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Der Pfadfinder oder Das Binnenmeer

James Fenimore Cooper: Der Pfadfinder oder Das Binnenmeer - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Pfadfinder
publisherHoffmann'sche Verlags Buchhandlung.
printrunNeue unveränderte Auflage
year1869
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141112
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Zwölftes Kapitel

Siehst du bei dem bewährten Strome nicht
Dort jene Masse an dem Damme dunkeln;
Indeß die Sterne mit erstorb'nem Licht
Kaum durch das dumpfe Nebeldüster funkeln?

Byron.

 

Einige Stunden später stand Mabel in tiefe Gedanken versunken auf dem Bollwerke, von dem aus man den Fluß und den See übersehen konnte. Der Abend war ruhig und sanft, und es hatte sich die Frage aufgeworfen, ob die Mannschaft wegen der gänzlichen Windstille diese Nacht abfahren könne, oder nicht. Die Waffen und Mundvorräthe waren bereits eingeschifft und auch Mabels Effekten an Bord; aber die kleine Anzahl Leute, welche mitsegeln sollten, waren noch am Ufer, und es hatte nicht das Aussehen, als ob der Kutter sich auf den Weg machen werde. Da Jasper den Scud aus der Bay stromaufwärts gewunden hatte, um nach Belieben die Mündung des Flusses passiren zu können, so blieb das Fahrzeug dort ruhig vor einem einzelnen Anker liegen, indeß die gezogene Mannschaft müßig am Ufer der Bay hin und her ging, ohne zu wissen, ob es überhaupt zur Abfahrt kommen werde.

Die Belustigungen des Morgens hatten eine Ruhe in der Garnison zurückgelassen, welche mit der Schönheit des gegenwärtigen Schauspiels im Einklange war, und Mabel fühlte den Einfluß derselben auf ihre Gefühle, obgleich sie wahrscheinlich zu wenig gewöhnt war, über solche Empfindungen nachzusinnen, um den Grund derselben zu bemerken. Alles in der Nähe erschien lieblich und mild, während die feierliche Größe der schweigenden Wälder und die sanfte Fläche des See's das Gepräge einer Erhabenheit trugen, die man bei andern Scenen wohl vergebens gesucht haben würde. Das erste Mal fühlte Mabel den Einfluß, welchen die Städte und die Civilisation auf ihre Gewohnheiten geübt hatten, merklich geschwächt, und ihr warmes Herz fing an zu glauben, daß ein Leben unter den sie umgebenden Verhältnissen wohl ein glückliches sein könnte. Wie weit jedoch die Erfahrung der letzten zehn Tage dieser ruhigen und heiligen Abendstunde zu Hülfe kam und zur Bildung dieser jungen Ueberzeugung beitrug, das mag in diesem frühen Abschnitte unserer Erzählung eher vermuthet als behauptet werden.

»Ein herrlicher Sonnenuntergang, Mabel,« sagte die kräftige Stimme ihres Onkels so dicht an ihrem Ohre, daß unsere Heldin davor zurückfuhr – »ein herrlicher Sonnenuntergang! Mädchen, was das Frischwasser betrifft, obgleich wir auf dem Meere nur wenig davon halten würden.«

»Ist nicht die Natur dieselbe, am Lande oder auf dem Meere, auf einem See, wie dieser, oder dem Ocean? Scheint die Sonne nicht überall gleich, lieber Onkel? und müssen wir nicht mit innigem Danke die Segnungen der Vorsehung erkennen, an dieser entfernten Gränze so gut, als in unserm Manhattan?«

»Das Mädchen ist über einige von ihrer Mutter Büchern gekommen – obgleich ich gedacht hätte, der Sergeant würde kaum einen zweiten Marsch mit solchem Plunder unter seiner Bagage machen. Ist nicht die Natur dieselbe – in der That! Wie, Mabel, bildest du dir etwa ein, daß die Natur eines Soldaten dieselbe sei, wie die eines Seemannes? Du hast Verwandte in diesen beiden Geschäftszweigen, und mußt mir antworten können.«

