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Der Pfadfinder. Bearbeitet von Friedrich Meister

James Fenimore Cooper: Der Pfadfinder. Bearbeitet von Friedrich Meister - Kapitel 6
Quellenangabe
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Pfadfinder. Bearbeitet von Friedrich Meister
publisherVerlag von Abel & Müller
printrunVierte Auflage
yearo.J.
illustratorE. Klingebeil
translatorFriedrich Meister
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170212
projectida26a3f69
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Fünftes Kapitel.
Schlimmer Verdacht.

Die Einschiffung war schnell vor sich gegangen, denn die ganze Streitmacht, über die der Sergeant Dunham zu verfügen hatte, bestand nur aus zehn Gemeinen und zwei Korporalen; hierzu kamen noch der Lieutenant Muir als Freiwilliger, ferner der Pfadfinder und Cap und schließlich Jasper und seine Mannschaft, zusammen neunzehn Mannsleute und zwei Frauen, denn außer Mabel ging noch eine Soldatenfrau mit an Bord.

»Wird die ›Wolke‹ bei uns bleiben, wenn wir auf der Insel angelangt sind?« fragte das junge Mädchen den Pfadfinder, als derselbe im Abendschein, wie immer auf seine getreue Büchse gelehnt, neben ihr an Deck stand. »Oder läßt man uns dort ganz allein?«

»Das kommt darauf an,« antwortete der Jäger. »Jasper läßt sein Fahrzeug nicht gern müßig liegen, und wo es etwas zu thun giebt, da fehlt er nicht. Er findet Euch eine Fährte auf dem Ontario so leicht, wie ein Delaware eine Spur im Walde entdeckt.«

»Und wo bleibt unser Delaware, Pfadfinder, die Große Schlange? Warum ist der Häuptling nicht bei uns?«

»Wenn Ihr mich fragtet, warum ich hier bin, dann wäre das richtiger,« versetzte der Jäger. »Der Mohikaner ist da, wo er hingehört, was ich von mir nicht sagen kann. Er befindet sich mit noch einigen Andern auf Kundschaft an den Seeufern und wird uns an unserm Bestimmungsort Nachricht geben von dem, was er entdeckte. Der Sergeant ist ein guter Soldat; während er den Feind vor sich hat, vergißt er nicht, sich im Rücken zu sichern. Schade, Mabel, daß Euer Vater kein General ist, dann hätten wir längst keinen Franzosen mehr in Kanada.«

»Werden wir es denn mit den Feinden zu thun haben?« fragte das Mädchen, zum erstenmal an die Möglichkeit einer bevorstehenden Gefahr denkend.

»Wenn es zu einem Scharmützel kommen sollte, dann verlaßt Euch darauf, daß Männer genug da sind, die Euch gegen jede Gefahr schützen werden. Ihr seid eines tapfern Soldaten Kind und wir alle wissen, daß Ihr des Vaters mutiges Herz geerbt habt. Ihr werdet Euch daher keine Minute Schlaf durch unnötige Furcht rauben lassen.«

Sie redeten noch eine Zeitlang weiter, und wenn sich in Mabels Brust anfänglich eine leise Beunruhigung geregt hatte, so war dieselbe doch bald wieder vor dem treuen, männlichen Blick und den zuversichtlichen Worten des Jägers verschwunden.

Inzwischen hatte der Sergeant auf der Bastion des Forts eine letzte Unterredung mit dem Kommandanten.

»Habt Ihr die Tornister der Leute untersucht, Dunham?« fragte der Major, seinen Blick zum Kutter hinab schweifen lassend und dann den Rapport überfliegend, den der Sergeant ihm gereicht hatte.

»Alles in Ordnung, Euer Ehren.«

»Und die Munition, die Waffen?«

»Alles in Ordnung, Euer Ehren.«

»Und die Leute sind die von mir auserwählten?«

»Jawohl; bessere giebt es nicht im ganzen Regiment.«

»Ihr braucht auch tüchtige Menschen, lieber Freund. Dreimal haben wir bis jetzt dieses Experiment versucht, und jedesmal ist es unter den Fähnrichen, die ich damit betraute, mißglückt. Jetzt machen wir den letzten Versuch und das Gelingen desselben wird lediglich von Euch und dem Pfadfinder abhängen.«

»Euer Ehren kann sich auf uns beide verlassen; ich fühle mich der Aufgabe gewachsen, und was den Pfadfinder anlangt, so ist der Mann geradezu unschätzbar.«

»Ich weiß, Sergeant, ich weiß. Seit ich diesen außerordentlichen Mann kennen gelernt habe, achte ich keinen General höher, als ihn. Aber da ist dieser Jasper Süßwasser, oder Eau-Douce, wie die Franzosen ihn nennen; seid Ihr von der Ehrenhaftigkeit und Tüchtigkeit dieses Menschen überzeugt?«

»Die Tüchtigkeit Jaspers hat bisher jede Probe bestanden, Euer Ehren, und auch sonst halte ich ihn für einen braven Jungen.«

