unter ihrem Lee.«

»Ihr wollt mir doch nicht weiß machen, Meister Jasper, daß irgend Jemand so unbesonnen sich der Gefahr des Ertrinkens aussetze, um in einer dieser Eierschalen in den See hineinzufahren, wenn Wind da ist?«

»Ich habe oft bei ziemlich hoher See in einem Rindenkahn über den Ontario gesetzt. Gut gehandhabt sind sie die erprobtesten Fahrzeuge, die wir kennen.«

Cap führte nun seinen Schwager und den Pfadfinder bei Seite und versicherte, daß Jaspers Zugeständniß bezüglich der Spione ›ein Indiz‹, und zwar ›ein gewichtiges Indiz‹ sei, das wohl eine weitere Ueberlegung und Nachforschung verdiene, indeß seine Erzählung in Betreff der Kühne so unwahrscheinlich klinge, daß sie das Aussehen habe, als wolle er sich nur über seine Zuhörer lustig machen. Jasper hatte zuversichtlich von dem Charakter der zwei gelandeten Personen gesprochen, und dieß schien Cap ein ziemlich bündiger Beweis, daß Jener mehr von ihnen wisse, als sich aus einer bloßen Fährte erkennen lasse. Von den Moccasins sagte er, daß sie in diesem Theile der Welt von den Weißen sowohl, als von den Indianern getragen würde; er hätte selbst ein Paar gekauft, und Stiefel machten bekanntermaßen nicht den Soldaten. Obgleich Vieles von dieser Logik dem Sergeanten gegenüber verloren ging, so hatte sie doch einigen Erfolg. Es kam ihm ein wenig sonderbar vor, daß in der Nähe des Forts Spione sollten entdeckt worden sein, ohne daß er etwas davon wußte. Auch glaubte er, daß dieß ein Kenntnißzweig sei, der nicht gerade in Jaspers Sphäre einschlage. Allerdings war der Scud ein oder zwei Mal über den See geschickt worden, um Mannschaft an's Land zu setzen oder weiter zu schaffen; aber damals spielte Jasper, wie er wohl wußte, eine sehr untergeordnete Rolle, und der Führer des Kutters kannte von dem Auftrage der Leute, welche er ab- und zuführte, so wenig als ein Anderer; auch sah er nicht ein, warum Eau-douce allein von allen Anwesenden Etwas von dem letzten Besuche wissen sollte. Pfadfinder betrachtete übrigens die Sache von einem verschiedenen Standpunkt. Mit seinem gewohnten Mißtrauen tadelte er sich selbst wegen Vernachlässigung seiner Pflicht, und jene Kenntniß, deren Mangel ihm bei einem Mann, der sie besitzen sollte, als ein Fehler erschien, rechnete er dem jungen Mann als Verdienst an. Er sah nichts Außerordentliches in der Bekanntschaft Jaspers mit den von ihm mitgetheilten Thatsachen, während er fühlte, daß es ungewöhnlich, wo nicht gar entehrend für ihn selbst sei, jetzt zum ersten Mal davon zu hören.

»Was die Moccasins anbelangt, Meister Cap,« sagte er, als eine kurze Pause ihn zum Sprechen veranlaßte, »so mögen sie allerdings von Blaßgesichtern so gut als von den Rothhäuten getragen werden, doch lassen sie nie dieselben Fußspuren zurück. Wer an die Wälder gewöhnt ist, weiß wohl die Fußstapfen eines Indianers von denen eines weißen Mannes zu unterscheiden, mögen sie nun durch einen Stiefel oder einen Moccasin hervorgebracht sein. Man muß mir mit einleuchtenderen Umständen kommen, wenn man mich glauben machen will, daß Jasper falsch sei.«

»Ihr werdet doch zugeben, Pfadfinder, daß es eine Art Dinge auf der Welt gibt, die man Verräther nennt?« warf Cap mit einer hochweisen Miene ein.

