Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > James Fenimore Cooper >

Der Pfadfinder oder Das Binnenmeer

James Fenimore Cooper: Der Pfadfinder oder Das Binnenmeer - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Pfadfinder
publisherHoffmann'sche Verlags Buchhandlung.
printrunNeue unveränderte Auflage
year1869
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141112
Schließen

Navigation:

[Drittes] Dreizehntes Kapitel

Der Kobold macht den Thoren warm,
Und Unheil bräut der Hexen Schwarm;
Den Esel drückt des Alpes Ritt,
Und durch die Flur streift Elfentritt.

Cotton.

 

Die Einschiffung des kleinen Häufleins ging schnell und ohne Verwirrung von Statten. Die ganze unter dem Befehl des Sergeanten Dunham stehende Macht bestand nur aus zehn Gemeinen und zwei Unteroffizieren. Es war zwar bald bekannt, daß Herr Muir an der Expedition Antheil nehmen werde; doch wollte der Quartiermeister nur als Freiwilliger mitgehen und sich dabei, wie er es mit dem Kommandanten abgemacht hatte, des Vorwandes einiger Geschäfte, die in sein eigenes Departement gehörten, bedienen. Hiezu kamen noch der Pfadfinder und Cap mit Jasper und seinen Untergebenen, von denen einer ein Knabe war. Der männliche Theil der Gesellschaft bestand also aus nicht ganz zwanzig Personen und einem vierzehnjährigen Jungen, indeß das weibliche Geschlecht durch Mabel und die Frau eines Gemeinen repräsentirt wurde.

Sergeant Dunham führte sein Kommando in einem großen Kahne über, und kehrte dann zurück, um die Schlußbefehle einzuholen und nachzusehen, ob für seinen Schwager und seine Tochter Sorge getragen werde. Nachdem er Cap das Boot gezeigt hatte, dessen er und Mabel sich bedienen sollte, ging er in das Fort zurück, um seine letzte Zusammenkunft mit Lundie zu halten. Der Major befand sich auf dem mehrerwähnten Bollwerk; doch wollen wir ihn und den Sergeanten eine Weile allein bei einander lassen, und an das Gestade zurückkehren.

Es war schon ziemlich dunkel, als Mabel das Boot bestieg, welches sie zu dem Kutter führen sollte. Die Oberfläche des See's war so glatt, daß es nicht nöthig wurde, die Kähne in den Fluß zu bringen, um ihre Fracht aufzunehmen, denn da das äußere Ufer ganz ohne Brandung und das Wasser so ruhig wie in einem Teich war, so konnte die Einschiffung hier geschehen. Man bemerkt, wie Cap gesagt hatte, auf dem See nichts von dem Heben und Sinken, dem Arbeiten der weiten Lungen oder der Respiration eines Meeres; denn der Umfang des Ontario gestattet es nicht, daß an einer Stelle Stürme toben, während an einer andern Windstille herrscht, wie dieses auf dem atlantischen Ocean der Fall ist. Es gehört auch zu den gewöhnlichen Bemerkungen der Seeleute, daß das Wasser auf allen den großen Seen des Westen schneller hochgeht, und sich früher wieder legt, als auf den verschiedenen Meeren, die sie kennen. Als daher Mabel das Land verließ, hätte sie aus keiner Bewegung des Wassers, die unter solchen Umständen so gewöhnlich ist, die Größe der Masse derselben erkennen können. Mit einem Dutzend Ruderschlägen lag das Boot an der Seite des Kutters.

Jasper hielt sich bereit, seine Passagiere zum empfangen, und da das Verdeck des Scud nur zwei oder drei Fuß über dem Wasser ging, so war es nicht schwierig, an Bord zu gelangen. Sobald dieß geschehen war, zeigte der junge Mann Mabel und ihrer Gefährtin die Bequemlichkeiten, die er für ihren Empfang vorbereitet hatte, von denen sie auch ohne weiteres Besitz nahmen. Das kleine Fahrzeug hatte in seinem untern Raume vier Kabinette, da Alles zwischen den Decken ausdrücklich zum Zweck des Transports von Offizieren und Mannschaft, mit ihren Weibern und Familien eingerichtet war. Das erste im Range war die sogenannte Nebenkajüte, ein kleines Stübchen, welches vier Lagerstellen enthielt, und den Vortheil hatte, daß durch kleine Fenster Licht und Luft eindringen konnte. Dieses wurde gewöhnlich für die Frauen, welche sich an Bord befanden, bestimmt, und da Mabel und ihre Gefährtin allein waren, so gebrach es ihnen nicht an Raum und Bequemlichkeit. Die Hauptkajüte war größer, und erhielt ihr Licht von oben. Sie diente zum Gebrauche des Quartiermeisters, des Sergeanten, Caps und Jaspers, da der Pfadfinder, mit Ausnahme des Frauenkabinets, sich überall herum aufhielt. Die Korporale und Gemeinen hatten ihren Platz unter der großen Luke, welche zu diesem Zweck mit einem Deck versehen war, während die Ruderer wie gewöhnlich im Vorderkastell ihr Lager aufschlugen. Obgleich der Kutter nicht ganz fünfzig Tonnen führte, so war doch die Befrachtung durch die Offiziere und Mannschaft so gering, daß für Alle, die an Bord waren, ein weiter Raum blieb, der im Nothfalle die dreifache Anzahl zu bergen im Stande gewesen wäre.

Sobald Mabel von ihrem in der That recht anständigen und bequemen Kabinet Besitz genommen hatte, wobei sie sich nicht enthalten konnte, der angenehmen Betrachtung Raum zu geben, daß sie hiebei Manches Jaspers Gunst zu verdanken habe – ging sie wieder auf das Verdeck zurück. Hier war Alles in augenblicklicher Bewegung. Die Soldaten liefen hin und her, um nach ihren Tornistern und andern Effekten zu sehen; doch stellte Methode und Gewohnheit die Ordnung bald wieder her, und es erfolgte nun am Bord eine tiefe Stille, welche mit dem Gedanken an das künftige Abenteuer und an die verhängnißvolle Vorbereitung in Verbindung stand.

Die Finsterniß fing nun an, die Gegenstände am Ufer undeutlich zu machen. Das ganze Land bildete einen gestaltlosen schwarzen Umriß an den Spitzen des Waldes, und war blos von dem darüber hängenden Himmel durch das höhere Licht dieses Gewölbes zu unterscheiden. Bald begannen auch an dem letzteren die Sterne nach und nach mit ihrem gewöhnlichen, milden, angenehmen Lichte zu schimmern, und brachten das Gefühl der Ruhe mit sich, welches gewöhnlich die Nacht begleitet. Es lag etwas Besänftigendes sowohl, als etwas Aufregendes in dieser Scene, und Mabel, welche auf der Schanze saß, fühlte sich lebhaft von diesen beiden Einflüssen ergriffen. Der Pfadfinder stand in ihrer Nähe, wie gewöhnlich an seine lange Büchse gelehnt, und es kam ihr selbst trotz der zunehmenden Dunkelheit der Stunde vor, als ob sie schärfere Linien des Nachdenkens als gewöhnlich in seinen rauhen Zügen entdecke.