»Er hat einen französischen Beinamen, das gefällt mir nicht, auch hat er seine Kindheit in den französischen Kolonien verlebt. Ob wohl Franzosenblut in seinen Adern ist?«

»Kein Tropfen, Euer Ehren. Jaspers Vater war ein alter Kamerad von mir, und seine Mutter stammte aus einer gut englischen Familie.«

»Wie ist er dann aber unter die Franzosen geraten? Und woher dieser Beiname Eau-Douce? Er soll auch geläufig französisch sprechen.«

»Das ist leicht erklärt, Euer Ehren. Jasper ist von Jugend auf Seefahrer gewesen, da wir aber keine nennenswerten Häfen am Ontario besitzen, so war es ganz natürlich, daß der Junge sich meist auf der andern Seite aufhielt, wo die Franzosen schon seit fünfzig Jahren Schiffahrt treiben. Daher seine Kenntnis jener Sprache und auch sein Beiname, den ihm die Kanadier und Indianer gegeben haben, wie das ja so Brauch ist.«

»Das läßt sich hören, Sergeant, trotzdem aber geht mir das Französische an dem Kerl gegen den Strich. Ihr wißt, wie ich die leichtsinnige Sippschaft hasse. Ich wüßte freilich keinen besseren Führer für die ›Wolke‹; als solcher hat er ja stets seine Schuldigkeit gethan.«

»Gewiß, Euer Ehren; es thut mir leid, daß Ihr Mißtrauen gegen den Jasper Eau-Douce hegt.«

»Man kann als verantwortlicher Befehlshaber eines solchen wichtigen und entlegenen Platzes, wie dieses Fort ist, nicht vorsichtig genug sein, Dunham. Wir haben es mit dem verschlagensten und listigsten Gesindel zu thun, das die Welt kennt – mit Franzosen und Indianern, und dürfen daher keinen Umstand außer Acht lassen, an den ein Schatten von Verdacht sich knüpft. Zudem habe ich jüngst eine anonyme Mitteilung erhalten, die mir empfiehlt, vor Jasper Eau-Douce, oder Jasper Western, auf der Hut zu sein; es wird behauptet, daß derselbe vom Feinde erkauft sei, worüber genauere Einzelheiten mir noch zugehen sollen.«

»Auf Briefe ohne Unterschrift soll man im Kriege nichts geben, Euer Ehren.«

»Auch in Friedenszeiten nicht, Dunham, das weiß ich wohl. Ein anonymer Denunziant ist gewöhnlich ein Mensch von niedrigster Gesinnung, ein Feigling und ein Schuft, allein in Kriegszeiten darf man unter Umständen dergleichen Angebereien doch nicht ganz in den Wind schlagen, zumal wenn auf gewisse Thatsachen hingewiesen wird, die allerdings verdächtig sein können.«

»Darf unsereiner davon erfahren, Euer Ehren?«

»Gewiß, Dunham, Ihr besitzt mein volles Vertrauen. Der Briefschreiber sagt, daß Eure Tochter und ihre Begleitung nur deshalb den Irokesen entwischen durften, um den Jasper bei mir ins Vertrauen zu bringen, ferner, daß den Franzosen drüben in Frontenac mehr daran läge, die ›Wolke‹ nebst den Sergeanten Dunham und seine Soldaten, als ein junges Mädchen und den Skalp ihres Onkels zu erbeuten.«

»Davon glaube ich kein Wort, Euer Ehren. Auf Jasper baue ich fast ebenso fest, wie auf den Pfadfinder.«

»Dennoch ist ein großer Unterschied zwischen den beiden, Sergeant. Wenn der Junge nur nicht das verdammte Französisch spräche!«

»Er spricht es ja leider, aber dafür kann er nicht.«

»Es ist eine ganz vermaledeite Sprache! Wenn ich einen Ersatzmann wüßte, hol's der Teufel, ich nähme dem Eau-Douce das Kommando des Kutters ab! Da fällt mir ein – Euer Schwager ist ja wohl ein Seemann?«

»Ja, Euer Ehren; der aber hat ein Vorurteil gegen alles Süßwasser; auch würde er die Inselstation nimmermehr finden können.«

»Das glaube ich wohl. Ihr müßt daher doppelt wachsam sein, Dunham. Ich gebe Euch jegliche Vollmacht, ertappt Ihr den Jasper auf der geringsten Verräterei, dann legt ihn sofort in Eisen und schickt ihn mir her. Den Rückweg wird Euer Schwager ja wohl finden können.«

»Es soll alles geschehen nach Euer Ehren Befehl; für Jaspers Treue aber möchte ich mit meinem Leben bürgen.«

»Dieses Vertrauen steht Euch gut an, Sergeant, aber ich warne Euch noch einmal: seid auf der Hut! Und nun lebt wohl. Noch eins: Habt Ihr die Haubitze nicht vergessen?«

»Die hat Jasper heute früh an Bord geschafft.«

»Gut. Seid ja recht vorsichtig, Dunham. Wie steht's mit den Flintensteinen?«

»Alles in Ordnung, Euer Ehren.«

»Gut. Gebt mir Eure Hand, Dunham. Gott sei mit Euch, Sergeant, und gebe Euch Erfolg. Und behaltet mir den Jasper im Auge. Im Notfall zieht den Lieutenant Muir zu Rate. Heute über vier Wochen hoffe ich Euch wohlbehalten wieder zu sehen.«

