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Der Pfadfinder oder Das Binnenmeer

James Fenimore Cooper: Der Pfadfinder oder Das Binnenmeer - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Pfadfinder
publisherHoffmann'sche Verlags Buchhandlung.
printrunNeue unveränderte Auflage
year1869
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141112
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Zehntes Kapitel

Denk' nicht, ich lieb' ihn, weil ich für ihn bitte!
Er ist ein läppisch Kind – zwar spricht er gut –
Allein was sind mir Worte?

Eine Woche verging in der gewöhnlichen Weise eines Garnisonslebens. Mabel gewöhnte sich an ihre Lage, welche sie im Anfang nicht nur neu, sondern auch nur wenig lästig gefunden hatte. Die Offiziere und Soldaten machten sich der Reihe nach allmälig mit der Anwesenheit eines jungen und blühenden Mädchens vertraut, dessen Anmuth und Betragen das Gepräge einer bescheidenen höheren Bildung an sich trug, welche sie dem Aufenthalte in der Familie ihrer Beschützerin verdankte. Dabei ließ sie sich wenig beunruhigen durch die schlecht verhehlte Bewunderung dieser Leute, indem sie die Achtungsbeweise, welche ihr zu Theil wurden, gerne auf die Rechnung ihres Vaters schrieb, obschon sie ihr in der That mehr um ihres eigenen bescheidenen, aber geistvollen Benehmens willen, als aus Ehrerbietung gegen ihren würdigen Vater gezollt wurden.

Bekanntschaften, welche in einem Urwald oder unter Umständen von ungewöhnlicher Aufregung gemacht werden, erreichen bald ihre Gränzen. Mabel fand den Aufenthalt einer Woche an dem Oswego hinreichend, ihr diejenigen, mit welchen sie einen vertraulicheren Umgang wünschen konnte, und diejenigen, welche sie vermeiden mußte, zu bezeichnen. Die gewissermaßen neutrale Stellung, welche ihr Vater einnahm, da er kein Offizier war und doch so weit über dem gemeinen Soldaten stand, um diese beiden militärischen Klassen von ihr fern zu halten, verminderte die Zahl derer, mit denen sie sich bekannt machen mußte, und machte ihr die Entscheidung vergleichungsweise leicht. Doch bemerkte sie bald, daß es selbst unter denen, welche auf einen Sitz an der Tafel des Kommandanten Anspruch machen konnten, Einige gab, welche nicht abgeneigt waren, um der Neuheit einer gewandten Figur und eines artigen, gewinnenden Gesichtes willen die Hellebarde des Unteroffiziers zu übersehen, und am Schlusse der ersten zwei oder drei Tage hatte sie ihre Bewunderer auch unter den Vornehmeren der Garnison. Besonders war der Quartiermeister, ein Soldat von mittlerem Alter, welcher schon mehr als einmal die Segnungen des Ehestandes versucht hatte, zur Zeit aber als Wittwer lebte, augenscheinlich bemüht, mit dem Sergeanten in ein vertrauteres Verhältniß zu treten, obgleich sie durch die Pflicht des Dienstes oft zusammengeführt wurden. Die Jüngeren seiner Kameraden ermangelten daher nicht, ihre Bemerkungen zu machen, als dieser methodische Mann, der ein Schottländer war und of Muir hieß, die Quartiere seines Untergeordneten öfter als bisher besuchte. Ein Gelächter oder ein Scherz zu Ehren der Sergeantentochter machte dann gewöhnlich den Schluß ihrer Witzeleien, obgleich Mabel Dunham bald ein Toast wurde, den kein Fähndrich oder Lieutenant auszubringen Anstand nahm.

Am Ende der Woche ließ Duncan of Lundie nach dem Abendverlesen den Sergeanten Dunham wegen eines Geschäftes rufen, das, wie es hieß, einer persönlichen Besprechung bedurfte. Der alte Veteran wohnte in einer beweglichen Baracke, welche er, da sie auf Rädern stand, nach Belieben umher schieben lassen konnte, so daß er das eine Mal in diesem, das andere Mal in jenem Theile des innern Raumes der Veste sein Quartier hielt. Bei der gegenwärtigen Gelegenheit hatte er so ziemlich im Mittelpunkt desselben Halt gemacht, und hier fand ihn sein Untergebener, welcher unverzüglich, und ohne lange in dem Vorzimmer warten zu müssen, eintreten durfte. In der That war auch nur ein sehr geringer Unterschied in der Beschaffenheit der Wohnungen, welche den Offizieren, und denen, die der Mannschaft angewiesen waren. Erstere hatten nur den größeren Raum voraus, und Mabel mit ihrem Vater wohnte fast, wo nicht ganz, so gut als der Kommandant des Platzes selbst.

»Herein, Sergeant, herein, mein guter Freund,« sagte der alte Lundie herzlich, als sein Untergebener in respektvoller Haltung an der Thüre von einer Art Bibliothek und Schlafzimmer, in welches er eingetreten war, stehen blieb. »Herein, und nehmet auf diesem Stuhl da Platz. Ich habe nach Euch geschickt, Mann, aber nicht, um diesen Abend von den Zahlungslisten mit Euch zu sprechen. Wir sind nun schon so manches Jahr Kameraden gewesen, und so eine lange Bekanntschaft alter Burschen mag doch für Etwas gelten, zumal zwischen einem Major und seiner Ordonnanz, einem Schotten und einem Yankee. Sitzt nieder, Mann, und macht's Euch bequem, – Es ist ein schöner Tag gewesen, Sergeant.«

»In der That, Major Duncan,« erwiederte der Andere, welcher, obgleich er sich darein schickte, Platz zu nehmen, doch viel zu erfahren war, um nicht zu wissen, welchen Grad von Achtung er zu beobachten habe; »ein sehr schöner Tag ist heute gewesen, Sir, und wir möchten wohl gerne noch mehrere solche in dieser Jahreszeit sehen.«

