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Der Pfadfinder. Bearbeitet von Friedrich Meister

James Fenimore Cooper: Der Pfadfinder. Bearbeitet von Friedrich Meister - Kapitel 8
Quellenangabe
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Pfadfinder. Bearbeitet von Friedrich Meister
publisherVerlag von Abel & Müller
printrunVierte Auflage
yearo.J.
illustratorE. Klingebeil
translatorFriedrich Meister
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170212
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Siebentes Kapitel.
Die indianische Freundin.

Der Ontario gleicht einem jähzornigen Menschen; schnell entfacht und fürchterlich ist sein wildes Wüten, aber ebenso schnell ist er wieder besänftigt. Bald nachdem die ›Wolke‹ zu Anker gegangen war, legte sich der Sturm und es wurde ganz still; gegen Sonnenuntergang ließ Jasper die Segel losmachen, in Erwartung des Landwindes, der bald einsetzen mußte. Mit Anbruch der Nacht nahm das Schiffchen die Fahrt wieder auf. Man kam überein, daß Cap der eigentliche Kommandant, Jasper aber der Segelmeister und von dem alten Seemann abhängig sein sollte, da das Mißtrauen gegen ihn noch keineswegs geschwunden war.

Am Abend des folgenden Tages langte man bei den Tausend Inseln an. Wenn dieselben auch vielleicht nicht so zahlreich waren, wie ihr Name besagte, so breiteten sie sich doch, groß und klein, in einem fast unentwirrbaren Gewimmel aus. Jasper führte das Schiff durch eine Unzahl verschlungener Kanäle, die oft so eng waren, daß die Takelung des Kutters mit den Zweigen der Bäume in Berührung kam und Cap sich in fortwährender Furcht befand, daß man festlaufen würde.

»Ich geb's auf, Pfadfinder!« rief er endlich in komischer Verzweiflung, als das kleine Schiff sich zum zwanzigsten Mal wohlbehalten aus einem Wirrsal von Klippen, Baumstämmen und Untiefen herauswand; »das schlägt ja der gesamten christlichen Navigationskunst ins Gesicht und ist ein Hohn und Spott auf alle Gesetze und Regeln!«

»Nicht doch, Salzwasser,« lächelte der Jäger; »im Gegenteil, das ist das höchste in der Seefahrtskunst. Ihr seht, daß Jasper nie zögert, nie im Zweifel ist; er rennt wie ein Jagdhund, der eine gute Witterung hat, mit erhobener Nase. Ich wette mein Leben, der Junge bringt uns richtig an Ort und Stelle, wie er uns auch über den See gebracht haben würde, hätten wir ihn nicht daran gehindert.«

»Keine Lotsen,« sagte Cap kopfschüttelnd, »keine Seezeichen, keine Baken, keine Leuchttürme, keine –«

»Fährte!« ergänzte Pfadfinder. »Darüber zerbreche ich mir am meisten den Kopf! Jeder weiß, daß Wasser keine Spuren hinterläßt, trotzdem fährt Jasper dahin, als hätte er Abdrücke von Mokassins vor sich, so klar und deutlich, wie die Sonne am Himmel!«

»Ja, und ich will nicht selig werden, wenn er auch nur einen Kompaß an Bord hat!« rief Cap.

»Holt den Klüver nieder!« ertönte jetzt Jaspers Stimme, der den Bemerkungen der beiden lächelnd zugehört hatte. »Steuerbord das Ruder! So! Stetig! Nimm die Leine und spring damit an Land, Bob! Halt, bleib hier, da kommen schon einige von unsern Leuten; wirf ihnen die Leine zu!«

Die Expedition war am Ziel, man hatte die Station erreicht. Die Leute vom 55. Regiment wurden von ihren Kameraden mit jenem Jubel begrüßt, den eine Ablösung stets hervorzurufen pflegt.