»Eine solche Fahrt kann Euch nichts Neues sein, Pfadfinder sagte sie, »und es überrascht mich daher, die Leute so still und in Gedanken vertieft zu sehen.«

»Wir lernen dieß aus dem Krieg gegen die Indianer. Die Milizen schwatzen viel und handeln im Allgemeinen wenig; aber die Soldaten, welche oft mit den Mingo's zusammentreffen, lernen den Werth einer klugen Zunge schätzen. Eine schweigende Armee ist in den Wäldern doppelt stark, und eine lärmende doppelt schwach. Wenn Zungen Soldaten machten, so würden auf dem Schlachtfeld gewöhnlich die Weiber die Herren des Tages sein.«

»Aber wir sind weder eine Armee, noch in den Wäldern! Man hat sich doch in dem Scud nicht vor den Mingo's zu fürchten?«

»Fragen Sie Jasper, wie er Herr dieses Kutters geworden ist, und Sie werden sich dieß selbst beantworten können. Niemand ist vor einem Mingo sicher, wenn er nicht dessen eigentliche Natur kennt, und gerade dann muß er sorgfältig seiner Kenntniß gemäß handeln. Fragen Sie nur den Jasper, wie er zu dem Kommando dieses Kutters gekommen ist.«

»Und wie kam er dazu?« fragte Mabel mit einem Ernst und einer Theilnahme, welche einen angenehmen Einfluß auf ihren einfachen und treuherzigen Gefährten übten, der nie vergnügter war, als wenn er Gelegenheit hatte, zu Gunsten eines Freundes Etwas zu sagen. »Es ist ehrenvoll für ihn, daß er bei seiner Jugend diese Stellung erreicht hat.«

»Es ist so; aber er hat sie verdient, und wohl noch mehr. Eine Fregatte wäre nicht zu viel gewesen, um seinen Geist und seine Besonnenheit zu belohnen, wenn es so ein Ding auf dem Ontario gäbe, was aber nicht der Fall ist, und auch wahrscheinlich nie der Fall sein wird.«

»Aber Jasper, – Ihr habt mir noch nicht erzählt, wie er zu dem Kommando dieses Schooners gekommen ist.«

»Es ist eine lange Geschichte, Mabel, die Ihnen Ihr Vater, der Sergeant, besser sagen kann, als ich; denn er war dabei, und ich auf Kundschaft abwesend. Ich muß zugeben, daß Jasper kein guter Erzähler ist, und ich habe ihn, wenn er um diese Sache befragt wurde, immer nur eine schlechte Erzählung geben hören, obschon Jedermann weiß, daß es eine gute Sache war. Nein, nein, Jasper erzählt nicht gut; das müssen seine besten Freunde zugestehen. Der Scud war nahe daran, in die Hände der Franzosen und der Mingo's zu fallen, als Jasper ihn auf eine Weise rettete, die nur ein schnell besonnener Geist und ein kühnes Herz versuchen konnte. Der Sergeant kann Ihnen die Geschichte besser mittheilen, als ich, und ich wünsche, daß Sie ihn einmal fragen möchten, wenn es gerade nichts Besseres zu thun gibt. Was den Jasper anbelangt, so wird es nichts nützen, den Jungen damit zu plagen, denn er wird die Sache ganz verstümpern, weil er durchaus keine Geschichte zu geben weiß.«

Mabel entschloß sich, ihren Vater um die Mittheilung der Einzelheiten dieses Ereignisses noch in derselbigen Nacht anzugehen, denn für ihre jugendliche Phantasie konnte es wohl nichts Besseres zu thun geben, als auf das Lob eines Mannes zu hören, der nur ein schlechter Erzähler seiner eigenen Thaten war.

»Wird der Scud bei uns bleiben, wenn wir die Inseln erreicht haben?« fragte sie nach einem leichten Zögern ob der Schicklichkeit dieser Frage; »oder werden wir dann uns selbst überlassen sein?«

»Je nachdem es kommt. Jasper läßt den Kutter nicht gerne müßig sein, wenn es Etwas zu thun gibt, und wir dürfen von seiner Seite Thätigkeit erwarten. Doch meine Gaben haben im Allgemeinen keinen Bezug auf das Wasser und die Fahrzeuge, und wenn es nicht gerade die Stromschnellen, die Fälle und Kähne anbelangt, so mache ich keinen Anspruch darauf, etwas von der Sache zu verstehen. Ich zweifle übrigens nicht, daß unter Jasper Alles gut gehen wird, da er auf dem Ontario so gut eine Fährte finden kann, als sie ein Delaware auf dem Land zu entdecken weiß.«

»Und unser Delaware, Pfadfinder, – der Big Serpent – warum ist er diese Nacht nicht bei uns?«

»Ihre Frage würde natürlicher sein, wenn Sie sagten: warum seid Ihr hier, Pfadfinder? – Der Serpent ist an seinem Platz, während ich nicht auf dem meinigen bin. Er ist mit Zweien oder Dreien ausgezogen, um die Seeufer auszukundschaften, und wird unten bei den Inseln wieder zu uns stoßen, um uns seine gesammelten Nachrichten mitzutheilen. Der Sergeant ist ein zu guter Soldat, um die Nachhut zu vergessen, wenn er im Angesichte des Feindes steht. Es ist tausend Schade, Mabel, daß Ihr Vater nicht als ein General geboren wurde, wie wir da so einige Engländer unter uns haben, denn ich bin fest überzeugt, daß in einer Woche kein einziger Franzose mehr in Kanada wäre, wenn er seinen eigenen Weg gehen dürfte.«

»Werden wir den Feind zu Gesicht bekommen?« fragte Mabel lächelnd, und fühlte dabei zum ersten Mal eine leichte Furcht wegen der Gefahren dieser Fahrt. »Werden wir wohl in ein Treffen verwickelt werden?«

»Wenn das wäre, Mabel, so wird es Leute genug geben, welche bereit und willig sind, sich zwischen Sie und die Gefahr zu stellen. Doch Sie sind die Tochter eines Soldaten, und haben, wie wir Alle wissen, den Muth eines Soldaten. Lassen Sie deßhalb die Furcht vor einem Gefecht den Schlaf nicht von Ihren schönen Augen scheuchen.«

»Ich fühle mich muthiger, Pfadfinder, hier außen in den Wäldern, als ich mich je mitten in der Weichlichkeit der Städte gefunden habe, obgleich ich es immer versuchte, mich zu erinnern, was ich meinem lieben Vater schuldig sei.«

»Nun ja, Ihre Mutter dachte vor Ihnen ebenso. – Ihr werdet Mabel wie Ihre Mutter finden, kein kreischendes und verzärteltes Mädchen, daß ein Mann seine Noth mit ihr hat; sondern sie wird ihren Gatten ermuthigen und aufrichten, wenn er bei Gefahren unter der Sorge erliegen will´, sagte der Sergeant zu mir, ehe ich noch Ihre süßen Züge gesehen hatte; – ja das sagte er!«

»Und warum sollte mein Vater Euch das gesagt haben, Pfadfinder?« fragte das Mädchen mit einigem Ernste. »Vielleicht glaubte er, Ihr würdet besser von mir denken, wenn Ihr mich nicht für ein einfältiges, feigherziges Geschöpf halten müßtet, wie unser Geschlecht ihrer so viele aufweist?«

Täuschung, wenn es nicht gerade auf Kosten seiner Feinde im Felde ging – ja selbst die Verbergung eines Gedankens, war so wenig im Einklang mit dem Wesen des Pfadfinders, daß er bei dieser einfachen Frage in keine geringe Verlegenheit kam. Er fühlte aus einer Art von Instinkt, von dem er sich keine Rechenschaft zu geben vermochte, daß es nicht geeignet sei, die Wahrheit offen zu gestehen; und sie zu verbergen? – das wollte sich nicht mit seinem Rechtlichkeitsgefühl und seinen Gewohnheiten vertragen. In dieser Klemme nahm er unwillkürlich seine Zuflucht zu einem Mittelweg, welcher das, was er nicht zu sagen wagte, zwar nicht entschleierte, aber auch nicht geradezu verhehlte.