»Ich habe nie einen ehrlich gesinnten Mingo gekannt, das heißt, Einen, dem man vertrauen konnte, wenn sich ihm eine Versuchung zum Betrug darbot. Freilich Arglist scheint ihre Gabe zu sein, und es kommt mir bisweilen vor, als ob man sie deßhalb mehr bedauern als verfolgen sollte.«

»Warum dann aber nicht glauben, daß Jasper die nämliche Schwäche haben könnte? Mensch ist Mensch, und die menschliche Natur ist bisweilen nur ein armes Ding, wie ich aus eigener Erfahrung weiß, ja ich kann sagen, recht gut aus eigener Erfahrung weiß – wenigstens, so weit ich von meiner eigenen menschlichen Natur spreche.«

Dieß gab die Einleitung zu einer langen und wechselnden Unterhaltung, in welcher für und wider die Wahrscheinlichkeit von Jaspers Schuld oder Unschuld gesprochen wurde, bis der Sergeant und sein Schwager sich fast ganz in die volle Ueberzeugung von der Ersteren hineinräsonnirt hatten, indeß ihr Gefährte in seiner Vertheidigung des Angeklagten immer derber und standhafter wurde, und sich in der Meinung, daß man Jasper mit Unrecht Verrätherei zur Last lege, nur noch mehr befestigte. Das war nun freilich ganz der gewöhnliche Lauf der Dinge; denn es gibt keinen sicherern Weg, sich irgend eine besondere Ansicht zu eigen zu machen, als wenn man ihre Vertheidigung unternimmt, und zu unseren hartnäckigsten Meinungen mögen diejenigen gerechnet werden, welche aus Erörterungen fließen, in denen wir die Erforschung der Wahrheit zum Vorwand nehmen, während sie in Wirklichkeit nur zur Kräftigung unserer Vorurtheile dienen. Mittlerweile war der Sergeant in eine Gemüthsstimmung gerathen, welche ihn geneigt machte, jede Handlung des jungen Schiffers mit Mißtrauen zu betrachten, und bald kam er mit seinem Verwandten über die Ansicht in Einklang, daß das, was Jasper von den Spionen wußte, nicht in den Kreis seiner regelmäßigen Pflichten gehöre, und demnach »ein Indiz« sei.

Während dieses in der Nähe des Hakebords verhandelt wurde, saß Mabel still an der Kajütentreppe. Herr Muir war in den untern Raum gegangen, um nach seinen eigenen Bequemlichkeiten zu sehen, und Jasper stand ein wenig luvwärts mit gekreuzten Armen, indeß seine Augen von den Segeln nach den Wolken, von den Wolken zu den dunkeln Umrissen des Ufers, vom Ufer zum See, und von dem See wieder zurück zu den Segeln wanderten. Auch unsere Heldin fing an, mit ihren Gedanken geheime Zwiesprache zu halten. Die Aufregung der letzten Reise, die Ereignisse, welche mit dem Tage ihrer Ankunft in dem Fort verbunden waren, das Zusammentreffen mit einem Vater, der ihr eigentlich fremd war, die Neuheit ihrer kürzlichen Lage in der Garnison und die gegenwärtige Reise – alles Dieses bildete für das Auge ihres Geistes eine Perspektive, welche ihr auf Monate zurückzudeuten schien. Sie konnte kaum glauben, daß sie erst vor so kurzer Zeit die Stadt mit all' den Gewohnheiten des civilisirten Lebens verlassen habe, und staunte, daß namentlich die Ereignisse, welche ihr während der Fahrt auf dem Oswego begegnet waren, einen so geringen Eindruck in ihrem Gemüthe zurückgelassen hätten. Da sie zu unerfahren war, um zu wissen, daß sich häufende Ereignisse die Wirkung der Zeit haben, oder daß eine rasche Aufeinanderfolge neuer Zustände, welche uns auf Reisen begegnen, jene fast zu der Bedeutung wichtiger Begebenheiten erhebt, so forschte ihr Gedächtniß nach Zeit und Tagen, um sich zu überzeugen, daß sie mit Jaspern, dem Pfadfinder und ihrem Vater wenig mehr, als seit vierzehn Tagen bekannt sei. Mabel war ein Mädchen, bei welcher das Herz über die Einbildungskraft vorherrschte, obgleich die letztere ihr keineswegs fehlte – sie vermochte sich nicht leicht Rechenschaft über die Gewalt der Gefühle zu geben, welche sie gegen Männer hegte, die ihr kurz vorher noch fremd waren, da sie nicht hinreichend geübt war, ihre Empfindungen zu zergliedern und daraus die Natur der erwähnten Einflüsse sich klar zu machen. Ihr reiner Sinn war jedoch bis jetzt frei von dem Geiste des Mißtrauens; keine Ahnung tauchte in ihr auf von den Absichten ihrer beiden Anbeter, und der Gedanke, daß einer derselben ein Verräther an König und Vaterland sein könne, würde wohl zuletzt ihre Zuversicht getrübt haben.

