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Der Pfadfinder. Bearbeitet von Friedrich Meister

James Fenimore Cooper: Der Pfadfinder. Bearbeitet von Friedrich Meister - Kapitel 7
Quellenangabe
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Pfadfinder. Bearbeitet von Friedrich Meister
publisherVerlag von Abel & Müller
printrunVierte Auflage
yearo.J.
illustratorE. Klingebeil
translatorFriedrich Meister
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170212
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Sechstes Kapitel.
Der Sturm.

Inzwischen hatte sich eine frische Brise aufgemacht, und gerade als die drei aus der Kajüte heraufkamen, gab Jasper den Befehl, die Schooten ein wenig zu vieren und näher unter Land zu steuern.

»Ihr habt doch nicht etwa die Absicht, Freund, unsern Nachbarn, den Franzosen, einen Besuch abzustatten?« sagte der Lieutenant Muir scherzend, indem er nach dem Gestade deutete. »Aber nichts für ungut, ich weiß ja, daß Ihr ebenso schlecht auf die Kanadier zu sprechen seid, wie ich selber.«

»Ich lasse des Windes wegen so dicht unter Land halten, Mr. Muir,« antwortete Jasper. »Der Landwind ist unweit der Küste stets am stärksten, allerdings darf man nicht so nahe kommen, daß die Bäume ihn wegfangen. Ich denke mit dieser Brise bis zu den ersten Inseln zu gelangen; hernach sind wir ziemlich sicher, daß kein Boot von Frontenac uns mehr erspäht und verfolgt.«

»Glaubt Ihr, daß die Franzosen Kundschafter auf dem See haben, Jasper?« fragte Pfadfinder.

»Ich weiß das bestimmt,« versetzte der junge Schiffer. »Montag Abend kam einer bis nach Oswego. Ein Kanoe legte am östlichen Vorland an und landete einen Offizier und einen Indianer. Wäret Ihr, wie gewöhnlich, auf der Streife gewesen, Pfadfinder, dann hätten wir sicher einen von ihnen, auch wohl gar beide, abgefangen.«

Der Jäger errötete, weil er sich sagen mußte, daß er jenen Abend in der angenehmen Gesellschaft Mabels und ihres Vaters zugebracht hatte.

»Das war eine schwere Versäumnis von mir, Jasper,« sagte er, »und es ist recht, daß Ihr mir deswegen Vorwürfe macht.«

»Das fällt mir nicht ein, Pfadfinder, auch habe ich dazu kein Recht. Ein Mann, der wie Ihr sich oft Wochen und Monate lang keinen Augenblick Ruhe gönnt, darf wohl einmal eine Abendstunde für sich verwenden.«

»Sagt uns doch, Meister Süßwasser,« fiel Cap ein, »woher wißt Ihr denn, daß am Montag Abend französische Spione uns so nahe gewesen sind?« Und den Sergeanten anstoßend, raunte er diesem zu: »Das sieht auf ein Haar wie ein Indicium aus!«

»Ich weiß es, weil tags darauf die Große Schlange die Fährte fand, und zwar die Spuren eines militärischen Stiefels und eines Mokassins. Außerdem sah einer unserer Jäger das Kanoe nach Frontenac zurückfahren.«

»Warum machtet Ihr nicht sogleich Jagd auf das Kanoe, Meister Jasper?« forschte Cap. »Am Dienstag früh wehte eine frische Brise, der Kutter hätte seine neun Knoten gemacht.«

»Das mag auf dem Ocean zu bewerkstelligen sein, Meister Cap,« nahm Pfadfinder das Wort, »hier auf dem See geht das aber nicht. Wasser hinterläßt keine Spur, und Mingos und Franzosen auf der Flucht sind kaum vom Teufel selber einzuholen.«

»Wenn man das verfolgte Fahrzeug von Deck aus sehen kann, dann braucht man keine Spur,« entgegnete Cap. »Hättet Ihr mich an jenem Dienstag Morgen gerufen, Meister Eau-Douce, dann wären uns jene Halunken nicht entwischt, dafür stehe ich Euch.«

»Der Rat und Beistand eines so erfahrenen Seemannes wäre mir sicherlich von Nutzen gewesen, Meister Cap,« antwortete Jasper, »allein mit dem Kutter ein fliehendes Rindenkanoe zu fangen, das ist ein Ding der Unmöglichkeit.«

Cap brummte einige unverständliche Worte vor sich hin, zog seinen Schwager und den Pfadfinder auf die Seite und versicherte denselben, daß diese Spionengeschichte ein Indicium sei, das schwer gegen Jasper ins Gewicht falle. Woher hatte gerade er die Sache erfahren? Wie konnten die Spione so dicht an das Fort herankommen, ohne daß einer der Posten etwas davon gewahr wurde? Sergeant Dunham konnte ernste Bedenken nicht unterdrücken, der Jäger aber vermochte nicht einzusehen, wie dadurch auch nur der leiseste Verdacht auf Jasper fallen konnte.