»Sie müssen wissen, Mabel,« sagte er, »daß der Sergeant und ich alte Freunde sind, und wir in manchem harten Gefechte, an manchem blutigen Tag Seite an Seite gestanden haben – freilich nicht Seite an Seite im eigentlichen Sinne, da ich etwas mehr in der Vorhut, wie es einem Kundschafter ziemt, und er als ein höher gestellter Soldat des Königs an der Spitze seiner Leute war – 's ist dann so die Weise von uns Scharmützlern, daß wir wenig an den Kampf denken, wenn die Büchse das Ihrige gethan hat; und des Nachts an unsern Feuern, oder auf unsern Märschen, plaudern wir von Gegenständen, die wir lieben, wie ihr jungen Frauenzimmer euch über eure Träumereien und Meinungen unterhaltet und mit einander über eure Einfälle lacht. Nun war es natürlich, daß der Sergeant, der eine Tochter wie Sie hat, diese mehr als alles Andere liebt, und von ihr öfter als von irgend etwas Anderem spricht. Da ich nun weder Tochter noch Schwester, noch Mutter, noch sonstige Verwandte und Bekannte, mit Ausnahme der Delawaren, zu lieben habe, so stimmte ich natürlich mit ein, und ich gewann Sie lieb, Mabel, ehe ich Sie noch gesehen hatte – ja das that ich, Mabel, gerade deßhalb, weil wir so viel von Ihnen sprachen.«

»Und nun, da Ihr mich gesehen habt,« entgegnete das lächelnde Mädchen, deren unveränderte natürliche Weise bewies, wie wenig sie an etwas mehr als an elterliche oder brüderliche Zuneigung dachte, »fanget Ihr an, die Thorheit einzusehen, Freundschaft mit Leuten zu schließen, ehe man sie näher als nur vom Hörensagen kennt.«

»'s war nicht Freundschaft, – 's ist nicht Freundschaft, Mabel, was ich für Sie fühle. Ich bin der Freund der Delawaren, und bin es von meinen Knabenjahren an gewesen; aber meine Gefühle für jene, oder für den Besten unter ihnen, sind nicht dieselben, welche mir der Sergeant gegen Sie einflößte, um so mehr, da ich Sie nun näher kennen zu lernen anfange. Bisweilen fürchte ich freilich, es sei nicht gut für einen Mann, der einem wahrhaft männlichen Berufe folgt – sei er nun ein Wegweiser, ein Kundschafter oder ein Soldat – Freundschaft mit Frauen, und zumal mit jungen Frauen zu schließen, da sie mir den Unternehmungsgeist zu schwächen und die Gefühle von den Gaben und natürlichen Beschäftigungen abzukehren scheint.«

»Ihr meint doch sicherlich nicht, Pfadfinder, daß Freundschaft gegen ein Mädchen, wie ich, Euch weniger kühn und weniger geneigt machen würde, mit den Franzosen wie früher anzubinden?«

»Nein, nicht so, nicht so. Mit Ihnen in Gefahr, würde ich zum Beispiel fürchten, zu tollkühn zu werden. Aber ehe wir miteinander, so zu sagen, vertraut wurden, dachte ich gerne an meine Kundschaftszüge, meine Märsche und Auslager, meine Gefechte und andere Abenteuer. Jetzt kümmert sich mein Geist wenig mehr drum, und ich denke mehr an die Hütten, an die Abende, die man im Gespräch hinbringen kann, an Gefühle, die nichts mit Hader und Blutvergießen zu thun haben, und an junge Frauen, ihr Lachen, ihre heiteren, sanften Stimmen, ihre lieblichen Blicke und ihre gewinnenden Weisen. Ich sage dem Sergeanten bisweilen, daß er und seine Tochter noch einen der besten und erfahrensten Kundschafter an den Gränzen verderben werden.«

»Nicht doch, Pfadfinder; sie wollen es nur versuchen, das, was schon ausgezeichnet ist, vollkommen zu machen. Ihr kennt uns nicht, wenn Ihr glaubet, daß eines von uns wünsche, Euch nur im Mindesten verändert zu sehen. Bleibt, was Ihr gegenwärtig seid, derselbe ehrliche, aufrichtige, gewissenhafte, furchtlose, einsichtsvolle und zuverlässige Wegweiser, und weder mein lieber Vater, noch ich werden je anders von Euch denken, als wir dieses jetzt thun.«

Es war zu dunkel für Mabel, als daß sie die Bewegungen in dem Gesichte ihres Zuhörers hätte bemerken können; aber ihre liebliche Gestalt war gegen ihn gekehrt, als sie mit ebensoviel Feuer, als Freimüthigkeit diese Worte sprach, welche zeigten, wie aufrichtig sie gemeint, und wie wenig ihre Gedanken in Verwirrung gebracht seien. Ihr Gesicht war zwar leicht geröthet; aber es zeigte den Ausdruck des Ernstes und der Wahrheit ihrer Gefühle, ohne daß dabei ein Nerv bebte, ein Glied zitterte oder ein Pulsschlag rascher flog. Kurz ihr ganzes Benehmen war das eines redlichen, freimüthigen Mädchens, welches eine derartige Erklärung der Achtung und Zuneigung gegen eine Person des andern Geschlechts ausspricht, deren Verdienste und Eigenschaften sie zu schützen weiß, ohne irgend eine weitere Bewegung zu äußern, wie sie unveränderlich das Bewußtsein einer Neigung, die zu zarteren Enthüllungen hätte führen können, begleitet.

Der Pfadfinder war übrigens zu unerfahren, um in derartige Unterscheidungen eingehen zu können; und seine Bescheidenheit wurde durch die Geradheit und die Kraft der Worte, die er eben gehört hatte, ermuthigt. Nicht geneigt, vielleicht auch nicht fähig, weiter zu sagen, entfernte er sich, und blickte, an seine Büchse gelehnt, eine Weile in tiefem Schweigen zu den Sternen auf.

Während dieses auf dem Kutter vorging, fand die bereits erwähnte Unterredung Lundie's mit dem Sergeanten auf dem Bollwerk statt.

»Sind die Tornister der Mannschaft untersucht worden?« fragte Major Duncan, nachdem er einen Blick auf den geschriebenen Rapport, der ihm von dem Sergeanten eingehändigt worden, geworfen hatte: denn es war bereits zu dunkel, um zu lesen.

»Alle, Euer Gnaden, und Alle sind in Ordnung.«

»Waffen und Kriegsbedarf?«

»Alles in Richtigkeit, Major Duncan, und für den Dienst bereit.« »Ihr habt die Euch von mir vorgezeichneten Leute genommen, Dunham?«

»Ohne Ausnahme, Sir. Bessere Leute können nicht in dem Regimente gefunden werden.«

»Ihr braucht auch die Besten von unserer Mannschaft, Sergeant. Dieses ist nun der dritte Versuch, und er wurde immer unter einem von den Fähndrichen gemacht, auf die ich das größte Vertrauen setzte, und doch haben mir alle früheren fehlgeschlagen. Nach so viel Vorbereitungen und Kosten wollte ich das Projekt doch nicht ganz aufgeben, aber dieß soll die letzte Bemühung sein. Das Resultat wird hauptsächlich von Euch und dem Pfadfinder abhängen.«

»Auf uns Beide können Sie zählen, Major Duncan. Der Auftrag, den Sie uns gegeben haben, geht nicht über unsere Kräfte und unsere Erfahrung, und ich denke, er soll gut ausgerichtet werden. Ich weiß, daß es der Pfadfinder nicht fehlen lassen wird.«

»Darauf wird man sich, in der That, sicher verlassen können. Er ist ein außerordentlicher Mann, Dunham, – ein Mann, der mich lange in Verlegenheit gesetzt hat, der aber, da ich ihn nun kenne, so sehr über meine Achtung zu gebieten hat, als irgend ein General in Seiner Majestät Diensten.«

»Ich hoffte, Sir, daß Sie die projektirte Heirath mit Mabel als einen Umstand betrachten würden, den ich wünschen und beschleunigen sollte.«

»Was das anbelangt, Sergeant, so wird's die Zeit lehren,« erwiederte Lundie lächelnd, obgleich auch hier die Dunkelheit die zarteren Schattirungen des Ausdrucks verbarg; »ein Weib ist bisweilen schwieriger zu leiten, als ein ganzes Regiment Soldaten. Zudem wißt Ihr auch, daß Euer Möchte-gern-Schwiegersohn, der Quartiermeister, von der Partie sein wird, und ich versehe mir's von Euch, daß Ihr ihm wenigstens ein gleiches Feld gestatten werdet für den Versuch, Eurer Tochter ein Lächeln abzugewinnen.«

»Ich habe Achtung vor Seinem Rang, Sir, und wenn mich auch dieser nicht schon dazu veranlaßte, so würde der Wunsch Euer Gnaden genügen.«