Die Ufer der Stationsinsel waren dicht mit Buschwerk bewachsen, das man sorgfältig zu erhalten gesucht hatte als wirksamsten Schirm, dahinter das Innere der Insel vor den Blicken aller außen Befindlichen verborgen war. Der Baumwuchs auf dem Eiland vervollständigte diesen Schutz. Als Quartiere für die Garnison dienten acht niedere Blockhütten, der eigentliche feste Platz aber war ein turmähnliches Blockhaus mit kleiner, massiver Thür und Schießscharten anstatt der Fenster. Im Untergeschoß dieses Gebäudes wurden die Vorräte der Garnison aufbewahrt, das zweite Geschoß diente als Wohnraum und war zugleich die Citadelle, das niedere Dachgeschoß enthielt in drei abgeteilten Räumen das Schlafgelaß für zehn bis fünfzehn Mann. Das Gebäude war etwa fünfunddreißig Fuß hoch und somit niedriger, als die es umgebenden Bäume.

Um bei einer Belagerung nicht Wassermangel zu leiden, hatte man das Blockhaus dicht neben einer wassergefüllten Kluft in dem Kalksteinboden errichtet, und da jedes der oberen Stockwerke das untere beträchtlich nach allen Seiten überragte, so konnte man durch einige mit Fallthüren versehene Öffnungen in den Fußböden leicht Eimer in das Wasserloch hinablassen. Die Verbindung zwischen den Geschossen wurde durch Leitern hergestellt.

Die Ankunft der ›Wolke‹ verursachte allgemeine Aufregung. Die alte Garnison brannte darauf, ihre Einsamkeit verlassen und nach Oswego zurückkehren zu können. Die Formalitäten der Übergabe waren bald erledigt, und obgleich Jasper gern den Tag auf der Insel zugebracht hätte, so mußte er sich dennoch dem Drängen der Abgelösten fügen und nach Ablauf von kaum drei Stunden schon wieder die Rückfahrt antreten. Vorher hatten der Sergeant, Cap und Muir den heimkehrenden Fähnrich von ihrem Verdacht gegen den jungen Schiffer in Kenntnis gesetzt und ihn zur Vorsicht aufgefordert.

Mabel erhielt eine Hütte angewiesen, deren Inneres sie mit Geschick und Geschmack zu einem behaglichen Aufenthalt für sich und ihren Vater umgestaltete. Eine zweite Hütte wurde zum Meßraum bestimmt, in dem die Detachementsführer speisen sollten; die Küche besorgte Jenny, die Soldatenfrau.

Nachdem die allgemeinen Einrichtungen getroffen waren, hielten Sergeant Dunham und Lieutenant Muir eine Beratung; sodann wurden die Soldaten mit geheimen Weisungen versehen, und dem Kenner militärischer Verhältnisse wurde bald ersichtlich, daß eine Expedition im Werke war. Gegen Abend brachte der Sergeant seinen Schwager Cap und den Pfadfinder mit in seine Hütte, wo Mabel ein einfaches Mahl in Bereitschaft hielt.

»Du wirst uns hier von Nutzen sein, Kind, das sehe ich schon,« sagte der alte Soldat, den Speisen mit Behagen zusprechend. »Und wenn einmal Not am Mann sein sollte, dann hoffe ich, daß meine Tochter sich auch ihrer Abkunft würdig erweisen wird.«

»Soll ich dann vielleicht auch zu den Waffen greifen?« lächelte Mabel.

»Warum nicht? Das haben bereits genug tapfere Weiber vor dir gethan. Damit du aber nicht überrascht bist, wenn du mich morgen früh nicht siehst, teile ich dir mit, daß wir heute Nacht ausrücken.«

»Willst du etwa mich und Jenny ganz allem hier zurücklassen?« rief Mabel erschrocken.