»Ich hoffe das, von Herzen. Die Früchte sehen gut aus, Mann, und Ihr werdet finden, daß das Fünfundfünfzigste fast eben so gute Bauern als Soldaten bildet. Ich sah nie bessere Kartoffeln in Schottland, als die sind, welche wir wahrscheinlich von unserem Neubruch kriegen werden.«

»Sie versprechen einen guten Ertrag, Major Duncan, und in dieser Hinsicht einen behaglichern Winter, als der letzte war.«

»Das Leben ist fortschreitend, Sergeant, in seinen Bequemlichkeiten sowohl, als in dem Bedürfniß derselben. Wir werden alt und fangen an auf den Rückzug und an ein Ruheplätzchen zu denken. Ich fühle, daß meine Arbeitstage bald vorüber sind.«

»Der König, Gott segne ihn, hat noch einen guten Diener in Euer Gnaden.«

»Kann sein, Sergeant Dunham, besonders wenn es sich zutragen sollte, daß eine Oberst-Lieutenantsstelle für mich übrig bleibt.«

»Das Fünfundfünfzigste wird sich geehrt fühlen an dem Tage, an welchem das Patent Duncan of Lundie übertragen wird, Sir.«

»Und Duncan of Lundie wird sich geehrt fühlen an dem Tage, an welchem er es erhält. Aber, Sergeant, wenn Ihr auch nie eine Oberst-Lieutenantsstelle hattet, so habt Ihr doch ein gutes Weib gehabt, und das ist das Nächste an dem Range, um einen Mann glücklich zu machen.«

»Ich bin verheirathet gewesen, Major Duncan; aber es ist schon so lange her, daß ich keinen Vorbehalt mehr habe vor der Liebe, welche ich für Seine Majestät und meine Pflicht hege.«

»Was, Mann, nicht einmal die Liebe, welche Ihr gegen die rührige, kleine, rundgliedrige, rosenwangige Tochter hegt, die ich in den letzten paar Tagen in dem Fort gesehen habe? Pfui, Sergeant! So ein alter Bursche ich bin, so könnte ich doch fast das Mädchen selbst lieben, und die Oberst-Lieutenantsstelle zum Teufel schicken.«

»Wir wissen Alle, wo Major Duncans Herz ist, und das weilt in Schottland, wo eine schöne Dame geneigt und bereit ist, ihn glücklich zu machen, sobald sein eigenes Pflichtgefühl es gestattet.«

»Ach, die Hoffnung ist immer ein fernes Ding,« erwiderte der Obere, indeß, während er sprach, ein Schatten von Melancholie über seine harten schottischen Züge glitt, »und das hübsche Schottland ist ein fernes Land. Nun, wenn wir auch keine Heiden und kein Hafermehl in dieser Gegend haben, so haben wir doch Hochwild zu schießen, und Salme in einer Fülle, wie zu Berwick über dem Tweed. Ist es wahr, Sergeant, daß die Mannschaft sich beklagt, weil sie in der letzten Zeit überwildbretet und übertaubt worden sei?«

»Seit einigen Wochen nicht, Major Duncan, denn weder Hirsche noch Vögel sind in dieser Jahreszeit so häufig als sonst. Sie fängt zwar an, ihre Bemerkungen über den Salm zu machen, aber ich denke, wir werden ohne irgend eine ernsthafte Störung wegen der Kost durch den Sommer kommen. Nur die Schotten in dem Bataillon sprechen mehr als klug ist über den Mangel an Hafermehl, und murren gelegentlich über unser Weizenbrod.«

»Ah! das ist die menschliche Natur, Sergeant – reine unverfälschte schottische Menschennatur. Ein Haferkuchen, Mann, ist in der That ein angenehmer Bissen, und ich schmachte oft selbst nach einem Mund voll davon.«

»Wenn dieses Gefühl so beunruhigend wird, Major Duncan – ich meine bei der Mannschaft, Sir, denn ich möchte nicht so respektwidrig von Euer Gnaden sprechen – aber wenn die Soldaten so ernstlich nach ihrer natürlichen Nahrung schmachten, so möchte ich unterthänig empfehlen, daß etwas Hafermehl für sie eingeführt oder in dieser Gegend bereitet würde. Man würde, meines Erachtens, dann keine Klagen mehr hören. Ein klein wenig möchte wohl für die Kur zureichen.«

»Ihr seid ein Schalk, Sergeant, aber ich will gehangen sein, wenn ich weiß, ob Ihr nicht Recht habt. Es mag noch manche angenehmere Dinge in der Welt geben, als Hafermehl. Einmal habt Ihr eine angenehme Tochter, Dunham –«

»Das Mädchen gleicht ihrer Mutter, Major Duncan, und kann sich wohl sehen lassen,« sagte der Sergeant stolz. »Nirgends gedeiht Etwas besser, als auf ächt amerikanischem Boden. Das Mädchen kann sich sehen lassen, Sir.«

»Das kann sie, ich stehe dafür. Nun, ich kann eben so gut auf einmal zur Sache kommen und meine Reserve in die Fronte des Treffens bringen. Da ist David Muir, der Quartiermeister, welcher geneigt ist, Eure Tochter zu seinem Weib zu machen. Er hat mich eben angegangen, Euch die Sache zu eröffnen, weil er befürchtete, seine Würde zu compromittiren, und ich möchte dem noch beifügen, daß die Hälfte der jungen Leute im Fort Toaste auf sie ausbringen und von ihr reden vom Morgen bis in die Nacht.«

»Es ist eine große Ehre für sie, Sir,« erwiederte der Vater steif; »aber ich glaube, daß die Herren bald einen würdigeren Gegenstand finden werden, um über diesen lange zu sprechen. Ich hoffe, sie als das Weib eines rechtschaffenen Mannes zu sehen; ehe noch einige Wochen um sind, Sir.«

