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Der Pfadfinder oder Das Binnenmeer

James Fenimore Cooper: Der Pfadfinder oder Das Binnenmeer - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Pfadfinder
publisherHoffmann'sche Verlags Buchhandlung.
printrunNeue unveränderte Auflage
year1869
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141112
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Eilftes Kapitel

Verbiete nur dem wilden Aar den Flug,
Und nimm den Hund, der nicht gelehrt, zum Jagen,
Und zwing den Freien in der Sklaven Zug,
Und munt're Trauer auf durch frohe Sagen;
Verlorne Zeit! du wirst umsonst dich plagen.
So lehrt auch nicht Gewalt die Liebe binden;
Sie dient nur da, wo sich die Herzen finden.

Spiegel für die Obrigkeit.

 

Selten wird die Hoffnung durch einen so vollkommenen Genuß belohnt, als der war, welcher den jungen Leuten der Garnison am folgenden Tage durch die günstige Witterung bereitet wurde. Es gehört vielleicht mit zu der gewöhnlichen Verkehrtheit des Menschen, daß die Amerikaner gerne auf Dinge ihren Stolz setzen, denen das Urtheil einsichtsvoller Personen in Wirklichkeit nur eine untergeordnete Stelle angewiesen haben würde, indeß sie Vortheile, welche sie in eine gleiche Höhe mit den meisten ihrer Mitgeschöpfe, wo nicht gar über sie, stellen, übersehen oder unter ihrem Werth anschlagen. Unter diese letztere gehört das Klima, welches zwar im Ganzen kein vollkommenes, aber doch unendlich angenehmer und eben so gesund ist, als das der meisten Gegenden, welche sich am lautesten desselben rühmen.

Die Hitze des Sommers wurde in der Zeit, von der wir schreiben, am Oswego wenig gefühlt, denn die Schatten des Urwaldes verminderten in Verbindung mit der erfrischenden Seeluft den Einfluß der Sonne so weit, daß die Nächte immer kühl und die Tage selten drückend waren.

Es war September, ein Monat, in welchem die starken Küstenwinde oft durch das Land hin bis zu den großen Seen dringen, so daß der Binnenschiffer bisweilen den eigenthümlichen Einfluß, welcher die Winde des Meeres charakterisirt, in der höheren Kraft seines Körpers, der größeren Frische des Geistes und der Steigerung seiner moralischen Kräfte fühlt. Ein solcher Tag war der, an welchem die Garnison sich versammelte, um Zeuge des von ihrem Kommandanten scherzweise so betitelten »Waffenganges« zu sein. Lundie war ein Gelehrter, wenigstens in militärischen Dingen, und that sich Etwas daraus zu gute, die Lektüre und die Gedanken der unter seinem Befehl stehenden jungen Leute aus die mehr intellektuellen Theile ihres Berufes hinzuleiten. Seine Bibliothek war für einen Mann in seiner Lage gut und umfassend, und stand Jedem, der von den Büchern Gebrauch zu machen wünschte, offen. Unter die andern seltsamen Einfälle, welche durch solche Hilfsmittel ihren Weg zu der Garnison gefunden hatten, gehörte auch der Geschmack an einer Art von Unterhaltung, welcher man gegenwärtig sich hinzugeben anschickte. Dabei hatten einige Chroniken aus den Zeiten des Ritterthums Anlaß gegeben, der Belustigung einen Anstrich des Paradeartigen und Romantischen zu verleihen, was gerade nicht ungeeignet für den Charakter und die Gewohnheiten von Soldaten, oder für den wilden und isolirten Posten war, welchen diese Garnison besetzt hielt.

Während man jedoch so ernstlich auf das Vergnügen bedacht war, vernachlässigten diejenigen, auf welchen der Dienst ruhete, die Sicherheit der Garnison nicht. Wer an den Bollwerken des Forts stand, und auf die ungeheure glänzende Wassermasse, welche die Aussicht des ganzen nördlichen Horizonts begränzte, von da aus aber auf den schlummernden, scheinbar endlosen Wald blickte, der die andere Hälfte des Panorama's ausfüllte, der hätte allerdings denken mögen, daß dieser Ort der wahre Aufenthalt des Friedens und der Sicherheit sei. Aber Duncan of Lundie wußte zu wohl, daß diese Wälder im Augenblick Hunderte auszuschicken vermochten, deren einziger Sinn die Zerstörung des Forts und seines ganzen Inhalts war, und daß gerade der trügerische See einen offenen Weg darbot, aus dem seine zwar mehr civilisirten, aber kaum weniger hinterlistigen Feinde, die Franzosen, leicht nahe kommen und ihn in einem unwillkommenen und unbewachten Momente überfallen konnten. Es wurden Patrouillen unter alten wachsamen Offizieren, Männern, welche sich wenig um die Spiele des Tages kümmerten, ausgeschickt, um durch den Wald zu streifen, und in dem Fort blieb eine ganze Kompagnie stets unter den Waffen, mit dem Befehl, eben so sehr auf der Hut zu sein, als ob gemeldet worden wäre, daß ein übermächtiger Feind im Anzuge sei. Unter diesen Vorsichtsmaßregeln überließ sich der Rest der Offiziere und der Mannschaft ohne Besorgniß der Beschäftigung des Morgens.

Die für die Belustigung ausersehene Stelle war ein freier Platz, etwas westlich vom Fort und unmittelbar an dem Damme des See's. Man hatte ihn von Bäumen und Strünken gelichtet, um sich seiner als eines Exerzierplatzes zu bedienen, da er den Vortheil hatte, im Hintergrunde von dem Wasser und auf einer Seite durch die Festungswerke gedeckt zu sein. Es war daher nur von Zwei Seiten ein Angriff möglich, und da der freie Raum sich weit nach Westen und Süden hinzog, so mußten die Angreifer das Versteck in den Wäldern verlassen, wenn sie nahe genug kommen wollten, um wirklich gefährlich zu werden.

Obgleich die regelmäßige Waffe des Regiments die Muskete war, so brachte man bei dieser Gelegenheit doch etliche und fünfzig Büchsen zum Vorschein. Jeder Offizier hatte eine, als einen Theil seiner Privatprovision, zu seinem Vergnügen; viele gehörten den Kundschaftern und befreundeten Indianern, deren sich stets mehr oder weniger um das Fort aufhielten; und einige waren das Eigenthum des Bataillons, zum Gebrauche derjenigen bestimmt, welche zu Ergänzung des Mundvorraths der Jagd oblagen. Unter denen, welche eine eigene Waffe führten, waren etwa fünf oder sechs, welche in besonderem Rufe standen und sich durch ihre Geschicklichkeit eine Berühmtheit an der Gränze erworben hatten; zweimal so viel mochten für etwas mehr, als gewöhnliche Schützen gelten; dann gab es aber noch Manche, die man für gewandt in fast jeder Lage hätte halten mögen, nur nicht gerade in der, in welcher sie sich eben jetzt hervorthun sollten.

Die Zielweite betrug hundert Ellen; ein Auflegen des Gewehrs war nicht üblich. Das Ziel bestand aus einer mit den gewöhnlichen Kreisen versehenen weißgemalten Scheibe, welche im Mittelpunkt das Ochsenauge hatte. Die ersten Geschicklichkeitsversuche begannen mit Herausforderungen unter der unedleren Klasse der Bewerber, um ihre Sicherheit und Gewandtheit in einem unbelohnten Wetteifer zu zeigen. Es nahmen jedoch nur die gemeinen Soldaten an diesem Spiele Theil, welches für die Zuschauer, unter denen noch kein Offizier erschienen war, wenig Interesse hatte.