»Nein Kind, denn das entspräche dem Dienst schlecht. Lieutenant Muir, Bruder Cap, Korporal Mac Nab und drei Mann bleiben als Besatzung hier. Mac Nab übernimmt das Kommando; Bruder Cap wird darauf sehen, daß Lieutenant Muir sich den Anordnungen desselben fügt; der Quartiermeister ist nur als Freiwilliger hier und daher dienstlich ohne Rang.«

»Warum nimmst du mich nicht mit, lieber Vater? Bin ich so weit zu dir hergereist, dann kann ich dir auch weiter folgen.«

»Das geht nicht an, Mabel. Wir machen uns vor Tagesanbruch auf und zwar in den beiden großen Booten; das dritte und das Kanoe lassen wir hier. Wir wollen den Franzosen einige Fahrzeuge mit Vorräten und Proviant abfangen, die in einem der Kanäle nach Frontenac unterwegs sind.«

Nach dem Abendbrot entließ der Sergeant seine Gäste und hielt dann ein langes Zwiegespräch mit seiner Tochter. Der alte Krieger wurde im Verlaufe desselben ungewöhnlich weich, es war, als bedrücke ihn das dumpfe Vorgefühl irgend eines Unglücks, und da Mabel von des Vaters Stimmung unwillkürlich beeinflußt wurde, so fehlte es dieser Abschiedsstunde auch nicht an Thränen. –

Die Sonne stand bereits am Himmel, als Mabel am nächsten Morgen erwachte. Die Expedition hatte längst die Insel verlassen. Cap, der Quartiermeister, Mac Nab und die drei Soldaten saßen beim Frühstück, und so gelang es ihr, unbemerkt in das Gehölz zu schlüpfen, um hier ihren Gedanken nachzuhängen. Bald hatte sie das Gestade erreicht und ihre Blicke schweiften verloren über das Ufergebüsch des jenseit des Kanals liegenden Eilands. Plötzlich war es ihr, als bemerke sie in dem Laubwerk drüben eine menschliche Gestalt. Instinktiv trat sie zurück, denn sie wußte sehr wohl, daß ihr Geschlecht sie nicht vor der Kugel einer Rothaut schützen würde. Im Begriff, davonzueilen und den Onkel zu rufen, schaute sie noch einmal hinüber und nun gewahrte sie eine Hand, die einen grünen Zweig gegen sie schwenkte, augenscheinlich als Zeichen des Friedens und der Freundschaft. Zweifelnd blieb sie stehen. Endlich brach sie, kurz entschlossen, gleichfalls einen Zweig ab und schwenkte ihn in derselben Weise, wie jene Hand dies that. Da öffnete sich drüben das Gesträuch und eine Indianerin trat hervor, in der Mabel das Weib Pfeilspitzes, Junitau, erkannte. Während der gemeinschaftlichen Reise hatte sie eine Zuneigung für das sanfte, freundliche Geschöpf gefaßt, die von demselben warm und innig erwidert worden war. Erfreut winkte sie daher jetzt der ehemaligen Gefährtin, herüber zu kommen; dieselbe nickte, verschwand im Gebüsch und glitt bald darauf in einem Kanoe unter dem überhängenden Gezweig hervor und quer über den etwa hundert Schritt breiten Kanal. Mabel ergriff sie freundlich bei der Hand und führte sie schnell und vorsichtig in ihre Hütte. Kaum waren die beiden hier angelangt, da ertönte draußen Onkel Caps mächtige Stimme: »Wo steckst du, Magnet?«

Mit Worten und Gebärden versicherte sie ihrem Gast, daß sie bald wieder da sein würde, dann eilte sie hinaus und setzte sich zu der Frühstücksgesellschaft.

»Wer zu spät kommt, muß mit dem vorlieb nehmen, was übrig bleibt,« sagte Cap, mit vollen Backen kauend. »Die besten Bissen sind fort, und damit geschieht der Langschläferin recht.«

»Du irrst, Onkel,« versetzte Mabel. »Ich bin schon seit einer Stunde auf und habe bereits einen Gang über die Insel gemacht.«

»Viel Schönes werdet Ihr dabei nicht entdeckt haben, Miß Mabel,« bemerkte Muir. »Major Lundie hat dem Besitz des Königs durch Beschlagnahme dieses Eilands gerade keine Perle hinzugefügt. Außerdem ist diese Station militärisch wertlos und dabei liegt sie so gefährlich, daß wir hier früher oder später in des Teufels Küche kommen werden.«