»Ich danke Euch, Sergeant. Wir haben lange mit einander gedient, und müssen uns gegenseitig in unsern Stellungen schätzen. Doch, versteht mich wohl; ich verlange für David Muir nicht weiter als freies Feld – keine Begünstigung. In der Liebe, wie im Krieg, muß Jeder sich selbst den Sieg erringen. – Seid Ihr gewiß, daß die Rationen gehörig berechnet sind?«

»Dafür stehe ich, Major Duncan; aber wenn es auch nicht wäre, so brauchten wir nicht Noth zu leiden, mit zwei solchen Jägern in unserer Gesellschaft, wie der Pfadfinder und Serpent.«

»Das geht nicht, Dunham,« unterbrach ihn Lundie scharf; »das kommt von Eurer amerikanischen Geburt und Erziehung. Kein rechter Soldat verläßt sich auf etwas Anderes, als auf seinen Proviant-Kommissär, und ich muß bitten, daß kein Angehöriger meines Regimentes zuerst ein Beispiel von dem Gegentheile gibt.«

»Sie haben zu befehlen, Major Duncan, und es wird gehorcht werden; und doch, wenn ich voraussetzen dürfte, Sir –«

»Sprecht frei, Sergeant; Ihr redet mit einem Freunde.«

»Ich wollte nur sagen, daß, wie ich finde, die Schotten Wildpret und Vögel eben so sehr lieben, als Schweinefleisch, wenn sie schwer zu bekommen sind.«

»Das mag wohl wahr sein; aber Lieben oder Nichtlieben hat nichts mit dem System zu schaffen. Eine Armee kann sich auf nichts verlassen, als auf ihre Kommissäre. Die Unregelmäßigkeit der Provinzler hat zu oft Teufeleien in des Königs Dienst gebracht, um da länger die Augen zu schließen.«

»General Braddock, Euer Gnaden, hätte sich von dem Obrist Washington sollen rathen lassen.«

»Weg mit Eurem Washington! Ihr seid alle mit einander Provinzler, Mann, und Jeder hält den Andern, als ob Ihr von einer geschworenen Verbindung wäret.«

»Ich glaube, Seine Majestät hat keine loyaleren Unterthanen, als die Amerikaner, Euer Gnaden.«

»Was das anbelangt, so habt Ihr, glaube ich, Recht, und ich bin vielleicht ein Bischen zu warm geworden. Ich betrachte Euch nicht als einen Provinzler, Sergeant, denn obgleich Ihr in Amerika geboren seid, so hat doch nie ein besserer Soldat eine Muskete geschultert.«

»Und Obrist Washington, Euer Gnaden?«

»Nun ja, – Obrist Washington mag auch ein brauchbarer Unterthan sein. Er ist das Wunderthier der Amerikaner, und ich denke, ich kann ihm wohl all' die Ehre widerfahren lassen, die Ihr verlangt. Ihr zweifelt nicht an der Geschicklichkeit dieses Jasper Eau-douce?«

»Der Junge ist erprobt und Allem gewachsen, was man von ihm verlangen kann.«

»Er führt einen französischen Namen und hat seine Kindheit meistens in den französischen Kolonien zugebracht; – hat er französisches Blut in seinen Adern, Sergeant?«

»Nicht einen Tropfen, Euer Gnaden. Jaspers Vater war ein alter Kamerad von mir, und seine Mutter ist aus einer ehrbaren und loyalen Familie in unserer Provinz.«

»Wie kam er denn so viel unter die Franzosen, und woher hat er seinen französischen Namen? Er spricht auch die Sprache der Canadenser, wie ich finde.«

»Das ist leicht auseinander gesetzt, Major Duncan. Der Knabe blieb unter der Obhut eines unserer Seeleute aus dem alten Heer, und so kam er zum Wasser, wie eine Ente. Euer Gnaden weiß, daß wir an dem Ontario keine Häfen haben, die diesen Namen verdienen, und so brachte er natürlich den größten Theil seiner Zeit auf der andern Seite des See's zu, wo die Franzosen seit fünfzig Jahren mehrere Schiffe haben. Er lernte da gelegenheitlich ihre Sprache, und erhielt seinen Namen von den Indianern und Canadiern, welche wahrscheinlich die Leute gerne nach ihren Eigenschaften benennen.«

»Demungeachtet ist aber ein französischer Meister nur ein schlechter Lehrer für einen brittischen Schiffer.«

»Ich bitt' um Verzeihung, Sir; Jasper Eau-douce ist von einem wirklichen englischen Seemann erzogen worden, von einem Manne, der unter des Königs Flagge segelte, und ein Befahrener genannt werden kann; er ist in den Kolonien geboren, aber deßhalb, wie ich hoffe, Major Duncan, keiner der schlechtesten von seinem Gewerbe.«

»Vielleicht nicht, Sergeant, vielleicht nicht; aber auch nicht besser. Außerdem hat sich dieser Jasper brav gehalten, als ich ihm das Kommando des Scud übergab. Kein Bursche hätte sich loyaler oder besser betragen können.«

»Oder tapferer, Major Duncan. Es bekümmert mich, sehen zu müssen, Sir, daß Sie Zweifel in Jaspers Treue setzen.«

»Es ist die Pflicht eines Soldaten, dem die Obhut über einen so entfernten und wichtigen Posten, wie dieser, anvertraut ist, nie in seiner Wachsamkeit zu erschlaffen, Dunham. Wir haben mit zweien der listigsten Feinde, welche die Welt je hervorgebracht hat, in ihrer verschiedenen Weise zu kämpfen – mit den Indianern und den Franzosen; und es darf nichts übersehen werden, was uns in Nachtheil bringen könnte.«

»Ich hoffe, Euer Gnaden halten mich für den Mann, dem man irgend einen besondern Grund, der einen Zweifel an Jasper rechtfertigte, anvertrauen kann, da Sie mich für geeignet halten, mir dieses Kommando zu übertragen?«

»Es ist nicht der Zweifel an Euch, Dunham, der mich veranlaßt, die Enthüllung dessen, was mir zur Kunde gekommen ist, zu verzögern, sondern der Widerwille, eine üble Nachricht über einen Mann, auf den ich bisher Etwas gehalten habe, in Umlauf zu bringen. Ihr müßt wohl gut von dem Pfadfinder denken, sonst würdet Ihr nicht wünschen, ihm Eure Tochter zu geben?«

»Für des Pfadfinders Ehrlichkeit stehe ich mit meinem Leben, Sir,« erwiederte der Sergeant mit Festigkeit und nicht ohne eine Würde in seinem Benehmen, welche auf den Vorgesetzten Eindruck machte. »Solch' ein Mann weiß gar nicht, was falsch sein heißt.«

»Ich glaube, Ihr habt Recht, Dunham; und doch hat diese letzte Mittheilung alle meine alten Meinungen zum Wanken gebracht. Ich habe ein anonymes Schreiben erhalten, Sergeant, welches mich anweist, gegen Jasper Western oder Jasper Eau-douce, wie man ihn nennt, auf der Hut zu sein. Es wird darin behauptet, daß er von dem Feind erkauft sei, und man gibt mir Hoffnung, daß mir eine weitere und genauere Mittheilung in Bälde zugehen werde.«

»Briefe ohne Unterschriften verdienen im Kriege kaum beachtet zu werden.«

»Im Frieden, Dunham. Niemand kann unter gewöhnlichen Umständen von dem Schreiber eines anonymen Briefes eine geringere Meinung haben, als ich selbst. Diese Handlung verräth Feigheit, Gemeinheit und Niederträchtigkeit, und ist gewöhnlich ein Beweis der Falschheit sowohl, als auch anderer Laster. Aber im Kriege ist es nicht derselbe Fall. Außerdem sind mir mehrere verdächtige Umstände namhaft gemacht worden.«