Die meisten der Soldaten waren Schotten. Das Regiment war vor einer Reihe von Jahren in Stirling und dessen Nachbarschaft ausgehoben worden, und nachdem es in den Kolonien angekommen war, hatten sich, wie dieß auch mit Sergeant Dunham der Fall war, viele Amerikaner mit demselben vereinigt. Im Allgemeinen waren die aus den Provinzen die erfahrensten Schützen, und nach den Proben einer halben Stunde mußte der Ruhm der größten Geschicklichkeit einem in der Kolonie von New-York gebornen Jüngling von holländischer Abkunft zugestanden werden, der den wohlklingenden Namen van Valtenburg trug, gewöhnlich aber Follock genannt wurde. Gerade als man sich über diese Ansicht entschieden hatte, erschien der älteste Kapitän, begleitet von den meisten Herren und Damen, in festlichem Aufzuge. Ein Schweif von etlich und zwanzig Weibern geringeren Standes folgte, unter denen auch die gewandte Gestalt, das ausdrucksvolle, blühende, lebhafte Gesicht und der zierliche Anzug Mabel Dunhams zu sehen war.

Von Frauen, welche offiziell als zur Klasse der Damen von Stand gehörig betrachtet werden mußten, waren nur drei in dem Fort. Diese waren Offiziersfrauen, gesetzte ältere Damen, in deren Benehmen sich die Einfachheit des mittleren Alters zum Theil mit ihren Begriffen von dem Uebergewicht ihres Standes, den Rechten und Pflichten der Kaste und der Etiquette des Ranges mischte. Die andern Frauen waren Weiber von Unteroffizieren und Gemeinen, und Mabel war im eigentlichen Sinne, wie bereits der Quartiermeister bemerkt hatte, die einzige sich für den Ehestand eignende Person unter ihrem Geschlecht. Allerdings waren auch noch ein Dutzend anderer Mädchen da; sie gehörten aber noch unter die Kinder, und es war keine unter ihnen, welche im Alter so vorgerückt gewesen wäre, um einen geeigneten Gegenstand der Bewunderung abzugeben.

Um die Frauen auf eine passende Weise zu empfangen, war ein niedriges Brettergerüst unmittelbar an dem Damm des See's aufgeschlagen worden. In der Nähe desselben waren die Preise an einem Pfahl aufgehängt. Man hatte Sorge getragen, daß der Vordersitz des Gerüstes von den drei Lady's mit ihren Kindern besetzt wurde, indeß Mabel und die Frauen der Unteroffiziere den zweiten Platz einnahmen. Die Weiber und Töchter der Gemeinen bildeten in wildem Durcheinander die Nachhut; Einige standen, Andere saßen, wie sie eben Platz finden konnten. Mabel, welche bereits in der Eigenschaft einer untergeordneten Gesellschafterin Zutritt in den Cirkel einiger Offiziersfrauen gefunden hatte, wurde von den Damen auf dem Vordersitze, welche eine bescheidene Selbstachtung und höfliche, feine Sitte zu schätzen wußten, sehr beachtet, obgleich sie Alle den Werth des Ranges, zumal in einer Garnison, hoch anschlugen.

Sobald dieser wichtige Theil des schaulustigen Publikums seinen Platz eingenommen hatte, gab Lundie den Befehl, zur Eröffnung der Belustigung in der Weise, wie er es vorher angeordnet hatte, zu schreiten. Acht oder zehn der besten Schützen der Garnison nahmen nun Besitz von dem Stande und begannen nach der Reihe zu feuern. Sie bestanden aus Offizieren und andern Leuten ohne Unterschied, da auch die Gelegenheitsbesuche aus dem Fort von der Mitbewerbung nicht ausgeschlossen waren. Man konnte von Leuten, deren Belustigung und behaglicher Unterhalt allein von der Geschicklichkeit in Führung des Gewehrs abhing, erwarten, daß sie Alle hinreichend geübt waren, das Ochsenauge oder den weißen Fleck im Centrum des Zieles zu treffen. Dann folgten Andere, welche weniger sicher waren und mit ihren Kugeln nur in den verschiedenen Kreisen, die das Centrum umgaben, blieben, ohne letzteres zu berühren.

Nach den Regeln des Tages konnte Keiner einen zweiten Schuß thun, wenn er das erste Mal gefehlt hatte, und der Platzadjutant, welcher den Ceremonienmeister oder Marschall des Tages machte, rief die glücklicheren Abenteurer bei ihrem Namen aus, sich für einen weiteren Versuch bereit zu halten, indem er zugleich ankündigte, daß alle Diejenigen, welche das Ochsenauge gefehlt hätten, von aller weiteren Mitbewerbung ausgeschlossen sein sollten. Gerade in diesem Augenblicke erschienen Lundie, der Quartiermeister und Jasper Eau-douce unter der Gruppe bei dem Stande, indeß der Pfadfinder gemächlich über den Platz schritt, ohne seine beliebte Büchse bei sich zu führen. Dieß war ein zu ungewöhnlicher Umstand, als daß nicht alle Gegenwärtigen daraus hätten entnehmen sollen, es geschehe nur deßhalb, weil er sich nicht als Mitbewerber um die Ehren des Tages betrachte. Alles machte dem Major Duncan Platz, welcher, als er sich in gutgelaunter Weise dem Stande näherte, seine Stellung einnahm, sein Gewehr sorglos erhob und Feuer gab. Die Kugel fehlte das erforderliche Ziel um mehrere Zolle.

»Major Duncan ist von den ferneren Versuchen ausgeschlossen!« proklamirte der Adjutant mit einer so starken und zuversichtlichen Stimme, daß alle älteren Offiziere und Sergeanten wohl erkannten, wie dieser Fehlschuß vorher verabredet war, indeß die jüngeren Herren und die Gemeinen sich durch die augenscheinliche Unparteilichkeit, mit welcher die Gesetze des Spiels gehandhabt wurden, auf's Neue ermuthigt fühlten; denn nichts ist für den Naturmenschen so anziehend, als die Verheißung strenger Gerechtigkeit, und nichts so selten, als ihre wirkliche Ausübung.

»Nun kommt die Reihe an Euch, Meister Eau-douce,« sagte Muir, »und wenn Ihr den Major nicht überbietet, so werde ich sagen, daß Eure Hand besser mit dem Ruder, als mit der Büchse umzugehen weiß.

Jaspers schönes Gesicht erröthete. Er schritt gegen den Stand zu, warf einen hastigen Blick auf Mabel, deren zierliche Gestalt, wie er sich überzeugte, rasch sich vorwärts beugte, als ob sie auf das Resultat begierig sei – ließ den Lauf seiner Flinte, anscheinend mit geringer Sorgfalt, auf die Fläche seiner Linken fallen, erhob die Mündung einen Augenblick mit außerordentlicher Fertigkeit, und feuerte. Die Kugel drang genau durch das Centrum des Ochsenauges – der beste Schuß dieses Morgens, da die andern das Bild nur berührt hatten.