»Ja, David ist ein rechtschaffener Mann, und das ist, denke ich, mehr, als man von Allen in des Quartiermeisters Departement sagen kann,« entgegnete Lundie mit einem leichten Lächeln. »Nun denn, darf ich dem in Liebe verstrickten jungen Mann sagen, daß die Sache abgemacht ist?«

»Ich danke Euer Gnaden; aber Mabel ist einem Andern verlobt.«

»Zum Teufel, ist's wahr? Das wird eine Störung im Fort hervorbringen. Doch um frei mit Euch zu reden, Sergeant, es thut mir nicht leid, Etwas der Art zu hören; denn ich bin kein großer Bewunderer von ungleichen Verbindungen.«

»Ich denke, wie Euer Gnaden, und trage kein Verlangen darnach, meine Tochter als eine Offiziersfrau zu sehen. Wenn sie erreichen kann, was ihre Mutter vor ihr, so muß sie als eine vernünftige Person zufrieden sein.«

»Und darf ich fragen, Sergeant, wer der glückliche Mann ist, den Ihr Euch zum Schwiegersohn ausersehen habt?« »Der Pfadfinder, Euer Gnaden.« »Der Pfadfinder?«

»Ja, Major Duncan, und indem ich Ihnen seinen Namen nenne, gebe ich Ihnen seine ganze Geschichte. Niemand ist an dieser Gränze bekannter, als mein ehrlicher, braver, treuherziger Freund.«

»Das ist Alles sehr wahr. Ist er aber auch so eine Art Person, die ein Mädchen von zwanzig glücklich machen kann?«

»Warum nicht, Euer Gnaden? Der Mann ist der Erste seines Berufs. Es gibt keinen andern Wegweiser oder Kundschafter bei der Armee, der nur halb so viel Achtung besäße wie der Pfadfinder, oder sie nur halb so gut verdiente.«

»Ganz richtig, Sergeant; aber ist die Achtung, die ein Kundschafter genießt, so eine Art Ruf, um die Phantasie eines Mädchens anzusprechen?«

»Von den Phantasien eines Mädchens zu reden, Sir, ist, nach meiner unterthänigen Meinung, eben so viel, als wenn man von dem Urtheil eines Rekruten sprechen wollte. Wenn wir uns von den Bewegungen einer tölpischen Rekrutenabtheilung wollten leiten lassen, so würden wir das Bataillon nie in eine anständige Linie bringen, Major Duncan.«

»Aber Eure Tochter hat nichts Tölpisches an sich, denn ein anständigeres Mädchen von ihrer Klasse findet man selbst in Altengland nicht. Theilt sie über diesen Punkt Eure Ansichten? doch ich denke, sie muß wohl, da Ihr mir sagt, sie sei verlobt.«

»Wir haben noch nicht über diesen Gegenstand mit einander gesprochen, Euer Gnaden; aber ich betrachte sie in ihrem Sinn für so gut als einverstanden, nach mehreren kleinen Umständen, welche wohl namhaft sein möchten.«

»Und was sind das für Umstände, Sergeant?« fragte der Major, welcher an der Sache mehr Theil zu nehmen begann, als er im Anfang gefühlt hatte. »Ich bekenne, ich bin ein wenig neugierig, etwas von dem Sinne der Weiber kennen zu lernen, da ich, wie Ihr wißt, selbst ein Junggeselle bin.«

»Euer Gnaden, wenn ich von dem Pfadfinder zu dem Mädchen spreche, so blickt sie mir immer voll in's Gesicht, stimmt mit Allem überein, was ich zu seinen Gunsten sage, und benimmt sich dabei aus eine freie und offene Weise, welche so viel sagt, als ob sie ihn schon halb als ihren Ehemann betrachte.«

»Hm – und diese Zeichen, Sergeant, glaubt Ihr, seien die treuen Merkmale ihrer Gefühle?«

»Ja, Euer Gnaden, denn sie sind auffallend genug. Wenn ich einen Mann finde, Sir, der mir frei in's Gesicht sieht, während er einen Offizier lobt – denn, ich bitte Euer Gnaden um Verzeihung, die Soldaten machen bisweilen ihre Bemerkungen über die Vorgesetzten – wenn ich einen Mann finde, der mir in die Augen sieht, wenn er seinen Kapitän lobt, so nehme ich immer an, daß der Bursche ehrlich ist, und es auch so meint, wie er sagt.«

»Ist aber nicht ein wesentlicher Unterschied zwischen dem Alter des beabsichtigten Bräutigams und dem seiner artigen Braut, Sergeant?«

»Ganz recht, Sir, Pfadfinder steht um die vierzig, und Mabel hat jede Aussicht auf ein Glück, welches ein junges Weib mit Sicherheit durch den Besitz eines erfahrenen Ehemannes erwarten darf. Ich war selbst volle vierzig Jahre alt, als ich ihre Mutter heirathete.«

»Aber wird Eure Tochter geneigt sein, ein grünes Jagdhemd, wie es Euer würdiger Wegweiser trägt, mit einer Fuchsmütze, eben so zu bewundern, als die blanke Uniform des Fünfundfünfzigsten?«

»Vielleicht nicht, Sir; dafür wird sie aber das Verdienst der Selbstverläugnung haben, welche immer ein junges Weib weiser und besser macht.«

»Und Ihr befürchtet nicht, daß sie noch als ein junges Weib Wittwe werden möchte? Immer unter wilden Thieren und noch wilderen Menschen – man kann von Pfadfinder sagen, daß er sein Leben in seiner Hand trage.«

»Jede Kugel hat ihr bestimmtes Ziel, Lundie,« denn so ließ sich der Major in Augenblicken der Herablassung, und wenn es sich nicht um militärische Angelegenheiten handelte, gerne nennen; »und kein Mann im Fünfundfünfzigsten kann sich von dem Unfall eines plötzlichen Todes befreit halten. In dieser Hinsicht würde also Mabel bei dem Tausche nichts gewinnen. Außerdem, Sir, um über einen solchen Gegenstand von der Brust weg zu sprechen, zweifle ich sehr, ob der Pfadfinder je in einer Schlacht, oder unter den plötzlichen Wechselfällen der Wildniß stirbt.«