»Sind sie von der Art, daß eine Ordonnanz sie hören darf, Euer Gnaden?«

»Gewiß, wenn es eine ist, der ich so vertraue, wie Euch, Dunham. Es wurde zum Beispiel gesagt, daß die Irokesen Eure Tochter und ihre Gesellschaft nur deßhalb entrinnen ließen, um Jaspern bei mir in Kredit zu bringen. Es heißt dabei, daß den Herren zu Frontenac mehr daran gelegen sei, den Scud mit dem Sergeanten Dunham und seiner Mannschaft wegzunehmen und unsern Lieblingsplan zu nichte zu machen, als ein Mädchen und den Skalp ihres Onkels zu erbeuten.«

»Ich verstehe den Wink, Sir, aber ich schenke ihm keinen Glauben. Jasper kann freilich nicht treu sein, wenn Pfadfinder falsch ist; aber was den Letztern anbelangt, so möchte ich eben so gut Euer Gnaden mißtrauen, als ihm.«

»Es würde so scheinen, Sergeant; es würde in der That so scheinen. Aber Jasper ist jedenfalls nicht Pfadfinder, und – ich muß gestehen, Dunham, ich würde mehr Vertrauen in den Burschen setzen, wenn er nicht Französisch spräche.«

»Ich versicher' Euer Gnaden, 's ist auch keine Recommendation in meinen Augen, aber der Junge hat es durch Zwang gelernt, und da es einmal so ist, so sollte man ihn, mit Eurer Gnaden Erlaubniß, um dieses Umstandes willen nicht zu schnell verdammen. Wenn er Französisch spricht, so ist's deßhalb, weil er es nicht wohl los werden kann.«

»'s ist ein v–s Gewälsch, und nie hat es Einem gut gethan, wenigstens keinem brittischen Unterthanen, denn die Franzosen selbst müssen doch in irgend einer Sprache mit einander sprechen! – Ich würde mehr Vertrauen in diesen Jasper setzen, wenn er nichts von ihrer Sprache verstände. Dieser Brief hat mich ganz confus gemacht. Wenn nur noch ein Anderer da wäre, dem ich den Kutter anvertrauen könnte, so wollte ich wohl meine Maßregeln treffen, um ihn hier zurück zu behalten. Ich habe schon wegen Eures Schwagers, der von der Partie ist, mit Euch gesprochen, Sergeant. Nicht wahr, er ist ein Schiffer?«

»Er ist ein wirklicher Seefahrer, Euer Gnaden, und etwas von Vorurtheilen befangen gegen das frische Wasser. Ich zweifle, ob er veranlaßt werden könnte, seinen Charakter an eine Fahrt auf dem See wegzuwerfen, und ich bin überzeugt, daß er den Posten nie finden würde.«

»Das Letztere hat wahrscheinlich seine Richtigkeit, und dann kennt der Mann diesen trügerischen See nicht genug, um einem solchen Auftrag gewachsen zu sein. Ihr müßt daher doppelt wachsam sein, Dunham. Ich gebe Euch unbeschränkte Vollmacht, und solltet Ihr an diesem Jasper irgend eine Verrätherei entdecken, so laßt ihn als Opfer der beleidigten Gerechtigkeit fallen.«

»Da er im Dienst der Krone ist, Euer Gnaden, so steht er unter dem Kriegsgericht –«

»Sehr wahr; dann legt ihn in Eisen vom Kopf bis zu den Füßen, und sendet ihn hieher, in seinem eigenen Kutter. Euer Schwager muß doch im Stande sein, den Weg wieder zurückzufinden, wenn er ihn einmal gemacht hat?«

»Ich zweifle nicht, Major Duncan, daß wir im Stande sein werden, Alles zu thun, was nöthig ist, wenn Jasper entfernt werden müßte, wie Sie zum Voraus anzunehmen scheinen – obgleich ich denke, ich könnte mein Leben an seine Treue setzen.«

»Eure Zuversicht gefällt mir – sie spricht für den Burschen; – aber der verwünschte Brief! Er hat so das Aussehen der Wahrheit an sich; nein, es ist so viel Wahres darin, was auf andere Gegenstände Bezug hat.« –

»Ich glaube, Euer Gnaden sagten, es fehle die Unterschrift des Namens; ein großes Versehen, wenn man da auf einen Ehrenmann schließen soll.«

»Ganz recht, Dunham, und nur ein Schurke, und obendrein ein feiger Schurke kann in Privatangelegenheiten einen anonymen Brief schreiben. Doch das ist im Kriege anders. Da werden Nachrichten fingirt, und List ist immer zu rechtfertigen.«

»Eine männliche Kriegslist, Sir, wenn Sie so wollen; Hinterhalte, Überraschungen, fingirte Angriffe und auch noch Spionen; aber nie habe ich gehört, daß ein rechter Soldat den Charakter eines ehrenhaften jungen Mannes durch derartige Mittel zu untergraben beabsichtigt hätte.«

»Ich habe in dem Lauf meiner Erfahrung manches ungewöhnliche Ereigniß erlebt und Manchen auf dem fahlen Pferde erwischt. Doch, lebt wohl, Sergeant; ich darf Euch nicht länger aufhalten. Ihr seid nun gewarnt, und ich empfehle Euch unermüdete Wachsamkeit. Ich glaube, Muir beabsichtigt, sich in Bälde zurückzuziehen, und wenn Ihr mit dieser Unternehmung gut zu Stande kommt, so will ich meinen ganzen Einfluß aufbieten, Euch an seine Stelle zu bringen, auf die Ihr so manche Ansprüche habt.«

»Ich danke Euer Gnaden unterthänig,« erwiederte der Sergeant ruhig, welcher schon seit zwanzig Jahren immer auf diese Weise ermuthigt worden war, »und ich hoffe, ich werde meiner Stellung nie Unehre machen, welche sie auch immer sein mag. Ich bin, was die Natur und Vorsehung aus mir gemacht hat, und ich hoffe zu Gott, daß ich mich nie über meinen Posten beklagt habe.« »Ihr habt doch die Haubitze nicht vergessen?«

»Jasper nahm sie diesen Morgen an Bord, Sir.«

»Seid vorsichtig, und traut diesem Manne nicht ohne Noth. Macht den Pfadfinder zu Eurem Vertrauten, er mag zu Entdeckung einer Verrätherei, die allenfalls im Werke sein könnte, beitragen. Seine ehrliche Einfalt wird seinen Beobachtungen Vorschub leisten, wenn er sie gehörig zu verbergen weiß. Er muß treu sein.«

»Für ihn, Sir, stehe ich mit meinem Kopfe ein, oder mit meinem Rang im Regiment. Ich habe ihn zu oft geprüft, um an ihm zu zweifeln.«

»Von allen peinigenden Gefühlen, Dunham, ist Mißtrauen da, wo man zum Vertrauen genöthigt ist, das peinlichste. Ihr habt doch darauf gedacht, daß es euch nicht an überzähligen Flintensteinen gebreche?«

»Ein Sergeant ist ein sicherer Besorger aller derartigen Einzelnheiten, Euer Gnaden.«

»Wohl! Nun, so gebt mir Eure Hand, Dunham. Gott segne Euch, und lasse es Euch wohl gelingen! Muir beabsichtigt, sich zurückzuziehen – doch, da wir gerade auf den kommen, laßt ihm gleiches Feld bei Eurer Tochter, denn dieß kann eine künftige Bewerkstelligung Eures Vorrückens erleichtern. Man wird sich mit einer Gefährtin, wie Mabel, lieber zurückziehen, als im freudelosen Wittwerstand, wo man nichts als sein Ich zu lieben hat, und noch dazu solch ein Ich, wie das Davids!«

»Ich hoffe, Sir, mein Kind wird eine kluge Wahl treffen, und denke, sie hat sich schon so ziemlich für den Pfadfinder entschieden. Doch sie soll freies Spiel haben, obgleich Ungehorsam ein Verbrechen ist, das der Meuterei am nächsten steht.«

»Untersucht und prüft den Kriegsbedarf sorgfältig, sobald Ihr ankommt; die Ausdünstung des See's könnte ihm schaden. Und nun noch einmal, lebt wohl, Sergeant. Gebt auf diesen Jasper Acht, und in irgend einer Schwierigkeit zieht den Muir zu Rath. Ich erwarte, daß Ihr heute über einen Monat siegreich zurückkehrt.«

»Gott segne Euer Gnaden!« Wenn mir Etwas zustoßen sollte, so verlasse ich mich auf Sie, Major Duncan, daß Sie Sorge tragen werden für die Ehre eines alten Soldaten.«

»Verlaßt Euch auf mich, Dunham – Ihr verlaßt Euch auf einen Freund. Seid wachsam, erinnert Euch, daß Ihr in dem Rachen des Löwen sein werdet; – doch nein, nicht einmal in dem Rachen des Löwen, sondern in dem eines verrätherischen Tigers, in seinem wahren Rachen, und außer dem Bereiche einer Unterstützung. Habt Ihr diesen Morgen die Flintensteine gezählt und untersucht? – Und nun, lebt wohl, Dunham, lebt wohl!«

Der Sergeant nahm die dargebotene Hand seines Oberen mit dem gehörigen Respekt, und endlich trennten sie sich. Lundie eilte in seine bewegliche Wohnung, während der Andere das Fort verließ, an's Ufer hinabging und ein Boot bestieg.