»Meint Ihr, Quartiermeister?« fragte Cap, dem Stück Lachs von vorhin einen Bissen Wildpret folgen lassend. »Haltet Ihr unsere Lage hier auf der Insel gegenwärtig für gefährlich?«

»Das will ich nicht behaupten, aber auch nicht in Abrede stellen. In Kriegszeiten giebt's überall Gefahr, auf solchen vorgeschobenen Posten aber am meisten. Wenn wir heute schon von den Franzosen überfallen werden, dann dürfen wir uns darüber nicht wundern.«

»Aber was, zum Donner, sollten wir in solch einem Falle anfangen?« rief Cap. »Sechs Männer und zwei Weibsleute könnten verdammt wenig zur Verteidigung der Insel thun, da die Franzosen sicherlich in großer Übermacht anrücken würden!«

»Das würden sie, darauf könnt Ihr Euch verlassen, Meister Cap,« nickte Muir mit ominösem Stirnrunzeln; »in ungeheurer Übermacht.«

»Wie hätten wir uns dann zu verhalten?« fragte Mabel.

»Wir müßten dem Gebot der Klugheit folgen und unsern Rückzug zu bewerkstelligen suchen, schöne Miß Dunham,« antwortete der Quartiermeister. »Mit der nötigen Vorsicht würde ein solcher in dem uns zur Verfügung stehenden Boote auch wohl gelingen.«

Das Gespräch drehte sich noch lange um diesen Punkt, Mabel aber, die an einen ernstlichen Überfall nicht glauben mochte, fühlte einiges Befremden darüber, daß Lieutenant Muir, der sonst nicht im Rufe der Feigheit stand, so offen das Verlassen eines Postens anriet, den zu behaupten ihr Vater alles einsetzen würde. Bei der ersten Gelegenheit verließ sie die Gesellschaft und kehrte in ihre Hütte zurück. Sie schloß die Thür, zog den Vorhang vor das kleine Fenster und wendete sich dann zu der Indianerin, die geduldig auf sie gewartet hatte.

»Ich freue mich, dich zu sehen, Juni,« begann sie, den Namen des jungen Weibes in der gebräuchlichen Weise abkürzend. »Was führte dich hierher? Wie hast du die Insel aufgefunden?«

»Langsam reden,« versetzte Juni, des Mädchens Hand liebevoll drückend, »langsam – reden zu schnell.«

Mabel wiederholte die Frage so langsam, daß die Wilde sie verstehen konnte.

»Juni – Freund,« antwortete dieselbe nun mit Nachdruck.

»Ich glaube dir, Juni. Aber weshalb kamst du her?«

»Freund will Freund sehen,« lächelte die Indianerin.

»Gut. Bist du allein gekommen? Ganz allein?«

»Allein – in Kanoe.«

Mabel schaute ihrem Gast forschend ins Auge. »Du bist keine Verräterin, nicht wahr, Juni? Du wirst mich nicht den Franzosen in die Hände liefern – oder den Irokesen – oder Pfeilspitze. Du wirst meinen Skalp nicht verkaufen – oder doch?«

Statt der Antwort umschlang die Indianerin das Mädchen mit den Armen und drückte es zärtlich und mit unverkennbarer Liebe an sich. Mabel erwiderte die Umarmung, dann aber forschte sie weiter:

»Wenn Juni ihrer Freundin etwas zu sagen hat, dann möge sie reden; meine Ohren sind offen.«

»Juni fürchten, Pfeilspitze sie töten.«

»Pfeilspitze wird nichts erfahren, Mabel wird ihm kein Wort erzählen.«

»Gut. Blockhaus gehen, Blockhaus sicher schlafen.«

Mabel horchte hoch auf. Sollte der Besatzung also doch eine baldige Gefahr drohen?