»Brav gemacht,« Meister Jasper,« sagte Muir, so bald das Resultat bekannt gemacht war, »und ein Schuß, der einem ältern Kopf und einem erfahreneren Auge Ehre gemacht haben würde. Doch ich denke, es war etwas Jungen-Glück dabei, denn Ihr waret nicht besonders genau in dem Absehen, das Ihr nahmt. Ihr mögt wohl schnell in der Bewegung sein, Eau-douce, aber Ihr seid nicht philosophisch, nicht wissenschaftlich in der Handhabung Eures Gewehrs. Nun, Sergeant Dunham, ich werde es Euch Dank wissen, wenn Ihr die Damen ersucht, etwas mehr als gewöhnlich Acht zu haben; denn ich will jetzt einen Gebrauch von der Büchse machen, den man einen intellektuellen nennen kann. Ich geb' es zu, Jasper würde Einen getödtet haben; es hätte aber beim Empfang eines solchen Schusses nicht halb so viel Befriedigung stattgefunden, als beim Empfang einer wissenschaftlich abgefeuerten Ladung.«

Diese ganze Zeit über bereitete sich der Quartiermeister auf seinen wissenschaftlichen Versuch vor. Er verschob es jedoch, zu zielen, bis er sah, daß das Auge Mabels, ebenso wie die Blicke der übrigen weiblichen Zuschauer, neugierig sich auf ihn richteten. Da die Andern ihm aus Achtung vor seinem Range Raum ließen und nur der Kommandant in seiner Nähe stand, so sagte er zu diesem in seiner familiären Weise:

»Sie sehen, Lundie, daß Etwas zu gewinnen ist, wenn man die weibliche Neugierde aufregt, 's ist ein lebhaftes Gefühl um die Neugierde; und zweckmäßig geleitet mag sie am Ende zu etwas Besserem führen.«

»Sehr wahr, David; aber Sie lassen uns mit ihren Vorbereitungen zu lange warten; und da kommt der Pfadfinder, der Etwas aus Ihrer größeren Erfahrung lernen möchte.«

»Wohl, Pfadfinder, Ihr könnt dabei auch einen Begriff von der Philosophie des Schießens bekommen. Ich habe nicht die Absicht, mein Licht unter den Scheffel zu stellen, und Ihr seid immer willkommen, wenn Ihr Etwas von mir lernen wollt. Habt Ihr nicht auch die Absicht, einen Schuß zu versuchen, Mann?«

»Warum sollt' ich, Quartiermeister? Warum sollt' ich? Ich brauche keinen von den Preisen, und was die Ehre anbelangt, so habe ich deren genug gehabt, wenn es überhaupt eine Ehre ist, besser zu schießen, als Sie. Ich bin kein Web, um einen Kalash zu tragen.«

»Sehr wahr; aber Ihr könntet ein Weib finden, das in Euren Augen kostbar genug ist, ihn von Euch zu tragen, wie –«

»Kommen Sie, David,« unterbrach ihn der Major, »wir möchten den Schuß oder Ihren Abzug sehen. Der Adjutant wird ungeduldig.«

»Des Quartiermeisters Geschäftskreis und der des Adjutanten vertragen sich selten mit einander, Lundie. Aber ich bin bereit. Steht ein wenig auf die Seite, Pfadfinder, und gebt den Damen Raum!«

Lieutenant Muir nahm nun seine Stellung mit einem guten Theil studirter Eleganz, erhob seine Büchse langsam, senkte sie, erhob sie auf's Neue, wiederholte dieses Manöver nochmals, und gab Feuer.

»Gefehlt, die ganze Scheibe,« rief der Mann, der die Treffer zu bezeichnen hatte, und wenig Geschmack an des Quartiermeisters lästiger Wissenschaftlichkeit fand. »Die Scheibe verfehlt.«

»Es kann nicht sein,« schrie Muir, und sein Gesicht glühte ebenso sehr vor Entrüstung, als vor Scham. »Es kann nicht sein, Adjutant; denn nie begegnete mir in meinem Leben eine solche Ungeschicklichkeit. Ich appellire an die Damen um ein gerechteres Urtheil!«

»Die Damen schlossen ihre Augen, als Sie feuerten,« riefen die Spötter im Regimente. »Ihre Vorbereitungen erschreckten sie.«

»Ich kann eine solche Schmähung von den Damen nicht glauben und meine Geschicklichkeit nicht auf solche Weise verunglimpfen lassen,« erwiederte der Quartiermeister, der mehr und mehr in sein Schottisch verfiel, je wärmer seine Gefühle wurden, »'s ist eine Verschwörung, um einem verdienten Mann das zu rauben, was ihm gebührt.«

»'s ist eben ein Fehlschuß, Muir,« sagte der Major lachend, »und Sie müssen sich in die Laune des Glückes fügen.«

»Nein, nein, Major,« bemerkte endlich Pfadfinder, der Quartiermeister ist, seine Langsamkeit ausgenommen, auf eine gemessene Entfernung ein guter Schütze, obgleich nichts Außerordentliches für den wirklichen Dienst. Seine Kugel hat die Jaspers bedeckt, wie man bald sehen kann, wenn Einer sich die Mühe nehmen will, die Scheibe zu untersuchen.«

Die Achtung vor Pfadfinders Geschicklichkeit und vor der Schnelligkeit und Sicherheit seines Auges war so groß und allgemein, daß in dem Augenblick, als er diese Erklärung gab, die Zuschauer ihren eigenen Meinungen zu mißtrauen anfingen und ein Dutzend davon gegen die Scheibe stürzten, um sich über die Thatsache Gewißheit zu verschaffen. Man fand auch wirklich, daß des Quartiermeisters Kugel durch das von Jasper gemachte Loch, und zwar mit einer Genauigkeit gegangen war, daß es einer sehr scharfen Untersuchung bedurfte, um den Thatbestand außer Zweifel zu stellen: doch lag es am Tage, als man eine Kugel über der andern in dem Pfahle fand, an welchem die Scheibe befestigt war.

»Ich sagt' es ja, meine Damen, daß Sie Zeugen des Einflusses der Wissenschaft auf die Kunst zu schießen sein würden,« sprach der Quartiermeister, indem er auf das Gerüst, welches die Frauen besetzt hielten, zugieng. »Major Duncan verlacht die Idee, daß sich die Mathematik auf das Scheibenschießen anwenden lasse; aber ich sage ihm, Philosophie färbt, vergrößert, verbessert, erweitert und breitet aus Alles, was zum menschlichen Leben gehört, sei es nun ein Wettschießen, oder eine Predigt. Mit einem Wort, Philosophie ist Philosophie, und das ist Alles, was man über diesen Gegenstand zu sagen nöthig hat.«

»Ich denke, Sie schließen die Liebe von diesem Katalog aus,« bemerkte die Frau eines Hauptmanns, welche die Geschichte von des Quartiermeisters Heirathen kannte und einen weiblichen Widerwillen gegen diesen Monopolisten ihres Geschlechtes hatte – »mir scheint, daß Philosophie wenig gemein hat mit der Liebe.«

»Sie würden das nicht sagen, Madame, wenn Ihr Herz viele Versuchungen erfahren hätte. Ein Mann oder eine Frau, die viele Gelegenheit gehabt haben, ihre Sympathien auszubilden, können am besten über solche Gegenstände sprechen; und, glauben Sie mir, von aller Liebe ist die philosophische die beste, da sie die vernünftigste ist.«

»So empfehlen Sie wohl die Erfahrung zu Veredelung der Liebe?«

»Ihr schneller Geist hat diese Idee mit einem Blick erfaßt. Die glücklichsten Heirathen sind die, wo Jugend, Schönheit und Vertrauen auf der einen Seite sich auf den Scharfsinn, die Mäßigung und die Klugheit der Jahre verläßt, des mittleren Alters, meine ich, Madame; denn ich will nicht in Abrede ziehen, daß es auch so ein Ding von einem Ehemann geben kann, das zu alt für ein Weib ist. Hier ist Sergeant Dunhams bezaubernde Tochter, welche sicherlich solchen Gefühlen Beifall zollen wird, denn die Besonnenheit ihres Charakters ist in der Garnison bereits vollkommen anerkannt, so kurz auch ihr Aufenthalt unter uns sein mag.«