Amerika zeichnete sich zu der Zeit, von der wir schreiben, durch seine Anhänglichkeit an die deutsche Familie, welche auf dem brittischen Throne saß, aus; wie man denn überhaupt in allen Provinzen findet, daß die Vorzüge und Eigenschaften, welche man in der Nähe der Macht aus Klugheit und Schmeichelei preist, in solcher Entfernung bei Leichtgläubigen und Unwissenden Theile eines politischen Glaubensbekenntnisses werden. Diese Beobachtung findet man heut zu Tage in Beziehung auf die Matadore der Republik eben so wahr, als sie damals in Betreff dieser entfernten Herrscher galt, deren Verdienste zu erheben die Klugheit anrieth, und deren Mängel zu enthüllen als Hochverrath betrachtet wurde. In Folge dieser geistigen Abhängigkeit ist die öffentliche Meinung so oft nur der Preis von Ränken, und die Welt sieht sich, trotz ihres Prunkens mit Kenntnissen und Verbesserungen genöthigt, in allen Punkten, welche die Interessen der Gewalthaber berühren, nur aus einer so trüben Quelle – und zwar aus einer Quelle, die den Absichten derer dient, welche die Zügel in den Händen haben – ihre Erkenntniß zu schöpfen. Die Franzosen bedrängten damals die brittischen Kolonien durch einen Gürtel von Festungen und Ansiedelungen an den Gränzen, wodurch sie auch die Wilden in ihrem Bunde erhielten: man konnte daher kaum sagen, ob die Liebe der Amerikaner zu den Engländern größer war, oder ihr Haß gegen die Franzosen, und wer zu jenen Zeiten lebte, würde wahrscheinlich das Bündniß, welches etliche und zwanzig Jahre später zwischen den cisatlantischen Unterthanen und den alten Nebenbuhlern der brittischen Krone stattfand, als ein Ereigniß betrachtet haben, das außer dem Kreise der Möglichkeit liege. Mit einem Worte – die Ansichten werden in Provinzen, wie die Moden, übertrieben, und die Loyalität, welche in London zum Theil nur eine politische Form war, steigerte sich in New-York zu einem Vertrauen, welches fast hätte Berge versetzen können. Man traf daher selten Unzufriedene, und Verrath zu Gunsten Frankreichs oder der Franzosen wäre in den Augen der Provinzbewohner am allerverhaßtesten erschienen. Mabel würde das Verbrechen, welches man Jaspern im Geheim zur Last legte, am wenigsten geahnt haben, und wenn Andere in ihrer Nähe die Qual des Argwohns fühlten, so war wenigstens sie von der edeln Zuversicht einer weiblichen Seele erfüllt. Noch war kein Flüstern zu ihr gedrungen, um das Gefühl des Vertrauens, mit welchem sie von Anfang an auf den jungen Schiffer geblickt hatte, zu stören, und ihr eigener Geist würde ihr gewiß zuletzt einen solchen Gedanken von selbst zugeführt haben. Die Bilder der Vergangenheit und der Gegenwart, welche sich ihrer thätigen Einbildungskraft in so rascher Folge darstellten, waren daher von keinem Schatten verdüstert, der irgend Jemanden, für den sie Interesse fühlte, hätte verletzen können, und ehe sie in dieser sinnenden Weise eine Viertelstunde zugebracht hatte, athmete die ganze Scene um sie her ungetrübte Wonne.

Die Jahreszeit und die Nacht waren allerdings geeignet, die Gefühle, welche Jugend, Gesundheit und Glück mit dem Reize der Neuheit zu verbinden gewohnt ist, zu steigern. Das Wetter war warm, wie es selbst im Sommer in dieser Gegend nicht immer der Fall ist, während die Luft, welche vom Lande her strömte, die Kühle und den Duft der Wälder mit sich führte. Man konnte den Wind bei weitem keinen steifen nennen, obwohl er kräftig genug war, den Scud lustig vor sich herzutreiben und vielleicht die Aufmerksamkeit in der Unsicherheit, welche mehr oder weniger das Dunkel begleitet, rege zu erhalten. Jasper schien diesen Wind mit Wohlgefallen zu betrachten, wie aus dem kurzen Gespräche, welches nun zwischen ihm und Mabeln stattfand, erhellte.