»Ihr werdet mir wenigstens zugeben, Pfadfinder, daß es auf dieser Welt Verräter giebt,« sagte Cap.

»Gewiß; ich habe zum Beispiel noch keinen ehrlichen Mingo kennen gelernt. Täuschen, lügen und betrügen sind ihre Gaben, und oft meine ich, daß man sie deswegen eher bemitleiden als verfolgen sollte.«

»Nun, warum wollt Ihr dann durchaus nicht zugestehen, daß auch Jasper solche Gaben empfangen haben könnte? Mensch ist Mensch, und die menschliche Natur ist manchmal ein recht armseliges Ding, das weiß ich aus eigener Erfahrung, ja, Pfadfinder, aus Erfahrung an mir selber.«

Hieran knüpfte sich wiederum ein längeres Gespräch, in welchem die Möglichkeit von Jaspers Schuld oder Unschuld hin und her erwogen wurde, bis Cap sowohl, wie auch der Sergeant, mehr an die erstere, als an die letztere glauben zu müssen meinten.

Inzwischen führte der nichts Böses ahnende junge Schiffer die angenehmste Unterhaltung mit Mabel; sie ergingen sich in der Erinnerung an die miteinander überstandenen Gefahren und freuten sich auf ein längeres Beisammensein in der Zukunft. Da ertönte plötzlich aus Caps Munde der Ruf: »Boot voraus!«

Eiligst lief Jasper nach vorn und gewahrte hier etwa hundert Ellen entfernt ein Rindenkanoe, in welchem sein geübtes Auge trotz der Dunkelheit zwei Personen erkannte. Er befahl dem Rudersmann, den Kutter aufluven zu lassen, dann sprang er selber ans Steuer und brachte mit großem Geschick das Fahrzeug so nahe an das jetzt ganz im Lee befindliche Kanoe heran, daß man dasselbe mit einem Bootshaken festzuhalten vermochte. Als seine beiden Insassen notgedrungen an Deck der ›Wolke‹ kamen, erkannte man in ihnen Pfeilspitze und Junitau.

Sogleich nahm Pfadfinder, der allein geläufig mit den Indianern reden konnte, den Tuskarora ins Verhör, um zu erfahren, weshalb derselbe die seiner Führung anvertrauten Reisenden im Stich gelassen und was er seitdem gethan hatte.

Pfeilspitze beantwortete alle Fragen mit unerschütterlicher Ruhe. Er hatte sich damals davongemacht, einfach um sein Leben vor den Mingos in Sicherheit zu bringen.

»Gut,« sagte der Jäger, sich den Anschein gebend, als glaube er dem Andern aufs Wort, »mein Bruder that klug daran; aber sein Weib folgte ihm.«

»Folgen die Weiber der Bleichgesichter etwa nicht auch ihren Gatten?« entgegnete der Indianer.

»Ganz recht. Warum ist mein Bruder aber so lange dem Fort ferngeblieben? Seine Freunde haben seiner oft gedacht, ihn jedoch nie gesehen.«

»Pfeilspitzes Weib verirrte sich im Walde, sie mußte in einem fremden Wigwam Wildpret bereiten. Pfeilspitze folgte ihr, wie sie auch ihm gefolgt war.«

»Ich verstehe dich, Tuskarora; sie fiel den Mingos in die Hände und du bliebst den Schelmen auf der Fährte.«

»Pfadfinder ist weise; er sieht die Gründe der Dinge so klar, wie das Moos an den Bäumen.«

»Seit wann hast du dein Weib wieder?«

»Seit zwei Sonnen. Der Tau des Juni zögerte nicht lange, als Pfeilspitze ihm den Pfad zuflüsterte.«