»Aber, Onkel, ich meine die menschliche Natur –«

»Ja, gerade die mein' ich, Mädchen; die menschliche Natur eines Seemannes und die menschliche Natur eines dieser Bursche vom Fünfundfünfzigsten, selbst deinen eigenen Vater nicht ausgenommen. Da haben sie heute ein Wett-Ziel-Scheibenschießen, wie ich es nennen möchte, gehalten, und was für ein ganz anderes Ding ist das gewesen als ein Scheibenfeuer auf dem Meere. Da hätten wir unsere Breitseite springen und die Kugeln spielen lassen auf einen Gegenstand, eine halbe Meile in der größten Nähe entfernt. Und die Kartoffeln? – wenn etwa eine an Bord sich verirrt hätte, was aber wahrscheinlich nicht der Fall gewesen wäre, die wäre wohl in des Kochs Kupferkessel geblieben. Es mag ein ehrenwerther Beruf sein, der eines Soldaten, Mabel; aber ein erfahrner Kerl sieht viele Thorheiten und Schwächen in einem gewissen Fort. Was das Bischen See da anbelangt, so weißt du bereits, was ich davon denke, und ich will nichts verachten. Kein rechter Seefahrer verachtet etwas! aber ich will v – – sein, wenn ich diesen Ontario da, wie sie ihn nennen, anders betrachte, als so viel Wasser in einer Schiffslukenrinne. Nun sieh' einmal, Mabel, wenn du den Unterschied zwischen dem Ocean und einem See kennen lernen willst, so kann ich dir das auf einen einzigen Blick begreiflich machen. Dieß ist, was man einen Kalm Windstille nennen könnte, denn du siehst, daß kein Wind da ist, obgleich ich, die Wahrheit zu gestehen, nicht glaube, daß dieser Kalm so ruhig ist als die, welche wir draußen haben –«

»Onkel, es weht ja kein Lüftchen. Die Blätter können unmöglich noch unbeweglicher sein, als sie es in diesem Augenblicke durch den ganzen Forst sind.«

»Blätter! was sind Blätter, Kind? Es gibt keine Blätter auf dem Meere. Wenn du wissen willst, ob ein todter Kalm da ist oder nicht, so zünde ein gegossenes Licht an – die gezogenen flackern zu viel – und dann kannst du gewiß wissen, ob ein Wind da ist, oder keiner. Wenn du in einer Breite wärest, wo die Luft so still ist, daß es dir schwer würde, sie sogar durch deine Athemzüge zu stören, so könntest du dir einen Begriff von einem Kalm machen. In den Kalmbreiten können die Leute nur ganz kurz Athem holen. Nun, sieh einmal wieder auf dieses Wasser. Es ist wie Milch in der Pfanne, mit nicht mehr Bewegung, als in einem vollen Faß, ehe der Spund gesprungen ist. Auf dem Meere ist das Wasser nie still, mag die Luft so ruhig sein, als sie will.«

»Das Wasser auf dem Meere ist nie still, Onkel Cap, nicht einmal bei einer Windstille?«

»Gewiß nicht, mein Kind. Das Meer athmet wie ein lebendiges Wesen, und sein Busen hebt sich immer, wie die Versemacher es nennen, wenn auch gleich nicht mehr Luft da ist, als man etwa in einem Heber finden kann. Niemand hat je das Meer so still, wie diesen See gesehen; es hebt sich und senkt sich, als ob es Lungen hätte.«

»Aber auch dieser See ist nicht ganz ruhig, denn dort bemerkt Ihr den leichten Wellenschlag am Ufer, und zeitweise könnt Ihr auch die Brandung hören, die sich an den Felsen bricht.«

»Alles v– –e Dichterei. Man kann, wenn man will, eben so gut eine Wasserblase einen Wellenschlag, und eine Deckenwäsche eine Brandung nennen. Nein, der Ontario-See ist gegen das Atlantische Meer nichts weiter, als was ein Fischerkahn gegen ein Kriegsschiff ersten Ranges. Uebrigens der Jasper da, das ist ein ordentlicher Bursche, und fehlt ihm nichts, als Unterricht, um einen Mann aus ihm zu machen.«

»Ihr haltet ihn für unwissend, Onkel,« erwiederte Mabel, indem sie ihre Locken zurecht machte, wobei sie, sei es weil sie es mußte, oder weil sie es zu müssen glaubte, ihr Gesicht abwandte.

»Mir scheint Jasper Eau-douce mehr zu wissen, als die meisten jungen Leute seiner Klasse. Er hat zwar wenig gelesen, denn Bücher sind nicht sehr häufig in dieser Gegend der Welt; aber er hat, wenigstens scheint es mir so, viel gedacht für einen so jungen Menschen.«

»Er ist unwissend, er ist unwissend, wie es nothwendig Alle sein müssen, die auf einem solchen Binnenwasser segeln. Es ist zwar wahr, er kann einen flachen Knopf machen und einen Timmerstich, aber er hat so wenig einen Begriff von dem Schauermanns-Knopf und dem Rahband-Knopf, als du von dem Verrotten eines Ankers. Doch, Mabel, wir Beide sind dem Jasper und dem Pfadfinder in Etwas verpflichtet; und ich habe daran gedacht, wie ich ihnen am besten einen Dienst erweisen kann; denn ich halte die Undankbarkeit für das Laster eines Schweins. Einige Leute sagen, sie sei das Laster eines Königs, aber ich sage, sie ist das eines Schweines; denn bewirthe es mit deinem eigenen Mittagsmahl, so wird es dich zum Dessert verspeisen.«