»Wenn es so fortgeht, Eau-douce,« – denn so hatte bereits Mabel den jungen Schiffer nennen gelernt, – »so kann es nicht lange anstehen, bis wir den Ort unserer Bestimmung erreichen.«

»Hat Ihr Vater Ihnen denselben namhaft gemacht, Mabel?«

»Er hat mir nichts gesagt. Mein Vater ist zu sehr Soldat und zu wenig an ein Familienleben gewöhnt, um über solche Dinge mit mir zu sprechen. Ist es verboten, zu sagen, wohin wir gehen?«

»Da wir in dieser Richtung steuern, so kann es nicht weit sein, denn mit sechzig oder siebzig Meilen kommen wir in den S. Lorenzo, den uns die Franzosen heiß genug machen dürften. Auch kann keine Reise auf diesem See besonders lange dauern.«

»So sagt mein Onkel Cap; aber mir, Jasper, scheint der Ontario und der Ocean ziemlich das Gleiche zu sein.«

»Sie sind also auf dem Ocean gewesen, während ich, der ich mich für einen Schiffer ausgebe, noch nie Salzwasser gesehen habe. Sie müssen wohl einen Seemann, wie ich bin, in Ihrem Herzen recht verachten, Mabel?«

»Verachtung wohnt nicht in meinem Herzen, Jasper Eau-douce. Was hätte auch ein Mädchen ohne Erfahrung und Kenntniß für ein Recht, irgend Jemanden zu verachten, geschweige einen Mann, wie Ihr, der das Vertrauen des Majors besitzt, und ein Schiff wie dieses hier befehligt. Ich bin nie auf dem Ocean gewesen, obgleich ich ihn gesehen habe, und ich wiederhole es, daß ich keinen Unterschied zwischen diesem See und dem atlantischen Meere gewahren kann.«

»Auch nicht zwischen denen, welche auf Beiden segeln? Ich fürchtete, Mabel, Ihr Onkel habe so viel gegen uns Frischwasserschiffer gesagt, daß Sie uns für wenig mehr, als für anmaßende Leute halten müssen?«

»Laßt Euch das nicht kümmern, Jasper, denn ich kenne meinen Onkel, und er sagt, wenn wir zu York sind, eben so viel gegen die, welche am Lande leben, als er hier gegen die sagt, welche das Frischwasser befahren. Nein, nein, weder mein Vater noch ich halten Etwas von solchen Ansichten. Mein Onkel Cap möchte wohl, wenn er sich offen ausspräche, von einem Soldaten noch eine geringere Meinung kundgeben, als von einem Schiffer, der nie das Meer gesehen hat.«

»Aber Ihr Vater, Mabel, hat eine bessere Meinung von einem Soldaten, als von irgend Jemand Anderem. Er wird wohl wünschen, Sie an einen Soldaten zu verheirathen?«

»Jasper Eau-douce! – ich, einen Soldaten heirathen? – Mein Vater sollte das wünschen? – Warum sollte er das thun? Was für ein Soldat ist denn in der Garnison, den ich heirathen könnte, daß er wünschen sollte, mich zu verheirathen?«

»Man kann einen Beruf so sehr lieben, daß man sich denkt, er verdecke tausend Unvollkommenheiten.«

»Aber man kann doch wahrscheinlich seinen Beruf nicht so sehr lieben, daß man alles Andere darüber übersieht. Ihr sagt, mein Vater wünsche mich an einen Soldaten zu verheirathen, und doch ist in Oswego Keiner, dem er mich wahrscheinlich geben möchte. Ich bin in einer unangenehmen Lage, denn während ich nicht gut genug bin, um die Frau eines Gentleman in der Garnison zu werden, halte ich mich doch – und Ihr werdet mir beistimmen, Jasper – für zu gut, um einen gemeinen Soldaten zu heirathen.«

Als Mabel so offen sprach, erröthete sie unwillkürlich, obgleich dieß in der Dunkelheit von ihrem Gefährten nicht bemerkt wurde, und lächelte dabei, wie Jemand, welcher fühlt, daß der Gegenstand, von so zarter Natur er auch sein mochte, aufrichtig behandelt zu werden verdiene. Jasper jedoch schien ihre Lage von einem verschiedenen Gesichtspunkte aus zu betrachten.