»Das ist nur natürlich. Wie aber kamst du zu dem Kanoe?«

»Das Kanoe ist mein; ich fand es am Strande, unweit des Forts.«

»Noch eine Frage muß mein Bruder mir beantworten, dann wird keine Wolke mehr sein zwischen seinem Wigwam und dem festen Hause der Yengeese. Warum richtete Pfeilspitzes Kanoe seinen Schnabel dem St. Lorenzstrom zu, wo doch nur Feinde zu finden sind?«

»Warum segelten Pfadfinder und seine Freunde auch in der Richtung? Ein Tuskarora darf nach derselben Richtung schauen, wie ein Yengeese.«

»Wir befinden uns auf Kundschaft, Pfeilspitze, im Dienste des Königs; wir haben ein Recht, hier zu sein, wenn auch nicht das Recht, dir zu sagen, warum.«

»Pfeilspitze gewahrte das große Kanoe, er freute sich, das Antlitz von Eau-Douce zu sehen. Er war auf dem Wege zu seinem Wigwam, änderte aber seine Fahrt, um den jungen weißen Schiffer zu begrüßen.«

Pfadfinder nickte und teilte dann seinen Gefährten das Gehörte mit, hinzufügend, daß des Indianers Angaben vielleicht wahr sein könnten, daß aber dennoch Vorsicht geboten sei. Der Sergeant beschloß, die Indianer als Gefangene an Bord zu behalten und morgen die Sache weiter zu untersuchen. Er sowohl wie Jasper setzten nur wenig Glauben in Pfeilspitzes Erzählung.

Der Tuskarora vernahm den Bescheid mit Gleichmut; ruhig trat er auf die Seite, aufmerksam alles beobachtend, was um ihn her vorging.

Es wurde spät; die meisten Mitglieder der Expedition hatten sich bereits dem Schlafe überlassen, nur Cap, der Sergeant, Jasper und zwei von der Mannschaft befanden sich noch an Deck, wo auch Pfeilspitze und sein Weib noch ausharrten.

»Laß dein Weib unter Deck gehen, Pfeilspitze,« sagte der Sergeant zu dem Indianer. »Meine Tochter wird für ihr Unterkommen sorgen. Für dich liegt dort ein Segel, darauf kannst du schlafen.«

»Ich danke meinem Vater. Die Tuskaroras sind nicht arm. Die Squaw wird meine Decken aus dem Kanoe holen.«

»Wie du willst, Freund. Wir müssen dich in Haft behalten, aber es liegt uns fern, dich unnötig hart zu behandeln. Geh mit der Squaw ins Kanoe und reiche uns die Paddelruder herauf. Der Sicherheit wegen,« raunte der Sergeant Jasper zu.

Dieser nickte und die beiden Indianer begaben sich in ihr Kanoe, wo sie eifrig herumzukramen begannen, scheinbar ohne sogleich zu finden, was sie suchten.

»Beeile dich, Pfeilspitze!« rief der an der Reeling stehende Sergeant, ungeduldig werdend.

»Pfeilspitze kommt,« antwortete der Tuskarora. Blitzschnell zerschnitt er mit seinem scharfen Messer die Leine, die das Kanoe am Kutter festhielt, und im nächsten Augenblick trieb das leichte Rindenboot schon weit hinten im Kielwasser des in voller Fahrt segelnden Schiffes.

Wohl ließ der überraschte Schiffer sein Fahrzeug schnell über Stag gehen, um den Flüchtling zu verfolgen, dieser aber paddelte mit Hilfe seines Weibes direkt in den Wind hinein und zugleich in südwestlicher Richtung dem Lande zu.

»Er entkommt!« rief Jasper. »Gegen den Wind an können wir ihm mit dem Kutter nicht folgen!«

»Aber Ihr habt ein Kanoe!« versetzte der Sergeant in Erregung. »Bringt das zu Wasser und jagt hinter ihm her!«

»Zu spät. Wäre Pfadfinder an Deck gewesen, dann hätten wir Aussicht auf Erfolg gehabt, jetzt ist es damit vorbei. Der Schelm hat bereits einen zu großen Vorsprung.«

Cap und der Sergeant mußten die Richtigkeit dieser Behauptung zugeben. Während der Kutter von neuem über Stag ging und seinen Kurs wieder einschlug, nahm Cap seinen Schwager beim Rockknopf und führte ihn bis zur Thür der Kajüte.