»Sergeant Dunhams Tochter ist kaum eine geeignete Sprecherin bei einer Unterhaltung zwischen Ihnen und mir, Lieutenant Muir,« erwiederte die Kapitänsfrau, die ihrer Würde nichts vergeben wollte; »doch, damit wir auf einen andern Gegenstand kommen – dort schickt sich der Pfadfinder an, sein Glück zu versuchen.«

»Ich protestire, Major Duncan, ich protestire« – schrie Muir, indem er mit erhobenen Armen, um seinen Worten Nachdruck zu leihen, gegen den Stand zurückeilte. – »Ich protestire in strengster Form, meine Herren, daß Pfadfinder bei dieser Unterhaltung mit seinem Hirschtödter zugelassen werde, denn, abgesehen von seiner langjährigen Fertigkeit, ist dieß ein Gewehr, welches bei einem Geschicklichkeitsversuch außer allem Verhältniß mit den Büchsen des Gouvernements steht.«

»Der Hirschetödter ist in der Ruhe, Quartiermeister,« erwiederte Pfadfinder, »und Niemand denkt hier daran, ihn zu stören. Ich dachte selbst nicht, heute den Drücker zu berühren; aber Sergeant Dunham überzeugte mich, daß ich seiner schönen Tochter, welche unter meinem Schutze hieher kam, keine besondere Ehre erweisen würde, wenn ich bei einer solchen Gelegenheit zurückbliebe. Ich benütze daher Jaspers Büchse, Quartiermeister, wie Sie sehen können, und die ist nicht besser als die Ihrige.«

Lieutenant Muir mußte sich zufrieden geben, und jedes Auge richtete sich auf den Pfadfinder, als er die erforderliche Stellung einnahm. Die Haltung dieses gefeierten Wegweisers und Jägers war äußerst schön, als er seine kühne Gestalt erhob und das Gewehr zurecht setzte, wobei er eine vollkommene Selbstbeherrschung und eine genaue Kenntniß der Kraft des menschlichen Körpers sowohl, als der Waffe entwickelte. Pfadfinder war nicht, was man gewöhnlich einen schönen Mann nennt, obgleich seine Erscheinung Vertrauen einflößte und Achtung gebot. Hoch und sehnig, hätte man seine Gestalt fast für vollkommen halten mögen, hätte sie nicht alles Dessen, was wie Fleisch aussieht, entbehrt. Eine Peitschenschnur war kaum starrer, oder zur Noth biegsamer, als seine Arme und Beine; auch waren seine Umrisse zu eckigt für ein Verhältniß, welches angenehm in's Auge fallen soll. Doch waren seine Bewegungen voll natürlicher Anmuth, und das Ruhige und Geregelte derselben gab ihm einen Ausdruck von Würde, welchem sich gerne der unabweisbare Gedanke an seine Leistungen und seine persönlichen Verdienste anreihte. Sein ehrliches, offenes Gesicht war zu einem hellen Roth gebräunt, das sich wohl mit den Mühseligkeiten und Gefahren vertrug, denen er immer ausgesetzt war, und seine sehnigten Hände deuteten auf die Kraft und die Art des Gebrauches hin, der von den ersteifenden und verunstaltenden Wirkungen der Arbeit ferne war. Obgleich Niemand an ihm die zierlicheren und ansprechenderen Eigenschaften, welche auf die Neigung der Frauen gewinnend einzuwirken vermögen, entdecken konnte, so blickte doch, als er seine Büchse erhob, kein weibliches Auge auf ihn, ohne ein geheimes Wohlgefallen an der Freiheit seiner Bewegungen und der Männlichkeit seines Aussehens. Sein Zielen geschah mit der Schnelle des Gedankens, und als der Rauch über seinem Haupte schwebte, erblickte man den Schaft der Büchse schon auf der Erde, die Hand des Pfadfinders an den Lauf gelehnt, und sein ehrliches Gesicht leuchtend von seinem gewöhnlichen stillen herzlichen Lachen.

»Wenn man bei einer solchen Gelegenheit eine Anspielung machen darf,« rief Major Duncan, »so möcht' ich sagen, daß der Pfadfinder auch die Scheibe verfehlt hat!«

»Nein, nein, Major,« erwiederte Pfadfinder mit Zuversicht, »das würde eine gewagte Behauptung sein. Ich habe das Gewehr nicht geladen, und kann nicht sagen, was darin war; wenn es aber geladen war, so werden Sie finden, daß die Kugel die des Quartiermeisters und Jaspers tiefer hineingetrieben hat, wenn ich anders Pfadfinder heiße.«

Ein Ruf von der Scheibe her verkündete die Wahrheit dieser Versicherung.

»Das ist nicht Alles, das ist nicht Alles, Jungen,« rief der Wegweiser aus, welcher nun langsam auf das von den Damen besetzte Gerüst zuging, »wenn Ihr die Scheibe nur im Mindesten berührt findet, so will ich verloren haben. Der Quartiermeister hat das Holz gestreift, ihr werdet aber nicht finden, daß die letzte Kugel dasselbe angegriffen hätte.«

»Sehr wahr, Pfadfinder, sehr wahr,« antwortete Muir, welcher sich in Mabels Nähe gemacht hatte, obschon er sich scheute, sie in Gegenwart der Offiziersfrauen anzureden. »Der Quartiermeister hat das Holz ausgeschnitten, und hiedurch einen Weg für Eure Kugel geöffnet, welche durch das Loch, das er gemacht hat, durchgegangen ist.«

»Wohl, Quartiermeister; doch jetzt kommts an den Nagel, und wir wollen sehen, wer ihn tiefer hineintreiben kann, Sie, oder ich, denn obgleich ich heute nicht zu zeigen hoffte, was eine Büchse vermag, so will ich doch, da sie einmal in meiner Hand ist, Keinem, der König Georgs Bestallung hat, den Rücken kehren. Chingachgook ist draußen, sonst könnte mich der zu einigen Feinheiten der Kunst veranlassen; aber was Sie anbelangt, Quartiermeister – wenn Sie der Nagel nicht so zufriedenstellt, so wirds die Kartoffel thun.«

»Ihr thut diesen Morgen gewaltig dick, Pfadfinder; aber Ihr werdet finden, daß Ihr es nicht mit einem grünen Burschen, frisch von den Ansiedlungen und Städten weg, zu thun habt; »das versichere ich Euch.«

»Ich weiß das wohl, Quartiermeister, ich weiß das wohl, und will Ihrer Erfahrung nicht zu nahe treten. Sie haben schon viele Jahre an der Gränze gelebt, und ich habe von Ihnen in den Kolonien und selbst unter den Indianern schon vor einem ganzen Menschenalter sprechen hören.«

»Nä, nä,« unterbrach ihn Muir in seinem breitesten Schottisch; »das ist 'ne Ungerechtigkeit, Mann. Ich bin noch nicht so gar alt, nein.«

»Ich will Ihnen Gerechtigkeit widerfahren lassen, auch wenn Sie das Beste in dem Kartoffelversuch weg kriegen sollen. Sie haben für einen Soldaten ein gutes Menschenalter an Orten verlebt, wo die Büchse täglich gebraucht wird, und ich weiß, Sie sind ein geachteter und scharfblickender Schütze; aber doch sind Sie kein rechter Büchsenschütze. Was das Prahlen anbelangt, so hoffe ich, daß ich nicht als ein eitler Auskrämer meiner eigenen Thaten bekannt bin; aber die Gaben eines Menschen sind seine Gaben, und es hieße der Vorsehung Trotz bieten, wenn man sie verläugnen wollte. Des Sergeanten Tochter hier soll zwischen uns Richter sein, wenn Sie Lust haben, sich einem so artigen Richter zu unterwerfen.«