»Sehr wahr, lieber Onkel! Wir müssen auch in der That thun, was wir können, um diesen beiden braven Männern für die geleisteten Dienste unseren Dank auszudrücken.«

»Gesprochen wie deiner Mutter Tochter, Mädchen, und auf eine Art, welche der Cap'schen Familie Ehre macht. Nun, es ist mir da ein Gegendienst eingefallen, der alle Parteien zufrieden stellen wird, und sobald wir von dieser kleinen Expedition an dem See da drunten, wo die tausend Inseln sind, zurückgekommen und ich mich zu der Heimreise anschicke, so ist es meine Absicht, ihnen denselben vorzuschlagen.«

»Liebster Onkel, das ist recht vernünftig und billig von Euch. Darf ich fragen, was Eure Absichten sind?«

»Ich sehe keinen Grund, warum ich sie gegen dich geheim halten soll; nur ist es nicht gerade nöthig, daß du deinem Vater etwas davon sagst, denn der Sergeant hat seine Vorurtheile, und könnte Schwierigkeiten in den Weg legen. Weder aus Jaspern noch aus seinem Freund Pfadfinder kann hier herum etwas werden, und ich will ihnen daher den Vorschlag machen, sie mit mir an die Küste und an Bord zu nehmen. Jasper würde sich in vierzehn Tagen in die Oceansschuhe finden, und eine Reise von zwölf Monaten würde einen ganzen Mann aus ihm machen. Der Pfadfinder würde freilich mehr Zeit brauchen, oder vielleicht nie ganz tauglich werden; doch könnte man auch etwas aus ihm machen, einen Ausluger etwa, weil er so ungewöhnlich gute Augen hat.«

»Onkel, glaubt Ihr wohl, daß sie mit Euch gleiche Ansichten haben werden?« sagte das Mädchen lächelnd.

»Müßte ich sie nicht für Tröpfe halten? Welches vernünftige Wesen wird sein Weiterkommen vernachlässigen? Wenn Jasper diesen Weg verfolgt, so kann er noch als der Herr irgend eines Schiffes mit langen Raaen absterben.«

»Und würde er darum glücklicher sein, lieber Onkel? Um wie viel ist denn der Herr eines Schiffes mit langen Raaen besser, als der eines Fahrzeugs mit kurzen?«

»Pah, pah! Magnet; du bist gerade geeignet, vor irgend einer hysterischen Gesellschaft Vorlesungen über Schiffe zu halten, denn du weißt nicht einmal, von was du sprichst. Ueberlaß diese Dinge mir, und sie werden besser ausfallen. Ah! da ist der Pfadfinder selbst. Ich möchte ihm wohl so einen kleinen Wink über meine wohlwollenden Gesinnungen gegen ihn hinwerfen. Hoffnung ist ein mächtiger Hebel für unsere Thätigkeit.«

Cap nickte mit dem Kopf und beendigte seine Rede, als der Jäger näher kam. Dieses geschah jedoch nicht mit seiner gewöhnlichen, freien, leichten Manier, sondern mehr in einer Weise, welche andeutete, daß er etwas verwirrt, wo nicht mißtrauisch wegen der Art seines Empfanges war.

»Onkel und Nichte bilden eine Familienpartie,« sagte der Pfadfinder als er Beiden nahe stand, »und ein Fremder möchte wohl nicht der willkommenste Gesellschafter sein.

»Ihr seid kein Fremder, Meister Pfadfinder,« erwiederte Cap »und Niemand kann willkommener sein, als Ihr. Wir sprachen diesen Augenblick von Euch, und wenn Freunde von einem Abwesenden sprachen, so kann er den Inhalt ihrer Worte errathen.«

»Ich frage nicht nach Geheimnissen, nein. Jeder Mensch hat seine Feinde, und ich habe die meinigen, obgleich ich weder Euch, Meister Cap, noch die liebliche Mabel hier unter ihre Zahl rechne. Was die Mingo's anbelangt, so will ich davon schweigen, obschon sie keine gerechte Ursache haben, mich zu hassen.«

»Dafür will ich einstehen, Pfadfinder, denn ich betrachte Euch für ein gutgesinntes und aufrichtiges Wesen. Doch gibt es eine Methode, wie Ihr der Feindschaft gerade dieser Mingo's entgehen könnt: und wenn Ihr Euch entschließen könntet, sie zu ergreifen, so würde Niemand geneigter sein, sie Euch mitzutheilen, als ich, ohne daß mein Rath gerade maßgebend sein soll.«