»Bruder Dunham,« sagte er mit gedämpfter Stimme, »hier haben wir ein neues Indicium! Dieser Jasper Süßwasser mag sich vorsehen!«

»Hm,« meinte der Sergeant. »Wenn die Flucht des Indianers auch vielleicht ein Indicium gegen Jasper ist, so hat er den roten Schuft doch aber vorher eingefangen.«

»Weißt du denn, zu welchem Zweck? Ich sage dir, Bruder, wir laufen jetzt sechs Knoten durchs Wasser, und bei den geringen Entfernungen auf diesem Teich können wir in einem französischen Hafen sein, noch ehe der Morgen graut, und noch vor Abend in einem französischen Gefängnis.«

»Möglich,« brummte der Sergeant. »Was rätst du mir nun, Bruder?«

»Ich in deiner Stelle nähme diesen Meister Süßwasser auf der Stelle fest, stellte ihm eine Schildwache vor die Kammer und übertrüge das Kommando mir. Du bist hier der Befehlshaber und hast die Gewalt.«

Der Sergeant überlegte sich die Sache eine ganze Stunde lang. Er befragte auch den Lieutenant Muir, und als dieser ebenfalls meinte, es sei wohlgethan, des Kutters Führung dem Meister Cap anzuvertrauen, um so gegen Verräterei geschützt zu sein, da zögerte er nicht länger. Ohne sich auf Erklärungen einzulassen, eröffnete er Jasper, daß er sich veranlaßt sähe, ihm vorläufig das Kommando des Kutters zu entziehen und dasselbe seinem Schwager Cap zu übertragen. Jasper, obgleich auf das höchste überrascht, erstaunt und erschrocken, beherrschte sich gewaltsam und verfügte sich gehorsam unter Deck, wohin ihm, auf Dunhams Weisung, auch sein erster Matrose folgte, ein Mann, der an Erfahrung und Tüchtigkeit dem Schiffer nicht nachstand und der den See so genau kannte, daß er den Beinamen »der Lotse« erhalten hatte. Meister Cap war nunmehr Herr des Schiffes.

»Jetzt, Bruder,« sagte er zu dem Sergeanten, »sei so gut und gieb mir Kurs und Distanz an, damit ich dafür sorgen kann, daß der Kutter richtig anliegt.«

»Von Kurs und Distanz weiß ich nichts,« versetzte Dunham. »Wir haben nach der Station auf den Tausend Inseln zu segeln und dort das Detachement abzulösen. So lautet meine Instruktion.«

»Es muß doch aber eine Karte vorhanden sein, auf der der Kurs abgesteckt ist.«

»Ich glaube nicht, daß Jasper jemals eine Karte gebraucht hat.«

»Was, keine Karte an Bord, Sergeant Dunham?«

»Nein, wozu auch? Unsere Schiffer kennen den See auswendig.«

»Den Teufel auch! Das müssen ja wahre Orangutangs sein! Wie soll ich unter jenen Tausend Inseln die unsere herausfinden, wenn ich weder ihren Namen noch ihre Lage kenne, wenn ich weder Kurs noch Distanz weiß?«

»Des Namens wegen brauchst du dich nicht zu grämen, Bruder Cap, denn Namen giebt's da überhaupt nicht. Von der Lage weiß ich nichts, da ich noch niemals dagewesen bin; vielleicht kann uns einer der Leute Bescheid sagen.«

»Halt, Sergeant,« rief Cap, »sachte, Sergeant Dunham. Soll ich, als Kommandant des Schiffes, mir Belehrung vom Koch oder vom Kajütsjungen holen? Nein, Bruder, ein Schiffsführer muß seine eigene Meinung haben, und wenn sie auch falsch ist. Sink ich, dann sink ich, aber verdammt will ich sein wenn ich nicht mit der Würde, die mir als Kommandant gebührt, in den Grund fahre! Soweit ist's übrigens noch nicht. Wenn man ein Ding nicht weiß, so muß man wenigstens so thun, als wüßte man's. Komm, laß uns einmal dem Mann am Ruder auf den Zahn fühlen. Ich verstehe das.«

Sie gingen nach hinten, Cap mit der Miene eines Mannes, der die Lage völlig beherrscht.

»Hübscher Landwind, das,« bemerkte er, gegen den Matrosen gewendet, mit Herablassung. »Der weht jeden Abend so, wie?«

»Ja, Herr, wenigstens um diese Jahreszeit,« antwortete der Mann, aus Respekt vor dem neuen Kommandanten an den Hut greifend.