Der Pfadfinder hatte Mabel zur Schiedsrichterin gewählt, weil er sie bewunderte, und weil der Rang in seinen Augen wenig oder keinen Werth hatte. Aber Lieutenant Muir schrak vor einer solchen Berufung in Gegenwart der Offiziersfrauen zurück. Er hätte wohl gern sein Bild beständig vor den Augen und der Seele des Gegenstandes seiner Hoffnungen gewünscht; aber er war doch zu sehr unter dem Einfluß alter Vorurtheile und vielleicht zu schlau, um öffentlich als ihr Verehrer aufzutreten, wenn er nicht auf einen sicheren Erfolg hoffen durfte. Zu der Verschwiegenheit des Majors Duncan hatte er ein volles Vertrauen, und fürchtete von dieser Seite aus keinen Verrath. Er mußte aber sehr vorsichtig zu Werk gehen; denn wenn es ruchbar wurde, daß er von der Tochter eines Unteroffiziers zurückgewiesen worden sei, so mochte er bei der Bewerbung um eine andere Frau von Stande – und auf eine solche durfte er vernünftigerweise doch Anspruch machen – wohl große Schwierigkeiten finden. Aber Mabel erschien so hübsch, erröthete so bezaubernd, lächelte so süß und war ein so gewinnendes Bild der Jugend, des Geistes, der Bescheidenheit und Schönheit, daß er, ungeachtet seiner Zweifel und Besorgnisse, es für äußerst verführerisch fand, seine Person in ihrer ganzen Erhabenheit von der Phantasie des Mädchens Besitz nehmen zu lassen, weßhalb er es über sich gewann, sein Wort frei an sie zu richten.

»Es soll geschehen nach Eurem Wunsche, Pfadfinder,« erwiederte er, sobald er mit seinen Zweifeln in's Reine gekommen war; »laßt des Sergeanten Tochter, – seine bezaubernde Tochter sollte ich sie genannt haben – Schiedsrichterin sein, und ihr wollen wir Beide den Preis widmen, den Einer oder der Andere sicher gewinnen muß. Pfadfinder muß, wie Sie bemerken, meine Damen, eigen gelaunt sein, sonst würden wir ohne Zweifel die Ehre gehabt haben, uns dem Urtheil einer Dame aus Ihrer bezaubernden Gesellschaft zu unterwerfen.«

Ein Aufruf an die Bewerber führte nun den Quartiermeister und seinen Gegner hinweg, und in wenigen Minuten begann der zweite Versuch. Ein gewöhnlicher Werknagel, dessen Kopf gefärbt war, wurde leicht in die Scheibe getrieben, und die Schützen mußten ihn treffen, wenn sie nicht ihren Schuß bei den weiteren Proben verlieren wollten. Niemand von denen, welche früher das Ochsenauge gefehlt hatten, wurde zugelassen.

Es waren ungefähr ein halbes Dutzend Bewerber um die Ehre dieses Probestücks. Einer oder Zwei, welche bei dem ersten Schießen den gemalten Fleck nur nothdürftig berührt hatten, zogen es vor, ihren Ruf nicht auf's Spiel zu setzen, denn sie fühlten, daß bei der schwereren Aufgabe, um die es sich jetzt handelte, Nichts für sie zu erholen sei. Die drei ersten Schützen fehlten, obschon sie der Marke sehr nahe kamen, ohne sie jedoch zu berühren. Der Vierte in der Reihe war der Quartiermeister, welcher, nachdem er seine gewöhnlichen Stellungen durchgemacht hatte, in so weit glücklich schoß, daß seine Kugel ein kleines Stück von dem Kopf des Nagels trennte, und an der Seite des Punktes einschlug. Dieß wurde als kein außerordentlicher Schuß betrachtet, obgleich er den Abenteurer wieder auf die Liste brachte.

»Sie haben Ihre Haut gerettet, Quartiermeister, wie man in den Ansiedelungen von den Kreaturen sagt,« rief Pfadfinder lachend; »aber es würde lange dauern, ein Haus mit einem Hammer zu bauen, der nicht besser als der Ihrige ist. Jasper hier wird Ihnen zeigen, wie man einen Nagel treffen muß, oder der Junge hat Etwas von der Festigkeit seiner Hand und der Sicherheit seines Auges verloren. Sie würden besser gethan haben, Lieutenant, wenn Sie Ihre Stellungen weniger soldatisch gehalten hätten. Schießen ist eine natürliche Gabe und muß auf eine natürliche Weise geübt werden.«

»Wir werden sehen, Pfadfinder; ich nenne das einen recht artigen Schuß, und ich zweifle, ob das Fünfundfünfzigste einen andern Hammer, wie Ihr es nennt, hat, der wieder gerade dahin zu treffen vermag.«

»Jasper ist nicht im Fünfundfünfzigsten, aber da geht sein Schlag hin.«

Als der Pfadfinder sprach, traf Eau-douce's Kugel das Viereck des Nagels und trieb den Kopf desselben ungefähr einen Zoll tief in die Scheibe.

»Nietet ihn aus, Jungen,« schrie der Pfadfinder, indem er in die Fußstapfen seines Freundes in dem Augenblick, als sie frei wurden, trat. »Laßt es gut sein mit dem neuen Nagel. Ich kann diesen sehen, obgleich die Farbe weggegangen ist, und was ich sehen kann, kann ich auch aus hundert Ellen treffen, und wäre es nur das Auge eines Musquito's. Habt ihr ihn ausgenietet?«

Die Flinte krachte; die Kugel flog ihren Weg und der Kopf des Nagels wurde in dem Holz begraben, bedeckt von einem Stück plattgedrückten Blei's.

»Nun, Jasper, Junge,« fuhr der Pfadfinder fort, indem er den Schaft seines Gewehrs zur Erde senken ließ, und das Gespräch wieder ausnahm, als ob er gar nicht an seinen eigenen Schuß dächte. »Ihr verbessert Euch täglich. Noch einige Züge am Land in meiner Gesellschaft, und der beste Schütze an der Gränze wird sich zusammennehmen müssen, wenn er seinen Stand nach Euch nimmt. Der Quartiermeister ist respektabel; aber er wird's nicht weiter bringen. Dagegen habt Ihr, Jasper, die Gabe, und könnt es eines Tages mit jedem Schützen ausnehmen.«

»Ho, ho!« rief Muir, »Ihr nennt das Streifen eines Nagelkopfs nur respektabel, da es doch die Vollkommenheit der Kunst ist? Jeder, der nur in Etwas ein verfeinertes und gebildetes Gefühl hat, weiß, daß die leichten Berührungen den Meister bekunden. Dagegen kommen Eure Schmiedhammerschläge nur aus dem Rohen und Ungebildeten. Wenn es beim Schießen heißt: um ein Haar gefehlt ist so gut als um eine Meile gefehlt, so muß dieß doch noch mehr bei einem Treffer gelten, Pfadfinder, ob er nun verwundet oder tödtet.«

»Der sicherste Weg, diese Nebenbuhlerschaft zu beruhigen, wird wohl ein anderer Versuch sein,« bemerkte Lundie, »und das soll durch die Kartoffel geschehen. Sie sind ein Schotte, Herr Muir, und möchten vielleicht besser fahren, wenn es ein Kuchen oder eine Distel wäre, aber der Gränzbrauch hat sich für eine amerikanische Frucht, die Kartoffel, erklärt.«