Duncan hatte nur die Wahrheit gesagt, als er von der peinigenden Eigenschaft des Mißtrauens sprach. Von allen Gefühlen des menschlichen Gemüthes ist dieses das trüglichste in seinen Wirkungen, das hinterlistigste in seiner Annäherung, und am schwersten von einer edlen Seele zu beherrschen. So lange der Zweifel da ist, erscheint Alles verdächtig. Wenn die Gedanken keine bestimmten Thatsachen haben, durch welche ihren Wanderungen ein Ziel gesetzt wird, so ist es, wenn einmal dem Argwohn Zutritt gestattet wurde, unmöglich, zu sagen, zu welchen Vermuthungen er leiten und wohin ihm die Leichtgläubigkeit folgen wird. Was vorher unbedenklich schien, gewinnt die Farbe der Schuld, sobald dieser unbequeme Miethsmann seinen Sitz in der Seele aufgeschlagen hat, und Nichts kann gesagt oder gethan werden, ohne daß es den Färbungen und Entstellungen des Mißtrauens und des Verdachtes unterworfen würde. Wenn dieß schon unter gewöhnlichen Umständen gilt, so wird es doppelt wahr, wenn es sich dabei um eine schwere Verantwortlichkeit handelt, an welcher Leben und Tod hängt, wie dieß bei einem militärischen Befehlshaber oder einem Geschäftsführer in irgend einer wichtigen politischen Angelegenheit der Fall ist. Man darf daher nicht glauben, daß Sergeant Dunham, nachdem er sich von seinem kommandirenden Offizier getrennt hatte, die erhaltenen Einschärfungen außer Acht ließ. Er hatte zwar im Allgemeinen von Jasper eine hohe Meinung; aber zwischen sein früheres Vertrauen und seine Dienstobliegenheiten hatte sich der Argwohn eingeschlichen, und da er nun fühlte, daß Alles von seiner Wachsamkeit abhänge, so kam er an der Seite des Scud in einer Gemüthsstimmung an, welche keinen verdächtigen Umstand unbeachtet, und keine ungewöhnliche Bewegung des jungen Schiffers vorbeigehen ließ, ohne daß ihm eine Erklärung abgefordert wurde. Diese Stimmung theilte sich seiner ganzen Betrachtungsweise der Dinge mit, und seine Vorsicht sowohl, als sein Mißtrauen, trugen das Gepräge der Gewohnheiten, Meinungen und der Erziehung des Mannes.

Der Anker des Scud wurde gelichtet, sobald man das Boot mit dem Sergeanten, welcher die letzt erwartete Person war, vom Ufer abstoßen sah, und man richtete das Vordertheil des Kutters mittelst der Ruder gegen Osten. Einige kräftige Schläge der Letzteren, wobei die Soldaten hülfreich an die Hand gingen, brachten das leichte Fahrzeug in gleiche Linie mit der nachwirkenden Strömung des Flusses, und so kam es wieder weiter vom Lande ab. Es war jetzt gänzliche Windstille, da der leichte Luftzug, welcher den Untergang der Sonne begleitete, wieder nachgelassen hatte.

Die ganze Zeit über herrschte eine ungewöhnliche Ruhe auf dem Kutter. Es schien, als fühlten die an Bord befindlichen Personen, daß sie in der Dunkelheit der Nacht auf ein Ungewisses Unternehmen ausgehen sollten: und die Wichtigkeit ihres Auftrags, die Stunde und die Art der Abfahrt verlieh ihren Bewegungen eine gewisse Feierlichkeit. Die Gefühle wurden noch durch die Vorschriften der Disciplin unterstützt. Die meisten schwiegen, und diejenigen, welche sprachen, thaten es selten und mit gedämpfter Stimme. In dieser Weise bewegte sich der Kutter langsam in den See hinaus, bis er dahin gelangte, wo die Strömung des Flusses aufhörte, und blieb dort in der Erwartung des gewöhnlichen Landwindes stehen. Eine halbe Stunde lang lag der Scud nun so bewegungslos, wie ein auf dem Wasser schwimmender Stamm. Obschon während der geringen Veränderungen, welche in der Lage des Schiffes vorgingen, eine allgemeine Ruhe herrschte, so blieb doch nicht alle Mittheilung unterdrückt: denn der Sergeant führte, nachdem er sich überzeugt hatte, daß seine Tochter und ihre Gefährtin sich auf der Schanze befanden, den Pfadfinder zu der Nebenkajüte, versicherte sich, daß kein Horcher in der Nähe sei, schloß die Thür mit großer Vorsicht und begann mit folgenden Worten:

»Es ist nun schon so manches Jahr, mein Freund, seit Ihr angefangen habt, die Beschwerlichkeiten und Gefahren der Wälder in meiner Gesellschaft zu versuchen.«

»Es ist so, Sergeant; ja, es ist so. Ich fürchte bisweilen, ich sei zu alt für Mabel, die noch nicht geboren war, als wir schon als Kameraden mit einander gegen die Franzosen fochten.«

»Seid deßhalb ohne Furcht, Pfadfinder. Ich war fast so alt, wie Ihr, als ich mein Auge auf ihre Mutter warf, und Mabel ist ein festes und verständiges Mädchen, die mehr den Charakter als etwas Anderes beachtet. Ein Bursche, wie Jasper Eau-douce zum Beispiel, würde kein Glück bei ihr machen, obgleich er jung und hübsch ist.«

»Denkt Jasper an's Heirathen?« fragte der Wegweiser mit ernster Einfalt.

»Ich hoffe nicht – wenigstens nicht, bis er jeden überzeugt hat, daß er wirklich geeignet sei, ein Weib zu besitzen.«

»Jasper ist ein braver Junge, und hat für sein Fach große Gaben. Er möchte wohl so gut als ein Anderer auf ein Weib Anspruch machen können.«

»Ich will offen gegen Euch sein, Pfadfinder; ich habe Euch hieher gebracht, um gerade wegen dieses jungen Burschen ein Wörtchen mit Euch zu sprechen. Major Duncan hat eine Mittheilung erhalten, welche ihm den Verdacht beibrachte, daß Jasper falsch sei, und in dem Solde des Feindes stehe. Ich wünsche Eure Meinung über diesen Gegenstand zu hören.«

»Wie?«

»Ich sage, der Major argwöhnt, Jasper sei ein Verräther, ein französischer Spion, oder, was noch schlimmer ist, erkauft, um uns auszuliefern. Er hat über diesen Umstand einen Brief erhalten und mich beauftragt, ein wachsames Auge auf alle Bewegungen des Jungen zu halten. Er fürchtet, daß wir mit den Feinden zusammentreffen werden, wenn wir's am wenigsten vermuthen, und zwar durch seine Veranstaltung.«

»Duncan of Lundie hat Euch dieß gesagt, Sergeant Dunham?«

»Ja, Pfadfinder; und obgleich ich nicht geneigt war, von Jaspern etwas so Schlimmes zu glauben, so regt sich in mir doch ein Gefühl, welches mir sagt, daß ich ihm nicht trauen dürfe. Glaubt Ihr an Ahnungen, Freund?«