»Bei den Tausend Inseln wird's ebenso sein, wie?«

»Wenn wir weiter östlich sind, springt der Wind wahrscheinlich um, Herr, weil da ein eigentlicher Landwind nicht mehr weht.«

»Ja ja, das macht das süße Wasser, das hat Tücken, die gegen alle Natur sind. Ihr wißt natürlich unter den Tausend Inseln vollständig Bescheid, nicht wahr, mein Sohn?«

»Wo denkt Ihr hin, Meister Cap. Da weiß kein Mensch Bescheid, nicht einmal der älteste Schiffer auf dem See.«

»So! Hm! Hört mal, Jack – Ihr heißt doch Jack?«

»Nein, Herr, ich heiße Robert.«

»Richtig, Ihr heißt Robert. Was ich sagen wollte, Bob, der Ankergrund bei der Station dort unten ist gut, nicht?«

»Davon weiß ich nicht mehr, wie einer der Mohawks, oder einer der Soldaten vom 55. Regiment.«

»Seid Ihr denn niemals dort zu Anker gegangen?«

»Nein, Meister Eau-Douce macht immer am Lande fest.«

»Wenn Ihr die Stadt anlauft, dann werft Ihr doch aber natürlich das Lot und seht nach dem Talg Das Lot enthält in einer Höhlung an seinem untersten Ende Talg, in welchem Bestandteile des Grundes haften bleiben., nicht wahr?«

»Talg!« wiederholte der Matrose erstaunt. »Stadt! Da ist so wenig eine Stadt, wie auf Eurem Kinn, Meister Cap, und nicht halb soviel Talg.«

Der Sergeant verbiß sich ein Lachen, Cap aber fragte weiter.

»Also kein Kirchturm, kein Leuchtfeuer, kein Fort – hm! Aber eine Garnison ist doch da, wie?«

»Die ganze Garnison ist hier an Bord, fragt nur den Sergeanten Dunham.«

»Hm! Welchen Kanal haltet Ihr für den besten zum Einlaufen, Bob – den, wo Ihr das letzte Mal durchkamt, oder – oder – nun, oder den andern?«

»Davon weiß ich nichts, Herr.«

»Ihr habt doch nicht etwa am Ruder geschlafen, Bursche?«

»Am Ruder nicht, aber unten im Hellegatt. Eau-Douce schickt uns stets unter Deck, wenn wir binnen kommen oder auslaufen, Matrosen wie Soldaten; nur der Lotse bleibt oben. Daher weiß außer den beiden keiner, wie die Inseln anzulaufen sind.«

Cap führte seinen Schwager eine Strecke abseits.

»Hier haben wir wieder ein Indicium, Sergeant,« sagte er. »Kein Mensch an Bord hat eine Ahnung; wie, zum Henker, soll ich da den Weg zur Station finden?«

»Das ist leichter gefragt, als beantwortet, Bruder Cap. Du verstehst dich doch aber auf die Navigation, kannst du dir den Kurs denn nicht ausrechnen? Ich dachte immer, so etwas wäre für einen richtigen Salzwasserschiffer nur eine Kleinigkeit. Hat man doch schon oft genug Inseln entdeckt, wie ich gelesen habe.«

»Das ist auch ganz richtig, hier aber liegt die Sache anders, denn ich soll nicht bloß Inseln entdecken, sondern ein Eiland aus tausenden, was ungefähr so leicht ist, wie eine Nähnadel in einem Heustapel zu entdecken.«

»Dennoch wissen die Schiffer auf diesem See den Ort zu finden, den sie finden wollen.«

»Wenn ich dich recht verstanden habe, Sergeant, wird die Lage dieser Station, oder dieses Blockhauses, sorgfältig geheim gehalten; ist's nicht so?«

»Gewiß; es ist jede Sorgfalt aufgewendet worden, den Platz vor dem Feinde zu verbergen.«

»Und da erwartest du von mir, einem hier ganz Fremden daß ich den Ort finden soll ohne Karte, ohne Kursbestimmung und Distanz, ohne Länge und Breite, sogar ohne Lotung und Talg? Meinst du vielleicht, ein Seemann kann seiner Nase folgen, wie ein Jagdhund? Ich will dir etwas sagen; ich werde den Kutter noch zwei Stunden so laufen lassen, wie er jetzt läuft; hernach drehe ich bei, werfe das Lot und dann helfe ich mir weiter, so gut ich kann.«

Der Sergeant war damit einverstanden, ging unter Deck und legte sich schlafen. Als er wieder erwachte, war es heller Tag; das Wetter hatte sich geändert, ein heftiger Sturm wehte über den See und ein dichter, nebelartiger Regen hinderte jeglichen Ausblick. Der Kutter lag beigedreht.