»Sage mir mehr, Juni,« drängte sie. »Soll ich ins Blockhaus gehen? Heute noch? Jetzt gleich?«

»Blockhaus gut für bleiches Mädchen. In Blockhaus nicht verlieren Skalp.«

»Ich verstehe dich nur zu gut, fürchte ich. Willst du mit meinem Vater reden?«

»Vater nicht hier.«

»Woher weißt du das? Die Insel ist voll von Soldaten.«

»Nicht voll.« Die Indianerin hielt vier Finger empor. »So viel Rotröcke. Vater fort, Pfadfinder fort, Süßwasser fort – alle fort. Blockhaus sehr gut für bleiches Mädchen.«

»Dir ist alles bekannt, wie ich sehe,« versetzte Mabel, innerlich erbebend. »Ich darf doch aber meinem Onkel mitteilen, was du mir gesagt hast?«

Juni erschrak. »Nein – nein – nein!« rief sie heftig. »Nicht Salzwasser reden! Salzwasser lange Zunge, viel schwatzen; Pfeilspitze hören, dann Juni sterben!«

»Du thust meinem Onkel unrecht,« entgegnete Mabel. »Er würde dich ebensowenig verraten, wie ich.«

»Nein – nein – nein! Salzwasser lauter Zunge – keine Augen, keine Ohren, keine Nase – nur Zunge, Zunge, Zunge!«

Mabel bestand nicht länger auf ihrer Absicht. »Ist außer dir auch andern Indianern diese Insel bekannt?« fragte sie. »Etwa den Irokesen?«

Junis Blick wurde traurig; scheu sah sie rings in die Ecken, als fürchte sie einen Lauscher, dann antwortete sie:

»Tuskarora überall – Oswego, hier, Frontenac, Mohawk – überall. Er Juni sehen – sie töten.«

»Und wir glaubten, daß niemand von diesem Eiland Kenntnis habe, daß wir hier keine Gefahr zu fürchten hätten!«

»Irokese – viele Augen.«

»Augen allein thun's nicht immer, Juni. Dieses Eiland liegt so versteckt, daß selbst von unsern Leuten nur wenige den Weg hierher zu finden wissen.«

»Ein Mann reden – einige Yengeese sprechen französisch.«

Mabel fühlte ihr Herz zu Eis erstarren. Blitzschnell kam ihr die Erinnerung an den schweren Verdacht, den man gegen Jasper hegte. Sie preßte die Hand auf die Brust und es währte lange, ehe sie wieder ein Wort hervorbringen konnte.

»Ich verstehe, Juni – ich verstehe. Ein Verräter hat dem Feinde den Weg zu dieser Insel gewiesen.«

Juni nickte lächelnd, denn nach ihren indianischen Anschauungen galten Falschheit und Hinterlist im Kriege als Verdienst und nicht als Verbrechen.

»Bleichgesicht jetzt wissen,« sagte sie. »Blockhaus gut für Mädchen.«

»Ich danke dir, Juni,« versetzte Mabel. »Aber die Männer müssen auch gerettet werden. Es ist meine Pflicht, ihnen mitzuteilen, was ich von dir gehört habe.«

»Dann Juni sterben,« sagte die Indianerin ruhig.

»Mit nichten, niemand soll erfahren, daß du hier gewesen bist. Die Männer aber müssen gewarnt werden, damit auch sie im Blockhaus Zuflucht nehmen.«

»Pfeilspitze alles wissen, alles sehen – Juni töten. Juni kommen – retten junges Bleichgesichtmädchen. Juni Weib – retten junges Weib – nicht Männer. Laß Männer ihren Skalp verteidigen.«

Darauf schickte die Indianerin sich an, die Hütte zu verlassen. Mabel legte sanft den Arm um sie.

»Juni,« flüsterte sie, »wir sind Freundinnen. Fürchte nichts, niemand soll von deinem Besuch erfahren. Aber gieb mir ein Zeichen, wenn die Gefahr naht, damit ich rechtzeitig ins Blockhaus fliehen kann.«

Die Tuskarorafrau dachte einen Moment nach. »Bringe Juni eine Taube,« sagte sie dann.