»An was, Sergeant?«

»An Ahnungen, eine Art geheimen Vorgefühls zukünftiger Ereignisse. Die Schotten in unserm Regiment sind große Verfechter solcher Dinge, und meine Meinung von Jasper ist so entschieden verändert, daß ich zu fürchten anfange, es sei etwas Wahres in ihren Behauptungen.«

»Aber Ihr habt mit Duncan of Lundie über Jaspern gesprochen, und seine Worte haben in Euch Zweifel erregt.«

»Das ist's nicht, nicht im Mindesten; denn während ich mit dem Major sprach, dachte ich ganz anders, und ich gab mir alle Mühe, ihm zu beweisen, daß er dem Jungen Unrecht thue. Aber ich finde, es hilft nichts, sich gegen eine Ahnung zu sträuben, und ich fürchte, daß doch Etwas an dem Verdacht ist.«

»Ich weiß nichts von Ahnungen, Sergeant; aber ich habe Jaspern von seinen Knabenjahren an gekannt, und hege ein so großes Vertrauen zu seiner Ehrlichkeit, als zu meiner eigenen, oder selbst der des Serpent.«

»Aber der Serpent, Pfadfinder, hat seine Kniffe und Hinterhalte im Krieg, so gut, als ein Anderer.«

»Ja, sie sind seine natürlichen Gaben, und sind so, wie die seines Volkes. Weder eine Rothhaut, noch ein Blaßgesicht kann seine Natur verleugnen. Aber Chingachgook ist nicht der Mann, gegen den man eine Ahnung haben kann.«

»Ich glaube das, und ich würde noch diesen Morgen nicht übel von Jasper gedacht haben. Aber es scheint mir, Pfadfinder, seit diese Ahnung in mir aufgestiegen ist, als ob sich der Junge auf seinem Verdeck nicht mehr so natürlich rühre, wie er es sonst gewohnt ist. Er ist still, schwermüthig und gedankenvoll, wie ein Mann, der Etwas auf seinem Gewissen hat.«

»Jasper ist nie laut, und er sagt mir, daß geräuschvolle Schiffe im Allgemeinen übelgeführte Schiffe seien. Auch Meister Cap gibt dieß zu. Nein, nein, ich will nichts gegen Jasper glauben, bis ich es sehe. Schickt nach Eurem Schwager, Sergeant, und laßt uns ihn über die Sache befragen; denn mit dem Verdacht gegen einen Freund im Herzen zu schlafen, ist ein Schlaf mit Blei auf demselben. Ich habe keinen Glauben an Eure Ahnungen.«

Da der Sergeant hiegegen kaum Etwas einwerfen konnte, so fügte er sich darein, und Cap wurde aufgefordert, sich ihrer Berathung anzuschließen. Pfadfinder war gesammelter als sein Gefährte, und in der vollen Ueberzeugung von der Treue des angeschuldigten Theiles übernahm er das Geschäft des Sprechers.

»Wir haben Euch gebeten, zu uns herunter zu kommen, Meister Cap,« fing er an, »um Euch zu fragen, ob Ihr diesen Abend nicht etwas Ungewöhnliches in den Bewegungen des Eau-douce bemerkt habt?«

»Seine Bewegungen sind gewöhnlich genug für das frische Wasser, Meister Pfadfinder, obgleich wir das Meiste von seinem Verfahren unten an der Küste für unregelmäßig halten würden.«

»Ja, ja; wir wissen, daß Ihr nie mit dem Burschen über die Art, wie ein Kutter zu handhaben ist, einig werden könnt. Aber es ist etwas Anderes, worüber wir Eure Meinung hören möchten.«

Der Pfadfinder setzte nun Cap von dem Verdacht in Kenntniß, welchen der Sergeant gegen Jasper hegte, und gab ihm die Veranlassung dazu an, so weit Major Duncan sich darüber ausgesprochen hatte.

»Wie? – der Junge spricht Französisch?« fragte Cap.

»Man sagt, er spreche es besser, als es gewöhnlich gesprochen wird,« erwiederte der Sergeant mit Ernst, »Pfadfinder weiß, daß dieß wahr ist.«

»Ich kann nichts dagegen sagen, ich kann nichts dagegen sagen,« antwortete der Wegweiser; »wenigstens erzählt man sich so. Aber dieses würde nichts gegen einen Mississagua, geschweige gegen einen Menschen wie Jasper, beweisen. Ich spreche auch die Sprache der Mingo's, die ich gelernt habe, als ich ein Gefangener unter diesem Gewürm war; wer wird mich aber deßhalb für ihren Freund halten? Nicht, daß ich nach indianischen Begriffen ihr Feind wäre, obgleich ich zugebe, daß ich in den Augen der Christen ihr Feind bin.«

»Wohl, Pfadfinder; – aber Jasper hat sein Französisch nicht als Gefangener gelernt; er lernte es in seiner Kindheit, wo der Geist am empfänglichsten ist und leicht bleibende Eindrücke aufnimmt – wo die Natur ein Vorgefühl von dem Wege hat, welchen der Charakter wahrscheinlich später einschlagen wird.«

»Eine sehr wahre Bemerkung,« fügte Cap bei, »denn das ist diejenige Lebenszeit, wo wir Alle den Katechismus und andere moralische Lehren lernen. Die Bemerkung des Sergeanten zeigt, daß er die menschliche Natur kennt, und ich bin vollkommen seiner Ansicht. Es ist eine Heillosigkeit, daß so ein junger Bursche auf diesem Bischen Frischwasser da oben französisch kann. Wenn es noch unten auf dem atlantischen Meere wäre, wo ein Seemann bisweilen Gelegenheit hat, mit einem Lootsen oder Sprachgelehrten in dieser Sprache zu reden, so würde ich mir nicht so viel daraus machen, obschon wir immer – selbst da – einen Schiffsmaten mit Argwohn betrachten, wenn er zu viel davon versteht. Aber hier oben, auf dem Ontario, halte ich es für einen äußerst verdächtigen Umstand.«

»Aber Jasper muß mit den Leuten am andern Ufer französisch sprechen,« sagte Pfadfinder, »oder ganz schweigen, da man dort nur diese Sprache kennt.«

»Ihr wollt mir doch nicht weiß machen, Pfadfinder, daß dort drüben auf der entgegengesetzten Seite Frankreich liege?« rief Cap, indem er mit seinem Daumen über die Schulter weg gegen Canada hinwies. »Wie, soll auf der einen Seite dieses Frischwasserstreifens York, und auf der andern Frankreich liegen?«

»Ich will Euch nur sagen, daß hier York und dort Obercanada ist, und daß man auf dem Ersteren englisch, holländisch und indianisch, und auf dem Letzteren französisch und indianisch spricht. Selbst die Mingo's haben manche französische Worte in ihren Dialekt aufgenommen, wodurch er aber gerade nicht besser geworden ist.«

»Sehr wahr; – aber was für eine Art Leute sind diese Mingo's, mein Freund?« fragte der Sergeant, indem er Pfadfinders Schulter berührte, um seiner Bemerkung mehr Nachdruck zu geben, da die Wahrheit derselben sichtlich ihre Bedeutung in den Augen des Sprechers steigerte: »Niemand kennt sie besser, als Ihr, und ich frage Euch, was ist's für ein Menschenschlag?«

»Jasper ist kein Mingo, Sergeant.«

»Er spricht französisch, und könnte deßhalb eben so gut einer sein. Bruder Cap, kannst du dich nicht auf irgend eine Bewegung in der Führung seines Berufs besinnen, die auf eine Verrätherei hindeuten könnte?«

»Nicht bestimmt, Sergeant, obgleich er die halbe Zeit über das Hinterste zuvorderst angegriffen hat. Es ist wahr, daß Einer seiner Handlanger ein Tau gegen die Sonne ausgeschlagen hat, was er, als ich ihn um den Grund fragte, ein Thau querlen nannte; aber ich weiß nicht, was er damit meinte, obgleich ich sagen darf, daß die Franzosen die Hälfte ihres laufenden Tauwerks, unrecht aufschlagen, und es deßhalb vielleicht auch Querlen nennen. Dann splißte Jasper selbst das Ende der Klüverfallen mit den Fußstöcken des Tauwerks, anstatt sie an den Mast anzubringen, wohin sie, wenigstens nach dem Urtheil brittischer Seeleute, gehören.«