»Ich kann nur sagen, daß das Fahrzeug sich sehr gut benimmt,« sagte Cap, nachdem er seinem Schwager über den Verlauf der Nacht Bericht erstattet hatte. »Ich hätte nicht geglaubt, daß es auf diesem Teich so wehen könnte. Wenn« – hier spuckte er voll Abscheu die Schaumflocken von den Lippen, die der Wind ihm ins Gesicht geworfen – »wenn dies verdammte Wasser nur ein wenig salzig wäre, dann würde unsereiner sich hier ganz behaglich fühlen.«

Noch ging die See nicht sehr hoch, da der Kutter sich noch immer im Lee der Inseln befand, alle aber, die den Ontario kannten, wußten, daß sie einen der schweren Herbststürme jener Gegend zu erwarten hatten. Unter solchen Umständen hielten sich die Soldaten nicht lange an Deck auf und bald war keiner mehr oben, ausgenommen die Matrosen, Cap, der Sergeant, Muir, Pfadfinder und Mabel. Auf dem Antlitz der Letzteren lag ein sorgenvoller Schatten; sie hatte sich vergeblich bemüht, für Jasper ein gutes Wort einzulegen. Dem Pfadfinder war es ebenso ergangen.

Der Sturm wuchs, und die Wogen wurden so ungestüm, daß Mabel und der Quartiermeister es vorzogen, unter Deck zu gehen. Der alte Cap aber befand sich jetzt so recht in seinem Element, das Schmettern des Orkans wirkte auf ihn, wie Trompetenklang auf ein mutiges Schlachtroß. Die Matrosen bekamen hohen Respekt vor seiner seemännischen Geschicklichkeit, und obgleich sie sich über die Abwesenheit Jaspers und des Lotsen wunderten, so gehorchten sie doch dem neuen Kommandanten bereitwillig und gern.

Unter dichtgerefften Segeln flog jetzt der Kutter vor dem Sturme dahin. Plötzlich ertönte vom Ausguck her der Ruf: »Land voraus!«

Alle eilten nach vorn und lugten durch den Nebel und den sprühenden Wogengischt.

»Fort Oswego!« rief der Sergeant, dessen militärisch geübte Augen die Umrisse der Befestigungen zuerst erkannten.

Es war das Fort, von dem man ausgegangen war. Der Kutter, von keiner kundigen Hand geführt, hatte auf seiner Irrfahrt fast einen Kreis beschrieben. Cap stieß eine Verwünschung aus und ließ wenden, und schnell, wie es aufgetaucht war, verschwand das Fort auch wieder in dem grauen Dunst. Von neuem durchpflügte das kleine Fahrzeug schwer stampfend in nördlicher Richtung die wilden Fluten.

Stunden vergingen, es wurde Abend und Nacht, und noch immer nahm die Wut des Sturmes zu. Die Mannschaft der ›Wolke‹ erinnerte sich nicht, solch ein Unwetter schon erlebt zu haben. Der Anbruch des nächsten Tages brachte keine Änderung, Orkan, Nebelregen und Horizont blieben dieselben. Unruhe und Bangigkeit bemächtigte sich der Gemüter, nur Cap behielt seine Ruhe und Zuversicht. Der Tag verstrich und wieder kam die Nacht. Cap hatte während der ganzen Dauer des schlechten Wetters noch kein Auge geschlossen, der alte Seemann verfügte über eine eiserne Konstitution. Gegen Morgen gönnte er sich eine kurze Ruhe, die aber bei Tagesanbruch von dem Pfadfinder gestört wurde, der sich bisher nur wenig an Deck gezeigt hatte, da seine Bescheidenheit ihm sagte, daß nur Seeleute bei der Handhabung des Kutters dreinzureden hätten.