»Eine Taube? Wo soll ich eine Taube hernehmen?«

»In Hütte – hier neben. Bringe alte Taube. Juni gehen Kanoe.«

Mabel öffnete die Thür und lugte hinaus. Niemand war in der Nähe. Sie schlüpfte hinaus und der nächsten Hütte zu. Dieselbe war ein verfallenes Bauwerk, das, wie sie sogleich gewahrte, der vorigen Garnison als Rumpelkammer und Geflügelstall gedient hatte. Einige zwanzig Tauben flatterten darin umher und pickten von einem Weizenhaufen, der am Boden aufgeschüttet lag. Sie griff eine Taube, verbarg sie unter ihrem Tuche und eilte zu ihrer Hütte zurück. Dieselbe war leer. Schnellen Schrittes lief sie nun durch das Gehölz zum Gestade. Hier stand Juni bereits im Kanoe. Sie reichte ihr die Taube, und mit den Worten: »Blockhaus gut!« glitt die Indianerin dem jenseitigen Ufer zu, wo sie im Dickicht verschwand.

Auf dem Rückwege blieb Mabel plötzlich stutzend stehen. In der Krone eines niedrigen Bäumchens flatterte ein Streifen roten Zeuges. Ein Blick zeigte ihr, daß dieses Signal, denn ein solches war es jedenfalls, von der andern Insel aus gesehen werden konnte. Sie riß den Zeugstreifen herab; derselbe war, dem Gewebe nach, ein Stück von einer Schiffsflagge. Beschleunigten Schrittes und in ängstlicher Erregung eilte sie durch das Unterholz, da trat ihr unerwartet der Quartiermeister entgegen.

»Wohin so eilig, schöne Mabel?« rief derselbe ihr zu. »Und was soll der rote Wimpel, den Ihr da in der Hand habt?«

Das Mädchen erzählte, wo sie das Stück Zeug gefunden und daß dasselbe ihren Verdacht erregt hatte. Während sie sprach, wanderten die Blicke des Quartiermeisters unruhig von dem roten Fetzen nach ihrem Antlitz und dann wieder über das Buschwerk und durch die Lücken in dem Laube hinaus in die Ferne.

»Das ist in der That ein höchst verdächtiger Umstand,« sagte er endlich. »Zeigt doch einmal her. Hm! Das gleicht ja auf ein Haar dem Flaggentuch auf der ›Wolke‹. Und jetzt fällt mir auch ein – richtig, an der Flagge fehlte ein Stück, und genau solch ein Stück, wie dies hier!«

Mabel bewahrte nur mit Mühe ihre Selbstbeherrschung.

»Das muß untersucht werden,« fuhr Muir fort. »Ich werde sogleich mit Meister Cap reden.«

»Jedenfalls darf dieses Signal nicht außer Acht gelassen werden,« sagte Mabel. »Ich bin so von Furcht erfüllt, daß ich mich mit Jenny in das Blockhaus zu begeben gedenke.«

»Wie Ihr wollt. Übrigens kann der Lappen auch durch Zufall in den Baum geraten sein. Gebt ihn her, es ist vielleicht doch besser, wir übereilen uns nicht.«

Mabel ließ das Stück Zeug in des Quartiermeisters Hand und eilte davon. Muir blieb einen Augenblick, wie unentschlossen, stehen, dann aber ging er, scharf um sich blickend, zum Gestade und befestigte das Signal von neuem in dem Baumwipfel.

Das junge Mädchen hatte die Soldatenfrau bald gefunden, sie befahl derselben, verschiedene notwendige Dinge in das Blockhaus zu schaffen und sich immer in der Nähe desselben aufzuhalten; dann suchte sie den Korporal Mac Nab auf.

»Mein Vater hat Euch auf einen verantwortlichen Posten gestellt,« begann sie, den würdigen Kriegsmann von seinen Soldaten wegführend; »denn wenn die Insel in Feindeshände fällt, so ist es nicht nur um uns geschehen, auch die Abwesenden können dann in Gefangenschaft geraten.«

»Um das einzusehen, braucht man nicht erst von Schottland hierher zu kommen,« entgegnete der Korporal trocken.