»Es ist wahr, Mabel,« sagte er, »Sie sind nicht, was man im gewöhnlichen Sinne des Worts eine Dame nennt –«

»In keinem Sinne des Worts, Jasper,« unterbrach ihn das edle Mädchen mit Lebhaftigkeit, »und ich hoffe, ich bin in diesem Punkte frei von aller Eitelkeit. Die Vorsehung hat mich zu der Tochter eines Sergeanten gemacht, und ich bin zufrieden mit der Stellung, in der ich geboren bin.«

»Aber nicht Alle bleiben in der Stellung, in der sie geboren sind, Mabel. Einige erheben sich über dieselbe, und Einige sinken noch tiefer. Viele Sergeanten sind Offiziere, sogar Generale geworden, und warum sollten Sergeantentöchter nicht Offiziersfrauen werden können?«

»In dem Falle von Sergeant Dunhams Tochter weiß ich keinen bessern Grund anzugeben, als daß mich wahrscheinlich kein Offizier zu seinem Weibe machen will,« erwiederte Mabel lachend.

,Sie mögen so denken; aber es gibt Einige im Fünfundfünfzigsten, die das besser wissen. Es ist gewiß ein Offizier in diesem Regiment, welcher Sie zu seiner Frau zu machen wünscht.«

Mit der Schnelligkeit des Blitzes eilten Mabels Gedanken über die fünf oder sechs Subaltern-Offiziere des Korps weg, deren Alter und Neigungen auf einen derartigen Wunsch mochten schließen lassen; und wir würden vielleicht ihren Gesinnungen Unrecht thun, wenn wir es verschwiegen, daß einen Augenblick das Gefühl der Freude lebhaft in ihrem Busen aufleuchtete, als sie sich die Möglichkeit dachte, sich über eine Stelle zu erheben, von der sie, trotz ihrer vorgeblichen Zufriedenheit, fühlte, daß sie nicht ganz mit ihrer Erziehung im Einklange stehe. Diese Bewegung verschwand jedoch eben so schnell, als sie erschienen war, denn Mabels Gefühle waren viel zu rein und weiblich, um den Bund der Ehe von einem so weltlichen Gesichtspunkte aus, den blos die Vortheile des Standes boten, zu betrachten. Diese vorübergehende Erregung war ein durch erkünstelte Ansichten hervorgebrachter Laut, während die gediegenere Betrachtungsweise, welche zurückblieb, aus Natur und Grundsätzen floß.

»Ich kenne keinen Offizier des fünfundfünfzigsten, oder irgend eines andern Regiments, von dem ich eine solche Thorheit vermuthen könnte. Auch glaube ich nicht, daß ich selbst die Thorheit begehen könnte, einen Offizier zu heirathen.«

»Thorheit. Mabel?«

»Ja, Thorheit, Jasper. Ihr wißt so gut als ich, was die Welt von solchen Verbindungen denkt, und ich müßte besorgen, und wohl mit Grund besorgen, es könnte meinen Gatten einmal reuen, daß er sich durch ein Aeußeres, an dem er Gefallen fand, verleiten ließ, die Tochter einer so untergeordneten Person, als ein Sergeant ist, zu heirathen.«

»Ihr Gatte wird wahrscheinlich mehr an die Tochter, als an den Vater, denken.«

Das Mädchen hatte mit einem Anflug von Laune gesprochen, obgleich auch sichtlich ihre Gefühle an der Unterhaltung Theil nahmen. Auf Jaspers letzte Bemerkung schwieg sie beinahe eine Minute und fuhr dann in einer weniger scherzenden Weise fort, in der ein aufmerksamer Beobachter wohl einen leichten melancholischen Zug hätte entdecken mögen:

»Vater und Kind müssen leben, als ob sie nur ein Herz, nur eine Gefühls- und Denkweise hätten. Ein gemeinschaftliches Interesse unter allen Verhältnissen ist für Mann und Frau so gut ein Erforderniß zu ihrem Glücke, als für die übrigen Glieder einer und derselben Familie. Am allerwenigsten darf aber der Mann oder die Frau irgend einen ungewöhnlichen Grund haben, sich unglücklich zu fühlen, da die Welt ohnehin deren so viele liefert.«

»Ich soll daraus wohl entnehmen, Mabel, daß Sie die Verheirathung mit einem Offizier blos um deßwillen ausschlagen würden, weil er ein Offizier ist?«

»Habt Ihr ein Recht, eine solche Frage zu stellen, Jasper?« sagte Mabel lächelnd.