»Der Herr behüte Euer Ehren; sollte mir etwas zustoßen, dann hoffe ich, daß mein Major mich in gutem Gedächtnis behält.«

»Verlaßt Euch auf Euren alten Freund, Sergeant. Und seid vorsichtig, hört Ihr? Vergeßt nicht, daß Ihr Euch in den Rachen des Löwen, was sage ich, in die Zähne und Klauen blutgieriger Tiger begebt. Zählt morgen früh die Flintensteine noch einmal, und nun lebt wohl, Dunham, lebt wohl!«

Der Sergeant drückte des Majors Hand und ging.

Eine halbe Stunde später war die ›Wolke‹ unter Segel.

Bei der ersten Gelegenheit führte Dunham den Jäger in die kleine Kajüte und teilte ihm den Argwohn des Majors gegen Jasper mit. Pfadfinder hörte ihm erstaunt, kopfschüttelnd und ungläubig zu.

»Dem Jasper traue ich nicht eher etwas Böses zu, bis ich ihn darauf ertappe,« sagte er endlich. »Laßt Euren Bruder Cap holen, Sergeant, daß wir dessen Ansicht hören. Mißtrauen gegen einen Freund im Herzen ist so schlimm, wie eine Kugel in der Brust.«

Cap erschien und der Jäger setzte ihn von dem Verdacht in Kenntnis, dem der Kommandant dem Sergeanten gegenüber Worte verliehen hatte.

»Also der Junge schnackt französisch?« fragte der Seemann.

»Das thut er,« nickte der Sergeant, »und das ist schlimm. Er spricht die vertrackte Sprache so fließend, als habe er zeitlebens keine andere geredet. Frage den Pfadfinder, ob's nicht so ist.«

»Das läßt sich nicht leugnen,« sagte der Jäger, »das aber beweist nichts, wenigstens nichts gegen einen Mann wie Jasper. Ich zum Beispiel spreche die Mingosprache; wer aber wollte deswegen behaupten, daß ich ein Freund der Mingos sei?«

»Das wird keinem einfallen,« versetzte Cap. »Wenn aber hier ein junger Mensch französisch schnackt, und noch dazu auf diesem Süßwasserteich, so ist das verdächtig. Auf dem Atlantischen Ocean wär's anders, da muß man mit fremden Lotsen und allerlei anderm ausländischen Volk reden, und doch sieht man auch da noch jeden mit Argwohn an, der zu viel von jener nichtswürdigen Sprache versteht; hier auf dem Ontario jedoch ist das ein höchst verdächtiger Umstand.«

»Das mag Eure Ansicht sein, Meister Cap,« entgegnete der Jäger. »Wenn ich aber Jasper Western für einen Verräter halten soll, dann muß ich seinen Verrat erst sehen und greifen können.«

»Da seid Ihr schief gewickelt, Pfadfinder; viel besser als durch sehen und greifen lassen sich Dinge durch sogenannte Indicien beweisen. Fragt nur einmal die Rechtsgelehrten.«

»Indicien kenne ich nicht und mit den Rechtsgelehrten will ich nichts zu thun haben. Auf Jasper aber lasse ich nichts kommen,« versetzte der Jäger.

»Von Indicienbeweisen habe auch ich schon gehört,« bemerkte der Sergeant; »ich will nur hoffen, daß sie gegen Jasper nicht nötig werden. Jedenfalls müssen wir Augen und Ohren offen halten. Was für Unruhe solch ein elender Denunziant einem verursachen kann! Sollte es zum schlimmsten kommen, Bruder, dann rechne ich in Bezug auf die Führung des Schiffes auf dich.«

»Das kannst du, Sergeant. Dann sollst du auch erfahren, was dieser Kutter unter den Händen eines wirklichen Seemannes zu leisten vermag.«

Pfadfinder stieß einen tiefen Seufzer aus. »Jasper ist unschuldig,« sagte er, »darauf lebe und sterbe ich. Das einfachste wäre, man fragte ihn Auge in Auge, ob er ein Verräter ist, oder nicht.«

»Das geht nicht an,« erwiderte der Sergeant. »Ich trage alle Verantwortung, daher muß ich verlangen, daß ohne mein Wissen zu niemand ein Wort über diese Sache geredet wird. Vorläufig haben wir nichts zu thun, als auf etwaige Indicien, wie mein Schwager sagt, zu achten.«

»Sehr richtig,« bekräftigte Cap. »Ein einziges Indicium ist fünfzig Thatsachen wert, sage ich dir, Bruder. So steht es im Gesetz. Indicienbeweise haben schon unzählige Leute an den Galgen gebracht.«

Damit endete die Unterredung; man begab sich wieder an Deck, fest entschlossen, Jaspers Benehmen und Thun auf das schärfste zu beobachten, um daraus, jeder auf seine Art, Schlüsse zu ziehen.

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