»Das ist schon recht, Mr. Mac Nab, ich fürchte nur, daß so ein Veteran wie Ihr, der an Scharmützel und Schlachten gewöhnt ist, leicht die Vorsichtsmaßregeln unterläßt, die in einer so eigenartigen Lage, wie die unsrige, notwendig sind.«

»Ja ja, wir Schotten sind ja so dickköpfige und schwerfällige Gesellen, daß wir lauter Dummheiten begehen würden, wenn uns nicht ab und zu eine kluge Jungfer eine Belehrung angedeihen ließe,« brummte der Korporal verdrossen.

»Ihr wollt mich nicht verstehen,« versetzte Mabel sanft. »Mein Vater schätzt Euch hoch, sonst hätte er Euch nicht ein solches Vertrauen geschenkt und auch mich in Euren Schutz gestellt. In seinem Sinne wäre es, wenn Ihr Euch mit Euren Leuten im Blockhause festsetzen wolltet.«

»Wenn der Sergeant die Ehre des 55. Regiments hinter Balken und Bohlen verteidigen zu müssen glaubt, dann hätte er selber das Kommando behalten sollen. Wir Schotten sind Männer vom kurzen Schwert und lieben es, Fuß an Fuß mit dem Feinde zu kämpfen.«

»Kein rechter Soldat verschmäht Vorsicht. Major Duncan of Lundie ist berühmt wegen der Sorgfalt, mit der er seine Leute schont.«

»Jeder Mensch hat seine Schwächen, auch Lundie. Ich bin fünfundfünfzig Jahre alt geworden, Miß Dunham, und ich sage Euch, es giebt kein wirksameres Mittel, den Feind zu ermutigen, als sich furchtsam zu zeigen. Wir Schotten kommen aus einem Lande, wo es wenig Deckung giebt, und Ihr sollt sehen –«

Der Korporal that einen Luftsprung, stürzte nieder auf sein Antlitz und wälzte sich dann auf den Rücken – dies alles geschah so plötzlich, daß Mabel kaum den Knall der Büchse vernahm, die ihm das tödliche Blei in den Leib gesendet hatte. Sie stieß weder einen Schrei aus, noch zitterte sie; unwillkürlich that sie einen Schritt vorwärts, dem Gefallenen beizustehen. Der suchte ihr Auge mit seinem letzten Blick.

»Flieht in's Blockhaus!« stieß er mühsam hervor. »In's Blockhaus – –«

Dann war er tot. Wie ein gehetztes Wild rannte Mabel dem Blockhause zu; sie erreichte die Thür in dem Augenblick, als dieselbe von innen zugeschlagen wurde. Die Soldatenfrau hatte sich in blindem Entsetzen hinein geflüchtet und wehrte ihr nun den Eingang, nur auf ihre eigene Rettung bedacht. Während Mabel die Frau rief, krachten weitere fünf Schüsse, und schon glaubte das Mädchen sich verloren, als die Thür zögernd ein wenig aufgethan wurde; schnell drängte sie sich hinein, dann aber schloß sie die Pforte nicht eher, bis sie gesehen hatte, daß niemand mehr Einlaß begehrte. Darauf stieg sie die Leiter zum oberen Stockwerk empor, um durch die Schießscharten Umschau zu halten.

Nirgends gewahrte sie ein menschliches Wesen, eine verwehende Wolke von Pulverdampf aber sagte ihr, daß die Schüsse aus der Richtung der Insel gefallen seien, von der Juni gekommen war. Sie trat an eine andere Schießscharte. Hier ward ihr ein grausiger Anblick. Neben dem toten Mac Nab lagen die drei Soldaten, ebenfalls leblos hingestreckt. Die Männer waren auf den ersten Schuß pflichtgemäß herbeigeeilt, um sogleich den Kugeln der unsichtbaren Feinde zu erliegen.