Da Major Duncan in seiner Weise einige Ungeduld kund gab, so hatte Muir zu viel Takt, den Fortgang der Belustigung noch länger durch seine Bemerkungen zu unterbrechen, sondern bereitete sich klugerweise für den nächsten Aufruf vor. Der Quartiermeister hatte zwar in der That wenig oder kein Vertrauen, daß er den nun folgenden Versuch glücklich bestehen werde, und würde es wohl nicht gewagt haben, sich unter die Bewerber zu mischen, wenn er vorausgesehen hätte, daß er wirklich stattfinden würde. Aber Major Duncan, der etwas humoristisch in seiner ruhigen, schottischen Weise war, hatte – ausdrücklich um ihn zu quälen – im Geheim bereits die nöthigen Vorbereitungen treffen lassen; denn da er selbst ein Laird war, so konnte er dem Gedanken keinen Geschmack abgewinnen, daß ein Mann, welcher als ein Edelmann betrachtet werden wollte, seiner Kaste durch Eingehung einer ungleichen Verbindung Unehre zu machen gedachte. Sobald Alles eingeleitet war, wurde Muir aufgefordert, seinen Stand zu nehmen, und die Kartoffel zum Wurf in Bereitschaft gehalten. Da dem Leser die Weise des Kunststücks, welches wir ihm vorführen werden, vielleicht neu ist, so mag ein erläuterndes Wort die Sache klarer machen. Eine große Kartoffel wurde ausgewählt und Jemandem gegeben, welcher zwanzig Ellen von dem Schießstande entfernt war. Auf das Wort »auf«, welches von dem Schützen gegeben ward, wurde das Gewächs mit einem sanften Stoß in die Luft geworfen, und es war nun die Aufgabe des Glücksritters, eine Kugel durch zu schießen, ehe es den Boden wieder erreichte.

Unter hundert Versuchen war es dem Quartiermeister nur ein einziges Mal gelungen, dieses schwere Kunststück glücklich auszuführen. Er versuchte es deshalb wieder mit einer Art von blinder Hoffnung, die ihm aber fehlschlagen sollte. Die Kartoffel wurde auf die gewöhnliche Weise geworfen; der Schuß fiel; aber das fliegende Ziel blieb unberührt.

»Rechts um – durchgefallen, Quartiermeister,« sagte Lundie, mit einem Lächeln über diesen Erfolg: »die Ehre des seidenen Kalash wird zwischen Jasper Eau-douce und Pfadfinder liegen.«

»Und wie soll der Versuch enden, Major,« fragte der Letztere. »Soll der mit den zwei Kartoffeln noch dazu kommen, oder ist es mit Centrum und Haut abgethan?«

»Mit Centrum und Haut, wenn ein bemerklicher Unterschied stattfindet; im andern Fall muß der Doppelschuß folgen.«

»Das ist für mich ein entsetzlicher Augenblick, Pfadfinder,« bemerkte Jasper, und die Gewalt seiner Gefühle trieb alle Farbe aus seinem Gesichte, als er sich gegen den Stand hinbewegte.

Pfadfinder blickte ernst auf den jungen Mann; dann bat er den Major, einen Augenblick Geduld zu haben, und führte seinen Freund etwas bei Seite, so daß die nahe Stehenden sie nicht hören konnten.

»Ihr scheint Euch diese Sache zu Herzen zu nehmen, Jasper?« bemerkte der Jäger, indem er dem Jüngling mit festen Blicken in's Auge sah.

»Ich muß zugeben, Pfadfinder, daß meine Gefühle sich nie vorher so sehr an den Erfolg knüpften.«

»Und verlangt Ihr so sehr, mich auszustechen, einen alten geprüften Freund? – und das, so zu sagen, auf meinem eigenen Wege? Schießen ist meine Gabe, Junge, und keine gewöhnliche Hand kann sich mit der meinigen messen.«

»Ich weiß es, ich weiß es, Pfadfinder, aber doch –«

»Aber was, Jasper, Junge? – Sprecht frei, Ihr sprecht mit einem Freunde.«

Der junge Mann kniff sich in die Lippen, fuhr mit der Hand über das Auge, und erröthete und erblaßte wechselweise wie ein Mädchen, das seine Liebe gesteht. Dann drückte er des Andern Hand und sagte ruhig, und mit einer Männlichkeit, welche alle andern Gefühle überwältigte –

»Ich wollte einen Arm drum geben, Pfadfinder, wenn ich diesen Kalash Mabel Dunham anbieten könnte.«

Der Jäger ließ seine Augen zur Erde sinken, und als er langsam gegen den Stand zurückging, schien er das, was er eben gehört hatte, tief zu erwägen.

»Es kann Euch nie bei dem Doppelversuch glücken, Jasper!« bemerkte er plötzlich.

»Deß bin ich nur zu gewiß, und eben das quält mich.«

»Was für ein Geschöpf ist doch der sterbliche Mensch! Er sehnt sich schmerzlich nach Dingen, welche nicht zu seinen Gaben gehören, und behandelt die Wohlthaten, die ihm durch die Vorsehung zugewiesen werden, mit Leichtfertigkeit. Macht nichts – macht nichts! Nehmt Euern Stand, Jasper, denn der Major wartet – und hört, Junge, – ich muß die Haut berühren, denn ich könnte mit weniger als so viel mein Gesicht nicht mehr in der Garnison zeigen.«

»Ich glaube, ich muß mich meinem Schicksal unterwerfen,« erwiederte Jasper, wie früher bald erröthend, bald erbleichend, – »aber ich will mir Mühe geben, als ob es mein Leben gälte.«

»Was für ein Ding ist der sterbliche Mensch!« wiederholte der Pfadfinder, indem er sich zurückzog, um seinem Freunde Raum zum Zielen zu geben. – »Er übersieht seine eigenen Gaben, und trachtet nach denen von Andern!«

Die Kartoffel wurde geworfen, Jasper feuerte und das daraus folgende Geschrei leitete die Ankündigung ein, die Kugel sei in das Centrum oder doch demselben so nahe eingedrungen, daß der Schuß wohl als ein Centrumschuß beurtheilt zu werden verdiente.

»Das ist ein Mitbewerber, der Eurer würdig ist, Pfadfinder,« rief Major Duncan vergnügt, als der Erstere seinen Stand nahm, »und wir werden noch einige schöne Schüsse bei dem Doppelversuch zu sehen bekommen.«

»Was für ein Ding ist der sterbliche Mensch!« wiederholte der Jäger, welcher so sehr in seine eigenen Betrachtungen vertieft war, daß er kaum auf das, was um ihn vorging, zu achten schien, »Auf!«

Die Kartoffel flog, die Flinte krachte, wie man bemerkte, gerade als der kleine, schwarze Ball in der Luft zu halten schien: denn der Schütze nahm augenblicklich ungewöhnliche Sorgfalt auf sein Ziel. Dann folgte ein Blick der getäuschten Erwartung und Verwunderung unter denen, welche das fallende Ziel aufgefangen hatten.

»Zwei Löcher auf einer Seite?« rief der Major aus.