»Kein anderes Recht, als wie es der eifrige Wunsch, Sie glücklich zu sehen, geben kann, und dieses mag im Grunde gering genug sein. Meine Besorgniß hatte zugenommen, als ich zufällig erfuhr, daß Ihr Vater die Absicht habe, Sie zu einer Verbindung mit dem Lieutenant Muir zu bereden.«

»Mein lieber, theurer Vater kann keinen so lächerlichen, so grausamen Gedanken hegen.«

»Wäre es denn so grausam, wenn er sie als die Frau eines Quartiermeisters zu sehen wünschte?«

»Ich habe Euch gesagt, was ich über diesen Gegenstand denke, und kann mich darüber nicht deutlicher ausdrücken. Da ich Euch aber so freimüthig geantwortet habe, Jasper, so habe ich wohl ein Recht, zu fragen, wie Ihr Etwas von den Gedanken meines Vaters erfahren habt?«

»Daß er einen Mann für Sie ausgesucht hat, weiß ich aus seinem eigenen Munde; er erzählte mir's bei Gelegenheit der häufigen Besprechungen, welche ich mit ihm hielt, als er bei der Einschiffung der Vorräthe die Aufsicht führte: und daß sich Herr Muir Ihnen antragen wird, hat mir dieser Offizier selbst mitgetheilt. Da ich nun diese beiden Umstände zusammenhielt, so kam ich natürlich zu der vorhin ausgesprochenen Meinung.«

»Kann nicht mein lieber Vater, Jasper« – Mabels Gesicht glühte wie Feuer, während sie sprach, obgleich ihr die Worte nur langsam und wie unter einer Art unwillkürlichen Antriebs von den Lippen glitten – »kann nicht mein lieber Vater an einen Andern gedacht haben? Aus dem, was Ihr mir sagtet, folgt nicht, daß er den Herrn Muir meine.«

»Ist es nicht nach allen Vorgängen sehr wahrscheinlich, Mabel? Was bringt den Quartiermeister hieher? Er hat es früher nie für nöthig gefunden, die Mannschaft, welche herunter geht, zu begleiten. Er wünscht Sie zum Weibe zu haben, und Ihr Vater ist damit einverstanden. Es muß Ihnen einleuchten, Mabel, daß Herr Muir nur um Ihretwillen mitgeht?«

Mabel gab keine Antwort. Ihr weiblicher Instinkt hatte ihr allerdings bereits gesagt, daß sie ein Gegenstand von des Quartiermeisters Bewunderung sei, obgleich sie dieß kaum in der Ausdehnung, welche Jasper der Sache gab, vermuthet hatte. Auch hatte sie aus einem Gespräch mit ihrem Vater vernommen, daß er ernstlich daran denke, über ihre Hand zu verfügen; aber kein Grübeln hätte sie je auf den Gedanken gebracht, daß Herr Muir der Mann sei. Sie glaubte es auch jetzt noch nicht, obgleich sie weit entfernt war, die Wahrheit zu ahnen. In der That betrachtete sie die gelegentlichen Bemerkungen ihres Vaters, welche ihr aufgefallen waren, mehr für die Ergüsse des Wunsches, sie überhaupt versorgt zu sehen, als für die Ergebnisse eines Planes, sie mit irgend einem bestimmten Manne zu vereinigen. Sie hielt jedoch diese Gedanken geheim, da die Selbstachtung und weibliche Zurückhaltung es als unpassend erscheinen ließen, sie zum Gegenstand einer Besprechung mit ihrem gegenwärtigen Gesellschafter zu machen. Um daher dem Gespräch eine andere Richtung zu geben, fuhr sie nach einer Pause, die lange genug gewesen war, um beide Theile in Verlegenheit zu setzen, fort: –