Von Cap und Muir war nichts zu erblicken. Klopfenden Herzens durchspähte Mabel jede Öffnung zwischen den Bäumen sie stieg sogar in das Dachgeschoß hinauf, von wo sie fast die ganze Insel übersehen konnte, aber sie gewahrte nichts. Das Boot lag an seinem Ort, ein Beweis dafür, daß Muir seine Absicht, zu entfliehen, nicht ausgeführt hatte.

»Um Gottes Barmherzigkeit willen, Miß Mabel,« tönte jetzt die Stimme der Soldatenfrau herauf, »sagt mir doch, ob unsere Leute noch leben! Mir ist's, als hörte ich ächzen und stöhnen da draußen – Allmächtiger! Wenn die Indianer sie erschlagen hätten!«

Es fiel Mabel ein, daß einer der erschossenen Soldaten der Gatte der Frau gewesen war. Ihr Herz krampfte sich zusammen; sie brachte es nicht über sich, der Unglücklichen die Wahrheit mitzuteilen.

»Wir stehen in Gottes Hand, Jenny,« antwortete sie. »Wir müssen die Vorsehung walten lassen und auch selber thun, was in unsern Kräften steht. Achtet sorgsam auf die Thür und öffnet nicht ohne meine Einwilligung.«

»Ja doch, Miß Mabel,« rief die Frau zurück. »Aber könnt Ihr denn nicht sehen, wo mein Sandy ist? Wenn man ihn wissen lassen könnte, daß ich in Sicherheit bin, dann wäre er ruhiger, und befände er sich auch in Feindeshänden!«

Sandy war Jennys Gatte, Mabel sah ihn tot unter seinen Kameraden liegen.

»Ich sehe da einige Leute bei Mac Nabs Leiche,« antwortete sie mit stockender Stimme.

»Ist mein Sandy dabei?«

»Jedenfalls; da sind – eins, zwei, drei, vier – alle in der roten Uniform des Regiments.«

»Sandy!« kreischte die Frau wie von Sinnen. »Sandy! hörst du nicht? Komm auf der Stelle hierher ins Blockhaus! Sollen die Wilden dich totschlagen? Sandy! Sandy!«

Gleich darauf hörte Mabel die Thür knarren. Festgebannt vor Schrecken wich sie nicht von der Schießscharte. Die Frau rannte mit fliegenden Haaren aus dem Blockhause, schnurstracks auf die Leichen zu. Mabel hörte sie einen fürchterlichen Schrei ausstoßen, sie sah, wie die Ärmste sich auf den entseelten Körper ihres Gatten warf, des ohrzerreißenden Geheuls nicht achtend, das in diesem Augenblick aus dem Dickicht erscholl. Zwanzig Wilde brachen hervor, schrecklich anzuschauen in Kriegsschmuck und Bemalung, allen voran Pfeilspitze. Sein Tomahawk fuhr tief in den Schädel der armen, bewußtlos daliegenden Jenny, und im Nu hing ihr triefender Skalp an des Häuptlings Gürtel.

Alles dieses ging schneller vor sich, als es beschrieben werden kann. Mabel mußte, wie durch einen Zauber gefesselt, das Entsetzliche mit ansehen. Erst als der Platz vor dem Blockhause von Rothäuten wimmelte, kam wieder Bewegung in sie. Ihr fiel ein, daß Jenny die Thür offen gelassen hatte. Sie sprang zur Leiter, noch aber war sie nicht in dem unteren Stockwerk angelangt, da vernahm sie wiederum das Knarren der Thürangeln. Starr, ohne zu atmen, blieb sie stehen. Sie hörte die Thür schließen und die schweren, eichenen Riegel in die Klampen legen, einen nach dem andern, alle drei. Dann kam ein leichter Tritt die Leiter herauf. Mabel huschte hinter einige Proviantfässer und spähte durch die Lücken nach der viereckigen Öffnung im Fußboden, die den Zugang zum zweiten Stockwerk bildete. Ihr Herz pochte zum Zerspringen. Ein dunkles Haupt erschien über dem Fußboden – schon glaubte Mabel ihren Skalp verloren – da erkannte sie die sanften, nicht unschönen Züge der Indianerin Junitau, ihrer Freundin.

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