»Und warum das, Sergeant?« fragte der Major, indem er aus seinen Untergebenen mit jener Art von Ehrfurcht blickte, welche ein Schotte jener Zeit, mehr als dieß gegenwärtig der Fall ist, vor mysteriösen Einwirkungen hegte. »Er ist ein Soldat, und was die Gefahr anbelangt, Einer von denen, welche mehr als gewöhnlich ausgesetzt sind; und, wenn er auch keine Kapitulation hat, warum sollte er da zu entrinnen hoffen dürfen, wo es Andere nicht können?«

»Ich glaube nicht, daß der Pfadfinder sein eigenes Geschick für besser betrachtet, als das irgend eines Andern; aber der Mann wird nie durch eine Kugel sterben. Ich habe ihn so oft sein Gewehr mit einer Fassung handhaben sehen, als ob es nur ein Schäferstecken wäre, mitten im dichtesten Kugelregen und unter so manchen außerordentlichen Umständen, daß ich mir nicht denken kann, es sei die Absicht der Vorsehung, ihn je auf diese Weise fallen zu lassen. Und doch, wenn irgend ein Mann in Seiner Majestät Besitzungen einen solchen Tod verdient, so ist's der Pfadfinder.«

»Wir können das nie wissen, Sergeant,« erwiederte Lundie, mit gedankenvollem Ernst in seinen Zügen; »und je weniger mir davon sprechen, desto besser ist's vielleicht. Aber wird Eure Tochter – Mabel, glaube ich, nennt Ihr sie – wird Mabel geneigt sein, einen Mann zu nehmen, der im Grunde doch nur ein Anhängsel zu der Armee ist, und nicht lieber Einen aus dem Dienst selbst wählen? Es ist keine Hoffnung zum Avanciren für den Pfadfinder vorhanden, Sergeant.«

»Er ist bereits an der Spitze seines Corps, Euer Gnaden. Kurz, Mabel ist darauf vorbereitet, und da Euer Gnaden sich soweit herabgelassen haben, mit mir von Herrn Muir zu sprechen, so hoffe ich, daß Sie die Güte haben werden, ihm zu sagen, daß das Mädchen so gut als einquartirt für ihr Leben ist.«

»Wohl, wohl, das ist Eure eigene Sache, und nun – Sergeant Dunham!«

»Euer Gnaden,« sagte der Andere, indem er sich erhob, und die übliche Begrüßung gab.

»Man hat Euch gesagt, daß es meine Absicht sei, Euch für den nächsten Monat nach den Tausend-Inseln zu schicken. Alle die alten Subalternoffiziere haben ihre Diensttour in diesem Quartier gehabt, wenigstens Alle, denen ich vertrauen durfte, und es kommt nun endlich die Reihe an Euch. Es ist zwar wahr, Lieutenant Muir macht auf sein Recht Anspruch, aber da er Quartiermeister ist, so liebe ich es nicht, altherkömmliche Anordnungen aufzuheben. Sind die Leute gezogen?«

»Alles ist bereit, Euer Gnaden. Der Zug ist vorüber, und ich hörte von dem Kahne, welcher in der letzten Nacht Botschaft brachte, die Meldung, daß die dortige Mannschaft bereits nach der Ablösung aussähe.«

»Es ist so, und Ihr müßt übermorgen, wenn nicht schon morgen Nacht abgehen. Es wird vielleicht klug sein, in der Dunkelheit zu segeln.«

»So denkt Jasper, Major Duncan, und ich kenne Niemand, auf den man sich in einer solchen Angelegenheit besser verlassen könnte, als auf den jungen Jasper Western.«

»Der junge Jasper Eau-douce?« sagte Lundie, indem sich ein leichtes Lächeln um seinen gewöhnlich ernsten Mund zog. »Wird dieser junge Mensch auch von Eurer Partie sein, Sergeant?«

»Euer Gnaden wird sich erinnern, daß der Scud nie ohne ihn ausläuft.«

»Wahr, aber alle Regeln haben Ausnahmen. Habe ich nicht einen Seemann in den letzten paar Tagen um das Fort gesehen?«

»Ohne Zweifel, Euer Gnaden. Es ist Meister Cap, mein Schwager, welcher mir meine Tochter herauf brachte.«

.Warum nicht ihn für diesen Kreuzzug in den Scud setzen, Sergeant, und den Jasper zurücklassen? Euer Schwager würde wohl gerne zur Abwechslung einmal auf dem Frischwasser kreuzen, und Ihr könntet Euch mehr seiner Gesellschaft erfreuen.«

»Ich habe beabsichtigt, Euer Gnaden um die Erlaubniß zu bitten, ihn mitnehmen zu dürfen; aber er muß als Volontair mitgehen. Jasper ist ein zu braver Junge, als daß man ihn ohne Grund des Kommando's entheben sollte, Major Duncan; und ich fürchte, mein Schwager Cap verachtet das Frischwasser zu sehr, um daraus Dienste zu thun.«

»Gut, Sergeant, ich überlasse das Alles Eurem eigenen Urtheile. Wenn man die Sache weiter überlegt, so muß Jasper sein Kommando behalten. Ihr beabsichtigt wohl, den Pfadfinder auch mitzunehmen?«

»Wenn es Euer Gnaden billigt. Es wird Dienste geben für beide Wegweiser, den Indianer sowohl, als den Weißen.«

»Ich glaube, Ihr habt Recht. Nun, Sergeant, ich wünsche Euch gut Glück zu der Unternehmung, und denkt darauf, daß der Posten zerstört und verlassen werde, wenn Euer Kommando zurückgezogen wird. Er wird seine Dienste dann geleistet haben, oder wir begehen einen großen Mißgriff, denn wir sind dort in einer zu kitzlichen Stellung, um sie unnöthigerweise zu unterhalten. Ihr könnt abtreten.«

Sergeant Dunham salutirte auf die übliche Weise, drehte sich auf seinen Fersen wie auf Spindelzapfen, und hatte fast die Thüre hinter sich geschlossen, als er plötzlich wieder zurückgerufen wurde.