»Die Haut, die Haut,« war die Antwort, »nur die Haut!«

»Was ist das, Pfadfinder? Soll Jasper Eau-douce die Ehre des Tages davon tragen?«

»Der Kalash ist sein,« erwiederte der Andere mit Kopfschütteln und verließ ruhig den Stand. »Was für ein Geschöpf ist der sterbliche Mensch! Nie ist er mit seinen eigenen Gaben zufrieden, und trachtet immer nach dem, was ihm die Vorsehung versagt hat!«

Da der Pfadfinder seine Kugel nicht durch die Mitte der Kartoffel geschickt, sondern nur die Haut durchschnitten hatte, so wurde der Preis unmittelbar Jasper zugesprochen. Der Kalash war in den Händen des Letzteren, als der Quartiermeister herzutrat, und mit einem glatten Scheine von Herzlichkeit seinem glücklicheren Nebenbuhler Glück zu dem Siege wünschte.

»Aber nun habt Ihr den Kalash gewonnen, Junge, der Euch zu nichts nütze ist,« fügte er bei. »Ihr könnt weder ein Segel noch eine Flagge daraus machen. Ich denke, Eau-douce, daß es Euch nicht leid thäte, seinen Werth in gutem königlichem Silber in Eurer Tasche zu sehen?«

»Er ist für kein Geld feil, Lieutenant,« erwiederte Jasper, dessen Auge von dem ganzen Feuer des Glückes und der Freude strahlte. »Dieser gewonnene Kalash ist mir lieber, als fünfzig neue vollständige Segel für den Scud!«

»Ho! ho! Junge! Ihr werdet mir so toll, wie alle die Andern. Ich habe es eben wagen wollen, Euch eine halbe Guinea für diese Kleinigkeit anzubieten, 's wäre doch besser, als wenn er in der Kajüte Eures Kutters unter den Füßen umherfährt, oder am Ende ein Kopfputz für eine Squaw wird.«

Obgleich Jasper nicht wußte, daß der schlaue Quartiermeister ihm nicht die Hälfte des wirklichen Werthes seiner Prämie angeboten hatte, hörte er doch seinen Vorschlag mit Gleichgiltigkeit an. Er schüttelte verneinend den Kopf, und ging auf das Gerüste zu, wo seine Annäherung eine kleine Bewegung veranlaßte, da die Offiziers-Frauen sammt und sonders sich entschlossen hatten, wenn Galanterie den jungen Schiffer veranlassen sollte, mit seinem Gewinnst ein Geschenk machen zu wollen, es anzunehmen. Aber Jaspers Schüchternheit nicht weniger, als seine Bewunderung für eine Andere, würde ihn gehindert haben, nach der Ehre eines Komplimentes an Diejenigen, die er so hoch über sich dachte, zu streben.«

»Mabel,« sagte er, »dieser Preis ist für Sie, wenn nicht –«

»Wenn nicht was, Jasper?« antwortete das Mädchen, welche bei dem natürlichen und großmüthigen Wunsche, ihn seiner Verlegenheit zu entheben, ihre eigene Schüchternheit verlor, obgleich Beide in einer Weise errötheten, welche tiefere Gefühle verrieth.

»Wenn Sie ihn nicht für zu unbedeutend halten, da er von Einem angeboten wird, welcher kein Recht haben mag, zu glauben, daß seine Gabe angenommen werde.«

»Ich nehme sie an, Jasper; sie soll mir ein Erinnerungszeichen der Gefahr, welche ich in Eurer Gesellschaft durchgemacht habe, und der Dankbarkeit sein, welche ich für Eure Sorgfalt um mich fühle – für Eure und des Pfadfinders Sorgfalt.«

»Laßt's gut sein; laßt's gut sein,« rief der Letztere. »Dies, ist Jaspers Glück und Jaspers Gabe. Geben Sie ihm vollen Kredit für Beides. Die Reihe kann an einem andern Tag an mich kommen, an mich und den Quartiermeister, der wegen des Kalashes dem Jungen zu grollen scheint, obgleich ich nicht einsehe, zu was er ihn braucht, da er kein Weib hat.«

»Und hat Jasper Eau-douce ein Weib? oder habt Ihr selbst ein Weib, Pfadfinder? Ich kann ihn brauchen, daß er mir ein Weib kriegen helfe, oder als ein Erinnerungszeichen, daß ich ein Weib hatte, oder als einen Beweis, wie sehr ich dieses Geschlecht bewundere, oder weil er ein Frauenschmuck ist, oder aus irgend einem andern gleich achtbaren Grunde. Die Nichtreflektirenden sind nicht die Geachtetsten bei den Gedankenvollen, und es gibt, laßt's euch Allen gesagt sein, kein sicheres Zeichen, daß ein Mann ein guter Gatte seiner ersten Gefährtin war, als wenn er sich eilig nach einer geeigneten Nachfolgerin umsieht. Die Liebe ist eine schöne Gabe der Vorsehung, und Diejenigen, welche wahrhaft geliebt haben, beweisen, wie reichlich sie diese Wohlthat genossen, wenn sie sobald als möglich wieder eine Andere lieben.«

»Es mag so sein – es mag so sein. Ich bin kein Praktiker in solchen Dingen; aber Mabel hier, des Sergeanten Tochter, wird Ihre Worte voll zu würdigen wissen. Kommt, Jasper! obschon wir nichts dabei zu thun haben, so wollen wir doch sehen, was die andern Jungen mit ihren Büchsen ausrichten.«

Pfadfinder und sein Gefährte zogen sich zurück, denn die Belustigung nahm nun wieder ihren Fortgang. Die Damen jedoch waren nicht so sehr von dem Schießen in Anspruch genommen, um den Kalash darüber zu vernachlässigen. Er ging von Hand zu Hand; man befühlte die Seide, krittelte an der Façon und untersuchte die Arbeit. Dann wagte man auch verschiedene Meinungen zu äußern, ob es auch passend sei, daß ein so schöner Putz in den Besitz einer Unteroffizierstochter gekommen.

»Ihr werdet vielleicht geneigt sein, den Kalash zu verkaufen, Mabel, wenn Ihr ihn eine kurze Zeit besessen habt?« fragte die Kapitänsfrau, »denn tragen könnt Ihr ihn doch nie, sollte ich denken.«

»Ich will ihn nicht tragen,« erwiederte unsere Heldin bescheiden, »doch möchte ich mich auch nicht von ihm trennen.«

»Sergeant Dunham versetzt Euch freilich nicht in die Nothwendigkeit, Eure Kleider zu verkaufen, mein Kind, es ist aber immer weggeworfenes Geld, einen Putzartikel zu behalten, den Ihr doch nie tragen könnt.«

»Ich würde mich ungerne von der Gabe eines Freundes trennen.«

»Aber der junge Mann wird um so besser von Eurer Klugheit denken, wenn der Triumph dieses Tages vergessen ist. Es ist ein artiger und anständiger Kalash, und sollte nicht weggeworfen werden.«

»Es ist nicht meine Absicht, ihn wegzuwerfen, Madame, und wenn es Ihnen gefällt, will ich ihn lieber behalten.«

»Wie Ihr wollt, Kind; Mädchen in Eurem Alter übersehen oft ihren wahren Vortheil. Doch erinnert Euch, daß er, wenn Ihr Euch entschließt, über ihn zu verfügen, bestellt ist, und daß ich ihn nicht nehmen werde, wenn Ihr ihn je einmal selbst aufgesetzt hättet.«

»Ja, Madame,« sagte Mabel mit möglichst demüthiger Stimme, obgleich ihre Augen wie Diamanten funkelten und ihre Wangen sich zu den Tinten zweier Rosen rötheten, als sie den verbotenen Schmuck eine Minute lang über ihre wohlgeformten Schultern legte, als ob sie versuchen wolle, wie er ihr passe, und ihn dann ruhig wieder abnahm.