»Der Schlaf ist süß, Meister Cap,« sagte er, nachdem er den alten Seebären geschüttelt hatte, »der Schlaf ist süß, das weiß ich aus Erfahrung, aber noch süßer ist das Leben. Schaut um Euch und sagt dann selber, ob es jetzt für einen Schiffskommandanten Schlafenszeit ist.«

»Wo – wer – was!« fuhr Cap auf. »Ihr, Pfadfinder? Auch unzufrieden mit mir? Das hätte ich von Euch nicht erwartet.«

»Nicht meinetwegen komme ich,« versetzte der Jäger. »Wegen Mabel Dunham wollte ich mit Euch reden. Nicht daß das Mädchen Furcht hätte; sie ist ein Soldatenkind, und noch habe ich kein Wort über die jetzige Schiffsführung aus ihrem Munde gehört; dennoch glaube ich, daß sie Jasper Eau-Douce gern wieder an seinem Platze sähe und daß die Dinge ihren alten regelrechten Gang nähmen.«

»Mag sein,« knurrte Cap verdrossen, »mag sein. Himmel, das weht ja, als ob Boreas selber die Hand am Blasebalg hätte! Und was ist denn das da, im Lee?« Er rieb sich die Augen. »Das ist ja Land, so wahr ich Cap heiße! Und hohes Land obendrein!«

Pfadfinder antwortete nicht; schweigend und besorgt beobachtete er den Ausdruck auf des Andern Gesicht.

»Eine Leeküste,« fuhr Cap fort, »kaum eine Stunde entfernt, und eine Brandung, wie sie bei Long Island nicht höher stehen kann!«

Jetzt kam auch der Sergeant heran. »Nach dem, was ich von den Leuten vorn auf der Back gehört habe, sind wir in einer sehr bösen Lage,« sagte er. »Der Kutter verträgt nicht mehr Segel und seine Abtrift ist so stark, daß wir in einer Stunde oder so herum auf dem Strande sitzen werden. So sagen wenigstens die Leute, Bruder Cap. Was meinst du?«

Cap schwieg; er blickte mit Bestürzung nach dem Lande und dann in ohnmächtigem Zorn nach der Richtung, aus der der Wind kam, als würde es ihm eine Erleichterung sein, mit dem Wetter Streit beginnen zu können.

»Ich denke, Bruder,« fuhr der Sergeant fort, »wir thun gut, wenn wir Jasper Western um Rat fragen. Franzosen sind hier nicht in der Nähe, und auf alle Fälle wird der Junge uns vor dem Ersaufen bewahren, wenn das noch möglich ist.«

Cap brummte grimmig seine Einwilligung, und eine halbe Minute später stand Jasper an Deck. Der junge Mann warf einen hastigen Blick in die Runde, und dieser Blick reichte hin, ihn die Lage des Kutters erkennen zu lassen.

»Ich habe Euch rufen lassen, Meister Jasper,« sagte Cap, mit Würde die Arme über der Brust kreuzend, »um von Euch Näheres über einen Hafen dort im Lee zu erfahren. Ihr kennt den See und werdet hoffentlich im stande sein, den Kutter an einen Ort zu bringen, wo er dieses bischen Sturm in Sicherheit abwarten kann. Denkt an die Frauen an Bord.«

»Ich stürbe eher, als daß ich Mabel Dunham zu Schaden kommen ließe,« antwortete Jasper. »Wir müssen den Kutter vor Anker legen, und zwar noch ehe zwei Stunden vergehen.«

»Was?« rief Cap. »Hier draußen im See?«

»Nein, Herr; mehr binnen, der Küste zu.«

»Verstehe ich Euch recht, Meister Eau-Douce – Ihr wollt in solchem Sturm an einer Leeküste zu Anker gehen?«

»Wenn ich das Schiff retten soll, gewiß, Meister Cap.«

»Beim Donner, das nenne ich Süßwasserschiffahrt!« stieß Cap in tiefster Entrüstung hervor. »Junger Mann, seit über vierzig Jahren fahre ich zur See, aber so etwas habe ich noch nie gehört! Ehe ich solch einen Unfug gestatte, schmeiße ich lieber Anker und Kabel über Bord!«

Jasper zuckte die Achseln. »Laßt den Lotsen heraufholen und hört, was der sagt,« versetzte er kalt. »Ich habe den Mann seit gestern Abend nicht gesehen, was jedermann weiß.«

Der Lotse kam an Deck und schaute sich mit höchster Besorgnis um.

»Der Kutter ist verloren, wenn er nicht vor Anker gebracht wird,« antwortete er auf Caps Frage.