»Ich habe vergessen, Sergeant, daß die jüngern Offiziere um ein Wettschießen angesucht haben, und der morgende Tag ist dazu bestimmt. Alle Bewerber werden zugelassen, und die Preise bestehen in einem mit Silber ausgelegten Pulverhorn, einer ledernen Flasche ditto« – er las dieses von einem Stückchen Papier – wie ich aus dem gewerbsmäßigen Jargon dieser Liste ersehe, und einem seidenen Damen-Kalash. Ein Kopfputz. Bei dem letzteren kann der Sieger seine Galanterie zeigen, indem er ihn seiner Liebsten zum Geschenk macht.«

»Alles sehr angenehm, Euer Gnaden, wenigstens für den, welchem es glückt. Darf der Pfadfinder auch Theil nehmen?«

»Ich sehe nicht wohl ein, wie man ihn ausschließen könnte, wenn er kommen will. Ich habe aber in der letzten Zeit bemerkt, daß er keinen Theil an solchen Belustigungen nimmt, wahrscheinlich, weil er von seiner eigenen unübertroffenen Geschicklichkeit überzeugt ist.«

»'s ist so, Major Duncan. Der ehrliche Bursche weiß, daß es Keinen an der Gränze gibt, der sich mit ihm messen kann, und wünscht nicht, Andere ihres Vergnügens zu berauben. Ich denke, wir können uns jedenfalls auf sein Zartgefühl verlassen, Sir. Es möchte vielleicht gut sein, ihn seinen eigenen Weg gehen zu lassen?«

»In diesem Fall müssen wir es, Sergeant. Ob er in allem Andern so guten Erfolg erlebt, werden wir sehen. Ich wünsche Euch guten Abend, Dunham.«

Der Sergeant zog sich nun zurück, und überließ Duncan of Lundie seinen eigenen Gedanken. Daß diese nicht ganz unangenehm waren, konnte man an dem Lächeln bemerken, welches gelegentlich auf seinem Gesichte, das gewöhnlich einen harten soldatischen Ausdruck zeigte, sich lagerte, obgleich es auf Augenblicke wieder dem besonnenen Ernste wich. So mochte ungefähr eine halbe Stunde vergangen sein, als ein Pochen an der Thüre durch die Aufforderung einzutreten, beantwortet wurde. Ein Mann von mittlerem Alter in Offiziersuniform, die aber des in diesem Stande gewöhnlichen geputzten Ansehens entbehrte, trat ein, und wurde als Herr Muir begrüßt.

»Ich komme auf Ihren Befehl, Sir, um mein Schicksal zu erfahren,« sagte der Quartiermeister mit hartem schottischen Accent, sobald er den Sitz eingenommen hatte, der ihm angeboten worden war. »In der That, Major Duncan, dieses Mädchen richtet in der Garnison so viel Zerstörung an, als die Franzosen vor Ty. Ich habe nie in so kurzer Zeit eine so allgemeine Verwirrung gesehen.«

»Sie wollen mich doch sicherlich nicht überreden, David, daß Ihr junges und unverdorbenes Herz in einer solchen Flamme ist, da es erst die Gluth einer Woche trägt? Das wäre noch ein üblerer Umstand, als der in Schottland, wo, wie man sagt, die innere Hitze so übermächtig war, daß sie sogar ein Loch durch ihren kostbaren Körper brannte, durch welches alle Mädchen hineingucken konnten, um zu sehen, was das entzündliche Material werth sei.«

»Sie wollen Ihre eigene Weise haben, Major Duncan, und Ihr Vater und Ihre Mutter wird sie vor Ihnen gehabt haben, selbst wenn der Feind im Lager war. Ich sehe nichts so Besonderes d'ran, wenn junge Leute dem Zug ihrer Neigungen und Wünsche folgen.«

»Sie sind aber den Ihrigen so oft gefolgt, David, daß man denken sollte, sie hätten dermalen den Reiz der Neuheit verloren. Einschließlich jener, der nöthigen Formalitäten entbehrenden Affaire in Schottland, wo Sie noch ein junger Bursche waren, haben Sie sich schon viermal verheirathet.«

»Nur dreimal, Major, so wahr ich hoffe, noch ein Weib zu bekommen. Ich habe noch nicht meine Zahl; nein, nein, bloß dreimal.«

»Ich glaube, Sie rechnen die erwähnte erste Geschichte nicht mit, – ich meine die, wo kein Pfarrer dabei war?«

»Und warum sollte ich, Major?« Das Gericht hat entschieden, daß es keine Heirath war, und was braucht ein Mensch weiter? Das Weib zog Vortheil von einer leichten verliebten Neigung, die vielleicht eine Schwäche in meiner Sinnesart sein mochte, und verführte mich zu einem Kontrakt, der als ungesetzlich erfunden wurde.«

»Wenn ich mich recht erinnere, Muir, so glaubte man zu jener Zeit, daß diese Angelegenheit zwei Seiten hätte?«

»Es müßte ein sehr gleichgültiger Gegenstand sein, mein lieber Major, der nicht seine zwei Seiten hätte, und ich weiß von manchen, die ihrer drei hatten. Aber das arme Weib ist todt, auch war kein Nachkomme da, und so hatte die Sache keine weiteren Folgen. Dann war ich besonders unglücklich mit meinem zweiten Weib; ich sage zweites, Major, aus Achtung gegen Sie, und unter der Voraussetzung, daß hier doch nur von meiner wirklichen ersten Verheirathung die Rede ist; aber erste oder zweite, ich war besonders unglücklich mit Jeannie Graham, da sie in dem ersten Lustrum starb, ohne mir ein Hähnchen oder Hühnchen zurückzulassen. Ich glaube nicht, daß, wenn Jeannie am Leben geblieben wäre, ich je einen Gedanken auf ein anderes Weib gerichtet hätte.«