»Ich wünsche keine Feinde, Salzwasser,« – denn so fing Pfadfinder an, Cap zu nennen, indem er unwillkürlich den Namen, welcher Letzterem von den Indianern in und außer dem Fort gegeben wurde, adoptirt hatte; – »ich wünsche keine Feinde, und wäre bereit, die Axt sowohl mit den Mingo's als mit den Franzosen zu vergraben; aber Ihr wißt wohl, daß es von einem größeren, als wir sind, abhängt, die Herzen so zu lenken, daß ein Mensch ohne Feinde bleibt.«

»Wenn Ihr Euern Anker lichtet, und mich an die Küsten hinab begleitet, Freund Pfadfinder, sobald wir von dem kurzen Kreuzzug, zu dem wir uns anheischig gemacht haben, zurückkehren, so werdet Ihr Euch außer dem Bereich des Kriegsgeschreies und sicher genug vor einer indianischen Kugel befinden.«

»Und was sollte ich an dem Salzwasser thun? Jagen in Euren Städten? Die Fährten der Leute, welche auf den Markt hin und wieder zurückgehen, verfolgen, und gegen Hunde und Hühner in dem Hinterhalt liegen? Ihr seid kein Freund meines Glückes, Meister Cap, wenn Ihr mich dem Schatten der Wälder entführen und in die Sonne des gelichteten Landes setzen wollt.«

»Mein Vorschlag geht nicht dahin, Euch in den Ansiedelungen zu lassen, sondern Euch auf's Meer hinauszuführen, wo man allein sagen kann, daß man frei Athem schöpfe. Mabel kann mir's bezeugen, daß das meine Absicht war, ehe ich Euch noch ein Wort über diesen Gegenstand mittheilte.«

»Und was denkt Mabel wohl, daß bei einem solchen Tausch herauskomme? Sie weiß, daß der Mensch seine Gaben hat, und daß es eben so nutzlos ist, denen eines Andern nachzustreben, als denen, welche von der Vorsehung kommen, zu widerstehen. Ich bin ein Jäger und Kundschafter, oder ein Wegweiser, Salzwasser, und es liegt nicht in mir, dem Himmel Trotz zu bieten und etwas Anderes werden zu wollen. Habe ich recht, Mabel, oder sind Sie so sehr Weib, daß Sie eine Natur verändert sehen möchten?«

»Ich möchte keinen Wechsel in Euch sehen, Pfadfinder,« erwiederte Mabel mit einer herzlichen Aufrichtigkeit und Freimüthigkeit, welche des Jägers Herz traf; »und so sehr mein Onkel das Meer bewundert, und so groß auch das Gute sein mag, das wir nach seiner Meinung demselben verdanken, so wünschte ich doch den besten und edelsten Jäger der Wälder nicht einmal in einen Admiral verwandelt zu sehen. Bleibet, was Ihr seid, mein wackerer Freund, und Ihr braucht nichts zu fürchten, als den Zorn Gottes.«

»Hört Ihr's, Salzwasser? Hört Ihr, was des Sergeanten Tochter sagt, und sie ist viel zu aufrichtig, zu edelsinnig und anmuthig, um anders zu denken, als sie spricht. So lange sie mit mir zufrieden ist, wie ich bin, werde ich gewiß nicht den Gaben der Vorsehung Trotz bieten, und etwas Anderes zu werden streben. Ich mag in der Garnison unnütz scheinen; aber wenn wir nach den Tausend-Inseln hinunter kommen, so gibt es vielleicht Gelegenheit, zu beweisen, daß eine sichere Büchse bisweilen eine wahre Gottesschickung ist.«

»So seid Ihr also auch von unserer Partie,« sagte Mabel, indem sie dem Wegweiser so freimüthig und stolz zulächelte, daß er ihr bis an's Ende der Erde gefolgt wäre. »Ich werde, mit Ausnahme einer Soldatenfrau, das einzige Frauenzimmer sein, und mich um so sicherer fühlen, Pfadfinder, da Ihr unter unsern Beschützern sein werdet.«

»Sie würden unter des Sergeanten Schutz sicher genug sein, auch wenn Sie nicht seine Verwandte wären. Alles wird auf Sie Bedacht nehmen. Ich denke, auch Ihr Onkel hier wird an einer derartigen Expedition Vergnügen finden, wenn es an ein Segeln geht, und sich ein Blick auf das Binnenmeer werfen läßt?«

»Euer Binnenmeer ist von keinem Belang, Meister Pfadfinder, und ich erwarte nichts von ihm. Doch gebe ich zu, daß es mir angenehm sein würde, den Zweck dieses Kreuzzuges kennen zu lernen. Man will nicht gerade müßig sein, und mein Schwager, der Sergeant, ist so verschlossen wie ein Freimaurer. Weißt du, Mabel, was alles Dieses bedeutet?«