Der Rest der Belustigung bot wenig Interesse, Man schoß wohl gut, aber in keinem Vergleich mit den eben erzählten Leistungen, und die Bewerber wurden bald sich selbst überlassen. Die Damen und die meisten Offiziere zogen sich zurück, und die übrigen Frauen folgten ihrem Beispiel. Mabel kehrte über die niedrigen Felsenplatten, welche das Ufer des See's bedeckten, heim, und ließ den zierlichen Kalash auf ihrem noch zierlicheren Finger flattern, als der Pfadfinder zu ihr traf. Er führte die Büchse bei sich, deren er sich an diesem Tage bedient hatte; aber sein Benehmen zeigte weniger von der freien Leichtigkeit des Jägers, als gewöhnlich, und sein Auge schien unstett und düster. Nach einigen nichtssagenden Worten über die vor ihnen liegende großartige Wasserfläche wandte er sich, mit dem Ausdruck eines großen Anliegens in seinem Gesicht, gegen das Mädchen und sprach: –

»Jasper erntete diesen Kalash für Sie, Mabel, ohne seine Gaben sehr anzustrengen.«

»Er hat sich gut gehalten, Pfadfinder.«

»Kein Zweifel – kein Zweifel. Die Kugel ging hübsch durch die Kartoffel, und Niemand hätte mehr thun können, obgleich Andere hätten eben so viel leisten mögen.«

»Aber Keiner leistete eben so viel!« rief Mabel mit einer Lebhaftigkeit, welche sie im Augenblick bereute: denn sie sah aus dem schmerzlichen Blick des Wegweisers, wie sehr er durch diese Bemerkung sowohl, als durch das Gefühl, mit welchem sie dieselbe aussprach, gekränkt wurde.

»Es ist wahr – es ist wahr, Mabel, Keiner leistete eben so viel; aber – doch ich sehe keinen Grund, warum ich meine Gaben, die von der Vorsehung kommen, verläugnen sollte – ja, ja; Keiner leistete dort so viel, aber Sie sollen sehen, was hier gethan werden kann. Sehen Sie die Möven, welche über unsern Köpfen fliegen?«

»Sicher, Pfadfinder; es sind ihrer zu viele, um der Beobachtung zu entgehen.«

»Hier, wo sie quer über einander hinfliegen,« setzte er hinzu, indem er den Hahn spannte und die Büchse erhob, »die zwei – die zwei: nun sehen Sie!«

Das Gewehr wurde mit Gedankenschnelle angelegt, als gerade zwei Vögel in eine Linie kamen, obgleich ihre Entfernung von einander viele Ellen betragen mochte; der Schuß fiel, und die Kugel drang durch die Körper der beiden Opfer. Die Möven waren kaum in den See gefallen, als der Pfadfinder seinen Büchsenschaft fallen ließ und in seiner eigenthümlichen Weise auflachte. Jeder Schatten von Unzufriedenheit und gekränktem Stolze hatte sein ehrliches Gesicht verlassen.

»Das ist Etwas, Mabel – das ist Etwas; obgleich ich Ihnen keinen Kalash zu geben habe. Aber fragen Sie Jaspern selbst; ich will Alles Jaspern überlassen, denn eine wahrere Zunge und ein treueres Herz ist nicht in Amerika.«

»Es war also nicht Jaspers Verdienst, daß er den Preis gewonnen hat?«

»Nicht doch! Er that sein Bestes und traf gut. Für Einen, der bessere Wassergaben als Landgaben hat, ist Jasper ungemein erfahren, und man kann sich weder auf dem Wasser noch auf dem Land einen bessern Rückhalt wünschen. Aber es war mein Werk, Mabel, daß er den Kalash gewonnen hat, obgleich es gerade keinen Unterschied macht – es macht keinen Unterschied, denn das Ding ist an die rechte Person gekommen.«

»Ich glaube, ich verstehe Euch, Pfadfinder,« sagte Mabel mit unwillkürlichem Erröthen; »und ich betrachte nun den Kalash als die vereinte Gabe von Euch und Jaspern.«

»Da würden Sie dem Jungen Unrecht thun. Er gewann das Kleidungsstück und hatte ein Recht, es wegzugeben. Ich wünsche nur, Mabel, Sie möchten glauben, daß, wenn ich es gewonnen hätte, es an dieselbe Person gekommen wäre.«

»Ich will es nicht vergessen, Pfadfinder, und Sorge tragen, daß auch Andere Eure Geschicklichkeit erfahren, die Ihr in meiner Gegenwart an den armen Möven erprobt habt.«

»Gott segne Sie, Mabel; aber es ist an dieser Gränze eben so unnöthig, meinem Schießen das Wort zu reden, als von dem Wasser des See's oder der Sonne am Himmel zu sprechen. Jedermann weiß, was ich in dieser Beziehung leisten kann, und Ihre Worte wären eben so verloren, wie das Französische bei einem Amerikanischen Bären.«

»Ihr denkt wohl, Jasper wisse, daß Ihr ihm den Vortheil verschafft habt, welchen er auf eine so unschöne Weise benutzt hat?« sagte Mabel, indem die Farbe, welche ihren Augen so viel Glanz verliehen hatte, allmälig ihr Gesicht verließ, das nun den Ausdruck eines gedankenvollen Ernstes annahm.

»Ich bin weit entfernt, das zu sagen. Wir Alle vergessen Dinge, die wir gewußt haben, wenn wir auf unsere Wünsche sehr erpicht sind, Jasper weiß wohl, daß ich eine Kugel eben so gut durch zwei Kartoffeln schicken kann, als ich es eben bei diesen Möven gethan habe, und er weiß, daß kein anderer Mann an der Gränze dieses vermag. Aber mit dem Kalash vor seinen Augen, und der Hoffnung, ihn Ihnen zu geben, war der Junge vielleicht gerade in diesem Augenblicke geneigt, besser von sich selbst zu denken, als er hätte thun sollen. Nein, nein; es ist nichts Niedriges oder Verdächtiges an Jasper Eau-douce, denn es ist eine natürliche Gabe aller jungen Leute, vor den Augen schöner, junger Frauen sich auszeichnen zu wollen.«

»Ich will versuchen, Alles zu vergessen, mit Ausnahme der Güte, welche Ihr Beide gegen ein armes, mutterloses Mädchen gezeigt habt,« sagte Mabel, indem sie sich bemühte, Bewegungen zu unterdrücken, von denen sie kaum einen Grund anzugeben wußte. »Glaubt mir, Pfadfinder, ich werde es nie vergessen, was Ihr schon Alles für mich gethan habt – Ihr und Jasper; und dieser neue Beweis Eurer Achtung soll nicht verloren sein. Hier, hier ist eine silberne Busennadel, und ich biete sie Euch an als ein Wahrzeichen, daß ich Euch mein Leben oder meine Freiheit verdanke.«

»Was soll ich thun mit diesem, Mabel?« fragte der Jäger verlegen, als er den einfachen Zierrath in seiner Hand hielt. »Ich habe weder Schnalle noch Knopf an mir, denn ich trage nichts als lederne Schnüre, und zwar aus guten Hirschhäuten. Es fällt hübsch in's Auge, aber es ist weit schöner an der Stelle, von der es kam, als es an mir sein würde.«

»Nein, macht sie in Euer Jagdhemd; sie wird Euch gut stehen. Erinnert Euch, daß es ein Zeichen unserer Freundschaft ist, und ein Merkmal, daß ich Eurer und Eurer Dienste nie vergessen kann.«

Mabel grüßte dann lächelnd zum Abschied, und an dem Damme hinhüpfend, verlor sich ihre Gestalt bald hinter dem Walle des Forts.

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