»Nun sie aber dieß nicht that, so hatten Sie zweimal nach ihrem Tod wieder geheirathet, und gehen damit um, es zum dritten Mal zu thun.«

»Der Wahrheit kann billigerweise nie widersprochen werden, Major, und ich bin immer bereit, sie anzuerkennen. Ich glaube, Lundie, Sie sind melancholisch an diesem schönen Abend?«

»Nein, Muir, nicht gerade melancholisch, aber, ich gestehe es, ein bischen in Gedanken. Ich blickte ein wenig zurück auf meine Jugendjahre, wo ich, der Lairdssohn, und Sie, der des Pfarrers, auf unsern heimathlichen Hügeln als glückliche, sorglose Knaben herumstreiften, die sich wenig um die Zukunft kümmerten. Dann kamen mir einige Gedanken, die ein wenig schmerzlicher sind, wegen der Folgezeit, wie sie nun geworden ist.«

»Sicherlich, Lundie, beklagen Sie sich nicht über den Ihnen beschiedenen Theil? Sie haben es bis zum Major gebracht, und werden bald Oberst-Lieutenant werden, wenn man sich aus Briefe verlassen kann, während ich blas um eine einzige Stufe höher stehe, als zur Zeit, wo mir Ihr geehrter Vater meine erste Stelle verschaffte, und ein armer Teufel von einem Quartiermeister bin,« »Und die vier Weiber?«

»Drei, Lundie; nur drei waren gesetzlich, sogar nach unsern eigenen liberalen und geheiligten Gesetzen.«

»Wohl denn, lassen wir's drei sein, David,« sagte Major Duncan, indem er unwillkürlich in die Aussprache und den Dialekt seiner Jugend zurückverfiel, was auch bei gebildeten Schottländern leicht geschieht, wenn sie über einen Gegenstand warm werden, der ihr Herz näher berührt. – »Sie wissen's, David, daß meine eigene Wahl schon lange getroffen ist, und wie ich ängstlich und in banger Hoffnung auf die glückliche Stunde gewartet, wo ich einmal das Weib, das ich so lange liebte, mein nennen könnte, und Sie haben hier, ohne Vermögen, Namen, Geburt oder Verdienst – ich meine besonderes Verdienst –«

»Nä, nä, können Sie so was sagen, Lundie? Die Muirs sind von gutem Blut.«

»Wohldenn, also, ohne was Anderes als Blut, haben Sie vier Weiber gehabt.«

»Ich sag' Ihnen, nur drei, Lundie. Sie werden die alte Freundschaft schwächen, wenn Sie vier sagen.«

»Lassen wir's bei Ihrer eigenen Zahl, David; auch die ist schon mehr, als Ihnen gebührt. Unser Leben ist sehr verschieden gewesen, im Punkte des Heirathens wenigstens – Sie müssen das zugeben, mein alter Freund.«

»Und wer meinen Sie wohl, ist dabei der Gewinnende, Major, wenn wir so frei mit einander sprechen wollen, als wir es thaten, wie wir noch Jungen waren?«

»Ich habe nichts zu verhehlen. Meine Tage gingen hin in verzögerter Hoffnung, während die Ihrigen in –«

»Nicht realisirter Hoffnung, ich geb' Ihnen mein Ehrenwort, Major Duncan,« unterbrach ihn der Quartiermeister. »Von jedem neuen Versuch hoffte ich einen Vortheil; aber Täuschung scheint das Loos des Menschen zu sein. Ach, es ist eine eitle Welt, Lundie, man muß es zugeben, und in nichts eitler als im Ehestand.«

»Und doch nehmen Sie keinen Anstand, Ihren Nacken zum fünften Mal in die Schlinge zu stecken?«

»Ich behaupte, daß es das vierte Mal ist, Major Duncan,« sagte der Quartiermeister mit Bestimmtheit; dann änderte sich der Ausdruck seines Gesichtes plötzlich in den eines knabenhaften Entzückens, und er fuhr fort: »Aber diese Mabel Dunham ist eine rara avis. Unsere schottischen Mädchen sind schön und angenehm, aber man muß zugestehen, diese Kolonialmädchen übertreffen sie an Liebenswürdigkeit.«

»Sie werden wohl thun, Ihre Stellung und Ihr Blut nicht aus dem Auge zu verlieren, David. Ich glaube, alle Ihre vier Weiber –«

»Ich wünschte, mein lieber Lundie, daß Sie in Ihrer Arithmetik etwas genauer wären. Drei mal eins macht drei.«

»Alle drei also waren, was man Frauen von Stand zu nennen pflegt?«

»Gerade so ist's, Major. Drei waren Frauen von Stand, wie ich Ihnen sage, und die Verbindungen waren angemessen.«

»Und die vierte war die Tochter von meines Vaters Gärtner; diese Verbindung war nicht angemessen. Aber fürchten Sie nicht, daß die Verehelichung mit dem Kinde eines Unteroffiziers, der noch dazu mit Ihnen bei demselben Corps steht, die Folge haben wird, Ihr Ansehen bei dem Regiment zu schmälern?«

»Das ist gerade mein Leben lang meine schwache Seite gewesen, Major Duncan, denn ich habe immer geheirathet, ohne auf die Folgen Rücksicht zu nehmen. Jedermann hat seinen Fehler, und ich fürchte, der meinige ist das Heirathen. Doch, da wir nun verhandelt haben, was man die Prinzipien der Verbindung nennen könnte, so möchte ich fragen, ob Sie mir die Gunst erwiesen haben, mit dem Sergeanten über diese Kleinigkeit zu sprechen?«