»Nicht im mindesten, Onkel. Ich darf meinen Vater um nichts fragen, was mit seinem Dienst in Verbindung steht, da er diesen für kein Geschäft der Weiber betrachtet. Alles, was ich sagen kann, ist, daß wir absegeln werden, sobald es der Wind gestattet, und daß wir einen Monat ausbleiben sollen.«

»Vielleicht kann uns Meister Pfadfinder einen nützlichen Wink geben, denn eine Reise ohne Zweck ist nie besonders belustigend für einen alten Seemann.«

»Es ist kein großes Geheimniß, Salzwasser, was unsern Hafen und unsern Zweck anbelangt, obgleich es verboten ist, in der Garnison viel davon zu reden. Doch ich bin kein Soldat, und kann meine Zunge nach Gefallen brauchen, obgleich ich sie, wie ich hoffe, so wenig als ein Anderer zu einem eiteln Geschwätz benütze. Da wir aber so bald absegeln, und wir Beide von der Partie sein werden, so kann ich wohl sagen, wo es hingeht. Ich setze voraus. daß Ihr wißt, es gebe solche Dinger, wie die Tausend-Inseln, Meister Cap?«

»Ja, was man hier herum so nennt, obgleich ich es für ausgemacht halte, daß es keine wirklichen Inseln, nämlich solche, wie wir sie auf dem Meere treffen, sind; und daß man unter den Tausenden etwa zwei oder drei versteht, wie das auch bei den Getödteten und Verwundeten nach einer großen Schlacht zu geschehen pflegt.«

»Meine Augen sind gut, und doch haben sie mir oft versagt, wenn ich es versuchte, diese wirklichen Inseln zu zählen.«

Ja, ja, ich habe Leute gekannt, die nicht über eine gewisse Zahl zählen konnten. So ein rechter Landvogel kennt nicht einmal sein eigenes Nest, wenn er es von der See aus anthun muß, und das sollte doch wohl ein Jeder kennen. Wie vielmal habe ich die Küste, und Häuser, und Kirchen gesehen, wo die Passagiere noch lange nichts Anderes als Wasser erblickten. Ich kann mir gar keine Idee davon machen, wie man auf dem frischen Wasser nur überhaupt das Land aus dem Gesicht kriegen kann. Die Sache scheint mir ganz unvernünftig, ganz unmöglich.«

»Ihr kennt die Seen nicht, Meister Cap, sonst würdet Ihr das nicht sagen. Ehe wir noch zu den Tausend-Inseln kommen, werdet Ihr andere Begriffe von dem erhalten, was die Natur in dieser Wildniß gethan hat.

»Ich habe meine Zweifel, ob Ihr so ein Ding, wie eine wirkliche Insel, in dieser ganzen Gegend habt. Nach meinen Begriffen kann das frische Wasser gar keine ächte und gerechte Insel machen – nicht das, was ich eine Insel nenne.«

»Wir können Euch Hunderte davon zeigen. Wenn es auch nicht grade Tausend sind, so sind es doch so viele, daß das Auge nicht alle sehen, und die Zunge nicht alle zählen kann.«

»Und was für eine Art von Dingen mag das sein?«

»Land, welches rund umher mit Wasser umgeben ist.«

»Gut; aber was für eine Art Land, und was für eine Art Wasser? Ich wette, daß sie, wenn man die Wahrheit wüßte, zu nichts als Halbinseln, oder Vorgebirgen, oder Theilen des Festlandes würden, obgleich das, wie ich wohl sagen darf, Sachen sind, von denen Ihr wenig oder nichts versteht. – Aber Inseln, oder nicht Inseln, was ist der Zweck des Kreuzzugs, Pfadfinder?«

»Nun, da Ihr des Sergeanten Schwager seid und die artige Mabel hier seine Tochter ist, überhaupt auch wir Alle von der Partie sein werden, so kann es nichts schaden, wenn ich Euch ein Bischen einen Begriff von dem beibringe, was wir vorhaben. Da Ihr ein alter Seemann seid, Meister Cap, so habt Ihr ohne Zweifel von so einem Hafen wie Frontenac gehört?«

»Wer sollte nicht? Ich will nicht gerade sagen, daß ich in dem Hafen selbst, aber doch oft auf der Höhe dieses Platzes gewesen bin.«

»So steht es Euch bevor, einen bekannten Boden zu betreten, obgleich ich nicht verstehe, wie Ihr vom Ocean aus dahin kommen konntet. Diese großen Seen bilden, wie Ihr wissen müßt, eine Kette, und das Wasser fließt aus dem einen in den andern, bis es den Erie-See erreicht, der von hier aus gegen Westen liegt, und eben so groß ist, als der Ontario selbst. Aus dem Erie-See kommt nun das Wasser, bis es so eine Art niederen Bergrand erreicht, über den es weggeht –«