»Es ist wohl möglich, daß Jasper, der sich so viel auf der andern Seite des See's aufgehalten, bei Behandlung seines Fahrzeugs einige von den canadischen Begriffen aufgenommen hat,« warf Pfadfinder ein; »aber das Aufgreifen eines Gedankens oder eines Wortes ist weder Verrätherei noch Treulosigkeit. Ich habe bisweilen selbst von den Mingo's eine Idee aufgefangen, und doch war mein Herz immer bei den Delawaren. Nein, nein, Jasper ist treu, und der König könnte ihm seine Krone anvertrauen, eben so gut wie seinem ältesten Sohne, der, da er sie eines Tages tragen soll, gewiß der Letzte sein wird, der sie ihm stehlen möchte.«

»Schöne Reden, schöne Reden!« sagte Cap, welcher sich erhob, um durch das Kajütenfenster zu spucken, wie es bei Leuten gewöhnlich ist; wenn sie die ganze Macht ihrer moralischen Ueberlegenheit fühlen und dabei zufällig Tabak kauen. »Nichts als schöne Reden, aber v– –t wenig Logik. Einmal kann des Königs Majestät seine Krone nicht herleihen, da dieses gegen die Gesetze des Reichs ist, welchen zufolge er sie immer tragen muß, damit man seine geheiligte Person erkenne, wie auch der Sheriff auf der See stets das silberne Ruder bei sich führen muß. Dann ist es nach den Gesetzen Hochverrath, wenn Seiner Majestät ältester Sohn nach der Krone trachtet oder ein Kind erzeugt, es sei denn in einer gesetzlichen Ehe, da dadurch die Nachfolge in Unordnung kommen würde. Ihr könnt also daraus sehen, Freund Pfadfinder, daß man, wenn man richtig räsonniren will, die richtigen Segel beisetzen muß. Gesetz ist Vernunft, und Vernunft ist Philosophie, und Philosophie ist ein beständiges vor Anker treiben; woraus denn folgt, daß die Kronen durch Gesetz, Vernunft und Philosophie geregelt werden.«

»Ich verstehe wenig von all' Diesem, Meister Cap; aber nichts soll mich veranlassen, Jasper Western für einen Verräther zu halten, bis ich mich durch meine eigenen Augen und Ohren überzeugt habe.«

»Da habt Ihr wieder Unrecht, Pfadfinder, denn es gibt einen Weg, eine Sache viel folgerichtiger zu prüfen, als durch Sehen und Hören, oder Beides zusammen, und das ist der Indizienbeweis.«

»So mag es in den Ansiedelungen sein, aber nicht hier an der Gränze.«

»Er liegt in der Natur, und diese herrscht überall gleich. So ist, Euren Sinnen zufolge, Jasper Eau-douce in diesem Augenblicke auf dem Verdecke, und Jeder, der dahinauf geht, kann sich durch seine Augen und seine Ohren davon überzeugen. Sollte sich's aber nachher herausstellen, daß in diesem nämlichen Augenblicke den Franzosen eine Mittheilung gemacht wurde, die nur von Jaspern ausgehen konnte, warum sollten wir uns nicht zu der Annahme verpflichtet fühlen, daß das Indiz wahr ist, und daß uns unsere Sinne getäuscht haben? Jeder Rechtsgelehrte wird Euch das Nämliche sagen.«

»Das ist kaum richtig,« sagte Pfadfinder; »auch ist es nicht möglich, da es aller Wahrscheinlichkeit widerspricht.«

»Es ist noch viel mehr als möglich, mein würdiger Wegweiser; es ist Gesetz, ein unbedingtes Gesetz des Königreichs, und als solches verlangt es Achtung und Gehorsam. Ich würde meinen eigenen Bruder auf ein solches Zeugniß hin hängen, ohne weitere Rücksicht auf die Familie zu nehmen, Sergeant.«

»Gott weiß, wie weit dies Alles auf Jasper anwendbar ist, Pfadfinder, obgleich ich glaube, daß Meister Cap, was das Gesetz anbelangt, Recht hat; denn bei solchen Gelegenheiten haben Indizien eine weit größere Bedeutung, als die Sinne. Wir müssen sehr auf unserer Hut sein, und dürfen nichts Verdächtiges übersehen.«

»Ich erinnere mich nun,« fuhr Cap fort, indem er sich wieder des Fensters bediente, »daß, gerade als wir diesen Abend an Bord kamen, ein Indiz stattfand, das äußerst verdächtig ist, und recht wohl einen neuen Punkt gegen diesen jungen Menschen abgeben mag. Jasper befestigte des Königs Flagge mit eigenen Händen, und während er sich das Ansehen gab, als blicke er auf Mabel und das Soldatenweib, und die Anweisung ertheilte, sie da herunterzuführen und ihnen Alles zu zeigen, zog er die Flagge der Union nieder.«

»Das kann ein Zufall gewesen sein,« erwiederte der Sergeant, »denn etwas Derartiges ist mir selbst schon begegnet; zudem führen die Fallen zu einem Flaschenzug, und die Flagge muß recht oder unrecht kommen, je nachdem der Junge sie ausgehißt hatte.«

»Ein Flaschenzug?« rief Cap mit Unwillen, »ich wünschte, Sergeant, ich könnte dich dahin bringen, dich der geeigneten Ausdrücke zu bedienen. Ein Flaggenfallblock ist eben so wenig ein Flaschenzug, als deine Hellebarde ein Enterhaken. Es ist zwar wahr, wenn man an dem kleinen Theile zieht, so muß der andere in die Höhe gehen, aber da Ihr mir einmal Euern Verdacht mitgetheilt habt, so betrachte ich die Geschichte mit der Flagge als ein Indiz, das ich nicht außer Acht lassen will. Ich denke übrigens, daß das Abendessen nicht vergessen worden ist, und wenn der ganze Raum voll Verräther wäre.«

»Es wird dafür gehörige Sorge getragen sein, Bruder Cap; aber ich rechne auf deinen Beistand bezüglich der Führung des Scuds, wenn Etwas vorfallen sollte, was zu Jaspers Verhaftung Anlaß gäbe.«

»Ich werde dich nicht verlassen, Sergeant; und in diesem Falle kannst du wahrscheinlich lernen, was der Kutter wirklich zu leisten vermag, denn bis jetzt, meine ich, müßte man das mehr errathen.«

»Wohl, was mich anbelangt,« sagte Pfadfinder mit einem tiefen Seufzer, »so will ich die Hoffnung auf Jaspers Unschuld festhalten und empfehle ein offenes Verfahren, indem man den Jungen ohne weiteren Verzug selbst fragt, ob er ein Verräther sei oder nicht. Ich setze auf Jasper mein Vertrauen, trotz allen Ahnungen und Indiz in der Kolonie.«

»Das geht nicht,« erwiederte der Sergeant. »Die Verantwortlichkeit dieses Geschäftes liegt auf mir, und ich bitte und befehle, daß gegen Niemanden ohne mein Vorwissen irgend Etwas verlaute. Wir wollen Alle ein wachsames Auge haben und auf die Indizien geeignete Rücksicht nehmen.«

»Ja, ja! die Indizien sind im Grunde die Hauptsache,« erwiederte Cap. »Ein einziges Indiz gilt für fünfzig Thatsachen. Dieß ist, so viel ich weiß, das Gesetz des Königreichs. Mancher ist schon auf Indizien hin gehenkt worden.«

Die Besprechung war nun zu Ende, und nach einer kurzen Zögerung kehrten sie auf das Verdeck zurück, wobei Jeder in der Absicht, das Betragen des verdächtigen Jasper zu beobachten, der seinen Gewohnheiten und seinem Charakter angemessenen Weise folgte.

 << Kapitel 14  Kapitel 16 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.