»Ich that es, David, besorge aber, daß ich Ihnen wenig Hoffnung zu einem günstigen Erfolg machen kann!«

»Zu keinem günstigen Erfolg? Ein Offizier und Quartiermeister obendrein, und kein günstiger Erfolg bei eines Sergeanten Tochter?«

»Das ist's gerade, David.«

»Und warum nicht, Lundie? Werden Sie wohl die Güte haben, mir das zu beantworten?«

»Das Mädchen ist verlobt. Hand und Wort gegeben, die Liebe verbürgt, – nein, ich will gehangen sein, wenn ich das je glaube: aber sie ist verlobt.«

»Wohl, das ist ein Hinderniß, ich geb' es zu, Major, obgleich ich es nur gering anschlage, wenn das Herz frei ist.«

»Ganz wahr; und mir ist es wahrscheinlich, daß das Herz in diesem Falle frei ist. Der beabsichtigte Ehemann scheint eher die Wahl des Vaters, als die der Tochter zu sein.«

»Und wer mag das sein, Major?« fragte der Quartiermeister, welcher die ganze Sache mit der Philosophie und Ruhe eines erfahrenen Mannes überblickte. »Ich kann mir doch keinen passenden Freier denken, der mir im Wege stehen könnte.«

»Nein, Sie sind der einzige passende Freier an der Gränze, David. Der glückliche Mann ist Pfadfinder.«

»Pfadfinder, Major Duncan?«

»Nicht mehr und nicht weniger, David Muir. Pfadfinder, ist der Mann. Aber es mag Ihre Eifersucht ein wenig erleichtern, wenn ich Ihnen sage, daß mir der Handel mehr von dem Vater, als von der Tochter auszugehen scheint.«

»Ich dachte mir das,« rief der Quartiermeister aus, und schöpfte tief Athem, wie Einer, der eine Last von seiner Brust genommen fühlt. »Es ist ganz unmöglich, daß mit meiner Erfahrung in der menschlichen Natur –«

»Besonders in der Weibernatur, David –«

»Sie wollen Ihren Scherz haben, Lundie, und mag sich auf den einlassen, wer will. Ich kann es aber nicht für möglich halten, daß ich mich täuschen sollte über die Neigung eines jungen Frauenzimmers, welche, – ich kann mich, denke ich, wohl kühn darüber aussprechen, da wir unter uns sind – über den Stand des Pfadfinders hinausgehen. Was das Individuum selbst anbelangt – nun, die Zeit wird's lehren.«

»Sagen Sie mir doch offen, David Muir,« sprach Lundie, indem er eine kurze Weile seinen Spaziergang unterbrach und den Andern ernst und mit einem komischen Ausdruck der Ueberraschung in's Gesicht faßte, welcher die Züge des Veteranen in einem spöttischen Ernst erscheinen ließ, – »glauben Sie wirklich, daß ein Mädchen, wie die Tochter des Sergeanten Dunham, eine ernsthafte Neigung zu einem Manne von Ihren Jahren, Ihrem Aussehen, und – Ihrer Erfahrung, möcht' ich hinzusetzen – fassen kann?«

»Bst, ruhig, Lundie; Sie kennen das Geschlecht nicht, und das ist der Grund, warum Sie in Ihrem fünfundvierzigsten Jahre noch unverheirathet sind, 's ist doch 'ne schreckliche Zeit, die Sie als Junggeselle zugebracht haben, Major!«

»Und was mag Ihr Alter sein, Lieutenant Muir, wenn man eine so delikate Frage wagen darf?«

»Siebenundvierzig; ich will's nicht verläugnen, Lundie; und wenn ich Mabel kriege, so kommt gerade auf jedes Jahrzehent eine Frau. Aber nä, ich kann nicht denken, daß Sergeant Dunham so niedrig gesinnt sein sollte, um sich's träumen zu lassen, dieses süße Mädchen einem Menschen, wie dem Pfadfinder, zu geben.«

»Er träumt sich nichts dabei, David; der Mann ist so ernsthaft, wie ein Soldat, der gepeitscht werden soll.«

»Wohl, wohl, Major, wir sind alte Freunde« – Beide kamen in ihr Schottisch oder vermieden es, je nachdem sie im Gespräch ihre jüngeren Tage berührten, oder davon abkamen – »und sollten wissen, wie man außer dem Dienst einen Scherz zu nehmen oder zu geben hat. Es ist möglich, daß der würdige Mann meine Winke nicht verstanden, oder die Sache sich nie so gedacht hat. Der Unterschied zwischen einer Offiziersfrau und dem Weib eines Wegweisers ist so ungeheuer, als der zwischen dem Alter Schottlands und dem Alter Amerika's. Auch bin ich von altem Blute, Lundie.«

»Nehmen Sie mein Wort dafür, David – Ihr Alter wird Sie in dieser Angelegenheit nichts nützen, und was Ihr Blut anbelangt, so ist es nicht älter, als Ihre Knochen. Nun gut; Sie kennen des Sergeanten Antwort, und werden bemerken, daß mein Einfluß, auf den Sie so viel gezählt haben, Nichts für Sie thun kann. Lassen Sie uns ein Glas mit einander leeren, alter Bekanntschaft wegen, und dann werden Sie gut thun, sich der Partie zu erinnern, die morgen abgehen soll, und Mabel Dunham, so gut als Sie immer können, zu vergessen.«

»Ach, Major! ich hab' es immer leichter gefunden, ein Weib, als ein Schätzchen zu vergessen. Wenn ein Paar so recht ordentlich verheirathet ist, so ist Alles im Reinen, bis der Tod am Ende uns Alle trennt; und es scheint mir höchst unehrerbietig, die Hingeschiedenen zu beunruhigen. Dagegen ist den Mädchen gegenüber so viel Angst, Hoffnung und Glückseligkeit in der liebenden Erwartung, daß die Gedanken immer rege erhalten werden.«