»Ich möchte doch wissen, wie zum Teufel, das geschehen kann?«

»Leicht genug, Meister Cap,« erwiederte Pfadfinder lachend, »denn es darf nur über den Hügel hinunterfallen. Hätt' ich gesagt, daß es das Gebirg hinan gehe, so wäre das gegen die Natur gewesen; aber wir halten es für nichts Besonderes, daß das Wasser einen Berg hinunter stürzt – ich meine nämlich das frische Wasser.«

»Ja, ja; aber Ihr sprecht von Wasser, das von einem See an der Seite des Gebirgs herabkommt. Das heißt ja geradezu, der Vernunft gegen den Stachel lecken, wenn anders die Vernunft einen Stachel hat.«

»Nun, nun, wir wollen über diesen Punkt nicht streiten; aber was ich gesehen habe, habe ich gesehen. Ob die Vernunft einen Stachel hat, kann ich nicht sagen, aber das Gewissen hat einen, und dazu einen scharfen. Wenn das Wasser aller dieser Seen in den Ontario gelangt ist, so fließt es durch einen Fluß nach dem Meere ab, und in der Enge, wo die Wassermasse weder als Fluß, noch als See betrachtet werden kann, liegen die besprochenen Inseln. Frontenac ist ein über diesen Inseln gelegener Posten der Franzosen. Letztere haben weiter unten eine Garnison, und so können sie ihre Mund- und Waffenvorräthe flußaufwärts nach Frontenac bringen, und dieselben längs der Ufer dieses und der andern Seen weiter schaffen, um den Feind in Stand zu setzen, seine Teufeleien unter den Wilden zu spielen, und christliche Kopfhäute zu gewinnen.«

»Und wird unsere Gegenwart einem solch' schrecklichen Treiben vorbeugen können?« fragte Mabel mit Theilnahme.

»Vielleicht, vielleicht auch nicht, wie es die Vorsehung will. Lundie, wie man ihn nennt, der diese Garnison kommandirt, sandte Mannschaft aus, um auf einer dieser Inseln Posto zu fassen und einige der französischen Boote abzuschneiden. Unsere Expedition ist nun die zweite Ablösung. Sie haben bis jetzt noch wenig gethan, obgleich sie zwei mit indianischen Gütern beladene Kähne genommen haben. Aber in der letzten Woche kam ein Bote, und brachte solche Zeitungen, daß der Major jetzt damit umgeht, die letzte Anstrengung zu machen, die Schurken zu überlisten. Jasper kennt den Weg, und wir werden in guten Händen sein, denn der Sergeant ist klug, zumalen in einem Hinterhalt! ja, er ist Beides, klug und rasch.«

»Ist das Alles?« sagte Cap verächtlich. »Aus den Vorbereitungen und Zurüstungen dachte ich mir, wir hätten auch ein rechtes Stück Arbeit im Wind, und es sei ein ehrlicher Pfennig bei diesem Abenteuer zu gewinnen. Wahrscheinlich theilt man sich nicht in Eure Frischwasserprisengelder?«

»Wie?«

»Ich nehme es für ausgemacht an, daß Alles, was durch diese Soldatenpartien und Hinterhalte, wie Ihr's nennt, gewonnen wird, dem König zufällt?«

»Davon weiß ich nichts, Meister Cap. Ich nehme mir meinen Antheil Pulver und Blei weg, wenn uns Etwas in die Hände fällt, und sage dem König nichts davon. Andere mögen wohl besser dabei wegkommen, obgleich es nun auch für mich Zeit wird, an ein Haus, eine Einrichtung und eine Heimath zu denken.«

Pfadfinder wagte es nicht, als er diese Anspielung auf eine Veränderung in seinem Leben machte, Mabel anzusehen, und doch hätte er eine Welt darum geben mögen, zu wissen, ob sie ihn gehört, und wie dabei der Ausdruck ihres Gesichts gewesen. Aber Mabel ahnete die Natur dieser Anspielungen wenig, und mit völlig unbefangenem Gesichte richtete sie ihre Augen auf den Fluß, wo eine Bewegung am Borde des Scud sichtbar zu werden begann.