»Auf Eines könnt Ihr Euch verlassen, Jasper, und dieses ist auch Alles, was ich Euch über den Gegenstand noch zu sagen wünsche, – Lieutenant Muir wird, selbst wenn er Oberst wäre, nie der Gatte von Mabel Dunham sein. Und nun erzählt mir von Eurer Reise – wann wird sie enden?«

»Das ist ungewiß. Wenn man einmal auf dem Wasser ist, so ist man dem Wind und den Wellen preisgegeben. Pfadfinder wird Ihnen sagen, daß Derjenige, welcher einen Hirsch am Morgen aufjagt, nicht sagen kann, wo er des Nachts schlafen wird.«

»Aber wir sind weder auf der Hirschjagd, noch ist es Morgen. Pfadfinders Moral ist also verloren.«

»Wir sind freilich nicht auf der Hirschjagd, jagen aber Etwas nach, was wohl eben so schwer zu fangen ist. Ich kann Ihnen darüber nicht mehr sagen, als bereits geschehen ist; denn es ist unsere Pflicht, den Mund geschlossen zu halten, ob Etwas davon abhänge oder nicht. Ich fürchte jedoch, ich werde Sie nicht lange genug an dem Scud behalten, um Ihnen zeigen zu können, was er im Nothfalle zu leisten im Stande ist.«

»Ich halte ein Mädchen für unklug, das je einen Seemann heirathet,« sagte Mabel abgebrochen und fast unwillkürlich.

»Das ist eine sonderbare Ansicht; warum glauben Sie das?«

»Weil eines Seemanns Weib darauf rechnen kann, an seinem Schiff eine Nebenbuhlerin zu haben. Selbst Onkel Cap sagt, daß ein Schiffer nie heirathen sollte.«

»Er meint die Salzwasserschiffer,« erwiederte Jasper mit Lachen. »Wenn er glaubt, daß die Weiber nicht gut genug für die seien, welche den Ocean befahren, so wird er gewiß denken, sie seien für die, welche auf den See'n segeln, eben recht. Ich hoffe, Mabel, Sie lassen sich in ihren Meinungen über uns Frischwasser-Matrosen nicht so ganz von dem, was Meister Cap von uns sagt, bestimmen?«

»Segel, ho!« rief auf einmal der Mann, von dem eben die Rede war, »oder Boot ho! um der Wahrheit näher zu kommen.« Jasper eilte vorwärts. In der That ließ sich auch etwa hundert Ellen vor dem Kutter nahe an seinem Lee-Bug ein kleiner Gegenstand bemerken. Jasper erkannte in ihm auf den ersten Blick einen Rindenkahn; denn obgleich die Finsterniß das Erkennen der Farben verhinderte, so konnte doch ein an die Nacht gewöhntes Auge nahe liegende Gestalten unterscheiden, zumal ein Auge wie Jaspers, welche zu lange mit den Begegnungen auf dem Wasser vertraut war, um die Umrisse zu verkennen, welche ihn zu der eben genannten Folgerung veranlassten.

»Das kann ein Feind sein,« bemerkte der junge Mann, »und es ist wohl räthlich, ihn zu überholen.«

»Er rudert mit aller Macht, Junge,« erwiederte Pfadfinder, »und beabsichtigt, unsern Bug zu kreuzen und windwärts zu kommen, wo Ihr dann ebensogut einem ausgewachsenen Bock in Schneeschuhen nachjagen könntet.«

»Halt bei dem Winde!« rief Jasper dem Steuermann zu, »luv aus, so lang sich das Schiff halten läßt. Nun fest und nahe gehalten.«

Der Steuermann gehorchte, und da der Scud nun die Wellen lustig auf die Seite warf, so brachten eine oder zwei Minuten den Kahn so weit leewärts, daß ein Entrinnen unausführbar war. Jasper sprang nun selbst an's Steuer, und durch eine geschickte und vorsichtige Bewegung kam er dem Gegenstand seiner Jagd so nahe, daß man sich desselben durch einen Bootshaken versichern konnte. Die zwei in dem Kahn befindlichen Personen verließen nun auf erhaltenen Befehl das Boot, und sie waren kaum auf dem Verdecke des Kutters angelangt, als man in ihnen Arrowhead und sein Weib erkannte.

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