»Das ist gerade auch meine Ansicht von Ihrer Lage, David; denn ich habe nie vermuthet, daß Sie noch eine weitere Glückseligkeit von Ihren Weibern erwarten. Nun, ich habe wohl schon von Burschen gehört, welche so einfältig waren, das Glück mit ihren Weibern auch jenseits des Grabes zu suchen. Ich trinke Ihnen zu, auf glückliche Fortschritte, oder auf baldige Wiedergenesung von diesem Anfalle, Lieutenant, und ermahne Sie, für die Zukunft vorsichtiger zu sein, da einige solcher heftigen Zufälle Ihnen am Ende den Garaus machen könnten.«

»Schönen Dank, lieber Major, und baldiges Ende einer bekannten alten Freierei. Das ist ein wahrer Bergthau, Lundie, und wärmt das Herz wie ein Strahl aus dem guten Schottland. Was die Leute, deren Sie erwähnt haben, anbelangt, so konnten sie nur ein Weib gehabt haben; denn wenn Einer einmal Einige gehabt hat, so bringen ihn die Weiber selbst durch ihr Benehmen auf andere Gedanken. Ich denke, ein vernünftiger Ehemann muß zufrieden sein, wenn er seine freie Zeit mit einem wunderlichen Weibe, welches dieser Welt angehört, zubringen kann, und soll nicht wegen unerreichbarer Dinge den Kopf hängen lassen. Ich bin Ihnen unendlich verbunden, Major Duncan, für diesen und alle andern Freundschaftsbeweise, und wenn Sie noch einen weiteren dazu fügen wollten, so würde ich glauben, daß Sie den Spielkameraden Ihrer Jugend nicht ganz vergessen hätten.«

»Wohl, David, wenn das Gesuch ein vernünftiges ist und so, daß ein Vorgesetzter es zugestehen kann, heraus damit.«

»Wenn Sie nur einen kleinen Dienst für mich da unten an den Tausend-Inseln ersinnen könnten, so für ein Tager vierzehn. Ich denke, ein solcher Umstand würde zur Zufriedenheit aller Partieen ausfallen. Es fällt mir eben auch bei, Lundie, daß das Mädchen die einzige heirathbare Weiße an dieser Gränze ist.«

»Es gibt immer einen Dienst für einen Mann in Ihrer Stellung auf einem Posten, wenn er auch nur unbedeutend ist: aber dort unten kann er von dem Sergeanten eben so gut, als von einem General-Quartiermeister besorgt werden, und wohl noch besser.«

»Wer nicht besser, als von einem Regimentsoffizier. Es findet im Allgemeinen eine große Verschwendung bei den Ordonnanzen statt.«

»Ich will darauf denken, Muir,« sagte der Major lachend.

»Sie sollen morgen meine Antwort haben. Auch wird es morgen für Sie eine schöne Gelegenheit geben, sich vor der Dame zu zeigen. Sie wissen mit der Büchse gut umzugehen, und es gibt Preise zu gewinnen. Machen Sie sich gefaßt, Ihre Geschicklichkeit zu entwickeln, und wer weiß, was geschieht, ehe noch der Scud absegelt.«

»Ich denke, die meisten jungen Leute werden die Sicherheit ihrer Hand bei diesem Spiele versuchen wollen, Major?«

»Das werden sie, und einige von den Alten auch, wenn Sie dabei erscheinen. Um Sie in der Fassung zu erhalten, will ich selbst einen Schuß, oder zwei thun, David; und Sie wissen, daß ich in dieser Beziehung einigen Ruf habe.«

»Es möchte in der That gut sein. Das weibliche Herz, Major Duncan, ist verschiedenartig empfänglich, und bisweilen in einer Weise, welche nicht mit den Regeln der Philosophie harmonirt. Einige verlangen von ihrem Anbeter, daß er gegen sie eine regelmäßige Belagerung eröffne, und kapituliren blos, wenn der Platz sich nicht mehr länger halten kann; Andere lieben es, wenn sie im Sturm genommen werden, indeß wieder Andere solche Drachen sind, daß man sie nur fangen kann, wenn man sie in einen Hinterhalt leitet. Das erste ist das anständigste und vielleicht das am meisten für einen Offizier passende Verfahren, obschon ich sagen muß, daß das letztere am meisten Vergnügen macht.«

»Eine Ansicht, welche Sie ohne Zweifel Ihrer Erfahrung verdanken. Und was ist's mit der Sturmpartie?«

»Die mag für jüngere Leute passen,« erwiederte der Quartiermeister, indem er aufstand, und mit den Augen zwinkerte, eine Freiheit, die er sich oft auf Rechnung seiner langjährigen Vertrautheit gegen seinen kommandirenden Offizier herausnahm; »jede Periode des Lebens hat ihre Erfordernisse, und im Siebenundvierzigsten ist es gerade angemessen, sich ein wenig auf den Kopf zu verlassen. Ich wünsche recht guten Abend, Major Duncan, und Freiheit von der Gicht, mit einem süßen und erfrischenden Schlafe.«

»Dasselbe Ihnen, Herr Muir, mit vielem Dank. Vergessen Sie den morgigen Waffengang nicht!«

Der Quartiermeister zog sich zurück, und überließ es Lundie, in seiner Bibliothek über das, was eben vorgegangen war, seinen Gedanken nachzuhängen. Langjähriger Umgang hatte den Major Duncan so an den Lieutenant Muir und an dessen Weise und Laune gewöhnt, daß das Betragen des Letzteren ihm nicht so, wie wahrscheinlich dem Leser, auffiel. In der That gehen auch, obgleich wir Alle nach einem gemeinsamen Gesetz, welches man Natur nennt, handeln, die Verschiedenheiten in den Neigungen, Urtheilsweisen, Gefühlen und Eigenheiten der Menschen in's Unendliche.

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