»Jasper bringt den Kutter hinaus,« bemerkte der Wegweiser, dessen Blick durch den Fall irgend eines schweren Körpers auf dem Verdecke nach derselben Richtung geleitet wurde. »Der Junge sieht ohne Zweifel Zeichen von Wind und wünscht bereit zu sein.«

»Nun, da werden wir wohl Gelegenheit haben, etwas von der Seefahrerkunst zu lernen,« erwiederte Cap mit einem höhnischen Blick. »Es liegt etwas Subtiles darin, wie man ein Fahrzeug unter Segel bringt, und man kann daran einen befahrenen Seemann so gut, als an etwas Anderem erkennen, 's ist dabei wie mit dem Zuknöpfen eines Soldatenrocks, ob Einer damit oben oder unten anfängt.«

»Ich will nicht sagen, daß man Jaspern mit den Matrosen da unten vergleichen kann,« bemerkte Pfadfinder, dessen aufrichtiger Seele das unwürdige Gefühl des Neides oder der Eifersucht fremd war; »aber er ist ein kühner Bursche, und handhabt seinen Kutter so geschickt, als man es nur immer verlangen kann, – auf diesem See wenigstens. Ihr habt gesehen, daß er an den Oswego-Fällen sich nicht ungeschickt benahm, wo das frische Wasser ohne besondere Schwierigkeit über den Berg hinunter stürzt.«

Cap antwortete nur mit einem Ausruf der Unzufriedenheit; dann folgte allgemeines Schweigen. Alle auf der Bastei betrachteten die Bewegungen des Kutters mit einer Theilnahme, welche um der Beziehung willen, in welche sie selbst zu diesem Fahrzeug treten sollten, natürlich war. Noch war eine todte Windstille, und die Oberfläche des See's erglänzte im eigentlichsten Sinne von den letzten Strahlen der Sonne. Der Scud war auf einen Kat-Anker gewarpt worden, welcher etwa hundert Ellen über den Punkten der Flußmündung lag, an denen der Strom den Hafen des Oswego bildete und hinreichenden Raum für die Handhabung des Fahrzeugs bot. Aber die völlige Windstille verhinderte einen solchen Versuch, und es wurde bald klar, daß das leichte Schiff nur mittelst der Ruder durch die Passage gebracht werden könne. Es wurde kein Segel los gemacht, aber sobald der Anker aus dem Grund gehoben war, ließ sich der schwere Fall der Ruder vernehmen und der Kutter begann mit stromaufwärts gerichteter Spitze gegen die Mitte der Strömung zu fahren. Als er diese erreicht hatte, ließ die Thätigkeit der Mannschaft nach, und er trieb gegen den Ausfluß hin. In dem engen Passe selbst beschleunigte sich seine Bewegung, und in weniger als fünf Minuten schwamm der Scud außerhalb der beiden niedern Kieseinschnitte, an denen sich die Wellen des See's brachen. Da man keinen Anker auswarf, so fuhr das Fahrzeug fort, sich von dem Lande zu entfernen, bis sein dunkler Rumpf auf der glatten Fläche des See's, eine volle Viertelmeile jenseits des niedrigen Vorsprungs still hielt, welcher die östliche Begränzung des Raumes bildete, den man den äußern Hafen oder den Ankerplatz hätte nennen können. Hier ließ der Einfluß der Strömung nach und das Fahrzeug kam zur Ruhe.

»Das Schiff kommt mir sehr schön vor, Onkel,« sagte Mabel, deren Blick sich während dieser Positionsveränderung keinen Augenblick von dem Kutter abgewendet hatte. »Ihr mögt vielleicht Fehler in seinem Aussehen und der Art seiner Führung entdecken; aber in meinen unwissenden Augen sind beide gleich vollkommen.«

»Ja, ja, es schwimmt mit der Strömung gut genug, Mädchen, und das würde ein Zimmerspan thun. Wenn man aber auf die Feinheiten eingeht, so braucht ein alter Theer keine Brille, um Fehler daran zu finden.«

»Aber, Meister Cap,« warf der Wegweiser ein, welcher selten ein Vorurtheil über Jasper aussprechen ließ, ohne sich zum Widerspruch geneigt zu zeigen, »ich habe gehört, wie alte und erfahrene Salzwasserschiffer zugestanden, daß der Scud ein so artiges Fahrzeug sei, als nur eines aus dem Wasser schwimme. Ich verstehe mich nicht auf solche Dinge; man kann aber doch seine Begriffe von einem Schiff haben, wenn sie auch nicht ganz vollständig sind, und es würde mehr als Eures Zeugnisses bedürfen, mich zu überreden, daß Jasper sein Boot nicht in guter Ordnung halte.«

»Ich sage nicht, Meister Pfadfinder, daß der Kutter gar nichts tauge; aber er hat seine Fehler, und große Fehler.«

»Und was sind das für, Onkel? Wenn Jasper sie kennen würde, so würde er sie mit Vergnügen verbessern.«