»Mensch!« schrie der alte Seebär. »In solchem Orkan vor einer Leeküste, dicht vor der Brandung zu ankern wäre heller Wahnsinn!«

Jetzt nahm der Sergeant das Wort. »Bruder Cap,« sagte er, »diese Männer kennen den See besser als wir beide. Ich bin für das Leben der Leute hier an Bord verantwortlich und stimme dafür, daß wir Jaspers Rat folgen.«

»Ich sage dir, Bruder, das Ankern nützt uns nichts!« rief Cap wütend.

»Es kann aber auch nicht schaden,« wendete Jasper ruhig ein. »Bringen wir den Bug des Kutters in den Wind, dann verringern wir die Abtrift; und treiben wir Stern voran in die Brandung, dann geschieht dies mit weniger Gefahr, als würden wir mit der Breitseite hinein geworfen. Laßt uns wenigstens die Vorbereitungen zum Ankern treffen, Meister Cap.«

»Nun, meinetwegen,« brummte der Alte in bösester Laune. »Das kann unsere Lage nicht verschlechtern. Sergeant, auf ein Wort.«

Dunham ging mit seinem Schwager nach hinten.

»Bruder,« begann Cap, »es steht schlimm, sehr schlimm mit uns. Du, Sergeant, und ich, wir sind alte Knaben und gewohnt, dem Tode ins Auge zu sehen. Aber Mabel« – hier bebte ihm die Stimme und er mußte heftig die Nase schnauben – »aber deine Tochter – unsere Mabel – das liebe, gute Kind – – Bruder, ich hatte gehofft, sie noch mal als glückliche Frau zu sehen. Doch wir müssen das Geschick nehmen wie's kommt, und das einzige, was ein alter Seemann hier noch mit Recht einwenden kann, ist, daß wir in solch einer verdammten Süßwasserpfütze zu Grunde gehen müssen!«

»Meinst du, Bruder Cap, daß es schon so weit mit uns ist?« fragte der Sergeant.

»Noch zwanzig Minuten, dann sitzen wir in der Brandung,« antwortete Cap. »Da, schau hin; selbst du als Landratte wirst erkennen, daß aus jenem Hexenkessel kein Entrinnen ist.«

Tief aufschluchzend ging der Sergeant zurück. Da trat der junge Schiffer an ihn heran und faßte mit warmem Druck seine Hand.

»Sergeant Dunham,« sagte Jasper sehr ernst, »Ihr habt mich grausam behandelt, aber Ihr seid ein guter Mann; Ihr liebt Eure Tochter.«

»Daran darf niemand zweifeln, Eau-Douce,« versetzte Dunham heiser.

»So gebt ihr und uns allen die einzige noch denkbare Gelegenheit, dieser Gefahr zu entrinnen.«

»Was soll ich thun, Sohn, was soll ich nur thun? Ich habe bisher nach bestem Ermessen und streng nach meiner Pflicht gehandelt. Was wollt Ihr, daß ich thun soll?«

»Gebt mir auf fünf Minuten das Kommando wieder, und ich rette die ›Wolke‹, so Gott will!«

Der Sergeant sah sich nach Cap um, der des jungen Mannes Worte ebenfalls vernommen hatte. Der alte Seebär nickte finster und wendete sich dann ab.

»Ihr habt das Kommando, Jasper Eau-Douce,« sagte der Sergeant mit lauter Stimme.

Jasper sprang an das Ruder und im nächsten Augenblick schmetterten seine mit klarer Stimme gegebenen Befehle über das Deck. Das kleine Raasegel, das bis jetzt noch gestanden hatte, wurde weggenommen, ein Stagsegel gesetzt, und gleich darauf stürmte der Kutter auf die Brandung zu. Aber nur fünf Minuten lang. Dann drehte Jasper das Ruder nieder, das Fahrzeug schoß in den Wind auf und in demselben Moment fielen beide Buganker in die Tiefe. Der Kutter trieb und riß an den Kabeln mit fürchterlicher Gewalt, endlich aber, nach langen, bangen Minuten, lag er fest, kaum hundert Fuß außerhalb der ersten Brandungslinie.

Noch eine halbe Stunde verging unter aufmerksamster Beobachtung der Kabel und der Lotleine, dann überkam die Insassen des Fahrzeugs ein wohliges Gefühl der Sicherheit, und von jeglicher Furcht befreit überließ man sich der lang entbehrten Ruhe.

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