»Was es für sind? Ei, es sind ihrer mehr als fünfzig; hundert sogar; sehr wesentliche und in die Augen fallende Fehler.«

»So nennt sie uns, Herr, und Pfadfinder wird ihrer gegen seinen Freund erwähnen.«

»Sie nennen? Es ist keine leichte Sache, die Sterne mit Namen zu nennen, aus dem einfachen Grunde, weil sie so zahlreich sind. Sie nennen! in der That. – Ei meine artige Nichte, Miß Magnet, was hältst du von diesem Hauptmast da? Meinen unwissenden Augen erscheint er um wenigstens einen Fuß zu hoch getopt, und dann ist der Wimpel falsch und – und – ja, ich will v – sein, wenn da nicht eine Topsegelseisung losgetrieben ist – und, es würde mich nicht einmal besonders überraschen, wenn dieses dicke Troß einen runden Schlag machen würde, ließe man in diesem Augenblick den Anker los. Fehler? – in der That! kein Seemann kann's nur einen Augenblick ansehen, ohne daß er fände, es sei so voller Fehler, wie ein Bedienter, der schon seinen Abschied in der Tasche hat.«

»Das mag sehr wahr sein, Onkel, obgleich es eine große Frage ist, ob Jasper davon weiß. Ich glaube nicht, Pfadfinder, daß er solche Uebelstände dulden würde, wenn man sie ihm einmal zeigte.«

»Lassen Sie Jasper nur selber für seinen Kutter sorgen, Mabel. Seine Gabe liegt auf diesem Wege, und ich stehe dafür, daß Niemand ihn lehren kann, wie er ihn den Händen der Frontenaker und ihrer teuflischen Freunde, der Migno's, zu entziehen hat. Wer kümmert sich um einen runden Schlag des Ankers, und um Trosse, die zu hoch getopt sind, Meister Cap, so lang das Fahrzeug gut segelt, und sich klar gegen die Franzosen hält? Ich verlasse mich, trotz aller Seefahrer an den Küsten, hier oben an den See'n auf Jasper, obgleich ich damit nicht sagen will, daß seine Gaben auch für das Meer passen, da er sich auf diesem noch nicht versucht hat.«

Cap lächelte herablassend, hielt es aber nicht für nöthig, im Augenblicke seine Kritteleien noch weiter fortzuführen. Sein Aussehen und Benehmen wurde jedoch allmälich übermüthiger und hochfahrender, obgleich er bei der Behandlung von Streitpunkten, mit denen eine der Partien gänzlich unbekannt war, als ganz gleichgültig zu erscheinen wünschte. Inzwischen hatte der Kutter angefangen, in den Strömungen des See's hin und her zu treiben, und seine Spitze wendete sich, obgleich nur langsam, und nicht in einer Weise, die besondere Aufmerksamkeit auf sich ziehen konnte, nach allen Richtungen. Auf einmal aber wurde der Klüver losgemacht und ausgehißt, und das Segel blähte sich gegen das Land zu obschon auf der Oberfläche des Wassers noch keine Spuren des Windes zu entdecken waren. So gering übrigens dieser Einfluß war, so gab ihm doch der leichte Rumpf nach, und eine Minute später sah man den Scud sich quer in der Strömung des Flusses halten, mit einer so leichten und gemäßigten Bewegung, daß man sie kaum bemerken konnte. Als er durch diese gesetzt hatte, stieß er auf einen Wirbel und schoß gegen das Land, gerade auf die Anhöhe zu, wo das Fort stand. Hier ließ Jasper den Anker fallen.

»Nicht tölpelig gethan,« brummte Cap in einer Art von Selbstgespräch, »nicht besonders tölpelig, obgleich er sein Steuer an den Steuerbord, statt an den Backbord hätte setzen sollen, denn ein Fahrzeug muß immer den Stern gegen das Ufer kehren, sei es nun eine Meile vom Lande oder eine Kabelslänge. Es gewinnt dadurch ein achtsameres Aussehen, und das Aussehen gilt Etwas auf dieser Welt.«

»Jasper ist ein gewandter Bursche,« bemerkte plötzlich Sergeant Dunham, hart an seines Schwagers Seite, »und wir können uns bei unsern Ausflügen auf seine Geschicklichkeit verlassen. Aber kommt, sammt und sonders, wir haben nur noch eine halbe Stunde Tag, um unsere Sachen zu besorgen, und die Kähne werden so schnell für uns bereit sein, als wir es für sie sind.«

Auf diese Mittheilung trennte sich die ganze Gesellschaft, und jedes suchte noch die Kleinigkeiten zusammenzuraffen, welche es nicht bereits eingeschifft hatte. Einige Trommelschläge gaben den Soldaten das nöthige Signal, und in wenigen Minuten war Alles in Bewegung.

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